Die Fürstin

Kasimir Edschmid · Kapitel 3 von 6

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Die Fürstin

Jael

MITTEN im glitzernden Geschrei einer Galerie von Papageien fand ich dich an

einem Tage, Fürstin, und wir vereinten uns. Du standest wild und gleitend,

indem die bunten Vögel dich mit langen Rufen umschwebten. Als ich deine

Hand küßte, erhoben sich alle auf ihren Schaukeln und schwenkten höllisch die

Flügel, da brach erst dein gläsernes Gesicht unter der Rührung. Über dem Garten

hing im Blau das Silberzeichen schmalsten Mondes.

Zebras tanzten glänzend wie Perlmutt in quecksilbernen Bögen auf der

Wiese. Einsam schwamm der Rücken stolzen Dromedares über dem Gebüsch

neben deiner Achsel.

Du bist träumerisch. Wie die Spiegel der Olympia, der Geruch der Oper und

die Wehmut der benzinduftenden Avenuen ist deine Pupille voll Nebel, und die

stilleren Fahrten des Bois, Glanz und Ruderer leuchten darauf . . . du richtest den

Blick gerade: und es steht ein Dolch darin. Dieser Abend nahm kein Ende, den

wir durchschritten, er schien wie ein pfingstliches Fenster auf den Garten durch

die Dämmerung.

Pfaue sprangen in die Bäume und schlugen drohend unerhörte Räder gegen

den geröteten Westen und schrien vor Sehnsucht. Gegen die Gatter wuchsen aus

den Zwingern weiße Bären, brüllend, wie Gekreuzte und bissen unter größer

werdendem Mond in die Eisen. Über den Teichen lag Stille und über den Ufern

stelzten schwärmerisch erregte Flamingos.

Plötzlich schrie der Elefant. Die Stille wuchs wie Herzschlag über den

Garten. Dann aber erhob sich mit einem Ton die Stimme des ganzen Gartens.

Tiere schrien in den Frühling, denen Blut durch die Kehlen sott. Sie schrien nach

dem Mond in der Dämmerung immer lauter vor Wildheit und Sehnsucht, es war

ein toller Abend, Fürstin, der ganze Tierkreis qualmte um uns vor Schweiß und

Begierde, der Dampf schob sich in unsere Nüstern.

Du hattest die Lider halb geschlossen. Du lachtest, als das Blut des

Raubzeugs auf uns stürzte, und ich begehrte dich wie ein Wolf mit den Zähnen.

Du fuhrst mit zwei trabenden Pferden hinweg die Allee hindurch, die Hufe

klopften noch durch den Nebel, als ich dich blitzhaft Entflohene nicht mehr

erblickte.

Am Morgen brach ich bei dir ein, holte dich funkelnden Fasan aus hellem

Boudoir, auf meinen Armen rolltest du, Copra, ich trug dich hinunter über die

Treppen in das schmale Auto, wir blitzten glühend durch die Stadt, durchsausten

den Wald. Wir hörten die hellen Glocken über die Wasser bellen, ich hob dich

auf das Verdeck.

Unser Dampfer war weiß und porzellanen, er weidete sich in dem Morgen,

seine Kajüten waren eitel, seine Rahen flammten. Wir fuhren den Rhein hinunter voll von Licht.

Nie sah ich von meinen vielen Frauen eine herrlicher als dich: wie du

standest! Braun, meine jüdische Fürstin, groß bis an meinen Scheitel, von der

Loire durchsüßt und den Atem der Steppen in den Nüstern, auf dem Verdeck

mitten in Sonne. Die Hände hattest du groß und frech in schmalen Taschen vor

deinem Geschlecht. Deine Lenden flossen vor Linien seidenweich durch die

Luft. Die Wage der Hüften wiegte über dem Springbrunn der beiden Schenkel

und den tanzenden Feigen deiner Kniee.

Du zogst die Schultern leicht in gewölbte Bogen und sahst ruhig nach den

Ufern. Aber dein Gesicht war von Bräune so wild, daß die Yachten um uns

heulten vor Sehnsucht. Glitten Dampfer uns grüßend vorüber, schrien die

Sirenen in den Morgen. Die Wellen stoben toll herauf in deine Höhe. Wind

überstürzte dich, tödlich schöne Säule jüdischen Fleisches, Fürstin.

Als dein Tuch fiel, kniete ein dunkeler Matrose, und eine Flamme stand

zwischen seinen Brauen.

Dein Blut war mächtig, daß der Strom hinter uns hinblich und die Scharen

der Burgen ausgelöscht hinter die Sonne krochen, daß der Ansturm der Ufer

abriß wie ein Schuß. Du tilgst die Gegend hinweg.

Stolz zwischen den weißen Frauen der Passagiere bist du nicht mehr die

Fürstin, du wächst über sie hinaus. Ich habe dir einen anderen Namen gegeben,

Durchlaucht, in fließende Seide Gehüllte, aber ich sollte dich Debora nennen.

Denn du stehst — und meine Augen flammen es nach wie Sonnen —

aufgereckte Richterin auf dem Gebirge Ephraim. Uraltes Blut wandelt sich

zurück in deine Figur. Die eisernen Wagen rollen hinter dir über den Horizont.

Heere fallen nieder vor dir betäubt und preisend, deren Haar eine Flamme

aufgeht über den Palmenstädten, Triumph singend aus tosender Kehle über den

Posaunen, Schluchten füllend mit deiner Stimme wie eine Wolke, braun und

inbrünstig von donnernder Gottheit durchraste im Mond über Juda stehende

nackte Tigerin.

Vor dir rollen aus dem Gebirge die Ströme der Heere in die Ebene. Nacken

gefällter Könige siehst du lächelnd, irr der Mund zur Seite gezogen. Sie stellen

die Lade vor dich. Sie erschauern in ihren Knochen, und tausend Streitwagen

brausen aus den Tälern in die Ebene hinein.

Feuriger als die dunkle Sonne Europas steht über dem Steuer gepflanzt auf

dem Fluß der Strahlenschleuder deines visionären leicht gewölbten Leibes

weißflammend in seiner Figur.

Da bricht in die mystische Geburt Asiens das Lauern deines schrägen

Augenlides. Ich flüstere „Ghetto“, und dein Haß sticht in mich wie eine Klinge,

ich badete in deinem Haß und schwor gegen den Wind, daß er zum Stürmen steige, aber der Wind war feig und lag an deinem Fuß wie ein Reh.

Du trugst lehmrote Tücher um dich mit Schwefelsternen am Abend auf

unserem Balkon. Wir tranken dunkelen Wein, der schäumte und dann tanztest du

aus dem Zimmer auf die Veranda, auf der der Mond schon nach dir griff. Da riß

ich die Tücher von dir. Diese furiose Entkleidung! Es war eine Löwin, die ich

umarmte.

Aber allein, indem das Dunkel des Raumes dich von mir abschloß, tanztest

du die Sprünge deines uralten Blutes. Deine Schultern bogen sich über den

Achseln, der Rhein hing weiß gespannt unter dir mit einem hellen metallenen

Ton, strahlend hob sich der Bogen deines Halses, schön und gezogen wie von

stolzen Kamelen, um deren Kehlen goldene Spangen liegen. Und als du umtratst,

und der Mond deinen Bauch traf und entfachte, da wurde ich wahnsinnig,

Fürstin, und du tanztest, mesopotamische Königin, goldgelb gefleckt die

Weichen wie eine Tigerin, über die Zacken des Gebirges Ephraim, und ich

raubte dich auf meine Arme, wie rochst du nach Narden und schriest.

Dein Fuß ist chinesisch, deine Wade aber steht schon voll Wollust.

Deine Zunge ist voll Unzucht wie eine gierige Posaune. Ich will deinem

Mann das Hirn über seinem Titel einschlagen, denn deine Schenkel sind dunkel

verstrickt und stärker als Nacken der Stiere. Dein wilder Leib schäumt über und

läßt mich irren an Gott. Du lächelst, die der Mond salbte, im Feuerregen der

Küsse, dein Mund zerfleischt meinen Arm, deine gelösten Lippen wirbeln von

feuchten Worten, deine Zähne sind spitz wie von Haien und die Sonne deines

Leibes scheint toll in die Dunkelheit. Deine Brüste heben sich brausend unter

meinem Mund wie heiße Quellen, und dein Hals erhebt sich und singt wirr wie

im Fieber.

Siehe alles ist Jordan draußen und die Luft starrt von Posaunen, tausend

eiserne Wogen rollen donnernd über dem Halbkreis rötlich umflammten

Gebirges. Alles tönt Ephraim bis in die Ebene.

Schlanke Tänzerin Gottes, mit den üppigen Lenden im Feuer der Berufung,

Aufgerichtete, Rasende mit den Hüften, Königin langen Blutes, Dein Mund singt

heiser wie ein Wolf und glüht wie ein Stern.

Nie sah ich Hände, lang, braun und selten wie deine. Blaues Haar deiner

Schläfen liegt um meine Kehle geschlungen und mein Mund saugt aus dem

Eindruck der Kissen den Geruch deines Fleisches zurück, das dampft und scharf

ist wie von den Tieren der Wüste. Die goldenen Siegel deiner schweren Brauen

zucken vor Licht. Über uns rennt das rote Segel des Mondes. Auf den Spitzen

deiner Finger glühen dunkle Flammen. Mein Herz schauert wild vor dir.

Hinter deiner heißen Stimme liegt eine, weich und flaumig bis zum Rasen der

Verzückung, und wenn du den großen Nacken zurückwirfst und jauchzend leis erstöhnest, dann jagen wir im Spiel deiner Hüfte beide auf donnerndem Wagen

über die Ebene vor zuckendem Gebirge Ephraim, Wind des Sieges glüht über die

Stirnen, und die Signale Jahwes, deine Haare, flammen wie eine heilige Meute

hinter uns.

Deine Haut ist braun mit silbernem Flaum und glatt wie deine Zunge. Dein

Gang ist fürstlicher als dein Name. Alle Augen grüßen dich auf abendlich

festlichen Promenaden: Königin der Avenue Wagram und der großen Revuen,

auf den Dämmen über dem blauen Meer mit den Fahnen, in der hellen Schönheit

der Korsos und Blumenwagen. Ich aber dämpfe dein Blut.

Lachst du, weil mein Pyjama weiß im Mond schimmert wie eines Pierrot

. . . . Diese Nacht tobt mit roten Lawinen im Rhein.

Ich sollte dich Debora nennen.

Aber ich habe dich

JAEL

genannt.

Weil es wild klingt wie eine geschmeidige Löwin und inbrünstig wie das

metallene Schreien der Hörner, und weil ich nicht weiß, wenn ich auf den

Kratern deiner Brüste schlafe, ob du mir nicht durch mein Hirn einen Nagel in

meinen Schlaf schlägst, bernsteinäugiger Panther von Libanon.