Die Harzreise

Heinrich Heine · Kapitel 1 von 1

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Die Harzreise

Heller wird es schon im Osten

Durch der Sonne kleines Glimmen,

Weit und breit die Bergesgipfel

In dem Nebelmeere schwimmen.

 

Hätt' ich Siebenmeilenstiefel,

Lief' ich mit der Hast des Windes

Über jene Bergesgipfel,

Nach dem Haus des lieben Kindes.

 

Von dem Bettchen, wo sie schlummert,

Zög' ich leise die Gardinen,

Leise küßt ich ihre Stirne,

Leise ihres Munds Rubinen.

 

Und noch leiser wollt' ich flüstern

In die kleinen Lilienohren:

Denk' im Traum, daß wir uns lieben,

Und daß wir uns nie verloren!

 

Indessen, meine Sehnsucht nach einem Frühstück war ebenfalls groß, und

nachdem ich meinen Damen einige Höflichkeiten gesagt, eilte ich hinab, um in

der warmen Stube Kaffee zu trinken. Es that not; in meinem Magen sah es so

nüchtern aus, wie in der Goslarschen Stephanskirche. Aber mit dem arabischen

Trunk rieselte mir auch der warme Orient durch die Glieder, östliche Rosen

umdufteten mich, süße Bülbüllieder erklangen, die Studenten verwandelten sich

in Kameele, die Brockenhausmädchen mit ihren Congreve'schen Blicken wurden

zu Houris, die Philisternasen wurden Minarets u. s. w.

 

Das Buch, das neben mir lag, war aber nicht der Koran. Unsinn enthielt es

freilich genug. Es war das sogenannte Brockenbuch, worin alle Reisende, die

den Berg ersteigen, ihre Namen schreiben, und die meisten noch einige

Gedanken und, in Ermangelung derselben, ihre Gefühle hinzu notieren. Viele

drücken sich sogar in Versen aus. In diesem Buche sieht man, welche Greuel

entstehen, wenn der große Philistertroß bei gebräuchlichen Gelegenheiten, wie

hier auf dem Brocken, sich vorgenommen hat, poetisch zu werden. Der Palast

des Prinzen von Pallagonia enthält keine so große Abgeschmacktheiten, wie

dieses Buch, wo besonders hervorglänzen die Herren Acciseeinnehmer mit ihren

verschimmelten Hochgefühlen, die Komptoirjünglinge mit ihren pathetischen Seelenergüssen, die altdeutschen Revolutionsdilettanten mit ihren

Turngemeinplätzen, die Berliner Schullehrer mit ihren verunglückten

Entzückungsphrasen u. s. w. Herr Johannes Hagel will sich auch mal als

Schriftsteller zeigen. Hier wird des Sonnenaufgangs majestätische Pracht

beschrieben; dort wird geklagt über schlechtes Wetter, über getäuschte

Erwartungen, über den Nebel, der alle Aussicht versperrt. »Benebelt

heraufgekommen und benebelt hinuntergegangen!« ist ein stehender Witz, der

hier von Hunderten nachgerissen wird. Eine Karolina schreibt, daß sie bei der

Ersteigung des Berges nasse Füße bekommen. Ein naives Hannchen hat diese

Klage im Sinne, und schreibt lakonisch: Auch ich bin bei der Geschichte naß

geworden. Das ganze Buch riecht nach Käse, Bier und Tabak; man glaubt einen

Roman von Clauren zu lesen.

 

Während ich nun besagtermaßen Kaffee trank und im Brockenbuche blätterte,

trat der Schweizer mit hochroten Wangen herein, und voller Begeisterung

erzählte er von dem erhabenen Anblick, den er oben auf dem Turme genossen,

als das reine, ruhige Licht der Sonne, Sinnbild der Wahrheit, mit den nächtlichen

Nebelmassen gekämpft, daß es ausgesehen habe wie eine Geisterschlacht, wo

zürnende Riesen ihre langen Schwerter ausstrecken, geharnischte Ritter auf

bäumenden Rossen einher jagen, Streitwagen, flatternde Banner, abenteuerliche

Tierbildungen aus dem wildesten Gewühle hervortauchen, bis endlich alles in

den wahnsinnigsten Verzerrungen zusammen kräuselt, blasser und blasser

zerrinnt, und spurlos verschwindet. Diese demagogische Naturerscheinung hatte

ich versäumt, und ich kann, wenn es zur Untersuchung kommt, eidlich

versichern, daß ich von nichts weiß, als vom Geschmack des guten braunen

Kaffee's. Ach, dieser war sogar schuld, daß ich meine schöne Dame vergessen,

und jetzt stand sie vor der Thür mit Mutter und Begleiter, im Begriff den Wagen

zu besteigen. Kaum hatte ich noch Zeit, hin zu eilen und ihr zu versichern, daß

es kalt sei. Sie schien unwillig, daß ich nicht früher gekommen; doch ich glättete

bald die mißmütigen Falten ihrer schönen Stirn, indem ich ihr eine wunderliche

Blume schenkte, die ich den Tag vorher mit halsbrechender Gefahr von einer

steilen Felsenwand gepflückt hatte. Die Mutter verlangte den Namen der Blume

zu wissen, gleichsam als ob sie es unschicklich fände, daß ihre Tochter eine

fremde, unbekannte Blume vor die Brust stecke – denn wirklich, die Blume

erhielt diesen beneidenswerten Platz, was sie sich gewiß gestern auf ihrer

einsamen Höhe nicht träumen ließ. Der schweigsame Begleiter öffnete jetzt auf

einmal den Mund, zählte die Staubfäden der Blume, und sagte ganz trocken: Sie

gehört zur achten Klasse.

Es ärgert mich jedesmal, wenn ich sehe, daß man auch Gottes liebe Blumen,

ebenso wie uns, in Kasten eingeteilt hat, und nach ähnlichen Äußerlichkeiten,

nämlich nach Staubfäden-Verschiedenheit. Soll doch mal eine Einteilung

stattfinden, so folge man dem Vorschlage Theophrasts, der die Blumen mehr

nach dem Geiste, nämlich nach ihrem Geruch, einteilen wollte. Was mich

betrifft, so habe ich in der Naturwissenschaft mein eigenes System, und demnach

teile ich alles ein: in dasjenige, was man essen kann, und in dasjenige, was man

nicht essen kann.

 

Jedoch der ältern Dame war die geheimnisvolle Natur der Blumen nichts

weniger als verschlossen, und unwillkürlich äußerte sie, daß sie von den

Blumen, wenn sie noch im Garten oder im Topfe wachsen, recht erfreut werde,

daß hingegen ein leises Schmerzgefühl traumhaft beängstigend ihre Brust

durchzittere, wenn sie eine abgebrochene Blume sehe – da eine solche doch

eigentlich eine Leiche sei, und so eine gebrochene, zarte Blumenleiche ihr

welkes Köpfchen recht traurig herabhängen lasse, wie ein totes Kind. Die Dame

war fast erschrocken über den trüben Wiederschein ihrer Bemerkung, und es war

meine Pflicht, denselben mit einigen Voltaire'schen Versen zu verscheuchen. Wie

doch ein paar französische Worte uns gleich in die gehörige

Konvenienzstimmung zurückversetzen können! Wir lachten, Hände wurden

geküßt, huldreich wurde gelächelt, die Pferde wieherten, und der Wagen holperte

langsam und beschwerlich den Berg hinunter.

 

Nun machten auch die Studenten Anstalt zum Abreisen, die Ranzen wurden

geschnürt, die Rechnungen, die über alle Erwartung billig ausfielen, berichtigt;

die empfänglichen Hausmädchen, auf deren Gesichtern die Spuren glücklicher

Liebe, brachten, wie gebräuchlich ist, die Brockensträußchen, halfen solche auf

die Mützen befestigen, wurden dafür mit einigen Küssen oder Groschen

honoriert, und so stiegen wir alle den Berg hinab, indem die einen, wobei der

Schweizer und Greifswalder, den Weg nach Schierke einschlugen, und die

andern, ungefähr zwanzig Mann, wobei auch meine Landsleute und ich,

angeführt von einem Wegweiser, durch die sogenannten Schneelöcher hinab

zogen nach Ilsenburg.

 

Das ging über Hals und Kopf. Halle'sche Studenten marschieren schneller als die

österreichische Landwehr. Ehe ich mich dessen versah, war die kahle Partie des

Berges mit den darauf zerstreuten Steingruppen schon hinter uns, und wir kamen

durch einen Tannenwald, wie ich ihn den Tag vorher gesehen. Die Sonne goß

schon ihre festlichen Strahlen herab und beleuchtete die humoristisch

buntgekleideten Burschen, die so munter durch das Dickicht drängen, hier verschwanden, dort wieder zum Vorschein kamen, bei Sumpfstellen über die

quergelegten Baumstämme liefen, bei abschüssigen Tiefen an den rankenden

Wurzeln kletterten, in den ergötzlichsten Tonarten empor johlten, und ebenso

lustige Antwort zurück erhielten von den zwitschernden Waldvögeln, von den

rauschenden Tannen, von den unsichtbar plätschernden Quellen und von dem

schallenden Echo. Wenn frohe Jugend und schöne Natur zusammen kommen, so

freuen sie sich wechselseitig.

 

Je tiefer wir hinabstiegen, desto lieblicher rauschte das unterirdische Gewässer,

nur hier und da, unter Gestein und Gestrüppe, blinkte es hervor, und schien

heimlich zu lauschen, ob es ans Licht treten dürfe, und endlich kam eine kleine

Welle entschlossen hervorgesprungen. Nun zeigt sich die gewöhnliche

Erscheinung: ein Kühner macht den Anfang, und der große Troß der Zagenden

wird plötzlich, zu seinem eigenen Erstaunen, von Mut ergriffen, und eilt, sich

mit jenem ersten zu vereinigen. Eine Menge anderer Quellen hüpften jetzt hastig

aus ihrem Versteck, verbanden sich mit der zuerst hervorgesprungenen, und bald

bildeten sie zusammen ein schon bedeutendes Bächlein, das in unzähligen

Wasserfällen und in wunderlichen Windungen das Bergthal hinabrauscht. Das ist

nun die Ilse, die liebliche, süße Ilse. Sie zieht sich durch das gesegnete Ilsethal,

an dessen beiden Seiten sich die Berge allmählich höher erheben, und diese sind

bis zu ihrem Fuße meistens mit Buchen, Eichen und gewöhnlichem

Blattgesträuche bewachsen, nicht mehr mit Tannen und anderm Nadelholz. Denn

jene Blätterholzart wächst vorherrschend auf dem »Unterharze«, wie man die

Ostseite des Brockens nennt, im Gegensatz zur Westseite desselben, die der

»Oberharz« heißt, und wirklich viel höher ist, also auch viel geeigneter zum

Gedeihen der Nadelhölzer.

 

Es ist unbeschreibbar, mit welcher Fröhlichkeit, Naivetät und Anmut die Ilse

sich hinunter stürzt über die abenteuerlich gebildeten Felsstücke, die sie in ihrem

Laufe findet, so daß das Wasser hier wild empor zischt oder schäumend

überläuft, dort aus allerlei Steinspalten, wie aus vollen Gießkannen, in reinen

Bögen sich ergießt, und unten wieder über die kleinen Steine hintrippelt, wie ein

munteres Mädchen. Ja, die Sage ist wahr, die Ilse ist eine Prinzessin, die lachend

und blühend den Berg hinabläuft. Wie blinkt im Sonnenschein ihr weißes

Schaumgewand! Wie flattern im Winde ihre silbernen Busenbänder! Wie

funkeln und blitzen ihre Diamanten! Die hohen Buchen stehen dabei gleich

ernsten Vätern, die verstohlen lächelnd dem Mutwillen des lieblichen Kindes

zusehen; die weißen Birken bewegen sich tantenhaft vergnügt, und doch

zugleich ängstlich über die gewagten Sprünge; der stolze Eichbaum schaut drein wie ein verdrießlicher Oheim, der das schöne Wetter bezahlen soll; die Vöglein

in den Lüften jubeln ihren Beifall, die Blumen am Ufer flüstern zärtlich: O,

nimm uns mit, nimm uns mit, lieb' Schwesterchen! – aber das lustige Mädchen

springt unaufhaltsam weiter, und plötzlich ergreift sie den träumenden Dichter,

und es strömt auf mich herab ein Blumenregen von klingenden Strahlen und

strahlenden Klängen, und die Sinne vergehen mir vor lauter Herrlichkeit, und ich

höre nur noch die flötensüße Stimme:

 

Ich bin die Prinzessin Ilse,

Und wohne im Ilsenstein;

Komm mit nach meinem Schlosse,

Wir wollen selig sein.

 

Dein Haupt will ich benetzen

Mit meiner klaren Well',

Du sollst deine Schmerzen vergessen,

Du sorgenkranker Gesell!

 

In meinen weißen Armen,

An meiner weißen Brust,

Da sollst du liegen und träumen

Von alter Märchenlust.

 

Ich will dich küssen und herzen,

Wie ich geherzt und geküßt

Den lieben Kaiser Heinrich,

Der nun gestorben ist.

 

Es bleiben tot die Toten,

Und nur der Lebendige lebt;

Und ich bin schön und blühend,

Mein lachendes Herze bebt.

 

Und bleibt mein Herz dort unten,

So klingt mein krystallenes Schloß,

Es tanzen die Fräulein und Ritter,

Es jubelt der Knappentroß.

 

Es rauschen die seidenen Schleppen,

Es klirren die Eisensporn,

Die Zwerge trompeten und pauken

Und fiedeln und blasen das Horn.

 

Doch dich soll mein Arm umschlingen,

Wie er Kaiser Heinrich umschlang;

Ich hielt ihm zu die Ohren,

Wenn die Trompet' erklang.

 

Unendlich selig ist das Gefühl, wenn die Erscheinungswelt mit unserer

Gemütswelt zusammenrinnt, und grüne Bäume, Gedanken, Vögelgesang,

Wehmut, Himmelsbläue, Erinnerung und Kräuterduft sich in süßen Arabesken

verschlingen. Die Frauen kennen am besten dieses Gefühl, und darum mag auch

ein so holdselig ungläubiges Lächeln um ihre Lippen schweben, wenn wir mit

Schulstolz unsere logischen Thaten rühmen, wie wir alles so hübsch eingeteilt in

objektiv und subjektiv, wie wir unsere Köpfe apothekenartig mit tausend

Schubladen versehen, wo in der einen Vernunft, in der andern Verstand, in der

dritten Witz, in der vierten schlechter Witz, und in der fünften gar nichts,

nämlich die Idee, enthalten ist.

 

Wie im Traume fortwandelnd, hatte ich fast nicht bemerkt, daß wir die Tiefe des

Ilsethales verlassen und wieder bergauf stiegen. Dies ging sehr steil und

mühsam, und mancher von uns kam außer Atem. Doch wie unser seliger Vetter,

der zu Mölln begraben liegt, dachten wir im voraus ans Bergabsteigen, und

waren um so vergnügter. Endlich gelangten wir auf den Ilsenstein.

 

Das ist ein ungeheurer Granitfelsen, der sich lang und keck aus der Tiefe erhebt.

Von drei Seiten umschließen ihn die hohen, waldbedeckten Berge, aber die

vierte, die Nordseite, ist frei, und hier schaut man über das unten liegende

Ilsenburg und die Ilse weit hinab ins niedere Land. Auf der turmartigen Spitze

des Felsens steht ein großes, eisernes Kreuz, und zur Not ist da noch Platz für

vier Menschenfüße.

 

Wie nun die Natur durch Stellung und Form den Ilsenstein mit phantastischen

Reizen geschmückt, so hat auch die Sage ihren Rosenschein darüber

ausgegossen. Gottschalk berichtet: »Man erzählt, hier habe ein verwünschtes

Schloß gestanden, in welchem die reiche schöne Prinzessin Ilse gewohnt, die

sich noch jetzt jeden Morgen in der Ilse bade; und wer so glücklich ist, den

rechten Zeitpunkt zu treffen, werde von ihr in den Felsen, wo ihr Schloß sei,

geführt und königlich belohnt.« Andere erzählen von der Liebe des Fräulein Ilse

und des Ritters von Westenberg eine hübsche Geschichte, die einer unserer bekanntesten Dichter romantisch in der »Abendzeitung« besungen hat. Andere

wieder erzählen anders: Es soll der altsächsische Kaiser Heinrich gewesen sein,

der mit Ilse, der schönen Wasserfee, in ihrer verzauberten Felsenburg die

kaiserlichsten Stunden genossen. Ein neuerer Schriftsteller, Herr Niemann,

Wohlgeb., der ein Harzreisebuch geschrieben, worin er die Gebirgshöhen,

Abweichungen der Magnetnadel, Schulden der Städte und dergleichen mit

löblichem Fleiße und genauen Zahlen angegeben, behauptet indes: »Was man

von der schönen Prinzessin Ilse erzählt, gehört dem Fabelreiche an.« So

sprechen alle diese Leute, denen eine solche Prinzessin niemals erschienen ist,

wir aber, die wir von schönen Damen besonders begünstigt werden, wissen das

besser. Auch Kaiser Heinrich wußte es. Nicht umsonst hingen die altsächsischen

Kaiser so sehr an ihrem heimischen Harze. Man blättere nur in der hübschen

Lüneburger Chronik, wo die guten, alten Herren in wunderlich treuherzigen

Holzschnitten abkonterfeit sind, wohlgeharnischt, hoch auf ihrem gewappneten

Schlachtroß, die heilige Kaiserkrone auf dem teuren Haupte, Scepter und

Schwert in festen Händen; und auf den lieben, knebelbärtigen Gesichtern kann

man deutlich lesen, wie oft sie sich nach den süßen Herzen ihrer

Harzprinzessinnen und dem traulichen Rauschen der Harzwälder zurücksehnten,

wenn sie in der Fremde weilten, wohl gar in dem citronen- und giftreichen

Welschland, wohin sie und ihre Nachfolger so oft verlockt wurden von dem

Wunsche, römische Kaiser zu heißen, einer echtdeutschen Titelsucht, woran

Kaiser und Reich zu Grunde gingen.

 

Ich rate aber jedem, der auf der Spitze des Ilsensteins steht, weder an Kaiser und

Reich, noch an die schöne Ilse, sondern bloß an seine Füße zu denken. Denn als

ich dort stand, in Gedanken verloren, hörte ich plötzlich die unterirdische Musik

des Zauberschlosses, und ich sah, wie sich die Berge ringsum auf die Köpfe

stellten, und die roten Ziegeldächer zu Ilsenburg anfingen zu tanzen, und die

grünen Bäume in der blauen Luft herum flogen, daß es mir blau und grün vor

den Augen wurde, und ich sicher, vom Schwindel erfaßt, in den Abgrund

gestürzt wäre, wenn ich mich nicht in meiner Seelennot ans eiserne Kreuz

festgeklammert hätte. Daß ich, in so mißlicher Stellung, dieses letztere gethan

habe, wird mir gewiß niemand verdenken.

 

Die »Harzreise« ist und bleibt Fragment, und die bunten Fäden, die so hübsch

hineingesponnen sind, um sich im Ganzen harmonisch zu verschlingen, werden plötzlich, wie von der Schere der unerbittlichen Parze, abgeschnitten. Vielleicht

verwebe ich sie weiter in künftigen Liedern, und was jetzt kärglich verschwiegen

ist, wird alsdann vollauf gesagt. Am Ende kommt es auch auf eins heraus, wann

und wo man etwas ausgesprochen hat, wenn man es nur überhaupt einmal

ausspricht. Mögen die einzelnen Werke immerhin Fragmente bleiben, wenn sie

nur in ihrer Vereinigung ein Ganzes bilden. Durch solche Vereinigung mag hier

und da das Mangelhafte ergänzt, das Schroffe ausgeglichen und das Allzuherbe

gemildert werden. Dieses würde vielleicht schon bei den ersten Blättern der

Harzreise der Fall sein, und sie könnten wohl einen minder sauern Eindruck

hervorbringen, wenn man anderweitig erführe, daß der Unmut, den ich gegen

Göttingen im Allgemeinen hege, obschon er noch größer ist, als ich ihn

ausgesprochen, doch lange nicht so groß ist wie die Verehrung, die ich für einige

Individuen dort empfinde. Und warum sollte ich es verschweigen, ich meine hier

ganz besonders jenen viel teueren Mann, der schon in frühern Zeilen sich so

freundlich meiner annahm, mir schon damals eine innige Liebe für das Studium

der Geschichte einflößte, mich späterhin in dem Eifer für dasselbe bestärkte, und

dadurch meinen Geist auf ruhigere Bahnen führte, meinem Lebensmute

heilsamere Richtungen anwies, und nur überhaupt jene historischen Tröstungen

bereitete, ohne welche ich die qualvollen Erscheinungen des Tages nimmermehr

ertragen würde. Ich spreche von Georg Sartorius, dem großen

Geschichtsforscher und Menschen, dessen Auge ein klarer Stern ist in unserer

dunkeln Zeit, und dessen gastliches Herz offen steht für alle fremden Leiden und

Freuden, für die Besorgnisse des Bettlers und des Königs, und für die letzten

Seufzer untergehender Völker und ihrer Götter.

 

Ich kann nicht umhin, hier ebenfalls anzudeuten, daß der Oberharz, jener Teil

des Harzes, den ich bis zum Anfang des Ilsethals beschrieben habe, bei weitem

keinen so erfreulichen Anblick wie der romantisch malerische Unterharz

gewährt, und in seiner wildschroffen, tannendüstern Schönheit gar sehr mit

demselben kontrastiert; sowie ebenfalls die drei, von der Ilse, von der Bode und

von der Selke gebildeten Thäler des Unterharzes gar anmutig unter einander

kontrastieren, wenn man den Charakter jedes Thales zu personificieren weiß. Es

sind drei Frauengestalten, wovon man nicht so leicht zu unterscheiden vermag,

welche die Schönste sei.

 

Von der lieben, süßen Ilse, und wie süß und lieblich sie mich empfangen, habe

ich schon gesagt und gesungen. Die düstere Schöne, die Bode empfing mich

nicht so gnädig, und als ich sie im schmiededunkeln Rübeland zuerst erblickte,

schien sie gar mürrisch, und verhüllte sich in einen silbergrauen Regenschleier: aber mit rascher Liebe warf sie ihn ab, als ich auf die Höhe der Roßtrappe

gelangte, ihr Antlitz leuchtete mir entgegen in sonnigster Pracht, aus allen Zügen

hauchte eine kolossale Zärtlichkeit, und aus der bezwungenen Felsenbrust drang

es hervor wie Sehnsuchtseufzer und schmelzende Laute der Wehmut. Minder

zärtlich, aber fröhlicher zeigte sich mir die schöne Selke, die schöne,

liebenswürdige Dame, deren edle Einfalt und heitere Ruhe alle sentimentale

Familiarität entfernt hält, die aber doch durch ein halbverstecktes Lächeln ihren

neckenden Sinn verrät; und diesem möchte ich es wohl zuschreiben, daß mich

im Selkethal gar mancherlei kleines Ungemach heimsuchte, daß ich, indem ich

über das Wasser springen wollte, just in die Mitte hineinplumpste, daß nachher,

als ich das nasse Fußzeug mit Pantoffeln vertauscht hatte, einer derselben mir

abhanden, oder vielmehr abfüßen kam, daß mir ein Windstoß die Mütze

entführte, daß mir Walddornen die Beine zerfetzten, und leider so weiter. Doch

all dieses Ungemach verzeihe ich gern der schönen Dame, denn sie ist schön.

Und jetzt steht sie vor meiner Einbildung mit all ihrem stillen Liebreiz, und

scheint zu sagen: Wenn ich auch lache, so meine ich es doch gut mit Ihnen, und

ich bitte Sie, besingen sie mich! Die herzliche Bode tritt ebenfalls hervor in

meiner Erinnerung, und ihr dunkles Auge spricht: »Du gleichst mir im Stolze

und im Schmerze, und ich will, daß du mich liebst.« Auch die schöne Ilse

kommt herangesprungen, zierlich und bezaubernd in Miene, Gestalt und

Bewegung; sie gleicht ganz dem holden Wesen, das meine Träume beseligt, und

ganz, wie Sie, schaut sie mich an, mit unwiderstehlicher Gleichgiltigkeit und

doch zugleich so innig, so ewig, so durchsichtig wahr. – Nun, ich bin Paris, die

drei Göttinnen stehen vor mir, und den Apfel gebe ich der schönen Ilse.

 

Es ist heute der erste Mai, wie ein Meer des Lebens ergießt sich der Frühling

über die Erde, der weiße Blütenschaum bleibt an den Bäumen hängen, ein

weiter, warmer Nebelglanz verbreitet sich überall, in der Stadt blitzen freudig die

Fensterscheiben der Häuser, an den Dächern bauen die Spatzen wieder ihre

Nestchen, auf der Straße wandeln die Leute, und wundern sich, daß die Lust so

angreifend, und ihnen selbst so wunderlich zu Mute ist, die bunten

Vierländerinnen bringen Veilchensträußer, die Waisenkinder mit ihren blauen

Jäckchen und ihren lieben, unehelichen Gesichtchen ziehen über den

Jungfernstieg und freuen sich, als sollten sie heute einen Vater wiederfinden, der

Bettler an der Brücke schaut so vergnügt, als hätte er das große Los gewonnen,

sogar den schwarzen, noch ungehenkten Makler, der dort mit seinem

spitzbübischen Manufakturwarengesicht einherläuft, bescheint die Sonne mit

ihren tolerantesten Strahlen, – ich will hinauswandern vor das Thor.

Es ist der erste Mai, und ich denke deiner, du schöne Ilse – oder soll ich dich

»Agnes« nennen, weil mir dieser Name am besten gefällt? – ich denke deiner,

und ich möchte wieder zusehen, wie du leuchtend den Berg hinabläufst. Am

liebsten aber möchte ich unten im Thale stehen und dich auffangen in meine

Arme. – Es ist ein schöner Tag! – Überall sehe ich die grüne Farbe, die Farbe der

Hoffnung. Überall, wie holde Wunder, blühen hervor die Blumen, und auch

mein Herz will wieder blühen. Dieses Herz ist auch eine Blume, eine gar

wunderliche. Es ist kein bescheidenes Veilchen, keine lachende Rose, keine

reine Lilie, oder sonstiges Blümchen, das mit artiger Lieblichkeit den

Mädchensinn erfreut, und sich hübsch vor den hübschen Busen stecken läßt, und

heute welkt und morgen wieder blüht. Dieses Herz gleicht mehr jener schweren,

abenteuerlichen Blume aus den Wäldern Brasiliens, die der Sage nach alle

hundert Jahre nur einmal blüht. Ich erinnere mich, daß ich als Knabe eine solche

Blume gesehen. Wir hörten in der Nacht einen Schuß wie von einer Pistole, und

am folgenden Morgen erzählten mir die Nachbarskinder, daß es ihre »Aloe«

gewesen, die mit solchem Knalle plötzlich aufgeblüht sei. Sie führten mich in

ihren Garten, und da sah ich zu meiner Verwunderung, daß das niedrige, harte

Gewächs mit den närrisch breiten, scharfgezackten Blättern, woran man sich

leicht verletzen konnte, jetzt ganz in die Höhe geschossen war, und oben, wie

eine goldene Krone, die herrlichste Blüte trug. Wir Kinder konnten nicht mal so

hoch hinaufsehen, und der alte, schmunzelnde Christian, der uns lieb hatte, baute

eine hölzerne Treppe um die Blume herum, und da kletterten wir hinauf wie die

Katzen, und schauten neugierig in den offenen Blumenkelch, woraus die gelben

Strahlenfäden und wildfremden Düfte mit unerhörter Pracht hervordrangen.

 

Ja, Agnes, oft und leicht kommt dieses Herz nicht zum Blühen; so viel ich mich

erinnere, hat es nur ein einziges Mal geblüht, und das mag schon lange her sein,

gewiß schon hundert Jahr. Ich glaube, so herrlich auch damals seine Blüte sich

entfaltete, so mußte sie doch aus Mangel an Sonnenschein und Wärme

elendiglich verkümmern, wenn sie nicht gar von einem dunkeln Wintersturme

gewaltsam zerstört worden. Jetzt aber regt und drängt es sich wieder in meiner

Brust, und hörst du plötzlich den Schuß – Mädchen, erschrick nicht! ich hab'

mich nicht totgeschossen, sondern meine Liebe sprengt ihre Knospe, und schießt

empor in strahlenden Liedern, in ewigen Dithyramben, in freudigster

Sangesfülle.

 

Ist dir aber diese hohe Liebe zu hoch, Mädchen, so mach' es dir bequem, und

besteige die hölzerne Treppe, und schaue von dieser hinab in mein blühendes

Herz.

Es ist noch früh am Tage, die Sonne hat kaum die Hälfte ihres Weges

zurückgelegt, und mein Herz duftet schon so stark, daß es mir betäubend zu

Kopfe steigt, und ich nicht mehr weiß, wo die Ironie aufhört und der Himmel

anfängt, daß ich die Luft mit meinen Seufzern bevölkere, und daß ich selbst

wieder zerrinnen möchte in süße Atome, in die unerschaffene Gottheit; – wie

soll das erst gehen, wenn es Nacht wird, und die Sterne am Himmel erscheinen,

»die unglücksel'gen Sterne, die dir sagen können – –«

 

Es ist der erste Mai, der lumpigste Ladenschwengel hat heute das Recht,

sentimental zu werden, und dem Dichter wolltest du es verwehren?

 

E n d e .

 

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License. You must require such a user to return or

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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of electronic works in formats readable by the widest variety of computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will remain freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.

 

Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information can be found at the Foundation's web site and official page at http://pglaf.org

For additional contact information:

Dr. Gregory B. Newby

Chief Executive and Director

gbnewby@pglaf.org

 

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide spread public support and donations to carry out its mission of increasing the number of public domain and licensed works that can be freely distributed in machine readable form accessible by the widest array of equipment including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating charities and charitable donations in all 50 states of the United States. Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these requirements. We do not solicit donations in locations where we have not received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any statements concerning tax treatment of donations received from outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including including checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit: http://pglaf.org/donate

 

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be freely shared with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

 

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

 

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

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