Die kleine Stadt: Roman

Heinrich Mann · Kapitel 4 von 4 · Teil 1/5

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Die kleine Stadt: Roman

Kapitel V

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 5 Teile geteilt.

 

Der Gemeindesekretär trat an den Tisch vor dem Café „zum Fortschritt.“

„Die Herren wissen noch nicht die Neuigkeit? . . . Ich sage sie Ihnen im

Vertrauen. Wir haben Grund, sie dem Publikum so lange wie möglich

vorzuenthalten, denn wir müssen Unruhen befürchten.“

„Mancafede ist erbleicht“, sagte der Herr Giocondi. „Welchen Schlag werden

Sie uns versetzen?“

Camuzzi nahm umständlich Platz; er setzte an, lächelte skeptisch, — da kam

aus dem Innern des Cafés mit hartem Schritt der junge Savezzo, pflanzte sich,

die Arme verschränkt, vor den Tisch hin und sagte:

„Der Advokat hat seinen Prozeß gegen Don Taddeo verloren.“

„Nicht der Advokat: die Stadt hat ihn verloren“, sagte der Sekretär.

„Gleichviel,“ — und der Savezzo zeigte seine schwarzen Zähne; „die Stadt:

das ist der Advokat. Sie verliert, weil sie auf ihn gehört hat.“

„Ich leugne es nicht“, sagte der Sekretär. Polli und Giocondi sahen sich an.

„Ist das der Grund, weshalb der Advokat sich heute nicht sehen läßt?“

„Herr Savezzo —“

Der Kaufmann legte seine dürre Hand inständig auf den Arm des jungen

Mannes.

„Welche Absichten hat Don Taddeo? Wird er das Volk gegen uns schicken?“

„Man hat ihn schwer beleidigt“; — und Savezzo hob unheilvoll die Schultern.

Der Kaufmann bäumte sich wimmernd.

„Nur der Advokat hat ihn beleidigt. Mag er empfangen, was er verdient. Wie,

Ihr Herren? Wir werden uns, da das Wohl der Stadt es verlangt, lossagen von

ihm, wir werden ihn ausliefern.“

Der Apotheker Acquistapace schlug auf den Tisch.

„Wir alle haben den Prozeß geführt, und wenn die Gerichte uns unrecht geben,

will es heißen, daß sie an die Priester verkauft sind.“

„Tatsächlich“, äußerte Polli, „weiß alle Welt, daß der Eimer der Stadt gehört,

die ihn erobert hat.“

„Noch dazu mit Hilfe der Götter“, setzte der Herr Giocondi hinzu.

Der Gemeindesekretär betrachtete sie mit spöttischen Augen.

„Man sieht, daß die Herren das Gesetz nicht kennen. Das Gericht der ersten

Instanz hat erwogen, daß die Kirche, die ihn Jahrhunderte hindurch verwaltet

hat, durch die so lange getragene Verantwortung für das ruhmreiche

Erinnerungsstück gewisse Rechte auf den Eimer erworben habe . . .“

Der Apotheker fiel ein:

„Alles das beweist nur, daß heute die Priester wieder obenauf sind.“

„Aber wir können appellieren“, meinte der Tabakhändler. Camuzzi erwiderte:

„Ich weiß nicht, ob die Gemeinde sich dazu entschließen wird. Der Advokat

wird es verlangen, aber werden wir ihm folgen? Die Tatsache spricht nicht dafür,

daß sein Antrag, am Rathaus eine Gedenktafel für den Cavaliere Giordano

anzubringen, gestern abgelehnt worden ist.“

„Es gibt Leute,“ erklärte Polli, „die von den Komödianten genug haben. Es

scheint, daß sie morgen abziehen werden. Adieu, laßt es euch gut gehen.“

Auch der Herr Giocondi winkte Abschied.

„Wir kennen jetzt ihre ‚Arme Tonietta.‘ Ob wir sie kennen! Wenn ich mir den

Mund ausspüle, klingt es wie ‚Sieh Geliebte, unser umblühtes Haus.‘ Niemand

will mehr dafür bezahlen, versteht sich, und damit man noch hingeht, machen sie

zwischen dem ersten und zweiten Akt ein Konzert, wobei die Garlinda im

Ballkleid und der Gennari im Frack herauskommen und die Musik des Maestro

Dorlenghi singen, der ein guter junger Mann ist.“

„Sollen sie sie singen“, sagte Polli. „Aber in den vier Wochen, die sie in

unserer Mitte sind, geschieht ein Unglück nach dem andern. Man spricht besser

nicht von den beiden Paradisi. Der Vittorino Baccalà war seinerseits immer ein

ehrlicher Bursche, und dennoch hat er nun, weil solch ein kleines Weib ihm auf

dem Buckel saß, seinen Meister bestohlen. Wären wenigstens in dieser Hinsicht

die guten Familien verschont geblieben . . .“

Der Tabakhändler sah mit Gramfalten zwischen seine Kniee. Savezzo stellte

brutal den Fuß vor.

„Und wem verdanken Sie das Unglück mit Ihrem Olindo? Denn man weiß,

daß auch er, um seine gelbe Choristin zu bezahlen, in die väterliche Kasse

gegriffen hat. Wer hat diese Bande von Abenteurerinnen auf die Stadt

losgelassen?“

„Es sind Künstler!“ rief der Apotheker. „Sie hinterlassen uns eine Erinnerung

an die Ideale.“

„Und Schulden,“ sagte der Gemeindesekretär, „— die ich übrigens

vorausgesagt habe. Aber wer vor Verschwendung warnt, ist ein Gegner des

Fortschritts, und wer die Entsittlichung nicht wünscht, ein Klerikaler.“

„Ein Dieb ist der Tenor!“ stieß plötzlich der schöne Alfò aus, der um den

Tisch strich. „Will der Leutnant ihn nicht einsperren, dann bringe ich ihn um“;

— und er knirschte mit entblößtem Gebiß. Savezzo legte einen schweren Blick

auf ihn; der schöne Alfò wich darunter ins Café zurück, und Savezzo folgte ihm.

Im Gehen erklärte er:

„Der Gennari bezahlt niemals sein Frühstück, — da er ja alles zum Parfümeur

und zum Schneider trägt.“

„Welche Lebensweise!“ sagte Mancafede. „Aber alle sind jetzt verrückt. An

dem Fest, das der Severino Salvatori den Komödianten gegeben hat, verdient der

Malandrini wenigstens zweihundertfünfzig Lire. Der Salvatori ist auf dem Wege,

sich zu ruinieren.“

„Und sein Dämon ist der Advokat“, sagte Camuzzi. „Man würde glauben, daß

dieser Mann nichts anderes sinnt, als wie er mit der eigenen Person, die

Ausschweifungen aufreiben, zugleich die Stadt zerstören könne.“

„Der Advokat!“ rief Acquistapace. „Er ist tapfer und hat große Gedanken.

Wenn wir einst das neue Theater, das öffentliche Schlachthaus, die Eisfabrik und

das Militär in Sommergarnison haben werden, dann werden wir auf dem Platz,

der nach seinem Plan schön viereckig reguliert und ringsum mit Arkaden

versehen sein wird, ein Standbild des Ferruccio Belotti errichten, des größten

Bürgers der Stadt!“

Polli kratzte sich den Kopf.

„Alle diese schönen Dinge wären noch schöner, wenn es nicht so viele

wären.“

„Um Fremde herzuziehen,“ bemerkte der Herr Giocondi, „hat der Advokat die

Gemeinde vierhundert Lire ausgeben lassen. Man muß sagen, daß der einzige

Engländer, der beim Malandrini wohnt, uns etwas zuviel kostet.“

Der Gemeindesekretär bewegte elegant die Hand.

„Ihre Enttäuschung, meine Herren, wird von vielen geteilt. Der Advokat in

seinem Schaffensdrang, der in Vernichtungstrieb ausartet, merkt nicht, wie er die

Reste seines Ansehens verbraucht. Daß er die Komödianten hergeholt hat,

bedaure ich nicht. Die Folgen ihrer Anwesenheit haben viele Augen geöffnet

und viele Meinungen, die schwankten, befestigt. Man sieht sich plötzlich der

Anarchie und dem Bankerott gegenüber und besinnt sich auf die Mäßigung und

die Strenge, ohne die kein Gemeinwesen besteht.“

„Tatsache ist,“ bemerkte der Tabakhändler, „daß heute früh in der Messe so

viele Leute waren, wie seit zwanzig Jahren nicht mehr.“

„Der Unterpräfekt soll dagewesen sein“, sagte Giocondi. „Man muß also

vielleicht wieder hingehen?“

Der Apotheker schnob zornig.

„Das ist nicht nur bei uns so. Überall regt sich die Reaktion, und die

Regierung in ihrer Furcht vor der Demokratie, der sie doch entstammt,

unterstützt sie. Hat nicht bei der Festvorstellung, die der König dem Kaiser von

Deutschland in Rom gab, den ganzen ersten Rang die päpstliche Aristokratie

eingenommen? Das liberale Bürgertum war gut genug, die Monarchie zu

errichten; ihre Ehren empfangen nicht wir, sondern ihre alten Feinde. Es gibt

Augenblicke, wo man bereuen möchte. Denn, sagen wir nur die Wahrheit, mit

Garibaldi wäre das nicht möglich gewesen; und vielleicht war der Held zu groß,

als er abdankte und uns verließ.“

„Sie haben recht“; — Camuzzi feixte — „unter Garibaldi und der Republik

gäbe es keinen Streit, weder um einen Eimer noch um sonst etwas.“

Der Alte breitete die Arme aus.

„Denken Sie, ich zweifelte daran? Dann muß ich Ihnen sagen, was ich glaube.

Dies mein Bein, das ich im Dienst der Republik verloren habe: — ah! die

Republik bleibt jung, wie ich selbst damals war, und käme sie nun, sie ließe mir

mein Bein wieder wachsen!“

Camuzzi erhob sich vornehm.

„Sie sind ein Dichter, Herr Acquistapace.“

Zu Giocondi, der ihn begleitete, sagte er:

„Was soll man diesen Radikalen antworten? Sie glauben die Wahrheit für sich

zu haben. Aber erstens: gibt es eine Wahrheit? Und dann würde sie zu weit

führen.“

 

„Wohin, Alfò?“ rief Polli; aber der Sohn des Gevatters Achille ballte nur, ohne

sich umzusehen, die Fäuste und ging mit langen Schritten in die Rathausgasse.

„Was hat der schöne Alfò?“ fragten, wo er vorbeikam, die Frauen. „Anstatt

uns zuzulächeln, zieht er sich den Hut auf die Nase, als dächte er an Übles.“

Ein großes Stück hinter dem Tor, schon jenseits des Waschhauses, trat hinter

einem Busch der Savezzo hervor. Der schöne Alfò begann zu schlottern.

„Ich weiß alles, was du denkst,“ — und der Blick des Savezzo lastete dumpf

auf ihm. „Wehe, wenn du je verrätst, du habest mit mir gesprochen. Du weißt

nicht, was ich kann; an deinem eigenen Wort würdest du sterben.“

„Aber wenn es wahr ist,“ sagte Alfò, scheu geduckt, „wenn er sie verführt hat,

dann ermorde ich ihn.“

„Ermorde ihn! Du kommst auf die Galeere.“

Der Savezzo zog ihn in den Feldweg.

„Leute wie du gehen nicht auf der Landstraße“, sagte er, düster lachend; und

auf der Kreuzung der langen Buschgänge, vor einer Kapelle:

„Hier habe ich sie gestern belauscht. Sie sagte zu ihm: ‚Du sollst die Madonna

nicht ansehen, ich bin eifersüchtig auf sie.‘ Dann schwor er ihr Treue, und sie

versprach ihm, daß sie zu ihm entfliehen wolle, gleich morgen, kaum daß die

Komödianten fort seien . . . Laß das Messer in der Tasche!“ — und der Savezzo

trat, die Arme verschränkt, einen Schritt vor. Der schöne Alfò wich, leise

winselnd, zurück.

„Da sind sie“, flüsterte der Savezzo vor Villascura. „Sie verstecken sich nicht

einmal mehr. Alle Bauern, die vorbeikommen, haben sie umarmt gesehen, und

du, Dummkopf, willst noch zweifeln?“

Der schöne Alfò warf sich lang hin; er erstickte sein Gewimmer im Staub.

„Wenn du ihn ermordest, kommst du auf die Galeere“ — und der Savezzo zog

sich lautlos zurück, indes der schöne Alfò, flach am Boden, über die Straße und

durch den Spalt im Gatter kroch. Er warf sich seitwärts auf die weiche Erde

zwischen den Zypressen, wand sich von einer zur anderen, und dazwischen, die

Zähne gefletscht, spähte er.

Nello ließ einen silbernen Spiegel in der Sonne glänzen.

„Welche feinen Dinge du mir schenkst! O! ich habe eine elegante Frau zur

Geliebten, eine Dame der großen Welt.“

„Ich?“ sagte Alba und hob sich, schwach errötet, an seinen Schultern empor.

„Ach, ich Arme! Du aber kennst die Frauen der großen Städte.“

„Wie deine Hände duften!“

„Hast du mir nicht das Parfüm gegeben, das die Gräfinnen gebrauchen? Mein

Nello, du weißt so vieles, was ich nicht weiß.“

„Ein armer Gesangkünstler! Wie kommt es, daß du mich liebst?“

Sie ließ ihn plötzlich los. Die Augen dunkel und heiß in seinen, schüttelte sie

schwer den Kopf. Er ging ihr nach in den Schatten.

„Was hast du? . . . Hier ist es kühl, man atmet.“

„Findest du? Mir macht meine Liebe Fieber, sie erstickt mich. Sie ist schwer

wie der Mond. Sie treibt mir Stacheln ins Fleisch, wie dieser Busch.“

„Alba, was tust du? Deine armen Hände!“

„Siehst du? Ich kann keinen anderen Schmerz mehr fühlen, als nur die Liebe

zu dir.“

„Und ich?“ rief Nello. „Was geschieht mir, was nicht von dir käme? Ich sehe

niemand, nichts bewegt mich; aber wenn ich allein zwischen den Feldern gehe,

muß ich plötzlich anhalten und lechzend blinzeln, denn in der heißen Luft

kommt dein blendendes Gesicht, o Alba, kühl hauchend auf meinen Mund zu.“

Sie sah ihn, einsam grübelnd, an.

„Ich glaube dir nicht.“

„Du glaubst mir nicht?“

„Die Ersilia und die Mina Paradisi haben sich auf offenem Platz geohrfeigt:

deinetwegen, sagt man.“

Er schnellte auf.

„Aber ich kenne sie nicht! Und sie könnten einander vor meinen Augen töten,

so würde ich über sie hinwegsteigen, um zu dir zu gelangen!“

„Ist das wahr?“ — und sie breitete ihm, schwelgerisch zurückgeneigt, Gesicht

und Arme hin. Unter seinen Küssen begann sie zu zittern.

„Und wenn dies die letzten wären? Nello! Die letzten Küsse?“

„Du willst mich also im Stich lassen, du Böse! Hat nicht der Pächter uns den

Wagen verschafft und haben wir ihn nicht gesehen? Denselben Wagen, worin du

mir morgen früh nachkommen wirst und in den ich einsteigen werde zu dir,

morgen früh!“

„Als ich gestern zwischen Tür und Angel meiner Loge heimlich lauschte, wie

du sangst, ward plötzlich das Herz mir schwach von der Angst, dies seien die

letzten Töne, die ich von dir hören solle. Ich hängte mich an jeden, ich erschrak,

wenn der nächste fiel; und ganz umschmiegt von deiner Stimme, sehnte ich mich

nach ihr.“

„Meine Alba!“

„Du schwiegst; ich hatte nichts mehr zu hoffen; meine Kniee verließ die Kraft.

Aus den Kulissen kamen in weißen Perücken die Diener und brachten dir auf

Samtkissen in offnen Schatullen die Geschenke. Von welchen Frauen kamen

sie?“

„Du weißt doch, daß das Komitee sie jedem gibt und daß sie nichts wert sind.“

„Mag sein. Aber wie viele Frauen warten, dahinten in der Welt, auf dich mit

ihren Gaben? Wie vielen wirst du dafür singen? Ach, Nello! vielleicht haben wir

alles gehabt, was uns gegönnt war. Vielleicht wirst du nie zu mir in jenen Wagen

steigen, und ich werde, allein und vergessen, darin zurückkehren.“

„Alba! Was faßt dich an.“

Er schüttelte sie an den Armen. Sie sah über seinen Scheitel fort. Er erblickte

unter dem düsteren Glanz ihres Auges ihr geschliffenes Profil, als stehe es

drohend über ihm. Schaudernd bückte er sich. Sie sagte hinauf in die Luft:

„Nicht aber werde ich dich jenen zurücklassen. Höre! Du hörst die ernstesten

Worte, die je dein Ohr treffen können. Jene werden ihn umsonst suchen, der

Alba liebte und der keine mehr lieben soll. Du wirst verstummt sein. Das Echo

deiner letzten Töne schließe ich in dies Herz, das versteinen wird.“

Ein Schwindel ergriff ihn. Er schlug sich auf die Brust, er warf sich in die

Knie.

„Wenn ich je dich betrügen kann, will ich nicht mehr leben: töte mich!“

Sie ließ sich nieder zu ihm, sie umarmte weich seinen Kopf. Sie weinten.

Alba richtete sich auf, lächelnd mit nassem Gesicht.

„Du Böser siehst nichts. Ich habe Schuhe an, die aus Paris kommen. Küßt du

nun meine Füße? Küsse sie! Ach! Es heißt schön sein . . . Und du, Schöner,

glaubst du, ich wüßte nicht, daß du schon wieder einen neuen Anzug trägst? Laß

dich bewundern!“

Er ging mit glücklichem Schritt vor ihr her, die Terrasse entlang. Da schnellte

neben ihm aus der Erde etwas Schwarzes, Fletschendes: ein Messer blitzte.

Nello lief; er lief und schrie:

„Hilfe! Mörder!“

„Auf die Terrasse!“ rief Alba. „Ins Haus!“

Der Verfolger hatte schon den Weg zur Tür abgeschnitten, Nello hastete den

Berg hinauf, hinter sich das Schnarchen einer Bestie. Er stolperte ohne Weg, er

hatte keinen Atem mehr, ihm ward übel. Er blieb stehen, ihn verlangte nur noch,

dem Mörder zugewendet die Arme zu heben. Plötzlich, schon schloß er die

Augen, lag vor ihm ein Stein: der Stein, auf den er sich mit Alba gestützt hatte,

damals, als sie auf der Flucht vor Nonoggi und dem Advokaten die Einsenkung

des Berges hinabgerutscht waren; er erkannte die Pinie, an der sie sich gehalten

hatten. Das Vergangene, alles Vergangene, alles, was Leben gewesen war und

noch nicht die Spitze eines Messers auf der Brust gehabt hatte, war auf einmal

wieder da; Nello stieß einen langen Schrei aus, er tat einen Sprung und fühlte

eine Stufe. Hoch oben sah er sich um: der schöne Alfò wälzte sich am Grunde

der Grube, in die sie einst beide gestürzt waren, und Alba war da, die ihm das

Messer entriß. Nello warf sich hinter den letzten Zypressen in die Schlucht. In

einer Höhle aus großen Steinen sank er zu Boden, preßte sich das Herz und

atmete. Er sah umher. Er atmete.

„Hier küßte ich ihr das Blut vom Finger! Unsere ersten Küsse schmeckten

nach ihrem Blut, und für die letzten hätte ich bald all meins gelassen.“

Er bebte plötzlich; angstvoller Haß verzerrte ihn.

„Sie wollte mich immer nur verderben. Sie hat mich geliebt, aber ihre Liebe

ist tödlich. Was geht sie mich an, ich will nicht sterben.“

Er erschrak, besann sich, — und dann schlug er mit der Faust auf den Boden.

„Ich war ein Narr! Seit vier Wochen will ich um ihretwillen bald Mönch

werden, bald in einen Abgrund springen, töte Schlangen und setze mich allen

Messern der Stadt aus. Aber ich bin, nun ich daran denke, nicht so groß, wie sie

mich will, und ich werde abreisen. Sie mag ohne mich Tragik um sich her

brauen: ich tauge nur zu den Dolchstößen, bei denen man singt!“

Er wagte sich hervor: drunten war niemand zu sehen; und senkrecht über ihm

stand das Kloster. Er suchte die Treppe.

„Mich schwindelt. Daß mich das erste Mal nicht geschwindelt hat!“

Über die letzten Stufen kroch er auf den Händen. Im Klostergarten war

niemand; zwischen den Säulen des Hofes schlug einsame weiße Sonne das

Pflaster; das Tor stand offen. Draußen sah Nello sich verwundert um; er hatte

Lust, zu laufen und zu lachen. In der Treppengasse lächelte er jeder Frau zu.

Manchmal blieb er stehen und überzeugte sich, daß der Himmel weit und blau

war.

Auf dem Platz bewegte sich wenig, vor dem Café saß nur der Leutnant

Cantinelli. Der schöne Alfò ordnete die Stühle. Nello ging mit leichtsinnigem

Lachen auf ihn zu, aber der schöne Alfò verschwand rasch.

Vom Balkon des Rathauses sah Frau Camuzzi unverwandt herab. Nello bog

hastig den Kopf weg; dann wendete er ihn langsam zurück und erwiderte ihren

Blick. Schließlich lächelten sie beide ein wenig.

„Ich grüße Sie, Signora“, sagte Nello.

„Guten Abend, mein Herr“, sagte Frau Camuzzi; und nach einer Minute des

Blickens und Lächelns:

„Heute abend also werden wir Sie zum letztenmal hören?“

„Ich singe doch nicht mehr.“

„Wie? Sie haben unser Fest im Klub vergessen?“

Sie lächelte schärfer.

„Was nimmt Ihnen denn alle Gedanken und macht Sie unsichtbar?“

„Es ist wahr, ich soll singen!“

„Frau Zampieri,“ sagte sie hinüber, wo die Witwe am Fenster erschienen war,

„denkt vielleicht auch ihre Nina nicht mehr an ihr Harfenspiel? Da sehen Sie den

Künstler, der nichts davon weiß, daß alle ihn erwarten.“

„Aber Sie brauchten mich nur daran zu erinnern, daß unter meinen Hörern —“

Frau Camuzzi grüßte ihn hinter ihrem vorbeischwingenden Fächer mit einem

raschen, tiefen Blick, — und ehe er beendet hatte, war sie fort. Nello knallte mit

zwei Fingern, er schwenkte sich auf den Absätzen herum.

„Sieh doch!“ dachte er, und: „Warum nicht . . . Oder eine andere! Oder

mehrere!“

Er grüßte zu den leeren Fenstern hinauf; vor dem verschlossenen der

Unsichtbaren machte er eine kleine spöttische Verbeugung.

„Adieu, o Schicksalsgöttin. Ich habe kein Schicksal mehr; alles ist wieder

Spiel und Abenteuer; — und morgen gehts in die Welt hinaus.“

Er schlenderte leichtfüßig durch den Corso. Von der anderen Seite kam

ungefüge flatternd der Pfarrer Don Taddeo. Wo es nach dem Gasthaus „zum

Mond“ hinabging, maßen sie sich, und der entzündete Blick des Priesters wich

aus. „Wie er verstaubt, schweißig und elend aussieht!“ dachte Nello. „Ist das

Retten von Seelen eine so schwere Arbeit? Dann ist er ein Narr, daß er die Seelen rettet.“

 

Don Taddeo stürzte sich in seine Haustür. Am Ende des schwarzen Ganges

horchte er, und da alles still blieb, packte er den Knauf des Treppengeländers

und bettete die Stirn auf den Stein.

Erst als droben eine Tür ging, fuhr er auf. Er gelangte ungesehen in sein

Zimmer und lief darin umher: die Fliesen machten seinen Schritt laut klappern

zwischen den kahlen Mauern. Immer wieder ertappte er sich, wie er, mit einer

Miene aus Abscheu und Gier, über das Brevier hinweg in die Ecken spähte.

Seine Wirtschafterin öffnete die Tür und setzte die Fäuste auf die Hüften.

„Wie, Reverendo? Ihr seid da, und inzwischen verbrennt mir das Essen? was

für Dinge treibt Ihr eigentlich jetzt?“

Vor diesem tauben, argwöhnischen Gesicht sich verstecken dürfen!

„Ich habe nichts, Ermenegilda, bring nur das Essen.“

Sie blieb murrend vor dem Tisch stehen, ob er auch esse. Er tat es mit

verhaltenem Geschmack; wenn die Würze des Gerichtes durchdrang, hielt er

erschrocken ein. „Der elende Kitzel!“

„Schmeckt es Euch nicht?“ fragte die Alte. „Ist Euch übel?“

Er nickte mehrmals, mit geschlossenen Augen, und flüchtete ins

Schlafzimmer. Vor dem Bilde des heiligen Aloisius warf er sich nieder. Nach

einer Weile hob er lauschend den Kopf; mit einem Lächeln der Erlösung reckte

er die gefalteten Hände hinauf. Plötzlich zog er sie zurück, erstarrt. „O mein

Gott! Ich glaubte, du ließest in meinem armen Kopf, um mich zu retten, den

Gesang deiner Engel entstehen; nun aber wars das Gebet der Tonietta. Vor dem

Schutzpatron der Reinheit liege ich in einer letzten Anstrengung, — und was ich

finde, ist Lästerung! Ich bin verloren!“

Er schrie auf:

„Ich bin verloren!“

„Ihr habt geklopft?“ fragte die Alte. „Madonna! was tut Ihr, Ihr habt den

Waschtisch umgeworfen.“

Während sie den Boden trocknete:

„Wie Ihr ausseht, Reverendo! Seit einiger Zeit vernachlässigt Ihr Euch.

Unversehens fällt es Euch ein, Euer bestes Kleid anzuziehen und es schmutzig

zu machen. Was tun wir nun?“ — und sie sah ihn plötzlich scharf an. Er wich bis

an die Wand zurück und ließ den Kopf auf die Brust fallen.

„Ich weiß nichts mehr zu tun“, sagte er und hörte seine Stimme metallisch und

angestrengt nachzittern, wie das fieberhafte Schwingen des Sterbeglöckchens.

„Hier ist die Lampe“, sagte die Alte. „Möge das Licht Eure Gedanken zerstreuen.“

Als sie ihm gute Nacht gewünscht hatte, ging er gesenkten Kopfes durchs

Zimmer. Dann wurden drunten Stimmen laut, — und hastig löschte er das Licht.

Er lauschte. Mit geschlossenen Augen und lauschend rückte er dem Fenster

immer näher: da kreischte, inmitten der Sprechenden, die vorbeikamen, ein

Frauenlachen auf. „Sie! Ach sie!“ — und Don Taddeo brach zusammen.

Er kam zu sich; tief dunkel war es; und ihm fiel wieder ein, daß er verloren

sei.

„Vielleicht zeigte sie ihnen, indes sie lachte, das Fenster des verlorenen

Priesters? Denn sie weiß es! Sie weiß, daß ich sie in der Beichte begehrt habe.

Wie? Du wolltest behaupten, es sei nur Zufall gewesen, daß ich an ihr Kleid

streifte? Gestehe! Ich gestehe . . . Während ich dann voll Angst den Kopf

gewendet hielt, durchlief michs, als berührte auch sie mich. Wir haben uns

berührt, wir haben einander Wollust mitgeteilt, und ich, der Priester, der die

Handlung seines Amtes entweihte — o! niemand als Gott weiß darum, und

dennoch bin ich nun exkommuniziert.“

Er betastete sich, — und er warf die Arme in die Luft.

„Es ist nicht möglich: ich träume. Was ist denn geschehen, daß ich verstoßen

wäre aus der Gesellschaft der lebendigen Seelen, verstoßen und verdammt! Ach,

über mich!“

Er brach sein Entsetzensgeschrei ab, lauschte und spähte hinaus.

„Niemand . . . Was ich getan habe, ist meine Sache. Wer weiß denn, wie es

kam? Ist es nicht ein außerordentliches Geschick, das mich getroffen hat? Der

Papst hat leicht verdammen. Es soll nicht gelten! Ich will wieder werden, der ich

war. Kennen mich nicht alle? Bin ich nicht unter ihnen ein Verteidiger des

heiligen Geistes? Mich selbst nennen sie einen Heiligen . . .“

Plötzlich schlug er die Hände vor die Augen; er lachte stöhnend.

„Ein Heiliger! Ein Heiliger, der sich in den Kalk eines Kirchenfensters krallt,

um einer Komödiantin zuzusehen, die Unzucht treibt! Ein Heiliger, dem es

nichts nützt, auf dem nackten Stein zu schlafen, so sehr brennt ihn die Begierde

nach ihr! In den Augen jeder Frau erspürt er die scheußliche Lockung der einen;

denn auch die Hände der armen Baronin Torroni werden heiß in meinen, sie

sieht mich an und weiß nicht, was von mir ausgeht. Was sage ich? Die Madonna!

Ich darf der Madonna nicht mehr ins Gesicht sehen!“

Er krümmte sich, lautlos schluchzend, über sich selbst.

„Wohin, mein Gott? Ich bin verpestet, mein Hauch tötet Seelen. Mein Laster

hat die Stadt ergriffen, daß sie sich mit den Komödianten zugrunde richteten,

von Gott abfielen und meinem Feinde, dem Advokaten, zuliefen. Die Verderbnis

der Stadt ist meine Strafe und das Abbild meiner eigenen Verderbnis. Denn das Namenlose ist geschehen, und ich, der Hüter des Geistes, bin dem Fleische

erlegen. Der Geist, der heilig ist und mich erfüllte, konnte den Bildern des

Fleisches weichen! Was spreche ich vom Papst und von den Strafen? Es könnte

weder Papst noch Gott geben; keine Ewigkeit könnte der Menschen warten; und

dennoch bliebe der Geist — o! welche Erkenntnis und welche Niederlage — er

bliebe heilig, und ich, der ihm geweiht war und gleichwohl meine Gedanken in

die gemeine Lust der Ungeweihten gemischt habe, ich bin nun schrecklicher

verdammt, als je ein der Hölle Verfallener.“

Er reckte die Arme hinauf.

„Vernichtung! Gott! Reinige mich und vernichte mich! Wir müssen brennen:

sie, die mich zu Fall gebracht hat, ich selbst — und alle, die hier sündigten: die

Stadt muß brennen! Du willst es, Herr!“

Er stand steif; droben zitterten die Spitzen seiner bleichen Hände wie Pfeile

zum Himmel. Vom Himmel floß es heiß an ihnen herab. Don Taddeo fühlte sich

verzehrt und gereinigt. Er schloß die Augen, umwogt von göttlichen Flammen.

Sie hoben ihn auf. Die Stadt war unter ihm, und sie brannte, auch sie. Don

Taddeo war vor dem Tode noch so mächtig gewesen, daß sein Gedanke sie in

Brand gesteckt hatte. Nun starb er, erlöst . . . Er seufzte und öffnete die Augen.

Er lebte noch, drüben glomm das Licht vom Gasthaus „zum Mond“, nichts war

geschehen. Don Taddeo taumelte auf sein Bett.

„Ich bin machtlos. Und ich werde wahnsinnig. Was wird kommen?“

Er horchte entsetzt. Ihre Stimme! Sie nahte, schwoll an, sie lachte wie der

Dämon. Don Taddeo hielt sich die Ohren zu, aber er hörte. Er drückte die Lider

aufeinander und dennoch sah er das Weib mit dem Manne ihr Zimmer betreten,

sah sie die Kleider lösen, erblickte den Glanz des Fleisches. Er krümmte sich

unter den Bildern. Ein Schrei der Lust traf ihn so heftig, daß er aufsprang und

sich umsah. Er hatte rote Wellen vor den Augen und in den Ohren Lärm.

„Sie muß brennen!“

Er suchte keuchend umher, setzte mit wirrem Flattern durch die Zimmer, über

die Treppe, und draußen — niemand da? — huschte er auf die Schattenseite und

die Gasse zum Gasthaus hinab. Es hatte nur ein helles Fenster. Don Taddeo

starrte, zurückweichend, hinauf. Da ging ein Laden; der entblößte Arm glänzte

auf, der ihn anzog. Don Taddeo warf sich, und die Zähne klapperten ihm, zu

Boden; er schaufelte mit den Händen auf dem Pflaster das Stroh zusammen . . .

Still! Welche Stimmen? Der Tenor, der im Gasthaus wohnte! Kam er?

 

„Weiß ichs?“ sagte Nello Gennari.

„O nein“, sagte Flora Garlinda, — und sie gingen weiter.

„Die Leute klatschen nicht immer ohne Grund. Ich will dir gestehen, Nello,

daß ich mich in letzter Zeit vor dir gefürchtet habe. An deinem Ehrenabend

warst du geradezu erstaunlich.“

„Daher also wurde dir schlecht? Du tust mir leid, Flora.“

„Kein Grund, mein armer Nello. Denn ich fürchte nichts mehr von dir. Seit

heute abend bist du wieder so mittelmäßig wie je.“

Sie betrachtete, die Lippen fest geschlossen, aus den Winkeln seine vor

Enttäuschung einfältige Miene. Er stieß hervor:

„Aber sie klatschten auch heute abend.“

„Natürlich gab es Frauen, die klatschten, da du ja schön bist“, — und Flora

Garlinda zuckte die Achseln. Er fuchtelte.

„Wenn du wüßtest . . . Man hat wohl das Recht, einmal schlecht zu singen,

wenn man —. O Flora, ich war der Glücklichste von allen, heute aber wäre ich

fast ermordet worden.“

Er fuhr zusammen und sah sich hastig um, aber die letzten Gäste des Klubs

betraten dort hinten, jenseits des leeren Platzes, die Treppengasse. Flora Garlinda

bog in die Gasse der Hühnerlucia.

„Fast ermordet: o! was für Abenteuer.“

Plötzlich verschwand ihr spöttisches Lächeln, ihr Ton war müde.

„Das ist es. Wer zuviel erlebt, kann niemals wissen, wie er am Abend singen

wird . . . Gute Nacht.“

Von der Schwelle ihres Hauses rief sie ihm mit leichter Stimme nach:

„Träume von deiner großen Vergangenheit, Kleiner!“

Er ging, die Stirn gesenkt, dem Corso zu. Auf einmal warf er sich herum,

stockte wieder, atmete heftig in die Nacht hinauf. Seine Hände hoben sich,

langsam und zuckend: — da ließ er das Gesicht hineinfallen; im Nacken flog

sein halblanges Haar, worin dunkel der Mond glitzerte, und Nello stöhnte:

„Alba!“

Seine Seufzer erstickten, in der weißen Stille rieselte der Brunnen. Jener

Fensterladen hinter dem Glockenturm zitterte ein wenig.

. . . Mit einem Ruck richtete Nello sich auf, er ließ laut die Finger knallen und

stürzte vor nach der Rathausgasse. Hinter der geschlossenen Tür des Cafés „zum

Fortschritt“ entstand Geräusch: Nello schrak wild zurück. Gleich darauf streckte

er der Tür die Zunge aus und lief . . . Vorüber. Er warf die Schultern in die Höhe,

lachte metallisch auf. Im zweiten Stock des Rathauses ward ein Vorhang

weggezogen. Nello sah sich, schon nahe beim Tor, nach dem Lichtschein um. Er

schüttelte lachend den Kopf; er drückte die Hände vor den Mund, woraus

Jauchzen brach:

„Alba!“

Vor dem Tor hörten unvermittelt die Lichter auf; Nello sah sich um.

„Ich glaubte die Straße zu kennen wie sonst keine, aber wie viele Verstecke,

die ich nie bemerkt habe, gibt es unter diesen Büschen!“ Plötzlich schauderte

ihn; er hielt an, die Arme steif am Leibe . . . Nein, ein Schatten. Aber es war

dennoch kein Spiel gewesen, als heute morgen jener Verrückte mit dem Messer

hinter ihm her war. „Ein Verrückter, ja, und vielleicht schläft er jetzt mit einem

Besenstiel im Arm statt Alba, um die er mich beneidet; — aber darum sticht

dennoch sein Messer. Ich habe dennoch um Albas willen den Tod gesehen. Soll

ich ihn wiedersehen? O Gott! Noch nicht! . . . Gleichwohl war ich groß, auch

ich! Sie haben es gefühlt, als sie klatschten; und ich selbst fühlte es. Alba war es,

die mich groß machte: weil ich sie liebte. Ich liebe sie. Zu ihr!“ Er hatte den Weg

nun sicher unter den Füßen. Die Stirn hoch, ging er zwischen den Mauerschatten

hin, die ihm jäh entgegensprangen, zwischen schwarzen Hecken, worin

manchmal ein Mondstrahl aufblitzte, als sei es ein Dolchstrahl. Ein Lufthauch

wehte ihn an; Nello öffnete die Nasenflügel. „Ihr Duft! Er kommt aus ihrem

Garten, aus ihrem Haar, von ihrem Körper, der leidenschaftlich auf meinen Kuß

wartet!“ Aber dieser Duft durchdrang ihn bitterer glühend als sonst; nicht nur

Liebe brachte er mit. „Ich werde sterben!“ Er schloß die Augen, bog den Kopf

zurück. Das Gesicht der schwarzen Nachtwelle hingebreitet, und mit geöffneten

Armen:

„Alba!“

„Da bin ich, Nello!“ — und aus dem Schatten langten diese geliebten Hände.

„Du hast mich erwartet: ich wußte es, meine Alba!“

„Du kamst: ich wußte es, mein Nello!“

„Aber wenn ich nicht mehr bis zu dir gelangte? Denn ich habe vergessen,

mich zu bewaffnen.“

Sie ließ eine Klinge funkeln.

„Das ist das Messer, das dich treffen sollte. Ich bin da: wehe den Feinden

meines Geliebten!“

Und weich, die Hände gefaltet auf seiner Schulter:

„Du hast mich vor der Schlange errettet: jetzt lasse zu, daß ich dich verteidige.

Ich werde es besser können als du. Denn dein Leben ist mir teurer als dir.“

Sie führte ihn rasch über den mondhellen Platz vor der Villa. Als sie hinter

ihnen das Gitter verschlossen hatte:

„Hier sind wir allein. Kann man auf Erden so allein sein wie wir?“

Sie sanken sich Brust auf Brust, sie betasteten die Umrisse ihrer Gesichter.

„Die Nachtigall singt ganz leise: nur wir sollen sie hören. Die Rosen duften

heute so schwach, als sei es im Schlaf. Es ist still, sogar unsere Herzen gehen

ruhig vor Glück. Hörst du, mein Geliebter, um uns her das Meer sich wiegen? Sanft spült es an unsere Insel, an unsere dunkle kleine Insel. Laß uns

hinaussehen!“

Sie traten unter den silbern blitzenden Rand der Laube aus Steineichen. Ohne

Ufer wogten Schleier des Mondlichtes vor ihnen dahin.

„Und morgen löst sich unsere Insel und treibt von dannen, o Glück! Wir

stehen, und ich habe alles vergessen, was nicht du bist, und du hast alles

vergessen, was nicht ich bin, o Glück!“

„Halte die Spitzen deiner Finger in das Licht hinaus: siehst du, nun haften

Blüten aus Mond daran. Willst du mir nicht einen Kranz daraus machen?“

„Denn ich vergesse alles, was nicht du bist, Geliebter. Habe ich nicht die

Armen weggeschickt, die um ihr Mehl kamen? Zum erstenmal tat ich das, und

tat es, weil wir das Geld zur Reise brauchen, drum ist es keine Sünde. Denn die

Religion will, daß wir zuerst unsere Pflichten erfüllen, dann Gott dienen. Meine

Pflicht aber bist du, weil ich dich liebe.“

„Und ich dich, o Alba!“

„Nie habe ich es so sicher gewußt, daß du mich liebst, o mein Geliebter, und

daß wir immer glücklich sein werden.“

„O Glück!“

„. . . Warum hat, während wir uns küßten, die Nachtigall geschwiegen?“

„Ich hörte sie nicht verstummen, unsere Küsse, du Lieber, waren zu tief; nun

aber ist es mir, sie habe geschluchzt, immer süßer, immer schrecklicher, und

dann aufgeschrien . . . Da liegt sie.“

„Sie ist tot!“

„Wir wollen sie mit Blättern zudecken. Wir wollen sie beneiden: sie ist durch

Liebe gestorben.“

„Auch ich werde sterben durch Liebe, Alba!“

„Was hülfe es dir? Meinst du, ich ließe von dir im Tode? . . . Schon verließen

wir wohl die gewohnte Erde, denn sieh, dort drüben geht, mitten über dem

Mondlande, die rote Sonne auf.“

„Wie gewaltig der Himmel sich färbt! Eine unbekannte Stadt mit zauberhaften

Palästen drückt ihre schwarzen Umrisse in das brennende Rot. Sehnst du dich

nicht dahin, meine Geliebte?“

„Aber wenn es ein Brand wäre?“

„Ein Brand? Welcher? Wo?“

„In der Stadt. Horch, sie läuten schon, und da, der Rauch! . . . Links vom Dom

steigt er auf, am Corso . . . Vielleicht unterhalb des Corso?“

„Alba! Es ist das Gasthaus!“

„Ich wollte es nicht sagen.“

„Das Gasthaus brennt, worin ich wohne! Jetzt vermissen sie mich. Wir sind verloren, was tun!“

„Du mußt hingehen, dich ihnen zeigen.“

„Laß uns fliehen, Alba, sogleich fliehen!“

„Man würde uns zurückholen. Wer weiß, was man denken würde.“

„Was denn! Ja was denn!“

Und da sie schwieg:

„Nein. Ich eile hin. Leb wohl! Ich laufe am Fluß entlang und springe über die

Gartenpforte.“

„Am Fluß werden sie Wasser holen und dich kommen sehen. Gehe lieber über

den Corso. Er wird voll erregter Leute sein; vielleicht, daß sie dich nicht

beachten . . . Geh, Lieber, wenn wir uns wiedersehen, ists für immer.“

„Für immer“, rief Nello zurück.

 

Schon beim Rathaus roch er den Rauch. Drüben im Corso drängte sich das Volk

und quoll bis auf den Platz hinaus. Auf der Treppe vor dem Dom stand eine

Gruppe: Nello suchte umsonst, voller Befürchtungen, die Gesichter zu erkennen.

Auf dem Platz war kein Licht. Die schwarzen Formen der Menge wurden

flackernd eingefaßt vom Schein der roten Säule über den Dächern, der alle Hälse

sich nachreckten. Nello Gennari drückte sich an den Häusern hin. Vor dem ganz

verstopften Eingang des Corso tat er plötzlich einen Sprung, riß zwei Männer an

den Schultern auseinander und schrie:

„Platz! Platz für den Advokaten Belotti!“

„Was denn! Buffone!“ keifte die Stimme des Galileo Belotti von der

Domtreppe herab. „Kommen etwa wir durch? Und ist der Advokat wichtiger als

wir?“

„Der Advokat ist schon beim Gasthaus“, sagte jemand im Gedränge.

„Ich weiß es!“ rief Nello verzweifelt. „Ich habe einen Auftrag vom Advokaten

und muß zurück zu ihm.“

„Der Advokat hat keine Aufträge mehr zu geben“, sagte grollend der

Schlosser Fantapiè. „Hätte er statt euch Komödianten eine Dampfspritze

angeschafft! Jetzt brennen wir auf.“

„Hilfe! Unsere Federboas! Unsere Hüte! Alles wird zerdrückt!“

Die beiden Fräulein Pernici jammerten durchdringend. Sie trugen den ganzen

Inhalt ihres Ladens auf den Armen. „Fertig ist der Advokat!“ brüllte der

Schlächter Cimabue. „Er hat den Prozeß verloren, und Don Taddeo behält den

Eimer. Komm her, Komödiant, ich will dich deinem Advokaten an den Kopf

werfen.“

Da Nello bis unter die Domtreppe zurückwich, hörte er eine unheimlich sanfte Stimme.

„Sie glauben doch nicht, daß dieser Komödiant einen Auftrag vom Advokaten

hat? Er ist nur davongelaufen, als es brannte: nein, seltsam, einen Augenblick

vorher; denn ich habe ihn laufen gesehen.“

Entsetzt fuhr Nello herum: Frau Camuzzi sah ihm von oben gierig in die

Augen. Ihm stockte der Atem vor der Glut dieses Hasses. „Ich bin verloren!“

dachte er, ganz starr.

„Glauben Sie denn wirklich,“ fragte droben der Cavaliere Giordano, „daß die

ganze Stadt aufbrennen wird?“

„Sprechen Sie doch nicht davon!“ flehte der Kaufmann Mancafede und rieb

sich die Beine; denn er hatte nicht Zeit gefunden, die Unterhosen anzuziehen.

„Mein unversichertes Lager! — und mein Haus wird das erste sein, das brennt.“

„Wie wollen Sie, daß das Feuer hinter den Turm dringt?“ meinte Frau

Camuzzi mit Achselzucken; aber Mama Paradisi warf sich wogend gegen die

Schulter des Kaufmannes.

„Mein Isidoro, wenn unsere Häuser in Flammen aufgehen, werden wir

zusammen in die Welt hinauswandern und ein neues Leben anfangen.“

„Und Ihre Töchter?“ fragte Frau Camuzzi. Aber Mama Paradisi wehrte,

fessellos, mit der Hand ab.

„Auch ihnen wird Gott helfen. Ach! Ach! ich fürchte, mein Isidoro, dies Feuer

ist eine Strafe für uns beide, weil wir zusammen glücklich waren, ohne uns um

die Religion zu kümmern.“

Der Cavaliere Giordano rang seinerseits die Hände.

„Welch Unglück für mich, wenn das Rathaus zerstört würde! Das Rathaus,

woran ich meine Gedenktafel haben sollte!“

„Ihre Gedenktafel!“

Das rote Nußknackergesicht des Bäckers Crepalini schalt herauf.

„Sie wissen also noch nicht, mein Herr, daß der Gemeinderat sie heute

abgelehnt hat? Ah! die Zeiten des Advokaten sind vorüber, er hat den Prozeß

verloren. Man errichtet nicht mehr, sobald es ihm paßt, Gedenktafeln für

Landstreicher.“

„Landstreicher? Ich? der ich ein Haus habe in Florenz, voll von Geschenken

der Fürsten und der —“

Der Barbier Nonoggi stieß den Alten unehrerbietig beiseite, er machte sich an

den Savezzo, der abseits, die Arme verschränkt, am Dom lehnte, und er

wisperte:

„Masetti hat entdeckt, daß das Feuer gelegt worden ist: ja, an der Holztreppe

zum Balkon ist es gelegt worden. Er hat es dem Allebardi gesagt, denn er und

der Kutscher arbeiten an der Spritze, und der Allebardi —“

Nonoggi rang nach Atem und tanzte.

„Nun?“ fragte Savezzo und nickte schwer.

„— hat mich zu Euch geschickt, im tiefsten Schweigen, damit ich Euch frage,

was man tun soll, ob man sprechen soll; denn da Don Taddeo sich nicht sehen

läßt, seid Ihr, Herr Savezzo, seit dem Unglück des Advokaten der größte Mann

der Stadt!“

Und Nonoggi strich, tief gebückt, mit der Hand im Bogen über das Pflaster

hin. Der Savezzo trennte die Brauen voneinander, unwiderstehlich öffnete sich

sein Mund zu einem schwarzen Lächeln, und er schielte heftig auf seine Nase.

„Ich werde mich Eurer zu erinnern wissen, Nonoggi,“ sagte er mit einer

großen Gebärde. Und leiser:

„Es wird ein günstigerer Augenblick kommen, dem Volk die Wahrheit zu

sagen. Wir müssen als Politiker handeln, die sich ihrer Verantwortung bewußt

sind. Geht, Nonoggi, und schweigt! schweigt!“

„Und Ihre Tochter, Herr Mancafede?“ fragte Frau Camuzzi. „Wird sie, wenn

Ihr Haus brennt, herauskommen?“

„Was denken Sie?“ antwortete er gekränkt. „Neun Jahre sind es, daß sie nicht

ausgeht . . . Wehe, wehe!“ — und er hielt sich, wieder ganz zusammengesunken,

die Ohren zu. Eine Funkengarbe schoß dahinten aus dem Dunkel; es knatterte;

das Volk schrie auf. Die Kleinen des Schusters Malagodi, droben in ihrem

Fenster, klatschten; und auch auf der Straße durchbrach den Schrecken heller

Jubel.

„Nun sage, Pomponia,“ rief die Magd Felicetta, „ob das nicht schöner ist als

das Feuerwerk am Verfassungsfest!“

„Ich werde dir ein Feuerwerk machen!“ — und der Bäcker kniff sie, daß sie

schrie.

„Ihr Herr brennt ab, und sie unterhält sich. Aber die Gemeinde soll mir mein

Pachtgeld zurückgeben, wenn sie mich abbrennen läßt. Der Advokat! Er ist mir

verantwortlich, er, der gegen die Dampfspritze gestimmt hat!“

„Nieder der Advokat!“ rief man, „er hat den Eimer verloren! Don Taddeo

gehört der Eimer!“

Der Barbier Bonometti widersprach allein:

„Es lebe der Advokat! Glaubt nicht den Verleumdern! Er ist ein großer Mann,

der Advokat!“

Aber sobald er gerufen hatte, mußte er von seinem Platz weichen. Jeder stieß

ihn weiter, und er wiederholte, einsam und verzweifelt:

„Es lebe der Advokat!“

„Nieder der Advokat!“ schrie man einander in den Nacken, immer tiefer in

den Corso hinein, bis vor die Brandstätte; die Pipistrelli schrie es im Takt mit Frau Nonoggi und Frau Acquistapace:

„Nieder der Advokat!“

„Don Taddeo hat es vorausgesagt: das ist das Gericht Gottes, weil ihr die

Komödianten hergerufen habt!“ — und die Pipistrelli schwang ihren Krückstock

über der Menge. Es ward gemurmelt:

„Don Taddeo hat es vorausgesagt.“

Aber jemand rief:

„Da ist einer von ihnen!“

Und mit gellendem Geheul fiel die Frau des Kirchendieners den Tenor

Gennari an, der fast schon bis zum Gasthaus hindurchgeschlüpft war. Sie griff

ihm mit der Krücke unter den Rock, und sie ließ sich von ihm schleifen.

„Haltet ihn! Das Gericht Gottes! Haltet ihn!“

Schon faßten Hände zu.

„Laßt mich!“ rief Nello. „Ich wohne im Gasthaus!“

„So wollen wir dich hineinwerfen, damit du es warm hast, du schöner

Kleiner!“ — und die Weiber, roten Feuerschein in den verzerrten Gesichtern,

hoben ihn auf. Plötzlich flogen sie heulend auseinander; der Bariton Gaddi war

da und verteilte Stöße. Rasch und sicher zog er den Freund ins Freie.

„Wir brauchen noch einen bei der Spritze“, erklärte er dem Leutnant

Cantinelli, der mit seinen Untergebenen Fontana und Capaci die Menge von der

Brandstätte abdämmte. Die Pipistrelli, Frau Nonoggi und Frau Acquistapace

versuchten, die bewaffnete Macht zu überrennen, fanden sie aber

unerschütterlich. Von weitem riefen sie den Wirt an, der, die Hände um den

Kopf, durch den Hof seines brennenden Hauses irrte.

„He! Malandrini! Da habt Ihrs. Warum beherbergt Ihr die Feinde Gottes. Nun

laßt Euch von den Komödianten Euer Haus bezahlen! Gewiß haben sie es

angesteckt. Sind denn wenigstens Eure Gäste gerettet?“

„Das Vieh ist aus den Ställen gezogen“, antwortete er.

„Aber die Gäste!“

„Der Engländer ist mit der Komödiantin hinuntergelaufen.“

„Ah! hätte er sie doch brennen lassen. Aber natürlich brauchte er sich nur zu

rühren, und sie war wach. Es wird nicht viel Platz gewesen sein zwischen den

beiden.“

„Man hat sie gesehen“, sagte Frau Nonoggi. „Die Felicetta und die Pomponia

haben sie gesehen. Sie werden jetzt anderswo weiterschlafen.“

Der Wirt griff mit beiden Händen aus, als machte er sich Platz.

„Meine Frau!“ rief er. „Findet mir meine Frau wieder!“

„Wie? Ihr habt Eure Frau verloren?“

„Ich habe das Haus durchsucht, sie ist fort. Ich wache auf, es brennt, sie ist fort.“

Die Frauen sahen sich gierig an. Frau Acquistapace sagte:

„Sie wird die Kinder gerettet haben und Euch in der Eile vergessen haben. Ich

begreife das.“

„Die Kinder“, stöhnte der Wirt, „sind da, sie aber —“

„Au, au! O über uns! Rettet euch! —“ und die Weiber rannten, die Hände im

Nacken, zurück, — indes, in einem langen Aufschrei des Volkes, der hölzerne

Balkon herunterkrachte und eine hohe Flamme vom Boden aufschoß.

„Der Schuppen!“ schrie donnernd der Apotheker Acquistapace und schwang

die Faust. „He, Masetti, Allebardi! Eure Spritze auf den Schuppen!“

„Ihr Komödianten,“ kommandierte der Apotheker, „und Ihr, Chiaralunzi,

richtet Euren Schlauch auf das Dach, denn diese verdammten dürren

Maiskolben, die darunter liegen, brennen schon . . . Aber ihr anderen, rettet mir

den Schuppen! Sonst wird er das Haus Polli in Brand setzen, und die Stadt ist

zum Teufel . . . Mit Macht! Öffnet ihn! Reißt ihn doch auf!“

Aber er selbst riß vergebens.

„Malandrini, den Schlüssel!“

„Gebt mir meine Frau wieder!“

„Das ist aber kein Spaß mehr!“ — und der Tabakhändler Polli brach sich

Bahn. „Wie? Ich soll keine Erlaubnis haben? Aber jene haben wohl die

Erlaubnis, mir mein Haus anzuzünden!“

Der Leutnant Cantinelli ließ ihn durch, so sehr schrie er. Der Herr Giocondi

drang mit ein.

„Ich habe ihn versichert! Malandrini, habe ich dich versichert oder nicht?

Keine vier Wochen sinds, — und das ist nun dein Dank, daß du mir abbrennst!“

„Solange es sich nicht um mein Haus handelte,“ schrie Polli, „sondern nur um

deins, Malandrini, habe ich nichts gesagt. Ich habe geschlafen, bis meine Frau

mich weckte. Habe ich nicht sogar beim Erdbeben geschlafen? Niemand schläft

wie ich . . .!“

„Wenn du auch nur eine einzige Prämie bezahlt hättest! Ein schönes Geschäft

für die Gesellschaft! Sie wird mich vor die Tür setzen.“

Und der Herr Giocondi stieß den Wirt wieder dem Tabakhändler zu.

„Aber es scheint, daß ich gerade noch rechtzeitig komme!“ schrie Polli.

„Einen Augenblick, und meine Zigarren fangen an, sich selbst zu rauchen. Es

fehlte nichts weiter. Setzt den Schuppen unter Wasser! Schlagt die Tür ein! Ein

Beil!“

Die Arbeiter aus der Zementfabrik des Herrn Salvatori, die jungen Leute vom

Elektrizitätswerk, die in einer langen Kette vom Fluß her Wasser holten, ließen

die Eimer in der Luft schweben: solchen Lärm machten die beiden kleinen Alten.

„Kaltes Blut, Ihr Herren“, sagte der Advokat Belotti und trat hinzu. „Freund

Acquistapace sorgt schon dafür, daß der Schuppen nicht Feuer fängt. Seht ihr

nicht, daß die Trümmer des Balkons schon gelöscht sind? Bravo, Acquistapace!“

— und der Advokat klatschte leicht in die Hände. Giocondi und Polli

betrachteten ihn, die Fäuste auf den Hüften, mit Gesichtern, die immer dunkler

wurden, aber ohne einen Laut. „Die Sachen gehen gut, ich verbürge mich dafür“,

sagte der Advokat und legte sich die Hand auf die Brust. Da brachen sie los:

„Er verbürgt sich! Der Advokat verbürgt sich! Sieh ihn dir an!“

Sie stießen sich, böse kichernd, mit den Schultern an.

„Und worin besteht die Bürgschaft, Advokat? Zahlst du mir einen schwarzen

Punsch beim Gevatter Achille, wenn ich abbrenne?“

„Darum also“, fiel der Herr Giocondi ein, „hat der Advokat die Dampfspritze

abgelehnt, weil er für jeden Feuerschaden persönlich zu haften gedachte. So sehr

liebt er die Stadt! Solch guter Bürger ist er!“

Die beiden drehten plötzlich um. Die Bäuche heraus und mit erhobenen

Armen, wackelten sie laut scheltend um den Hof.

„Der Advokat! Ein gefährlicher Narr: jetzt sieht man es.“

„Der Advokat ist verurteilt, und der Eimer gehört dem Don Taddeo!“ keifte es

dahinten im Corso. Der Advokat griff, zusammenzuckend, an die rote, gestrickte

Mütze, die sein Haupt bis zur Hälfte der Ohren überzog; es schien, er wollte

grüßen. Rechtzeitig ließ er es; er näherte sich den Spritzen. Aber Allebardi schrie

ihn an: „Achtung, Advokat!“ und spritzte ihm über die Füße. Da kehrte der

Advokat, und er hielt den Rock zusammen, als fröre ihn, ganz allein auf die

Mitte des Hofes zurück. Der Unterpräfekt, Herr Fiorio, der vorüberkam, nahm

rasch den Arm seines Begleiters, des Steuerpächters, und machte einen Bogen.

Der Advokat schnitt ihm den Weg ab.

„Die Sachen gehen gut, Herr Unterpräfekt. Man sollte meinen, daß es

Ahnungen gibt, denn noch vor acht Tagen habe ich meinen Freund Acquistapace

veranlaßt, eine Spritzenprobe abzuhalten. Drum arbeiten seine Braven auch

Weiter: Teil 2 von 5