Die Gemälde
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Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Der Alte sah abwechselnd ihn und das vergelbte Papier mit großen Augen an, endlich faßte er die Hand des Jünglings und sagte mit gerührter Stimme: »Mein junger Freund, Sie sind viel besser, als ich und auch die Welt von Ihnen gedacht haben; Ihr Gefühl entzückt mich, und wenn Sie auch mit dem Herrn von Eisenschlicht nicht so heftig hätten sprechen sollen, so war ich doch bewegt; denn, wahrlich! ich denke wie Sie über diesen Punkt. Was dies Papier betrifft, so kann ich Ihnen darüber schwerlich eine entscheidende Antwort geben, ob es gültig sei oder nicht. Es rührt aus einer frühen Zeit her, in der ich mit Ihrem wackern Vater mancherlei und zuweilen verwickelte Geldgeschäfte hatte; wir halfen einander bei unsern Spekulationen und Reisen aus, und der alte Herr war dazumal in früher Jugend freilich zuweilen etwas locker und wild. Er bekennt hier, mir eine ansehnliche Summe schuldig zu sein; das Blatt muß sich unter seinen Papieren verloren haben; ich weiß nichts mehr davon, weil wir sehr viel miteinander zu berechnen hatten, und ich war denn damals auch nicht so ordentlich wie jetzt. Indes« (und mit diesen Worten zerriß er das Blatt) »sei diese anscheinende Forderung zernichtet; denn auf keinen Fall, auch wenn die Schuld klar wäre, könnte ich von dir, mein Sohn, diese Summe annehmen; wenigstens sollte ich dir so viel nachzahlen für jene Gemälde, die du mir zu wohlfeil verkauft hast. Kann ich dir überhaupt helfen, mein gutes Kind, so rechne auf mich, und alles kann vielleicht noch gut werden.«
Eduard beugte sich über seine Hand und rief: »Ja, sein Sie mir Vater, ersetzen Sie mir den, den ich zu früh verloren habe! Ich verspreche es Ihnen, es ist mein fester Vorsatz, ich will ein andrer Mensch werden, ich will meine versäumte Zeit wieder einbringen; ich hoffe, der menschlichen Gesellschaft noch einmal nützlich zu werden. Aber väterlicher Rat, wohlwollende Aufmunterung muß mich leiten, damit ich wieder Vertrauen zu mir fasse.«
»So gut«, sagte der Alte, »hätte es uns schon seit manchem Jahre werden können, aber du hast es dazumal verschmäht. Worin ich dir nur irgend helfen kann, darfst du sicher auf mich rechnen. Jetzt aber will ich doch, Neugierde halber, noch einmal meine Papiere ansehen, ob ich denn doch von dieser Schuld gar keine Nachricht finden sollte.«
Er ließ die beiden jungen Leute allein, die sich erst eine Weile stillschweigend ansahen und sich dann in die Arme flogen. Sie hielten sich lange umschlossen, dann machte sich Sophie gelinde los, entfernte den Jüngling und sagte, indem sie ihm mit Munterkeit ins Auge sah: »Wie widerfährt mir denn das? Eduard, was soll uns denn das bedeuten?«
»Liebe«, rief Eduard, »Glück und ewige Treue! Sieh, liebstes Kind, ich fühle mich wie von einem schweren Traum erwacht. Das Glück, das mir so nahe vor den Füßen lag, das mir mein redlicher Vater schon an deiner Wiege zugedacht hatte, stieß ich wie ein ungezogener Knabe von mir, um mich der Welt und mir selbst verächtlich zu machen. Hast du mir denn vergeben, holdseliges Wesen? Kannst du mich denn lieben?«
»Ich bin dir recht von Herzen gut, du mein alter Spielkamerad«, sagte Sophie; »aber glücklich sind wir darum noch nicht.«
»Was kann uns noch im Wege sein!« rief Eduard aus. »O, wie tief beschämt es mich, daß ich deinen edlen Vater so sehr habe verkennen mögen! Wie gütig er mir entgegenkommt! Wie herzlich er mich als Sohn an seine Brust drückt!« »Ja, du wunderlicher Kauz«, lachte Sophie auf, »das ist ja aber nicht so gemeint. Aber der bleibt zeitlebens unbesonnen und hat gleich die Rechnung ohne den Wirt gemacht! Davon wird der Papa, so gut er auch sein mag, nicht eine Silbe hören wollen. Auch müssen wir beide uns ja erst näher kennen lernen, Freund, das sind Sachen, die sich noch in die Jahre hinaus verziehen können. Und während der Zeit sattelst du auch vielleicht wieder um und lachst dann in deiner lustigen Gesellschaft über meinen Gram und meine Thränen.«
»Nein!« rief Eduard und warf sich vor ihr nieder; »verkenne mich nicht, sei so gut und lieb, wie dein Auge verspricht! Und ich fühle es, dein Vater wird sich unsers Glückes freuen, er wird unsern Bund segnen!« Er umfaßte sie heftig, ohne zu bemerken, daß der Vater schon wieder hinter ihm stand. »Was ist das, junger Herr?« rief der Alte erzürnt aus; »den Bund segnen? Nein, vertreiben, aus seinem Hause verbannen wird er den lockern Zeisig, der so sein Vertrauen und seine Neigung zu ihm mißbrauchen will.«
Eduard war aufgestanden und sah ihm ernst ins Auge. »Sie sind nicht gesonnen, mir Ihre Tochter zur Frau zu geben?« fragte er mit ruhigem Tone.
»Was!« rief der Alte mit der größten Ungeduld, »seid Ihr rasend, Patron? Einem Menschen, der den Nachlaß seines Vaters, die kostbarsten Bilder verkauft und verschleudert hat? Und wenn Ihr ein Millionär wäret, ein so gefühlloser Mensch erhielte sie niemals! Ei, da würde es nach meinem Tode, vielleicht schon während meinen letzten Tagen an ein herrliches Auskneten meiner Schätze gehen, da würden die Bilder in alle vier Ecken der Welt fliegen, daß ich keine Ruhe in meinem Grabe hätte. Klug ist er aber, der saubre Herr. Macht mich erst recht treuherzig, bringt mir mit herrlicher Großmut ein altes Schuldblatt seines Vaters, das er mir noch bezahlen will, kirrt mich in die Rührung hinein, damit ich nur noch großmütiger, noch edler und heroischer werden und ihm meine Tochter an den Hals werfen soll. Nein, nein, mein junger Herr, so leicht hat Er das Spiel bei mir nicht gewonnen. Die Schuld ist kassiert, ich finde keine Spur davon in meinen Büchern, und selbst, wie ich schon sagte, wenn es wäre. Auch will ich Ihm helfen, wie ich versprach, mit Rat und That, mit Freundschaft und Geld, soviel Er nur billigerweise verlangen kann. Aber mein Kind laß Er aus dem Spiele, und darum verbitt' ich mir in Zukunft Seine Gegenwart in meinem Hause. Auch mag sie Ihn gar nicht, so wie ich sie kenne. Sprich, Sophie, wärst du wohl im stande, dich mit einem solchen Thunichtgut einzulassen?«
»Ich mag gar noch nicht heiraten«, sagte Sophie, »und diesen wohl am wenigsten, der zu allen Dingen in der Welt besser als zu einem Ehemann paßt.« Halb schmerzhaft und doch lächelnd warf sie dem Jüngling einen scheidenden Blick zu und verließ den Saal. »Sophie!« rief Eduard aus und wollte ihr nacheilen; »wie kannst du diese Worte sprechen?« Der Alte hielt ihn am Kleide fest und machte Miene, ihm noch eine lange Ermahnung zu halten; doch Eduard, der nun die Geduld völlig verloren hatte, nahm seinen Hut, stellte sich vor den Vater und sagte mit einer Stimme, die von Zorn und Schluchzen unterdrückt war: »Ich gehe, alter Herr, und komme nicht, merken Sie sich das! in Ihr Haus zurück, bis Sie mich rufen lassen, bis Sie mich selber wieder hieher zurückrufen! Ja, bis Sie mich inständig bitten, Ihre Wohnung nicht zu verschmähen! Es kann mir nicht fehlen; Talente, gute Aufführung, Kenntnisse, sie bahnen mir den Weg zu den höchsten Ehrenstellen. Dem Prinzen bin ich schon empfohlen. Das ist aber nur die erste und kleinste Staffel meines Glücks! Ganz andre Wege müssen sich mir eröffnen. Und wenn dann die Stadt es sich zur Ehre rechnet, mich geboren zu haben, wenn ich diese jetzige Stunde ganz vergessen habe, dann sende ich irgend einen Vertrauten von Ansehn zu Ihnen und lasse unter der Hand anfragen, wie es um Ihre Tochter steht: dann fallen Sie aus den Wolken, daß ich noch an Sie denke, Sie falten andächtig die Hände, daß sich Ihnen die Möglichkeit zeigt, einen solchen Schwiegersohn zu erhalten und so, gerade so wird es kommen, und auf diese Weise werde ich Sie zwingen, mir Ihre Tochter zu geben.«
Er stürzte fort, und der Vater sah ihm mit zweifelndem Blicke nach und murmelte: »Nun ist er gar verrückt geworden.«
Im Freien, als dem jungen Manne ein heftiges Schneegestöber entgegenschlug, verkühlte sich seine sonderbare Hitze; er mußte über seine Heftigkeit und jene unsinnigen Reden erst lächeln, dann laut lachen, und als er sich in seiner Wohnung befand, kam er beim Umkleiden völlig zur Besinnung. Dieser Tag war für ihn von der höchsten Wichtigkeit, denn die Stunde war jetzt da, in welcher er sich dem Prinzen, der unterdessen, wie man ihm gesagt hatte, angelangt war, vorstellen sollte. Die Kleider, welche er jetzt anlegte, hatte er lange nicht getragen, mit solcher Aufmerksamkeit hatte er sich noch nie im Spiegel betrachtet. Er musterte seine Gestalt und konnte sich nicht verhehlen, daß er gut gewachsen, daß sein Auge feurig, sein Gesicht anmutig und die Stirne edel sei. »Mein erster Anblick«, sagte er zu sich selbst, »wird ihm wenigstens nicht mißfallen. Alle Menschen, selbst diejenigen, die mich nicht leiden können, loben mein gewandtes und feines Betragen; ich habe manche Talente und Kenntnisse, und was mir mangelt, kann ich bei meiner Jugend, bei meinem trefflichen Gedächtnisse leicht nachholen. Er wird mich lieb gewinnen, und bald werde ich ihm unentbehrlich sein. Der Umgang mit der großen Welt wird nach und nach alles das wegschleifen, was mir noch von schlechten Gesellschaften anhängen mag. Reife ich nun auch mit ihm und muß mich etwa ein Jahr oder selbst noch länger von hiesiger Gegend entfernen, so dient dies auch in fremden Ländern nur um so mehr dazu, mich in seiner Gunst recht festzusetzen. Wir kommen dann zurück; meiner Bildung, meinen Ansprüchen kommen durch seine Protektion die ansehnlichsten Stellen hier oder auch im Auslande entgegen, und ich werde gewiß alsdann nicht vergessen haben, daß es doch Sophie eigentlich war, die mein besseres Selbst zuerst aus seinem Schlaf erweckte.«
Er war nun angekleidet und so trunken von seinen Hoffnungen, daß er es nicht merkte, wie er wieder die nämlichen Worte vor sich selber aussprach, über welche er sich vorhin verlacht hatte. Er nahm die ganz erblühte Monatsrose aus dem Glase und drückte sie, um sich zu seinem Gange zu stärken, an den Mund, aber zugleich fielen ihm alle ihre Blätter vor die Füße. »Eine üble Vorbedeutung!« seufzte er und ging aus dem Hause, um in den Wagen zu steigen.
Als er im Palast angelangt war, gab er dem Bedienten den Brief, welcher ihn dem Prinzen empfehlen sollte. Zudem er den Spiegelwänden vorüber spazierte, kam zu seiner Verwunderung der junge Dietrich aus einem Seitenzimmer in verstörter Eile und bemerkte anfangs seinen Befreundeten nicht. »Wie kommen Sie hieher?« fragte Eduard hastig. »Kennen Sie den Prinzen?« »Ja nein« stotterte Dietrich, »es ist eine sonderbare Sache die wohl ich will es Ihnen erzählen, aber freilich wird hier keine Zeit dazu sein.«
Dies war in der That der Fall, denn eine geschmückte, in Juwelen prangende Dame schritt mit vornehmem Anstande herein und vertrieb den jungen Maler, der sich mit ungeschickten Verbeugungen entfernte, Eduard stand still, als die glänzende Erscheinung ihm näher kam; er wollte sich verneigen, aber sein Erstaunen lähmte seine Bewegung, als er in ihr jene Schöne plötzlich erkannte, die zum Nachteil seines Rufes so lange in seinem Hause gewohnt und mehr als alle seine Verirrungen sein Vermögen verringert hatte. »Wie!« rief er aus »du selbst Sie, hier in diesen Zimmern?«
»Und warum nicht?« fagte sie lachend. »Es wohnt sich gut hier. Du merkst doch wohl, mein Freund, daß ich, wie einst deine Freundin, so jetzt die Freundin des Fürsten bin, und wenn du etwas bei ihm suchst, so kann ich dir Ungetreuem vielleicht beförderlich sein, denn er hat mehr Gemüt als du, und auf seine fortdauernde Gunst kann ich sicherer zählen, als es mir mit deinem Flattersinn gelingen wollte.«
Eduard mochte die freundliche Schöne in dieser Stunde nicht daran erinnern, daß sie sich zuerst von ihm entfernt hatte, als sie gesehen, daß sein Vermögen verschwendet war; er entdeckte ihr seine Lage und seine Hoffnungen, und sie versprach, sich mit dem besten Eifer für ihn zu verwenden. »Sei nur ruhig, mein Freund«, so beschloß sie ihre Versicherungen, »es kann und soll dir nicht fehlen, und dann wird es sich ja zeigen, ob du noch ein Fünkchen Liebe in deinem kalten Herzen für mich aufbewahrt hast. Nur mußt du vorsichtig sein und in seiner Gegenwart fremd gegen mich thun, damit er nie erfährt oder merkt, daß wir uns schon sonst gekannt haben.«
Mit einem flüchtigen Kuß, wobei die geschminkte Wange ihm einen lebhaften Widerwillen erregte, verließ sie ihn, und Eduard ging mit dem größten Mißbehagen im Saale auf und ab, da sich alles so ganz anders gestaltete, als er es sich vorgebildet hatte. Dieses Wesen, welches er hassen mußte, in seiner neuen Umgebung zu finden, schlug alle seine Hoffnungen nieder, und er nahm sich fest vor, ihren Netzen und Lockungen zu entgehen, und wenn diese seine Tugend ihm auch die grüßten Nachteile bringen sollte.
Indem öffnete sich die Thüre, und jener ihm so widerwärtige Unbekannte trat mit seinem hoffärtigen Gange und stolzer Gebärde herein.
Eduard ging ihm entgegen und sagte: »Vielleicht gehören Sie zum Gefolge Seiner Durchlaucht und können mir melden, ob ich jetzt die Ehre haben kann, ihm meine Aufwartung zu machen.«
Der Fremde stand still, sah ihn an, und nach einer Pause antwortete er in kaltem Tone: »Das kann ich Ihnen freilich sagen, keiner besser als ich.« Eduard erschrak, da er den Empfehlungsbrief in seinen Händen bemerkte. »Will mich der Prinz nicht sprechen?« fragte er bestürzt. »Er spricht mit Ihnen«, antwortete jener und mit so höhnendem und wegwerfendem Tone, daß der junge Mann alle Fassung verlor. »Ich halte mich schon seit einiger Zeit in dieser Stadt auf«, fuhr der vornehme Fremde fort, »und habe Gelegenheit gefunden, Menschen und Verhältnisse durch mein Inkognito kennen zu lernen. Wir sind uns auf eine etwas sonderbare Art nahe gekommen, und wenn ich auch jenen Schritt, von dem Sie wohl selbst wissen, daß er kein ganz unschuldiger war, entschuldigen könnte, so hat er mir doch ein gerechtes Mißtrauen gegen Ihren Charakter eingeflößt, so daß ich unmöglich Ihnen eine Stelle einräumen kann, die uns in eine vertrauliche Nähe rücken würde. Ich gebe Ihnen also diesen Brief zurück, den ich, trotz seiner warmen Empfehlung, und obwohl er aus höchst achtungswürdigen Händen kommt, nicht berücksichtigen kann. Insofern Sie mich persönlich beleidigt haben, ist Ihnen, da Sie mich nicht kannten, völlig vergeben, und Ihre jetzige Beschämung und Verwirrung ist mehr als hinlängliche Strafe. Ein junger Mann verließ mich eben, von dem ich ein ziemlich wohlgeratenes Bild gekauft habe, und welchem ich auch einige Warnungen und gute Lehren für seine Zukunft mitgegeben habe. Ich sehe, daß unser Zusammentreffen Sie etwas zu sehr erschüttert, und da Sie vielleicht auf jene Stelle schon mit zu großer Sicherheit gerechnet hatten und wohl in augenblicklicher dringender Verlegenheit sind, so empfangen Sie diesen Ring zu meinem Andenken und zum Zeichen, daß ich ohne allen Groll von Ihnen scheide.«
Eduard, welcher indes Zeit gehabt hatte, sich wieder zu sammeln, trat mit Bescheidenheit einen Schritt zurück, indem er sagte: »Rechnen Sie es mir, durchlauchtiger Prinz, nicht als Stolz und Übermut an, wenn ich dieses Geschenk, welches mir unter andern Umständen höchst ehrenvoll sein würde, in dieser Stunde ausschlage. Ich kann Ihre Art nicht mißbilligen, und Sie erlauben mir gewiß, ebenfalls meinem Gefühle zu folgen.«
»Junger Mann«, sagte der Prinz, »ich will Sie nicht verletzen, und da Sie mir Achtung abzwingen, so muß ich Ihnen auch noch sagen, daß wir uns, ungeachtet der sonderbaren Art, unsre Bekanntschaft zu machen, vereinigt hätten, wenn nicht eine Person, die ich achten und der ich glauben muß, und welche Sie vorhin in diesem Saale traf, mir so viel Nachteiliges von Ihnen gesagt und mich dringend ersucht hätte, auf den Brief keine Rücksicht zu nehmen.«
»Ich werde«, sagte Eduard wieder ganz heiter, »dem Beispiele dieser Dame nicht folgen und sie wieder anklagen, noch mich über sie beklagen, da sie gewiß nur ihrer Überzeugung gemäß gesprochen hat. Wenn mir aber Ihre Durchlaucht die Gnade erzeigen wollen, das Bild des jungen Dietrich sowie einige Ihrer andern Gemälde zu zeigen, so werde ich mit der größten Dankbarkeit von Ihnen scheiden.«
»Es freut mich«, antwortete der Prinz, »wenn Sie Interesse an der Kunst nehmen; ich habe zwar nur weniges hier, aber ein Bild, das ich vor einigen Tagen so glücklich war, zu dem meinigen zu machen, wiegt allein eine gewöhnliche Sammlung auf.«
Sie traten in ein reich verziertes Kabinett, wo an den Wänden und auf einigen Staffeleien ältere und neuere Bilder sich zeigten. »Hier ist der Versuch des jungen Mannes«, sagte der Prinz, »welcher allerdings etwas verspricht, und ob ich gleich dem Gegenstande keinen Geschmack abgewinnen kann, so ist doch die Behandlung desselben zu loben. Die Färbung ist gut, wenn auch etwas grell, die Zeichnung ist sicher und der Ausdruck rührend. Nur sollte man die Marien mit dem Kinde endlich zu malen aufhören.«
Der Prinz zog einen Vorhang aus, stellte Eduard in das rechte Licht und rief: »Sehn Sie aber hier dies gelungene, herrliche Werk meines Lieblings, des Julio Romano, und erstaunen Sie und entzücken Sie sich!«
Mit einem lauten Ausrufe und mit einem höchst freudigen, ja lachenden Gesicht mußte Eduard in der That dies große Bild begrüßen; denn es war das wohlbekannte Machwerk seines alten Freundes, an welchem dieser schon seit einem Jahre gearbeitet hatte. Es war Psyche und der schlafende Amor. Der Prinz stellte sich zu ihm und rief: »Daß ich diesen Fund gethan habe, bezahlt mir allein schon die Reise hieher! Und bei jenem alten, unscheinbaren Manne habe ich dies Kleinod angetroffen! Ein Mann, welcher selbst als Künstler keine unbedeutende Rolle spielt, aber doch bei weitem nicht so erkannt wird, wie er sollte. Er besaß das Gemälde schon lange und wußte, daß es vom Julio sei; indessen da er nicht alles gesehen hat, so waren ihm immer noch einige Zweifel geblieben, und er war erfreut, von mir so viele nähere Umstände von diesem Meister und seinen Werken zu erfahren. Denn freilich hat er Sinn, der Alte, und weiß wohl ein solches Juwel zu würdigen; aber er ist nicht in alle Trefflichkeiten des Malers eingedrungen. Ich würde mich geschämt haben, seine Unkenntnis zu benutzen, denn er forderte für diese herrliche Arbeit, zu der er auf sonderbare Weise gekommen ist, einen zu mäßigen Preis; ich habe diesen erhöht, um die Zierde meiner Galerie auch auf eine würdige Art bezahlt zu haben.«
»Er ist glücklich«, sagte Eduard, »der verkannte alte Mann, einen solchen Kenner und edlen Beschützer zum Freunde gewonnen zu haben; vielleicht ist er im stande, die Galerie Eurer Durchlaucht noch mit einigen Seltenheiten zu vermehren, denn er besitzt in seiner dunklen Wohnung manches, was er selbst nicht kennt oder würdigt, und ist eigensinnig genug, seine eigenen Arbeiten oft allen älteren vorzuziehn.«
Eduard empfahl sich, ging aber nicht sogleich nach Hause, sondern eilte, so leicht bekleidet er auch war, nach dem Park, rannte lustig durch die abgelegenen, mit Schnee bedeckten Gänge, lachte laut und rief: »O Welt! Welt! Lauter Fratzen und Albernheiten! O Thorheit, du buntes, wunderliches Kind, wie führst du deine Lieblinge so zierlich an deinem glänzenden Gängelbande! Lange lebe der große Eulenböck, er, der trefflicher als Julio Romano oder Raffael ist! Habe ich doch nun auch einmal einen Kenner kennen gelernt.«
*
Eduard hatte nun Anstalten zu dem lustigen Abend gemacht, welchen er mit Eulenböck verabredet hatte. Vor kurzem war ihm dieser Tag als ein lästiger erschienen, den er nur bald hinter sich zu haben wünschte; jetzt aber war seine Stimmung so, daß er sich auf diese Stunden der Betäubung freute, weil er meinte, daß sie für lange Zeit seine letzten vergnügten sein würden. Gegen Abend erschien der Alte und schleppte mit einem Diener zwei Körbe mit Wein herbei. »Was soll das?« fragte Eduard; »ist es denn nicht ausgemacht, daß ich Euch bewirten soll?« »Das sollst du auch«, sagte der Alte, »nur bringe ich einigen Vorrat zum Sukkurs, weil du die Sache doch eigentlich nicht verstehst, und weil ich auch an diesem Abend recht ausgelassen sein will.«
»Ein trauriger Vorsatz«, erwiderte Eduard, »lustig sein zu wollen, und dennoch habe ich ihn auch gefaßt, mir und meinem Schicksal zum Trotz.«
»Sieh da«, sagte Eulenböck lachend, »hast du auch ein Schicksal? Das hab' ich gar nicht einmal gewußt, junger Bursche; mir schien das Wesen sich immer höchstens zum Verhängnis hin zu neigen. Aber vornehmer ist das andere ohne Zweifel, und vielleicht wird es noch zum Geschick, wenn du erst etwas klüger geworden bist. Ja, ja, Freund, Geschick, das ist es, was den meisten Menschen fehlt, Verstand, Umstände zu nutzen oder sie hervorzubringen, und darüber geraten sie ins Schicksal oder gar in das noch fatalere Verhängnis, wo sich dann nicht immer eine christliche Hand findet, sie wieder los zu schneiden.«
»Du bist unverschämt«, rief Eduard aus, »und glaubst witzig zu sein, oder du hast dir gar schon einen Rausch getrunken.«
»Kann sein, mein Kind«, schmunzelte jener, »und wir wollen bald die Anstalten treffen, mich wieder nüchtern zu machen. Unser gutes Prinzchen hat mich in eine Art von Wohlstand versetzt, der, wenn ich Vernunft habe, ein dauernder sein kann; denn er protegiert mich trefflich, wird mir noch mehr abkaufen und auch Sachen von meinem eignen Pinsel malen lassen. Er meint, ich wäre hier in dieser Stadt nicht an meiner Stelle, man erkenne mich nicht genug an, und es mangle mir an Aufmunterung. Vielleicht nimmt er mich mit und bildet mich noch zum echten Künstler aus, denn ei hat den besten Willen dazu und ich gerade Sinn und Talent genug, um ihn zu verstehn und mir von ihm raten zu lassen.«
»Schelm, der du bist!« sagte sein junger Freund; »ich habe lachen müssen, daß du deinen Julio Romano so vorteilhaft verkauft hast; aber ich möchte denn doch nicht an deiner Stelle sein.«
Der Alte ging auf ihn zu, sah ihn starr an und sagte: »Und warum nicht, Kleiner? Wenn du nur die Gabe dazu hättest! Jeder Mensch malt und pinselt an sich herum, um sich für besser auszugeben, als er in der That ist, und für ein wunderbares, künstliches Original zu gelten, da die meisten doch nur geschmierte Kopieen von Kopieen sind. Hättest du meinen Gönner das Bild nur analysieren hören, da hättest du etwas lernen können! Nun verstehe ich erst alle die Kunstabsichten des Julio Romano; du glaubst nicht, wie viel Treffliches ich an dem Bilde übersehen hatte, wie viele Stellen seines markigen Pinsels. Ja, es ist eine Freude, einen solchen Künstler so recht zu durchdringen, und wenn man ihn ganz und in allen seinen Teilen zugleich faßt, so überschleicht uns im vollständigen Gefühl seines hohen Wertes eine wohlthätige Empfindung, als hätten wir auch an seiner Herrlichkeit einigen Anteil; denn ein Kunstwerk ganz verstehen, heißt, es gewissermaßen erschaffen. Wie großen Dank bin ich meinem erlauchten Gönner und Kenner schuldig, daß er mir auch außer dem Gelde noch eine solche Fülle von Künstlerweihe zufließen läßt.«
»Wenn ich ihn nicht an der Tafel hätte malen sehen«, rief Eduard lächelnd aus, »so könnte er mich glauben machen, das Bild sei ein echtes!«
»Was hast du gesehen?« antwortete im Eifer der Alte; »was verstehst du von der Magie der Kunst und jenen unsichtbaren Geistern, die sich durch die Farbe und Zeichnung herbeiziehn und verkörpern lassen? Das sind eben Geheimnisse für den Laien. Glaubst du denn, man malt nur, um zu malen, und daß es mit Palette, Pinsel und dem guten Vorsatze genug sei? O teurer Gelbschnabel, da müssen noch gar wunderbare Konjunkturen, astralische Einflüsse und Wohlwollen mannigfaltiger Geister zusammentreffen, um etwas Rechtschaffenes zu stande zu bringen! Hast du es noch niemals erlebt, daß ein feinsinniger, tiefdenkender Künstler sein Tuch und Netz ausspannt und seine Pinsel in die besten Farben taucht, um das schönste Ideal in sein Netz zu locken und hinein zu kitzeln? Er hat sich redlich vorgenommen, einen Apollo zu malen, er streicht und tuscht und wischt und bürstet und lächelt verliebt und mit süßester Freundlichkeit die Kreatur an, die aus dem Nichts und Nebel hervorgehen soll, und wenn es nun fertig ist, siehe da, so hat sich in alle die künstlichen Netze ein wahrer Lümmel eingefangen, der aus der arkadischen Landschaft uns zähnefletschend entgegengrinst! Nun kommen die Unverständigen und schreien und toben: der Malerkerl hat kein Talent, er hat die Antike nicht gehörig verstanden, er hat statt eines Ideals ein Schmierial hervorgebracht, und was dergleichen unverdaute Urteile mehr ausgestoßen werden. So wird alsdann das gerührte Herz des Künstlers verkannt, dem sich ein wahrer Teufel, eine Höllenbrut statt eines Himmelsengels in seiner künstlichen Krebsreuse gefangen hat. Denn auch diese Geister streifen herum und lauern nur darauf, wo sie sich verkörpern können. Bildwerke, die etwa untergehn, treiben sich oft lange geängstigt im leeren Raume um, bis ein freundlicher und der Sache gewachsener Mann ihnen wieder Gelegenheit verschafft, sichtlich herabzusteigen. Es hat mich Mühe genug gekostet, dieses Gedichts des trefflichen römischen Malers wieder habhaft zu werden; es erfordert mehr Studium, als du daran wandtest, wenn du in der Jugend dem Nachbar seine Tauben wegfingst. Wenn du der Meinung bist, daß der Mensch, um eine heilige Geschichte zu malen, nicht seine ganze Andacht dem Gegenstände entgegenbringen muß, so bist du sehr im Irrtum, aus dem dich unser junger Freund, der talentvolle Dietrich, am ersten reißen könnte.«
Dietrich, welcher eingetreten war und nur die letzte Äußerung gehört hatte, nahm sogleich Gelegenheit, diesen letzten Satz weitläufiger auszuführen. Indessen ließ Eulenböck decken und stellte die Weine in die Ordnung, nach welcher sie genossen werden sollten; nachher wandte er sich mit der Frage an Eduard: »Und was denkst du nun in Zukunft anzufangen?«
»Fürs erste nicht viel«, antwortete dieser; »indessen will ich meine vernachlässigten Studien wieder anknüpfen und fortsetzen und mich vorzüglich mit Geschichte und den neuern Sprachen beschäftigen. Ich schränke mich ein, vermiete die übrigen Teile meines Hauses, welches mir doch ohne Nutzen leer steht, und behalte nur diesen kleinen Saal und die angrenzenden Zimmer. So hoffe ich, ohne Sorgen, bei einer vernünftigen Lebensart, über die ersten Jahre hinüber zu kommen und mich indes zu irgend einem Amte tauglich gemacht zu haben.«
»Hier also wird dein Museum sein?« sagte Eulenböck, indem er mit dem Kopfe schüttelte. »Diese Einrichtung will mir gar nicht gefallen, denn ich glaube nicht, daß diese Wände dazu geeignet sind, um hier gehörig studieren zu lassen, denn sie haben nicht die gehörige Resonanz, das Zimmer selbst hat nicht die wahre Quadratur, die Gedanken schlagen zu heftig zurück und verschwirren, und wenn du einmal eine rechte Fuge denken willst, so klappert gewiß alles durcheinander. Dein seliger Papa war auch darin wunderlich, noch in seinen letzten Jahren diesen schönen Saal durch seinen Eigensinn so zu verderben. Sonst sah man die Straße auf der einen Seite, und hier auf der andern über den Garten und den Park hinweg in die Hügel und fernen Berge hinein. Diese schöne Aussicht hat er nicht nur zumauern lassen, sondern auch noch die Fensteröffnungen mit Bohlen und Täfelung weit herein verbaut und so das Ebenmaß des Zimmers gestört. An deiner Stelle riss' ich das Wesen, Tapeten und Vertäfelung, wieder auf und ließe, wenn doch einmal Fenster fehlen sollen, jene nach der Straße vermauern.«
»Es war kein Eigensinn«, sagte Eduard, »es geschah, da er hier am liebsten wohnte, seiner Gesundheit wegen; der Morgenwind von hier schadete ihm und erregte ihm Gichtschmerzen. Konnte er doch in den andern Zimmern die grüne Aussicht genießen.«
»Wäre nur der alte Walther kein Narr«, fuhr Eulenböck fort, »so wäre dir leicht geholfen. Er könnte dir das Mädchen geben, die ja doch versorgt werden muß, und alles wäre wieder in Ordnung!«
»Schweig!« rief Eduard mit der größten Heftigkeit aus; »nur heute laß mich vergessen, was ich hoffte und träumte. Ich mag nicht mehr an sie denken, seit ich zu meinem Entsetzen fühlte, daß ich sie liebe. Ich will es mir nicht wiederholen, wie albern und thöricht ich mich gegen den Vater betrug; nichts soll mir heut' einfallen, auch ihre unbegreifliche Aufführung nicht. Nein, es gab ein herrliches Glück für mich, ich habe es zu spät erkannt; das ist die Strafe meines Leichtsinns, daß ich auf ewig darauf verzichten muß! Wie ich aber ohne sie leben soll, muß ich erst von der Zukunft lernen.«
Indem trat der junge Mensch herein, der bis jetzt Eduards Bibliothekar vorgestellt hatte. »Hier ist der Katalog, welchen Sie befohlen hatten«, sagte er, indem er dem beschämten Jünglinge einige Blätter überreichte. »Wie?« rief dieser aus, »nicht mehr als nur etwa sechshundert Bände sind noch von der schönen Sammlung übrig? Und unter diesen nur die gewöhnlichsten Werke?« Der Bibliothekar zuckte mit den Achseln. »Da Sie mir gleich vom Anbeginn«, erwiderte er, »meinen Gehalt in Büchern ausgezahlt haben, so mußte ich diejenigen nehmen, die am ersten Käufer fanden; auch bin ich nicht genug Kenner von Seltenheiten und habe diese wohl nicht genug gewürdiget; außerdem haben Bücher, vorzüglich Raritäten, zu verschiedenen Zeiten einen ungleichen Wert, und ist der Verkäufer gedrängt, um eine Summe zu erhalten, so muß er fast nehmen, was ihm geboten wird.«
»So hätt' ich also«, sagte Eduard halb in Wehmut, halb mit Lachen, »gewiß besser gethan, gar keinen Bibliothekar anzunehmen oder die Sammlung gleich anfangs zu verkaufen, dann hätte ich Geld dafür gehabt oder die Bücher behalten. Und welche Sammlung! Mit welcher Liebe hat sie mein Vater gehegt! Welche Freude war es ihm, als er den seltnen Petrark, die erste Ausgabe des Dante und Boccaz erhielt! Wie könnt' ich es vergessen, daß sich in den meisten Büchern Nachweisungen von seiner Hand finden! Wie wollt' ich diese Werte ehren, wenn ich sie noch besäße! Übrigens, da ich keine Bibliothek mehr habe, werden Sie ermessen, wie ich Ihnen auch schon neulich meldete, daß ich keines Bibliothekars mehr bedarf. Indessen wollen wir heut' noch miteinander fröhlich sein.«
Jetzt trat auch der Mann herein, der oft an den wilden Gelagen teilgenommen hatte, und den sie wegen seiner Gesinnungen immer nur den Pietisten nannten. Sie hatten ihm diesen Namen beigelegt, weil er nie in die heitern Scherze oder ausgelassene Fröhlichkeit der andern stimmte, sondern unter Murren und moralischen Betrachtungen seinen Anteil am Mahle verzehrte. »Nun fehlt nur noch das Krokodil«, rief Eulenböck aus, »so sind wir beisammen.« Dies war ein kleiner hypochondrischer Buchhalter, blaß und eingeschrumpft, aber einer der größten Trinker. Den sonderbaren Namen hatten sie ihm beigelegt, weil er alsbald, sowie ihn der kleinste Rausch anwandelte, in Thränen ausbrach und diese um so reichlicher vergoß, je länger das Gelag dauerte und je ausgelassener die übrigen waren. Die Thüre öffnete sich, und die Jammergestalt machte den wunderlichen Kreis der Gäste vollständig.
Die Tafel war mit Trüffelpasteten, Austern und andern Leckerbissen bedeckt; man setzte sich, und Eulenböck, dessen purpurrotes Gesicht zwischen den Kerzen einen ehrwürdigen Schein von sich gab, begann auf feierliche Weise also: »Meine versammelten Freunde! Ein Unwissender, der plötzlich in diesen Saal träte, könnte von diesen Anstalten, die den Schein eines Festes haben, verleitet werden, im Fall er die Mitglieder dieser Gesellschaft nicht näher kennen sollte, die Meinung zu fassen, es sei hier aus Schwelgerei, Trinken, Tumult und ausgelassene Lustigkeit, die nur der rohen Menge ziemt, angelegt worden. Selbst ein junger Künstler, Dietrich mit Namen, der zum erstenmal unter uns an diesem Tische sitzt, läßt verwundernde Blicke auf die Menge dieser Flaschen und Gerichte, auf diese Gansleberpastete, auf diese Austern und Muscheln und auf den ganzen Apparat einer Feierlichkeit schießen, der ihm hier einen übertriebenen sinnlichen Genuß zu versprechen scheint, und auch er wird sich wundern, wenn er erfährt, wie alles dies so ganz anders und im entgegengesetzten Sinne gemeint sei. Meine Herren, ich bitte, acht zu geben und meine Worte nicht zu leicht in das Ohr fallen zu lassen. Wenn Länder die Geburt eines Prinzen feierlich begehn, wenn in Arabien ein ganzer Stamm sich festlich freut, indem sich ein Dichter in ihm gezeigt und hervorgethan hat, wenn die Installation des Lord-Mayor mit einem Schmause verherrlicht wird, ja wenn man die Geburtsstunde der Pferde von echter Rasse nicht unbillig auf nachdenkliche Weise auszeichnet: so liegt es uns ja wohl noch näher (um nicht mit einem Antiklimax zu schließen), aufzuschauen, gerührt zu sein und etwa mit Gläsern anzustoßen, wenn das Unsterbliche sich uns zeigt, wenn die Tugend uns würdigt, körperlich vor uns zu erscheinen. Ja, meine Freunde, gerührten Herzens spreche ich es aus, ein junger angehender Tugendhafter ist unter uns, der noch heut' Abend sich als eingepuppter Schmetterling durchbeißen und seine Schwingen im neuen Leben entfalten wird. Es ist niemand anders als unser edler Wirt, der uns so manchen Schmaus gegönnt, so manches Glas eingeschenkt hat. Aber ein feuriger Vorsatz, abgerechnet, daß er selbst auf dem Trocknen sitzt, jener Impetus der Begeisterung, von dem schon die Alten sangen, reißt ihn nun von uns in lichte Höhen hinauf, und wir, von diesem Tisch und Flaschen und Schüsseln, seiner irdischen Grabesstätte, schauen ihm schwindelnd nach, staunend, welchen fremden Regionen er nun zusteuern wird. Ich sage euch, Teuerste, er wälzt unendlich viele und treffliche Entschlüsse in seinem Busen; und was kann der Mensch, selbst der schwächste und unansehnlichste, nicht entschließen! Habt ihr es wohl je schon erwogen (aber in euerm Leichtsinn denkt ihr nicht an dergleichen), daß in einer unscheinbaren Mappe, wenn sie nur etwa hundert gezeichnete Landschaften enthält, sich eine Strecke von tausend Meilen verbergen kann, und daß sie selbst doch nicht mehr Raum einnimmt als ein mäßiger Foliant? Denn Perspektive liegt dort neben Perspektive, und Berg und Thal und Fluß und weite, unendliche Aussichten. So mit den Vorsätzen! So schwächlich unser Pietist oder Herr Dietrich aussieht, so können sie doch gewiß an guten Entschlüssen mehr als zehn Elefanten oder zwanzig Kamele tragen. Wie schwach ich selbst in dieser Tugend bin, weiß ich am besten und daher meine Verehrung vor denen, an welchen ich diese Kräfte wahrnehme.
»Da wir nun nicht alle der Begeisterung fähig sind, so sitzen wir hier an diesem Tische wie an einem Kreuzwege, an welchem sich viele Straßen in mannigfaltigen und entgegengesetzten Richtungen scheiden. Aus dergleichen Hauptstationen pflegen auf pyramidalischer Säule die Entfernungen der Städte nach allen vier Weltgegenden verzeichnet zu stehn. So mag es auch hier, in einem nicht unerfreulichen Bilde, gelten. Diese Austern führen, übermäßig genossen, zur Krankheit, dieser Burgunder nach einigen Stationen zu roten Nasen, diese Trüffeln und was ihnen anhängt zu Wassersucht, Magenkrampf und ähnlichen Übeln. Unser Eduard aber, alles dies verschmähend, wandelt zur Tugend. So fahre denn wohl auf deinem einsamen Pfade, und wir, die wir entzündete Gesichter, dicke Bäuche und kurzen Atem nicht so sehr scheuen, gehn unsre Straße fort. Aber auch ich werde euch bald verlassen, Teuerste; ein edler Unbekannter, den ich euch noch nicht nennen darf, wird mein Kunstgenie zu den höchsten Leistungen begeistern, er wird mich in fernen Regionen einer idealischen Weihe empfänglich machen und sozusagen vergeistigen. Unser frommer, gemütlicher Dietrich, den wir kaum kennen lernten, wandelt den Kunstdom entlang und schmückt die vaterländischen Altäre. Was soll ich von dir sagen, Bibliothekar, der du vor den leeren Bücherschränken stehst und die Werke nicht bloß gelesen, sondern buchstäblich verschlungen hast? O du verlesener Mensch, du von der Sekte des muselmännischen Omar, Kienraupe der Bibliotheken, Verwüster der Schriften, der du eine neue alexandrinische Sammlung bloß durch die treffliche neue Erfindung, dein Salar nicht geistig, sondern wirklich aus den Schriften zu ziehn, vernichten könntest! Alle Buchhändler des römischen Reiches sollten dich umhersenden, um mit deiner zerstörenden Kraft die Sammlungen zu zerstieben und neue Werte notwendig zu machen. Du, mehr als Rezensent und schlimmer als Saturnus, der doch nur verzehrte, was er selbst erzeugt: wo sind sie, deine Untergebenen, deine Mündel, die mit goldnem Rücken und Schnitt dich so freundlich anlachten? Versilbert hast du sie alle und schon nach wenigen Jahren deine silberne Hochzeit mit ihnen gefeiert. Lebe denn wohl, auch du, Pietist, redlichster unter den Sterblichen, du Hasser aller Poesie und Lüge! Reich' mir die Hand zum Abschied, armes Krokodil, das schon in Thränen schwimmt; im Sumpf einer Taverne mußt du künftig heulen. In einem bessern Leben sehn wir uns alle wieder.«
Da Eduard nachdenkend war und Dietrich in der Gesellschaft noch fremd, der Bibliothekar und Pietist keine Miene verzogen, so herrschte während und nach der Rede ein tiefes Stillschweigen, welches dadurch noch feierlicher wurde, daß der Buchhalter, der schon manches Glas geleert hatte, schluchzte und jammerte.
»Heut' ist der Abend der heiligen drei Könige«, sagte Eduard, »und wie es noch in manchen Gegenden Sitte ist, sich an diesem Tage zu beschenken, so wünsche ich, daß meine bisherigen Genossen und Freunde auch diese Nacht in froher Geselligkeit mit mir verbringen.«
»An diesem Abend«, fuhr Eulenböck fort, »ist es nicht unschicklich, einmal anders als gewöhnlich zu leben; daher waren sonst Glücksspiele gebräuchlich, wenn sie auch übrigens verboten waren. Und wie gut wäre es für dich, Freund Eduard, wenn heute auch dein Glücksstern von neuem erwachte, daß dem verarmten Verschwender ein neues Vermögen beschert würde. Man hat wunderliche Erzählungen, wie verzweifelte Jünglinge sich in der Armut haben in ihrem väterlichen Hause erhängen wollen, und siehe da, der Nagel fällt mit dem Balken der Decke herab und mit beiden zugleich viele tausend Goldstücke, die der vorsorgende Vater dorthin versteckt hatte. Beim Lichte besehen, eine dumme Geschichte. Konnte der Vater denn wissen, daß der Sohn für das Hängen eine besondere Vorliebe haben würde? Konnte er wohl berechnen, daß der Körper des Desperaten noch schwer genug bleibe, den verborgenen Schatz durch sein Gewicht aufzudecken und herabzuziehn? Konnte der verlorene Sohn nicht schon früher einen Kronenleuchter dort anbringen wollen und das Geld finden? Kurz, tausend gegründete Einwürfe kann die vernünftige Kritik diesem schlecht erfundenen Märchen machen.«
»Ohne daß du immer wieder auf diesen Vorwurf zurückkommst«, sagte Eduard empfindlich, »schilt mein eignes Gewissen meinen Leichtsinn und thörichte Verschwendung. Wären die Leidenschaften nicht unbändig, die ihren Stolz darein setzen, die Vernunft zu verhöhnen, so hätten die Moralprediger nur leichte Arbeit. Es ist ganz begreiflich, wenn die armen Menschen glauben, von bösen Geistern besessen zu sein. Denn wie soll man es erklären, daß man dem Schlimmen folgt, indem man das Bessere einsieht, ja daß wir oft zum letztern selbst in unsern wildesten Stunden mehr Trieb als zum Unrecht empfinden und dennoch, uns selbst zum Trotz, jeder Einsicht den Rücken kehren und schon vor der begangenen That von unserm Gewissen gequält werden? Es muß eine tiefgewurzelte Verderbnis in der menschlichen Natur sein, die sich auch nie ganz zum Edeln erziehn oder durch Pfropfreiser der Tugend umwandeln läßt.«
»So ist es«, sagte der Pietist; »der Mensch an sich taugt nichts, er ist gleich in der Schöpfung mißraten. Er kann nur geflickt werden, und die Lappen bleiben immer auf dem alten schäbigen Tuche sichtbar.«
»Jawohl«, seufzte das Krokodil, »es ist zu bejammern und immer wieder zu bejammern.« Die Thränen flossen ihm dicht aus den weinglühenden Augen.
»Als du mich zum erstenmal in jene Weinschenke führtest«, fuhr Eduard zum alten Maler gewendet fort, »machte es mir denn Freude, mich in dem Kreise dieser rohen und langweiligen Menschen zu sehn? Ich war beschämt, als der Herr der Schenke mir mit einer Ehrfurcht entgegenkam, als sei ich einer der Götter, vom Olymp herabgestiegen. Dergleichen Ehre war seinem Hause noch niemals widerfahren. Bald gewöhnte man sich an die Gegenwart meiner Herrlichkeit, und immer zog es mich wider meinen Willen in den Weinduft des Zimmers, in das schreiende Gespräch und an meine Wand hin, wie ein Zauber, der auch nicht riß, als die Gesichter des Wirtes und seiner Leute kälter, ja verdrossen wurden, als man mein Wort nicht mehr beachtete und geringere Gäste anständiger behandelte; denn durch meine Nachlässigkeit war ich schon in eine bedeutende Schuld geraten, um welche man mich mit grober Zudringlichkeit mahnte. Noch schlimmer ging es einem armen Lumpen, einem täglichen Gast, auf den man fast nie hörte, der oft verdorbenen Essig erhielt und sich doch nicht beschweren durfte; er war die Zielscheibe des witzigen Gesindes, der Gegenstand des Hohns und Mitleids der übrigen Fremden sowie seiner eignen furchtsamen Verachtung. Und so schlecht man ihn behandelte, mußte er doch teurer als alle bezahlen und ward betrogen, ohne klagen zu dürfen, indes sein Gewerbe versäumt ward und Frau und Kinder zu Hause schmachteten. In diesem Spiegel sah ich nun mein eignes Elend, und als einmal ein redlicher Handwerker von unbescholtenem Wandel dort zufällig einkehrte und von allen als eine seltene Erscheinung mit Hochachtung begrüßt wurde, erwachte ich endlich aus dem Schlummer meiner Ohnmacht, bezahlte, was nur meine Trägheit versäumt hatte, und suchte auch jenen Elenden zu retten, daß er nicht ganz versank. Aber so ist es, daß selbst diejenigen, die sich vom Leichtsinnigen und Taugenichts bereichern, diesen verachten und dem Würdigen, der ihnen aus dem Wege geht, ihre Ehrfurcht nicht versagen können. So habe ich meine Zeit und mein Vermögen unwürdig verschleudert, um Verachtung einzukaufen.«
»Sei still, Sohn«, rief Eulenböck, »du hast auch mancher armen Familie Gutes gethan.«
»Laß uns davon schweigen«, antwortete Eduard in Unmut; »auch das geschah ohne Sinn, sowie ich ohne Sinn Aufwand machte, ohne Sinn reisete, spielte und Wein trank und weder mir noch andern eine gute Stunde zuzubereiten verstand.«
»Das ist freilich schlimm«, sagte der Alte, »und was den lieblichen Wein betrifft, eine Sünde. Aber seid munter und trinkt, ihr wackern Gehülfen, damit auch der Wirt in die Stimmung komme, die ihm geziemt.«
Es bedurfte aber dieser Aufmunterung nicht, denn die Tischgesellschaft war unermüdet. Selbst der junge Dietrich trank fleißig, und Eulenböck ordnete an, wie die Weine aufeinander folgen sollten. »Heute gilt es!« rief er aus, »die Schlacht muß gewonnen werden, und der Sieger erzeigt den Besiegten keine Gnade. Seht in mein kriegerisches Antlitz, ihr jüngern Helden, hier hab' ich die rote Blutfahne dräuend ausgehängt, zum Zeichen, daß kein Erbarmen stattfinden soll! Nichts in der Welt wird so mißverstanden, Freunde, als der scheinbar einfache Aktus, den die Menschen so obenhin Trinken nennen, und keine Gabe wird so verkannt, so wenig gewürdiget als der Wein. Könnt' ich wünschen, der Welt einmal nützlich zu werden, so möcht' ich eine aufgeklärte Regierung dahin bewegen, einen eignen Lehrstuhl zu errichten, von wo herab ich die unwissende Menschheit über die trefflichen Eigenschaften des Weines unterrichtete. Wer trinkt nicht gern? Es gibt nur wenige Unglückselige, die das mit Wahrheit von sich versichern können. Aber es ist ein Erbarmen, anzusehn, wie sie trinken, ohne alle Applikation, ohne Stil, Schatten und Licht, so daß sich kaum die Spur einer Schule findet; höchstens Kolorit, was die Übermütigen dann auch gleich sich und der Welt auf die Nase binden und zur Schau aushängen.«
»Und wie muß man es eigentlich anfangen?« fragte Dietrich.