Die Gemälde
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Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Der junge Dietrich sah seinen abtrünnigen Anhänger schon seit lange mit großen Augen an; er konnte diesen Abfall nicht begreifen und nahm sich vor, mit dem Alten in einer vertrauten Stunde darüber zu sprechen; denn wenn er auch die Bewunderung des Julius gelten ließ, so schien ihm doch die erste Hälfte des Gesprächs geradezu im Widerspruch mit der früheren Äußerung Eulenböcks zu stehen, der sich aber um dergleichen Nebendinge nicht kümmerte, sondern sich mit dem fremden Kunstfreunde in so lebhaften Enthusiasmus hineinschwatzte, daß beide auf lange Zeit weder die übrigen hörten, noch sie zu Worte kommen ließen.
Erich wollte eine Ähnlichkeit des Fremden mit einem Verwandten Walthers bemerken; darüber kam man in das Kapitel der Ähnlichkeiten, und wie sonderbar sich in den Familien, oft in der feinsten Verzweigung am deutlichsten, gewisse Formen wiederholen. »Sonderbar ist es auch«, sagte der Wirt, »daß die Natur oft ganz wie die Kunst verfahrt. Wenn ein Niederländer und ein Italiener aus der vorigen Zeit ein und dasselbe Bildnis malen sollten, so würden beide die Ähnlichkeit auffassen, aber jeder ein ganz verschiedenes Porträt und eine ganz andere Ähnlichkeit hervorbringen. So kannte ich in meiner Jugend eine Familie, die aus vielen Kindern bestand, an denen allen die Physiognomie der Eltern und nur eine Hauptform, aber unter verschiedenen Bedingungen ausgeprägt war, so klar und sicher, als wenn die Kinder Bildnisse von demselben Gegenstande, von verschiedenen großen Malern gezeichnet, wären. Die älteste Tochter war wie von Correggio gemalt, mit feinem Teint und zierlicher Form; die zweite war dasselbe Gesicht, aber größer, voller, wie aus der florentinischen Schule; die dritte hatte das Ansehen, als habe Rubens das nämliche Porträt auf seine Art gemalt; die vierte wie ein Bild von Dürer; die nächste wie aus der französischen Schule, glänzend, voll, aber unbestimmt, und die jüngste wie ein flüssig gemaltes Werk von Leonard. Es war eine Freude, diese Gesichter unter sich zu vergleichen, die mit denselben Formen, in Ausdruck, Farbe und Lineamenten wieder so verschieden waren.«
»Erinnern Sie sich des wunderbaren Porträts«, fragte Erich, »welches Ihr alter Freund in seiner Sammlung besaß, und welches sich mit so vielen andern Sachen auf eine unerklärliche Weise verloren hat?«
»Jawohl!« rief der alte Walther aus, »wenn es nicht von Raffaels Händen war, wie einige behaupten wollen, so war es wenigstens von einem vorzüglichen Meister, der nach diesem Muster die Kunst mit Glück studiert hatte. Wenn einige Neuere von der Kunst des Porträtierens als von einer geringen Sache sprechen wollten, oder die gar den Maler erniedrige, so durfte man sie nur vor dieses wunderwürdige Bildnis führen, um sie zu beschämen.«
»Wie sagen Sie?« so wandte sich der Fremde lebhaft zum alten Rat, »es sind außer diesem trefflichen Stück noch andere merkwürdige Gemälde verloren gegangen? Auf welche Weise?«
»Ob verloren«, sagte Walther, »kann man so eigentlich nicht sagen; aber sie sind unsichtbar geworden und vielleicht ins ferne Ausland verkauft. Mein Freund, der Herr von Essen, der Vater des jungen Menschen, den Sie neulich in meinem Saale trafen, wurde mit zunehmendem Alter launenhaft und wunderlich. Die Liebe zur Kunst hatte uns befreundet, und ich kann sagen, daß ich sein ganzes Vertrauen besaß. Wir ergötzten uns an unsern Sammlungen, und die seinige übertraf damals bei weitem die meinige, die ich erst durch die Nachlässigkeit seines Sohnes so ansehnlich habe vermehren können. Wenn wir uns einmal ein rechtes Fest geben wollten, so setzten wir uns in sein Kabinett, in welchem die ausgesuchtesten seiner Werke versammelt waren. Diese hatte er mit vorzüglich prächtigen Rahmen einfassen lassen und sie sinnreich bei einer sehr vorteilhaften Erleuchtung geordnet. Außer jenem Porträt sah man dort eine so unvergleichliche Landschaft von Nicolas Poussin, wie mir noch nie eine vorgekommen ist. Im sanften Abendlicht fuhr Christus mit seinen Jüngern auf dem Wasser. Die Lieblichkeit des Widerscheins der Häuser und Bäume, die klare Luft, die Durchsichtigkeit der Wellen, der edle Charakter des Erlösers und die himmlische Ruhe, die über dem Ganzen schwebte und unser Gemüt wie in Wehmut und friedlicher Sehnsucht auflöste, ist nicht zu beschreiben. Daneben hing ein Christus mit der Dornenkrone von Guido Reni, von einem Ausdrucke, wie ich ihn seitdem auch nicht wieder gesehen habe. Der alte Freund wollte sonst in seinem Eigensinne den trefflichen Guido vielleicht zu wenig gelten lassen; aber vor diesem Bilde war er immer entzückt, und es ist wahr, man sah es, so oft man es sah, jedesmal von neuem; die vertraute Bekanntschaft mit ihm erhöhte nur den Genuß und ließ immer neue, noch geistigere Schönheiten entdecken. Dieser Ausdruck der Milde, des ergebenen Duldens, der himmlischen Güte und des Verzeihens mußte auch das starrste Herz durchdringen. Es war nicht jene gesteigerte Leidenschaftlichkeit, wie man wohl in andern ähnlichen Bildern des Guido wahrnimmt, und die uns bei trefflicher Behandlung des Gegenstandes doch eher zurückstößt als anzieht, sondern es war das süßeste, wie das schmerzlichste Gemälde. Durch die zarten Fleischpartien unter Wange, Kinn und Auge sah und fühlte man den ganzen Schädel, und dieser Ausdruck des Leidens erhöhte nur die Schönheit. Gegenüber war eine Lucretia von demselben Meister, die sich mit starkem vollen Arm den Dolch in den schönen Busen stieß. In diesem Bilde war der Ausdruck groß und kräftig, die Farbe unvergleichlich. Eine Mutter, die dem schlafenden Kinde das Tuch vom nackten Körper nimmt, und Joseph und Johannes, den Schläfer betrachtend, die Figuren lebensgroß, waren von einem alten römischen Meister so herrlich und graziös dargestellt, daß jede Beschreibung nur unzulänglich ist. Aber wohl möchte ich Worte suchen, um auch nur eine schwache Vorstellung von dem einzigen van Eyck zu geben, einer Verkündigung, welche doch vielleicht die Krone der Sammlung war. Hat sich die Farbe je als eine Tochter des Himmels verherrlicht, ist mit Licht und Schatten jemals gespielt und im Spiel die edelste Rührung der Seele erweckt worden, haben Lust, Begeisterung, Poesie und Wahrheit und Adel sich je in Figuren und Färbung auf eine Tafel gelegt, so war es in diesem Bilde geschehen, welches mehr als Malerei und Zauber war. Ich muß abbrechen, um mich nicht selbst zu vergessen. Diese Bilder waren die vorzüglichsten; aber ein Hemling, ein herrlicher Annibal Caracci, ein kleines Bild, Christus zwischen den Kriegsknechten, eine Venus, vielleicht von Titian, wären wohl noch der Erwähnung wert, und kein Bild war in diesem Kabinett, das nicht jeden Freund der Kunst beglückt hätte. Und, denken Sie, fassen Sie die Sonderbarkeit des Alten, kurz vor seinem Tode sind alle diese Stücke verschwunden, ohne Spur verschwunden. Hat er sie verkauft? Er hat nie diese Frage beantwortet, und seine Bücher hätten es nach seinem Tode ausweisen müssen, die aber nichts davon sagten. Hat er sie verschenkt? Aber wem? Man muß fürchten, und der Gedanke ist herzzerreißend, er hat sie in einer Art von wahnsinniger Schwermut, weil er sie wohl keinem andern Menschen auf Erden gönnen mochte, kurz vor seinem Tode vernichtet. Vernichtet! Fassen Sie es, begreift ein Mensch diese furchtbare Abwesenheit, wenn mein Verdacht gegründet ist?«
Der Alte war so erschüttert, daß er seine Thränen nicht zurückhalten konnte, und Eulenböck zog ein ungeheures gelbseidenes Tuch aus der Tasche, um in auffallender Rührung sein dunkelrotes Gesicht abzutrocknen. »Erinnern Sie sich wohl noch«, hub er schluchzend an, »des sonderbaren Bildes von Quintin Messys, auf dem ein junger Schäfer und ein Mädchen in seltsamer Tracht abgebildet waren, beide herrlich ausgearbeitet, und wovon er behauptete, die Figuren sähen seinem Sohne und Ihrer Tochter ähnlich?«
»Die Ähnlichkeit war damals auffallend«, erwiderte Erich. »Sie haben aber noch den Johannes zu nennen vergessen, der wenigstens mit dem Guido wetteifern konnte. Dies Bild war vielleicht von Domenichino, wenigstens war es jenem berühmten äußerst ähnlich. Dieser Blick des Jünglings nach dem Himmel, die Begeisterung, die Sehnsucht, zugleich die Wehmut, daß er schon das Göttliche auf Erden gesehen, als Freund umarmt und als Lehrer verstanden hatte, dieser Widerschein einer entschwundenen Vergangenheit im Spiegel des edeln Antlitzes war rührend und erhebend. O, wenige von diesen Bildern könnten den jungen Mann retten und wieder wohlhabend machen.«
»Wäre doch alles an ihm verloren«, rief Eulenböck aus. »Er würde es doch nur wieder vergeuden. Was habe ich nicht an ihm ermahnt! Aber er hört auf den ältern Freund und die Stimme der Erfahrung nicht. Nun endlich, da ihm das Wasser doch wohl mag an die Seele gehen, ist er in sich geschlagen; er sah, daß ich über sein Unglück bis zu Thränen gerührt war, da hat er mir in meine Hand versprochen, sich von Stunde an zu bessern, zu arbeiten und ein ordentlicher Mensch zu werden. Wie ich ihn hierauf gerührt umarme, reißt er sich lachend los und ruft: ›Aber erst vom heiligen Dreikönigs-Abend an soll dieser Vorsatz gelten, bis dahin will ich noch lustig sein und in der alten Bahn fortlaufen!‹ Was ich auch sagen mochte, alles war umsonst; er drohte, wenn ich ihm nicht seinen Willen ließe, die ganze Besserung wieder aufzugeben. Ei nun, das Fest ist in einigen Tagen, die Frist ist nur kurz; Sie können aber wenigstens daraus sehen, wie wenig auf seine guten Vorsätze zu bauen ist.«
»Von jeher«, sagte Sophie, »ist er zu sehr mit frommen Leuten umgeben gewesen; aus Widerspruch hat er sich auf die andere Seite gewandt, und so hat freilich sein Eigensinn verhindert, daß der Umgang mit den Tugendhaften ihm hat nützlich werden können.«
»Sie haben gewissermaßen recht«, rief der alte Maler. »Hat er sich nicht von dem Pietisten, dem langweiligen alten Musikdirektor Henne, seit einiger Zeit wie belagern lassen? Aber ich versichere Sie, dessen trockne Predigten können unmöglich an ihm haften; auch wird der Alte beim dritten Glase betrunken, und so kommt er aus dem Text.«
»Er hat es zu arg getrieben«, bemerkte der Wirt; »dergleichen Menschen, wenn Unordnung und Verschwendung erst ihre Lebensweise geworden sind, können sich niemals wieder zurechtfinden. Das rechtliche, wahre Leben erscheint ihnen gering und bedeutungslos; sie sind verloren.«
»Sehr wahr«, sagte Eulenböck, »und um Ihnen nur ein auffallendes Beispiel seiner Raserei zu geben, so hören Sie, wie er es mit seiner Bibliothek anfing. Er erbte eine unvergleichliche Büchersammlung von seinem würdigen Vater; die herrlichsten Ausgaben der Klassiker, die grüßten Seltenheiten der italienischen Litteratur, die ersten Ausgaben des Dante und Petrarca, nach denen man auch wohl in berühmten Städten umsonst fragt. Nun fällt es ihm ein, er müsse einen Sekretär haben, der zugleich diese Bibliothek in Ordnung halten solle, die neu angekauften Werke in das Verzeichnis eintragen, die Werke systematisch aufstellen und dergleichen mehr. Ein junger wüster Mensch meldet sich zu diesem wichtigen Amte und wird auch gleich angenommen, weil er zu schwatzen weiß. Zu schreiben ist nicht viel, aber trinken muß er lernen, und der Unterricht schlägt bei dem lockern Vogel an. Das wilde Leben nimmt gleich seinen Anfang; alle Tage toll und voll, Bälle, Maskeraden, Schlittenfahrten, die halbe Stadt freigehalten. So fehlt es denn nun schon nach einem halben Jahre, als der junge Gelehrte sich seinen Gehalt ausbittet, an barem Gelde. Man fällt auf den Ausweg, daß er für den Gehalt des ersten Jahres an Büchern nach einer billigen Taxe nehmen dürfe. Herr und Diener kennen aber den Wert der Sachen nicht, die auch nur für den Kenner kostbar sind, und deren finden sich nicht auf allen Gassen. Die teuersten Werke werden ihm also lächerlich wohlfeil überlassen, und da man die Auskunft einmal gefunden hat, so wiederholt sich das Spiel immer wieder und um so öfter, da der neue Günstling zuweilen Gelegenheit hat, für seinen Patron bare Auslagen zu machen, die ihm in Büchern wiedererstattet werden. So fürchte ich, sind von der Büchersammlung vielleicht nur noch die Schränke übriggeblieben.«
»Ich weiß am besten«, sagte der Rat, »wie unverantwortlich man mit den Büchern umgegangen ist.«
»Das sind ja alles erschreckliche Geschichten«, sagte Sophie; »wer möchte sie nur von seinem Feinde so wiedererzählen?«
»Das Schlimmste aber«, fuhr Eulenböck fort, »war denn doch seine Leidenschaft für die berüchtigte schöne Betty; denn diese that das im großen, was alle seine übrigen Thorheiten an seinem Wohlstand nur im kleinen vernichten konnten. Sie hat auch seinen Charakter zu Grunde gerichtet, der sich ursprünglich zum Guten neigte. Er ist gutherzig, aber schwach, so daß jeder, welcher sich seiner bemächtigt, aus ihm machen kann, was er will. Meine gutgemeinten Worte verschollen nur in den Wind. Bis in die tiefe Mitternacht hinein habe ich zuweilen auf die eindringlichste Art gesprochen, aber es war nur schade um alle meine Ermahnungen. Sie hatte ihn so in Stricken, daß er selbst seine redlichsten und ältesten Freunde um ihrerwillen mißhandeln konnte.«
Indem erhob man sich von der Tafel, und während der gegenseitigen Begrüßungen nahm Sophie die Gelegenheit wahr, indem sie dem alten Maler die Hand reichte, der sie ihr zierlich küßte, ihm deutlich zuzuflüstern: »O Sie abscheulichster von allen abscheulichen Sündern, Sie undankbarer Heuchler! Wie kann es Ihr verkehrtes Herz über sich gewinnen, den öffentlich zu lästern, von dessen Wohlthaten Sie sich bereichert haben, dessen Leichtsinn Sie benutzen, um ihn mit andern Gehülfen elend zu machen? Bisher habe ich Sie nur für abgeschmackt, aber gutmütig gehalten; ich sehe aber, daß Sie nicht ohne Ursache eine wahre Teufels-Physiognomie tragen! Ich verabscheue Sie!« Sie stieß ihn mit Bewegung zurück und eilte dann aus dem Zimmer.
Die Gesellschaft ging in den Bildersaal, wo der Kaffee herumgereicht wurde. »Was war denn meiner Tochter?« fragte der Rat den Maler; »sie schien so eilig und hatte Thränen im Auge.«
»Ein gutes, liebes Kind«, schmunzelte Eulenböck. »Sie sind recht glücklich, Herr Geheimer Rat, bei diesem empfindsamen Herzen Ihrer Tochter. Sie war so liebevoll um meine Gesundheit besorgt; sie findet meine Augen entzündet und meinte gar, ich könnte erblinden: darüber ist sie denn so gerührt worden.«
»Ein treffliches Kind!« rief der Vater aus; »wenn ich sie nur erst gut versorgt sähe, daß ich in Frieden sterben könnte.« Der Fremde war noch zurückgeblieben, um das neue Gemälde in Augenschein zu nehmen, welches Erich ihm im Speisezimmer zeigte; jetzt kam er mit diesem zur Gesellschaft, und Dietrich folgte. Sie waren alle im lebhaften Gespräch begriffen; der Fremde tadelte den Gegenstand, welchen Dietrich verteidigen wollte, »Wenn Tenier und ähnliche Niederländer«, sagte der letztere, »die Versuchung des heiligen Antonius komisch und fratzenhaft dargestellt haben, so ist diese Laune ihrer Stimmung zu vergeben sowie ihrem Talent nachzusehen, da sie das Würdige nicht zu erschaffen wußten. Der Gegenstand aber fordert eine ernste Behandlung, und dem alten deutschen Meister dort ist sie ohne Zweifel gelungen; wenn der Beschauer nur unparteiisch sein kann, so wird er sich von seinem Bilde angezogen und befriedigt fühlen.«
»Dieser Gegenstand«, nahm der Fremde das Wort, »ist keiner für die bildende Kunst. Die ängstigenden Traume eines wahnsinnigen Alten, die Gespenster, die er in seiner Einsamkeit sieht, und die ihn durch falschen Reiz oder Entsetzen von seiner melancholischen Beschaulichkeit abziehen wollen, können nur in das Gebiet fratzenhafter Phantome fallen und auch nur phantastisch dargestellt werden, wenn es überhaupt erlaubt sein soll. Dagegen dort die weibliche Gestalt, welche sich edel zeigen will und zugleich reizend, eine enthüllte Schönheit in der Fülle der Jugend, und die doch nur ein verkleidetes Gespenst ist; die wilden Gestalten umher, die durch den grellen Kontrast sie noch mehr hervorheben, das Entsetzen des Alten, der sich im Vertrauen wieder zu finden sucht, diese Vermischung der widersprechendsten Gefühle ist durchaus widersinnig, und schade um Talent und Kunst, die sich an dergleichen abarbeitend verschwenden und vernichten.«
»Ihr Zorn«, sagte Dietrich, »enthält das schönste Lob des Bildes. Ist denn nicht alles, was den Menschen versucht, nur Gespenst, in die lockende Gestalt der Schönheit verhüllt oder sich scheinbar mit nichtigem Entsetzen verpanzernd? Sollte eine Darstellung, wie jene, nicht gerade in unsern neuesten Tagen eine doppelte Bedeutung erhalten? Allen kommt diese Versuchung, die sich noch ihres Herzens nicht ganz bewußt sind; aber in jenem Heiligen sehen wir den festen und reinen Blick, der über die Furcht erhaben ist und längst die wahre unsichtbare Schönheit kennt, um Grauen und geringe Lüsternheit von sich zu weisen. Das wahre Schöne führt uns in keine Versuchung; das, was wir wirklich fürchten dürfen, erscheint nicht in Larve und Unform. Das Bestreben jenes alten Meisters läßt sich daher vor dem gebildeten Sinne rechtfertigen; nicht so Teniers und seinesgleichen.« »Das Tolle, das Alberne und Abgeschmackte ist ein Unendliches«, rief der Unbekannte; »es ist es eben dadurch, daß es sich in keine Grenze fassen läßt, denn durch die Schranke wird alles Vernünftige: das Schöne, Edle, Freie, Kunst und Enthusiasmus. Weil sich aber etwas Überirdisches, Unaussprechliches beimischt, so meinen die Thoren, es sei das Unbedingte, und sündigen im angemaßten Mystizismus in Natur und Phantasie hinein. Sehn Sie diesen tollen Höllenbreughel hier am Pfeiler? Weil sein Auge gar keinen Blick mehr hatte für Wahrheit und Sinn, weil er sich ganz von der Natur lossagte und Aberwitz und Unsinn ihm als Begeisterung und Verständnis galten, so ist er mir vom ganzen Heere der Fratzenmaler geradezu der liebste, da er ohne weiteres die Thüre zuschlug und den Verstand draußen ließ. Sehn Sie den Riesensaal von Julio Romano in Mantua, seine wunderlichen Aufzüge mit Tieren und Centauren und allen Wundern der Fabel, seine Bacchanalien, seine kühne Vermischung des Menschlichen, Schönen, Tierischen und Frechen; vertiefen Sie sich in diese Studien, dann werden Sie erst wissen, was ein wirklicher Poet aus diesen sonderbaren und unverstandenen Stimmungen unsers Gemütes machen kann und darf, und wie er im stande ist, auch in diesem aus Träumen geflochtenen Netz die Schönheit zu fangen.«
»Auf solchem Wege«, sagte Dietrich, »sind wir mit allen Dingen sehr bald fertig, wenn wir nur eine Norm und Regel annehmen, in leidenschaftlicher Verblendung alles Göttliche auf einen Namen übertragen und von dem einseitigen Erkennen seiner dann abweisen, was er nicht geleistet hat oder nicht leisten konnte, der doch auch nur ein Einzelner und ein Sterblicher war, dessen Blick nicht in alle Tiefen drang, und dem wenigstens der Tod die Palette aus der Hand nahm, wäre er selbst fähig gewesen, alle Erscheinungen aus seinen Fingern quellen zu lassen. Schranke muß sein; wer bezweifelt das? Aber so manche Altklugheit, die sich im Halten der Regel so groß dünkt, erinnert mich immer wieder an die sonderbare Eigenschaft des Hahns, der, wie unbändig und kriegerisch er auch thut, wenn er auf die Seite gelegt wird und man von seinem Schnabel aus einen Kreidestrich auf den Boden hinzieht, unbeweglich und andächtig liegen bleibt, weil er sich, wer weiß von welcher Naturnotwendigkeit, philosophischen Regel oder unerläßlichen Kunstschranke gefesselt glaubt.«
»Sie werden unbescheiden, mein junger altdeutscher Herr«, sagte der Fremde in etwas hohem Tone. »Die gute Erziehung wird freilich bald zu den verlorenen Künsten gerechnet werden müssen.«
»Dafür ist aber wohl gesorgt«, versetzte Dietrich, »daß Übermut nicht ausstirbt und Dünkel bei frischen Kräften bleibt.« Er verbeugte sich schnell gegen den Hausherrn und verließ die Gesellschaft.
»Ich weiß nicht, wie ich dazu komme, so behandelt zu werden«, sagte der Fremde. »Scheint doch über diesem Saal ein Unheil zu walten, daß ich hier immer auf Riesen treffe, die mich in den Staub treten wollen.«
Der alte Walther war sehr mißmutig, daß in seinem Hause solche Szenen vorfielen. So wie er den Fremden schon bei Tische hatte aufgeben müssen, so gab er nun auch den Gedanken auf, jemals den jungen Maler zum Schwiegersohn in Vorschlag zu bringen. Begütigend wendete er sich zu dem Fremden, der in seinem Zorn dem Höllenbreughel eine größere Aufmerksamkeit schenkte, als außerdem geschehen sein würde. »Nicht wahr«, fing er an, »ein in seiner Art treffliches Gemälde?«
»Das schönste von diesem Meister, das ich bisher gesehen«, erwiderte der verstimmte junge Mann. Er nahm sein Glas zu Hülfe, um es genauer zu prüfen. »Was ist das?« rief er plötzlich; »sehen Sie, wo die Beine der beiden Teufel zusammenkommen und der feurige Schweif des dritten, wird ein Gesicht, ein recht wunderlich ausdrucksvolles Profil gebildet, und, ich irre mich nicht, es gleicht auffallend hier Ihrem ältern Freunde, dem braven Künstler.«
Alle drängten sich hinzu, keiner hatte diesen sonderbaren Einfall noch bemerkt. Eulenböck, der Schalk, spielte am meisten den Erstaunten. »Daß mein Andenken«, sagte er, »sich in diesem seltsamen Stammbuche finden sollte, hätte ich mir nicht träumen lassen; sollte der boshafte Maler aber mein Profil schon in der Vorzeit geahndet haben, so ist es doch zu ruchlos, daß dieser Feuerschweif gerade meine etwas rote Nase formieren muß.«
»Das Ding«, sagte Erich, »ist so sonderbar angebracht, daß man wirklich nicht ergründen kann, ob es Vorsatz oder bloßer Zufall ist.« Walther betrachtete das Profil im Bilde, dann musterte er die Physiognomie seines Freundes, schüttelte den Kopf, ward nachdenkend und nahm zerstreut Abschied, als der Fremde sich mit Eulenböck beurlaubte, der sich dessen Begleitung erbeten hatte, um ihm seine Kunstwerke zu zeigen.
»Was ist dir?« fragte Erich, der mit dem Alten allem im Saale zurückgeblieben war. »Du scheinst über den sonderbaren Scherz des Zufalls verdrüßlich, der uns alle zum Lachen gezwungen hat; ist doch der Säufer hinlänglich dadurch bestraft, daß diese Teufelskompanie so artig sein Porträt zusammensetzen muß.«
»Hältst du es denn wirklich auch für Zufall?« rief Walther erzürnt aus; »siehst du denn nicht ein, daß der alte Schelm mir dies Bild betrügerisch aufgeheftet hat, daß es von ihm herrührt? Schau' nur hieher, ich habe ihn vor den andern nicht beschämen wollen; aber nicht genug an dieser Abschattung von sich selbst, hat er auch noch dem großen Teufel da oben, der die Seelen in einer Handmühle mahlt, in seinem ungeheuren Schnauzbart fein den Namen Eulenböck eingeschrieben. Ich entdeckte die Kritzelei schon unlängst einmal; ich glaubte aber, da es nicht ganz deutlich war, es habe der Maler oder ein Anderer Höllenbreughel hineinschreiben wollen; so erklärte es mir der alte Schuft auch selbst, der mir, wie ich es ihm zeigte, Ellenbröeg herauslas und hinzufügte, die Künstler hätten sich nie um die Orthographie viel gekümmert. Nun geht mir erst ein Licht auf, daß der verruchte Säufer auch nur den jungen Mann verführt hat, mir den Salvator zu verkaufen, daß du einen solchen von ihm ebenfalls erhalten hast; und dabei müssen wir noch fürchten, unsere Gesichter einmal, wer weiß unter welchen abscheulichen Gegenständen, irgendwo unanständig auf pasquillantische Weise angebracht zu sehen.«
Er war so zornig, daß er die Faust aufhob, um das Bild zu zerstören. Aber Erich hielt ihn zurück und sagte: »Vernichte nicht im Unmut ein merkwürdiges Produkt eines Virtuosen, das dich in Zukunft wieder ergötzen wird. Rührt es von unserm Eulenböck her, wie ich jetzt selber glauben muß, und sind gar noch die beiden Salvators von ihm, so muß ich die Geschicklichkeit des Mannes bewundern. Toll ist die Art, wie er sich selbst gezeichnet hat; indessen kann dieser Übermut nur ihm selber schädlich werden, da ich und du uns nun wohl hüten werden, von ihm zu kaufen, von denen er außerdem wohl noch manchen Thaler gelöst hätte. Aber dich wurmt noch etwas anderes, ich sehe es dir wohl an. Kann ich dir raten? Ist es vielleicht die alte Besorgnis um deine Tochter?«
»Ja, mein Freund«, sagte der Vater; »und wie ist es mit dir? Hast du selbst meinen Worten nachgedacht?«
»Viel und oft«, erwiderte Erich; »aber, lieber Grillenfänger, wenn es auch glückliche Ehen ohne Leidenschaft geben kann, so muß doch eine Art von Neigung da sein; die finde ich aber nicht, und ich kann es deiner Tochter nicht verdenken wir sind uns zu ungleich. Schade wär' es auch, wenn das liebe Wesen mit seinen lebhaften Empfindungen nicht glücklich werden sollte.«
»Durch wen?« rief der Vater, »es findet sich ja niemand, den sie mag, und der sich für sie paßt; du trittst völlig zurück, der fremde hochmütige Gast hat mich heut' mit seiner vornehmen Art recht empfindlich geärgert; aus dem jungen Herrn Dietrich würde nie ein gescheiter Ehemann werden, da er sich gar nicht in die Welt zu schicken weiß, wie ich gesehen habe, und vom jungen Eisenschlicht darf ich ihr gar nicht einmal sprechen. Dazu ist mir aufs neue der Verlust der herrlichen Bilder auf das Herz gefallen. Wo der Satan sie nur hingeführt hat! Sieh, meinem ärgsten Feinde möchte ich sie gönnen, wenn sie nur da wären! Und dann hab' ich nicht auch noch eine Verschuldung gegen Eduard? Du weißt, zu welchen billigen Preisen ich nach und nach von ihm kaufte, was er noch im Nachlasse seines Vaters fand. Er kannte, er achtete die Sachen nicht; ich habe ihm nie abgedrungen, ich habe ihn nie angelockt aber doch wenn der junge Mensch ordentlich werden wollte, wenn er den bessern Weg einschlüge wüßte ich nur, daß es ihn nicht wieder schlecht machte, daß er es nicht vergeudete, ich wollte ihm noch einen beträchtlichen Nachschuß gerne zahlen.«
»Brav!« rief Erich und gab ihm die Hand. »Ich habe den jungen Menschen nicht aus den Augen gelassen; er ist nicht ganz so schlimm, als die Stadt von ihm spricht, er kann noch einmal ein rechter Mann werden. Wenn wir Besserung sehen und du dich ihm gewogen fühlst, vielleicht daß deine Tochter einmal auch gut von ihm dächte, kann sein, daß sie ihm gefiele; wie wär's alsdann, wenn du durch dein Vermögen beiden ein glückliches Schicksal bereitetest, Enkel auf deinen Knieen schaukeltest, ihnen die eisten Begriffe der Kunstgeschichte beibrächtest, daß sie hier in deinem Saale die berühmten Namen stammelten!«
»Nimmermehr!« rief der Alte und stampfte mit dem Fuße. »Wie? einem solchen verderbten Taugenichts mein einziges Kind? Ihm diese Sammlung hier, daß er sie verprassen und für ein Spottgeld verkaufen könnte? Das rät mir kein Freund.«
»Doch«, sagte Erich; »sei nur gelassen, überdenke den Vorschlag ohne Leidenschaft und suche deine Tochter zu prüfen.«
»Nein, nein!« wiederholte Walther laut, »es kann, es darf nicht sein! Ja, könnte er noch ein einziges von jenen kostbaren, unvergleichlichen Bildern ausweisen, die aber nun auf ewig verloren sind, so ließe sich noch eher darüber sprechen. Aber so verschone mich in alle Zukunft mit dergleichen Vorschlägen. Und der verdammte Breughel hier! Da oben, hoch, wo ich ihn nie wieder sehe, will ich ihn mit der Galgenphysiognomie des alten Sünders und allen seinen Teufeln hinauf hängen!«
Er sah empor, und wieder schaute aus dem offnen Fenster Sophie, lauschend auf ihr Gespräch, herab. Sie errötete, entfloh, ohne das Fenster zu schließen, und der Alte rief: »Das fehlte noch! Nun hat die eigensinnige Dirne alles mit angehört und setzt sich wohl gar dergleichen in den kleinen trotzigen Kopf!«
Die alten Freunde trennten sich, Walther mit sich und aller Welt unzufrieden.
*
Tief in der Nacht saß Eduard in seinem einsamen Zimmer, mit vielfachen Gedanken beschäftigt. Um ihn lagen unbezahlte Rechnungen, und er häufte die Summen daneben auf, um sie am folgenden Morgen zu tilgen. Es war ihm gelungen, unter billigen Bedingungen ein Kapital auf sein Haus aufzunehmen, und so arm er sich erschien, so war er doch schon in dem Gefühl zufrieden, welches ihm sein fester Vorsatz gab, künftig auf andre Weise zu leben. Er sah sich in Gedanken schon thätig, er machte Plane, wie er von einem kleinen Amte zu einem wichtigern emporsteigen und sich in diesem zu einem noch ansehnlichem vorbereiten wolle. »Die Gewohnheit«, sagte er, »wird ja zu unserer Natur, so im Guten wie im Schlimmen, und wie mir Müßiggang bisher notwendig gewesen ist, um mich wohl zu befinden, so wird es in Zukunft die Arbeit nicht weniger sein. Aber wann, wann wird denn dies erwünschte goldne Zeitalter meines edlern Bewußtseins wirklich und wahrhaft in mir sein, daß ich mit Befriedigung und Wohlbehagen die Gegenstände vor mir und mich selbst werde betrachten können? Jetzt sind es doch nur noch Vorsätze und liebliche Hoffnungen, die blühen und locken; und ach! werde ich nicht auf halbem Wege, vielleicht schon auf dem Anfange meiner Bahn ermatten?«
Er sah die Rose zärtlich an, die im Wasserglase ihm glühend entgegenlachte. Er nahm sie und drückte mit zarter Berührung einen leisen Kuß in ihre Blätter und hauchte einen Seufzer in den Kelch. Dann stellte er sie behutsam in das nährende Element zurück. Er hatte sie neulich, schon verwelkt, in seinem Busen wiedergefunden; seit der Stunde, daß sie im Fluge sein Gesicht berührt hatte, war er ein andrer Mensch geworden, ohne daß er es sich selber gestehen wollte. Man ist nie so abergläubisch und merkt so gern auf Vorbedeutungen, als wenn das Herz recht erschüttert ist und aus dem Sturm der Gefühle ein neues Leben sich erzeugen will. Eduard merkte selbst nicht, wie sehr ihm die kleine Blume Sophien selbst gegenwärtig machte, und da er alles und sich selbst beinah' verloren hatte, so sollte die welke Pflanze sein Orakel sein, ob sie sich wieder erfrische und auch ihm ein neues Glück verkündigen wolle. Da sie aber nach einigen Stunden sich im Wasser nicht entfaltete, so half er ihr und der weissagenden Kraft durch die gewöhnliche Kunst, den Stengel zu beschneiden, diesen dann einige Augenblicke in die Flamme des Lichtes zu halten und die Blume nachher in das kalte Element zurück zu setzen. Fast sichtlich erfrischte sie sich nach dieser gewaltsamen Nachhülfe und blühte so schnell und mächtig auf, daß Eduard fürchten mußte, sie würde binnen kurzem alle ihre Blätter verstreuen. Doch war er seitdem getröstet und traute seinen Sternen wieder.
Er blätterte in alten Papieren seines Vaters, schlug Briefe auseinander und fand so manche Erinnerungen aus seiner Kindheit sowie aus der Jugend des Erzeugers. Er hatte den Inhalt eines Schrankes vor sich ausgepackt, der Rechnungen, Nachweisungen, Prozeßakten und vieles ähnlicher Art enthielt. Indem rollte sich ein Blatt auf, welches das Verzeichnis der ehemaligen Galerie enthielt, die Geschichte der Bilder, ihre Preise und was dem Besitzer bei jedem Stücke merkwürdig gewesen war. Eduard, der von einer Reise zurückkam, als sein Vater auf dem Sterbebette lag, hatte nach dem Begräbnisse vielfach nach jenen verlorenen Bildern gesucht und manche vergebliche Nachforschung angestellt. Er konnte mit Recht erwarten, daß auch von jenen vermißten sich hier ein Wort finden möchte, und wirklich erschien ihm in einem andern Paket, zwischen Papieren versteckt, ein Blatt, welches genau jene Stücke nannte, die Namen der Meister sowie die vorigen Eigentümer. Die Schrift war augenscheinlich aus den letzten Tagen seines Vaters, und unten fanden sich die Worte: diese Stücke sind jetzt , weiter hatte die Hand nicht geschrieben, und selbst diese Zeile war wieder ausgestrichen worden.
Nun suchte Eduard noch eifriger; aber keine Spur. Das Licht war niedergebrannt, sein Blut war erhitzt; er warf die Bogen eilig im Zimmer umher, aber es zeigte sich nichts. Als er ein altes vergelbtes Papier auseinanderschlug, sah er zu seinem Erstaunen einen Schein, der vor vielen Jahren ausgestellt war, in welchem sich sein Vater als der Schuldner Walthers mit einer namhaften Summe bekannte. Er war nicht quittiert, aber doch nicht in den Händen des Gläubigers. Wie war dieser Umstand zu erklären? Er steckte ihn zu sich und rechnete aus, daß, wenn das Blatt gültig wäre, er von seinem Hause kaum noch etwas übrig behalten würde. Er betrachtete einen Beutel, den er in eine Ecke gestellt, und der dazu bestimmt war, ein für allemal noch den Familien, die er bisher im stillen unterstützt hatte, eine ansehnliche Hülfe zu geben. Denn wie er im Verschwenden leichtsinnig war, so war er es auch in seinen Wohlthaten; man hätte sie auch, wenn man strenge sein wollte, Verschwendung nennen können, »Wenn ich nur diese Summe nicht anrühren darf, damit die Elenden sich noch einmal freuen, so ist es nachher auch ebensogut, ganz von vorn anzufangen und nur meinen Kräften zu vertrauen.« Dies war vor dem Einschlafen sein letzter Gedanke.
*
Eduard war vom Geheimrat Walther eingeladen worden; es war lange nicht geschehen, und ob der Jüngling gleich nicht begriff, wie der alte Freund zu diesem erneuten Wohlwollen komme, so ging er doch mit frischem Mute hin, hauptsächlich in der frohen Erwartung, mit Sophien die ehemalige Bekanntschaft wieder anzuknüpfen. Er nahm das aufgefundene Papier mit.
Es war ihm sehr verdrüßlich, dort den alten und den jungen Herrn von Eisenschlicht zu finden; indessen da er bei Tische Sophien gegenüber saß, so richtete er das Gespräch hauptsächlich an diese und bestrebte sich, heiter zu erscheinen, obgleich sein Gemüt auf vielfache Weise gereizt war; denn es entging ihm nicht, wie der alte Walther dem jungen Eisenschlicht mit aller Artigkeit entgegenkam und ihn beinahe vernachlässigte; auch war es in der Stadt bekannt, daß sich der Rat den jungen reichen Mann zum Schwiegersohne wünsche. Dieser ließ sich die Freundlichkeit des Wirts gefallen mit einer Art, als wenn es nicht anders sein könne, und Erich, der es gut mit dem jungen Eduard meinte, suchte nur zu verhindern, daß der gereizte Jüngling nicht in Heftigkeit ausbräche. Sophie war die Munterkeit selbst; sie hatte sich mehr geschmückt als gewöhnlich, und der Vater mußte sie oft prüfend betrachten, denn ihr Anzug wich in einigen Stücken von dem gebräuchlichen ab und erinnerte ihn heute lebhafter als je an jenes verlorene Bild von Messys, welches die beiden jungen Leute in einer gewissen Ähnlichkeit als Schäfer darstellte.
Man versammelte sich nach Tische im Bildersaal, und Erich mußte lächeln, als er bemerkte, daß sein Freund wirklich den falschen Höllenbreughel hoch in einen Winkel hinauf gehangen hatte, wo man ihn kaum noch bemerken konnte. Der junge Eisenschlicht setzte sich neben Sophien und schien sehr angelegentlich mit ihr zu sprechen. Eduard ging unruhig hin und her und betrachtete die Bilder; Erich unterhielt sich mit dem Vater des jungen Freiwerbers, und Walther hatte ein prüfendes Auge auf alle gerichtet.
»Warum aber«, sagte Erich zu seinem Nachbar, »ist Ihnen hier das meiste aus der niederländischen Schule zuwider?«
»Weil sie so viel Lumpenvolk und Bettler darstellt«, antwortete der reiche Mann. »Mein Widerwille trifft auch nicht diese Niederländer allein, sondern vorzüglich ist mir deshalb der Spanier Murillo verhaßt und auch so manche Italiener. Es ist schon traurig genug, daß man sich auf Markt und Straße, ja in den Häusern selbst nicht vor diesem Geschmeiße zu retten weiß; wenn aber ein Künstler verlangt, ich soll mich gar noch auf bunter Leinwand an dem lästigen Volke ergötzen, so heißt das meiner Geduld etwas zu viel anmuten.«
»Da würde Ihnen vielleicht«, sagte Eduard, »der Quintin Messys recht sein, der so häufig Wechsler an ihrem Tische mit Münzen und Rechnungsbüchern so treu und kräftig vor uns hinstellt.«
»Auch nicht, junger Herr«, sagte der alte Mann; »das können wir leicht und ohne Anstrengung in der Wirklichkeit sehn. Soll ich mich einmal an Malerei erfreuen, so verlange ich große königliche Aufzüge, viele schwere Seidenzeuge, Kronen und Purpurmäntel, Pagen und Mohren; das, vereinigt mit einem Anblick auf Paläste, große Plätze und in weite gerade Straßen hinein, erhebt die Seele, das macht mich oft auf lange munter, und ich werde nicht müde, es immer wieder von neuem zu beschauen.«
»Gewiß«, sagte Erich, »hat Paul Veronese und manche andere Italiener auch darin viel Vorzügliches geleistet.«
»Was sagen Sie denn zu einer Hochzeit von Kana in dieser Manier«« fragte Eduard.
»Alles Essen«, erwiderte der alte Herr, »wird auf Bildern langweilig, weil es doch nie von der Stelle rückt, und die gebratenen Pfauen und hoch aufgehobenen Pasteten sowie die halb umgedrehten Mundschenken sind auf allen solchen Darstellungen lästige Kreaturen. Aber ein anderes ist es, wenn sie den kleinen Moses aus dem Wasser ziehn, und dabei steht die Prinzeß in ihrem reichsten Schmuck und umher die geputzten Damen, die auch für Fürstinnen gelten könnten, Männer mit Hellebarden und Rüstungen, selbst Zwerge und Hunde; ich kann nicht sagen, wie es mich erfreut, wenn ich eine solche Geschichte, die ich in meiner frühen Jugend oft unter Beklemmungen in einer dunklen Schulstube lesen mußte, so herrlich ausgeschmückt wieder antreffe. Von dergleichen Sachen aber, lieber Herr Walther, haben Sie zu wenig. Ihre meisten Bilder sind für die Empfindung, und ich will niemals, am wenigsten von Kunstwerken, gerührt sein. Ich werde es auch nicht, sondern ich ärgere mich nur.«
»Noch schlimmer«, fing der junge Eisenschlicht an, »ist es aber in unsern Komödien. Wenn wir aus einer angenehmen Gesellschaft und von einem glänzenden Diner in den erleuchteten Saal treten: wie kann man nur verlangen, daß wir uns für das mannigfaltige Elend und den kümmerlichen Mangel interessieren sollen, der uns hier aufgetischt wird? Könnte man nicht dieselbe polizeiliche Einrichtung treffen, die schon in den meisten Städten löblicherweise angeordnet ist, daß ich ein für allemal für die Armut etwas einlege und mich dann nicht weiter von den einzelnen Zerlumpten und Hungernden inkommodieren lasse?«
»Bequem wäre es ohne Zweifel«, sagte Eduard; »ob aber durchaus zu loben, sei es als Polizei- oder Kunsteinrichtung, weiß ich noch nicht zu sagen. Ich kann mich wenigstens des Mitleids gegen den einzelnen nicht erwehren und mag es auch nicht, wenn man freilich oft zur Unzeit gestört, unverschämt bedrängt und zuweilen auch wohl arg betrogen wird.«
»Ich bin Ihrer Meinung«, rief Sophie aus; »ich kann die stummen, blinden Bücher nicht leiden, in die man sich einschreiben soll, um sich ruhig auf eine unsichtbare Verwaltung verlassen zu können, die dem Elende so viel als möglich abhelfen werde. In manchen Gegenden verlangt man sogar, man soll sich verpflichten, dem einzelnen nichts zu geben. Aber wie kann man nur dem Jammer widerstehn? Wenn ich dem gebe, der mir seine Not klagt, so sehe ich doch wenigstens seine augenblickliche Freude und kann hoffen, ihn getröstet zu haben.«
»Das ist es eben«, sagte der alte Kaufmann, »was in allen Ländern den Bettelstand erhält, daß wir uns nicht von dem kleinlichen Gefühl einer weichlichen Eitelkeit und eines süßlichen Wohlthuns frei machen können und wollen. Dies ist es zugleich, was die besseren Maßregeln der Staaten vereitelt und unmöglich macht.«
»Sie denken anders als jene Schweizer«, sagte Eduard. »Es war in einer katholischen Gegend, wo ein alter Bettler seit lange sein Almosen an gewissen Tagen einkassierte und in jedem Hause fast, da die ländliche Einsamkeit nicht viel Gewerbe und Umtrieb gestattete, mit zur Familie gerechnet wurde. Indessen traf es sich doch, daß man ihn in einer Hütte, als er zusprach, da man gerade mit einer Wöchnerin sehr beschäftigt war, in der Verwirrung und Besorgnis für die Kranke abwies. Als er wirklich nach wiederholter Forderung nichts erhielt, wandte er sich zornig und rief im Scheiden: ›Nun, wahrlich, ihr sollt sehn, daß ich gar nicht wiederkomme, und so mögt ihr dann suchen, wo ihr wieder einen Bettler herkriegt!‹«
Alle lachten, nur Sophie nicht, welche diesen Ausspruch ganz vernünftig finden wollte und mit diesen Worten schloß: »Gewiß, wenn es uns unmöglich gemacht werden könnte, Wohlthaten zu erzeigen, so möchte unser Leben selber arm genug werden. Könnte der Trieb des Mitleids in uns ersterben, so möchte es auch wohl um Lust und Freude traurig aussehen. Derjenige, der glücklich genug ist, mitteilen zu können, empfängt mehr als der arme Nehmende. Ach! das ist ja noch das einzige«, fügte sie mit großer Bewegung hinzu, »was das starre Eigentum, die Grausamkeit des Besitzes etwas entschuldigen und mildern kann, daß auf die Schmachtenden unten etwas von dem unbillig Aufgehäuften herabgeschüttet wird, damit es nicht ganz in Vergessenheit komme, daß wir alle Brüder sind.«
Der Vater sah sie mißbilligend an und wollte eben etwas sagen, als Eduard heftig einfiel, indem er seine feurigen Augen auf die feuchten des Mädchens heftete: »Dächte die Mehrzahl der Menschen so, so lebten wir in einer andern und bessern Welt. Wir entsetzen uns, wenn wir von dem Drangsal lesen, das in Wüsten und Einöden fremder Himmelsstriche dem harmlosen Wanderer auflauert, oder von jenen Schrecknissen, die auf der unwirtbaren See das Schiffsvolk fürchterlich verzehren, wenn im höchsten Mangel kein Fahrzeug oder keine Küste sich auf der unermeßlichen Fläche zeigen will; wir entsetzen uns, wenn Ungeheuer der Tiefe den Verunglückten zerfleischen und doch leben wir nicht in den großen Städten wie auf einem Vorgebirge, wo unmittelbar zu unsern Füßen aller dieser Jammer, dasselbe greuliche Schauspiel sich entwickelt, nur langsamer und desto grausamer? Aber wir sehen aus unsern Konzerten und Festen und aus dem sichern Gewahrsam des Wohlstandes nicht in diesen Abgrund hinein, wo die Gestalten des Elends sich in tausend fürchterlichen Gruppen, wie in Dantes Gebilden, zermartern und verzehren und gar nicht einmal mehr zu uns emporzuschauen wagen, weil sie schon wissen, welchem kalten Blick sie begegnen, wenn ihr Geschrei uns zuzeiten aus den Betäubungen unsrer kalten Ruhe weckt.«
»Diese Übertreibungen«, sagte der alte Eisenschlicht, »sind jugendlich. Ich behaupte immer noch, der wirklich gute Bürger, der echte Patriot soll sich von augenblicklicher Rührung nicht hinreißen lassen, die Bettelei zu unterstützen. Er teile jenen wohlthätigen Anstalten mit, soviel er mit Bequemlichkeit entbehren kann, aber vergeude nicht seine geringen Mittel, die auch hierin der Aufsicht des Staates zu gute kommen sollen. Denn was thut er im entgegensetzten Fall? Er befördert durch seine Weichlichkeit, ja ich möchte es fast wollüstigen Kitzel des Herzens nennen, Betrug, Faulheit, Unverschämtheit und entzieht das Wenige der wahren Armut, die er doch nicht immer antreffen oder erkennen kann. Wenn wir aber auch jene übertriebene Schilderung des Elends als richtig anerkennen wollten, was kann der einzelne auch selbst in diesem Falle Gutes stiften? Ist er denn im stande, die Lage des Verzweifelnden zu verbessern? Was hilft es, doch immer nur wieder einen Tag oder eine Stunde zu erleichtern? Der Unglückliche wird seine Schmach nur um so tiefer empfinden, wenn er nicht seinen Zustand in einen glücklichen verwandeln kann; er wird noch unzufriedener, noch elender werden, und ich schade ihm, anstatt ihm zu nützen.«
»O, sagen Sie das nicht«, rief Eduard aus, »wenn ich Sie nicht verkennen soll; denn es erscheint mir wie Lästerung! Was der Arme in einem solchen Augenblick des Sonnenscheins gewinnt? O mein Herr! er, der schon daran gewöhnt ist, von der Gesellschaft der Menschen ausgestoßen zu sein; er, für den es kein Fest, keinen Markt, keine Gesellschaft und kaum eine Kirche gibt, für den Zeremonie, Höflichkeit und alle die Rücksichten ausgestorben sind, die sonst jeder Mensch dem andern leistet; dieser Elende, dem auf Spaziergängen und in der Frühlingsnatur nur Verachtung grünt und blüht, er wendet oft das dürre Auge nach Himmel und Sternen über sich und sieht auch dort nur Leere und Zweifel; aber in solcher Stunde, die ihm unverhofft eine reichlichere Gabe spendet, daß er mit mehr als augenblicklichem Trost zu den verschmachteten Seinigen in die dunkle Hütte kehren kann, geht ihm plötzlich im Herzen wieder der Glaube an Gott, an seinen Vater auf; er wird wieder Mensch, er fühlt wieder die Nähe eines Bruders und darf diesen und sich wieder lieben. Wohl dem Reichen, der diesen Glauben fördern, der mit der sichtbaren Gabe das Unsichtbare schenken kann, und wehe dem Verschwender, der sich durch frevelnden Leichtsinn dieser Mittel beraubt, ein Mensch unter den Menschen zu sein; denn das Gefühl wird ihn am härtesten strafen, daß er als herzloser Barbar in Strömen das Labsal in die Wüste geschüttet hat, wovon ein jeder Tropfen seine Brüder, unter der Last des mühseligen Lebens erliegend, erquicken könnte.«
Er konnte das letzte nur mit Thränen sagen, er verhüllte sein Angesicht und bemerkte nicht, daß die Fremden, auch Erich, vom Wirte Abschied nahmen. Auch Sophie weinte, doch ermunterte sie sich zur Heiterkeit, als der Vater zurückkam.
Als sich in andern Gesprächen die Gefühle wieder beruhigt hatten, zog Eduard das Papier aus der Tasche und trug dem Rate die zweifelhafte Sache vor, und wie sehr er besorge, noch mit einer ansehnlichen Summe sein Schuldner zu sein, die er ihm durch ein Kapital abzutragen denke, welches er auf sein Haus zu bekommen suchen wolle.