Die Harzreise

Heinrich Heine · Anhang

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Die Harzreise

Die Harzreise

 

Von

 

Heinrich Heine

 

Nach Adolph Strodtmanns Handexemplar

berichtigt und herausgegeben

von

 

Otto F. Lachmann

 

Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

 

Schwarze Röcke, seidne Strümpfe,

Weiße höfliche Manschetten,

Sanfte Reden, Embrassieren –

Ach, wenn sie nur Herzen hätten!

 

Herzen in der Brust, und Liebe,

Warme Liebe in dem Herzen –

Ach, mich tötet ihr Gesinge

Von erlognen Liebesschmerzen.

 

Auf die Berge will ich steigen,

Wo die frommen Hütten stehen,

Wo die Brust sich frei erschließet, Und die freien Lüfte wehen.

 

Auf die Berge will ich steigen,

Wo die dunkeln Tannen ragen,

Bäche rauschen, Vögel singen,

Und die stolzen Wolken jagen.

 

Lebet wohl, ihr glatten Säle!

Glatte Herren! glatte Frauen!

Auf die Berge will ich steigen,

Lachend auf euch niederschauen.

 

Die Stadt Göttingen, berühmt durch ihre Würste und Universität, gehört dem

Könige von Hannover, und enthält 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine

Entbindungsanstalt, eine Sternwarte, einen Karcer, eine Bibliothek und einen

Ratskeller, wo das Bier sehr gut ist. Der vorbeifließende Bach heißt »die Leine«,

und dient des Sommers zum Baden; das Wasser ist sehr kalt und an einigen

Orten so breit, daß Lüder wirklich einen großen Anlauf nehmen mußte, als er

hinüber sprang. Die Stadt selbst ist schön, und gefällt einem am besten, wenn

man sie mit dem Rücken ansieht. Sie muß schon sehr lange stehen, denn ich

erinnere mich, als ich vor fünf Jahren dort immatrikuliert und bald darauf

konsiliiert wurde, hatte sie schon dasselbe graue, altkluge Ansehen, und war

schon vollständig eingerichtet mit Schnurren, Pudeln, Dissertationen,

Thédansants, Wäscherinnen, Kompendien, Taubenbraten, Guelfenorden,

Promotionskutschen, Pfeifenköpfen, Hofräten, Justizräten, Relegationsräten,

Profaxen und anderen Faxen. Einige behaupten sogar, die Stadt sei zur Zeit der

Völkerwanderung erbaut worden, jeder deutsche Stamm habe damals ein

ungebundenes Exemplar seiner Mitglieder darin zurückgelassen, und davon

stammten alle die Vandalen, Friesen, Schwaben, Teutonen, Sachsen, Thüringer

u. s. w., die noch heutzutage in Göttingen, hordenweis und geschieden durch

Farben der Mützen und der Pfeifenquäste, über die Weenderstraße einherziehen,

auf den blutigen Wahlstätten der Rasenmühle, des Ritschenkruges und Bovdens

sich ewig unter einander herumschlagen, in Sitten und Gebräuchen noch immer

wie zur Zeit der Völkerwanderung dahinleben, und teils durch ihre Duces,

welche Haupthähne heißen, teils durch ihr uraltes Gesetzbuch, welches

Komment heißt und in den legibus barbarorum eine Stelle verdient, regiert werden.

 

Im allgemeinen werden die Bewohner Göttingens eingeteilt in Studenten,

Professoren, Philister und Vieh, welche vier Stände doch nichts weniger als

streng geschieden sind. Der Viehstand ist der bedeutendste. Die Namen aller

Studenten und aller ordentlichen und unordentlichen Professoren hier

herzuzählen, wäre zu weitläuftig; auch sind mir in diesem Augenblicke nicht alle

Studentennamen im Gedächtnisse, und unter den Professoren sind manche, die

noch gar keinen Namen haben. Die Zahl der Göttinger Philister muß sehr groß

sein, wie Sand oder, besser gesagt, wie Kot am Meer; wahrlich, wenn ich sie des

Morgens mit ihren schmutzigen Gesichtern und weißen Rechnungen vor den

Pforten des akademischen Gerichtes aufgepflanzt sah, so mochte ich kaum

begreifen, wie Gott nur so viel Lumpenpack erschaffen konnte.

 

Ausführlicheres über die Stadt Göttingen läßt sich sehr bequem nachlesen in der

Topographie derselben von K. F. H. Marx. Obzwar ich gegen den Verfasser, der

mein Arzt war und mir viel Liebes erzeigte, die heiligsten Verpflichtungen hege,

so kann ich doch sein Werk nicht unbedingt empfehlen, und ich muß tadeln, daß

er jener falschen Meinung, als hätten die Göttingerinnen allzugroße Füße, nicht

streng genug widerspricht. Ja, ich habe mich sogar seit Jahr und Tag mit einer

ernsten Widerlegung dieser Meinung beschäftigt, ich habe deshalb vergleichende

Anatomie gehört, die seltensten Werke aus der Bibliothek excerpiert, auf der

Weenderstraße stundenlang die Füße der vorübergehenden Damen studiert, und

in der grundgelehrten Abhandlung, so die Resultate dieser Studien enthalten

wird, spreche ich 1) von den Füßen überhaupt, 2) von den Füßen bei den Alten,

3) von den Füßen der Elefanten, 4) von den Füßen der Göttingerinnen, 5) stelle

ich alles zusammen, was über diese Füße auf Ullrichs Garten schon gesagt

worden, 6) betrachte ich diese Füße in ihrem Zusammenhang, und verbreite

mich bei dieser Gelegenheit auch über Waden, Knie u. s. w., und endlich 7),

wenn ich nur so großes Papier auftreiben kann, füge ich noch hinzu einige

Kupfertafeln mit dem Faksimile Göttingischer Damenfüße. –

 

Es war noch sehr früh, als ich Göttingen verließ, und der gelehrte ** lag gewiß

noch im Bette und träumte wie gewöhnlich, er wandle in einem schönen Garten,

auf dessen Beeten lauter weiße mit Citaten beschriebene Papierchen wachsen,

die im Sonnenlichte lieblich glänzen, und von denen er hie und da mehrere

pflückt, und mühsam in ein neues Beet verpflanzt, während die Nachtigallen mit

ihren süßesten Tönen sein altes Herz erfreuen.

 

Vor dem Weender Thore begegneten mir zwei eingeborne kleine Schulknaben, wovon der eine zum andern sagte: »Mit dem Theodor will ich gar nicht mehr

umgehen, er ist ein Lumpenkerl, denn gestern wußte er nicht mal, wie der

Genitiv von mensa heißt.« So unbedeutend diese Worte klingen, so muß ich sie

doch wieder erzählen, ja, ich möchte sie als Stadt-Motto gleich auf das Thor

schreiben lassen; denn die Jungen piepsen, wie die Alten pfeifen, und jene Worte

bezeichnen ganz den engen, trocknen Notizenstolz der hochgelahrten Georgia

Augusta.

 

Auf der Chaussee wehte frische Morgenluft, und die Vögel sangen gar freudig,

und auch mir wurde allmählich wieder frisch und freudig zu Mute. Eine solche

Erquickung that not. Ich war die letzte Zeit nicht aus dem Pandektenstall

herausgekommen, römische Kasuisten hatten mir den Geist wie mit einem

grauen Spinnweb überzogen, mein Herz war wie eingeklemmt zwischen den

eisernen Paragraphen selbstsüchtiger Rechtssysteme, beständig klang es mir

noch in den Ohren wie »Tribonian, Justinian, Hermogenian und Dummerjahn«,

und ein zärtliches Liebespaar, das unter einem Baume saß, hielt ich gar für eine

Korpusjurisausgabe mit verschlungenen Händen. Auf der Landstraße fing es

schon an lebendig zu werden. Milchmädchen zogen vorüber; auch Eseltreiber

mit ihren grauen Zöglingen. Hinter Weende begegneten mir der Schäfer und

Doris. Dieses ist nicht das idyllische Paar, wovon Geßner singt, sondern es sind

wohlbestallte Universitätspedelle, die wachsam aufpassen müssen, daß sich

keine Studenten in Bovden duellieren, und daß keine neuen Ideen, die noch

immer einige Decennien vor Göttingen Quarantaine halten müssen, von einem

spekulierenden Privatdocenten eingeschmuggelt werden. Schäfer grüßte mich

sehr kollegialisch; denn er ist ebenfalls Schriftsteller, und hat meiner in seinen

halbjährigen Schriften oft erwähnt; wie er mich denn auch außerdem oft citiert

hat und, wenn er mich nicht zu Hause fand, immer so gütig war, die Citation mit

Kreide auf meine Stubenthür zu schreiben. Dann und wann rollte auch ein

Einspänner vorüber, wohlbepackt mit Studenten, die für die Ferienzeit oder auch

für immer wegreisten. In solch' einer Universitätsstadt ist ein beständiges

Kommen und Abgehn, alle drei Jahre findet man dort eine neue

Studentengeneration. Das ist ein ewiger Menschenstrom, wo eine Semesterwelle

die andere fortdrängt, und nur die alten Professoren bleiben stehen in dieser

allgemeinen Bewegung, unerschütterlich fest, gleich den Pyramiden Ägyptens –

nur daß in diesen Universitätspyramiden keine Weisheit verborgen ist.

 

Aus den Myrtenlauben bei Rauschenwasser sah ich zwei hoffnungsvolle

Jünglinge hervorreiten. Ein Weibsbild, das dort sein horizontales Handwerk

treibt, gab ihnen bis auf die Landstraße das Geleit, klätschelte mit geübter Hand die mageren Schenkel der Pferde, lachte laut auf, als der eine Reiter ihr hinten

auf die breite Spontaneität einige Galanterien mit der Peitsche überlangte, und

schob sich alsdann gen Bovden. Die Jünglinge aber jagten nach Nörten, und

johlten gar geistreich, und sangen gar lieblich das Rossini'sche Lied: »Trink Bier,

liebe, liebe Lise!« Diese Töne hörte ich noch lange in der Ferne; doch die holden

Sänger selbst verlor ich bald völlig aus dem Gesichte, sintemal sie ihre Pferde,

die im Grunde einen deutsch langsamen Charakter zu haben schienen, gar

entsetzlich anspornten und vorwärtspeitschten. Nirgend wird die

Pferdeschinderei stärker getrieben als in Göttingen, und oft, wenn ich sah, wie

solch eine schweißtriefende, lahme Kracke für das bißchen Lebensfutter von

unsern Rauschenwasserrittern abgequält ward, oder wohl gar einen ganzen

Wagen voll Studenten fortziehen mußte, so dachte ich auch: »O du armes Tier,

gewiß haben deine Voreltern im Paradiese verbotenen Hafer gefressen!«

 

Im Wirtshause zu Nörten traf ich die beiden Jünglinge wieder. Der eine verzehrte

einen Heringssalat, und der andere unterhielt sich mit der gelbledernen Magd,

Fusia Kanina, auch Trittvogel genannt. Er sagte ihr einige Anständigkeiten und

am Ende wurden sie handgemein. Um meinen Ranzen zu erleichtern, nahm ich

die eingepackten blauen Hosen, die in geschichtlicher Hinsicht sehr merkwürdig

sind, wieder heraus und schenkte sie dem kleinen Kellner, den man Kolibri

nennt. Die Bussenia, die alte Wirtin, brachte mir unterdessen ein Butterbrot, und

beklagte sich, daß ich sie jetzt so selten besuche, denn sie liebt mich sehr.

 

Hinter Nörten stand die Sonne hoch und glänzend am Himmel. Sie meinte es

recht ehrlich mit mir und erwärmte mein Haupt, daß alle unreife Gedanken darin

zur Vollreife kamen. Die liebe Wirtshaussonne in Nordheim ist auch nicht zu

verachten; ich kehrte hier ein, und fand das Mittagessen schon fertig. Alle

Gerichte waren schmackhaft zubereitet, und wollten mir besser behagen, als die

abgeschmackten akademischen Gerichte, die salzlosen, ledernen Stockfische mit

ihrem alten Kohl, die mir in Göttingen vorgesetzt wurden. Nachdem ich meinen

Magen etwas beschwichtigt hatte, bemerkte ich in derselben Wirtsstube einen

Herrn mit zwei Damen, die im Begriff waren abzureisen. Dieser Herr war ganz

grün gekleidet, trug sogar eine grüne Brille, die auf seine rote Kupfernase einen

Schein wie Grünspan warf, und sah aus, wie der König Nebukadnezar in seinen

spätern Jahren ausgesehen hat, als er, der Sage nach, gleich einem Tiere des

Waldes nichts als Salat aß. Der Grüne wünschte, daß ich ihm ein Hotel in

Göttingen empfehlen möchte, und ich riet ihm, dort von dem ersten besten

Studenten das Hotel de Brühbach zu erfragen. Die eine Dame war die Frau

Gemahlin, eine gar große, weitläuftige Dame, ein rotes Quadratmeilen-Gesicht mit Grübchen in den Wangen, die wie Spucknäpfe für Liebesgötter aussahen, ein

langfleischig herabhängendes Unterkinn, das eine schlechte Fortsetzung des

Gesichtes zu sein schien, und ein hochaufgestapelter Busen, der mit steifen

Spitzen und vielzackig festonierten Krägen, wie mit Türmchen und Bastionen,

umbaut war und einer Festung glich, die gewiß eben so wenig wie jene andern

Festungen, von denen Philipp von Macedonien spricht, einem mit Gold

beladenen Esel widerstehen würde. Die andere Dame, die Frau Schwester bildete

ganz den Gegensatz der eben beschriebenen. Stammte jene von Pharao's fetten

Kühen, so stammte diese von den magern. Das Gesicht nur ein Mund zwischen

den Ohren, die Brust trostlos öde wie die Lüneburger Heide; die ganze

ausgekochte Gestalt glich einem Freitisch für arme Theologen. Beide Damen

fragten mich zu gleicher Zeit, ob im Hotel de Brühbach auch ordentliche Leute

logierten. Ich bejahte es mit gutem Gewissen, und als das holde Kleeblatt abfuhr,

grüßte ich nochmals zum Fenster hinaus. Der Sonnenwirt lächelte gar schlau und

mochte wohl wissen, daß der Karcer von den Studenten in Göttingen Hotel de

Brühbach genannt wird.

 

Hinter Nordheim wird es schon gebirgig, und hier und da treten schöne Anhöhen

hervor. Auf dem Wege traf ich meistens Krämer, die nach der Braunschweiger

Messe zogen, auch ein Schwarm Frauenzimmer, deren jede ein großes, fast

häuserhohes, mit weißem Leinen überzogenes Behältnis auf dem Rücken trug.

Darin saßen allerlei eingefangene Singvögel, die beständig piepsten und

zwitscherten, während ihre Trägerinnen lustig dahinhüpften und schwatzten. Mir

kam es gar närrisch vor, wie so ein Vogel den andern zu Markte trägt.

 

In pechdunkler Nacht kam ich an zu Osterode. Es fehlte mir der Appetit zum

Essen, und ich legte mich gleich zu Bette. Ich war müde wie ein Hund und

schlief wie ein Gott. Im Traume kam ich wieder nach Göttingen zurück, und

zwar nach der dortigen Bibliothek. Ich stand in einer Ecke des juristischen Saals,

durchstöberte alte Dissertationen, vertiefte mich im Lesen, und als ich aufhörte,

bemerkte ich zu meiner Bewunderung, daß es Nacht war, und herabhängende

Krystallleuchter den Saal erhellten. Die nahe Kirchenglocke schlug eben Zwölf,

die Saalthüre öffnete sich langsam, und herein trat eine stolze, gigantische Frau,

ehrfurchtsvoll begleitet von den Mitgliedern und Anhängern der juristischen

Fakultät. Das Riesenweib, obgleich schon bejahrt, trug dennoch im Antlitz die

Züge einer strengen Schönheit, jeder ihrer Blicke verriet die Titanin, die

gewaltige Themis, Schwert und Wage hielt sie nachlässig zusammen in der einen

Hand, in der andern hielt sie eine Pergamentrolle, zwei junge Doctores juris

trugen die Schleppe ihres grau verblichenen Gewandes, an ihrer rechten Seite sprang windig hin und her der dünne Hofrat Rustikus, der Lykurg Hannovers,

und deklamierte aus seinem neuen Gesetzentwurf; an ihrer linken Seite humpelte

gar galant und wohlgelaunt ihr Cavaliere servente, der geheime Justizrat

Cujacius, und riß beständig juristische Witze, und lachte selbst darüber so

herzlich, daß sogar die ernste Göttin sich mehrmals lächelnd zu ihm

herabbeugte, mit der großen Pergamentrolle ihm auf die Schulter klopfte, und

freundlich flüsterte: »Kleiner, loser Schalk, der die Bäume von oben herab

beschneidet!« Jeder von den übrigen Herren trat jetzt ebenfalls näher und hatte

etwas hin zu bemerken und hinzulächeln, etwa ein neu ergrübeltes Systemchen

oder Hypotheschen oder ähnliches Mißgebürtchen des eigenen Köpfchens.

Durch die geöffnete Saalthür traten auch noch mehrere fremde Herren herein,

die sich als die andern großen Männer des illustren Ordens kund gaben, meistens

eckige, lauernde Gesellen, die mit breiter Selbstzufriedenheit gleich darauf los

definierten und distinguierten und über jedes Titelchen eines Pandektentitels

disputierten. Und immer kamen noch neue Gestalten herein, alte Rechtsgelehrte

in verschollenen Trachten, mit weißen Allongeperücken und längst vergessenen

Gesichtern, und sehr erstaunt, daß man sie, die Hochberühmten des verflossenen

Jahrhunderts, nicht sonderlich regardierte; und diese stimmten nun ein, auf ihre

Weise, in das allgemeine Schwatzen und Schrillen und Schreien, das wie

Meeresbrandung immer verwirrter und lauter die hohe Göttin umrauschte, bis

diese die Geduld verlor, und in einem Tone des entsetzlichsten Riesenschmerzes

plötzlich aufschrie: »Schweigt! schweigt! ich höre die Stimme des teuren

Prometheus, die höhnende Kraft und die stumme Gewalt schmieden den

Schuldlosen an den Marterfelsen, und all euer Geschwätz und Gezänke kann

nicht seine Wunden kühlen und seine Fesseln zerbrechen!« So rief die Göttin,

und Thränenbäche stürzten aus ihren Augen, die ganze Versammlung heulte wie

von Todesangst ergriffen, die Decke des Saales krachte, die Bücher taumelten

herab von ihren Brettern, vergebens trat der alte Münchhausen aus seinem

Rahmen hervor, um Ruhe zu gebieten, es tobte und kreischte immer wilder, –

und fort aus diesem drängenden Tollhauslärm rettete ich mich in den

historischen Saal, nach jener Gnadenstelle, wo die heiligen Bilder des

belvederischen Apolls und der mediceischen Venus nebeneinander stehen, und

ich stürzte zu den Füßen der Schönheitsgöttin, in ihrem Anblick vergaß ich all

das wüste Treiben, dem ich entronnen, meine Augen tranken entzückt das

Ebenmaß und die ewige Lieblichkeit ihres hochgebenedeiten Leibes, griechische

Ruhe zog durch meine Seele, und über mein Haupt, wie himmlischen Segen, goß

seine süßesten Lyraklänge Phöbus Apollo.

 

Erwachend hörte ich noch immer ein freundliches Klingen. Die Herden zogen auf die Weide, und es läuteten ihre Glöckchen. Die liebe, goldene Sonne schien

durch das Fenster und beleuchtete die Schildereien an den Wänden des Zimmers.

Es waren Bilder aus dem Befreiungskriege, worauf treu dargestellt stand, wie

wir alle Helden waren, dann auch Hinrichtungsscenen aus der Revolutionszeit

Ludwig XVI. auf der Guillotine, und ähnliche Kopfabschneidereien, die man gar

nicht ansehen kann, ohne Gott zu danken, daß man ruhig im Bette liegt und

guten Kaffee trinkt und den Kopf noch so recht komfortabel auf den Schultern

sitzen hat. Auch hingen noch an der Wand Abälard und Heloise, einige

französische Jugenden, nämlich leere Mädchengesichter, worunter sehr

kalligraphisch la prudence, la timidité, la pitié &c. geschrieben war, und endlich

eine Madonna, so schön, so lieblich, so hingebend fromm, daß ich das Original,

das dem Maler dazu gesessen, aufsuchen und zu meinem Weibe machen möchte.

Freilich, so bald ich mal mit dieser Madonna verheiratet wäre, würde ich sie

bitten, allen ferneren Umgang mit dem heiligen Geiste aufzugeben, indem es mir

gar nicht lieb sein möchte, wenn mein Kopf durch Vermittlung meiner Frau

einen Heiligenschein, oder irgend eine andere Verzierung gewönne.

 

Nachdem ich Kaffee getrunken, mich angezogen, die Inschriften auf den

Fensterscheiben gelesen, und alles im Wirtshause berichtigt hatte, verließ ich

Osterode.

 

Diese Stadt hat so und so viel Häuser, verschiedene Einwohner, worunter auch

mehrere Seelen, wie in Gottschalks »Taschenbuch für Harzreisende« genauer

nachzulesen ist. Ehe ich die Landstraße einschlug, bestieg ich die Trümmer der

uralten Osteroder Burg. Sie bestehen nur noch aus der Hälfte eines großen,

dickmaurigen, wie von Krebsschäden angefressenen Turms. Der Weg nach

Klausthal führte mich wieder bergauf, und von einer der ersten Höhen schaute

ich nochmals hinab in das Thal, wo Osterode mit seinen roten Dächern aus den

grünen Tannenwäldern hervorguckt wie eine Moosrose. Die Sonne gab eine gar

liebe, kindliche Beleuchtung. Von der erhaltenen Turmhälfte erblickt man hier

die imponierende Rückseite.

 

Es liegen noch viele andre Burgruinen in dieser Gegend. Der Hardenberg bei

Nörten ist die schönste. Wenn man auch, wie es sich gebührt, das Herz auf der

linken Seite hat, auf der liberalen, so kann man sich doch nicht aller elegischen

Gefühle erwehren beim Anblick der Felsennester jener privilegierten Raubvögel,

die auf ihre schwächliche Nachbrut bloß den starken Appetit vererbten. Und so

ging es auch mir diesen Morgen. Mein Gemüt war, je mehr ich mich von

Göttingen entfernte, allmählich aufgethaut, wieder wie sonst wurde mir

romantisch zu Sinn, und wandernd dichtete ich folgendes Lied:

Steiget auf, ihr alten Träume!

Öffne dich, du Herzensthor!

Liederwonne, Wehmutsthränen

Strömen wunderbar hervor.

 

Durch die Tannen will ich schweifen,

Wo die muntre Quelle springt,

Wo die stolzen Hirsche wandeln,

Wo die liebe Drossel singt.

 

Auf die Berge will ich steigen,

Auf die schroffen Felsenhöhn,

Wo die grauen Schloßruinen

In dem Morgenlichte stehn.

 

Dorten setz' ich still mich nieder

Und gedenke alter Zeit,

Alter blühender Geschlechter

Und versunkner Herrlichkeit.

 

Gras bedeckt jetzt den Turnierplatz,

Wo gekämpft der stolze Mann,

Der die Besten überwunden

Und des Kampfes Preis gewann.

 

Epheu rankt an dem Balkone,

Wo die schöne Dame stand,

Die den stolzen Überwinder

Mit den Augen überwand.

 

Ach! den Sieger und die Siegrin

Hat besiegt des Todes Hand –

Jener dürre Sensenritter

Streckt uns alle in den Sand.

 

Nachdem ich eine Strecke gewandert, traf ich zusammen mit einem reisenden

Handwerksburschen, der von Braunschweig kam und mir als ein dortiges

Gerücht erzählte, der junge Herzog sei auf dem Wege nach dem gelobten Lande

von den Türken gefangen worden, und könne nur gegen ein großes Lösegeld

freikommen. Die große Reise des Herzogs mag diese Sage veranlaßt haben. Das Volk hat noch immer den traditionell fabelhaften Ideengang, der sich so lieblich

ausspricht in seinem »Herzog Ernst«. Der Erzähler jener Neuigkeit war ein

Schneidergesell, ein niedlicher, kleiner junger Mensch, so dünn, daß die Sterne

durchschimmern konnten, wie durch Ossians Nebelgeister, und im Ganzen eine

volkstümlich barocke Mischung von Laune und Wehmut. Dieses äußerte sich

besonders in der drollig rührenden Weise, womit er das wunderbare Volkslied

sang: »Ein Käfer auf dem Zaune saß, summ, summ!« Das ist schön bei uns

Deutschen: Keiner ist so verrückt, daß er nicht einen noch Verrückteren fände,

der ihn versteht. Nur ein Deutscher kann jenes Lied nachempfinden, und sich

dabei totlachen und totweinen. Wie tief das Goethe'sche Wort ins Leben des

Volkes gedrungen, bemerkte ich auch hier. Mein dünner Weggenosse trillerte

ebenfalls zuweilen vor sich hin: »Leidvoll und freudvoll, Gedanken sind frei!«

Solche Korruption des Textes ist beim Volke etwas Gewöhnliches. Er sang auch

ein Lied, wo »Lottchen bei dem Grabe ihres Werthers« trauert. Der Schneider

zerfloß vor Sentimentalität bei den Worten: »Einsam wein' ich an der

Rosenstelle, wo uns oft der späte Mond belauscht! Jammernd irr' ich an der

Silberquelle, die uns lieblich Wonne zugerauscht.« Aber bald darauf ging er in

Mutwillen über und erzählte mir: »Wir haben einen Preußen in der Herberge zu

Kassel, der eben solche Lieder selbst macht; er kann keinen seligen Stich nähen;

hat er einen Groschen in der Tasche, so hat er für zwei Groschen Durst, und

wenn er im Thran ist, hält er den Himmel für ein blaues Kamisol, und weint wie

eine Dachtraufe, und singt ein Lied mit der doppelten Poesie!« Von letzterem

Ausdruck wünschte ich eine Erklärung, aber mein Schneiderlein mit seinen

Ziegenhainer Beinchen hüpfte hin und her und rief beständig: »Die doppelte

Poesie ist die doppelte Poesie!« Endlich brachte ich es heraus, daß er doppelt

gereimte Gedichte, namentlich Stanzen, im Sinne hatte. – Unterdes, durch große

Bewegung und den konträren Wind, war der Ritter von der Nadel sehr müde

geworden. Er machte freilich noch einige große Anstalten zum Gehen und

bramarbasierte: »Jetzt will ich den Weg zwischen die Beine nehmen!« Doch bald

klagte er, daß er sich Blasen unter die Füße gegangen, und die Welt viel zu

weitläuftig sei; und endlich bei einem Baumstamme ließ er sich sachte

niedersinken, bewegte sein zartes Häuptlein wie ein betrübtes

Lämmerschwänzchen, und wehmütig lächelnd rief er: »Da bin ich armes

Schindluderchen schon wieder marode!«

 

Die Berge wurden hier noch steiler, die Tannenwälder wogten unten wie ein

grünes Meer, und am blauen Himmel oben schifften die weißen Wolken. Die

Wildheit der Gegend war durch ihre Einheit und Einfachheit gleichsam gezähmt.

Wie ein guter Dichter liebt die Natur keine schroffen Übergänge. Die Wolken, so bizarr gestaltet sie auch zuweilen erscheinen, tragen ein weißes oder doch ein

mildes, mit dem blauen Himmel und der grünen Erde harmonisch

korrespondierendes Kolorit, so daß alle Farben einer Gegend wie leise Musik in

einander schmelzen, und jeder Naturanblick krampfstillend und

gemütberuhigend wirkt. – Der selige Hoffmann würde die Wolken buntscheckig

bemalt haben. – Eben wie ein großer Dichter weiß die Natur auch mit den

wenigsten Mitteln die größten Effekte hervor zu bringen. Da sind nur eine

Sonne, Bäume, Blumen, Wasser und Liebe. Freilich, fehlt letztere im Herzen des

Beschauers, so mag das Ganze wohl einen schlechten Anblick gewähren, und

die Sonne hat dann bloß so und so viel Meilen im Durchmesser, und die Bäume

sind gut zum Einheizen, und die Blumen werden nach den Staubfäden

klassifiziert, und das Wasser ist naß.

 

Ein kleiner Junge, der für seinen kranken Oheim im Walde Reisig suchte, zeigte

mir das Dorf Lerrbach, dessen kleine Hütten mit grauen Dächern sich über eine

halbe Stunde durch das Thal hinziehen. »Dort,« sagte er, »wohnen dumme

Kropfleute und weiße Mohren,« – mit letzterem Namen werden die Albinos vom

Volke benannt. Der kleine Junge stand mit den Bäumen in gar eigenem

Einverständnis; er grüßte sie wie gute Bekannte, und sie schienen rauschend

seinen Gruß zu erwidern. Er pfiff wie ein Zeisig, ringsum antworteten

zwitschernd die andern Vögel, und ehe ich mich dessen versah, war er mit

seinen nackten Füßchen und seinem Bündel Reisig ins Walddickicht

fortgesprungen. Die Kinder, dacht' ich, sind jünger als wir, können sich noch

erinnern, wie sie ebenfalls Bäume oder Vögel waren, und sind also noch

imstande, dieselben zu verstehen; unsereins aber ist schon alt und hat zu viel

Sorgen, Jurisprudenz und schlechte Verse im Kopf. Jene Zeit, wo es anders war,

trat mir bei meinem Eintritt in Klausthal wieder recht lebhaft ins Gedächtnis. In

dieses nette Bergstädtchen, welches man nicht früher erblickt, als bis man

davorsteht, gelangte ich, als eben die Glocke Zwölf schlug und die Kinder

jubelnd aus der Schule kamen. Die lieben Knaben, fast alle rotbäckig, blauäugig

und flachshaarig, sprangen und jauchzten, und weckten in mir die wehmütig

heitere Erinnerung wie ich einst selbst als ein kleines Bübchen in einer

dumpfkatholischen Klosterschule zu Düsseldorf den ganzen lieben Vormittag

von der hölzernen Bank nicht aufstehen durfte, und so viel Latein, Prügel und

Geographie ausstehen mußte, und dann ebenfalls unmäßig jauchzte und jubelte,

wenn die alte Franziskanerglocke endlich Zwölf schlug. Die Kinder sahen an

meinem Ranzen, daß ich ein Fremder sei, und grüßten mich recht gastfreundlich.

Einer der Knaben erzählte mir, sie hätten eben Religionsunterricht gehabt, und er

zeigte mir den königl. hannov. Katechismus, nach welchem man ihnen das Christentum abfragt. Dieses Büchlein war sehr schlecht gedruckt, und ich

fürchte, die Glaubenslehren machen dadurch schon gleich einen unerfreulich

löschpapierigen Eindruck auf die Gemüter der Kinder; wie es mir denn auch

erschrecklich mißfiel, daß das Einmaleins, welches doch mit der heiligen

Dreiheitslehre bedenklich kollidiert, im Katechismus selbst, und zwar auf dem

letzten Blatte desselben, abgedruckt ist, und die Kinder dadurch schon frühzeitig

zu sündhaften Zweifeln verleitet werden können. Da sind wir im Preußischen

viel klüger, und bei unserem Eifer zur Bekehrung jener Leute, die sich so gut

aufs Rechnen verstehen, hüten wir uns wohl, das Einmaleins hinter dem

Katechismus abdrucken zu lassen.

 

In der »Krone« zu Klausthal hielt ich Mittag. Ich bekam frühlingsgrüne

Petersiliensuppe, veilchenblauen Kohl, einen Kalbsbraten, groß wie der

Chimborasso in Miniatur, so wie auch eine Art geräucherter Heringe, die

Bückinge heißen, nach dem Namen ihres Erfinders, Wilhelm Bücking, der 1447

gestorben, und um jener Erfindung willen von Karl V. so verehrt wurde, daß

derselbe anno 1556 von Middelburg nach Bievlied in Zeeland reiste, bloß um

dort das Grab dieses großen Mannes zu sehen. Wie herrlich schmeckt doch solch

ein Gericht, wenn man die historischen Notizen dazu weiß und es selbst

verzehrt. Nur der Kaffee nach Tische wurde mir verleidet, indem sich ein junger

Mensch diskursierend zu mir setzte und so entsetzlich schwadronierte, daß die

Milch auf dem Tische sauer wurde. Es war ein junger Handlungsbeflissener mit

fünfundzwanzig bunten Westen und eben so viel goldnen Petschaften, Ringen,

Brustnadeln u. s. w. Er sah aus wie ein Affe, der eine rote Jacke angezogen hat

und nun zu sich selber sagt: Kleider machen Leute. Eine ganze Menge Charaden

wußte er auswendig, so wie auch Anekdoten, die er immer da anbrachte, wo sie

am wenigsten paßten. Er fragte mich, was es in Göttingen Neues gäbe, und ich

erzählte ihm: daß vor meiner Abreise von dort ein Dekret des akademischen

Senats erschienen, worin bei drei Thaler Strafe verboten wird, den Hunden die

Schwänze abzuschneiden, indem die tollen Hunde in den Hundstagen die

Schwänze zwischen den Beinen tragen, und man sie dadurch von den nichttollen

unterscheidet, was doch nicht geschehen könnte, wenn sie gar keine Schwänze

haben. – Nach Tische machte ich mich auf den Weg, die Gruben, die

Silberhütten und die Münze zu besuchen.

 

In den Silberhütten habe ich, wie oft im Leben, den Silberblick verfehlt. In der

Münze traf ich es schon besser, und konnte zusehen, wie das Geld gemacht wird.

Freilich, weiter hab' ich es auch nie bringen können. Ich hatte bei solcher

Gelegenheit immer das Zusehen, und ich glaube, wenn mal die Thaler vom Himmel herunter regneten, so bekäme ich davon nur Löcher in den Kopf,

während die Kinder Israel die silberne Manna mit lustigem Mute einsammeln

würden. Mit einem Gefühle, worin gar komisch Ehrfurcht und Rührung

gemischt waren, betrachtete ich die neugebornen, blanken Thaler, nahm einen,

der eben vom Prägstocke kam, in die Hand, und sprach zu ihm: Junger Thaler!

welche Schicksale erwarten dich! wie viel Gutes und wie viel Böses wirst du

stiften! wie wirst du das Laster beschützen und die Tugend flicken! wie wirst du

geliebt und dann wieder verwünscht werden! wie wirst du schwelgen, kuppeln,

lügen und morden helfen! wie wirst du rastlos umherirren, durch reine und

schmutzige Hände, jahrhundertelang, bis du endlich schuldbeladen und

sündenmüd versammelt wirst zu den deinigen im Schoße Abrahams, der dich

einschmelzt und läutert und umbildet zu einem neuen besseren Sein, vielleicht

gar zu einem unschuldigen Theelöffelchen, womit einst mein eigenes

Ururenkelchen sein liebes Breisüppchen zurechtmatscht.

 

Das Befahren der zwei vorzüglichsten Klausthaler Gruben der »Dorothea« und

»Karolina«, fand ich sehr interessant, und ich muß ausführlich davon erzählen.

 

Eine halbe Stunde vor der Stadt gelangt man zu zwei großen, schwärzlichen

Gebäuden. Dort wird man gleich von den Bergleuten in Empfang genommen.

Diese tragen dunkle, gewöhnlich stahlblaue, weite, bis über den Bauch

herabhängende Jacken, Hosen von ähnlicher Farbe, ein hinten aufgebundenes

Schurzfell und kleine grüne Filzhüte, ganz randlos wie ein abgekappter Kegel. In

eine solche Tracht, bloß ohne Hinterleder, wird der Besuchende ebenfalls

eingekleidet, und ein Bergmann, ein Steiger, nachdem er sein Grubenlicht

angezündet, führt ihn nach einer dunkeln Öffnung, die wie ein Kaminfegeloch

aussieht, steigt bis an die Brust hinab, giebt Regeln, wie man sich an den Leitern

festzuhalten habe, und bittet, angstlos zu folgen. Die Sache selbst ist nichts

weniger als gefährlich; aber man glaubt es nicht im Anfang, wenn man gar

nichts vom Bergwerkswesen versteht. Es giebt schon eine eigene Empfindung,

daß man sich ausziehen und die dunkle Delinquententracht anziehen muß. Und

nun soll man auf allen Vieren hinab klettern, und das dunkle Loch ist so dunkel,

und Gott weiß, wie lang die Leiter sein mag. Aber bald merkt man doch, daß es

nicht eine einzige, in die schwarze Ewigkeit hinablaufende Leiter ist, sondern

daß es mehrere von fünfzehn bis zwanzig Sprossen sind, deren jede auf ein

kleines Brett führt, worauf man stehen kann, und worin wieder ein neues Loch

nach einer neuen Leiter hinableitet. Ich war zuerst in die Karolina gestiegen. Das

ist die schmutzigste und unerfreulichste Karolina, die ich je kennen gelernt habe.

Die Leitersprossen sind kotig naß. Und von einer Leiter zur andern geht's hinab, und der Steiger voran, und dieser beteuert immer, es sei gar nicht gefährlich, nur

müsse man sich mit den Händen fest an den Sprossen halten, und nicht nach den

Füßen sehen, und nicht schwindlicht werden, und nur bei Leibe nicht auf das

Seitenbrett treten, wo jetzt das schnurrende Tonnenseil heraufgeht, und wo vor

vierzehn Tagen ein unvorsichtiger Mensch hinuntergestürzt und leider den Hals

gebrochen. Da unten ist ein verworrenes Rauschen und Summen, man stößt

beständig an Balken und Seile, die in Bewegung sind, um die Tonnen mit

geklopften Erzen oder das hervorgesinterte Wasser herauf zu winden. Zuweilen

gelangt man auch in durchgehauene Gänge, Stollen genannt, wo man das Erz

wachsen sieht, und wo der einsame Bergmann den ganzen Tag sitzt und mühsam

mit dem Hammer die Erzstücke aus der Wand herausklopft. Bis in die unterste

Tiefe, wo man, wie einige behaupten, schon hören kann, wie die Leute in

Amerika »Hurrah, Lafayette!« schreien, bin ich nicht gekommen; unter uns

gesagt, dort, bis wohin ich kam, schien es mir bereits tief genug: –

immerwährendes Brausen und Sausen, unheimliche Maschinenbewegung,

unterirdisches Quellengeriesel, von allen Seiten herabtriefendes Wasser, qualmig

aufsteigende Erddünste, und das Grubenlicht immer bleicher hineinflimmernd in

die einsame Nacht. Wirklich, es war betäubend, das Atmen wurde mir schwer,

und mit Mühe hielt ich mich an den glitscherigen Leitersprossen. Ich habe

keinen Anflug von sogenannter Angst empfunden, aber, seltsam genug, dort

unten in der Tiefe erinnerte ich mich, daß ich im vorigen Jahre ungefähr um

dieselbe Zeit einen Sturm auf der Nordsee erlebte, und ich meinte jetzt, es sei

doch eigentlich recht traulich angenehm, wenn das Schiff hin und her schaukelt,

die Winde ihre Trompeterstückchen losblasen, zwischendrein der lustige

Matrosenlärm erschallt, und alles frisch überschauert wird von Gottes lieber,

freier Luft. Ja, Luft! – Nach Luft schnappend stieg ich einige Dutzend Leitern

wieder in die Höhe, und mein Steiger führte mich durch einen schmalen, sehr

langen, in den Berg gehauenen Gang nach der Grube Dorothea. Hier ist es

luftiger und frischer, und die Leitern sind reiner, aber auch länger und steiler als

in der Karolina. Hier wurde mir auch besser zu Mute, besonders da ich wieder

Spuren lebendiger Menschen gewahrte. In der Tiefe zeigten sich nämlich

wandelnde Schimmer; Bergleute mit ihren Grubenlichtern kamen allmählich in

die Höhe mit dem Gruße »Glückauf!« und mit demselben Wiedergruße von

unserer Seite stiegen sie an uns vorüber; und wie eine befreundet ruhige, und

doch zugleich quälend rätselhafte Erinnerung trafen mich mit ihren tiefsinnig

klaren Blicken die ernstfrommen, etwas blassen, und vom Grubenlicht

geheimnisvoll beleuchteten Gesichter dieser jungen und alten Männer, die in

ihren dunkeln, einsamen Bergschachten den ganzen Tag gearbeitet hatten, und

sich jetzt hinaufsehnten nach dem lieben Tageslicht, und nach den Augen von Weib und Kind.

 

Mein Cicerone selbst war eine kreuzehrliche, pudeldeutsche Natur. Mit innerer

Freudigkeit zeigte er mir jene Stelle, wo der Herzog von Cambridge, als er die

Grube befahren, mit seinem ganzen Gefolge gespeist hat, und wo noch der lange

hölzerne Speisetisch steht, so wie auch der große Stuhl von Erz, worauf der

Herzog gesessen. Dieser bleibe zum ewigen Andenken stehen, sagte der gute

Bergmann, und mit Feuer erzählte er, wie viele Festlichkeiten damals

stattgefunden, wie der ganze Stollen mit Lichtern, Blumen und Laubwerk

verziert gewesen, wie ein Bergknappe die Zither gespielt und gesungen, wie der

vergnügte, liebe, dicke Herzog sehr viele Gesundheiten ausgetrunken habe, und

wie viele Bergleute, und er selbst ganz besonders, sich gern würden totschlagen

lassen für den lieben, dicken Herzog und das ganze Haus Hannover. – Innig

rührt es mich jedesmal, wenn ich sehe, wie sich dieses Gefühl der

Unterthanstreue in seinen einfachen Naturlauten ausspricht. Es ist ein so schönes

Gefühl! Und es ist ein so wahrhaft deutsches Gefühl! Andere Völker mögen

gewandter sein und witziger und ergötzlicher, aber keins ist so treu wie das treue

deutsche Volk. Wüßte ich nicht, daß die Treue so alt ist wie die Welt, so würde

ich glauben, ein deutsches Herz habe sie erfunden. Deutsche Treue! sie ist keine

moderne Adressenfloskel. An euren Höfen, ihr deutschen Fürsten, sollte man

singen und wieder singen das Lied von dem getreuen Eckart und dem bösen

Burgund, der ihm die lieben Kinder töten lassen, und ihn alsdann doch noch

immer treu befunden hat. Ihr habt das treueste Volk, und ihr irrt, wenn ihr glaubt,

der alte verständige, treue Hund sei plötzlich toll geworden, und schnappe nach

euren geheiligten Waden.

 

Wie die deutsche Treue, hatte uns jetzt das kleine Grubenlicht ohne viel

Geflacker still und sicher geleitet durch das Labyrinth der Schachten und

Stollen; wir stiegen hervor aus der dumpfigen Bergnacht, das Sonnenlicht

strahlte – Glückauf!

 

Die meisten Bergarbeiter wohnen in Klausthal und in dem damit verbundenen

Bergstädtchen Zellerfeld. Ich besuchte mehrere dieser wackern Leute,

betrachtete ihre kleine häusliche Einrichtung, hörte einige ihrer Lieder, die sie

mit der Zither, ihrem Lieblingsinstrumente, gar hübsch begleiten, ließ mir alte

Bergmärchen von ihnen erzählen und auch die Gebete hersagen, die sie in

Gemeinschaft zu halten pflegen, ehe sie in den dunkeln Schacht hinuntersteigen,

und manches gute Gebet habe ich mitgebetet. Ein alter Steiger meinte sogar, ich

sollte bei ihnen bleiben und Bergmann werden; und als ich dennoch Abschied

nahm, gab er mir einen Auftrag an seinen Bruder, der in der Nähe von Goslar wohnt, und viele Küsse für seine liebe Nichte.

 

So stillstehend ruhig auch das Leben dieser Leute erscheint, so ist es dennoch ein

wahrhaftes, lebendiges Leben. Die steinalte, zitternde Frau, die, dem großen

Schranke gegenüber, hinterm Ofen saß, mag dort schon ein Vierteljahrhundert

lang gesessen haben, und ihr Denken und Fühlen ist gewiß innig verwachsen mit

allen Ecken dieses Ofens und allen Schnitzeleien dieses Schrankes. Und Schrank

und Ofen leben, denn ein Mensch hat ihnen einen Teil seiner Seele eingeflößt.

 

Nur durch solch tiefes Anschauungsleben, durch die »Unmittelbarkeit« entstand

die deutsche Märchenfabel, deren Eigentümlichkeit darin besteht, daß nicht nur

die Tiere und Pflanzen, sondern auch ganz leblos scheinende Gegenstände

sprechen und handeln. Sinnigem, harmlosem Volke in der stillen, umfriedeten

Heimlichkeit seiner niedern Berg- oder Waldhütten offenbarte sich das innere

Leben solcher Gegenstände, diese gewannen einen notwendigen, konsequenten

Charakter, eine süße Mischung von phantastischer Laune und rein menschlicher

Gesinnung; und so sehen wir im Märchen, wunderbar und doch als wenn es sich

von selbst verstände: Nähnadel und Stecknadel kommen von der

Schneiderherberge und verirren sich im Dunkeln; Strohhalm und Kohle wollen

über den Bach setzen und verunglücken; Schippe und Besen stehen auf der

Treppe und zanken und schmeißen sich; der befragte Spiegel zeigt das Bild der

schönsten Frau; sogar die Blutstropfen fangen an zu sprechen, bange dunkle

Worte des besorglichsten Mitleids. – Aus demselben Grunde ist unser Leben in

der Kindheit so unendlich bedeutend, in jener Zeit ist uns alles gleich wichtig,

wir hören alles, wir sehen alles, bei allen Eindrücken ist Gleichmäßigkeit, statt

wir später absichtlicher werden, uns mit dem Einzelnen ausschließlicher

beschäftigen, das klare Gold der Anschauung für das Papiergeld der

Bücherdefinitionen mühsam einwechseln, und an Lebensbreite gewinnen, was

wir an Lebenstiefe verlieren. Jetzt sind wir ausgewachsene, vornehme Leute; wir

beziehen oft neue Wohnungen, die Magd räumt täglich auf, und verändert nach

Gutdünken die Stellung der Möbeln, die uns wenig interessieren, da sie entweder

neu sind, oder heute dem Hans, morgen dem Isaak gehören; selbst unsere

Kleider bleiben uns fremd, wir wissen kaum, wie viel Knöpfe an dem Rocke

sitzen, den wir eben jetzt auf dem Leibe tragen; wir wechseln ja so oft als

möglich mit Kleidungsstücken, keines derselben bleibt im Zusammenhange mit

unserer inneren und äußeren Geschichte; – kaum vermögen wir uns zu erinnern,

wie jene braune Weste aussah, die uns einst so viel Gelächter zugezogen hat, und

auf deren breiten Streifen dennoch die liebe Hand der Geliebten so lieblich

ruhte!

Die alte Frau, dem großen Schrank gegenüber hinterm Ofen, trug einen

geblümten Rock von verschollenem Zeuge, das Brautkleid ihrer seligen Mutter.

Ihr Urenkel, ein als Bergmann gekleideter blonder, blitzäugiger Knabe, saß zu

ihren Füßen und zählte die Blumen ihres Rockes, und sie mag ihm von diesem

Rocke wohl schon viele Geschichtchen erzählt haben, viele ernsthafte hübsche

Geschichten, die der Junge gewiß nicht so bald vergißt, die ihm noch oft

vorschweben werden, wenn er bald als ein erwachsener Mann in den nächtlichen

Stollen der Karolina einsam arbeitet, und die er vielleicht wieder erzählt, wenn

die liebe Großmutter längst tot ist, und er selber ein silberhaariger, erloschener

Greis, im Kreise seiner Enkel sitzt, dem großen Schranke gegenüber, hinterm

Ofen.

 

Ich blieb die Nacht ebenfalls in der Krone, wo unterdessen auch der Hofrat B.

aus Göttingen angekommen war. Ich hatte das Vergnügen, dem alten Herrn

meine Aufwartung zu machen. Als ich mich ins Fremdenbuch einschrieb und im

Monat Juli blätterte, fand ich auch den vielteuern Namen Adalbert von

Chamisso, den Biographen des unsterblichen Schlemihl. Der Wirt erzählte mir,

dieser Herr sei in einem unbeschreibbar schlechten Wetter angekommen, und in

einem eben so schlechten Wetter wieder abgereist.

 

Den andern Morgen mußte ich meinen Ranzen nochmals erleichtern, das

eingepackte Paar Stiefel warf ich über Bord, und ich hob auf meine Füße und

ging nach Goslar. Ich kam dahin, ohne zu wissen wie. Nur soviel kann ich mich

erinnern: ich schlenderte wieder bergauf, bergab, schaute hinunter in manches

hübsche Wiesenthal; silberne Wasser brausten, süße Waldvögel zwitscherten, die

Herdenglöckchen läuteten, die mannigfaltig grünen Bäume wurden von der

lieben Sonne goldig angestrahlt, und oben war die blauseidene Decke des

Himmels so durchsichtig, daß man tief hinein schauen konnte bis ins

Allerheiligste, wo die Engel zu den Füßen Gottes sitzen, und in den Zügen

seines Antlitzes den Generalbaß studieren. Ich aber lebte noch in dem Traum der

vorigen Nacht, den ich nicht aus meiner Seele verscheuchen konnte. Es war das

alte Märchen, wie ein Ritter hinabsteigt in einen tiefen Brunnen, wo unten die

schönste Prinzessin zu einem starren Zauberschlafe verwünscht ist. Ich selbst

war der Ritter, und der Brunnen die dunkle Klausthaler Grube, und plötzlich

erschienen viele Lichter, aus allen Seitenlöchern stürzten die wachsamen

Zwerglein, schnitten zornige Gesichter, hieben nach mir mit ihren kurzen

Schwertern, bliesen gellend ins Horn, daß immer mehr und mehr herzu eilten,

und es wackelten entsetzlich ihre breiten Häupter. Wie ich darauf zuschlug und

das Blut herausfloß, merkte ich erst, daß es die rotblühenden, langbärtigen Distelköpfe waren, die ich den Tag vorher an der Landstraße mit dem Stocke

abgeschlagen hatte. Da waren sie auch gleich alle verscheucht, und ich gelangte

in einen hellen Prachtsaal; in der Mitte stand, weiß verschleiert, und wie eine

Bildsäule starr und regungslos, die Herzgeliebte, und ich küßte ihren Mund, und,

beim lebendigen Gott! ich fühlte den beseligenden Hauch ihrer Seele und das

süße Beben der lieblichen Lippen. Es war mir, als hörte ich, wie Gott rief: »Es

werde Licht!« blendend schoß herab ein Strahl des ewigen Lichts; aber in

demselben Augenblick wurde es wieder Nacht, und alles rann chaotisch

zusammen in ein wildes, wüstes Meer. Ein wildes, wüstes Meer! über das

gährende Wasser jagten ängstlich die Gespenster der Verstorbenen, ihre weißen

Totenhemden flatterten im Winde, hinter ihnen her, hetzend, mit klatschender

Peitsche lief ein buntscheckiger Harlekin, und dieser war ich selbst – und

plötzlich, aus den dunkeln Wellen, reckten die Meerungetüme ihre

mißgestalteten Häupter, und langten nach mir mit ausgebreiteten Krallen, und

vor Entsetzen erwacht' ich.

 

Wie doch zuweilen die allerschönsten Märchen verdorben werden! Eigentlich

muß der Ritter, wenn er die schlafende Prinzessin gefunden hat, ein Stück aus

ihrem kostbaren Schleier heraus schneiden; und wenn durch seine Kühnheit ihr

Zauberschlaf gebrochen ist, und sie wieder in ihrem Palast auf dem goldenen

Stuhle sitzt, muß der Ritter zu ihr treten und sprechen: »Meine allerschönste

Prinzessin, kennst du mich?« Und dann antwortet sie: »Mein allertapferster

Ritter, ich kenne dich nicht.« Und dieser zeigt ihr alsdann das aus ihrem Schleier

herausgeschnittene Stück, das just in denselben wieder hineinpaßt, und beide

umarmen sich zärtlich, und die Trompeter blasen, und die Hochzeit wird

gefeiert.

 

Es ist wirklich eigenes Mißgeschick, daß meine Liebesträume selten ein so

schönes Ende nehmen.

 

Der Name Goslar klingt so erfreulich, und es knüpfen sich daran so viele uralte

Kaisererinnerungen, daß ich eine imposante, stattliche Stadt erwartete. Aber so

geht es, wenn man die Berühmten in der Nähe besieht! Ich fand ein Nest mit

meistens schmalen, labyrinthisch krummen Straßen, allwo mittendurch ein

kleines Wasser, wahrscheinlich die Gose, fließt, verfallen und dumpfig, und ein

Pflaster, so holprig wie Berliner Hexameter. Nur die Altertümlichkeiten der

Einfassung, nämlich Reste von Mauern, Türmen und Zinnen, geben der Stadt

etwas Pikantes. Einer dieser Türme, der Zwinger genannt, hat so dicke Mauern,

daß ganze Gemächer darin ausgehauen sind. Der Platz vor der Stadt, wo der

weitberühmte Schützenhof gehalten wird, ist eine schöne große Wiese, ringsum hohe Berge. Der Markt ist klein, in der Mitte steht ein Springbrunnen, dessen

Wasser sich in ein großes Metallbecken ergießt. Bei Feuersbrünsten wird

einigemal daran geschlagen; es giebt dann einen weitschallenden Ton. Man weiß

nichts vom Ursprunge dieses Beckens. Einige sagen, der Teufel habe es einst zur

Nachtzeit dort auf den Markt hingestellt. Damals waren die Leute noch dumm,

und der Teufel war auch dumm, und sie machten sich wechselseitig Geschenke.

 

Das Rathaus zu Goslar ist eine weißangestrichene Wachtstube. Das

danebenstehende Gildenhaus hat schon ein besseres Ansehen. Ungefähr von der

Erde und vom Dach gleich weit entfernt stehen da die Standbilder deutscher

Kaiser, räucherig schwarz und zum Teil vergoldet, in der einen Hand das

Scepter, in der andern die Weltkugel; sehen aus wie gebratene

Universitätspedelle. Einer dieser Kaiser hält ein Schwert, statt des Scepters. Ich

konnte nicht erraten, was dieser Unterschied sagen will; und es hat doch gewiß

seine Bedeutung, da die Deutschen die merkwürdige Gewohnheit haben, daß sie

bei allem, was sie thun, sich auch etwas denken.

 

In Gottschalks »Handbuch« hatte ich von dem uralten Dom und von dem

berühmten Kaiserstuhl zu Goslar viel gelesen. Als ich aber beides besehen

wollte, sagte man mir, der Dom sei niedergerissen und der Kaiserstuhl nach

Berlin gebracht worden. Wir leben in einer bedeutungsschweren Zeit:

tausendjährige Dome werden abgebrochen, und Kaiserstühle in die

Rumpelkammer geworfen.

 

Einige Merkwürdigkeiten des seligen Doms sind jetzt in der Stephanskirche

aufgestellt. Glasmalereien, die wunderschön sind, einige schlechte Gemälde,

worunter auch ein Lukas Cranach sein soll, ferner ein hölzerner Christus am

Kreuz, und ein heidnischer Opferaltar aus unbekanntem Metall; er hat die

Gestalt einer länglich viereckigen Lade, und wird von Karyatiden getragen, die,

in geduckter Stellung, die Hände stützend über dem Kopfe halten, und

unerfreulich häßliche Gesichter schneiden. Indessen noch unerfreulicher ist das

dabeistehende, schon erwähnte große hölzerne Kruzifix. Dieser Christuskopf mit

natürlichen Haaren und Dornen und blutbeschmiertem Gesichte zeigt freilich

höchst meisterhaft das Hinsterben eines Menschen, aber nicht eines

gottgebornen Heilands. Nur das materielle Leiden ist in dieses Gesicht

hineingeschnitzelt, nicht die Poesie des Schmerzes. Solch Bild gehört eher in

einen anatomischen Lehrsaal, als in ein Gotteshaus. Die kunsterfahrene Frau

Küsterin, die mich herumführte, zeigte mir noch als ganz besondere Rarität ein

vieleckiges, wohlgehobeltes, schwarzes, mit weißen Zahlen bedecktes Stück

Holz, das ampelartig in der Mitte der Kirche hängt. O, wie glänzend zeigt sich hier der Erfindungsgeist in der protestantischen Kirche! Denn, wer sollte dies

denken! Die Zahlen auf besagtem Stück Holze sind die Psalmennummern,

welche gewöhnlich mit Kreide auf einer schwarzen Tafel verzeichnet werden

und auf den ästhetischen Sinn etwas nüchtern wirken, aber jetzt durch obige

Erfindung sogar zur Zierde der Kirche dienen, und die so oft darin vermißten

Raphaelschen Bilder hinlänglich ersetzen. Solche Fortschritte freuen mich

unendlich, da ich, der ich Protestant und zwar Lutheraner bin, immer tief betrübt

worden, wenn katholische Gegner das leere, gottverlassene Ansehn

protestantischer Kirchen bespötteln konnten.

 

Ich logierte in einem Gasthofe nahe dem Markte, wo mir das Mittagessen noch

besser geschmeckt haben würde, hätte sich nur nicht der Herr Wirt mit seinem

langen, überflüssigen Gesichte und seinen langweiligen Fragen zu mir

hingesetzt; glücklicher Weise ward ich bald erlöst durch die Ankunft eines

andern Reisenden, der dieselben Fragen in derselben Ordnung aushalten mußte:

quis? quid? ubi? quibus auxiliis? cur? quomodo? quando? Dieser Fremde war

ein alter, müder, abgetragener Mann, der, wie aus seinen Reden hervorging, die

ganze Welt durchwandert, besonders lang auf Batavia gelebt, viel Geld erworben

und wieder alles verloren hatte, und jetzt, nach dreißigjähriger Abwesenheit,

nach Quedlinburg, seiner Vaterstadt zurückkehrte, – »denn,« setzte er hinzu,

»unsere Familie hat dort ihr Erbbegräbnis.« Der Herr Wirt machte die sehr

aufgeklärte Bemerkung, daß es doch für die Seele gleichgiltig sei, wo unser Leib

begraben wird. »Haben sie es schriftlich?« antwortete der Fremde, und dabei

zogen sich unheimlich schlaue Ringe um seine kümmerlichen Lippen und

verblichenen Äugelein. »Aber,« setzte er ängstlich begütigend hinzu, »ich will

darum über fremde Gräber doch nichts Böses gesagt haben; – die Türken

begraben ihre Toten noch weit schöner als wir, ihre Kirchhöfe sind ordentlich

Gärten, und da sitzen sie auf ihren weißen, beturbanten Grabsteinen, unter dem

Schatten einer Cypresse, und streichen ihre ernsthaften Bärte, und rauchen ruhig

ihren türkischen Tabak aus ihren langen türkischen Pfeifen; – und bei den

Chinesen gar ist es eine ordentliche Lust zuzusehen, wie sie auf den Ruhestätten

ihrer Toten manierlich herumtänzeln, und beten, und Thee trinken, und die Geige

spielen, und die geliebten Gräber gar hübsch zu verzieren wissen mit allerlei

vergoldetem Lattenwerk, Porzellanfigürchen, Fetzen von buntem Seidenzeug,

künstlichen Blumen und farbigen Laternchen – alles sehr hübsch – wie weit hab'

ich noch bis Quedlinburg?«

 

Der Kirchhof in Goslar hat mich nicht sehr angesprochen. Desto mehr aber jenes

wunderschöne Lockenköpfchen, das bei meiner Ankunft in der Stadt aus einem etwas hohen Parterrefenster lächelnd heraus schaute. Nach Tische suchte ich

wieder das liebe Fenster; aber jetzt stand dort nur ein Wasserglas mit weißen

Glockenblümchen. Ich kletterte hinauf, nahm die artigen Blümchen aus dem

Glase, steckte sie ruhig auf meine Mütze und kümmerte mich wenig um die

aufgesperrten Mäuler, versteinerten Nasen und Glotzaugen, womit die Leute auf

der Straße, besonders die alten Weiber, diesem qualificierten Diebstahle zusahen.

Als ich eine Stunde später an demselben Hause vorbeiging, stand die Holde am

Fenster, und wie sie die Glockenblümchen auf meiner Mütze gewahrte, wurde

sie blutrot und stürzte zurück. Ich hatte jetzt das schöne Antlitz noch genauer

gesehen; es war eine süße, durchsichtige Verkörperung von Sommerabendhauch,

Mondschein, Nachtigallenlaut und Rosenduft. – Später, als es ganz dunkel

geworden, trat sie vor die Thüre. Ich kam – ich näherte mich – sie zieht sich

langsam zurück in den dunkeln Hausflur – ich fasse sie bei der Hand und sage:

»Ich bin ein Liebhaber von schönen Blumen und Küssen, und was man mir nicht

freiwillig giebt, das stehle ich« – und ich küßte sie rasch – und wie sie entfliehen

will, flüstere ich beschwichtigend: »Morgen reis' ich fort und komme wohl nie

wieder« – und ich fühle den geheimen Wiederdruck der lieblichen Lippen und

der kleinen Hände – und lachend eile ich von hinnen. Ja, ich muß lachen, wenn

ich bedenke, daß ich unbewußt jene Zauberformel ausgesprochen, wodurch

unsere Rot- und Blauröcke, öfter als durch ihre schnurrbärtige

Liebenswürdigkeit, die Herzen der Frauen bezwingen: »Ich reise morgen fort

und komme wohl nie wieder!«

 

Mein Logis gewährte eine herrliche Aussicht nach dem Rammelsberg. Es war

ein schöner Abend. Die Nacht jagte auf ihrem schwarzen Rosse, und die langen

Mähnen flatterten im Winde. Ich stand am Fenster und betrachtete den Mond.

Giebt es wirklich einen Mann im Monde? Die Slaven sagen, er heiße Klotar, und

das Wachsen des Mondes bewirke er durch Wasseraufgießen. Als ich noch klein

war, hatte ich gehört, der Mond sei eine Frucht, die, wenn sie reif geworden,

vom lieben Gott abgepflückt und zu den übrigen Vollmonden in den großen

Schrank gelegt werde, der am Ende der Welt steht, wo sie mit Brettern

zugenagelt ist. Als ich größer wurde, bemerkte ich, daß die Welt nicht so eng

begrenzt ist, und daß der menschliche Geist die hölzernen Schranken

durchbrochen, und mit einem riesigen Petrischlüssel, mit der Idee der

Unsterblichkeit, alle sieben Himmel aufgeschlossen hat. Unsterblichkeit!

schöner Gedanke! wer hat dich zuerst erdacht? War es ein Nürnberger

Spießbürger, der, mit weißer Nachtmütze auf dem Kopfe und mit weißer

Thonpfeife im Maule, am lauen Sommerabend vor seiner Hausthüre saß, und

recht behaglich meinte, es wäre doch hübsch, wenn er nun so immerfort, ohne daß sein Pfeifchen und sein Lebensatemchen ausgingen, in die liebe Ewigkeit

hineinvegetieren könnte! Oder war es ein junger Liebender, der in den Armen

seiner Geliebten jenen Unsterblichkeitsgedanken dachte, und ihn dachte, weil er

ihn fühlte, und weil er nicht anders fühlen und denken konnte? – Liebe!

Unsterblichkeit! – in meiner Brust ward es plötzlich so heiß, daß ich glaubte, die

Geographen hätten den Äquator verlegt, und er laufe jetzt gerade durch mein

Herz. Und aus meinem Herzen ergossen sich die Gefühle der Liebe, ergossen

sich sehnsüchtig in die weite Nacht. Die Blumen im Garten unter meinem

Fenster dufteten stärker. Düfte sind die Gefühle der Blumen, und wie das

Menschenherz in der Nacht, wo es sich einsam und unbelauscht glaubt, stärker

fühlt, so scheinen auch die Blumen, sinnig verschämt, erst die umhüllende

Dunkelheit zu erwarten, um sich gänzlich ihren Gefühlen hinzugeben und sie

auszuhauchen in süßen Düften. – Ergießt euch, ihr Düfte meines Herzens, und

sucht hinter jenen Bergen die Geliebte meiner Träume! Sie liegt jetzt schon und

schläft; zu ihren Füßen knieen Engel, und wenn sie im Schlafe lächelt, so ist es

ein Gebet, das die Engel nachbeten; in ihrer Brust liegt der Himmel mit allen

seinen Seligkeiten, und wenn sie atmet, so bebt mein Herz in der Ferne; hinter

den seidnen Wimpern ihrer Augen ist die Sonne untergegangen, und wenn sie

die Augen wieder aufschlägt, so ist es Tag, und die Vögel singen, und die

Herdenglöckchen läuten, und die Berge schimmern in ihren smaragdenen

Kleidern, und ich schnüre den Ranzen und wandre.

 

In diesen philosophischen Betrachtungen und Privatgefühlen überraschte mich

der Besuch des Hofrat B., der kurz vorher ebenfalls nach Goslar gekommen war.

Zu keiner Stunde hätte ich die wohlwollende Gemütlichkeit dieses Mannes tiefer

empfinden können. Ich verehre ihn wegen seines ausgezeichneten, erfolgreichen

Scharfsinns, noch mehr aber wegen seiner Bescheidenheit. Ich fand ihn

ungemein heiter, frisch und rüstig. Daß er letzteres ist, bewies er jüngst durch

sein neues Werk: »Die Religion der Vernunft«, ein Buch, das die Rationalisten

so sehr entzückt, die Mystiker ärgert, und das große Publikum in Bewegung

setzt. Ich selbst bin zwar in diesem Augenblick ein Mystiker, meiner Gesundheit

wegen, indem ich nach der Vorschrift meines Arztes alle Anregungen zum

Denken vermeiden soll. Doch verkenne ich nicht den unschätzbaren Wert der

rationalistischen Bemühungen eines Paulus, Gurlitt Krug, Eichhorn, Bouterwek,

Wegscheider u. s. w. Zufällig ist es mir selbst sehr ersprießlich, daß diese Leute

so manches verjährte Übel forträumen, besonders den alten Kirchenschutt,

worunter so viele Schlangen und böse Dünste. Die Luft wird in Deutschland zu

dick und auch zu heiß, und oft fürchte ich zu ersticken, oder von meinen

geliebten Mitmystikern in ihrer Liebeshitze erwürgt zu werden. Drum will ich auch den guten Rationalisten nichts weniger als böse sein, wenn sie die Luft

etwas gar zu sehr abkühlen. Im Grunde hat ja die Natur selbst dem

Rationalismus seine Grenze gesteckt; unter der Luftpumpe und am Nordpol kann

der Mensch es nicht aushalten.

 

In jener Nacht, die ich in Goslar zubrachte, ist mir etwas höchst Seltsames

begegnet. Noch immer kann ich nicht ohne Angst daran zurückdenken. Ich bin

von Natur nicht ängstlich, und Gott weiß, daß ich niemals eine sonderliche

Beklemmung empfunden habe, wenn z. B. eine blanke Klinge mit meiner Nase

Bekanntschaft zu machen suchte, oder wenn ich mich Nachts in einem

verrufenen Walde verirrte, oder wenn mich im Konzert ein gähnender Lieutenant

zu verschlingen drohte – aber vor Geistern fürchte ich mich fast eben so sehr wie

der österreichische Beobachter. Was ist Furcht? Kommt sie aus dem Verstande

oder aus dem Gemüt? Über diese Frage disputierte ich so oft mit dem Doktor

Saul Ascher, wenn wir in Berlin im Café Royal, wo ich lange Zeit meinen

Mittagstisch hatte, zufällig zusammentrafen. Er behauptete immer, wir fürchten

etwas, weil wir es durch Vernunftschlüsse für furchtbar erkennen. Nur die

Vernunft sei eine Kraft, nicht das Gemüt. Während ich gut aß und gut trank,

demonstrierte er mir fortwährend die Vorzüge der Vernunft. Gegen das Ende

seiner Demonstration pflegte er nach seiner Uhr zu sehen, und immer schloß er

damit: »Die Vernunft ist das höchste Prinzip!« – Vernunft. Wenn ich jetzt dieses

Wort höre, so sehe ich noch immer den Doktor Saul Ascher mit seinen

abstrakten Beinen, mit seinem engen, transcendentalgrauen Leibrock, und mit

seinem schroffen, frierend kalten Gesichte, das einem Lehrbuche der Geometrie

als Kupfertafel dienen konnte. Dieser Mann, tief in den Fünfzigen, war eine

personificierte grade Linie. In seinem Streben nach dem Positiven hatte der arme

Mann sich alles Herrliche aus dem Leben heraus philosophiert, alle

Sonnenstrahlen, allen Glauben und alle Blumen, und es blieb ihm nichts übrig,

als das kalte positive Grab. Auf den Apoll von Belvedere und auf das

Christentum hatte er eine spezielle Malice. Gegen letzteres schrieb er sogar eine

Broschüre, worin er dessen Unvernünftigkeit und Unhaltbarkeit bewies. Er hat

überhaupt eine ganze Menge Bücher geschrieben, worin immer die Vernunft von

ihrer eigenen Vortrefflichkeit renommiert, und wobei es der arme Doktor gewiß

ernsthaft genug meinte, und also in dieser Hinsicht alle Achtung verdiente. Darin

aber bestand ja eben der Hauptspaß, daß er ein so ernsthaft närrisches Gesicht

schnitt, wenn er dasjenige nicht begreifen konnte, was jedes Kind begreift, eben

weil es ein Kind ist. Einigemal besuchte ich auch den Vernunftdoktor in seinem

eigenen Hause, wo ich schöne Mädchen bei ihm fand; denn die Vernunft

verbietet nicht die Sinnlichkeit. Als ich ihn einst ebenfalls besuchen wollte, sagte mir sein Bedienter: »Der Herr Doktor ist eben gestorben.« Ich fühlte nicht viel

mehr dabei, als wenn er gesagt hätte: Der Herr Doktor ist ausgezogen.

 

Doch zurück nach Goslar. »Das höchste Prinzip ist die Vernunft!« sagte ich

beschwichtigend zu mir selbst, als ich ins Bett stieg. Indessen, es half nicht. Ich

hatte eben in Varnhagen von Ense's »Deutsche Erzählungen«, die ich von

Klausthal mitgenommen hatte, jene entsetzliche Geschichte gelesen, wie der

Sohn, den sein eigener Vater ermorden wollte, in der Nacht von dem Geiste

seiner toten Mutter gewarnt wird. Die wunderbare Darstellung dieser Geschichte

bewirkte, daß mich während des Lesens ein inneres Grauen durchfröstelte. Auch

erregen Gespenstererzählungen ein noch schauerlicheres Gefühl, wenn man sie

auf der Reise liest, und zumal des Nachts, in einer Stadt, in einem Hause, in

einem Zimmer, wo man noch nie gewesen. Wie viel Gräßliches mag sich schon

zugetragen haben auf diesem Flecke, wo du eben liegst? so denkt man

unwillkürlich. Überdies schien der Mond so zweideutig ins Zimmer herein, an

der Wand bewegten sich allerlei unberufene Schatten, und als ich mich im Bett

aufrichtete, um hin zu sehen, erblickte ich –

 

Es giebt nichts Unheimlicheres, als wenn man bei Mondschein das eigene

Gesicht zufällig im Spiegel sieht. In demselben Augenblicke schlug eine

schwerfällige, gähnende Glocke, und zwar so lang und langsam, daß ich nach

dem zwölften Glockenschlage sicher glaubte, es seien unterdessen volle zwölf

Stunden verflossen, und es müßte wieder von vorn anfangen, Zwölf zu schlagen.

Zwischen dem vorletzten und letzten Glockenschlage schlug noch eine andere

Uhr, sehr rasch, fast keifend gell, und vielleicht ärgerlich über die Langsamkeit

ihrer Frau Gevatterin. Als beide eiserne Zungen schwiegen, und tiefe Totenstille

im ganzen Hause herrschte, war es mir plötzlich, als hörte ich auf dem Korridor

vor meinem Zimmer etwas schlottern und schlappen, wie der unsichere Gang

eines alten Mannes. Endlich öffnete sich meine Thür, und langsam trat herein der

verstorbene Doktor Saul Ascher. Ein kaltes Fieber rieselte mir durch Mark und

Bein, ich zitterte wie Espenlaub, und kaum wagte ich das Gespenst anzusehen.

Er sah aus wie sonst, derselbe transcendentalgraue Leibrock, dieselben

abstrakten Beine, und dasselbe mathematische Gesicht; nur war dieses etwas

gelblicher als sonst, auch der Mund, der sonst zwei Winkel von 22½ Grad

bildete, war zusammengekniffen, und die Augenkreise hatten einen größeren

Radius. Schwankend und wie sonst sich auf sein spanisches Röhrchen stützend,

näherte er sich mir, und in seinem gewöhnlichen mundfaulen Dialekte sprach er

freundlich: »Fürchten Sie sich nicht und glauben Sie nicht, daß ich ein Gespenst

sei. Es ist Täuschung Ihrer Phantasie, wenn Sie mich als Gespenst zu sehen glauben. Was ist ein Gespenst? Geben Sie mir eine Definition? Deducieren Sie

mir die Bedingungen der Möglichkeit eines Gespenstes? In welchem

vernünftigen Zusammenhang stände eine solche Erscheinung mit der Vernunft?

Die Vernunft, ich sage die Vernunft.« – Und nun schritt das Gespenst zu einer

Analyse der Vernunft, citierte Kants »Kritik der reinen Vernunft«, zweiter Theil,

erster Abschnitt, zweites Buch, drittes Hauptstück, die Unterscheidung von

Phänomena und Noumena, konstruierte alsdann den problematischen

Gespensterglauben, setzte einen Syllogismus auf den andern, und schloß mit

dem logischen Beweise, daß es durchaus keine Gespenster giebt. Mir

unterdessen lief der kalte Schweiß über den Rücken, meine Zähne klapperten

wie Kastagnetten, aus Seelenangst nickte ich unbedingte Zustimmung bei jedem

Satz, womit der spukende Doktor die Absurdität aller Gespensterfurcht bewies,

und derselbe demonstrierte so eifrig, daß er einmal in der Zerstreuung, statt

seiner goldnen Uhr, eine Handvoll Würmer aus der Uhrtasche zog, und, seinen

Irrtum bemerkend, mit possierlich ängstlicher Hastigkeit wieder einsteckte. »Die

Vernunft ist das höchste –« da schlug die Glocke Eins, und das Gespenst

verschwand.

 

Von Goslar ging ich den andern Morgen weiter, halb auf Geratewohl, halb in der

Absicht, den Bruder des Klausthaler Bergmanns aufzusuchen. Wieder schönes,

liebes Sonntagswetter. Ich bestieg Hügel und Berge, betrachtete, wie die Sonne

den Nebel zu verscheuchen suchte, wanderte freudig durch die schauernden

Wälder, und um mein träumendes Haupt klingelten die Glockenblümchen von

Goslar. In ihren weißen Nachtmänteln standen die Berge, die Tannen rüttelten

sich den Schlaf aus den Gliedern, der frische Morgenwind frisierte ihnen die

herabhängenden, grünen Haare, die Vöglein hielten Betstunde, das Wiesenthal

blitzte wie eine diamantenbesäete Golddecke, und der Hirt schritt darüber hin

mit seiner läutenden Herde. Ich mochte mich wohl eigentlich verirrt haben. Man

schlägt immer Seitenwege und Fußsteige ein, und glaubt dadurch näher zum

Ziele zu gelangen. Wie im Leben überhaupt, geht's uns auch auf dem Harze.

Aber es giebt immer gute Seelen, die uns wieder auf den rechten Weg bringen;

sie thun es gern, und finden noch obendrein ein besonderes Vergnügen daran,

wenn sie uns mit selbstgefälliger Miene und wohlwollend lauter Stimme

bedeuten, welche große Umwege wir gemacht, in welche Abgründe und Sümpfe

wir versinken konnten, und welch ein Glück es sei, daß wir so wegkundige

Leute, wie sie sind, noch zeitig angetroffen. Einen solchen Berichtiger fand ich

unweit der Harzburg. Es war ein wohlgenährter Bürger von Goslar, ein glänzend

wampiges, dummkluges Gesicht; er sah aus, als habe er die Viehseuche

erfunden. Wir gingen eine Strecke zusammen, und er erzählte mir allerlei Spukgeschichten, die hübsch klingen konnten, wenn sie nicht alle darauf hinaus

liefen, daß es doch kein wirklicher Spuk gewesen, sondern daß die weiße Gestalt

ein Wilddieb war, und daß die wimmernden Stimmen von den eben geworfenen

Jungen einer Bache (wilden Sau), und das Geräusch auf dem Boden von der

Hauskatze herrührte. Nur wenn der Mensch krank ist, setzte er hinzu, glaubt er

Gespenster zu sehen; was aber seine Wenigkeit anbelange, so sei er selten krank,

nur zuweilen leide er an Hautübeln, und dann kuriere er sich jedesmal mit

nüchternem Speichel. Er machte mich auch aufmerksam auf die

Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit in der Natur. Die Bäume sind grün, weil grün

gut für die Augen ist. Ich gab ihm Recht, und fügte hinzu, daß Gott das Rindvieh

erschaffen, weil Fleischsuppen den Menschen stärken, daß er die Esel

erschaffen, damit sie den Menschen zu Vergleichungen dienen können, und daß

er den Menschen selbst erschaffen, damit er Fleischsuppen essen und kein Esel

sein soll. Mein Begleiter war entzückt, einen Gleichgestimmten gefunden zu

haben, sein Antlitz erglänzte noch freudiger, und bei dem Abschiede war er

gerührt.

 

So lange er neben mir ging, war gleichsam die ganze Natur entzaubert; sobald er

aber fort war, fingen die Bäume wieder an zu sprechen, und die Sonnenstrahlen

erklangen, und die Wiesenblümchen tanzten, und der blaue Himmel umarmte die

grüne Erde. Ja, ich weiß es besser; Gott hat den Menschen erschaffen, damit er

die Herrlichkeit der Welt bewundere. Jeder Autor, und sei er noch so groß,

wünscht, daß sein Werk gelobt werde. Und in der Bibel, den Memoiren Gottes,

steht ausdrücklich, daß er die Menschen erschaffen zu seinem Ruhm und Preis.

 

Nach einem langen Hin- und Herwandern gelangte ich nach der Wohnung des

Bruders meines Klausthaler Freundes, übernachtete alldort, und erlebte

folgendes schöne Gedicht: