Die kleine Stadt: Roman
Kapitel III
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
Hause bringen. Gut so; mag er sie rasch heiraten, die liebe Kleine, damit sie
ihrer armen Mutter nichts mehr kostet.“
„Beginnen jetzt die Stufen, Beatrice?“
„Ja; und man hat die Treppengasse so schlecht beleuchtet, daß ich kaum mehr
sehe als du. Stütze dich um so fester auf mich, Freund.“
„Es wird besser sein, gnädige Frau, er nimmt meinen“ — und die Haushälterin
drängte ihren Arm zwischen die beiden Alten. „Nehmen Sie, Herr Ortensi!“
Und streng flüsternd:
„Du wirst kein Wort mehr mit ihr sprechen! Den ganzen Abend hast du dich
nur um sie bekümmert.“
Die alte Frau lächelte barmherzig.
„Nur voran, Orlando! Ich bleibe hinter dir.“
Und sie stiegen langsam ins Dunkel.
Der Tabakhändler rief plötzlich:
„Wo ist Olindo?“
Er blieb stehen; die Familien Polli und Giocondi stauten sich in der
Treppengasse.
„Wirst du denn niemals auf deinen Sohn achten, Klothilde?“
Der alte Giocondi machte, den Kopf zurückwerfend: „Eh!“ — und seine
Töchter sahen sich, die Münder herabgezogen, an: auch sie wußten wohl, was
aus einem jungen Manne ward, der zu solcher Stunde abhanden kam.
„Wehe ihm, wenn er heimkommt!“ schloß Polli.
Olindo hörte es hinter dem Vorsprung des Hauses Belotti, und er zitterte.
Dennoch war er, kaum daß die Seinen um die Ecke bogen, in vier Sätzen wieder
oben und drang ins Theater. Gerade hüpfte hinter der erloschenen Rampe der
Barbier Nonoggi umher, verrenkte das Gesicht und knickte unvermittelt in zwei
Teile.
„Wie der Cavaliere! Bravo Nonoggi!“ riefen die Freunde hinauf aus einem
Winkel vorn im halbdunklen Saal und aus dem Dunst, den die Stadt hinterlassen
hatte.
„Auch uns soll man beklatschen! Was wäre die ‚Arme Tonietta‘ ohne uns,
frage ich. Hinauf Allebardi! Blandini hinauf!“
Hinter ihnen schlüpfte Olindo Polli durch die Bühnentür.
„Was habt ihr da auf euren Notenbüchern für Bilder?“ fragten die Freunde.
„Ah! der Allebardi stößt so stark ins Bombardon, daß ihm seine
Tapeziererfedern herausfliegen und die Hühner der Hühnerlucia krepieren. Ah!
die Klarinette des Artilleristen Blandini liegt auf der Lafette, und Nonoggi bläst
seine Flöte vor dem Rasierspiegel. Welche Fratze er schneidet! Ihr seid große
Künstler!“
Der Kapellmeister kam, um seinen Hut zu suchen. Er steckte den Kopf unter
alle Stühle, und wenn er hervorkam, sah man ihn stehen und lächeln.
„Wie, Maestro? Wir haben ihnen gezeigt, was wir können!“ sagte der
Tapezierer.
„Ja, ja, ihr seid sehr brave Leute“ — und der Kapellmeister streifte die Hände
nur und sah niemand an.
„Ich habe alles aus euch herausgeholt, was möglich war.“
Dabei nahm er seinen Hut vom Rande des Souffleurkastens und lief hinaus.
„Wie?“ sagte der Tapezierer und sah den Schneider Chiaralunzi an, der die
Faust auf ein Notenpult fallen ließ.
„Er wird verrückt geworden sein“, meinte Blandini. „Den ganzen Abend
schien er mir seltsam.“
„Hat er nicht auch —?“ fragte Nonoggi und schien sich aus der hohlen Hand
etwas in den Mund zu gießen.
Der Schneider fand Worte.
„Ein böser Mann ist er!“ sagte er schwer. „Ich irrte mich, als ich ihn für einen
guten Mann hielt. Aber ich bin noch rechtzeitig gewarnt worden.“
„Hört den Schneider!“ rief Nonoggi. „Er versteht mehr als der Maestro und
wir. Er wird mich die Pickelflöte blasen lehren.“
„Ein böser Mann,“ wiederholte Chiaralunzi, „mein Tenorhornsolo fand er
nicht gut, und sogar das Fräulein Flora Garlinda hat er beleidigt, indem er ihre
Arie nicht noch einmal gespielt hat.“
„Sogar das Fräulein!“ höhnte der Barbier. „Ein Fräulein zum Lachen. Es heißt,
daß sie in den Schenken gesungen hat. Nehmt sie doch mit, Chiaralunzi, wenn
Ihr mit eurer Bande den Bauern aufspielt!“
Dunkelrot und wortlos holte der Schneider zum Schlagen aus, aber Nonoggi
war entwischt. Er fand den Kapellmeister draußen unter den Steineichen; er
tänzelte mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu.
„Welch Unglück, Maestro, daß ein friedliches Leben mit dem Schneider nicht
möglich ist! Kein Tag, an dem er Euch nicht verleumdet. Ihr sollt getrunken
haben, Ihr sollt niemandem etwas gönnen. Hört Ihrs, Maestro? Sich selbst hält
der Schneider für einen größeren Künstler, als Ihr seid!“
Der Kapellmeister hatte den Hut im Nacken; er lehnte an einem Baum.
„Gut, mein Lieber“, sagte er und lachte sonderbar. „Alles ist gut gegangen; ich
bin zufrieden.“
„Aber der Schneider —“
Der Kapellmeister machte eine Bewegung, die den andern wegschickte. Wie
er den Rücken von dem Stamm hob, schwankte er deutlich.
„Er hat also doch getrunken“, bemerkte der Barbier. „Ich dachte es gar nicht.“
Erstaunt sah er den Kapellmeister die Treppe hinabspringen. Er nahm drei der
breiten Stufen auf einmal und setzte ohne Not über die Prellsteine.
Auf dem schiefen kleinen Platz beim Hause Belotti schöpfte er Atem,
aufgerichtet und das Gesicht zum Himmel gewendet. „Ich habe also ein Volk
gesehen! Das Volk, für das der Maestro Viviani seine Oper geschrieben hat. Ich
wußte es, wir seien nicht allein; ein Volk höre uns! Wir wecken seine Seele, wir
. . . Und es gibt sie uns! Ich weiß jetzt, welche Stimmen, wenn ich komponiere,
mit dem blauen Wind durch mein Zimmer streichen. Es erfindet für uns, dies
Volk, es fühlt und tönt in uns. In der Musik der ‚Armen Tonietta‘ hat es seinen
eigenen Tonfall wiedererkannt, seine Gesten, sein Tempo. Die ungeheure
Wirklichkeit der Klänge und Gesichte übertraf vielleicht, was sie je erlebten. Nie
hatten sie von ihrer Akropolis in ein so gründereiches Land gesehen und sahen
es nie so voll Licht, noch so voll Schrecken. Ein verklärtes Erdengefühl weitete
sie mitten im Drang der Leidenschaften; der Kampf, die Wonne und das Leiden
gingen in die tönende Harmonie ihrer Erde ein. Die singenden Gestalten waren
stärker und reiner als sie, und doch sie selbst. Da waren sie glücklich, Menschen
zu sein. Sie liebten einander. Und wir — und wir —“
„Ein Betrunkener?“ sagte auf dem nächsten Treppenabsatz Frau Camuzzi zu
dem jungen Savezzo. Er zuckte die Achseln.
„Der Maestro: ein Mensch, der an nichts denkt.“
„Aber geben Sie acht, daß mein Mann und der Advokat nichts hören; sie sind
gleich vor uns, hinter der Ecke. Dies muß geheimbleiben, das Interesse einer
unserer ersten Familien verlangt es. Und handelte es sich um Alba allein: ich bin
ihre beste Freundin, — soweit man die Freundin einer armen Kleinen sein kann,
die schon halb Nonne ist. Und nicht einmal vor ihr hat dieser Komödiant Halt
gemacht . . . Denn — wir dürfen nicht hoffen, uns zu irren — er hat sie verführt.
In diesem Augenblick und aufgeklärt durch Sie, Herr Savezzo, weiß ich zu gut,
was es zu bedeuten hatte, wenn er in der ersten Frühe zu einer Stunde, wo noch
niemand und am wenigsten ein fauler Komödiant auf der Straße ist, vom Tor her
in die Stadt zurückkehrte.“
Da sie ihren Begleiter knirschen hörte, führte sie aus:
„Er war jedesmal bleich und sehr in Unordnung; man sah ihm eine Nacht an,
die —, genug: eine Nacht.“
„Was tut das mir“, sagte er zwischen den Zähnen.
„Wie? Haben Sie denn kein Herz? Verstehen Sie nicht, daß Alba gerettet
werden muß und daß Sie sie retten müssen?“
„Ich bin nicht Jesus Christus, den sie heiraten soll.“
„O, mein Herr, Sie lästern . . . Aber wir können es nicht verantworten, ihren
Großvater aufzuklären: es wäre gefährlich für den armen Alten; und Alba zu
warnen, ist unnütz, denn muß sie nicht wahnsinnig sein, wenn sie handelte, wie
sie handelte? Kein Mittel bleibt, als den Komödianten zu beseitigen.“
Sie fühlte, wie der Mann neben ihr mit dem Kopf zuckte, und sie flüsterte
rasch:
„O! mit leichter Hand, ohne Gefahr für sein Leben.“
Darauf schwiegen sie und verlangsamten den Schritt, denn unter ihnen war
der Advokat stehen geblieben. Er wandte Brust und Handfläche seinem Gegner
zu.
„Ich verstehe Sie nicht mehr, Camuzzi, — obwohl ich gewohnt bin, daß Sie
unglaubliche Dinge sagen. Unsere Aufführung war also mittelmäßig und
kleinstädtisch? Gut. Orchester und Chöre schlecht diszipliniert, die Sänger teils
zu jung, teils zu alt? Gut. Und die ‚Arme Tonietta‘ des Maestro Viviani, dieses
Meisterwerk, das dem Genius unserer Rasse die Welt unterworfen hat, es soll
wenig wert sein, Jahrmarktsmusik und Operette? Auch das sei wahr. Aber nun
sagen Sie mir eins: wo bleibt, wenn wir uns nicht rühren, der Verkehr unserer
Stadt, die geistige Wachheit, der Fortschritt?“
Mit erhobener Stirn und offenem Munde erwartete der Advokat die Antwort.
Der andere feixte lautlos.
„Fragen Sie lieber: wo bleibt die Befriedigung des Ehrgeizes einzelner?“
Und der Advokat, nach Luft schnappend:
„Der Ehrgeiz einzelner, mein Herr, ist eine Forderung des öffentlichen
Wohles. Sahen Sie schon je einen Staatsmann groß werden, ohne daß auch sein
Land groß ward?“
Er schrie, daß sogar der Kapellmeister es hörte. Aber der Kapellmeister schob
es mit der Hand fort, und er wiederholte stürmisch:
„Wir, die wir aus dem Reichtum eines Volkes schöpfen dürfen, wie müssen
wir es lieben! Wird es mein Werk als das seine anerkennen? Von dort unten aus
der dunklen Stadt steigen Stimmen: ‚Sieh, Geliebter, unser umblühtes Haus‘ —.
Wird auch meine Oper einst in allen Gassen, auf allen Lippen sein? Werden sie
mich groß nennen, — weil ich sie geliebt habe? . . . Gott, mir schwindelt. Entschuldigen Sie, mein Herr. O gnädige Frau, verzeihen Sie mir!“
„Wie denn, Maestro. Wir lassen Sie vorbei . . . Er scheint nicht vom Wein
berauscht, sondern von seiner Musik, der Arme. Sie aber, Herr Savezzo, haben
weniger Mut, als ich dachte. Wie? Sie wollten nicht um eines guten Zweckes
willen einige Rebstöcke zerbrechen und dem Bauern die Meinung beibringen,
der Komödiant, der sich bei Villascura umhertreibt, sei der Täter? Wie leicht und
wie dankbar für einen Mann von so viel Geist, solchem rohen Menschen den
Arm zu lenken! Er selbst wird nachher nicht wissen, daß Sie es waren; — und
inzwischen hat der Verführer eine Warnung erhalten: o, nichts Ernsthaftes,
unsere Bauern sind zu geschickt, — aber doch genug, um ihn im Augenblick
unschädlich zu machen und ihm für später die Lust zu nehmen nach den
Töchtern unserer ersten Familien. Der Herr, dem Sie eine Magd erhalten, wird es
Ihnen vergelten.“
Er lachte hart.
„Für den Herrn wage ich nicht meine Freiheit; und die Belohnung verlange
ich nicht von ihm, sondern, gnädige Frau, von Ihnen.“
Frau Camuzzi seufzte.
„Ich habe es erwartet, denn ich wußte wohl, welch energischen Charakter Sie
haben. Wenn Alba denn nicht dem himmlischen Gatten gehören soll, ist es
immer noch besser, sie wird die Ihre, als daß jener Landstreicher sie ins Elend
führt. Ich verspreche Ihnen, daß ich für Sie handeln werde, wie Sie für mich. Ich
habe Alba etwas zu sagen, das ihr gegen ihren Liebhaber Haß machen und sie in
die Arme dessen treiben wird, der ihn getötet hat. Zählen Sie auf mich! . . . Und
bleiben wir nicht zu weit zurück! Dieser Narr von Maestro ist mit meinem Mann
und dem Advokaten zusammengestoßen.“
„Es tut nichts“, schrie der Advokat. „Sie dürfen zuhören, Maestro. Wir haben
keine Geheimnisse. Es ist nur eine kleine Abrechnung, die ich mit Freund
Camuzzi halte. Denn, Herr Camuzzi, sehen wir nur genau zu, und wir werden
finden, daß in dieser Stadt keine Neuerung, kein Fortschritt, kein dem Volke zu
leistender Dienst je anders bewirkt worden ist, als gegen Sie und durch mich.
Wer hat sich gegen die Wiederherstellung der Vizinalwege gesträubt und wer sie
durchgesetzt? Wer hat den armen Frauen ihr wohlverdientes Waschhaus
vorenthalten wollen, und wer hat es ihnen verschafft? An die kaum beendeten
Kämpfe um das elektrische Licht und das Theater brauche ich Sie nicht zu
erinnern. Sie waren nie dafür, daß irgend etwas geschähe. Man kann sagen, daß
Sie, Herr Camuzzi, der Geist der Verneinung selbst sind, und ich, der Advokat
Belotti, der Genius der Tat!“
„Aber mein Mann“, sagte droben Frau Camuzzi, „trägt einen besser
gemachten Frack. Finden Sie nicht, daß dieser Advokat etwas sehr Vulgäres hat?“
Savezzo erwiderte:
„Also ich zähle auf Sie, gnädige Frau. Sollte ich aber falsch gezählt haben,“
— und er verschränkte die Arme; sie sah seine Muskeln anschwellen — „dann
würde ich freilich machen, daß der Komödiant alles ausplaudert, was er von den
Damen der Stadt weiß.“
Sie begegnete seinem drohenden Blick leise von unten, indes sie mit dem
Fächer spielte.
„Und auch von den Männern?“ fragte sie sanft. Dann erhob sie mit einem
offenen Lächeln den Kopf.
„Wir verstehen uns, Herr Savezzo, und wenn wir uns niemals mißverstehen,
können wir sehr stark sein. Wer weiß, was aus uns geworden wäre, aus einem
Manne von so großem Talent, aus einer vielleicht nicht ganz gewöhnlichen Frau,
wenn wir anderswo hätten leben können, in einer großen Stadt —“
Er fiel ein:
„— unter Menschen ohne Vorurteile, in einem wütenden Spiel von Interessen
und Leidenschaften. Wem sagen Sie es? Sie treiben vom Grunde meines Daseins
mit einem Hebeldruck alle Bitterkeit herauf. Dort wäre man vielleicht ein
Politiker, der eine Welt in Bewegung setzt, der Liebhaber mächtiger Damen, ein
großer Dichter, durch den das nationale Gewissen spricht. Zu allem fühle ich
mich berufen. Hier gehört man keiner der herrschenden Familien an, und damit
ist man abgetan und zum Neide verdammt auf jeden, der hervorragt.“
„Hier hat man einen Mann, der Gemeindesekretär ist und bleibt. Hier muß
man heucheln: heucheln um sein Vergnügen, heucheln um seinen Schmerz.“
„Ist es vielleicht die Falschheit des ganzen Jahres, die uns heute abend
gegeneinander so offen macht?“
„Oder“, murmelte Frau Camuzzi und drückte, sehr bleich, die Lider zu, damit
die Träne nicht hinausrinne, „ist nicht nur der Maestro durch jene Musik in
Aufruhr gebracht?“
Schweigend stiegen sie die letzten Treppen hinab; drunten fuchtelte der
Advokat.
„Wäre ich die Persönlichkeit geworden, für die alle mich halten, wenn ich
nicht Sie gehabt hätte, Camuzzi? Vielleicht mußte Ihr Widerspruch meinen
schöpferischen Drang anstacheln, damit Waschhaus und Theater, Vizinalwege
und Licht entstehen konnten. Zuweilen denke ich mir: wenn einst der greise
Vertreter unserer politischen Wählerschaft zurücktritt —. Sie verziehen das
Gesicht, Camuzzi, aber der Cavaliere Lanzerotti wird dennoch zurücktreten, und
kann sein, daß das Volk mir selbst die Ehre erweist, mich als seinen Deputierten
in die Hauptstadt zu schicken —: dann, so denke ich mir, wäre es gut, wenn ich auch in der Kammer Sie, Camuzzi, wiederfände; denn Sie würden mich größer
machen . . . Ich sei groß in Worten, sagen Sie? Sie wissen nicht, Freund, was
Begeisterung ist, sonst wären Sie heute abend begeistert!“
Er streckte den Ankommenden die Hände hin.
„Wie gnädige Frau? Bewegung und Tätigkeit, das ist alles, und das lehrt uns
die Musik des Maestro Viviani!“
„Eine Frau kann nicht handeln,“ sagte sie; „und daß ich bei den Komödianten
war, werde ich morgen dem Don Taddeo beichten müssen. Inzwischen werden
die Gewissensbisse mich nicht schlafen lassen.“
„Ich wußte, meine Liebe, daß es so enden würde“, sagte Camuzzi.
„Und der Maestro?“ rief der Advokat die Gasse hinauf. „Wir haben ihn
verloren?“
Der Kapellmeister winkte, bevor er sich von der Rampe losriß, noch einmal in
das Dunkel der Höfe und Häuser hinab, das ihm voll lauschender Atemzüge
schien.
„Ja, ich werde euch wohltun! Durch mich werdet ihr glücklicher werden und
einander lieben. Ein Mädchen, das meine Arie aus einem Fenster singt! Ein
Junge, der mit seinem Korb voll Gipsfiguren durch den Staub zieht und dem eine
Melodie von mir die Straße weniger heiß macht! Werde ich nicht sein wie ein
König, dessen Bild auf allen Münzen, in allen Händen ist? — und dessen Bild
ein Sinnbild des ganzen Volkes ist!“
Er lief die Treppe zu Ende.
„Da wären wir alle beisammen,“ bemerkte der Advokat; „und wenn unser
Theater auch nicht sehr zentral liegt, — der Bau eines neuen städtischen
Theaters hier im Mittelpunkt wird trotz Ihrem Händeringen, Camuzzi, eine
unserer nächsten Aufgaben sein —: so verschafft uns das doch einen
Spaziergang, der hoffentlich allerseits angenehm war.“
„Jeder genießt solchen Spaziergang auf seine Art“, erwiderte Frau Camuzzi.
Sie bestand darauf, nach Hause zu gehen. Vor ihrer Tür trennte man sich. Wie
der Advokat mit Savezzo und dem Kapellmeister zu der bewegten Versammlung
beim Café „zum Fortschritt“ stoßen wollte, sah er aus der Treppengasse Flora
Garlinda biegen. Sofort entschuldigte er sich und eilte ihr durch das festliche
Gedränge entgegen. Sie kam seinen Komplimenten zuvor.
„Ah! Advokat, Sie sind ein Mann, auf den man sich verlassen kann, Sie
wollen mir Ihre Rezension vorlesen . . . Wie? Sie haben sie noch nicht
geschrieben? Sie haben die Zeit verschwatzt, gleich all dem Volk hier?“
Da er stammelte:
„Ach, Herr Advokat, ich habe Sie in meiner Einbildung so hochgestellt, daß
Sie vielleicht Mühe haben werden, sich dort zu behaupten . . . Treten wir unter
die Rathausbogen: es ist schattig darin, und ich hasse das Girren dieser Geputzten, ihr nutzloses Umhertreiben . . . Sagen Sie mir also, was Sie schreiben
werden!“
Und obwohl er beteuerte, er müsse sich in der Muße seines Kabinetts darauf
vorbereiten:
„Sie werden mit Recht das meiste über den Cavaliere sagen. Er ist berühmt;
seine Kunst ist zweifellos die größte und seine Stimme die glänzendste.
Vergessen Sie das nicht, Herr Advokat! Für Gaddi ist das Lob nicht zu viel, daß
er sich seit zehn Jahren auf der Höhe seines Könnens befindet.“
„Dieses Lob erregt nirgends Neugier“, dachte sie und streifte mit einem
feinen, hellen Blick den Advokaten, der leise keuchend die Lippen bewegte, als
lernte er ihre Worte auswendig.
„Was Italia angeht, stellen Sie zu ihrem Ruhme fest, daß das Publikum,
geblendet durch ihre Erscheinung, die Streichung ihrer beiden Arien nicht
einmal bemerkt hat. Der arme Nello sodann bietet Ihnen Gelegenheit, Ihre Leser
als Menschen zu rühren: ist er doch, weil er die Anstrengung des Singens nicht
erträgt, in eine schwere Ohnmacht gefallen. Der Maestro —“
„Ich erwähne ihn gar nicht“ — und der Advokat spreizte voll Eifer die Hand.
Er dachte: „Sie wird mich nicht umsonst bis hierher geführt haben: ich wußte es“
— und er trat ihr voran in den ganz dunkeln Hof des Rathauses.
Die Primadonna sagte:
„Das geht nicht. Sagen Sie, er sei trotz seinem Mangel an regelmäßiger
Vorbildung, also sozusagen als Dilettant, überraschend gut gewesen, so daß das
Publikum nicht nur aus Lokalpatriotismus der Freundlichkeit der Hauptdarsteller
zustimmte, die bei Empfang des Beifalls auch den Maestro in ihrer Mitte sehen
wollten.“
„Aber das ist ja beinahe gerecht!“ rief der Advokat. „Ich bewundere Sie
immer mehr. Und von Ihnen selbst —“
„O! nur wenig. Aber schließen Sie mit mir!“
„Ich werde sagen, daß Flora Garlinda ein Stern ist, der vorläufig nur erst über
den Dächern unserer kleinen Stadt leuchtet. Bald aber geht er über denen der
Hauptstadt auf, ja über denen von Paris, London und New York!“
„Sie haben Talent, Advokat.“
„Ich setze hinzu, daß ich lieber schweigen würde, um Sie nicht zu rasch zu
verlieren. Aber die Wahrheit drängt ans Licht.“
Die Hand auf dem Herzen, tat er einen Schritt. Sie wich einen zurück.
„Und da Sie das im Ernst meinen, Herr Advokat, habe ich Ihnen nicht zu
danken. Männer wie Sie wären beleidigt, wenn man täte, als erwiesen sie Gunst,
wo sie nur gerecht sind.“
„Wie wir uns verstehen!“ — und heftig schnaufend trat er noch einmal vor. Sie bog sich weg, bis ihr Rücken die Mauer berührte. Links und rechts hatte sie
seine gerundeten Arme. Ihre Hände staken in den Taschen ihres Staubmantels,
die Schultern hielt sie hochgezogen, als ob es sie fröre; — aber mit ruhiger,
warmer Stimme sprach sie zu ihm:
„So habe ich auch keinen Augenblick den Verdacht gehegt, Sie seien wie die
andern Mächtigen, die sich von der Frau für das belohnen lassen, was sie für die
Künstlerin tun. Wissen Sie doch selbst um den großen Ehrgeiz und die
ungeheuren Pflichten, die das Talent uns auferlegt. Ich kenne Sie, Advokat: Sie
würden durch die Demütigung einer Frau, die ihresgleichen ist, auch sich
gedemütigt fühlen.“
„Wie wahr!“ sagte er erstickt, „das ist meine Art zu denken; Sie lehren sie
mich erst richtig kennen.“
„Man kann nicht oft so zu einem Menschen sprechen. Nehmen Sie diese
Hand, mein Freund!“
Der Advokat entfernte die seine vom Augenwinkel, den er gedrückt hatte.
„Ich danke Ihnen für Ihre Worte, Fräulein Flora Garlinda, und ich darf
behaupten, daß ich sie verdiene.“
Er hob ihre Hand zwischen den seinen auf und ließ sie nachdrücklich wieder
hinunter.
„Sie tun mir weh, Herr Advokat.“
„O Verzeihung!“ — und er sank tief zusammen, um ihre Fingerspitzen zu
küssen. Darauf trat er mit einer großen Gebärde beiseite. Sie ging vorüber, den
Kopf schief, mit einem leisen, unbestimmbaren Lächeln aus dem Profil.
„Eine so große Künstlerin“, murmelte er unter dem Schauer, womit seine
eigene Ritterlichkeit ihn überzog.
„Sie, Herr Advokat, wären einer größeren würdig“, sagte Flora Garlinda und
gelangte mit einem letzten, rascheren Schritt über die Schwelle.
„Da sind sie,“ sagte Nello Gennari, „ich will sie holen.“
Er verließ hastig den Tisch, tat, als trachtete er auf dem Umwege um mehrere
Gruppen mit der Primadonna und ihrem Begleiter zusammenzutreffen, verfehlte
sie aber und schlüpfte plötzlich selbst in den Rathaushof.
„Würde man glauben,“ — und der Apotheker Acquistapace lächelte, vor
Bewunderung starr, in die Runde, „daß dort eine so große Künstlerin kommt?“
Der Herr Giocondi entgegnete und verzog diskret die Lippe:
„Tatsache ist, daß sie mit aufgestecktem Haar nach nichts aussieht.“
„Sie hat eine schöne Hand“, meinte der junge Savezzo und zeigte die eigene
umher mit allen ihren abgerissenen Nägeln. Italia erklärte rasch noch:
„Wenn man immer die vier Finger in der Mitte teilt, wird jede Hand schön.“
Dabei lächelte sie schon für die Ankommende. Von der andern Seite traf
Camuzzi ein, schlank und elegant in einem neuen Herbstmantel mit enger Taille.
Savezzo musterte ihn mit düster leidender Miene und sagte dem Sekretär voraus,
daß er schwitzen und sich erkälten werde. Der Advokat lobte vielmehr Camuzzi,
weil er dem einheimischen Handwerk zu verdienen gebe. Polli stellte fest:
„Tatsache ist, daß wir alle — kurz, wir haben uns verändert. Entweder irre ich
mich, oder sogar dein Bruder, Advokat —“ und er nickte nach dem Nebentisch,
wo Galileo Belotti und der Baron Torroni mit den Pächtern eine lärmende
Unterhaltung führten: „ja doch, er hat eine andere als seine Arbeitshose an.“
„Und was die Frauen betrifft“, begann der Leutnant Cantinelli. Der Advokat
unterbrach ihn:
„Und warum haben wir uns verändert, meine Herren? Weil wir durch unser
Theater endlich ein wenig Bewegung in die Stadt bekommen haben. Daher Ihr
neuer Mantel, Herr Camuzzi, mit dem Sie selbst für meine Ansicht kämpfen;
daher die neue Blüte unseres öffentlichen Lebens!“
Er rundete die Arme, als wollte er den weiß beleuchteten, vollen und
schwatzenden Platz damit umfangen.
„Nie sah man so viele Frauen mit Hüten!“ rief der Apotheker.
„Freilich sagen die beiden Fräulein Pernici,“ begann der Leutnant wieder,
„daß einige Hüte nicht von ihnen bezogen und darum nicht schön seien.“
Jeder nannte, ohne den andern zu hören, die Frau, die ihm am besten
angezogen schien. Hinter den Bürgern, an der Mauer, fragte Flora Garlinda den
Kapellmeister:
„Und Sie, Maestro? Denken Sie an Ihren Ruhm, den die ‚Glocke des Volkes‘
verbreiten wird? Denn Sie haben es so einzurichten gewußt, daß neben Ihnen wir
andern heute abend ganz verschwanden.“
Und er, mit weichem Lächeln:
„Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich Ihnen gegen meinen Willen weh getan
habe. Ich weiß nicht, was andere denken, was andere fühlen: für mich hat es
heute nur eine gegeben, nur eine, bei der Schönheit und Größe waren. Flora
Garlinda, die falsche Scham sollte uns nicht hindern, die Wahrheit zu sagen . . .“
Seine blauen Augen glänzten feucht in seinem rosig bewölkten Gesicht. Sie
musterte ihn kalt.
„Es war ein großer Abend“, stammelte er. „Vielleicht waren wir alle nur dazu
da, Sie noch größer zu machen. Aber auch ich habe gelebt heute abend, und ich
danke allen dafür —“
Mit einer zitternden Geste:
„Allen.“
Sie sah, die Mundwinkel gesenkt, düster weg.
„Auch noch danken“, murmelte sie. „Ich hasse alle, weil ich sie nicht einfach
verachten kann. Ich hasse sie, und ich — liebe sie. Vielleicht möchte ich, daß sie
mir zujubeln und daran ersticken. Danken? Bilden Sie sich ein, daß, was
geschieht, um Ihren Dank geschieht? Fühlen Sie nicht, wie alles böse und
gefährlich ist?“
Sie zuckte die Achseln und drehte ihm den Rücken.
„Den schönsten Hut“ — und der Advokat verbeugte sich mit Wucht nach dem
Tisch zur Linken, „ah! nur Frau Aida Paradisi hat ihn.“
Die beiden Töchter lugten unter der weiten schwarzen Spitzenwolke hervor,
die über dem Haupte der Mutter schwebte, und auch der Kaufmann Mancafede
zeigte sich darunter. Er erhob ein Glas Punsch und schlug vor, die Tische
zusammenzurücken. Es geschah; und sogleich fragten die Damen nach dem
Tenor Nello Gennari. Man suchte ihn vergeblich.
„Aber ist es zu glauben,“ sagte der Advokat, „daß dort hinten eine Nonne
umherstreicht? Nach Mitternacht noch sind diese heiligen Unterröcke
unterwegs! Sollte man nicht der kirchlichen Behörde einen Wink geben?“
„Er ist so zart, der arme junge Mensch“ — Mama Paradisi wand sich nach
allen Seiten, um ihrer Stimme den delikatesten Fall zu geben. „Sein Unwohlsein
von vorhin wird er noch spüren; und vielleicht verträgt er auch die Nachtluft
nicht.“
Der junge Savezzo verfolgte unter gewulsteten Brauen den Zipfel einer
weißen Flügelhaube, der aus dem Schatten des Bogenganges hervorhuschte und
wieder darin verschwand. Wie der schöne Alfò mit Kaffeegeschirr vorüberlief,
hielt Savezzo ihn an.
„Alfò,“ raunte er, „man nimmt dir die Alba weg.“
Der Sohn des Caféwirtes lächelte glücklich.
„Die schöne Alba, ich werde sie heiraten.“
„Bist du so gewiß, daß sie dich liebt?“
„Warum kommt sie sonst täglich zur Messe? Nur um hier vorüberzugehen und
mich anzusehen.“
„Aber seit einer Woche kommt sie nicht mehr.“
„Sie kommt nicht mehr,“ — und die Augen des jungen Mannes strahlten vor
Eitelkeit — „weil sie mit mir schmollt; denn das letztemal habe ich versäumt, sie
anzusehen, weil ich den Wein aufwischte, den der Schlächter Cimabue
verschüttet hatte. Im Mai aber bin ich zwanzig Jahre alt und heirate sie, sie mag
ruhig sein.“
„Alfò, man verführt dir die Alba. Es ist der jüngste der Komödianten, jener
Tenor, der sie dir verführt.“
Alfò schüttelte glucksend den Kopf.
„Du glaubst mir nicht?“ sagte der Savezzo. „Ich habe es gesehen. Der
Komödiant ist heute in Ohnmacht gefallen, weil er alle Nächte, verstehst du, dort
draußen verbringt.“
Das Lächeln des schönen Alfò ward nachdenklich. Plötzlich fletschte er die
Zähne.
„Wo ist der Komödiant?“ — und er griff unter schnarchenden Lauten in die
Hosentasche. Der Savezzo zog ihm die Hand heraus.
„Wenn er da wäre, hätte ich nicht mit dir gesprochen; denn ich will nicht, daß
ein Unglück geschieht. Auch kann ich mich irren. Vielleicht hat er sie noch nicht
verführt, deine Alba. Nötigenfalls werde ich dich warnen, ja, ich werde dir die
beiden zeigen. Aber du mußt versprechen, vernünftig zu sein.“
Der schöne Alfò lächelte wieder vollkommen glücklich.
„Wie sie mich liebt, die Alba!“
Ein Jubelgeschrei erhob sich. Über allen Häuptern erschien in den Händen des
Gevatters Achille ein Tablett mit drei Flaschen Asti. Unbemerkt hatte der
Apotheker sie bestellt. Der Herr Giocondi ließ sich von ihm einschenken und
erklärte:
„Da deine Frau dich nicht mit Asti empfangen wird, ist es gut, wir trinken ihn
jetzt.“
„Welch glänzendes Leben wir führen!“ rief der Advokat. „Wer das alles noch
vor acht Tagen vorhergesagt hätte! Auf taghell erleuchtetem Platz stoßen wir mit
schönen, prachtvoll geschmückten Frauen an, und um uns her bewegt sich eine
Gesellschaft, auf die manche bedeutende Stadt stolz wäre. Unsere alten
Monumente sehen sich mit Staunen verjüngt durch die Wogen des Verkehrs, die
sie umfluten; das Blut pulst heftig in den Adern unserer Stadt; und wehe dem
—“
Er stieß den Arm nach dem Dom aus.
„— der es wagen wollte, den Fortschritt aufzuhalten.“
Auch die andern waren in diesem festlichen Augenblick der Zuversicht, daß
Don Taddeo den Eimer werde herausgeben müssen. Camuzzi allein äußerte
Zweifel. Der Mittelstand sei unzufrieden, er drohe die Reihen der klerikalen
Opposition zu verstärken. In all dem Glanz erweitere sich, setzte der Sekretär
hinzu, ein dunkler Fleck. Niemand hörte auf ihn; der Apotheker schwenkte sein
Glas vor der Primadonna.
„Es lebe die ‚Arme Tonietta‘! Ich glaubte immer, solch einen Tag würde ich
nicht wieder sehen; denn dies ist ein Tag wie zu Zeiten Garibaldis. Der Advokat
hat recht: wir sind hier in einer kleinen Stadt, aber was für große Dinge erleben
wir!“
Man trank einander zu; man trank den Pächtern nebenan zu. Galileo Belotti
und der Baron Torroni kamen mit ihren Gläsern und forderten die Damen auf,
auch ihnen und ihrer Gesellschaft die Ehre eines Besuches zu geben. Italia war
eben dabei, dem Apotheker zu schwören, daß sie keinen Fuß in die
Unterpräfektur setzen werde. Galileo zog sie, unter Kratzfüßen, am Arm. Sie
folgte; aber bei jedem Schritt kitzelte sie mit den Augen den Apotheker, der sich
rötete.
Der Kapellmeister bemerkte plötzlich, daß zu seiner Linken der Cavaliere
Giordano mit hängender Lippe und Falten auf der Brust teilnahmslos
hinausstarrte. Er mußte den Alten anstoßen, damit er aufhorchte.
„Ihre Leistung war schön, Cavaliere,“ sagte er warm; „sie war ergreifend: ich
danke Ihnen.“
Der alte Sänger bewegte mit einem müde spottenden Lächeln die Hand.
„Ich hätte es nicht tun sollen“, sagte er.
„Aber Sie sind ein großer Künstler!“ sagte der Kapellmeister erschreckend.
„Wenn es Abende gibt, an denen Sie sich nicht ganz auf Ihrer gewohnten Höhe
fühlen —“
Der berühmte Tenor legte ihm die Hand auf den Arm.
„Sie sind ein guter junger Mann, Dorlenghi; Sie haben Mitleid mit mir.
Glauben Sie aber nicht, daß ich zu jeder Stunde in Unwissenheit darüber bin,
wie es mit mir steht! Morgen werde ich zweifellos mich dieser Worte nicht mehr
erinnern und wieder auftreten. Was kann man tun.“
Der Kapellmeister sah auf seine Knie; er wagte nicht zu atmen. Der Cavaliere
Giordano hob mehrmals die Schultern; dann griff er nach seinem Glas. Als es
leer war, richtete er sich auf und lachte gewaltsam.
„Ich rede Dummheiten: Sie werden es bemerkt haben, Maestro, und sie
hoffentlich vergessen. Wie Sie selbst wissen, hat man schlechte Abende, und ich
hatte sie schon vor dreißig Jahren. Was beweist das? Und selbst wenn man sich
eine Zeitlang zum Singen nicht disponiert fühlt, bleibt man darum etwa nicht
Mann? Gewisse Frauenblicke geben mir zu verstehen, daß ich noch heute einem
Jüngeren gefährlich werden könnte. Sie machen große Augen, Maestro: Sie
haben Grund dazu.“
„Was für eine Frechheit!“ schrie der Apotheker mit einem mächtigen Schlag
zwischen die Gläser. „Dieser Bauernlümmel untersteht sich, das Fräulein Italia
auf den Hals zu küssen!“
„Was denn, Bauernlümmel!“ keifte Galileo Belotti und trat ihm watschelnd
entgegen. „Versteht sich, wir sind weder Gecken noch Schwätzer, aber wir haben
Fäuste, wir!“
Seine ländlichen Freunde bestätigten dies.
„Wir werden sehen!“ rief der Apotheker und stapfte auf seinem Holzbein der
feindlichen Schlachtreihe entgegen . . .
Der Cavaliere Giordano kicherte.
„Sie sollten sich hüten, Maestro. Ihre kleine Rina: ich bin ihr in diesen Tagen
öfter begegnet, und es ist nicht sicher —. Sie hat mir gestanden, daß Sie sie
vernachlässigen, und versteht sich, daß ich mich daran gemacht habe, sie zu
trösten. Das Kind ist schüchtern; dennoch scheint es, daß die Liebe zu mir im
Werden ist; und wenn nun Sie, Dorlenghi —“
Ein Krach: mehrere Stühle waren umgefallen, und Galileo Belotti kugelte
sich, vom Apotheker hingestreckt, im Staube. Die Pächter drangen auf den alten
Krieger ein. Er brüllte, während er um sich stieß, vor Wut, denn einer von ihnen
lud dort hinten Italia, die kreischte, auf seinen Wagen! Der Baron Torroni kam,
vom Wein brandrot, dazwischen: sie gehöre ihm, er sei ein Herr.
„Was denn Herr“, keifte Galileo Belotti zwischen den Beinen der Kämpfenden
hervor.
„Seht ihr nicht? Das ist der Conte Tancredi mit der ‚Armen Tonietta‘!“
keuchte der Advokat in den Lärm. Alle Bürger hatten die Arme in der Luft und
feuerten den Apotheker an. Mama Paradisi flüchtete kreischend mit ihren
Töchtern; der Gemeindesekretär brachte seinen neuen Mantel in Sicherheit; in
weitem Umkreise zogen sich die nächtlichen Spaziergänger zurück; die
streitenden Pächter benutzten die Gelegenheit, ohne Zahlung zu verschwinden;
— da ging, festen Schrittes und eine Hand in der Hosentasche, der Bariton
Gaddi auf die beiden Bewerber Italias los, stieß den Edelmann und den Bauern
vor die Brust, daß sie hintenüber in den Wagen fielen, und hieb auf das Pferd
ein. Dann führte er, ohne sich umzusehen, Italia, die in die Hände weinte, durch
die Gasse der Hühnerlucia von dannen.
„Lassen Sie doch jene Leute!“ — und der Cavaliere Giordano stieß den
Kapellmeister an. „Unsere Angelegenheit ist wichtiger. Die Kleine würde mich
gewiß lieben, wenn Sie, Dorlenghi —“
Der Alte murmelte etwas dazwischen; durch das Pergament seiner Wangen
drang ein wenig Rot, schön rund und kirschenfarben, wie frisch geschminkt.
„— wenn Sie ihr sagen wollten, daß sie — frei ist, daß sie sich ohne Furcht,
die arme Kleine, ihrer Neigung zu mir hingeben darf.“
Er schielte angstvoll auf den jungen Mann hinunter, der die Lider nicht
aufschlug und stumm schluckte. Plötzlich stand der Kapellmeister auf, drückte
dem Sänger, immer ohne ihn anzusehen, die Hand und entfernte sich schnell.
„Welch häßlicher Zwischenfall,“ sagte der Advokat Belotti; „wir werden uns hüten, der ‚Glocke des Volkes‘ darüber zu berichten. Solche Dinge, sagen wir
nur die Wahrheit! — können in jeder Stadt vorkommen. Überall gibt es immer
noch schlecht erzogene Leute; um so schlimmer, wenn man in seiner eigenen
Familie —“
„Ich habe so gut gelacht,“ sagte Flora Garlinda; „es war so unterhaltend.“
„Wie? Aber man hat die Achtung vor Ihrem Geschlecht verletzt!“
Sie warf die Lippe auf.
„Ich freue mich, wenn ich es sehe. Ich selbst verlange nicht darum Achtung,
weil ich eine Frau bin, und ich hasse die Weiber.“
„Aber es war gefährlich! Jene Bauern tragen Messer!“
„Warum haben sie sie nicht gezogen? Wie unterhaltend es gewesen wäre!
Wozu nützen alle diese Leute! Was können sie? Sie hätten einander einmal
stechen sollen, das wäre das beste gewesen, was sie je getan hätten.“
Die Mienen des Advokaten, des Tabakhändlers und des Herrn Giocondi
trugen entsetzte Mißbilligung. Gleichzeitig rafften alle drei sich zurecht, griffen
nach den Gläsern und stießen sie auf dem Tisch zusammen.
„Auf die Gesundheit!“ sagten sie kräftig.
Während sie tranken, erlosch die Bogenlampe; — und plötzlich, wie aus dem
Schatten geboren, stand auf dem leeren Platz inmitten des seltsam scharfen
Geplätschers vom Brunnen ein kleiner Uralter und zog mit einer klapprigen
Verbeugung seinen randlosen Hut von fern vor dem Cavaliere Giordano — und
dann noch einmal vor Flora Garlinda. In einem wankenden Tänzeln näherte er
sich; sein winziges Gesicht lächelte aus allen Runzeln, die glanzlosen Augen
versuchten eine stumpfe Schelmerei; — und wie er beim Tisch anlangte, legte er
die Hand aufs Herz und öffnete, ohne daß ein Laut entstand, einen weiten,
dunklen Mund, der das Gesicht zu verschlingen schien. Der Advokat bemerkte,
wie die Primadonna zurückschrak, und wendete sich um.
„Ah! da ist Brabrà. Keine Furcht: es ist ein harmloser Verrückter, seit dreißig
Jahren ernährt ihn der Herr Nardini in Villascura. Man hat nie erfahren, wie er zu
uns geraten ist. Sage den Herrschaften deinen Namen, Brabrà! Denn Sie müssen
wissen, daß dies der einzige Laut ist, den er je von sich gibt. Sage Brabrà!“
Statt dessen kam aus dem gereckten Hals, woran lange, schlaffe
Sehnenstränge schaukelten, ein feiner Fistelton: ein Ton, wie von einem Kinde,
das schwärmt und singen möchte.
„Was fällt ihm ein“, sagte der Advokat. „So hat er noch nie getan. Was will
er?“
„Auch ich —“ sagte eine erloschene Stimme; und der kleine Greis tastete sich
immerfort, mit Fingern aus lauter schwarzen Hautringen, über Brust und Hals.
„Auch ich —“
Polli vermutete:
„Er war im Theater: das scheint ihm geschadet zu haben.“
„Ah!“ machte der Advokat; und in der Erinnerung an das Benehmen des
Verrückten, der die Huldigung der Menge von ihm abgelenkt und, als parodierte
er ihn, das Volk gegrüßt hatte, ließ er ihn streng an:
„Was tatest du im Theater, Brabrà?“
„Theater!“ — und der Greis zuckte auf. Mit den Fingern am Hals: „Auch ich
. . . Theater . . .“
Der Cavaliere Giordano erkannte:
„Er will sagen, der arme Teufel, daß er früher einmal gespielt hat. Wie hießest
du denn damals, mein Freund?“ fragte er mit Wohlwollen und großer
Überlegenheit. Der Uralte schloß die Lider, erhob tastend die Hand; und alle
seine Runzeln, die Faltensäcke, zwischen denen der Mund verschwand, sein
ganzes eingeschrumpftes Gesicht stand angstvoll still. Auf einmal öffnete es
sich, begann zu arbeiten, den Augen entstieg eine schwache Flamme, und der
Mund kam herauf, um zu sagen:
„Der Montereali.“
Der Cavaliere Giordano lehnte sich zurück.
„Der Montereali — es ist lange, daß ich den Namen nicht mehr gehört habe.
Der Montereali“, erklärte er dem Advokaten, „war, als ich anfing, nicht mehr auf
der Höhe, aber man sagte, daß er große Zeiten gehabt habe. Seit mehr als dreißig
Jahren ist er tot.“
„Der Montereali“, wiederholte der Uralte und deutete sich zitternd auf die
Brust.
„Auf was für Dinge die Verrückten verfallen!“ bemerkte der Advokat. Der
Herr Giocondi sagte:
„Er ist gut aufgelegt. Bravo, Brabrà!“
Der zahnlose Mund stand wieder schwarz offen. Der Cavaliere Giordano legte
die Hand ans Ohr.
„Er singt etwas: ja, eine Melodie, die ich — vielleicht — gekannt habe.
Welche Oper war doch das? Welche — Oper —“
Plötzlich hörte man Flora Garlinda laut auflachen. Alle fuhren herum: sie lag
mit den Armen auf dem Tisch und schrie gellend. Ihr schmaler Körper ward
geschüttelt, aus dem bläulichen Gesicht traten die Adern. Man versuchte
umsonst, ihre Finger vom Rande des Tisches loszumachen: ihr Blick, voll der
Verlassenheit einer nie gesehenen Angst, schreckte die Helfer zurück, und sie
lachte . . . Wie der Advokat sich die Stirne trocknete, erschien in der Gasse der
Hühnerlucia der Schneider Chiaralunzi.
„Das Fräulein ist nicht nach Hause gekommen“, sagte er. „Wo ist denn das Fräulein Flora Gar —“
Da stockte sein Schritt, die Farbe verließ sein Gesicht, seine großen Hände
schlotterten.
„Ich habe ihre Stimme nicht erkannt“, sagte er. „Wie ist das möglich?“
Kaum berührte er ihre Hände, und sie lösten sich. Sie ließ sich von ihm
aufheben; er führte und trug sie, und dabei wiederholte er:
„Das Fräulein verzeihe die Freiheit, die ich mir nehme.“
Polli, Giocondi und der Advokat sahen einander an.
„Teufel, man weiß nie, mit diesen Künstlern. Sie scheinen in bester Laune,
und dann auf einmal machen sie solche Sachen . . . Es wird vielleicht besser
sein, nicht darüber zu reden? Wer weiß, was die Leute vermuten, wenn man
dabei war . . . Hoffen wir nur, daß sie niemand aufgeweckt hat . . . Das ist sicher:
die Unsichtbare hat einen guten Abend gehabt . . . Freund Acquistapace ist
längst bei seiner Frau: er wird seine schwere Stunde überstanden haben . . . Gute
Nacht, Cavaliere. Sie bleiben also sitzen? Es ist ein Uhr. Ah! wer wie diese
Künstler am Morgen schlafen könnte.“
Der Advokat kehrte nochmals um; er stellte sich dem kleinen Uralten
gegenüber, der nun wieder allein inmitten des Platzes sein Grüßen und Lächeln
übte, und sprach zu ihm mild, aber bestimmt:
„Das nächste Mal, Brabrà, wirst du dir eine Art Verrücktheit aussuchen, die
den Leuten weniger auf die Nerven geht. Auch die Verrücktheit, Brabrà, läßt
sich regeln und organisieren. Du hast heute abend einen häßlichen Epilog an ein
schönes bürgerliches Fest gehängt. Aber die Tatsache, daß du verrückt bist,
bedenke dies wohl, Brabrà, gibt dir noch nicht das Recht, ein schlechter Bürger
zu sein.“
Da der Uralte, als sei nichts geschehen, weiterdienerte, verlor der Advokat die
Geduld, nahm ihn beim Kragen und beförderte auch ihn in die Gasse der
Hühnerlucia.
Der Gevatter Achille kam aus seiner Tür, um dem Cavaliere Giordano am
vereinsamten Tisch gute Nacht zu wünschen und ihn um Verzeihung zu bitten,
wenn er jetzt sein Lokal schließe. Der Platz lag dunkel und leer. In seinem
tiefsten Schatten, am Hause des Kaufmannes Mancafede, regte ein halboffener
Fensterladen sich, zitterte ein wenig und begann sich zu senken. Aber dahinten
aus der Nacht des Rathaushofes kam ein Schritt: — und der Laden am Hause
Mancafede blieb stehen.
Nello Gennari hielt, den Kopf gesenkt, unter dem Torbogen an: da flüsterte
etwas Weißes, das fortflatterte:
„Ihr sollt sogleich ins Theater zurückkehren und —“
Er hörte nicht mehr. Eine kleine Nonne wendete sich nach ihm um, sie lief
noch einmal ganz nahe vorüber.
„— und singen. Man wird Euch hören.“
„Die Äbtissin?“ fragte er und langte nach der Erscheinung. Aber sie flog
schon die Treppengasse hinan. Er lief hinterdrein, die Arme erhoben. Die Füße
schienen ihm in Erde einzusinken, und doch hieß es nun in den Himmel folgen!
Er merkte nicht, daß er über lagernde Ziegen fiel. Die Zähne klapperten ihm, er
dachte wirr: „Alba ist gekommen, sie wartet auf mich. Werde ich sterben
müssen, wenn ich singe: ‚Die kostbare Nacht‘? Sie kostet vielleicht das Leben,
die kostbare Nacht. Die Äbtissin entscheidet nun. Wie immer du entscheidest:
Alba, ich bin dein!“
Der Satz über die letzten Stufen fühlte sich an wie ein Flug. Er sah sich auf
der weiten Terrasse vor dem Palast; die Nonne war fort. „Habe ich geträumt?
Wie sollte zu dieser Stunde Alba herkommen; was weiß sie von mir? Jemand
verhöhnt mich.“ Da drückte er die Augen zu und stürzte hinein.
Die Gänge waren nicht ganz dunkel; und zwei Kerzen in Laternen an den
Kulissen sandten eine schwachrote Bahn zwischen den getürmten Schatten von
Saal und Bühne, die Rampe entlang. Nello Gennari betrat, die Hände um die
Schläfen, in zwei stürzenden Schritten die Bühne und schüttelte sich ganz. Die
Töne versagten ihm, sein Atem flog. Er zügelte ihn, um hervorzubringen:
„Die Nacht wollen wir genießen, sie kostet vielleicht das Leben, die kostbare
Nacht!“
Er gelangte, stockenden Schrittes, bis in die Lichtbahn vor der Rampe und
erhob, die Handflächen hingewendet wie ein zum Sterben Bereiteter, den Blick.
Das Dunkel droben war undurchdringlich. Zwischen ihren beiden schlanken
Säulchen deuchte ihm jene Loge dort, die dritte rechts, schwärzer als alle: eine
Galerie von Nächten, hindurchgeleitet durch Rätsel voll Grauen und voll
Entzücken.
Er wiederholte, den Kopf in den Nacken gebogen: „Die kostbare Nacht“; und
wie er die letzte Note aushielt, fühlte er eine Hand an der Kehle. Sie würgte ihn,
weich und stark. „Die Äbtissin“, dachte er und schloß die Augen. „Sie ist es, ich
sterbe . . . Und soll dich nicht sehen, Alba?“ Als er aber die Lider voneinander
löste, entschwebten droben der Finsternis zwei kleine weiße Hände, die lautlos
applaudierten. „Das ist das Glück: jetzt weiß ich, daß es mir bestimmt ist!“ —
und Nello sank auf die Knie.
Kniend sang er: „Sieh, Geliebte, unser umblühtes Haus heißt uns blühen!“ —
und fühlte die Töne seiner Brust entströmen, wie die unerschöpflichen Fluten
des Glücks. Das Ohr geneigt, erwartete er den Einsatz seiner Partnerin. „Ihre Stimme! Ihre Stimme!“ Da fielen auf seine Hände Blumen. Gleich darauf ging
eine Tür. Er sprang auf, stürzte hinaus und erreichte die Treppe früh genug, um
sie zu versperren. Leichte Schritte liefen ganz oben ein paar Stufen herab, wieder
zurück, und enteilten. Er war hinterher. Um eine Ecke flatterte eine Rockfalte.
Unter der Tür eines Zimmers erkannte er die dunkel fliehende Gestalt. Dort
hinten, wo eine lange Galerie in Schatten zusammenfiel, spreizte eine unsicher
schimmernde Hand sich beschwörend rückwärts. Durch die himmelhohen
Fenster eines Saales warf sich, zwischen zwei Wolken, die es überjagten, ein
kleines angstvolles Sternenlicht auf einen eingesunkenen Thron, zersprungene
Bilder und ein weißes Profil, das dahingleitend in einem Schrei ohne Laut den
Mund aufriß. Den Augen des Verfolgers entstürzten Tränen; vor Tränen sah er
die nicht, die dicht vor ihm laut atmete, strauchelte, ein Fenster aufriß. Er blieb
stehen, er erhob langsam die gefalteten Hände. Seine Augen, die sich
entschleierten, trafen den Schatten unter ihren Brauen. Einander gegenüber,
schwiegen sie und blieben reglos. Sie hielt die Arme über die Gitterschranke des
bis zum Boden offenen Fensters gebreitet. Der Umriß ihres Kopfes zerging in
dunkler Luft. Ein Wasser rauschte, vom Felsen hinter ihr, in große Tiefe.
Aus einer jagenden Wolke glitt wieder jener Sternenschein, da sagte Alba:
„Du hast geweint.“
„Denn ich mußte dich ängstigen“, sagte Nello. „Aber wenn ich jetzt nicht bis
zu dir drang, wars aus. Verstehst du, was das heißt?“
„Ich weiß alles.“
„Alba!“
Sogleich riß er den Fuß wieder zurück: ihr Nacken lag weit draußen, sie rief:
„Rühre mich nicht an!“
Schaudernde Stille; — und dann, unmerklich zuerst, sank sie nach vorn,
seinen Armen entgegen.