Die Fürstin

Kasimir Edschmid · Kapitel 4 von 6

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Die Fürstin

Die Abenteuerliche Nacht

IN einer Nacht früher entdeckten wir schweigend den befestigten Hof,

zerschlugen ein Fenster, stürmten ihn und standen vor jener endlosen Flucht von

Zimmern.

Nun, wo Nebel geschichtet liegt zwischen mir und der Fürstin, wo wir leiden,

nun lebe ich tagelang mit wenigen der Kameraden auf dem Hof. Die Einsamkeit

weicht immer tiefer vom Himmel ab und rückt über das Ried gegen uns an.

Nachts kommen weiße große Katzen durch den Mond gegen die sieben Akazien

vor dem Tor.

Ganz ferne Bauern nur manchmal heben die Hand über die Brauen und sehen

abgeschatteten Gesichts nach den Streifenden. Rasch aber vermählen sich ihre

Bewegungen wieder dampfender Erde und erntendem Gerät.

Hier ist das Paradies. Wir werden innig mit den Tieren. Auf den Dämmen

laufend, sehe ich vom Hof Kommende, vom Hof Gehende und alle haben mehr

als menschliche Anmut, wenn sie die Gräben überspringen, die die Landschaft

wild zerschneiden, und in Schilf schon eingetaucht wieder auf langen Dämmen

hingehen, näher dem Himmel als je. Abends sitzen wir auf der runden Mauer

und sehen, wie die herbstweißen Leiber der Weiden sich vor den Horizont

ordnen und riesenhaft lohen.

Morgens zieht Nebel in die Gegend und Rehe nahen der Mauer und weichen

nicht. Um meinen Gang an den Kanälen schwirren Fasane, rostrote Leiber

ängstend zwischen dem Zuckflug der schmalen Flügel und ein Pfeifen im Mund,

das die Stille erst wieder sanft macht.

Hier sind nur Tiere. Und selbst die Hasen laufen in Bogen um uns herum und

halten die Ohren weich an den Hals gelegt. Wir haben das Ried überschwemmt,

aber wir rühren nicht an diesen Frieden. Wir neigen uns zu dem Tier und das

Tier verwächst unserer Bewegung. Die weiße Blume der Rehin leuchtet uns zu.

Weihe kreisen mit stillen Flügen um unseren Kopf.

Abends durch den silbernen Nebel kommt verklärt von milden Scheinen ein

Hirsch über die Altrhein-Brücke, und geht auf uns zu über die hölzerne Planke,

die hinter ihm am Ende sich unirdisch schon verengt.

Einmal nur machten wir eine menschliche Revolte gegen die Paradiesischkeit

und liefen in einem Umzug mit Gekreisch und Musik bis zur Fähre.

Zurückkehrend, steht unser Hof, halb zugewachsen von fern durch Schilf und

Weide und geschwungene Landschaft saftiger Kanäle, überschnitten von

Dämmen, vor einem lodernden Herbsthimmel, erstarrt mit den Fenstern, und

dunkelnd schwingen sich seine weißen Schorne drohend in den Raum wie

Flammen aus Erz. Jedes Tier schweigt um das kubische Gebäude, und die lange

Flucht der Diele, durch die schon Salier schritten, liegt in blauen Schwefelschatten. Schon stürzt wieder über noch flackernde Stimmen die

Einsamkeit durch den klösterlichen Garten auf den Hof.

Wir streuten uns über das Land, wir tranken in quellender Landschaft wie

lüsterne Wölfe Kuhmilch aus den Eutern, schwammen zum Gassengefunkel der

Nacht über den Rhein in kleine Bergstädte, wir zechten durch umbuschte Dörfer

und machten Prasserei mit den Verwaltern auf großen Gütern. Nachts im

Innenhof, glänzend vor Tauluft, und Gestirne fremd über dem Haupt, badeten

wir unter donnernder Brunnenflut.

Irgendeiner nahm einen Kienspan und lief nackt durch die welken Blätter um

die runde Riesenmauer, und andere folgten, stumm vor Jagen.

Lang vorbereitet erschien die abenteuerliche Nacht, wo alles weiß glühte mit

ungeheuerer Innigkeit.

Große Schwärme von Raben schwangen in langen Kreisen um die halbe

Scheibe des schon ausgedunkelten Himmels, aber die andere Hälfte war von

Lichtern irr überschüttet, und die geisterhaften Züge wilder Enten schwammen

durch das Geflacker sanft im Strom dahin.

In dieser Nacht tanzten die rötlichen Mäuse in stillen Wirbeln durch mein

großes helles Zimmer, und durch die zerbrochenen Fenster legte sich die

buschreiche Landschaft in einer Welle vor mich hin, und da wuchs meine

Sehnsucht und ich lag stundenlang im Fieber.

Und als ich glühte und wirr vor Leidenschaft die Landschaft begehrte und

den Mond, da schrie die Elster in der Hofplatane entsetzlich, und die schmale

hündinhafte Hüfte der Holopainen rührte an mein Blut.

Aber ich kannte sie kaum mehr und flüsterte „Angelique“ und mein zur Seite

fallender Blick traf den ihren. Und die Gegend wurde undurchsichtiger hinter ihr

und ihr rötliches Haar ward blaß in Blondheit und die Augen schwammen ihr

weißer.

„Was willst du?“ rief ich und fluchte auf die Elster.

„Die Abende von Passy“, sagte sie, und Zucken lief um ihren slavischen

Mund. Aber sofort kam die Lippe in springendes Reden und wölbte sich kühl:

„Einmal beim Erwachen war deine Hand, die mich hielt, so groß, daß ich

umsank vor Liebe. Das war, als du im Pharuskegel der Autolaternen Jainikoff in

den Mund hiebst und mein finnischer Imatra erbrauste. Es füllt meine Tage. Es

füllt meine Nächte.“

Ihr Mund wurde bitter.

„Ich muß mein Herz noch härter machen“, sagte ich und hatte kein Mitleid.

Da losch ein silberner Strahl über ihr Gesicht und ihre Hüften glitten fast

unbewegt aber erregend, und sie wies auf ihre herrlichen Beine: „Auch sie gelten

dir nicht mehr, mit denen ich durch die schreienden Cabarets des Montmartre vor dir tanzte, die du küßtest vergehend, nachdem sie auf den Bütten aller Cafés

geglüht?“

Da wurde mein Mund sehr zornig über ihr Quälen und ich schäumte. Aber sie

richtete den Blick lang auf ihn, bis er sich ruhiger legte.

Doch war es schon nicht mehr die Tänzerin, sondern es war in schlanker

Fülle eine andere, es war Ylona, und hob sich mit fordernder Lippe gegen mich:

„Du tust Unrecht.“

„Ja,“ sagte ich, „weil ich bereit bin, es tausendmal zu büßen.“

„Dies hilft mir nicht.“

Aber ich sagte ihr, daß sie sich selber helfe und tänzerisch sich bewege über

die dünne gläserne Kuppel des Leides.

Da wurde ihr Gesicht mild und mondwarm und sie sagte: „Du bist noch nicht

so weit.“

Ich sah sie an.

Sie sagte langsam: „Mein neuer Pelz ist schön, doch freut er mich nicht. Ich

sehe viele Umarmungen. Sie stoßen mir ins Herz. Ich sehe fette Aale in den

Ladenscheiben. Ich weiß niemand, dem ich sie sende. Viele Männer begehren

mich. Ich möchte mich keinem geben. Und gebe ich mich einem, ist es nutzlos

für mein Blut. Es gibt nichts, das meiner Sehnsucht nah käme. Denn du bist wie

ein Gesetz darüber und du hast an all den Dingen keinen Teil.“

Doch da schrie ich:

„Glaubst du, es quäle nicht, daß jedes Glück dasteht, schon

zusammengehauen von dem neuen. Weißt du mein Herz, das inbrünstig begehrt

zu halten und das der Taktschlag seines Angriffs weiter reißt. Alles rinnt aus den

Händen, deren Wille es ist, nichts zu tun als zu halten. Aber sie greifen nur. Uns

ist kein Bett, kein Stuhl. Unser Blut schreit Heimat, aber es strömt in bunte

Ergriffenheit. Wir haben keine wartende Brust. Wir haben den Fluch der

Zerrissenen aus der Sehnsucht und müssen verzückt Irrende sein.“

„Du hast den Glauben nicht“, sagte sie.

Aber mein Herz wies lachend auf seine Wunden, und es schien vor mir selbst,

gepflanzt über der Landschaft.

So sah ich es selber wie aus Kristall weiß erstrahlend mit sieben Dolchen,

und blutiges Harz quoll daraus.

Und Zorn überfiel mich. Und ich wies auf die Sehnsucht, die mein Herz

quälte: „Weißt du nicht, daß ich in Wirrungen lebe, wilder wie die euren, und in

Schmerzen, die eure übersteigen. Daß ich euch alle vergaß, und zerquetscht vor

Sehnsucht streite um die Fürstin.“

Und meine Augen tränten über, und ich sah den entfernten Leib der Fürstin

wieder vor alle Dinge geschoben:

„Wem ist bestimmt, glücklich zu sein? Sieh, wie wir alle umeinander in

Zuckungen liegen. Aber es lebe das ungeschlagene Herz.“

Jedoch der Zorn um die Fürstin überwand mich vor Ylonas Augen und ich

starb fast vor Schmerz, und nichts hatte Wert mehr in dieser Sekunde gegen

ihren Leib. Und zusammensinkend, flüsterte ich, und rief ihr Bild aufs heftigste

vor meine Augen:

„Ich habe wenig Lust an anderen Frauen, die Fasane und die runde Mauer

und die Rehin sind ohne Belang. Mich stört die inbrünstige Glut der sterbenden

Weiden. Mein Ruhm ist Lächerlichkeit, gemessen an deinem Knie. Alles wilde

Tun ist irrer Weg und du nur bist Ziel, bist die Sehnsucht.“

Wieder sah ich mich selber gestürzt in die Landschaft, und fern im weißen

Licht kniete Ylona auf der Ebene, und hinter ihr wuchsen wie lichtere Flammen

andere zu einer riesigen Kette über die Ebene, und alle schrien ihr Leid sich in

die Gesichte und wurden langsam ruhig und still.

Aber als ich mit zurückkehrendem Blick den Ylonas traf, härtete ich mein

zuckendes Herz und ich sagte ihr, daß mir nicht bestimmt sei, an Sehnsucht zu

sterben. Und daß ich über die Leiden springend vieles tun wolle. Daß zahlreiche

Frauen auf mich warteten, daß ich Ehren geil erstrebe, Fahrten unendlich

unternähme und strahlende Großherzoginnen besäße, stürbe auch darunter weg

das Herz vor Trauer wie eine abgebissene Frucht.

Da sah sie mich an und lächelte.

Und ihr Lächeln ward so irr und süß, daß ich wild erschrak, und, Höllen

ahnend, die ich nicht kannte, die Sehnsucht aufschoß gegen die Einsamkeit.

Aber sie tat ihr Lächeln nicht weg, und da hielt ich es nicht mehr aus.

Ich stand auf.

Ich ging hinüber in den Saal.

Mit bronzener Reiterpauke, die Großen Friedrichs Regimenter in die Schlacht

gedröhnt, begann ich den Umzug. Starr und zeremoniell. Feierlich paukte ich

durch den endlosen Gang und jedes Zimmer.

Und jedes Bewohner schloß sich an.

Einer nach dem andern in weißen Kleidern gingen wir durch die Flure und

Räume, jedes Gesang war wilder und irrer in dieser Nacht.

Die Dunkelheit der Fenster lag blind gegen die Mondnacht. Landschaft

glühte vergehend in magischem Weiß. Aus Giebel und Gebälk brach ein

schreiender Eulenschwarm. Fledermäuse warfen sich entsetzt in den Zug.

Da kamen wir durch die niedere Tür in den Garten. Unser Lärmen schwoll an

und warf sich verschlingend in die starre Helligkeit der Nacht.

Tiere nahten sanft erschreckt. Die Landschaft bog sich im Mond unter den

Pauken. Große weiße Katzen glitten über den Hof an die Mauer, und unser langsamer Zug, starr in weißen Pyjamas begann seinen grauenhaften Gang in die

landschaftliche Nacht.

Alles schwieg feindlich beseelt, und von uns keinem kam aus der Sprache ein

Ton.

Dies war die weiße abenteuerliche Nacht, die, voller Erscheinung wie

zwischen zauberhaften milden Eisbergen hinschreitend, wir noch gespenstischer

mit Reitertrommeln uns unter die Füße schlugen, bis endlich süßer Morgen mit

Silberrot uns befreiend gegen die gebogenen Stirnen prallte.