Die Harzreise

Heinrich Heine · Anhang

PDF-Seiten

Die Harzreise

Erste Seiten

I.

 

Auf dem Berge steht die Hütte,

Wo der alte Bergmann wohnt;

Dorten rauscht die grüne Tanne,

Und erglänzt der goldne Mond.

 

In der Hütte steht ein Lehnstuhl,

Reich geschnitzt und wunderlich,

Der darauf sitzt, der ist glücklich,

Und der Glückliche bin Ich!

 

Auf dem Schemel sitzt die Kleine,

Stützt den Arm auf meinen Schoß;

Äuglein wie zwei blaue Sterne,

Mündlein wie die Purpurros'.

 

Und die lieben, blauen Sterne

Schaun mich an so himmelgroß,

Und sie legt den Lilienfinger

Schalkhaft auf die Purpurros'.

 

Nein, es sieht uns nicht die Mutter,

Denn sie spinnt mit großem Fleiß,

Und der Vater spielt die Zither,

Und er singt die alte Weis'.

 

Und die Kleine flüstert leise,

Leise, mit gedämpftem Laut;

Manches wichtige Geheimnis

Hat sie mir schon anvertraut.

 

»Aber seit die Muhme tot ist,

Können wir ja nicht mehr gehn

Nach dem Schützenhof zu Goslar,

Und dort ist es gar zu schön.

 

»Hier dagegen ist es einsam

Auf der kalten Bergeshöh',

Und des Winters sind wir gänzlich Wie vergraben in dem Schnee.

 

»Und ich bin ein banges Mädchen

Und ich fürcht' mich wie ein Kind

Vor den bösen Bergesgeistern,

Die des Nachts geschäftig sind.«

 

Plötzlich schweigt die liebe Kleine,

Wie vom eignen Wort erschreckt,

Und sie hat mit beiden Händchen

Ihre Äugelein bedeckt.

 

Lauter rauscht die Tanne draußen,

Und das Spinnrad schnarrt und brummt

Und die Zither klingt dazwischen,

Und die alte Weise summt:

 

»Fürcht' dich nicht, du liebes Kindchen,

Vor der bösen Geister Macht;

Tag und Nacht, du liebes Kindchen,

Halten Englein bei dir Wacht!«

 

II.

 

Tannenbaum mit grünen Fingern

Pocht ans niedre Fensterlein,

Und der Mond, der gelbe Lauscher,

Wirft sein süßes Licht herein.

 

Vater, Mutter schnarchen leise

In dem nahen Schlafgemach,

Doch wir beide, selig schwatzend,

Halten uns einander wach.

 

»Daß du gar zu oft gebetet,

Das zu glauben wird mir schwer,

Jenes Zucken deiner Lippen

Kommt wohl nicht vom Beten her.

 

»Jenes böse, kalte Zucken, Das erschreckt mich jedesmal,

Doch die dunkle Angst beschwichtigt

Deiner Augen frommer Strahl.

 

»Auch bezweifl' ich, daß du glaubest

Was so rechter Glaube heißt,

Glaubst wohl nicht an Gott den Vater

An den Sohn und heil'gen Geist?«

 

Ach, mein Kindchen, schon als Knabe,

Als ich saß auf Mutters Schoß,

Glaubte ich an Gott den Vater,

Der da waltet gut und groß;

 

Der die schöne Erd' erschaffen,

Und die schönen Menschen drauf,

Der den Sonnen, Monden, Sternen

Vorgezeichnet ihren Lauf.

 

Als ich größer wurde, Kindchen,

Noch viel mehr begriff ich schon,

Und begriff, und ward vernünftig,

Und ich glaub' auch an den Sohn;

 

An den lieben Sohn, der liebend

Uns die Liebe offenbart,

Und zum Lohne, wie gebräuchlich,

Von dem Volk gekreuzigt ward.

 

Jetzo, da ich ausgewachsen,

Viel gelesen, viel gereist,

Schwillt mein Herz, und ganz von Herzen,

Glaub' ich an den heil'gen Geist.

 

Dieser that die größten Wunder,

Und viel größre thut er noch;

Er zerbrach die Zwingherrnburgen,

Und zerbrach des Knechtes Joch.

 

Alte Todeswunden heilt er, Und erneut das alte Recht:

Alle Menschen, gleichgeboren,

Sind ein adliges Geschlecht.

 

Er verscheucht die bösen Nebel

Und das dunkle Hirngespinnst,

Das uns Lieb' und Lust verleidet,

Tag und Nacht uns angegrinst.

 

Tausend Ritter, wohlgewappnet,

Hat der heil'ge Geist erwählt,

Seinen Willen zu erfüllen,

Und er hat sie mutbeseelt.

 

Ihre teuern Schwerter blitzen,

Ihre guten Banner wehn!

Ei, du möchtest wohl, mein Kindchen,

Solche stolze Ritter sehn?

 

Nun, so schau mich an, mein Kindchen,

Küsse mich und schaue dreist;

Denn ich selber bin ein solcher

Ritter von dem heil'gen Geist.

 

III.

 

Still versteckt der Mond sich draußen

Hinterm grünen Tannenbaum,

Und im Zimmer unsre Lampe

Flackert matt und leuchtet kaum.

 

Aber meine blauen Sterne

Strahlen auf in hellerm Licht,

Und es glüht die Purpurrose,

Und das liebe Mädchen spricht:

 

»Kleines Völkchen, Wichtelmännchen

Stehlen unser Brot und Speck,

Abends ist es noch im Kasten,

Und des Morgens ist es weg.

»Kleines Völkchen, unsre Sahne

Nascht es von der Milch, und läßt

Unbedeckt die Schüssel stehen,

Und die Katze säuft den Rest.

 

»Und die Katz' ist eine Hexe,

Denn sie schleicht, bei Nacht und Sturm

Drüben nach dem Geisterberge,

Nach dem altverfallnen Turm.

 

»Dort hat einst ein Schloß gestanden,

Voller Lust und Waffenglanz;

Blanke Ritter, Fraun und Knappen

Schwangen sich im Fackeltanz.

 

»Da verwünschte Schloß und Leute

Eine böse Zauberin,

Nur die Trümmer blieben stehen,

Und die Eulen nisten drin.

 

»Doch die sel'ge Muhme sagte:

Wenn man spricht das rechte Wort

Nächtlich zu der rechten Stunde,

Drüben an dem rechten Ort:

 

»So verwandeln sich die Trümmer

Wieder in ein helles Schloß,

Und es tanzen wieder lustig

Ritter, Fraun und Knappentroß;

 

»Und wer jenes Wort gesprochen,

Dem gehören Schloß und Leut',

Pauken und Trompeten huld'gen

Seiner jungen Herrlichkeit.«

 

Also blühen Märchenbilder

Aus des Mundes Röselein,

Und die Augen gießen drüber

Ihren blauen Sternenschein.

Ihre goldnen Haare wickelt

Mir die Kleine um die Händ',

Giebt den Fingern hübsche Namen,

Lacht und küßt, und schweigt am End'.

 

Und im stillen Zimmer alles

Blickt mich an so wohlvertraut;

Tisch und Schrank, mir ist als hätt' ich

Sie schon früher mal geschaut.

 

Freundlich ernsthaft schwatzt die Wanduhr

Und die Zither, hörbar kaum,

Fängt von selber an zu klingen,

Und ich sitze wie im Traum.

 

Jetzo ist die rechte Stunde,

Und es ist der rechte Ort;

Staunen würdest du, mein Kindchen,

Spräch' ich aus das rechte Wort.

 

Sprech' ich jenes Wort, so dämmert

Und erbebt die Mitternacht,

Bach und Tannen brausen lauter,

Und der alte Berg erwacht.

 

Zitherklang und Zwergenlieder

Tönen aus des Berges Spalt,

Und es sprießt, wie'n toller Frühling

Draus hervor ein Blumenwald.

 

Blumen, kühne Wunderblumen,

Blätter, breit und fabelhaft,

Duftig bunt und hastig regsam,

Wie gedrängt von Leidenschaft.

 

Rosen, wild wie rote Flammen,

Sprühn aus dem Gewühl hervor;

Lilien, wie krystallne Pfeiler,

Schießen himmelhoch empor.

Und die Sterne, groß wie Sonnen,

Schaun herab mit Sehnsuchtsglut;

In der Lilien Riesenkelche

Strömet ihre Strahlenflut.

 

Doch wir selber, süßes Kindchen,

Sind verwandelt noch viel mehr;

Fackelglanz und Gold und Seide

Schimmern lustig um uns her.

 

Du, du wurdest zur Prinzessin,

Diese Hütte ward zum Schloß,

Und da jubeln und da tanzen

Ritter, Fraun und Knappentroß.

 

Aber ich, ich hab' erworben,

Dich und alles, Schloß und Leut':

Pauken und Trompeten huld'gen

Meiner jungen Herrlichkeit!

 

Die Sonne ging auf. Die Nebel flohen, wie Gespenster beim dritten

Hahnenschrei. Ich stieg wieder bergauf und bergab, und vor mir schwebte die

schöne Sonne, immer neue Schönheiten beleuchtend. Der Geist des Gebirges

begünstigte mich ganz offenbar; er wußte wohl, daß so ein Dichtermensch viel

Hübsches wiedererzählen kann, und er ließ mich diesen Morgen seinen Harz

sehen, wie ihn gewiß nicht jeder sah. Aber auch mich sah der Harz, wie mich nur

wenige gesehen, in meinen Augenwimpern flimmerten eben so kostbare Perlen,

wie in den Gräsern des Thals. Morgentau der Liebe feuchtete meine Wangen, die

rauschenden Tannen verstanden mich, ihre Zweige thaten sich von einander,

bewegten sich herauf und herab, gleich stummen Menschen, die mit den Händen

ihre Freude bezeigen, und in der Ferne klang's wunderbar geheimnisvoll, wie

Glockengeläute einer verlornen Waldkirche. Man sagt, das seien die

Herdenglöckchen, die im Harz so lieblich, klar und rein gestimmt sind.

 

Nach dem Stande der Sonne war es Mittag, als ich auf eine solche Herde stieß,

und der Hirt, ein freundlich blonder junger Mensch, sagte mir, der große Berg,

an dessen Fuß ich stände, sei der alte, weltberühmte Brocken. Viele Stunden

ringsum liegt kein Haus, und ich war froh genug, daß mich der junge Mensch

einlud, mit ihm zu essen. Wir setzten uns nieder zu einem Dejeuner dinatoire,

das aus Käse und Brot bestand; die Schäfchen erhaschten die Krumen, die lieben blanken Kühlein sprangen um uns herum, und klingelten schelmisch mit ihren

Glöckchen, und lachten uns an mit ihren großen, vergnügten Augen. Wir tafelten

recht königlich; überhaupt schien mir mein Wirt ein echter König, und weil er

bis jetzt der einzige König ist, der mir Brot gegeben hat, so will ich ihn auch

königlich besingen.

 

König ist der Hirtenknabe,

Grüner Hügel ist sein Thron,

Über seinem Haupt die Sonne

Ist die schwere, goldne Kron'.

 

Ihm zu Füßen liegen Schafe,

Weiche Schmeichler, rotbekreuzt!

Kavaliere sind die Kälber,

Und sie wandeln stolz gespreizt.

 

Hofschauspieler sind die Böcklein;

Und die Vögel und die Küh',

Mit den Flöten, mit den Glöcklein,

Sind die Kammermusici.

 

Und das klingt und singt so lieblich,

Und so lieblich rauschen drein

Wasserfall und Tannenbäume,

Und der König schlummert ein.

 

Unterdessen muß regieren

Der Minister, jener Hund,

Dessen knurriges Gebelle

Wiederhallet in der Rund'.

 

Schläfrig lallt der junge König:

»Das Regieren ist so schwer,

Ach, ich wollt', daß ich zu Hause

Schon bei meiner Kön'gin wär'!

 

»In den Armen meiner Kön'gin

Ruht mein Königshaupt so weich,

Und in ihren lieben Augen

Liegt mein unermeßlich Reich!«

Wir nahmen freundschaftlich Abschied, und fröhlich stieg ich den Berg hinauf.

Bald empfing mich eine Waldung himmelhoher Tannen, für die ich in jeder

Hinsicht Respekt habe. Diesen Bäumen ist nämlich das Wachsen nicht so ganz

leicht gemacht worden, und sie haben es sich in der Jugend sauer werden lassen.

Der Berg ist hier mit vielen großen Granitblöcken übersäet, und die meisten

Bäume mußten mit ihren Wurzeln diese Steine umranken oder sprengen, und

mühsam den Boden suchen, woraus sie Nahrung schöpfen können. Hier und da

liegen die Steine, gleichsam ein Thor bildend, über einander, und oben darauf

stehen die Bäume, die nackten Wurzeln über jene Steinpforte hinziehend, und

erst am Fuße derselben den Boden erfassend, so daß sie in der freien Luft zu

wachsen scheinen. Und doch haben sie sich zu jener gewaltigen Höhe empor

geschwungen, und, mit den umklammerten Steinen wie zusammengewachsen,

stehen sie fester als ihre bequemen Kollegen im zahmen Forstboden des flachen

Landes. So stehen auch im Leben jene großen Männer, die durch das

Überwinden früher Hemmungen und Hindernisse sich erst recht gestärkt und

befestigt haben. Auf den Zweigen der Tannen kletterten Eichhörnchen und unter

denselben spazierten die gelben Hirsche. Wenn ich solch ein liebes, edles Tier

sehe, so kann ich nicht begreifen, wie gebildete Leute Vergnügen daran finden,

es zu hetzen und zu töten. Solch ein Tier war barmherziger als die Menschen,

und säugte den schmachtenden Schmerzenreich der heiligen Genovefa.

 

Allerliebst schossen die goldenen Sonnenlichter durch das dichte Tannengrün.

Eine natürliche Treppe bildeten die Baumwurzeln. Überall schwellende

Moosbänke; denn die Steine sind fußhoch von den schönsten Moosarten, wie mit

hellgrünen Sammetpolstern, bewachsen. Liebliche Kühle und träumerisches

Quellengemurmel. Hier und da sieht man, wie das Wasser unter den Steinen

silberhell hinrieselt und die nackten Baumwurzeln und Fasern bespült. Wenn

man sich nach diesem Treiben hinab beugt, so belauscht man gleichsam die

geheime Bildungsgeschichte der Pflanzen und das ruhige Herzklopfen des

Berges. An manchen Orten sprudelt das Wasser aus den Steinen und Wurzeln

stärker hervor und bildet kleine Kaskaden. Da läßt sich gut sitzen. Es murmelt

und rauscht so wunderbar, die Vögel singen abgebrochene Sehnsuchtslaute, die

Bäume flüstern wie mit tausend Mädchenzungen, wie mit tausend

Mädchenaugen schauen uns an die seltsamen Bergblumen, sie strecken nach uns

aus die wundersam breiten, drollig gezackten Blätter, spielend flimmern hin und

her die lustigen Sonnenstrahlen, die sinnigen Kräutlein erzählen sich grüne

Märchen, es ist alles wie verzaubert, es wird immer heimlicher und heimlicher,

ein uralter Traum wird lebendig, die Geliebte erscheint – ach, daß sie so schnell

wieder verschwindet!

Je höher man den Berg hinaufsteigt, desto kürzer, zwerghafter werden die

Tannen, sie scheinen immer mehr und mehr zusammen zu schrumpfen, bis nur

Heidelbeer- und Rotbeersträuche und Bergkräuter übrig bleiben. Da wird es auch

schon fühlbar kälter. Die wunderlichen Gruppen der Granitblöcke werden hier

erst recht sichtbar; diese sind oft von erstaunlicher Größe. Das mögen wohl die

Spielbälle sein, die sich die bösen Geister einander zuwerfen in der

Walpurgisnacht, wenn hier die Hexen auf Besenstielen und Mistgabeln

einhergeritten kommen, und die abenteuerlich verruchte Lust beginnt, wie die

glaubhafte Amme es erzählt, und wie es zu schauen ist auf den hübschen

Faustbildern des Meister Retzsch. Ja, ein junger Dichter, der auf einer Reise von

Berlin nach Göttingen in der ersten Mainacht am Brocken vorbei ritt, bemerkte

sogar, wie einige belletristische Damen auf einer Bergecke ihre ästhetische

Theegesellschaft hielten, sich gemütlich die »Abendzeitung« vorlasen, ihre

poetischen Ziegenböckchen, die meckernd den Theetisch umhüpften, als

Universalgenies priesen, und über alle Erscheinungen in der deutschen Litteratur

ihr Endurteil fällten; doch als sie auch auf den »Ratcliff« und »Almansor«

gerieten, und dem Verfasser alle Frömmigkeit und Christlichkeit absprachen, da

sträubte sich das Haar des jungen Mannes, Entsetzen ergriff ihn, – ich gab dem

Pferde die Sporen und jagte vorüber.

 

In der That, wenn man die obere Hälfte des Brockens besteigt, kann man sich

nicht erwehren, an die ergötzlichen Blocksberggeschichten zu denken, und

besonders an die große mystische deutsche Nationaltragödie vom Doktor Faust.

Mir war immer, als ob der Pferdefuß neben mir hinauf klettere, und jemand

humoristisch Atem schöpfe. Und ich glaube, auch Mephisto muß mit Mühe

Atem holen, wenn er seinen Lieblingsberg ersteigt; es ist ein äußerst

erschöpfender Weg, und ich war froh, als ich endlich das langersehnte

Brockenhaus zu Gesicht bekam.

 

Dieses Haus, das, wie durch vielfache Abbildungen bekannt ist, bloß aus einem

Parterre besteht, und auf der Spitze des Berges liegt, wurde erst 1800 vom

Grafen Stolberg-Wernigerode erbaut, für dessen Rechnung es auch als Wirtshaus

verwaltet wird. Die Mauern sind erstaunlich dick, wegen des Windes und der

Kälte im Winter; das Dach ist niedrig, in der Mitte desselben steht eine

turmartige Warte, und bei dem Hause liegen noch zwei kleine Nebengebäude,

wovon das eine in frühern Zeiten den Brockenbesuchern zum Obdach diente.

 

Der Eintritt in das Brockenhaus erregte bei mir eine etwas ungewöhnliche,

märchenhafte Empfindung. Man ist nach einem langen, einsamen Umhersteigen

durch Tannen und Klippen plötzlich in ein Wolkenhaus versetzt; Städte, Berge und Wälder blieben unten liegen, und oben findet man eine wunderlich

zusammengesetzte, fremde Gesellschaft, von welcher man, wie es an

dergleichen Orten natürlich ist, fast wie ein erwarteter Genosse, halb neugierig

und halb gleichgiltig, empfangen wird. Ich fand das Haus voller Gäste, und, wie

es einem klugen Manne geziemt, dachte ich schon an die Nacht, an die

Unbehaglichkeit eines Strohlagers; mit hinsterbender Stimme verlangte ich

gleich Thee, und der Herr Brockenwirt war vernünftig genug, einzusehen, daß

ich kranker Mensch für die Nacht ein ordentliches Bett haben müsse. Dieses

verschaffte er mir in einem engen Zimmerchen, wo schon ein junger Kaufmann,

ein langes Brechpulver in einem braunen Oberrock, sich etabliert hatte.

 

In der Wirtsstube fand ich lauter Leben und Bewegung. Studenten von

verschiedenen Universitäten. Die einen sind kurz vorher angekommen und

restaurieren sich, andere bereiten sich zum Abmarsch, schnüren ihre Ranzen,

schreiben ihre Namen ins Gedächtnisbuch, erhalten Brockensträuße von den

Hausmädchen; da wird in die Wangen gekniffen, gesungen, gesprungen, gejohlt,

man fragt, man antwortet, gut Wetter, Fußweg, Prosit, Adieu. Einige der

Abgehenden sind auch etwas angesoffen, und diese haben von der schönen

Aussicht einen doppelten Genuß, da ein Betrunkener alles doppelt sieht.

 

Nachdem ich mich ziemlich rekreiert, bestieg ich die Turmwarte, und fand

daselbst einen kleinen Herrn mit zwei Damen, einer jungen und einer ältlichen.

Die junge Dame war sehr schön. Eine herrliche Gestalt, auf dem lockigen

Haupte ein helmartiger, schwarzer Atlashut, mit dessen weißen Federn die

Winde spielten, die schlanken Glieder von einem schwarzseidenen Mantel so

fest umschlossen, daß die edlen Formen hervortraten, und das freie, große Auge,

ruhig hinabschauend in die freie, große Welt.

 

Als ich noch ein Knabe war, dachte ich an nichts als an Zauber und

Wundergeschichten, und jede schöne Dame, die Straußfedern auf dem Kopfe

trug, hielt ich für eine Elfenkönigin, und bemerkte ich gar, daß die Schleppe

ihres Kleides naß war, so hielt ich sie für eine Wassernixe. Jetzt denke ich

anders, seit ich aus der Naturgeschichte weiß, daß jene symbolischen Federn von

dem dümmsten Vogel herkommen, und daß die Schleppe eines Damenkleides

auf sehr natürliche Weise naß werden kann. Hätte ich mit jenen Knabenaugen

die erwähnte junge Schöne in erwähnter Stellung auf dem Brocken gesehen, so

würde ich sicher gedacht haben: Das ist die Fee des Berges, und sie hat eben den

Zauber ausgesprochen, wodurch dort unten alles so wunderbar erscheint. Ja, in

hohem Grade wunderbar erscheint uns alles beim ersten Hinabschauen vom

Brocken, alle Seiten unseres Geistes empfangen neue Eindrücke, und diese, meistens verschiedenartig, sogar sich widersprechend, verbinden sich in unserer

Seele zu einem großen, noch unentworrenen, unverstandenen Gefühl. Gelingt es

uns, dieses Gefühl in seinem Begriff zu erfassen, so erkennen wir den Charakter

des Berges. Dieser Charakter ist ganz deutsch, sowohl in Hinsicht seiner Fehler,

also auch seiner Vorzüge. Der Brocken ist ein Deutscher. Mit deutscher

Gründlichkeit zeigt er uns klar und deutlich, wie ein Riesenpanorama, die vielen

hundert Städte, Städtchen und Dörfer, die meistens nördlich liegen, und ringsum

alle Berge, Wälder, Flüsse, Flächen, unendlich weit. Aber eben dadurch

erscheint alles wie eine scharfgezeichnete, rein illuminierte Specialkarte,

nirgends wird das Auge durch eigentliche schöne Landschaften erfreut; wie es

denn immer geschieht, daß wir deutschen Kompilatoren wegen der ehrlichen

Genauigkeit, womit wir alles und alles hingeben wollen, nie daran denken

können, das einzelne auf eine schöne Weise zu geben. Der Berg hat auch so

etwas Deutschruhiges, Verständiges, Tolerantes; eben weil er die Dinge so weit

und klar überschauen kann. Und wenn solch ein Berg seine Riesenaugen öffnet,

mag er wohl noch etwas mehr sehen, als wir Zwerge, die wir mit unsern blöden

Äuglein auf ihm herum klettern. Viele wollen zwar behaupten, der Brocken sei

sehr philiströse, und Claudius sang: »Der Blocksberg ist der lange Herr

Philister!« Aber das ist Irrtum. Durch seinen Kahlkopf, den er zuweilen mit einer

weißen Nebelkappe bedeckt, giebt er sich zwar den Anstrich von Philiströsität;

aber, wie bei manchen andern großen Deutschen, geschieht es aus purer Ironie.

Es ist sogar notorisch, daß der Brocken seine burschikosen, phantastischen

Zeiten hat, z. B. die erste Mainacht. Dann wirft er seine Nebelkappe jubelnd in

die Lüfte, und wird, eben so gut wie wir Übrigen, recht echtdeutsch romantisch

verrückt.

 

Ich suchte gleich die schöne Dame in ein Gespräch zu verflechten; denn

Naturschönheiten genießt man erst recht, wenn man sich auf der Stelle darüber

aussprechen kann. Sie war nicht geistreich, aber aufmerksam sinnig. Wahrhaft

vornehme Formen. Ich meine nicht die gewöhnliche, steife, negative

Vornehmheit, die genau weiß, was unterlassen werden muß; sondern jene

seltnere, freie, positive Vornehmheit, die uns genau sagt, was wir thun dürfen,

und die uns, bei aller Unbefangenheit, die höchste gesellige Sicherheit giebt. Ich

entwickelte, zu meiner eigenen Verwunderung, viele geographische Kenntnisse,

nannte der wißbegierigen Schönen alle Namen der Städte, die vor uns lagen,

suchte und zeigte ihr dieselben auf meiner Landkarte, die ich über den

Steintisch, der in der Mitte der Turmplatte steht, mit echter Docentenmiene

ausbreitete. Manche Stadt konnte ich nicht finden, vielleicht weil ich mehr mit

den Fingern suchte, als mit den Augen, die sich unterdessen auf dem Gesicht der holden Dame orientierten, und dort schönere Partieen fanden, als »Schierke« und

»Elend«. Dieses Gesicht gehörte zu denen, die nie reizen, selten entzücken, und

immer gefallen. Ich liebe solche Gesichter, weil sie mein schlimmbewegtes Herz

zur Ruhe lächeln. Die Dame war noch unverheiratet; obgleich schon in jener

Vollblüte, die zum Ehestande hinlänglich berechtigt. Aber es ist ja eine tägliche

Erscheinung, just bei den schönsten Mädchen hält es so schwer, daß sie einen

Mann bekommen. Dies war schon im Altertum der Fall, und, wie bekannt ist,

alle drei Grazien sind sitzen geblieben.

 

In welchem Verhältnis der kleine Herr, der die Damen begleitete, zu denselben

stehen mochte, konnte ich nicht erraten. Es war eine dünne, merkwürdige Figur.

Ein Köpfchen, sparsam bedeckt mit grauen Härchen, die über die kurze Stirn bis

an die grünlichen Libellenaugen reichten, die runde Nase weit hervortretend,

dagegen Mund und Kinn sich wieder ängstlich nach den Ohren zurück ziehend.

Dieses Gesichtchen schien aus einem zarten, gelblichen Thone zu bestehen,

woraus die Bildhauer ihre ersten Modelle kneten; und wenn die schmalen

Lippen zusammen kniffen, zogen sich über die Wangen einige tausend

halbkreisartige, feine Fältchen. Der kleine Mann sprach kein Wort, und nur dann

und wann, wenn die ältere Dame ihm etwas Freundliches zuflüsterte, lächelte er

wie ein Mops, der den Schnupfen hat.

 

Jene ältere Dame war die Mutter der jüngern, und auch sie besaß die

vornehmsten Formen. Ihr Auge verriet einen krankhaft schwärmerischen

Tiefsinn, um ihren Mund lag strenge Frömmigkeit, doch schien mir's, als ob er

einst sehr schön gewesen sei, und viel gelacht und viele Küsse empfangen und

viele erwidert habe. Ihr Gesicht glich einem Kodex palimpsestus, wo unter der

neuschwarzen Mönchsschrift eines Kirchenvatertextes die halberloschenen Verse

eines altgriechischen Liebesdichters hervorlauschen. Beide Damen waren mit

ihrem Begleiter dieses Jahr in Italien gewesen und erzählten mir allerlei Schönes

von Rom, Florenz und Venedig. Die Mutter erzählte viel von den Raphaelschen

Bildern in der Peterskirche; die Tochter sprach mehr von der Oper im Theater

Fenice. Beide waren entzückt von der Kunst der Improvisatoren. Nürnberg war

der Damen Vaterstadt; doch von dessen altertümlicher Herrlichkeit wußten sie

mir wenig zu sagen. Die holdselige Kunst des Meistergesangs, wovon uns der

gute Wagenseil die letzten Klänge erhalten, ist erloschen, und die Bürgerinnen

Nürnbergs erbauen sich an welschem Stegreifunsinn und Kapaunengesang. O

Sankt Sebaldus, was bist du jetzt für ein armer Patron!

 

Derweil wir sprachen, begann es zu dämmern; die Luft wurde noch kälter, die

Sonne neigte sich tiefer, und die Turmplatte füllte sich mit Studenten, Handwerksburschen und einigen ehrsamen Bürgersleuten, samt deren Ehefrauen

und Töchtern, die alle den Sonnenuntergang sehen wollten. Es ist ein erhabener

Anblick, der die Seele zum Gebet stimmt. Wohl eine Viertelstunde standen alle

ernsthaft schweigend, und sahen, wie der schöne Feuerball im Westen allmählich

versank; die Gesichter wurden vom Abendrot angestrahlt, die Hände falteten

sich unwillkürlich; es war, als ständen wir, eine stille Gemeinde, im Schiffe eines

Riesendoms, und der Priester erhöbe jetzt den Leib des Herrn, und von der Orgel

herab ergösse sich Palestrina's ewiger Choral.

 

Während ich so in Andacht versunken stehe, höre ich, daß neben mir jemand

ausruft: »Wie ist die Natur doch im allgemeinen so schön!« Die Worte kamen

aus der gefühlvollen Brust meines Zimmergenossen, des jungen Kaufmanns. Ich

gelangte dadurch wieder zu meiner Werkeltagsstimmung, war jetzt imstande,

den Damen über den Sonnenuntergang recht viel Artiges zu sagen, und sie ruhig,

als wäre nichts passiert, nach ihrem Zimmer zu führen. Sie erlaubten mir auch,

sie noch eine Stunde zu unterhalten. Wie die Erde selbst, drehte sich unsre

Unterhaltung um die Sonne. Die Mutter äußerte, die in Nebel versinkende Sonne

habe ausgesehen wie eine rotglühende Rose, die der galante Himmel

herabgeworfen in den weitausgebreiteten, weißen Brautschleier seiner geliebten

Erde. Die Tochter lächelte und meinte, der öftere Anblick solcher

Naturerscheinungen schwäche ihren Eindruck. Die Mutter berichtigte diese

falsche Meinung durch eine Stelle aus Goethe's Reisebriefen, und frug mich, ob

ich den Werther gelesen? Ich glaube, wir sprachen auch von Angorakatzen,

etruskischen Vasen, türkischen Shawls, Maccaroni und Lord Byron, aus dessen

Gedichten die ältere Dame einige Sonnenuntergangsstellen, recht hübsch

lispelnd und seufzend, recitierte. Der jüngern Dame, die kein Englisch verstand

und jene Gedichte kennen lernen wollte, empfahl ich die Übersetzungen meiner

schönen, geistreichen Landsmännin, der Baronin Elise von Hohenhausen; bei

welcher Gelegenheit ich nicht ermangelte, wie ich gegen junge Damen zu thun

pflege, über Byrons Gottlosigkeit, Lieblosigkeit, Trostlosigkeit, und der Himmel

weiß was noch mehr, zu eifern.

 

Nach diesem Geschäfte ging ich noch auf dem Brocken spazieren; denn ganz

dunkel wird es dort nie. Der Nebel war nicht stark, und ich betrachtete die

Umrisse der beiden Hügel, die man den Hexenaltar und die Teufelskanzel nennt.

Ich schoß meine Pistolen ab, doch es gab kein Echo. Plötzlich aber höre ich

bekannte Stimmen, und fühle mich umarmt und geküßt. Es waren meine

Landsleute, die Göttingen vier Tage später verlassen hatten, und bedeutend

erstaunt waren, mich ganz allein auf dem Blocksberge wieder zu finden. Da gab es ein Erzählen und Verwundern und Verabreden, ein Lachen und Erinnern, und

im Geiste waren wir wieder in unserm gelehrten Sibirien, wo die Kultur so groß

ist, daß die Bären in den Wirtshäusern angebunden werden, und die Zobel dem

Jäger guten Abend wünschen.

 

Im großen Zimmer wurde eine Abendmahlzeit gehalten. Ein langer Tisch mit

zwei Reihen hungriger Studenten. Im Anfange gewöhnliches

Universitätsgespräch: Duelle, Duelle und wieder Duelle. Die Gesellschaft

bestand meistens aus Hallensern, und Halle wurde daher Hauptgegenstand der

Unterhaltung. Die Fensterscheiben des Hofrats Schütz wurden exegetisch

beleuchtet. Dann erzählte man, daß die letzte Kur bei dem König von Cypern

sehr glänzend gewesen sei, daß er einen natürlichen Sohn erwählt, daß er sich

eine Lichtensteinsche Prinzessin ans linke Bein antrauen lassen, daß er die

Staatsmaitresse abgedankt, und daß das ganze gerührte Ministerium

vorschriftsmäßig geweint habe. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, daß sich

dieses auf Halle'sche Bierwürden bezieht. Hernach kamen die zwei Chinesen

aufs Tapet, die sich vor zwei Jahren in Berlin sehen ließen, und jetzt in Halle zu

Privatdocenten der chinesischen Ästhetik abgerichtet werden. Nun wurden Witze

gerissen. Man setzte den Fall, ein Deutscher ließe sich in China für Geld sehen;

und zu diesem Zwecke wurde ein Anschlagzettel geschmiedet, worin die

Mandarinen Tsching-Tschang-Tschung und Hi-Ha-Ho begutachteten, daß es ein

echter Deutscher sei, worin ferner seine Kunststücke aufgerechnet wurden, die

hauptsächlich in Philosophieren, Tabakrauchen und Geduld bestanden, und

worin noch schließlich bemerkt wurde, daß man um zwölf Uhr, welches die

Fütterungsstunde sei, keine Hunde mitbringen dürfe, indem diese dem armen

Deutschen die besten Brocken weg zu schnappen pflegten.

 

Ein junger Burschenschafter, der kürzlich zur Purifikation in Berlin gewesen,

sprach viel von dieser Stadt, aber sehr einseitig. Er hatte Wisotzki und das

Theater besucht; beide beurteilte er falsch. »Schnell fertig ist die Jugend mit dem

Wort« u. s. w. Er sprach von Garderobeaufwand, Schauspieler- und

Schauspielerinnenskandal u. s. w. Der junge Mann wußte nicht, daß, da in Berlin

überhaupt der Schein der Dinge am meisten gilt, was schon die allgemeine

Redensart »man so duhn« hinlänglich andeutet, dieses Scheinwesen auf den

Brettern erst recht florieren muß, und daß daher die Intendanz am meisten zu

sorgen hat für die »Farbe des Barts, womit eine Rolle gespielt wird«, für die

Treue der Kostüme, die von beeidigten Historikern vorgezeichnet und von

wissenschaftlich gebildeten Schneidern genäht werden. Und das ist notwendig.

Denn trüge mal Maria Stuart eine Schürze, die schon zum Zeitalter der Königin Anna gehört, so würde gewiß der Bankier Christian Gumpel sich mit Recht

beklagen, daß ihm dadurch alle Illusion verloren gehe; und hätte mal Lord

Burleigh aus Versehen die Hose von Heinrich IV. angezogen, so würde gewiß

die Kriegsrätin von Steinzopf, geb. Lilientau, diesen Anachronismus den ganzen

Abend nicht aus den Augen lassen. Solche täuschende Sorgfalt der

Generalintendanz erstreckt sich aber nicht bloß auf Schürzen und Hosen,

sondern auch auf die darin verwickelten Personen. So soll künftig der Othello

von einem wirklichen Mohren gespielt werden, den Professor Lichtenstein schon

zu diesem Behufe aus Afrika verschrieben hat; in »Menschenhaß und Reue« soll

künftig die Eulalia von einem wirklich verlaufenen Weibsbilde, der Peter von

einem wirklich dummen Jungen, und der Unbekannte von einem wirklich

geheimen Hahnrei gespielt werden, die man alle drei nicht erst aus Afrika zu

verschreiben braucht. In der »Macht der Verhältnisse« soll ein wirklicher

Schriftsteller, der schon mal ein paar Maulschellen bekommen, die Rolle des

Helden spielen; in der »Ahnfrau« soll der Künstler, der den Jaromir giebt, schon

wirklich einmal geraubt oder doch wenigstens gestohlen haben; die Lady

Macbeth soll von einer Dame gespielt werden, die zwar, wie es Tieck verlangt,

von Natur sehr liebevoll, aber doch mit dem blutigen Anblick eines

meuchelmörderischen Abstechens einigermaßen vertraut ist; und endlich, zur

Darstellung gar besonders seichter, witzloser, pöbelhafter Gesellen soll der große

Wurm engagiert werden, der große Wurm, der seine Geistesgenossen jedesmal

entzückt, wenn er sich erhebt in seiner wahren Größe, hoch, hoch, »jeder Zoll

ein Lump!« – Hatte nun obenerwähnter junger Mensch die Verhältnisse des

Berliner Schauspiels schlecht begriffen, so merkte er noch viel weniger, daß die

Spontini'sche Janitscharenoper, mit ihren Pauken, Elephanten, Trompeten und

Tamtams, ein heroisches Mittel ist, um unser erschlafftes Volk kriegerisch zu

stärken, ein Mittel, das schon Plato und Cicero staatspfiffig empfohlen haben.

Am allerwenigsten begriff der junge Mensch die diplomatische Bedeutung des

Ballets. Mit Mühe zeigte ich ihm, wie in Hoguets Füßen mehr Politik sitzt als in

Buchholz' Kopf, wie alle seine Tanztouren diplomatische Verhandlungen

bedeuten, wie jede seiner Bewegungen eine politische Beziehung habe, so z. B.

daß er unser Kabinett meint, wenn er, sehnsüchtig vorgebeugt, mit den Händen

weitausgreift, daß er den Bundestag meint, wenn er sich hundertmal auf einem

Fuße herumdreht, ohne vom Fleck zu kommen, daß er die kleinen Fürsten im

Sinne hat, wenn er wie mit gebundenen Beinen herumtrippelt, daß er das

europäische Gleichgewicht bezeichnet, wenn er wie ein Trunkener hin und her

schwankt, daß er einen Kongreß andeutet, wenn er die gebogenen Arme

knäuelartig in einander verschlingt, und endlich, daß er unsern allzugroßen

Freund im Osten darstellt, wenn er in allmählicher Entfaltung sich in die Höhe hebt, in dieser Stellung lange ruht, und plötzlich in die erschrecklichsten

Sprünge ausbricht. Dem jungen Manne fielen die Schuppen von den Augen, und

jetzt merkte er, warum Tänzer besser honoriert werden, als große Dichter,

warum das Ballet beim diplomatischen Korps ein unerschöpflicher Gegenstand

des Gesprächs ist, und warum oft eine schöne Tänzerin noch privatim von dem

Minister unterhalten wird, der sich gewiß Tag und Nacht abmüht, sie für sein

politisches Systemchen empfänglich zu machen. Beim Apis! wie groß ist die

Zahl der exoterischen, und wie klein die Zahl der esoterischen Theaterbesucher!

Da steht das blöde Volk und gafft, und bewundert Sprünge und Wendungen, und

studiert Anatomie in den Stellungen der Lemiere, und applaudiert die Entrechats

der Röhnisch, und schwatzt von Grazie, Harmonie und Lenden – und Keiner

merkt, daß er in getanzten Chiffern das Schicksal des deutschen Vaterlandes vor

Augen hat.

 

Während solcherlei Gespräche hin und her flogen, verlor man doch das

Nützliche nicht aus den Augen und den großen Schüsseln, die mit Fleisch,

Kartoffeln u. s. w. ehrlich angefüllt waren, wurde fleißig zugesprochen. Jedoch

war das Essen schlecht. Dies erwähnte ich leichthin gegen meinen Nachbar, der

aber mit einem Accente, woran ich den Schweizer erkannte, gar unhöflich

antwortete, daß wir Deutschen, wie mit der wahren Freiheit, so auch mit der

wahren Genügsamkeit unbekannt seien. Ich zuckte die Achseln und bemerkte,

daß die eigentlichen Fürstenknechte und Leckerkramverfertiger überall

Schweizer sind und vorzugsweise so genannt werden, und daß überhaupt die

jetzigen schweizerischen Freiheitshelden, die so viel Politisch-Kühnes ins

Publikum hineinschwatzen, mir immer vorkommen wie Hasen, die auf

öffentlichen Jahrmärkten Pistolen abschießen, alle Kinder und Bauern durch ihre

Kühnheit in Erstaunen setzen, und dennoch Hasen sind.

 

Der Sohn der Alpen hatte es gewiß nicht böse gemeint, »es war ein dicker Mann,

folglich ein guter Mann,« sagt Cervantes. Aber mein Nachbar von der andern

Seite, ein Greifswalder, war durch jene Äußerung sehr pikiert; er beteuerte, daß

deutsche Thatkraft und Einfältigkeit noch nicht erloschen sei, schlug sich

dröhnend auf die Brust, und leerte eine ungeheure Stange Weißbier. Der

Schweizer sagte: »Nu! nu!« Doch je beschwichtigender er dieses sagte, desto

eifriger ging der Greifswalder ins Geschirr. Dieser war ein Mann aus jenen

Zeiten, als die Läuse gute Tage hatten und die Friseure zu verhungern fürchteten.

Er trug herabhängend langes Haar, ein ritterliches Barett, einen schwarzen

altdeutschen Rock, ein schmutziges Hemd, das zugleich das Amt einer Weste

versah, und darunter ein Medaillon mit einem Haarbüschel von Blüchers Schimmel. Er sah aus wie ein Narr in Lebensgröße. Ich mache mir gern einige

Bewegung beim Abendessen, und ließ mich daher von ihm in einen patriotischen

Streit verflechten. Er war der Meinung, Deutschland müsse in achtunddreißig

Gauen geteilt werden. Ich hingegen behauptete, es müßten achtundvierzig sein,

weil man alsdann ein systematischeres Handbuch über Deutschland schreiben

könne, und es doch notwendig sei, das Leben mit der Wissenschaft zu verbinden.

Mein Greifswalder Freund war auch ein deutscher Barde, und, wie er mir

vertraute, arbeitete er an einem Nationalheldengedicht zur Verherrlichung

Hermanns und der Hermannsschlacht. Manchen nützlichen Wink gab ich ihm für

die Anfertigung dieses Epos. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß er die

Sümpfe und Knüppelwege des Teutoburger Waldes sehr onomatopöisch durch

wässrige und holprige Verse andeuten könne, und daß es eine patriotische

Feinheit wäre, wenn er den Varus und die übrigen Römer lauter Unsinn sprechen

ließe. Ich hoffe, dieser Kunstkniff wird ihm, eben so erfolgreich wie andern

Berliner Dichtern, bis zur bedenklichsten Illusion gelingen.

 

An unserem Tische wurde es immer lauter und traulicher, der Wein verdrängte

das Bier, die Punschbowlen dampften, es wurde getrunken, smoliert und

gesungen. Der alte Landesvater und herrliche Lieder von W. Müller, Rückert,

Uhland u. s. w. erschollen. Schöne Methfesselsche Melodien. Am allerbesten

erklangen unseres Arndts deutsche Worte: »Der Gott, der Eisen wachsen ließ,

der wollte keine Knechte!« Und draußen brauste es, als ob der alte Berg

mitsänge, und einige schwankende Freunde behaupteten sogar, er schüttle

freudig sein kahles Haupt, und unser Zimmer werde dadurch hin und her bewegt.

Die Flaschen wurden leerer und die Köpfe voller. Der eine brüllte, der andere

fistulierte, ein dritter deklamierte aus der »Schuld«, ein vierter sprach Latein, ein

fünfter predigte von der Mäßigkeit, und ein sechster stellte sich auf den Stuhl

und docierte: »Meine Herren! Die Erde ist eine runde Walze, die Menschen sind

einzelne Stiftchen darauf, scheinbar arglos zerstreut; aber die Walze dreht sich,

die Stiftchen stoßen hier und da an und tönen, die einen oft, die andern selten,

das giebt eine wunderbare, komplizierte Musik, und diese heißt Weltgeschichte.

Wir sprechen also erst von der Musik, dann von der Welt, und endlich von der

Geschichte; letztere aber teilen wir ein in Positiv und spanische Fliegen –« Und

so ging's weiter mit Sinn und Unsinn.

 

Ein gemütlicher Mecklenburger, der seine Nase im Punschglase hatte, und selig

lächelnd den Dampf einschnupfte, machte die Bemerkung, es sei ihm zu Mute,

als stände er wieder vor dem Theaterbüffet in Schwerin. Ein anderer hielt sein

Weinglas wie ein Perspektiv vor die Augen und schien uns aufmerksam damit zu betrachten, während ihm der rote Wein über die Backen ins hervortretende Maul

hinablief. Der Greifswalder, plötzlich begeistert, warf sich an meine Brust und

jauchzte: »O, verständest du mich, ich bin ein Liebender, ich bin ein Glücklicher,

ich werde wieder geliebt, und, Gott verdamm' mich! es ist ein gebildetes

Mädchen, denn sie hat volle Brüste, und trägt ein weißes Kleid, und spielt

Klavier!« – Aber der Schweizer weinte, und küßte zärtlich meine Hand, und

wimmerte beständig: »O Bäbeli! O Bäbeli!«

 

In diesem verworrenen Treiben, wo die Teller tanzen und die Gläser fliegen

lernten, saßen mir gegenüber zwei Jünglinge, schön und blaß wie Marmorbilder,

der eine mehr dem Adonis, der andere mehr dem Apollo ähnlich. Kaum

bemerkbar war der leise Rosenhauch, den der Wein über ihre Wangen hinwarf.

Mit unendlicher Liebe sahen sie sich einander an, als wenn einer lesen könnte in

den Augen des andern, und in diesen Augen strahlte es, als wären einige

Lichttropfen hineingefallen aus jener Schale voll lodernder Liebe, die ein

frommer Engel dort oben von einem Stern zum andern hinüber trägt. Sie

sprachen leise mit sehnsuchtbebender Stimme, und es waren traurige

Geschichten, aus denen ein wunderschmerzlicher Ton hervor klang. »Die Lore

ist jetzt auch tot!« sagte der eine und seufzte, und nach einer Pause erzählte er

von einem Halle'schen Mädchen, das in einen Studenten verliebt war, und, als

dieser Halle verließ, mit niemand mehr sprach, und wenig aß, und Tag und

Nacht weinte, und immer den Kanarienvogel betrachtete, den der Geliebte ihr

einst geschenkt hatte. »Der Vogel starb, und bald darauf ist auch die Lore

gestorben!« so schloß die Erzählung, und beide Jünglinge schwiegen wieder und

seufzten, als wollte ihnen das Herz zerspringen. Endlich sprach der andere:

»Meine Seele ist traurig! Komm mit hinaus in die dunkle Nacht! Einatmen will

ich den Hauch der Wolken und die Strahlen des Mondes. Genosse meiner

Wehmut! ich liebe dich, deine Worte tönen wie Rohrgeflüster, wie gleitende

Ströme, sie tönen wieder in meiner Brust, aber meine Seele ist traurig!«

 

Nun erhoben sich die beiden Jünglinge, einer schlang den Arm um den Nacken

des andern, und sie verließen das tosende Zimmer. Ich folgte ihnen nach und sah,

wie sie in eine dunkle Kammer traten, wie der eine, statt des Fensters, einen

großen Kleiderschrank öffnete, wie beide vor demselben mit sehnsüchtig

ausgestreckten Armen stehen blieben und wechselweise sprachen. »Ihr Lüfte der

dämmernden Nacht!« rief der erste, »wie erquickend kühlt ihr meine Wangen!

Wie lieblich spielt ihr mit meinen flatternden Locken! Ich steh' auf des Berges

wolkigem Gipfel, unter mir liegen die schlafenden Städte der Menschen, und

blinken die blauen Gewässer. Horch! dort unten im Thale rauschen die Tannen! Dort über die Hügel ziehen in Nebelgestalten die Geister der Väter. O, könnt' ich

mit euch jagen auf dem Wolkenroß durch die stürmische Nacht, über die

rollende See, zu den Sternen hinauf! Aber ach! ich bin beladen mit Leid, und

meine Seele ist traurig!« – Der andere Jüngling hatte ebenfalls seine Arme

sehnsuchtsvoll nach dem Kleiderschrank ausgestreckt, Thränen stürzten aus

seinen Augen, und zu einer gelbledernen Hose, die er für den Mond hielt, sprach

er mit wehmütiger Stimme: »Schön bist du, Tochter des Himmels! Holdselig ist

deines Antlitzes Ruhe! Du wandelst einher in Lieblichkeit! Die Sterne folgen

deinen blauen Pfaden im Osten. Bei deinem Anblick erfreuen sich die Wolken,

und es lichten sich ihre düstern Gestalten. Wer gleicht dir am Himmel, Erzeugte

der Nacht? Beschämt in deiner Gegenwart sind die Sterne, und wenden ab die

grünfunkelnden Augen. Wohin, wenn des Morgens dein Antlitz erbleicht,

entfliehst du von deinem Pfade? Hast du gleich mir deine Halle? Wohnst du im

Schatten der Wehmut? Sind deine Schwestern vom Himmel gefallen? Sie, die

freudig mit dir die Nacht durchwallten, sind sie nicht mehr? Ja, sie fielen herab,

o schönes Licht, und du verbirgst dich oft, sie zu betrauern. Doch einst wird

kommen die Nacht, und du, auch du bist vergangen, und hast deine blauen Pfade

dort oben verlassen. Dann erheben die Sterne ihre grünen Häupter, die einst

deine Gegenwart beschämt, sie werden sich freuen. Doch jetzt bist du gekleidet

in deine Strahlenpracht, und schaust herab aus den Thoren des Himmels.

Zerreißt die Wolken, o Winde, damit die Erzeugte der Nacht hervor zu leuchten

vermag, und die buschigen Berge erglänzen, und das Meer seine schäumenden

Wogen rolle in Licht!«

 

Ein wohlbekannter, nicht sehr magerer Freund, der mehr getrunken als gegessen

hatte, obgleich er auch heute Abend, wie gewöhnlich, eine Portion Rindfleisch

verschlungen, wovon sechs Gardelieutenants und ein unschuldiges Kind satt

geworden wären, dieser kam jetzt in allzugutem Humor, d. h. ganz en Schwein,

vorbeigerannt, schob die beiden elegischen Freunde etwas unsanft in den

Schrank hinein, polterte nach der Hausthüre, und wirtschaftete draußen ganz

mörderlich. Der Lärm im Saal wurde auch immer verworrener und dumpfer. Die

beiden Jünglinge im Schranke jammerten und wimmerten, sie lägen

zerschmettert am Fuße des Berges; aus dem Hals strömte ihnen der edle

Rotwein, sie überschwemmten sich wechselseitig, und der eine sprach zum

andern: »Lebewohl! Ich fühle, daß ich verblute. Warum weckst du mich,

Frühlingsluft? Du buhlst und sprichst: ›Ich betaue dich mit Tropfen des

Himmels. Doch die Zeit meines Welkens ist nahe, nahe der Sturm, der meine

Blätter zerstört! Morgen wird der Wanderer kommen, kommen, der mich sah in

meiner Schönheit, ringsum wird sein Auge im Felde mich suchen, und wird mich nicht finden.‹« – Aber alles übertobte die wohlbekannte Baßstimme, die

draußen vor der Thüre unter Fluchen und Jauchzen sich gottlästerlich beklagte,

daß auf der ganzen dunkeln Weenderstraße keine einzige Laterne brenne, und

man nicht einmal sehen könne, bei wem man die Fensterscheiben

eingeschmissen habe.

 

Ich kann viel vertragen – die Bescheidenheit erlaubt mir nicht, die

Bouteillenzahl zu nennen – und ziemlich gut konditioniert gelangte ich nach

meinem Schlafzimmer. Der junge Kaufmann lag schon im Bette, mit seiner

kreideweißen Nachtmütze und safrangelben Jacke von Gesundheitsflanell. Er

schlief noch nicht, und suchte ein Gespräch mit mir anzuknüpfen. Er war ein

Frankfurt-am-Mainer, und folglich sprach er gleich von den Juden, die alles

Gefühl für das Schöne und Edle verloren haben, und die englischen Waren

fünfundzwanzig Procent unter dem Fabrikpreise verkaufen. Es ergriff mich die

Lust, ihn etwas zu mystificieren; deshalb sagte ich ihm, ich sei ein

Nachtwandler, und müsse im voraus um Entschuldigung bitten für den Fall, daß

ich ihn etwa im Schlafe stören möchte. Der arme Mensch hat deshalb, wie er mir

am andern Tag gestand, die ganze Nacht nicht geschlafen, da er die Besorgnis

hegte, ich könnte mit meinen Pistolen, die vor meinem Bette lagen, im

Nachtwandlerzustande ein Malheur anrichten. Im Grunde war es mir nicht viel

besser als ihm gegangen, ich hatte sehr schlecht geschlafen. Wüste,

beängstigende Phantasiegebilde. Ein Klavierauszug aus Dante's »Hölle«. Am

Ende träumte mir gar, ich sähe die Aufführung einer juristischen Oper, die

Falcidia geheißen, erbrechtlicher Text von Gans und Musik von Spontini. Ein

toller Traum. Das römische Forum leuchtete prächtig; Serv. Göschenus als Prätor

auf seinem Stuhle, die Toga in stolze Falten werfend, ergoß sich in polternden

Recitativen; Marcus Tullius Elversus, als Prima Donna legataria, all seine holde

Weiblichkeit offenbarend, sang die liebeschmelzende Bravourarie quicunque

civis romanus; ziegelrot geschminkte Referendarien brüllten als Chor der

Unmündigen; Privatdocenten, als Genien in fleischfarbigen Trikot gekleidet,

tanzten ein antejustinianeisches Ballet und bekränzten mit Blumen die zwölf

Tafeln; unter Donner und Blitz stieg aus der Erde der beleidigte Geist der

römischen Gesetzgebung; hierauf Posaunen, Tamtam, Feuerregen, cum omni

causa.

 

Aus diesem Lärmen zog mich der Brockenwirt, indem er mich weckte, um den

Sonnenaufgang anzusehen. Auf dem Turm fand ich schon einige Harrende, die

sich die frierenden Hände rieben, andere, noch den Schlaf in den Augen,

taumelten herauf; endlich stand die stille Gemeinde von gestern Abend wieder ganz versammelt, und schweigend sahen wir, wie am Horizonte die kleine

carmoisinrote Kugel empor stieg, eine winterlich dämmernde Beleuchtung sich

verbreitete, die Berge wie in einem weißwallenden Meere schwammen, und bloß

die Spitzen derselben sichtbar hervor traten, so daß man auf einem kleinen

Hügel zu stehen glaubte, mitten auf einer überschwemmten Ebene, wo nur hier

und da eine trockene Erdscholle hervortritt. Um das Gesehene und Empfundene

in Worten fest zu halten, zeichnete ich folgendes Gedicht: