Die kleine Stadt: Roman

Heinrich Mann · Kapitel 2 von 4 · Teil 1/4

PDF-Seiten

Die kleine Stadt: Roman

Kapitel III

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.

 

Ob mein Mann läuten kann! Wie? Sagt doch!“ verlangte die Frau des

Kirchendieners Pipistrelli, zog die schiefe Schulter noch höher und lugte unter

ihrem grünen Augenschirm ringsum. „Und er wird droben bleiben und ihnen vor

der Nase die Glocken der Klosterkirche schwingen, solange ihr verdammtes

Theater währt. Wir werden sehen, ob es ihnen gelingt, dem Teufel eine Messe zu

feiern.“

„Don Taddeo ist ein wahrer Diener Gottes“, sagte der Schlosser Fantapiè und

bekreuzte sich. Der Schlosser Scarpetta, der wie Fantapiè an die Arbeiten in der

Sakristei dachte, bekreuzte sich eilig mit. Frau Nonoggi verdrehte die Augen.

„Und dennoch wird bald die ganze Stadt droben sein. Nicht rasch genug

können sie laufen. Da! falle nur über die Treppe und brich dir das Bein, bevor

der Böse dir den Hals bricht!“

„Wie wir Guten wenige sind!“ bemerkte Frau Acquistapace. „Sollte man die

Unglücklichen nicht zurückhalten?“

Die Pipistrelli schwenkte schon ihren Krückstock.

„He, ihr Männer! Bleibt unten! Droben ist nichts Gutes zu holen, außer der

ewigen Verdammnis.“

Galileo Belotti, der mit einem Haufen Bauern aus dem Café kam, brüllte

durch den Lärm der Glocken zurück:

„Was willst du denn? Die Zeiten des Aberglaubens sind vorbei. Wenn

übrigens eine Vogelscheuche wie du davor steht, wird niemand in den Himmel

wollen.“

Dabei stampften sie die Treppengasse hinan. Die kleine fromme Schar sah

trostlos um den Platz, der leer lag.

„Zu denken, daß zur Zeit des Papstes der Galileo zur Messe ging!“ sagte der

Schlosser. „Aber wie Monsignore bei seiner letzten Anwesenheit äußerte: die

Hoffnung der Kirche wird täglich kleiner!“

„Ach was, man muß handeln!“ behauptete Frau Acquistapace. „Beachtet Don

Taddeo, er gibt ein Beispiel von Tapferkeit.“

Man sah ihn von Zeit zu Zeit hinter der Ledermatratze der Domtür

hervorschlüpfen und auf ein paar Jungen losschießen, die um die Ecke des Corso

kamen. Wild riß er sie fort und klappte hinter ihnen und sich die Matratze zu.

Kaum aber verließ er sein Versteck, um auf die nächsten zu jagen, da drückten

die vorigen sich unter der Matratze weg; und wie er den Lehrjungen des

Konditors Serafini gefangen mitschleppte, kamen ein kleiner Chiaralunzi und

der Michelino vom Barbier Druso wie Hasen daher und rannten über die

Pipistrelli hin, daß sie sich aufs Pflaster setzte.

„Welche Schande für unseren Beruf!“ rief Frau Nonoggi dem jungen Druso

nach, und der Schlosser Scarpetta holte aus. Aber wo waren sie hin?

Die Frau des Perückenmachers ließ die Arme sinken; denn sah es nicht aus,

als wollte dort hinten ihr eigener Mann entwischen? Soeben noch hatte er sich

einen Stuhl vor den Laden gestellt, wie um die Zeitung zu lesen; und nun strich

er, die Klarinette fest unter dem Arm, ganz nahe an der Mauer hin, schlenkerte

die Faust, als eile er einfach zu einem Kunden, und kniff doch in seinem

zurückgewandten Gesicht ein Auge zu, wie immer, wenn er kein reines

Gewissen hatte.

„He! Nonoggi,“ — und als die Frau ihre Stimme wieder hatte, war sie ihm

auch schon nach. Er murmelte und versuchte das Gesicht zu verrenken, aber das

geschlossene Auge verhinderte es.

„Kein Aufheben, meine Freundin, wir müssen mitmachen, was wird sonst aus

dem Geschäft? Die Kunden werden sagen: ah, Nonoggi, der Abend ist

mißglückt, denn das Orchester war schlecht, und das kommt, weil deine

Klarinette fehlte.“

Dabei klopfte er ihr mit dem Instrument die Wange.

„Man sagt anfangs wohl, was die Frau und der Priester wollen,“ erklärte er

den beiden Schlossern, die nachkamen, „aber ein Barbier hat noch andere

Rücksichten zu nehmen.“ „Au!“ rief seine Frau, denn sein freundschaftliches

Klopfen ward immer schärfer. Plötzlich riß er zum Zeichen, daß er sich wieder

wohl fühle, auch das zweite Auge auf, tat einen Satz und war in der

Treppengasse.

„Wir sind verraten, man muß das Schlimmste verhüten“ — und Frau Nonoggi

machte sich, die Hände gerungen, hinterher. Die Zurückgebliebenen zählten

einander stumm.

„Nun sind wir noch vier“, stellte Scarpetta fest; Frau Acquistapace wies, aus

ihrem schwarzen Tuch hervor, unheilvoll nach der Apotheke.

„Mir soll es nicht so gehen. Er ist drinnen und macht Pillen, und ich bürge

dafür, daß er weiter Pillen macht.“

Man nickte einander verbissen zu.

„Aber seht doch den tapfern, heiligen Don Taddeo!“ sagte die Pipistrelli. „Soll

man ihm nicht zu trinken bringen?“

Denn er hing, vom Jagen erschöpft und in der Dämmerung dort hinten ganz

allein, am Rücken eines der Löwen des Doms, und mit der Hand hielt er sich die

Stirn. Da näherten sich Schritte in der Treppengasse; der Advokat Belotti

erschien im Frack; und schon von weitem keuchte er:

„Don Taddeo, dies Läuten muß aufhören, ich erkläre Ihnen im Namen des

Komitees und der Stadtgemeinde, daß der Lärm aufhören muß.“

Auf dem ganzen Wege über den Platz schrie er immer dasselbe, als übte er

sich ein, bevor es ernst ward. Endlich bemerkte Don Taddeo ihn und richtete sich

auf.

„Was wollen Sie von mir?“ schien er zu fragen; — und im Getöse des

Himmels, das ihre Stimmen verschlang, sah man die beiden mit den Armen

ausstoßen, die Fäuste schütteln und die Gesichter wie nach Zeugen blind

umherrücken. Als die Frommen herangekommen waren, sagte Don Taddeo eben:

„Und ich erkläre Ihnen, daß es der Vorabend des Festes des heiligen

Theophrastus ist, dem in der Klosterkirche eine Kapelle gehört.“

„Eine Kapelle!“ schrie der Advokat. „Das ist etwas Rechtes! Und wenn Sie

nun jeden Ziegel auf dem Dach einem andern Heiligen weihen würden, wie,

mein Herr, dann hätten wir den Lärm alle Tage?“

Der Priester erhob verzweifelt die hohle Stimme:

„Ich verbiete Ihnen, mein Herr, sich über die Religion lustig zu machen!“

Dabei hatte er rotglimmende Augen und seine Arme zuckten in der Luft so

wild, daß der Advokat sich aus ihrem Bereich zurückzog. Dennoch schlug er die

Rechte auf das steife Hemd:

„Im Namen des Komitees, vielmehr im Namen des Volkes —“

„Wer ist das Volk?“ fragte der alte Fantapiè und trat breit an den Advokaten

hin, der noch um zwei Schritte wich. Gleichzeitig aber holte er tief Atem.

„Das Volk bin ich!“ sagte er mit Überzeugung. „Und hütet euch, daß ich nicht

die ‚Glocke des Volkes‘ läute!“

„Auch wir haben Zeitungen“, sagte Don Taddeo.

„Auch wir sind das Volk“, behauptete drohend Frau Acquistapace.

„Und mein Mann“, kreischte die Pipistrelli, „wird wohl mit den heiligen

Glocken Gott anrufen dürfen, wenn Ihre Komödianten dem Teufel Lieder

singen.“

Der Schlosser Scarpetta verhielt sich hinter der Säule ganz still; nicht umsonst

hatte er von gewissen Arbeiten erfahren, die im Rathaus zu vergeben waren. Don

Taddeo und der Advokat Belotti konnten beide recht haben, denn Kirche wie

Rathaus brauchten einen Schlosser.

Der Advokat griff, nun ein gemessener Abstand zwischen ihm und dem

Priester lag, an seinen braunen Strohhut und zog ihn im Bogen.

„So erfahren Sie denn, mein Herr, unser letztes Wort! Falls Ihr Beauftragter

mit der Störung einer öffentlichen Veranstaltung, wie eine Theatervorstellung es

ist, nicht aufhört, sind wir entschlossen, die bewaffnete Macht gegen ihn zu Hilfe

zu nehmen.“

Dabei entfernte er sich weiter rückwärts und eilig.

Die Frommen umdrängten den Priester. Sie hatten nur eine Stimme.

„Soll mans geschehen lassen, Reverendo?“

Er überblickte ihre Zahl und strich mit der Hand flach vor sich hin.

„Das Maß wird nun bald voll sein, meine Freunde; wir brauchen nur zu

warten.“

Frau Acquistapace begriff ihn.

„Wir sind leider wenige, Reverendo. Die ganze Stadt haben wir hinaufpilgern

sehen. Welche Schande! Viele waren dabei, die versprochen hatten,

zurückzubleiben. Was soll man von der Nonoggi sagen, die ihrem Manne

nachgelaufen ist. Ob das nicht zwischen ihnen eine abgekartete Sache war?“

„Schien es doch auch mir“, machten die andern.

„Und die Jole Capitani hat es trotz allen Ihren Ermahnungen, Reverendo,

kaum erwarten können. Der Advokat Belotti hat sie abgeholt, was man bei der

Frau eines Arztes eigentümlich gefunden hat . . .“

Don Taddeo erklärte durch eine schmerzliche Geste, daß ers wisse.

„Von allen guten Familien“, schrie die Frau des Kirchendieners, „haben nur

die Nardini dem Übel widerstanden . . . außer dem Hause Acquistapace,“ setzte

sie hinzu, da die Frau des Apothekers sie furchtbar ansah.

„Auch die gute, heilige Frau Camuzzi“, sagte der Schlosser Fantapiè, „bleibt

der Sünde fern. Niemand wird sagen wollen, daß sie das Haus verlassen habe.“

Alle bestätigten es; nur Don Taddeo schwieg und senkte den Kopf. Denn er

hatte sein Beichtkind aus dem Häuschen der Wäscherin Grattalupi in die

Treppengasse schlüpfen, mit gerafften Röcken hineingleiten und hurtig

verschwinden sehen. Vom Hofe des Rathauses mußte sie zu dem Häuschen

hinaufgeklettert sein, obwohl die alten Stufen nur Geröll waren, und heimlich

war sie der Wollust nachgelaufen. Vielleicht enthielt dann auch Wahrheit, was

die Evangelina Mancafede über Frau Camuzzi und den jüngsten der

Komödianten wissen wollte?

Don Taddeo fuhr auf; ein Bild, das ihm wieder vor Augen kam, machte ihn

weiß und wirr.

„Wir werden alle verderben,“ stammelte er, „und jene, die sie Italia nennen, ist

von allem Unheil das ärgste!“

Die Pipistrelli und Frau Acquistapace nickten erbittert. Der alte Fantapiè rief

aus:

„Sie ist das Weib von Babel.“

„Beim Bacchus,“ bemerkte der Schlosser Scarpetta; „nachdem schon der

Advokat, der Baron, der Herr Polli und, wie man sagt, auch der Knecht des

Wirtes Malandrini bei der Italia daranwaren, weiß niemand, ob nicht an ihn

selbst die Reihe kommt.“

Da die beiden Frauen sich wütend von ihm abkehrten, schielte er vor sich hin.

Alle schwiegen, — und Don Taddeo erblickte sie, das Weib, wie er sie durch

jenes Domfenster erblickt hatte, zu dem er hinaufgestiegen war, weil Pipistrelli

mit der Stange eine Scheibe zerbrochen hatte. Er hatte nicht gewußt, daß sich

von dort oben geradeswegs in ein Fenster des Gasthauses „zum Mond“ sehen

ließ; und dies Fenster war ihres, und was er antraf, war eine Umarmung. Vor

Zittern hatte Don Taddeo kaum die Leiter hinabgekonnt. Noch hier im Dunkeln

zitterte er, da jenes Bild wiederkehrte . . .

„Don Taddeo“, rief der Baron Torroni und kam rasch von seinem Hause her.

„Wenn Sie Zeit haben, läßt die Baronin um Ihren Besuch bitten.“

Don Taddeo hob scheu die Stirn, grüßte, ohne den Baron anzusehen, und

machte nach dem Palazzo Torroni hin Schritte, bei denen ihm die Soutane hörbar

um die Beine schlug.

„Die Baronin hatten wir vergessen. Noch ein frommes Schaf zum Trost des

Hirten“, sagte die Pipistrelli.

„Aber der Baron“ — und man spähte ihm nach — „geht ins Theater, das sieht

man, denn er hat seine Ledergamaschen ausgezogen. Die arme Baronin! Welch

einen Kampf sie hinter sich hat!“

„Und jetzt ist alles aus, da jenes verdammte Komitee Gewalt anwendet!“

„Läutet Pipistrelli nicht etwa schon schwächer?“ fragte seine Frau. „Ich bin

sicher, daß sie ihn bedrohen!“

„Wir sind Männer“, sagten Fantapiè und Scarpetta; und Frau Acquistapace

setzte hinzu:

„Bei dieser Gelegenheit sind auch wir es. Die droben sollen es erfahren!“

Sie setzten sich in Marsch. Hintereinander überquerten die vier den Platz.

„Don Taddeo hat noch Streiter“, erklärte die Pipistrelli, humpelnd; und

Scarpetta rief, um sich Mut zu machen, laut in den Schatten der Treppengasse

hinauf:

„Wir werden sehen!“

Als sie fort waren, entstieg den dunkeln Bogen des Rathauses der Advokat

Belotti und schwänzelte zur Apotheke hinüber. Er hob den Vorhang auf und

flüsterte durchdringend:

„Komm! Wir sind befreit.“

Ein rauher Freudenschrei, — und der alte Acquistapace drang hervor,

stelzend, daß der Platz davon hallte.

„Sst!“ machte der Advokat. „Die Feinde der Kunst nicht aufwecken! Bin ich

geschickt gewesen? Wie? Alles hat geklappt.“

„Und ich,“ jubelte der Apotheker, „der ich unter meinem Arbeitskittel schon

den schwarzen Rock anhatte!“

Sie hakten einander ein, schwenkten sich umher und tauschten Püffe aus.

„Ah! alter Esel, der du bist!“

Auf jeder zweiten Stufe blieben sie stehen und horchten nach den Schritten

der andern. Der Advokat sah zurück.

„Ob auch die Hühnerlucia droben ist? die Stadt scheint ausgestorben. Kein

Mensch auf dem Platz! Doch: der gewohnte Brabrà.“

Ein Lichtschein, der sich im Schatten des Glockenturmes verlor, streifte

einmal den kleinen Uralten, wie er rings um den Platz, als umgebe ihn eine

unsichtbare Gesellschaft, einen weiten Gruß beschrieb.

„Heute könntest du mir bei der Italia ein wenig helfen.“

Acquistapace flehte wie ein Knabe.

„Ohnehin werde ich bald der letzte sein. Und wer so viele Frauen hat wie du

—; denn man sagt, daß auch die große Gelbe dir nicht länger widerstanden hat.“

„Eh! man sagt vieles“ — und der Advokat kicherte fett.

„Und von Jole Capitani sagt man noch nichts?“

„Wie? du hättest —?“

„Ihr Gatte hat Zucker bei mir finden wollen: Zucker bei einem Mann wie mir!

Er sieht nun, daß mich das nicht hindert —.“

„Du bist noch größer, als ich gedacht habe, Advokat.“

„Eh! . . . Aber sprechen wir von etwas Ernstem. Wie viel Zeit gibst du dem

Priester noch?“

„Nicht lange. Deine Artikel in der ‚Glocke des Volkes‘ werden gewirkt

haben.“

„Also du glaubst. Ich sage dir, ich —“

Der Advokat setzte sich den Finger auf die Hemdbrust.

„— daß Don Taddeo keine acht Tage mehr hat. Die Loge, mein Lieber, ist

durch mich auf die Sache mit dem Schlüssel aufmerksam gemacht worden. Auch

habe ich an den Bischof geschrieben über die Revolte in Borgo und habe ihn von

der Beteiligung des Don Taddeo an jenem Aufstand des Aberglaubens

unterrichtet.“

„Aber er —“

Der alte Garibaldiner spreizte entsetzt die Hand.

„— er wars gerade, der den Bauern widersprach: nein, sie hat nicht die Augen

bewegt, eure Madonna, — und fast hätten sie ihn gesteinigt.“

Der Advokat zuckte mit den Schultern und zog die Lippen von den Zähnen.

„Ist er der Feind, ja oder nein? . . . Und wollen wir die ‚Arme Tonietta‘

sehen?“

„Das wollen wir: ah! das wollen wir.“

Der Apotheker schwang sein Holzbein über die letzten Stufen.

„Sst!“ machte der Advokat. „Die Beleuchtung ist nicht glänzend; was will

man, unsere ganze Kraft mußten wir auf das Innere des Theaters verwenden;

aber ich übersehe dennoch die Lage. Deine Frau befindet sich nicht unter dem

Volk, das den Palast der Frau Fürstin belagert und auf die Ouvertüre wartet; sie

ist in dem Haufen abergläubischer Aufrührer, dorthinten unter den Mauern des

Klosters. Haben sie nicht alle die Köpfe im Nacken, als kämen statt des Lärmes

vom Glockenstuhl Makkaroni geflogen? Eh! sie haben keine Zeit, uns zu

erwischen, und sogleich werden wir dich in meine Loge gerettet haben, armer

Freund . . . He! ihr Leute, man muß die durchlassen, die bezahlt haben.“

„Wir wollen auch hören“, antwortete das Volk.

Unter dem Bogen neben dem Palast brannte eine elektrische Lampe.

„Um so besser“ — und der Advokat kletterte in seinem Frack, der von der

Anstrengung in den Nähten krachte, das Geröll hinan; „da die Lampe gerade hier

angebracht ist, sieht man doch, wohin man tritt. Es ist fast unbegreiflich, daß

diese Leute auch jetzt noch fortfahren, den Eingang des Theaters für ihre

Bequemlichkeit zu benutzen. Man muß wirklich wenig Erziehung haben . . .“

„Die Gänge wenigstens habt ihr gut beleuchtet, Advokat, man müßte sonst

fürchten, sich das letzte Bein zu brechen; — und welch stolzer roter Vorhang das

Parterre verdeckt! Die goldenen Quasten!“

„Mancafede hat ihn uns geliehen. Er wollte ihn anfangs nur verkaufen; wir

mußten drohen, seine Konzession für die Diligenza nach Cremosine zu

hintertreiben. Welch alter Spitzbube!“

Sie betraten den engen Gang um die Logen.

„Guten Abend, Vater Corvi!“ — und da der Schließer die Hand hinhielt: „wir

haben keine Eintrittskarten, aber Ihr wißt, daß die Loge mir gehört.“

„Unmöglich, Herr Advokat. Die Loge gehört Ihnen; aber damit ich Sie

hineinlassen kann, müssen Sie den Eintritt bezahlen, und auch der Herr

Acquistapace muß ihn bezahlen.“

Der Alte blinzelte aus seinem ungeheuren roten Gesicht die Herren zynisch

an, und sein Bauch versperrte ihnen den Durchgang.

„Keine Dummheiten, Corvi“, sagte der Advokat. „Ihr wißt wohl, daß Ihr Euch

um die Stelle bei der öffentlichen Wage bewerbt.“

„Mag sein, Herr Advokat, und ich rechne dabei auf Ihre Protektion; aber ich

kann die zwei Lire für Ihren Eintritt nicht aus meiner Tasche bezahlen, denn ich

habe sie nicht.“

„Wenn Ihr nicht dreimal Bankrott gemacht hättet,“ — und der Advokat

begann zu tanzen und die Luft zu klopfen, „dann brauchtet Ihr heute abend die

Leute nicht um Karten zu belästigen.“

„Gott hat es so gewollt“, sagte der Alte, indes der Advokat enteilte.

„Treten Sie inzwischen nur ein, Herr Acquistapace, ich rechne auf Ihre

Empfehlung für die öffentliche Wage.“

In der Loge traf der Apotheker die Witwe Pastecaldi mit der kleinen Amelia;

aber er drückte die Hände nur stumm, denn vor Glanz und Menschenmenge fand

er sich im Saal nicht zurecht. Einen solchen Saal hatte es doch in der Stadt gar

nicht gegeben! Ein Feuerreif lief um die Ränge, und die Bogenlampe unter der

Decke warf ein so wildes Licht umher, daß man nicht sah, wer dahinter saß.

„Ah! was für ein alter Narr jetzt dort unten hereingekommen ist!“ rief es ganz

oben, und der Apotheker errötete, denn er hatte die Stimme der Magd Felicetta

erkannt, auf die er, bevor seine Frau sie nach Don Taddeos Wunsch entließ,

verstohlen ein Auge geworfen hatte. Es war ihr also doch nicht entgangen! Er

mußte hinaufschielen: Felicetta lachte ihn fortwährend an, indes sie sich über das

Ohr ihrer Nachbarin beugte. Und die Nachbarin war Pomponia, vom Kaufmann

Mancafede, die ärgste Klatschbase!

Die beiden enthüllten der linken Galerie die Skandale der Stadt. Felicetta

durfte nicht mehr wissen, als die Vertraute der Unsichtbaren, die alles wußte;

und wenn Felicetta mit einer Geschichte kam, erwiderte Pomponia mit zwei. Die

Frau des Schneiders Chiaralunzi saß ohne Scham auf einem Sessel, und doch

hatte sie ihn nur bekommen, weil ihr Mann der Liebhaber der Komödiantin war,

die bei ihnen wohnte. Der Baron Torroni tat wohl daran, seine Frau nicht

mitzubringen, da seine Loge gleich neben der Bühne lag und er es sich gewiß

nicht würde entgehen lassen, mit seiner Geliebten, jener anderen Komödiantin,

Zeichen auszutauschen. Schräg über dem Baron wartete die Frau des Doktors

Capitani (und der hatte bei dem Tischler in Via del Torchio, der dreimal Witwer

war, eine schwarze Leber gefunden!) auf ihren Nello: den schönen Nello; und

solange jener hinter dem Vorhang blieb, konnte sie mit den jungen Herren

kokettieren, denn natürlich hatte sie es so eingerichtet, daß sie neben der Loge

des Klubs saß. War es zu glauben, daß Mama Paradisi die ihre neben dem

Mancafede hatte? Und immerfort steckte er den Kopf unter ihren Hut, der auf

allen Seiten an die Logenwände anstieß, so groß war er. Wenn noch diese Alten

Ärgernis erregten, waren armen jungen Leuten ihre Sünden zu verzeihen. Die

Rina vom Tabakhändler hing in einem Drunter und Drüber von Schulkindern vom höchsten Geländer und starrte immer auf den leeren Platz des Maestro.

Welche Dummheit, gerade diesen Künstler zu lieben, der sie mit all den Weibern

vom Theater betrog!

„Rina! Nicht hinunterfallen!“ riefen alle.

„Sie hört nicht; hier ist ein Lärm —!“ Der Gevatter Achille schreit aus seiner

Loge, wie ein Stier, hinter seinem Kellner her: „He! Nonò, bist du es! Ich will zu

trinken. Ist das eine Art, daß nur die Herrschaften bedient werden?“ Keine

Möglichkeit. Sie stimmen ihre Instrumente. „Dieser Nonoggi trillert wie eine

Ziege; aber der Tapezierer Allebardi brüllt mit seinem Bombardon, daß die

Toten sich rühren . . . Ah! das Fräulein Zampieri: sie wird also wirklich die

Harfe spielen. Man hätte nicht geglaubt, daß ein Mädchen es wagen würde. Soll

man pfeifen?“

„Die Arme, wie sie hübsch ist!“ sagte der Michele vom Schlosser Fantapiè.

Der Bäckergeselle Carlino setzte hinzu:

„Es scheint, daß sie und die Mutter kein Geld haben, denn sie konnten meinen

Herrn nicht bezahlen; und vom Harfenspiel sollen die Finger der Nina blutig

sein.“

„Ah, Nina, du Liebe!“ riefen die Mädchen. „In ihrem weißen Kleid, wie sanft

sie lächelt! Wer ist es, der mit ihr spricht? Der mit der Geige und den langen

schwarzen Haaren? . . . Der Mandolini von der Volksbank: er ist verliebt in sie,

möge sie glücklich werden! . . . Aber er ist tatsächlich verrückt geworden, der

schöne Alfò, er haut auf Pauke und Becken ein, als wären alle nur gekommen,

um ihn zu hören.“

„Er versteht nichts, der Arme; er ist dort hingestellt statt des Vittorino

Baccalà, des Tischlers, der nicht kommen durfte wegen des Don Taddeo.“

„Meinem Onkel Coccola hat Don Taddeo gedroht, seine Gicht werde ihm ans

Herz greifen, wenn er ins Theater gehe.“

„Und damit wir andern nicht vom Teufel geholt werden, läßt er läuten. Sie

werden nicht anfangen können, solange es läutet. Niccolo, schließe doch das

Fenster hinter dir!“

„Die Fenster sind alle geschlossen; es ist übernatürlich, wie laut man die

Glocken hört. Vielleicht hat er recht, Don Taddeo.“

„Es ist Ostwind, das ist alles; und man muß eine Demonstration gegen den

Priester machen. Nieder mit den Priestern!“

„Ruhig dort oben!“ rief man aus dem Parterre zur Galerie hinauf. Die Buben

um den weißen Konditorjungen antworteten mit Pfeifen. In der Loge des Klubs

wurde geklatscht, und darauf lachten in anderen Logen die Frauen auf. Der

kleine alte Giocondi beugte sich rückwärts aus seiner und rief, an der des

Salvatori vorbei, zur Galerie hinauf:

„Hast du mitgeschrien, Klothilde?“

Seine Magd rief zurück:

„Wir haben geschrien: Es leben Don Taddeo und die Komödianten!“

„Brav, Klothilde! Und schreie auch: Es lebe die Familie Salvatori!“

Die Logen waren belustigt.

„Ah der Spaßvogel von Giocondi! Der Salvatori hat ihm seine Zementfabrik

abgenommen, und so rächt er sich nun.“

Der Salvatori mußte sich wohl verbeugen, denn manche klatschten ihm

lachend zu. Auch der Steuerpächter Vallesi in seiner Loge ganz vorn über der

des Advokaten Belotti verneigte sich fortwährend vor allen guten Zahlern: zuerst

geradeaus vor dem Baron Torroni, weiterhin vor Mancafede, dann um die Ecke,

an der dritten leeren Loge vorbei, nach dem Wirt Malandrini hin — und plötzlich

quer hinüber zum Doktor Ranucci, der sich rasch vor seine Frau stellte. Das

Stehparterre lachte, und Galileo Belotti, der Bruder des Advokaten, sagte laut zu

den Bauern um ihn her:

„Er ist glänzend, der Doktor, sich einzubilden, man hätte Lust, ihm sein

häßliches Weib wegzunehmen. Mir fehlte nichts weiter! Kommt man mit einem

Furunkel zum Ranucci: die Frau sitzt immer im Wartezimmer, denn sie scheint

ihm am sichersten, wenn mehrere dabei sind. Jeden Augenblick streckt er den

Kopf herein, — und gib ihr nur die Hand, da drängt er sie zurück und tanzt vor

ihr herum: Pappappapp . . .“

Galileo nahm die Stimme an, mit der nach seiner Meinung alle außer ihm

sprachen.

„Sieht man sie noch ein wenig an, ists sicher, daß er einem zwei Beine

abschneidet statt eines. Man sollte etwas unternehmen, um ihm seine alberne

Eifersucht abzugewöhnen.“

Derselben Meinung war der dicke Zecchini, der den Bazar gehabt hatte und

jetzt alle seine Habe in seinem Bauch umhertrug. Er versprach, sein Freund

Corvi werde etwas ausfindig machen für den Chirurgen, und die Zechgenossen,

die mit ihm waren, freuten sich schon: da wich das ganze Stehparterre

auseinander.

„Ja was denn . . . Mir scheint, ich träume . . . Das muß ein Scherz sein.“

Aber sie hielten ihren Einzug so zuversichtlich, als wäre es der Salon der Via

Tripoli gewesen: Raffaella, Theo und Lauretta, gedeckt von Mama Farinaggi. In

den Logen fuhr alles auf, einen Augenblick war es still, und man hörte nur

Galileo Belotti, der sagte:

„Guten Abend, die Gesellschaft!“

Da brach oben und unten das Gelächter los. Die Musiker im Orchester standen

auf und wollten die Damen kommen sehen. Sie kamen durch alle Leute bis zur ersten Sesselreihe, wo noch die drei Plätze frei waren. Der Serafini nahm aus

Bestürzung nicht sofort seinen Hut von dem Stuhl der Raffaella; sie mußte ihm

erst einen gemalten Blick zuwerfen, den er kannte und der ihn schon manchmal

zu Handlungen bewogen hatte. Er verbeugte sich.

„Bravo Serafini!“ rief es von oben, und Coletto, sein Lehrling, pfiff auf den

Fingern.

Die Mama Farinaggi machte Versuche von mehreren Seiten, um ihre Formen

auf ihren Sessel in der zweiten Reihe zu schaffen. Zuletzt traten der

Stadtzolleinnehmer Loretani und die beiden Fräulein Pernici samt dem Leutnant

Cantinelli in den Gang hinaus, um sie durchzulassen. Der Leutnant legte sogar

die Hand an den Helm. Der Kellner des Gevatters Achille drängte hinzu, um

seine Fruchtsäfte anzubieten, und alle diese Personen verstopften den Gang, so

daß der Schuhmacher Malagodi mit seiner Frau ihre Plätze in der ersten

numerierten Bank nicht erreichen konnten. Sie tauschten mit dem Bäcker

Crepalini abfällige Bemerkungen aus, — indes Mama Farinaggi kleine

Kreischtöne von sich gab, weil ein Pächter von jenseits des Ganges sie kniff.

Dazu schrie es von der Galerie:

„Lauretta hat den schönsten Hut!“

Und:

„Raffaella, du hast mich mit einem andern betrogen!“

Die dicke Lauretta sah nicht einmal auf, sie steckte sich etwas in den Mund;

Theo zeigte den Herren vom Klub, die mit zwei Fingern applaudierten, die

Zungenspitze; Raffaella aber musterte ringsum die Frauen, wie eine fremde

Dame. Jede, die sie angesehen hatte, neigte sich zur nächsten, und ohne

Raffaella aus dem Auge zu lassen, sagten sie sich ein Wort: Skandal! Es

klapperte von Loge zu Loge: „Skandal!“, sprang über den Rang: „Skandal!

Skandal!“ — und die Männer im Stehparterre riefen: „Skandal! Skandal!“ und

mit ihren Stöcken stießen sie den Takt. Mama Farinaggi drückte sich wieder,

ganz einknickend auf ihrem Sessel, die Hand in den Busen und sandte

beteuernde Blicke nach allen Richtungen. Trotzdem saßen die beiden Fräulein

Pernici, aus Angst, sie zu berühren, aufeinander und drehten die Hälse umher,

wie Hennen in Not, und Frau Camuzzi in ihrer Loge gleich neben den drei

Mädchen bog sich langsam zur Seite, um auszuspeien. Darauf rückte sie ihren

Stuhl ganz nach rechts und sah unverwandt ins Orchester. Der Severino

Salvatori, der sein Monokel im Parkett umherführte, kam und stellte sich

zwischen sie und die drei.

„Danke, mein Herr,“ sagte Frau Camuzzi mit ihrer sanften Stimme, „danke für

Ihre Aufmerksamkeit. Mein Mann verspätet sich, aber wer konnte denken, daß

in diesem Theater eine anständige Frau nicht sicher vor Beleidigungen sein würde. Don Taddeo hat also recht, uns diese Vergnügung zu verbieten und die

Glocken läuten zu lassen, wie zum Jüngsten Gericht.“

„Es ist ein wirklicher Skandal, gnädige Frau, und die ganze Schuld trägt der

alte Säufer Corvi, der diesen Damen die Billetts verkauft hat.“

„Ah! — und mein Mann wollte ihn bei der öffentlichen Wage anstellen. Er

wird nicht mehr angestellt werden.“

„Sie sind streng, aber gerecht, gnädige Frau.“

Auch sonst mußte man sich über die Zusammensetzung des Publikums

beklagen. Die Familie eines der Komödianten saß auf den vordersten der

numerierten Plätze. Dann freilich konnte man dem Bäcker Crepalini nicht

verdenken, daß er für sich und die Seinen eine Loge beansprucht hatte.

„Wir haben Mühe genug gehabt,“ erklärte der junge Salvatori, „den Streich

abzuwenden, den der Mittelstand uns zudachte. Zuerst haben wir die Leute

glauben gemacht, jene berühmte dritte Loge rechts gehöre dem Hause Nardini;

und als die Abneigung des alten Nardini gegen das Theater bekannt geworden

war, hielten wir sie mit dem Präfekten hin, der vielleicht kommen würde. Auf

diese Weise ist die Loge nun leer geblieben, und mehr war nicht zu erreichen.

Die Filiberti und mehrere andere gute Familien haben auf eine Loge verzichten

müssen, aber wenigstens hat auch dieser Bäcker keine.“ Von rechts und links

beugten die Herren Torroni und Mancafede sich herzu.

„Aber dieses Läuten! Man versteht einander nicht mehr. Sollte man nicht

etwas tun, um ein Ende zu machen?“

„Für nichts in der Welt“, sagte Frau Camuzzi. „Ich würde sofort nach Hause

gehen.“

„Aber Sie sind doch gekommen, die Komödianten zu hören und nicht diese

Glocken.“

„Ich bin bereit, beide gleichzeitig anzuhören. Man muß die weltlichen

Pflichten mit den religiösen in Einklang bringen.“

Sie fächelte sich stärker: sie ward beleidigt durch das Benehmen dieser

kleinen Zampieri, die sich hinter den goldenen Saiten ihrer Harfe weiß Gott

welche Wichtigkeit gab und über den armen Mandolini hinweg, dessen sie ganz

sicher schien, mit allen Männern kokettierte.

„Zu denken, daß der alte Mandolini in dem Augenblick starb, als er Präfekt

werden sollte, — und sein eigener Sohn opfert seine Zukunft einer kleinen

Intrigantin!“

 

Die Herren gaben Frau Camuzzi recht; — aber man bemerkte, daß eine halbe

Stille im Saal entstand und daß die Ursache der Advokat Belotti war, der in der Loge des Unterpräfekten heftig flüsterte. Auch der so maßvolle Herr Fiorio

schien erregt. Schließlich breitete er die Arme aus, als könne er irgend etwas

nicht länger verhindern, und da stürzte der Advokat aus der Tür . . . Plötzlich

wallte der Saal auf. Was ging vor? Das Theater sollte wieder geschlossen

werden, weil Don Taddeo die Regierung für sich hatte? Welch ein Übergriff!

„Wir sind recht sehr zurück in Italien!“ Bekam man wenigstens sein Geld

heraus? . . . Alle die Stimmen sanken sogleich wieder in sich zusammen, denn

nun sah man den Advokaten ins Parterre hasten. Der Leutnant Cantinelli war

schon aufgestanden und ging sogleich, rasch und gemessen, hinter dem

Advokaten her. „Fontana! Capaci!“ rief er halblaut, und seine beiden

Untergebenen verließen ihre Posten zu beiden Seiten des Einganges, um ihm zu

folgen. An der Spitze der bewaffneten Macht, die ihre großen Federn trug, die

Rockschöße breit in Rot gefaßt hatte und verhalten klirrte, zog durch die sich

teilende Menge, in die Brust geworfen, daß das steife Hemd knackte, der

Advokat Belotti. Er sah voll Entschlossenheit geradaus, und niemand wagte ihn

etwas zu fragen.

„Welch eine Persönlichkeit, der Advokat!“ bemerkte der Kutscher Masetti, der

von der Macht an die Wand des Ausganges gedrückt worden war; und der

Barbier Bonometti setzte hinzu:

„Ich wußte wohl, er sei ein großer Mann.“

Dabei drängte er mit den andern hinterdrein.

„Was denn“, rief Galileo Belotti und stemmte sich gegen die Flut. „Was wollt

ihr denn? Wißt ihr nicht, daß der Advokat ein Buffone ist? Pappappapp! Das

fehlte noch, den Advokaten ernst zu nehmen!“

Aber seine eigenen Freunde, die Bauern, stießen ihn in den Rücken; er mußte

Platz machen; und schon stürmte draußen über die Treppen hundertfaches

Getrappel. Mama Paradisi hatte sich in ihrer Loge erhoben, rechts und links eine

Tochter unter das weitläufige Dach ihres Hutes gezogen, und wartete, ob man

sich flüchte. Der Kaufmann Mancafede versprach ihr — und in der allgemeinen

Aufregung legte er die trockene Hand aufs Herz — im Falle der Gefahr seine

Person als Deckung. Die Witwe Pastecaldi bat flehentlich ihren Nachbar, den

Apotheker, er möge ins Orchester rufen und ihren Sohn warnen, der den Baß

strich.

Acquistapace antwortete:

„Es ist nichts, Signora, der Advokat bringt nur den Don Taddeo zum

Schweigen.“

„Der Advokat bringt den Don Taddeo zum Schweigen“, wiederholte die junge

Amelia Pastecaldi, albern träumerisch, und himmelte aus ihrem steifen

Mullkleid hervor.

In die Loge der Frau Mandolini beugte sich der blinde Kopf des alten

Literaten Ortensi.

„Beatrice,“ sagte er und kicherte, „man bringt den Priester zum Schweigen.

Das erinnert an die guten Zeiten.“

„Wir sind noch am Leben, Orlando“, sagte die Alte, steif aufgerichtet, mit

tiefer Stimme, und zwischen ihren weißen Haarrollen lachten in ihrem langen

weißen Gesicht nur die schwarzen Augen.

„Nicht möglich!“ rief nebenan der Tabakhändler Polli und lief hinaus. Die

Haushälterin des alten Ortensi hängte sogleich ihre üppige Hand über die

Logenwand, und als der junge Olindo Polli zitternd daran streifte, wendete sie

ihm ein gebieterisch laszives Gesicht zu, vor dem ihm der Schweiß ausbrach.

Die beiden Fräulein Giocondi sahen trotz der Wirrsal des Hauses alles, was

vorging, und feindselig stießen sie einander an.

„Alle wie Papa“, sagte Cesira und wendete sich um. Hinter ihnen hielt ihre

Mutter das schmutzig graue Haupt gesenkt und schlief wohl schon wieder.

„Mit solchen Weibern machen sie die Familien unglücklich, die Frau wird

aussehen wie Mama, und wir verheiraten uns nicht.“

„Ich habe es satt, mich zu verheiraten“, sagte die entlobte Rosina. Da ging die

Logentüre, und der alte Giocondi schwenkte seinen lustigen kleinen Bauch

herein. Die Augen funkelten ihm.

„Alles geht gut“, rief er und machte mit der Hand einen freigebigen Bogen.

„Sie holen Pipistrelli vom Glockenturm herunter. Ihr sollt Gefrorenes haben, und

wollt ihr einen Marsala? Ah, Mädels, küßt mich, erst seit gestern habt ihr euren

Papa zurück.“

„Ich wußte, du würdest kommen: Blut ist dicker als Wasser“, jubelte Cesira

und wiegte sich in seinem Arm. Die entlobte Rosina, die er in ihrer Schande

unbeachtet ließ, sah weg und dachte: „Da läßt die Gans sich streicheln und

schreit! Als ob man davon eine Mitgift bekäme! Was die

Versicherungsgesellschaft dem Papa gibt, dient ihm auf den Geschäftsreisen zu

seinem Vergnügen; Mama und wir müssen uns mit Pensionären durchbringen;

und hat man endlich einen kleinen Beamten zum Heiraten, dann reißt er nach

dreijährigem Warten wieder aus, weil Papa nie etwas für die Einrichtung

zurücklegt . . .“

„He, Zecchini, wie steht es?“ rief ihr Vater ins Parterre. „Er läutet also immer

noch?“

„Der Advokat fordert ihn gerade zum letztenmal auf: dann dringt die Macht in

den Turm!“ — und der alte Schenkenheld stieß mit seinem Bauch alle beiseite,

um wieder hinauszugelangen. Andere kehrten mit Botschaften zurück, die sie in

die Logen riefen. Die Frommen hielten den Glockenturm umringt, aber der Advokat hatte sie in die Flucht getrieben! Die Nonnen, deren weiße

Flügelhauben aus den Fenstern des Klosters sahen, hatte er gezwungen, sich

zurückzuziehen, weil ihr Anblick zum Aufruhr reize! Von draußen kam

Siegesgeschrei, dann das stille hastige Geraschel einer Menge, die zurückweicht,

und wieder Lärm triumphierenden Volkes. Da stieg vom Parterre zur Galerie

rauschend ein „Ah!“

„Es hat aufgehört! Bravo! Nieder mit den Priestern!“

Jemand rief:

„Es lebe der Advokat!“

„Was denn? Welcher Advokat?“ — und Galileo Belotti arbeitete sich ab mit

Schultern und Armen. Im selben Augenblick ging das Läuten wieder an.

„Da habt ihrs!“ schrie der Bruder. „Wenn ich euch doch sage, daß er ein

Buffone ist, der Advokat! Pipistrelli wird ihm vom Turm herab etwas auf den

Kopf —“

Er war nicht mehr zu hören, denn plötzlich brach draußen ein Geheul, Pfeifen

und Gebrüll los, daß den Damen in den Logen der Atem stillstand. Frau

Camuzzi bekreuzte sich.

„Don Taddeo hatte recht. Wenn es noch einmal gut ginge!“ — und der

Kaufmann Mancafede schielte, ganz weiß, hinter sich nach seinen beiden

Kommis, die vor Müdigkeit auf der Wand lagen.

„Das ist das Ende von allem. Man sollte das Volk nie entfesseln. Zuerst

scheint es nur gegen die Priester zu gehen, und dann, gute Nacht, handelt sichs

um unsere Logenplätze und unser Geld.“

„Mein Gott, wohin nun,“ seufzte drüben die Witwe Pastecaldi, die vom

Apotheker Acquistapace allein gelassen war; „wir Frauen sind hier geopfert.“

Die alte Mandolini sagte neben ihr, tief und ohne sich zu regen:

„Keine Furcht vor dem Volk haben, meine Liebe! Das Volk ist hochherzig. Als

mein Mann in Cesena erschossen werden sollte, drängte ein Stoß des Volkes die

Soldaten des Papstes auseinander, und in der Verwirrung nahm ein Gerber

namens Sciaccaluga die Stelle des Verurteilten ein. Aus Furcht, noch einmal

gestört zu werden, erschossen sie ihn sogleich und ohne näher hinzusehen;

Mario aber entkam. Jenes Volk liebte ihn, weil er es geliebt hatte.“

„Was wollen sie nur?“ fragte Rosina Giocondi und führte in ihrem Gesicht,

das weich und durchsichtig wie Gelatine war, die blanken Kugelaugen über die

Menge. Die Leute waren aufgesprungen, sie schrien durcheinander! Sie

klatschten, zischten und brüllten die Zischer nieder! Was kam auf die Priester an,

denen sie Tod wünschten? Wozu war der Advokat Belotti, den sie hoch leben

ließen, denn nütz? „Weder der Belotti noch Don Taddeo werden mich heiraten,

und Amadeo hat sich versetzen lassen.“

Man konnte sich überzeugen, daß die Glocken schwiegen: der Lärm legte

sich. Denn vorn links stand der Advokat Belotti hinter der Brüstung seiner Loge;

sein steifes Hemd war in Falten gebrochen, die Perücke saß ihm schief, und mit

seinem braunen Strohhut gab er Zeichen, er wolle reden. Zuerst ließ das Herz,

das in den Hals schlug, nur heisere Ansätze hinaus. Dann kam ein Ausspruch.

„Endlich können wir sagen, daß wir frei sind.“

„Bravo!“ — und der Advokat machte Kratzfüße vor Galerie, Parterre und

Logen. Darauf fiel er dem alten Acquistapace in die Arme und keuchte:

„Ich bin glücklich, o Freund, aber es ist gleich, draußen ging es heiß zu. Deine

Frau war eine der Gefährlichsten. Sie wollte hier eindringen, zum Glück hat

Corvi die Logen verteidigt; ich werde ihm die Stelle bei der öffentlichen Wage

verschaffen.“

„Der Advokat bringt den Don Taddeo zum Schweigen“, flüsterte die junge

Amelia, mit ungleich geröteten Wangen.

„Es lebe der Advokat!“ schrie die Galerie.

„Aber jenes Wort hat Garibaldi gesprochen“, sagte der Gemeindesekretär

Camuzzi; und über ihm, in der Klubloge verlangte man ironisch die Hymne an

Garibaldi. Darauf wollte der Apotheker Acquistapace sie im Ernst hören. In der

Gewißheit, seine Frau werde nicht bis zu ihm vordringen, schrie er sich

dunkelrot, und neben ihm klatschte die alte Mandolini. Jemand im Parterre

zischte: es war der Bäcker Crepalini.

„Zur Tür!“ rief die Galerie.

„Wie?“ antwortete er und hielt sein Bulldoggengesicht hin. „Ich habe sechs

Plätze bezahlt, die kosten mehr als eine Loge, und ich sollte nicht meine

Meinung sagen?“

„Er hat recht, der Bäcker“, sagte droben der Schlosser Fantapiè zum Schlosser

Scarpetta, und beide sahen sich drohend um.

„Ihr möchtet eine Tracht Prügel?“ fragte ein Mann im Fuhrmannskittel sie und

warf alle zur Seite, um heranzugelangen. Im Orchester schlug der Schneider

Chiaralunzi mit seinem Horn gegen die Rampe.

„Die Hymne!“

„Sieh mal an!“ sagte der Baron Torroni zu Frau Camuzzi. „Wir werden dem

da nichts mehr zu tun geben.“

„Die Galerie wird einbrechen von dem Getrampel“, jammerte der Kaufmann

Mancafede, „und uns auf die Köpfe fallen. Der Advokat war ein Narr mit seiner

Hymne.“

„Das alles ist nicht gut“, — und Frau Camuzzi drückte sich in den Schatten.

„Was wird Don Taddeo sagen?“

Auch Raffaella, Theo und Lauretta hatten die Tücher vor den Mund gedrückt und betrachteten mit Angst und Mißbilligung die Wellen, die dort oben und dort

hinten das Volk schlug.

„Was denn! Was für eine Hymne! Pappappapp!“ machte Galileo Belotti

immer wieder; und im Orchester ahmte der Barbier Nonoggi den Hahn nach.

Plötzlich hatte ihn seine Frau am Kragen und schüttelte ihn.

„Auch du hast die Hymne verlangt, du Heide!“

Man lachte. Auf der Galerie klatschten Felicetta und Pomponia sich die

Schenkel und kreischten. Frau Salvatori und Frau Malandrini streckten

gleichzeitig den Fächer aus nach der Loge der Jole Capitani. Alle sahen hin,

sogar die alte Mandolini nahm ihr Lorgnon.

„Der Advokat ist bei der Jole“, sagte man rundum. „Es ist also wahr . . . Wie

entzückt sie ihn betrachtet! Sie hat den Kopf verloren, die Arme.“

„Signora,“ sagte der Advokat, „ich bin gekommen, um die Huldigung, die

dieses Volk mir darbringt, Ihnen zu Füßen zu legen.“

Sie rückte weich den Hals und schielte hinaus, voll Furcht und Begier, daß

man sie sehe.

„Hätte ich nur ein Pflaster da“, sagte sie girrend, „für Ihren Finger, der blutet.“

Der Advokat hatte sein Stichwort, er trat vor.

„Mitbürger!“ schrie er, und vor Anstrengung hob er sich auf die Fußspitzen;

„der Kampf um die Freiheit hat auch bei uns wieder einmal Wunden gerissen:

jetzt wird, wie ihr es verlangt, die Hymne erschallen, die den Helden der Freiheit

begrüßte, sooft er —“

„Was denn! Welche Hymne!“ keifte Galileo Belotti.

„Ich brauche keine Hymne!“ rief der Bäcker Crepalini. „Ich brauche eine

Loge, für sechs bezahlen und keine Loge!“

„Ihr habt gesprochen, ich kenne meine Pflicht“, schrie der Advokat.

„Nichts kennst du, Buffone!“

Der Advokat fuhr zusammen; auf einmal schien der ganze Saal der Meinung

seines Bruders. Sie lachten, sie jubelten böse; da: ein Pfiff . . . Fahl, mit lautlos

plappernden Lippen und eiligen kleinen Dienern, zog der Advokat sich zurück.

Die Frau des Arztes sah ihm voll Grauen nach, bis er mit einem letzten Kratzfuß

die Tür der Loge schloß.

„Was ist denn geschehen?“ fragte er draußen und wischte sich die Stirn. „Was

haben sie plötzlich? Soeben huldigten sie mir doch? Wer steckt dahinter? . . .

Und die Jole, die ich schon zu haben meinte! O treuloses Glück!“

Er stieß, dahinschwankend, an die Wände des Ganges. Eine Tür konnte

aufgehen, und man sah ihn in seiner Schwäche! Er hastete die Treppe hinab,

wäre gern ins Freie geflüchtet, — aber vor dem Theater wartete wieder nur

übelwollende Neugier des Gefallenen! Auf den Zehen schlüpfte er in den linken Korridor, öffnete verstohlen seine Loge . . . Seine Schwester sagte eben zum

Apotheker:

„Immer mit den Frauen, der Advokat! Wenn er Minister wäre, er würde nur

immer alles tun, was sie wollen, und das wäre sein Unglück . . . Da ist er!“

Sie lächelte ihm mit schmollender Bewunderung entgegen.

„Da hast dus, Advokat! Natürlich haben sie sich geärgert, weil du bei einer

schönen Frau warst. Ich habe dirs immer gesagt: die Frauen werden dir zum

Verhängnis.“

Der Freund Acquistapace drückte ihm die Hand, aber der Advokat ließ sich

ächzend auf das unbeleuchtete Ende der Bank nieder.

„Der Advokat bringt Don Taddeo zum Schweigen“, sagte es neben ihm

verzückt, und seine Nichte Amelia himmelte ihn an. Er nickte ihr zu, wie man in

schwerer Stunde auf ein sanftes Wasser hinabnickt, auf eine Blume, die zart

duftet, auf irgendein harmloses Stück unbewußter Natur.

„Die Gunst des Volkes“, sagte er, „ist wechselnd. Noch jeder große Mann hat

es erfahren.“

 

Über ihm gingen leise Schritte: der Unterpräfekt Herr Fiorio kehrte in seine

Loge zurück. Die Bürger wiesen anerkennend darauf hin; er hatte als Staatsmann

gehandelt, indem er dem Zwist der Parteien aus dem Wege gegangen war. Das

Volk auf der Galerie fand ihn feige; mehrere zischten; aber da rief die launige

Stimme des Herrn Giocondi:

„Und die ‚Arme Tonietta‘?“

„Freilich, die ‚Arme Tonietta‘“, antwortete die Galerie, und im Stehparterre

setzte Galileo Belotti hinzu:

„Genug mit den Buffonen!“

„Maestro! Maestro!“

Auf der Galerie stampfte es.

„Es ist halb zehn, wir warten eine Stunde“, stellte der Kaufmann Mancafede

fest. Drüben sagte Frau Polli:

„Diese Komödianten machen sich über uns lustig.“

Um ihr gefällig zu sein, pfiff ihr Mann. Darauf pfiff es in allen Winkeln.

„Wir wollen die ‚Arme Tonietta‘!“

„Was liegt mir an der ‚Armen Tonietta‘“, dachten der Advokat Belotti und die

entlobte Rosina Giocondi.

„Maestro! Maestro!“

Plötzlich erschien er in der kleinen Tür unter der Bühne. Man klatschte

ironisch, man machte „Ah!“

Er hielt die Hände ungeschickt vor sich hin, hastete gebückt und war äußerst

bleich.

„Der arme junge Mensch!“ sagten die Damen.

„Die Kanaille!“ dachte er. „Sie weiß nicht, was für eine Stunde sie mir bereitet

hat. Sie treiben ihren Unfug eine Stunde lang, — indes ich hinter einer dunklen

Kulisse stehe und leide wie ein Tier. Dann lassen sie mich kommen, indem sie

pfeifen . . .“

Er kletterte auf seinen Drehbock, klopfte mit dem Stock auf und sah, an den

Spitzen seines Kinnbartes reißend, im Orchester von einem zum andern.

„Nonoggi, man spricht nicht mehr, wenn ich da bin! . . . Herr Zampieri, geben

Sie Obacht auf ihre Quinten!“

„Er wird sich vergreifen, wie gewöhnlich“, dachte der Kapellmeister. „Alle

denken an etwas anderes, diese Aufführung ist unmöglich, warum lege ich den

Stab nicht hin und gehe. Wenn man dieses Publikum ansieht —“

Er mußte sich nach ihm umwenden.

„— für wen hat dann der Maestro Viviani seine Oper geschrieben? Wir sind

wenige, und wir sollten in der Einsamkeit leben. Kein Volk ist, das uns hört . . .

Alfò!“ flüsterte er wild, „wenn du deine Pauke nicht ruhig hältst, weiß ich nicht,

was ich tue!“

Ganz sanft fügte er hinzu:

„Lieber Mandolini, ich empfehle mich Ihnen.“

Er ließ seine Bartspitzen los und breitete die Hand aus. Sie lag in der

Schwebe; auf der anderen Seite schwebte der Stab. Der Kapellmeister hielt den

Atem an; und sein Drehbock schien ihm, inmitten einer ungeheuren Stille, in die

Luft gehoben.

„Es wird nicht gut gehen, es wird noch etwas dazwischen kommen!“

„Die Hymne!“ schrie von der Galerie eine betrunkene Stimme. „Wir wollen

die Hymne!“

„Zur Tür! Zur Tür!“

„Allebardi, Sie werden mich kennen lernen!“ — und der Kapellmeister fuhr

so furchtbar verzerrt vom Sitz, daß der Tapezierer sich, die Augen

niedergeschlagen, mit seinem Bombardon wieder zurechtsetzte.

. . . Und endlich konnte der Stab sich senken.

„Was denn, Präludium!“ murrte Galileo Belotti. „Wir sind gekommen, um zu

sehen!“

Und als werde sein Befehl ausgeführt, ging schon nach zwei Takten der

Vorhang auseinander.

Die Galerie hielt den Atem an. Allmählich wisperte sie.

„Was wollen sie? . . . Sie wollen Wein. Jene beiden vor dem Hause haben gerade geheiratet, und die andern begleiten sie heim . . . Sie singen, wie die

Weiter: Teil 2 von 4