Die Fürstin

Kasimir Edschmid · Kapitel 2 von 6

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Die Fürstin

Das Frauenschloss

INHALT

 

 

JAEL

 

DIE ABENTEUERLICHE NACHT

 

BRIEF

 

TRAUM

DAS FRAUENSCHLOSS

DIE Drachenköpfe unserer Boote bogen um das gelbe Segel. Die Parade

vollzog sich in elegantem Rauschen, wir wollten mit Ostwind an das andere

Ende, bei Ostwind anderthalb Stunden dachten wir, es waren dreißig Kilometer.

Die Flottille lag in einer Linie. Die Ruder sangen dumpf verknattert. Dann

schäumte das Wasser los, und die Segel beugten sich alle.

Wir fuhren in gleicher Lage steil in die graue Wüste hinein. Das durchpflügte

Wasser riß in nie absterbender Welle einen silbernen Bogen über den Lee. Die

Bäuche der Segel neigten sich tiefer und streiften das farblose Wasser und hoben

sich wieder aufgetaucht in rote Sonne. Die Luvseiten wälzten sich mit heller

gestrichenen Leibern weit aus dem See, und der silberne Sprenkel der

mitlaufenden ewigen Welle umstäubte uns von der anderen mit wildem Geflock.

Alle Flaggen am Mast lohten schmal gezüngelt in das Blau.

Als die spitze Wolke zwischen dem verlassenen Schloß und uns hereinschoß,

gerieten die Frauen in Bewegung. Die nackten Beine lösen faul Wade von Wade,

sie trennen sich von Mast und dem sonnigen Verdecke, über den dunklen

Badeanzügen schimmern die bunten Jacken. Ein Tratsch saust hinten auf das

Gebirg. Kühl gebogen steht unser Himmel noch blühend antik.

Ein Regenbogen rollte eine Natter darüber. Zwei siebenfarbene Brücken

schnellen über die verblaßte. Sie rennen mit uns um die Wette. Große Jagd

beginnt. Das Schloß irr leuchtend in ferner Sonne steht schräg geduckt unter der

gebogenen Wucht des Gewitters. Darüber aber wütet Jehovas eherner

Regenbogen und schnellt mit glühendem Finger neben uns über das Land. Die

Gegend wird klein und grau und entzündet sich unter ihm mit magischem Glanz.

Unter irrem Schein fahren wir. Musik in allen Seilen.

Jessies Blick wölbt sich aus den Frauen herüber. Die Ruderpinne wird Eis in

meiner Hand. Die Segel laufen auf das Wasser niedergelegt. Das Gewitter flattert

über uns und bleibt. Noch durch alle Löcher schießt eine Säule Sonne. Gurgelnd

schwemmt der silberne Muskel am Lee sein Wasser hinein. Jessie beginnt —

kniend zu pumpen, sie weiß, daß ich die Nacht nicht schlief, lächelnd mit

abgetriebenem Mund.

Erlöst aus katzenhaftem Erleben der Sonne sind die Frauen aufgerafft. Sie

stehen fast auf Mast und Segel, ihre Füße stehen im Wasser, sie stehen auf Lee

wie Statuen, und die Backbordseite hebt sich hinter ihren von Lachen überfüllten

Munden wie eine dunkle Muschel, über die ihr Haar noch leuchtet.

Wir sehen das Ufer durch Schaum. Wir rechnen, hart am Wind, noch zehn

Minuten. Schäumender, gierig, ein Liebesschwert bohrt sich die Spitze mit

fiebernder Wollust in das Gewoge. Ein dunkler Halbkreis saust vom Ufer heraus

mit einer glashellen Kante. Jessie lauert! Die Bö. Der Großschot fährt über die Rolle, das Boot dreht herumgeworfen: das Segel, graue Apotheose, entfaltet

sich, rauscht losgelassen, wildflatternd hinein. Wir stehen.

Jede Planke zittert im Herzschlag.

Dann steigt das Boot, die schmale Flagge weht. Das eingereffte Segel glüht

unter Blitzstrahlen, die den See umlaufen. Ein weißer Strich bohren wir weiter,

wettern die Boote in Bö um Bö, stehen starr, umflossen zwischen rund um uns

aufgehäuften Wellen.

In siebzig Minuten erreichten wir das Ende des Sees.

Es war gegen Abend.

Wir blieben drei Tage.

In der ersten Nacht aber wuchs Jessie wild in der Liebe wie eine Stute, sie

sprang durch das Fenster. Da stand ein Garten mit Güldenlack und Malven und

roch in die dunkle Luft, in der kein Mond hing, aber Sterne die feuchten Segel

überbürdeten. Die Nacht war heiß nach nicht gekühltem Gewitter. Ich hatte

keine Lust zu schlafen und folgte ihr.

Ich ruderte um die Landzunge, da war die Bucht paradiesisch erhellt, rot

gespiegelt mit vielem Glas schoß ein Karussell einen Kreis, und eine Promenade

mit erleuchteten Bäumen lief üppig von der Küste in den Wald. Über die

Bootshäuser schwangen sich Raketen, eine gedämpfte Musik floh aus den

Pavillons herüber, aber die Bucht war voll Kähnen und alle Sterne und Hecks

trugen rote und gelbe Ballons und manche mit Spagat überspannte hatten

Girlanden, Lampione. So schaukelte unter ihnen die See.

Im heller gesättigten Licht lag Jessies Kopf wie Perlmutter in dem Dunkel

hinter ihr und ihre aus der Lust herauf gebrochenen Augen baten. Da fuhr ich

ans Land und nahm rote und gelbe Papierkugeln für sie. Ihr Bein glitt

schlangenhaft dankend über mein Knie. „Donna è mobile“ lächelten ihre müd

aufgeblätterten Lippen. Die war sie so weiß und mild.

Wärme und Musik lagen über der Bucht, und die Inseln der Boote hatten kein

Ende des Liegens. Brennend die rote und gelbe Laterne trieben wir noch glühend

in der Dämmerung gegen unseren Strand. Jessies Kopf lag weiß wie eine Puppe

mit überschweren Riegeln des Mundes in meinem Schoß. Wenn die Ruder sich

über ihr schlossen, hob sie das Auge und schlug einen bebenden Fächer

genossenen Lebens hinauf.

In dem weißen Morgen saßen die anderen Frauen, starr und ohne Laut an der

Küste, warfen die langen Schnüre nach Raubfischen in das brodelnde Wasser,

und die großen gelben zurückkehrenden Stangen ihrer Angeln stellten sich wie

ein Gitter vor den kühlen Wind des Horizonts.

Aber als wir anlegten, liebte ich Jessie nicht mehr.

Am vierten Tage, als wir ausfuhren, sprangen die Glocken langsam um den See, aber wir fuhren mit eigener Musik. Auf weißen Planken, spiegelnd vor

Lack, lag Sonne und beschien die zusammengerollten Katzen. Wir fuhren mit

dem Wind. Das weiße Segel lag ausgelassen weit hinaus, dagegen standen

andere Frauen gelehnt, wie vor dem Himmel hingewachsen, die langen

schlanken Beine auf der Rahe zärtlich schaukelnd.

Es gab geringen Wind und in die schönen Tiere stieg die große Trägheit. Sie

wurden still und schöner und hatten halbgeschlossene Augen. Trauben flogen

geworfen zueinander. Ellen erkletterte den Mast. Sie trug Sandalen, deren

gekreuzte Schnüren weiß über ihrer braunen Haut gegen das Knie hinaufliefen.

Sie saß auf der Gaffel und blies Flöte, von dem aufbauschenden Segel gegen das

leichte Blau getragen.

Dann, wie die Brise anlief, kam ein fremder Racker auf uns zugeschossen,

frecher Sperber, kreuzte, feixte, die Rollen liefen knirschend, sein gestreiftes

Segel zuckte gierig. Er legte parallel, ein Mann stand in weißen fliegenden

Hosen breit am Bord und photographierte uns siebenmal.

Wir kannten das Segel.

Das war die Fürstin.

Aber ich hatte sie noch nicht gesehen.

Das Blut stieg mir langsam in die Augen.

Wir kreuzten ein wenig, bohrten gegen ihn los. Dann schwenkt die

Ruderpinne einen Riesenkreis: einen Herzschlag lang liegen wir Bug an Bug,

unsere Spitze deckt sein Steuer. Einen Augenblick geigten die Stricke

aufeinander mit gläsernem Ton. Bauschend in dunklem Gewühl sanken die Segel

ineinander — — — ich reiche beide Hände hinüber.

Mit einem Zug steht eine Frau auf unserer Kufe, schwefelschweres

Gelbjackett über der Schulter. Schon schwenken wir aus der Windstille,

schaufeln Wind und sausen.

Wir haben eine Frau geraubt.

Die Verfolgung begann. Kläffend. Mit Geschrei. Wir haben mehr

Quadratmeter am Fock wie der Kleine am großen. Zwei Boote umzingeln ihn,

nehmen ihm den Wind und verstoßen ihn aus der Jagd. Gieriger Sperber rast er

am Horizont hin, während die großen Raubvögel in den blau aufgebrochenen

Morgen hineinstreichen.

Sie war dunkel wie eine Zigeunerin, aber mit zwei schweren hellen

Sonnenkreisen über den lodernden Augen. Sie kokettierte, indem sie den Blick

erzürnt.

„Geraubt, Fürstin,“ ich lache vom Ruder.

Sie lacht, wirft die Brauen in die Stirn wie Wellen, und springt ins Wasser.

Wir halsen und ziehen sie lachend heraus.

Wütend duckt sie, schaut im Kreis lauernd und schweigt. Dann schüttelt sie

sich und legt die große volle Figur gegen das weiße Segel und hebt ihren Körper

in die prallende süße Sonne.

Am Mittag stehen unsere Schiffe auf der Höhe ihres Hafens, venezianische

Schönheit des entgegenlaufenden Landes, glühender Schwung voll Segel, Boot

und Stegen und Gewirr von Menschen. Wir lavieren.

Ein Kran geigt. Das Segel steht schlapp gegen den Wind.

Ich grüße tief.

Die fürstliche Katze duckt und springt.

Wir sind allein.

Die Flotte kreuzt zurück. Ellen liegt unter der Fahne eingebauscht wie in

Lotosblätter. Die Flöte springt in süßen Kurven. Katharys Mundharmonika

zigeunert dazwischen. Das Licht war heiß für das Blut. Es war eine tolle Fahrt.

Gleichwohl ging wenig Wind, aber unsere Hirne wurden dunkel vor Übermut

und Begierde. So schaukelten wir durch die ruhig aufblauende See, kühle weiche

Ufer überall in Ruhe und eine Stadt in Nebel aufgebaut gegen das Gebirge. Wir

wiegten uns.

Dann sahen wir eine Mole. Sie kam in einer Spange zärtlich in das Wasser

hinausgelegt, ganz weich und dünn mit Säulen und Vasen und Kapuzinerblumen.

Da fuhren wir hinein, ankerten, bestiegen die Kähne und fuhren an Land.

Kahn um Kahn rauschte in ein Gewebe von Binden, in warmes Wasser

kniehoch sprangen die Frauen, hoben Muscheln in das Licht, riefen und

schwangen mit den Armen das Schiff auseinander — — — da hing das Ufer vor

ihnen, und alte Bäume standen mit Wipfelnestern riesig in Schatten gebreitet.

Über die Wiesen springend, ergriffen die Frauen das Heu und warfen sich

hinein. Dann stürmten sie die Bäume und durch die Zweige glitten nackte Beine,

in den Gipfeln blinkte ihr Fleisch.

Aus einer Konifere tanzte Kathary auf einem Astschweif, der unter ihr wogte.

Sie trat aus der Krone in das brausende Licht, da sah sie das Schloß gegenüber

aus der entfernten Küste von silbernem Sonnenstrich herausgesprengt und

schrie. Ihr wildes Schreien weckte Geschrei in den bunten Bäumen, die Äste

zum See füllten sich mit Frauen, die die Haare in bunten Mützen trugen.

Katharys Ast rauschte hinunter, warf sprühende Welle aus dem See und

schnellte zurück in das Licht. So flog sie halb nackt und süß zwischen Sonne

und Sturm. Dabei warf sie mit einer heftigen Bewegung die Hände an den Mund

und blies ihre Harmonika, indem sie flog.

Dann warfen sich alle Frauen in den See aus den Bäumen. Ostwind trug

Wellenberge herüber und wühlte sie auf und warf die Schwimmenden einander

zu über die glatten Tierrücken der Woge. Immer gaminte Katharys Harmonika über dem weißen Zischen. Da hielt ich nicht länger unter ihren grünen Augen

und vergaß Ellens Flöte und behielt Katharys Blick in der Gurgel hinter der

Zunge.

Wie eine Herde Antilopen steigen die Frauen aus dem Wasser und rennen in

breiter Linie in den Park. Das Moos federt ihre Sohlen braunrot in die Höhe, und

die schlanken Schenkel leuchten unter den Bäumen.

Auf einer Wiese begann Ellen die Schlacht. Heu aufraffend, mit beiden

Armen es an die Brust gepreßt, warf sie die Garbe in die Luft. Da sprangen alle,

die schwarzen Schwimmanzüge glänzend wie Pantherhaut, auf den Rasen,

biegen die Brüste zurück und schleudern das Gras in die Nacken, auf das

Gesicht. Aber schon prallt eine Dogge in die Schlacht.

Aus getrenntem Holunder tritt plötzlich eine Dame im Reitanzug vor den

glühenden Vollzug. Bleichen Gesichts bleibt sie in Spannung wie eine Herme

stehen, kaum bebend. Der Reitstock klemmt unter ihrem Arm, ein roter Stein im

Griff. Ich trinke im Wenden noch Katharys grausames Lächeln.

Die Frauen rennen fliehend nach der Küste. Flott gemachte Kähne rauschten

durch Binsenschleier. Die Flottille warf Segel aus und streifte in die See. Ein

Dampfer voll Menschen, Fahnen um das ganze Deck, stürmte uns noch läutend

vorüber. Die Drachenköpfe glitten stolz an seinem goldenen Löwen vorbei.

Schon aber rauschten die Segel, sich schaukelnd vor dem Schloß.

Der Abend goß sich in glashell erleuchteter Kuppel aus. Die gemaserten

Wellendämme ebbten windlos zu bleierner Fläche, auf die in dunkler Brunst die

Sonne herabfiel. Manchmal liefen langsam ausgeatmete Bogen über den See von

einem stundenfernen Dampfer und klirrten sich tot an der Terrasse. Dann tanzten

ungeheure Farbenbüschel auf dem Stahldunkel des Wassers und fielen wie ein

brennender Fächer in Nichts. Aus der Dunkelheit kehrte ein kleiner Halbkreis in

das Auge zurück, ein weißes Brodeln.

Ich warf mich auf die Erde und hörte aus der fassungslosen Nacht an meinem

Herzschlag den Puls der wild aus Furcht toll erregten Haut des Wassers

schlagen.

Dann fuhr ich mit Jackl hinaus, die letzten Segel zu reffen. Auf der Terrasse

lag der Anschlag eines gedämpften Klaviers. Als wir zurückfuhren, löschten die

Lichter aus.

Aber die mondlose Julinacht war schwellend und unerträglich geworden. Auf

und ab gehend die Küste wühlte über der Starre der See mein Herz sich auf.

Über das Schweigen der erregten Dunkelheit kam ihm eine Yacht, und auf der

Gaffel hingen zwei schlanke helle Beine, lange Finger spannten eine Flöte vor

den Mund. Es gab einen Schein, der von dem Segel rasch verschwendet, erlosch

in die Nacht zurück. Aber dagegen erhob sich die wilde Katze aus dem Park und schrie: Ich wählte: Katharys Zähne und Ellens Tieraugen.

— — — da schien es mir berauschend, Kathary aufzusparen zu ihrem

Lächeln, das ich eingetrunken und dessen Begehr heiser in meinem Halse saß.

Ich zog Ellen vor.

Als mein Kopf über der Brüstung ihres Zimmers aufschwebte, trafen mich

ihre großen warmen Lippen und küßten mich über das ganze Gesicht: ich liebe

dich, ich liebe dich.

Das Klavier donnerte fern durch die Korridore, eingeschlungen jagte die

Harmonika dazwischen. Die Sterne hatten schwere Last, mondlos zu tragen.

Durch alle Mauern schwoll Sehnsucht wie Fieber. Die Wände dehnten sich

wie Bogen. Die Luft hatte Blut eingesogen. Musik wühlte eine feurige Wolke

um das Schloß. Alle sahen es, die nachts vorüberfuhren in dem windlosen See,

dunkel die Rahen und ein Licht irgendwo an Bord.

Im frühen Morgen lag das Land hell mit weiter See. Sie schlief mit

zitterndem Mund, ein Rosa auf den Wangen. Sie flüsterte im Schlaf, als mich die

Sehnsucht auftrieb. Ich stieg aus ihrem Bett in den Garten.

Da roch der Boden stark wie ein Raubtier. Die Beeren leuchteten. Auf dem

Steg lag Tau in einem blauen Glanz. Unsere Flotte stand eingefroren auf

unbewegtem Spiegel. Zwei Fischerboote strichen lautlos in den weißen Morgen

und spannten ein Netz mit langen Schnüren.

Der Motor tanzte in das Wasser, legte sich schräg und strich schmeichelnd,

seine Turbine riß die tonlose Ebene morgenlichen Wassers in zwei lange Linien

von kreisenden Dünen, die hinter uns blieben. Der Himmel stand lautlos und

kühlblau. Auch die Luft war gegossen, durch die ich ergriffen jagte. Und dann

kam der Hafen, kam der Hafen mit Flaggen und venezianischen Gondeln. Da

ging die Sonne auf.

Endlich gegen Mittag traf ich meine Beute. Ihr kleiner Racker fuhr ein aus

der Tiefe des Sees, ich erkannte das Segel. Aussteigend ging die Fürstin auf der

Straße zwischen den Linden. Als wir uns gegenüberstanden, löste sich die Küste

aus dem Dunst, und wie ein gedrehter Quarzblock leuchtete das Bergschloß

dumpf und wirr. Die Lippen eingezogen, zürnte sie mit aufgereckter Braue.

Aber schon hielt ich nicht mehr: „Geraubte Frau . . .“ da riß der Herzschlag

die Worte im Mund, und ich küßte sie. Starr stehend, nahm sie die Küsse, die

über sie stürzten. Dann sank ihre Brust, und mit leichter Erhebung hob sie das

Gesicht. Da lag ein Schein um ihren dunkelen Kopf und machte ihn süß zum

Weinen. Ihr Mund, irr entblättert, nahm Küsse auf, ihre Lippen bogen sich unter

dem suchenden Mund. Sie trug nicht das Schwefeljackett, sie war blau und

dunkel. Wie aber mein atemloser Mund zu schelten begann vor ihr, und meine

Zunge anfing, von Liebe demütig und niedrig, sie zu preisen, da fiel ein großer unverständlicher Brand aus ihren Augen, und nun war Glanz um sie, daß ich fast

verging.

Mit geblendeten Augen über die Dörfer hin, wie in einem Regenbogen

strahlend, fahren wir im Wagen hin. Alle Dinge haben Tiefe vor unserem Auge.

Immer liegt die Landschaft vor uns. Gott ließ uns unsere Blicke nie sehen, vor

Wonne stürben wir.

Dann sahen wir Netze hingehängt vor die Sonne, und die Sonne legt sich auf

jeden Tropfen, der aus den Maschen sich löst und zur Erde fällt.

Hier mußte das Ende der Welt sein. Hier steigen wir aus. Wilde Kühe

sprangen auf einer zarten Wiese und wo sie fertig war, da war ein See.

In ein Boot meine Beute.

Die Luft ist stahlblau. Die Sonne ein Bündel Schwerter, deren Spitzen

zerprasseln wie Flammenschwerter der Cherubim. Wind weht mit stürmender

Gewalt, stet, unaufhörlich, ein endloser Wind, stets flackert das Haar. Das

Wasser formt sich unter ihm zu tausend kleinen Türmen. Durch tausend Türme,

die schmetternd die Wände zerschlagen, erzwingen wir eine Insel.

Gehen ins Wasser — und nun küssen wir uns.

Am Strand liegend, kommt aus unseren Herzen die Verklärung, und die

Landschaft liegt anders geformt:

Zerrissene Sonne wirft der Wind in Funken durch die Luft, aber es wird ein

Kranz, der aufwächst am Horizont und ihn rund macht und groß. Nun wird die

geweitete Wiese vor uns Ebene mit großen Städten vor ihm, paradiesische Tiere

spielen in sanften Sprüngen, und große feierliche Wolken beginnen hinter ihr

aufzusteigen und weiß den Himmel zu überrunden.

Kein Wunder scheint fremd, die Erde wird innig und warm. Der See wirft

Muscheln heraus und seltene Fische, mit Bärten und samtdunklen Augen. Ich

sammle ihr alles, ich stehe bis zur Hüfte im Wasser und rufe hinüber, daß ich sie

liebe. Mein Auge faßt die wilde Robinsonade. Die Weite hat unendliche Neue.

Aber mein Herz wurde milder, ich habe dies nie gekannt.

Der Fürstin schwere Brauen zuckten mit Gold über den schwarzen Augen,

und der weiße Sand, auf dem sie lag, wurde glanzlos und dienend vor ihr.

Manche hohe Welle erreichte unsere Brust.

Da brach plötzlich der Schleier ihres Auges, und eine wilde Zärtlichkeit

entströmte ihr. Und da konnt ich nicht halten, aber ich schrie nicht. Doch ich

konnte es nicht halten, und ich flüsterte. Mein Herz warf sich durch meine Brust,

aber ich bewegte kaum die Lippen. Aber sie schwand auf meinem Hirn als die

bunte Beute und ungekannte Zärtlichkeit hob sie ohne Halt.

Ich wußte, daß ich sie lieben würde in Schmutz und in Unglück, daß ich sie

lieben würde: Ihren Hals, ihre Zehen, jeden Schmerz und die Wollust und die Krankheit, es gab kein Ende. Ich war voll und überströmte. Ich hielt es nicht

mehr und flüsterte kaum mit den Lippen, es gab keine Grenzen der Verzückung.

Ich will dir dienen, flüsterte mein Herz, ich will dich töten. Aber alles war

sinnlos, denn mein Herz war närrisch, denn dies hatte es nie gekannt.

Und ich strich ihr über die Haare und sagte: „Ich liebe deine Zehen, ich liebe

deinen Schmerz und den Schmutz und die Krankheit.“ Aber es war wenig nur,

was ich versprach, denn mein Gefühl war viel größer, und dies war noch lang

nicht die Grenze, und sie lächelte glücklich und fern. Ich hatte vieles, was ich

noch keiner Frau gegeben, ich hatte Zahlloses, was in mir aufbrach, daß ich vor

Glück verging. Ich kannte kein Ende, ich war die Welle, der See und die Insel

und flüsterte mit jedem Geräusch: o daß ich dich liebe, 0 daß ich dich liebe, und

mein Mund wurde stumm vor Übermaß.

Nun wurde die Landschaft still. Das Wasser milderte sich und gerann zu

dunklem Öl, und, zusammengeschlossen in endlose Ruhe, stieg über einem

Segelboot, das träumte, der Tag ziellos.

Die Insel glühte mit dunklem Basalt in dem rötlichen Wasser. Sie hatte ein

Glänzen. Es war ein grundloses Glänzen. Ich aber wußte, daß ich alles für diese

Frau tun würde, denn sie war ungeheuer in mir. Seligkeit floß über die Ränder

des Tages.

Es wurde Abend.

Wir fuhren zu den Zügen, noch eh das Licht auslosch. Noch stand die Sonne

über der Ebene, die sie schon berührte, und der Kranz ihres Lichtes brach sich

nach oben in einer stillen brünstigen Glut.

Allein auf der Terrasse des Bahnhofs beschloß sie zu bleiben und nicht zu

fahren, den Blick nie von dem See unter ihr lösend, der immer mächtiger die

Wellen der Landschaft aufschloß und in das Licht der unsäglichen Ruhe

hineintrug.

„Ich mußte dich haben, Fürstin. Aber daß ich dich so liebte, nie hätte ich das

geglaubt . . .“, stammelte mein Mund.

Da nahm sie den Blick von der Gegend, und in einem fassungslosen

Zueinander warf uns ein Kuß zusammen, aufgewühlt die Herzen in den Lippen

tragend, ihre zuckenden Worte: ich liebe dich, ich liebe dich.

Aber erst, als der Zug unter rötlichen Wolken anzog, erkannte ich in ihrem

Kopf, der, eine dunkle Schale, aus der Dämmerung heraus vergehend sich

formte, das Auge in letzter Tiefe. Da erschrak mein Herz, und ich wurde irr vor

Sehnsucht und maßlos getrieben vom Gefühl, rief mein Mund: O daß sie stürbe,

o daß sie stürbe, wie unendlich wüchse mein Gefühl.

Aber ich war ein Narr und wußte nichts von Tod.

Und als der Motor unter mir die Nacht durchbrach und mit grünen Lichtern das Schloß suchte, da zitterte mein Herz noch einmal übermütig von

Genossenem und ich glaubte, nichts überträfe die Gefühle des Besitzes.

Meine Augen schufen funkelnde Dinge in den Raum. Ich war übermäßig

gefüllt und sprühte. Meine Augen setzten Glut in die Nacht, und das Dasein zog

sich zusammen; es wurden Frauen.

Katharys nicht genossenes Knie, ihr ungekanntes letztes Lachen reizten

schmerzhaft mein Begehr. Dies war noch nicht beendet.

Aber dennoch, wie schwand es hin unter dem einen Gefühl.

Und ihr Kopf strömte wieder aus meinen Augen in die Dunkelheit und

wandte sich gegen mich. So trug ich sie in mir. Und sie tilgte die Gegenstände,

bis nichts mehr blieb als ihre Nähe, da plötzlich stürzte unbegreiflich Trauer in

mein Herz, als ich sie sah. Aber ich hatte nie Traurigkeit gekannt von Frauen, ich

wollte nicht leiden, und ich biß auf den Mund und hob die Brust.

Und dann schrie ich gegen ihr Gesicht, daß ich nicht leide.

Da trat der Schein um ihr verlöschendes Gesicht, und ihr Gesicht war krank

und süß zum Weinen. Da neigte ich den Kopf:

Auch da will ich bei dir sein.

Und nun wußte ich, daß ich Grenzenloses um sie leiden werde, daß ich

stumm in Schmerzen vielleicht stürbe, daß diese Liebe mich durch alle Höllen

reiße, daß ich an Straßenecken verginge am Geruch eines Baumes an

Erinnerung, und daß die Welt aus meinem Hirn ganz hinausginge um sie.

Da wurde mein Herz einmal noch wild und ungeduldig, und beschwor Gott

um Kraft und Zorn gegen diese Liebe, und ich breitete die Arme aus und stand

allein im Licht meiner Laterne auf dem Motor, der das Wasser zerwühlte, gegen

die Dunkelheit gekreuzigt.

Und ich schrie ihn ungeduldig an:

„Warum gabst du mir ein wölfisches und wildes Herz?“

Aber schon schwand der Zorn unter der Inbrunst. Der Horizont schien endlos

vertieft. Ihr Bild lag aufgeschlagen überall in meinem Blut.

Mein Herz war freudig alles zu tragen. Auch der See trug eine schmerzliche

Reinheit. Der Strand leuchtete weiß. Später warf Gott den Mond in glühendem

Bogen durch die Nacht.