Die Fürstin
Die Abenteuerliche Nacht
IN einer Nacht früher entdeckten wir schweigend den befestigten Hof,
zerschlugen ein Fenster, stürmten ihn und standen vor jener endlosen Flucht von
Zimmern.
Nun, wo Nebel geschichtet liegt zwischen mir und der Fürstin, wo wir leiden,
nun lebe ich tagelang mit wenigen der Kameraden auf dem Hof. Die Einsamkeit
weicht immer tiefer vom Himmel ab und rückt über das Ried gegen uns an.
Nachts kommen weiße große Katzen durch den Mond gegen die sieben Akazien
vor dem Tor.
Ganz ferne Bauern nur manchmal heben die Hand über die Brauen und sehen
abgeschatteten Gesichts nach den Streifenden. Rasch aber vermählen sich ihre
Bewegungen wieder dampfender Erde und erntendem Gerät.
Hier ist das Paradies. Wir werden innig mit den Tieren. Auf den Dämmen
laufend, sehe ich vom Hof Kommende, vom Hof Gehende und alle haben mehr
als menschliche Anmut, wenn sie die Gräben überspringen, die die Landschaft
wild zerschneiden, und in Schilf schon eingetaucht wieder auf langen Dämmen
hingehen, näher dem Himmel als je. Abends sitzen wir auf der runden Mauer
und sehen, wie die herbstweißen Leiber der Weiden sich vor den Horizont
ordnen und riesenhaft lohen.
Morgens zieht Nebel in die Gegend und Rehe nahen der Mauer und weichen
nicht. Um meinen Gang an den Kanälen schwirren Fasane, rostrote Leiber
ängstend zwischen dem Zuckflug der schmalen Flügel und ein Pfeifen im Mund,
das die Stille erst wieder sanft macht.
Hier sind nur Tiere. Und selbst die Hasen laufen in Bogen um uns herum und
halten die Ohren weich an den Hals gelegt. Wir haben das Ried überschwemmt,
aber wir rühren nicht an diesen Frieden. Wir neigen uns zu dem Tier und das
Tier verwächst unserer Bewegung. Die weiße Blume der Rehin leuchtet uns zu.
Weihe kreisen mit stillen Flügen um unseren Kopf.
Abends durch den silbernen Nebel kommt verklärt von milden Scheinen ein
Hirsch über die Altrhein-Brücke, und geht auf uns zu über die hölzerne Planke,
die hinter ihm am Ende sich unirdisch schon verengt.
Einmal nur machten wir eine menschliche Revolte gegen die Paradiesischkeit
und liefen in einem Umzug mit Gekreisch und Musik bis zur Fähre.
Zurückkehrend, steht unser Hof, halb zugewachsen von fern durch Schilf und
Weide und geschwungene Landschaft saftiger Kanäle, überschnitten von
Dämmen, vor einem lodernden Herbsthimmel, erstarrt mit den Fenstern, und
dunkelnd schwingen sich seine weißen Schorne drohend in den Raum wie
Flammen aus Erz. Jedes Tier schweigt um das kubische Gebäude, und die lange
Flucht der Diele, durch die schon Salier schritten, liegt in blauen Schwefelschatten. Schon stürzt wieder über noch flackernde Stimmen die
Einsamkeit durch den klösterlichen Garten auf den Hof.
Wir streuten uns über das Land, wir tranken in quellender Landschaft wie
lüsterne Wölfe Kuhmilch aus den Eutern, schwammen zum Gassengefunkel der
Nacht über den Rhein in kleine Bergstädte, wir zechten durch umbuschte Dörfer
und machten Prasserei mit den Verwaltern auf großen Gütern. Nachts im
Innenhof, glänzend vor Tauluft, und Gestirne fremd über dem Haupt, badeten
wir unter donnernder Brunnenflut.
Irgendeiner nahm einen Kienspan und lief nackt durch die welken Blätter um
die runde Riesenmauer, und andere folgten, stumm vor Jagen.
Lang vorbereitet erschien die abenteuerliche Nacht, wo alles weiß glühte mit
ungeheuerer Innigkeit.
Große Schwärme von Raben schwangen in langen Kreisen um die halbe
Scheibe des schon ausgedunkelten Himmels, aber die andere Hälfte war von
Lichtern irr überschüttet, und die geisterhaften Züge wilder Enten schwammen
durch das Geflacker sanft im Strom dahin.
In dieser Nacht tanzten die rötlichen Mäuse in stillen Wirbeln durch mein
großes helles Zimmer, und durch die zerbrochenen Fenster legte sich die
buschreiche Landschaft in einer Welle vor mich hin, und da wuchs meine
Sehnsucht und ich lag stundenlang im Fieber.
Und als ich glühte und wirr vor Leidenschaft die Landschaft begehrte und
den Mond, da schrie die Elster in der Hofplatane entsetzlich, und die schmale
hündinhafte Hüfte der Holopainen rührte an mein Blut.
Aber ich kannte sie kaum mehr und flüsterte „Angelique“ und mein zur Seite
fallender Blick traf den ihren. Und die Gegend wurde undurchsichtiger hinter ihr
und ihr rötliches Haar ward blaß in Blondheit und die Augen schwammen ihr
weißer.
„Was willst du?“ rief ich und fluchte auf die Elster.
„Die Abende von Passy“, sagte sie, und Zucken lief um ihren slavischen
Mund. Aber sofort kam die Lippe in springendes Reden und wölbte sich kühl:
„Einmal beim Erwachen war deine Hand, die mich hielt, so groß, daß ich
umsank vor Liebe. Das war, als du im Pharuskegel der Autolaternen Jainikoff in
den Mund hiebst und mein finnischer Imatra erbrauste. Es füllt meine Tage. Es
füllt meine Nächte.“
Ihr Mund wurde bitter.
„Ich muß mein Herz noch härter machen“, sagte ich und hatte kein Mitleid.
Da losch ein silberner Strahl über ihr Gesicht und ihre Hüften glitten fast
unbewegt aber erregend, und sie wies auf ihre herrlichen Beine: „Auch sie gelten
dir nicht mehr, mit denen ich durch die schreienden Cabarets des Montmartre vor dir tanzte, die du küßtest vergehend, nachdem sie auf den Bütten aller Cafés
geglüht?“
Da wurde mein Mund sehr zornig über ihr Quälen und ich schäumte. Aber sie
richtete den Blick lang auf ihn, bis er sich ruhiger legte.
Doch war es schon nicht mehr die Tänzerin, sondern es war in schlanker
Fülle eine andere, es war Ylona, und hob sich mit fordernder Lippe gegen mich:
„Du tust Unrecht.“
„Ja,“ sagte ich, „weil ich bereit bin, es tausendmal zu büßen.“
„Dies hilft mir nicht.“
Aber ich sagte ihr, daß sie sich selber helfe und tänzerisch sich bewege über
die dünne gläserne Kuppel des Leides.
Da wurde ihr Gesicht mild und mondwarm und sie sagte: „Du bist noch nicht
so weit.“
Ich sah sie an.
Sie sagte langsam: „Mein neuer Pelz ist schön, doch freut er mich nicht. Ich
sehe viele Umarmungen. Sie stoßen mir ins Herz. Ich sehe fette Aale in den
Ladenscheiben. Ich weiß niemand, dem ich sie sende. Viele Männer begehren
mich. Ich möchte mich keinem geben. Und gebe ich mich einem, ist es nutzlos
für mein Blut. Es gibt nichts, das meiner Sehnsucht nah käme. Denn du bist wie
ein Gesetz darüber und du hast an all den Dingen keinen Teil.“
Doch da schrie ich:
„Glaubst du, es quäle nicht, daß jedes Glück dasteht, schon
zusammengehauen von dem neuen. Weißt du mein Herz, das inbrünstig begehrt
zu halten und das der Taktschlag seines Angriffs weiter reißt. Alles rinnt aus den
Händen, deren Wille es ist, nichts zu tun als zu halten. Aber sie greifen nur. Uns
ist kein Bett, kein Stuhl. Unser Blut schreit Heimat, aber es strömt in bunte
Ergriffenheit. Wir haben keine wartende Brust. Wir haben den Fluch der
Zerrissenen aus der Sehnsucht und müssen verzückt Irrende sein.“
„Du hast den Glauben nicht“, sagte sie.
Aber mein Herz wies lachend auf seine Wunden, und es schien vor mir selbst,
gepflanzt über der Landschaft.
So sah ich es selber wie aus Kristall weiß erstrahlend mit sieben Dolchen,
und blutiges Harz quoll daraus.
Und Zorn überfiel mich. Und ich wies auf die Sehnsucht, die mein Herz
quälte: „Weißt du nicht, daß ich in Wirrungen lebe, wilder wie die euren, und in
Schmerzen, die eure übersteigen. Daß ich euch alle vergaß, und zerquetscht vor
Sehnsucht streite um die Fürstin.“
Und meine Augen tränten über, und ich sah den entfernten Leib der Fürstin
wieder vor alle Dinge geschoben:
„Wem ist bestimmt, glücklich zu sein? Sieh, wie wir alle umeinander in
Zuckungen liegen. Aber es lebe das ungeschlagene Herz.“
Jedoch der Zorn um die Fürstin überwand mich vor Ylonas Augen und ich
starb fast vor Schmerz, und nichts hatte Wert mehr in dieser Sekunde gegen
ihren Leib. Und zusammensinkend, flüsterte ich, und rief ihr Bild aufs heftigste
vor meine Augen:
„Ich habe wenig Lust an anderen Frauen, die Fasane und die runde Mauer
und die Rehin sind ohne Belang. Mich stört die inbrünstige Glut der sterbenden
Weiden. Mein Ruhm ist Lächerlichkeit, gemessen an deinem Knie. Alles wilde
Tun ist irrer Weg und du nur bist Ziel, bist die Sehnsucht.“
Wieder sah ich mich selber gestürzt in die Landschaft, und fern im weißen
Licht kniete Ylona auf der Ebene, und hinter ihr wuchsen wie lichtere Flammen
andere zu einer riesigen Kette über die Ebene, und alle schrien ihr Leid sich in
die Gesichte und wurden langsam ruhig und still.
Aber als ich mit zurückkehrendem Blick den Ylonas traf, härtete ich mein
zuckendes Herz und ich sagte ihr, daß mir nicht bestimmt sei, an Sehnsucht zu
sterben. Und daß ich über die Leiden springend vieles tun wolle. Daß zahlreiche
Frauen auf mich warteten, daß ich Ehren geil erstrebe, Fahrten unendlich
unternähme und strahlende Großherzoginnen besäße, stürbe auch darunter weg
das Herz vor Trauer wie eine abgebissene Frucht.
Da sah sie mich an und lächelte.
Und ihr Lächeln ward so irr und süß, daß ich wild erschrak, und, Höllen
ahnend, die ich nicht kannte, die Sehnsucht aufschoß gegen die Einsamkeit.
Aber sie tat ihr Lächeln nicht weg, und da hielt ich es nicht mehr aus.
Ich stand auf.
Ich ging hinüber in den Saal.
Mit bronzener Reiterpauke, die Großen Friedrichs Regimenter in die Schlacht
gedröhnt, begann ich den Umzug. Starr und zeremoniell. Feierlich paukte ich
durch den endlosen Gang und jedes Zimmer.
Und jedes Bewohner schloß sich an.
Einer nach dem andern in weißen Kleidern gingen wir durch die Flure und
Räume, jedes Gesang war wilder und irrer in dieser Nacht.
Die Dunkelheit der Fenster lag blind gegen die Mondnacht. Landschaft
glühte vergehend in magischem Weiß. Aus Giebel und Gebälk brach ein
schreiender Eulenschwarm. Fledermäuse warfen sich entsetzt in den Zug.
Da kamen wir durch die niedere Tür in den Garten. Unser Lärmen schwoll an
und warf sich verschlingend in die starre Helligkeit der Nacht.
Tiere nahten sanft erschreckt. Die Landschaft bog sich im Mond unter den
Pauken. Große weiße Katzen glitten über den Hof an die Mauer, und unser langsamer Zug, starr in weißen Pyjamas begann seinen grauenhaften Gang in die
landschaftliche Nacht.
Alles schwieg feindlich beseelt, und von uns keinem kam aus der Sprache ein
Ton.
Dies war die weiße abenteuerliche Nacht, die, voller Erscheinung wie
zwischen zauberhaften milden Eisbergen hinschreitend, wir noch gespenstischer
mit Reitertrommeln uns unter die Füße schlugen, bis endlich süßer Morgen mit
Silberrot uns befreiend gegen die gebogenen Stirnen prallte.