Die Könige der Elben, Zweiter Band der Elben-Trilogie
»Doch Ihr werdet bald in den Krieg…
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
»Doch Ihr werdet bald in den Krieg aufbrechen, und wir werden dann wieder voneinander getrennt sein«, sagte sie.
»Aber ein paar Wochen bleiben uns, Larana. Denn der Schlag gegen den Kaiser der Südwestlande kann erst erfolgen, wenn sich genug Truppen hier, im Gebiet zwischen Aratania und der norischen Grenze, gesammelt haben. Der Weg über Land dauert nun einmal deutlich länger als die Fahrt zur See, und wir hatten nicht genug Schiffe, um so viele Truppen zu transportieren.«
Sie ergriff seine Hand. Eine sanfte Röte hatte ihr Gesicht überzogen. Der Blick, mit dem sie ihn bedachte, ging Magolas durch und durch. Ihre meergrünen Augen waren voller Verlangen und wildem Begehren. »Kommt, lasst uns keine Zeit verlieren und alles andere um uns herum vergessen!«
Genau das wollte Magolas. Der Rausch der Sinne, den er mit Larana schon in Elbenhaven erlebt hatte, sollte nie enden. Sie nahm seine Hand und zog ihn mit sich. Bei ihrem Lager angelangt, ließ sie ihr Kleid von den Schultern gleiten. Ein herausforderndes Lächeln spielte um ihre Lippen. »Kommt, mein Prinz, und gebt Euch diesem rauschhaften Wahn ebenso hin wie ich! Zwar hat Euer Gesicht und Euer Körper die Farbe eines herausgebrochenen Mammutzahns, aber ich weiß, dass Ihr weitaus mehr Leben in Euch habt!«
»Ja«, murmelte er, und während er sie betrachtete, dachte er daran, wie schnell das Leben aus ihr entschwinden würde.
Aber dies verdrängte er sogleich wieder. Nur den Augenblick leben, ohne einen Gedanken an den Schatten des Todes zu verschwenden – so lebten die Rhagar seit Anbeginn ihrer Existenz, und Magolas wusste, dass auch ihm keine andere Möglichkeit blieb, als diese Einstellung zu verinnerlichen, wenn er nicht wahnsinnig vor Verzweiflung werden wollte.
Tage und Wochen des Glücks vergingen, während die Truppen, die den Landweg genommen hatten, nach und nach die aratanische Hauptstadt erreichten, und auch von See her kam weitere Verstärkung: Herzog Branagorn traf mit seiner Flotte ein und stellte sich und seine Krieger in Magolas’
Dienst. Im großen Thronsaal des Palastes von Aratania hielt der betagte König mit brüchiger Stimme eine Rede, in der er seine tiefe Dankbarkeit auszudrücken versuchte. »Mit der Hilfe unserer starken Bundesgenossen werden wir nicht nur unser Reich verteidigen können, es wird uns eines Tages auch gelingen, Norien dem Kaiser der Südwestlande wieder abzutrotzen, sodass das nord-sadranische Gebirge wieder die Grenze zwischen unserem Reich und dem des Kaisers in Rajar ist!« Anschließend lobte Baltok Krrn XIII. die Hilfsbereitschaft der neuen Bündnispartner in den höchsten Tönen. »Früher hat man die Elben als Lichtgötter verehrt, daran erinnern heute noch Legenden. Dann verloren die Bewohner des Elbenreichs in unseren Augen diesen Nimbus und sanken für uns zu normalsterblichen Wesen herab. Aber damit taten wir ihnen vielleicht Unrecht. Und ganz bestimmt war es falsch, ihnen mit Feindschaft zu begegnen!«
Magolas entging nicht, dass die Worte des Königs durchaus nicht bei allen im Saal anwesenden Rhagar Begeisterung hervorriefen. Immer wieder war zu beobachten, wie einige Offiziere der norischen Garde die Köpfe zusammensteckten und sehr gedämpft miteinander sprachen, so als wollten sie nur ja niemanden mit ins Vertrauen ziehen.
Magolas konzentrierte seine geistigen Kräfte auf sie. Sie stutzten immerhin und schauten zu ihm hin, während er ihnen nach Elbenart freundlich zunickte. Den Rhagar-Offizieren war die Art und Weise, wie Elben einander geistig berührten, völlig unbekannt. So einfach beeinflussen wie der Geist eines willigen Pferdes ließen sich die Rhagar natürlich nicht. Aber Magolas konnte einige Worte von den Lippen derer lesen, die da zusammensaßen. Worte, die es nicht erlaubten, diese Männer der Verschwörung zu bezichtigen, die aber durchaus den Schluss nahelegten, dass ihre Gefolgschaft gegenüber dem alten König keineswegs sicher war.
Nachdem der König mit seiner umständlichen und wenig mitreißenden Rede geendet hatte, erhob sich der Botschafter des Seekönigs von Ashkor und Terdos. Er versicherte noch einmal ausdrücklich die Neutralität seines Landes in diesem Krieg. »Ihr könnt mit Sicherheit davon ausgehen, dass es niemanden unter der Herrschaft des Seekönigs gibt, der die Neutralität nicht achten wird. Auch gibt es keinerlei Pläne, elbische Handelschiffe anzugreifen. Darüber hinaus gestatten wir beiden Seiten nach wie vor das Anlaufen unserer Häfen, dulden aber keinerlei Feindseligkeiten auf unserem Territorium.«
König Baltok Krrn XIII. war nach der anstrengenden Rede auf seinen Thron gesunken. Er wirkte elend, es war ihm anzusehen, wie sehr ihn die ganz normalen Regierungsgeschäfte anstrengten. »Ihr solltet dem Seekönig Folgendes ausrichten: Sein Reich wird das Nächste sein, dass sich der Kaiser der Südwestlande einverleiben wird! Es gehörte immerhin früher zu seinem Einflussgebiet, und er wird es nicht dulden, dass es weiterhin unabhängig bleibt. Das Einzige, was Euch schützt, ist eine Bergkette und die Tatsache, dass die südwestländischen Krieger offenbar nicht gerne klettern.« Er verstummte plötzlich und griff sich ans Herz.
Magolas wandte sich an Larana. »Soll ich einen unserer Heiler holen?«
»Nein, lasst nur. Er hat manchmal diese Schmerzen in der Brust, aber sie gehen wieder weg«, antwortete Larana.
»Seid Ihr sicher?«
»Ich kenne meinen Vater.«
»Ohne selbst ein Heiler zu sein, muss ich Euch sagen, dass Ihr dies zu sehr auf die leichte Schulter nehmt!«
»Er hat dem Sonnengott geopfert, mein Prinz. Da kann ihm nichts geschehen.«
»Eine Hoffnung, die ich nicht als Gewissheit ansehen würde.
Die Heilerin Nathranwen ist eine der besten Heilerinnen meines Volkes. Sie begleitet mich auf diesem Feldzug und könnte später nach dem König sehen.«
Larana sah ihn an. »Gut, ich rede mit ihm. Aber Ihr müsst seine Abneigung gegen Heiler und Ärzte aller Art verstehen.
Immer wenn einer von ihnen auch nur die Residenz betritt, ist das fürs Volk schon ein Zeichen politischer – und nicht nur körperlicher – Schwäche des Königs.«
»Das werden wir vermeiden«, versprach Magolas.
Dass Nathranwen eigentlich nicht wegen des Königs nach Aratan gekommen war, verschwieg Magolas der Prinzessin noch.
Larana gelang es, ihren Vater zu überreden, sich von Nathranwen untersuchen zu lassen. »Es ist das Alter, das Euch plagt«, sagte die Heilerin. »Euer Herz wird schwächer. Ich werde Euch eine Mixtur verabreichen, die Euch stärkt und die Symptome lindert. Aber an der Tatsache, dass Euer Körper die Kraft verliert, werde ich nichts ändern können.«
»Ich erwarte nicht von Euch, dass Ihr einen Elb aus mir macht«, erwiderte der König von Aratan mit einer überraschenden Leichtigkeit in der Stimme.
»Ihr solltet Anstrengungen meiden und mehr Staatsgeschäfte delegieren«, schlug Nathranwen vor.
Der König lachte heiser. »Nein, das Einzige, was mich noch am Leben hält und daran hindert, einfach die Augen zu schließen und für immer einzuschlafen, ist die Tatsache, dass an meiner Existenz zurzeit die Existenz des ganzen Reiches hängt. Ich darf der Agonie nicht nachgeben und mich einfach zur Ruhe betten und nie wieder aufwachen.«
»So habt Ihr keine Angst davor?«, fragte die Elbenheilerin erstaunt.
»Nein.«
»Wir kennen ein Phänomen, das vergleichbar ist und früher sehr verbreitet war: den Lebensüberdruss. Die Erkrankten stürzten sich meist irgendwann in die Fluten des Meeres, um den Qualen des Lebens zu entgehen.«
Da schüttelte der alte Mann den Kopf. »Nein, dieser Vergleich trifft nicht zu. Mit Lebensüberdruss hat das, was in mir vor sich geht, nichts zu tun. Es ist die Pflichterfüllung trotz fortschreitender Schwäche. Aber dazu versteht Ihr vielleicht zu wenig von der Natur des Menschen – auch wenn Ihr vielleicht doch Lichtgötter sein mögt, wenn auch keine unverwundbaren.«
Die Medizin Nathranwens zeigte schon nach kurzer Zeit ihre Wirkung. Magolas, der ebenso wie Larana dabei gewesen war, als die Heilerin ihre Kunst angewandt hatte, erzählte dem König von der Stimmung, die er unter den Offizieren der Norischen Garde erkannt hatte. »Ich bitte Euch um eins: Legt Eure Bewachung in die Hände meiner Truppen! Ich stelle eine ganze Kompanie eigens dafür ab, Euch zu schützen, darunter die besten Einhandarmbrustschützen.«
»Ich soll meiner Garde misstrauen?«
»Ich bin überzeugt davon, dass von ihr die gegenwärtig größte Gefahr ausgeht.«
»Es gibt immer wieder Gerüchte darüber, dass sie von Agenten des Kaisers unterwandert sein soll. Aber ich kann und will das nicht glauben.«
»Ganz gleich, ob nun Agenten des Kaisers dahinterstecken oder es einfach nur die Unzufriedenheit mit Eurer Regierung oder gar der Machtdurst einzelner Offiziere ist – Ihr müsst mit einem Aufstand rechnen.«
Der König schüttelte den Kopf. »Wenn ich der Garde die Bewachung des Palastes entziehe, könnte genau dies den Aufstand erst auslösen, weil ich damit Männer beleidige, die mir seit Jahren treue Dienste leisten. Manche von ihnen dienen dem Königshaus von Aratan schon in der dritten oder vierten Generation.«
»Dennoch müsst Ihr durchgreifen, oder Euer Leben und alles, wofür Ihr Euch während Eurer Regentschaft eingesetzt habt, ist endgültig verloren!«
»Prinz Magolas hat recht, Vater«, mischte sich nun Larana ein. »Ihr solltet ihm mehr vertrauen als der Garde.«
Der König zuckte mit den Schultern. »Ausgeliefert bin ich anscheinend so oder so. Also sei es!«
Kurze Zeit später zogen sich Magolas, Larana und Nathranwen in einen anderen Teil der Burg zurück.
Nathranwen wandte sich nun an Larana. »Ich habe den Prinzen Magolas nicht als Kriegsheilerin begleitet«, erklärte sie. »Um ehrlich zu sein, bin ich eigentlich Euretwegen hier.«
»Meinetwegen?«, fragte Larana erstaunt. »Ich bin nicht krank!«
»Ihr tragt den Keim des frühen Todes in Euch. Das mag ein Kennzeichen Eures Volkes sein, aber Prinz Magolas sieht darin eine Krankheit, die geheilt werden sollte, und ich habe ihm versprochen, es wenigstens zu versuchen, auch wenn ich zugestehen muss, dass die Aussicht auf Erfolg nicht groß ist.«
Larana schüttelte den Kopf. »Ich bin jung! Gerade erblüht, würde man sagen, und nicht von Altersschwäche gezeichnet!«
»Ihr seht die Zeichen nicht. Das ist der Unterschied zwischen Euch und mir.«
Larana wandte sich an Magolas. »So bin ich Euch jetzt schon nicht schön genug? Das ist bedauerlich, mein geliebter Prinz.«
Magolas fasste sie bei den Schultern, denn sie schien ernsthaft betrübt. »Nein, so ist es nicht. Aber der Verfall ist Eurem Körper eingegeben, und früher oder später wird er sich bemerkbar machen. Doch vielleicht kann man dagegen etwas tun – und zwar bevor die Zeichen sichtbar werden! Danach dürfte es zu spät sein.«
»Ich werde Euch keine allzu großen Hoffnungen machen«, sagte Nathranwen. »Bei einem Elben ist es mir gelungen, die unnatürliche Altersschwäche zu heilen. Aber bei einem Rhagar ist sie Teil der Natur. Ich habe mich dennoch bereit erklärt, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um es wenigstens zu versuchen.«
»Nein!«, widersprach Larana. »Ich werde keine Eurer Tinkturen anrühren, werte Heilerin, solange mich nicht eine ernsthafte Krankheit dazu zwingt!«
»Ihr habt eine ernsthafte Krankheit in Euch!«, war Magolas überzeugt.
Aber die Prinzessin blieb bei ihrer ablehnenden Haltung.
»Wenn der Feldzug beginnt und ich fort muss, möchte ich, dass Ihr hier in Aratan bleibt und den König am Leben erhaltet, solange es geht«, sagte Magolas später zu seiner Heilerin. Er war allein mit ihr in dem Gemach, das man Nathranwen innerhalb des Palastes zugewiesen hatte. Nach Nathranwens Empfindung war es wegen des Kaminfeuers zu heiß in diesem Raum, aber die Gastgeber hatten es nur gut gemeint und legten offenbar ihr eigenes Temperaturempfinden zugrunde.
»Das werde ich tun, so gut es mir möglich ist«, versprach Nathranwen.
»So nehmt Ihr auf Eure Weise auch am Krieg teil, der uns hilft, die Grenzen des Elbenreichs zu sichern«, sagte Magolas.
»Und was ist mit Eurer Prinzessin, mein Prinz?«
Nathranwens Tonfall klang verständnisvoll. Dass auch sie gegen eine Verbindung zwischen Magolas und der Rhagar-Frau war, schien etwas in den Hintergrund getreten zu sein.
Vielleicht hatte sie auch einfach nur eingesehen, dass Magolas’
Gefühle von einer für Elben ungewöhnlichen Intensität waren und es wohl nichts gab, was man dagegen tun konnte, zumal der Prinz in dieser Hinsicht vernünftigen Argumenten nicht zugänglich war.
»Versucht Larana den Ernst der Lage klarzumachen und sie dazu zu überreden, dass sie sich von Euch behandeln lässt!«
»Sie sieht den Ernst der Lage nicht, sondern glaubt, am Anfang eines Lebens zu stehen.«
»Das ist eine Frage der Perspektive.«
»Ja – und in dieser Hinsicht unterscheidet Ihr Euch von der Prinzessin so gewaltig wie Tag und Nacht. Das solltet Ihr bedenken, bevor Ihr Euch dauerhaft bindet.«
Magolas gelang es, den König dazu zu überreden, der Garde die Bewachung des Palastes zu entziehen. Nur zwei Nächte später kam es zum Aufstand. Die Garde verließ unter der Führung ihrer Offiziere die Garnison und versuchte den Palast von Aratan zu stürmen. Überall in den Straßen wurde gekämpft. Hundertzwanzig Einhandarmbrustschützen bildeten die Elite in jenen Truppen, die mit Magolas nach Aratan gekommen waren. Den größten Teil davon hatte er mit der Bewachung des Palastes betraut, nachdem König Baltok Krrn XIII. ihm dafür die Erlaubnis gegeben hatte.
Die Aufständischen kämpften mit einem Mut und einer Tollkühnheit, die von den Elben zunächst unterschätzt wurde.
Es wurde offenbar, dass die Soldaten der Norischen Garde in Wahrheit nicht ihrem König folgten, sondern ihren Offizieren.
Und diese hatten beschlossen, dass die Herrschaft des gegenwärtigen Königs zu Ende gehen sollte.
Nur kurz nachdem die Aufstände in der Hauptstadt losgebrochen waren, überschritt das Heer des Kaisers der Südwestlande die norische Grenze. Auf breiter Front marschierten seine Truppen ins Land, das wie eine glatte Fläche vor ihnen lag; es gab keinerlei geografische Hindernisse, die hätten überwunden werden müssen.
Wie damals zur Zeit des Eisenfürsten Comrrm wurden gewaltige Katapulte von geradezu monströsen Ausmaßen durch gezähmte Riesenechsen aus den Wäldern Karanors gen Norden gezogen. Und da wurde offenbar, dass die Erstürmung Aratanias seit Langem vorbereitet worden war; die Katapulte hatten schließlich erst nach der Eroberung Noriens durch die Südwestlande gebaut werden können, denn es wäre unmöglich gewesen, sie aus dem Herzland des Kaiserreichs über die Gebirgskette zu transportieren, die Norien nach Süden hin abgrenzte.
Magolas ließ den Aufstand der Garde blutig niederschlagen.
Noch während die letzten Kämpfe innerhalb der Stadtmauern von Aratania ausgefochten wurden und niemand wusste, wie viele gedungene Meuchelmörder im Auftrag des Kaisers in der Stadt umherschlichen, formierte sich am südlichen Horizont vor der aratanischen Hauptstadt bereits das Heer der Angreifer.
Die vereinigten Truppen von Elben und Arataniern formierten sich, um sich dem Feind vor der Stadt entgegenzustellen. Einerseits sollte damit die Stadt geschont werden, andererseits sah Magolas den Bereich innerhalb ihrer Mauern nicht als sicheres Territorium an; dort musste man jederzeit mit Sabotage durch Agenten des Kaisers rechnen.
Etwa die Hälfte der Einhandarmbrustschützen hatte Magolas für die Feldschlacht abkommandiert. Die andere Hälfte bewachte den Königspalast, was ebenso wichtig war, wie diese Schlacht zu gewinnen. Denn wenn Baltok Krrn XIII. einem Attentat zum Opfer fiel, würden unvermeidlich Thronstreitigkeiten ausbrechen, und auch die Position der elbischen Verbündeten war dann nicht mehr haltbar.
Magolas blickte dem auf breiter Front heranrückenden Feind entgegen. Das Stampfen der Riesenechsen war schon aus weiter Ferne zu vernehmen. »Warum habt Ihr solche Geschöpfe eigentlich nicht auch in Eurer Armee?«, wandte sich Magolas an Marschall Pradossak, den Befehlshaber der Aratanier. »Zu Zeiten des Eisenfürsten waren sie doch sehr beliebt, wie man den alten Berichten entnehmen kann.«
»Die Riesenechsen leben in den Wäldern von Karanor«, gab Pradossak zur Antwort, »und das Reich Karanor ist leider mit dem Kaiser verbündet. So bekamen wir keinen Ersatz für die letzten Riesenechsen unseres Heeres, die etwa vor zehn Jahren eingegangen sind.«
»Nun, ich bin überzeugt, dass Euer König dennoch die besseren Verbündeten auf seiner Seite hat«, sagte Magolas grimmig.
Marschall Pradossak grinste. »Das werden wir nach der Schlacht beurteilen können.«
Ein Hagel von Pfeilen eröffnete den Kampf. Die Südwestländischen hielten sich mit dem Einsatz der Katapulte zunächst noch zurück. Sie sollten wohl erst gegen die Stadtmauern von Aratania zum Einsatz gebracht werden, und die Munition, die man mitführen konnte, war begrenzt. Große, ebenfalls von Riesenechsen gezogene Karren waren mit etwa gleichgroßen Gesteinsbrocken geladen, andere mit den Bolzen für riesige Armbrüste, deren Wirkung allerdings ebenfalls insbesondere bei der Erstürmung befestigter Anlagen zum Tragen kam. Und genau dazu wollte es Magolas nicht kommen lassen.
Da weder die Elben noch ihre menschlichen Verbündeten eine vergleichbare Artillerie aufbieten konnten, musste auf schnelle Angriffe auf die Flanken gesetzt werden, die von der Reiterei auszuführen waren. Das Fußvolk bildete derweil eine feste Phalanx. Die zusammengeschlossenen Schilde boten den Scharen von Bogenschützen einigermaßen Deckung. Die Einhandbogenschützen wurden gesondert formiert und von Schildträgern geschützt. Durch das Schießen koordinierter Salven sollte die Wirkung verstärkt werden. Flankiert wurden die Einhandschützen durch konventionelle Armbrust- und Bogenschützen, deren Aufgabe in erster Linie darin bestand, zu nah herankommende Angreifer abzuwehren.
Herzog Branagorn begab sich zu Magolas. »Meine Krieger sind bereit«, erklärte er.
»Die Truppen des Herzogs von Nuranien fehlen noch«, stellte Magolas fest.
»Sie müssten täglich eintreffen«, antwortete Branagorn.
»Aber da sie auf dem Landweg unterwegs sind, ist es schwer abzuschätzen, wann genau sie zu uns stoßen.«
»Der Feind ist uns mit seinem Angriff zuvorgekommen, also werden wir mit den Kräften auskommen müssen, die uns zur Verfügung stehen.«
Eine Salve der Einhandarmbrustschützen traf mehrere der Riesenechsen. Das magische Gift verbrannte sie, und innerhalb weniger Augenblicke kam ein Großteil der Katapulte zum Stehen; ohne die Riesenechsen konnten sie nicht transportiert werden. Kurz darauf ertönten die Hornsignale, welche die Angriffe der leichten elbischen Reiterei von den Flanken her einleiteten.
Viele Rhagar aus Elbara dienten in diesen Verbänden. Die sogenannten Elbareaner stellten die Hälfte der Truppenstärke.
Und obwohl sie als Rhagar nicht die Möglichkeit hatten, ihre Pferde durch geistige Befehle zu lenken, schienen sie doch fast ebenso verwachsen mit ihren Reittieren wie die Elben.
Manchmal war es auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen, ob man einen elbischen Kavalleristen oder einen in Elbara oder Nuranien ansässigen Rhagar vor sich hatte, denn die unterschiedlichen Ohren waren unter dem Helm verborgen, und auch unter den Elbareanern gab es bleichgesichtige Rhagar, deren Teint dem der Elben stark ähnelte. Lediglich die Tatsache, dass es gerade unter den in Elbara lebenden Elben –
Elbaran genannt – üblich war, beim Reiten völlig auf das Zaumzeug zu verzichten, stellte einen augenfälligen Unterschied dar.
Die schnellen Vorstöße auf die Flanken trafen das Heer des Kaisers unerwartet. Kaiser Haron, der aus einem rundum vor Pfeilen geschützten und von sechs Pferden gezogenen Kriegswagen heraus das Geschehen verfolgte, war offenbar davon ausgegangen, eine Belagerungsschlacht durch die Hilfe eingeschleuster Agenten und Saboteure gewinnen zu können, die entweder früher oder später den Königspalast hätten erobern oder wenigstens eines der Stadttore hätten öffnen können. Aber diese Rechnung war nicht aufgegangen.
Seine stärkste Waffe waren die Katapulte, doch ausgerechnet die waren von den Verteidigern durch die Salven der Einhandschützen nahezu lahmgelegt worden. Selbst wenn es gelang, die Schlacht auf freiem Feld zu gewinnen, war es unmöglich, die Katapulte noch nahe genug an die Stadtmauern heranzubringen. Dazu hätte man frische Riesenechsen aus Karanor herbeischaffen müssen, wobei fraglich war, ob überhaupt noch genügend entsprechend dressierte Tiere zur Verfügung standen.
Es war Marshall Pradossak, der Magolas auf den Kriegswagen des Kaisers aufmerksam machte.
»Und woher wisst Ihr so sicher, dass es sich wirklich um den Wagen des Kaisers handelt?«
»Nur er verkriecht sich in so einem Gefährt!«, war Pradossak überzeugt. »Selbst unser König hat uns bis vor zwei Jahren noch persönlich in die Schlacht geführt, werter Prinz, obwohl er das Schwert kaum noch halten konnte! Aber er zeigte, dass er keine Furcht hat, sodass die Soldaten ihm mit mutigem Herzen in die Schlacht folgten. Der Kaiser der Südwestlande aber ist ein Feigling, und sein Heer wird sich auflösen, sobald sich ein Misserfolg abzeichnet!«
»Ich hoffe, Ihr erweist Euch in diesem Fall als Prophet, Marshall Pradossak«, entgegnete Magolas. »Aber was Ihr über die Charakterzüge sagt, die ein Herrscher haben sollte, damit er respektiert wird, so stimmen wir vollkommen überein.«
Pradossak nickte. »Mir graut vor dem Tag, an dem Baltok Krrn XIII. für immer die Augen schließt. Unser Land wird dann einen starken Herrscher brauchen, damit es nicht zerfallt oder zur Beute seiner Nachbarn wird. Und leider sind die Söhne des Königs bereits tot. Und eine weibliche Thronfolge ist bei uns nicht vorgesehen. Ich könnte mir auch nicht vorstellen, dass die Tochter seines späten Glücks dazu in der Lage ist, dieses Land unter ihre Herrschaft zu zwingen. Dazu braucht es jemandem, der deutlich erfahrener ist.«
»Ihr sprecht von Prinzessin Larana.«
Pradossak nickte erneut. »Wenn Ihr nach Elbiana zurückkehrt, dann nehmt sie mit Euch. Gleichgültig, wie lange der König noch lebt oder wer sein Nachfolger wird – sie wäre ständig in Gefahr, ermordet zu werden, denn jeder Usurpator müsste fürchten, dass Larana einen Sohn gebiert, der dann eines Tages Ansprüche auf den Thron erheben könnte. Das sage ich Euch als treuer Gefolgsmann des Königshauses.«
Magolas kam nicht dazu, zu antworten, denn ein Trupp von kaiserlichen Reitern kam nahe genug heran, dass es gefährlich wurde. Pfeile schwirrten hin und her, Armbrustbolzen durchschlugen Brustharnische, und hin und wieder traf auch der mit magischem Gift gefüllte Bolzen eines Einhandschützen sein Ziel.
Dann waren die ersten Angreifer so nahe heran, dass es zum Nahkampf kam. Einige preschten einfach in die Reihen der Elbenschützen, schlugen mit Schwertern und Keulen links und rechts um sich und zielten dabei auf die Köpfe ihrer Feinde.
Sie schienen um die schnelle Wundheilung der Elben zu wissen und wollten daher auf Nummer sicher gehen, indem sie ihren Gegnern die Köpfe vom Rumpf trennten oder ihnen die Schädel zertrümmerten. Denn ganz gleich, wie groß die wundersamen Selbstheilungskräfte eines Elben oder die Fähigkeiten eines elbischen Kriegsheilers auch sein mochten, mit abgeschlagenem Kopf oder zerquetschter Gehirnmasse war auch ein Elb nicht mehr zu kurieren.
Waffenklirren und Kampfeslärm erfüllten die Luft.
Todesschreie gellten und mischten sich mit wildem Kriegsgebrüll. Magolas ließ sein namenloses Schwert kreisen.
Mit einer Kombination sehr schnell aufeinanderfolgender Schläge und Stiche wehrte er einen angreifenden Kavalleristen aus der Armee des südwestländischen Kaisers ab. Ein wuchtiger Hieb schlug dem Rhagar schließlich den Kopf von den Schultern. Das Pferd stellte sich auf die Hinterbeine, Blut spritzte aus dem Halsstumpf des geköpften Rhagar-Kriegers, dessen Schwert mit einer ungezielten Bewegung ins Nichts glitt. Dann rutschte er aus dem Sattel, woraufhin das Pferd davonstob.
Der erste Sturmangriff der südwestländischen Kavallerie war recht schnell abgewehrt. Vor allem die Bogen- und Armbrustschützen sorgten dafür, dass der Großteil der Angreifer nie zu nah herankommen konnte, während die Einhandschützen die Order hatten, sich vor allem auf die großen Ziele zu konzentrieren. Schließlich waren die mit magischem Gift geladenen Bolzen sehr kostbar und ließen sich nicht in beliebiger Masse herstellen. Man musste sich also immer gut überlegen, ob ein Ziel auch lohnend genug war, um dafür eines der wertvollen Projektile einzusetzen.
Aber ein Ziel war auf jeden Fall lohnend genug: der Kriegswagen des Kaisers Haron!
Als die Angriffswelle der Südwestländischen verebbt war, ließ Magolas sein Pferd nach vorn preschen. Er gelangte bei Hauptmann Oárandil, dem Kommandanten der Einhandschützen an, und befahl: »Zielt auf den Kriegswagen dort auf dem Hügel!«
»Der ist zu weit entfernt!«, antwortete Oárandil. »Außerdem ist eine Einhandwaffe dafür nicht treffsicher genug. Zumindest nicht auf diese Entfernung.«
»Probiert es! Sagt Euren Schützen, sie sollen diesen Wagen anvisieren! Angeblich soll sich Kaiser Haron darin befinden.
Wenn er tot ist, wäre der Krieg zu Ende, davon bin ich überzeugt.«
Oárandil gab den Befehl weiter. Allerdings war ihm deutlich anzumerken, dass er selbst nicht von dessen Zweckmäßigkeit überzeugt war. Eine ganze Salve wurde abgefeuert, doch kein einziges Projektil traf den Wagen. Dann entbrannten vor dem Hügel Kämpfe zwischen der elbareanischen Kavallerie und dem Feind, und von da an kam es ohnehin nicht mehr in Frage, mit den Einhandarmbrüsten in diese Richtung zu halten, um die eigenen Truppen nicht zu gefährden.
»Hauptmann, gebt mir Eure Einhandarmbrust!«, forderte Magolas.
Oárandil starrte den Königssohn fassungslos an. »Was habt Ihr vor?«
»Keine Fragen! Gehorcht mir!« Magolas streckte die Hand aus, und der Hauptmann gab ihm seine eigene Waffe. »Den Gürtel mit den Bolzen ebenfalls!«, rief Magolas, und Oárandil gehorchte.
»Herr, Ihr seid daran nicht ausgebildet!«
»Ein Hornbläser soll dafür sorgen, dass mir eine Kavallerie-Einheit folgt!«, rief Magolas, dann trieb er sein Pferd vorwärts.
Branagorn sah es. Kurz entschlossen preschte er hinter dem Königssohn her.
Magolas ritt einen weiten Bogen um das Schlachtfeld. Er wollte möglichst unbehelligt zu dem Hügel gelangen, auf dem sich der Kriegswagen des Kaisers befand. Ein Reiter mit dem Wappen der dariianischen Kavallerie, die im Heer der Südwestländischen traditionellerweise immer die schwere Kavallerie stellte, schnitt ihm den Weg ab, und der Dariianer schleuderte seinen Speer. Magolas zügelte sein Ross mit Hilfe seiner Geisteskraft und lehnte sich gleichzeitig zurück, sodass die Waffe haarscharf an seinem Brustharnisch vorbeischrammte, eine deutlich sichtbare Spur hinterlassend.
Aber Magolas griff nicht zur Einhandarmbrust, die er an seinem Gürtel befestigt hatte, zu mühsam und umständlich wäre es in dieser Situation gewesen, einen Bolzen einzulegen.
So schwang er stattdessen das namenlose Schwert und ließ sein Pferd vorpreschen. Klinge traf auf Klinge, Elbenstahl auf südwestländisches Eisen. Ein Hieb brach das Schwert des Dariianers entzwei. Ein weiterer spaltete den Schild des Kavalleristen, und ehe dieser das zweite, kürzere Schwert hervorgerissen hatte, zertrümmerte Magolas ihm den Schädel.
Der Kopfschutz, den der Mensch trug, nutzte ihm nicht viel, die eisenverstärkte Lederkappe hatte dem Elbenstahl nichts entgegenzusetzen. Das Pferd des Dariianers stob davon, während der Tote aus dem Sattel rutschte.
7
»DIES IST MEIN REICH!«
Magolas wischte das blutbefleckte namenlose Schwert an der Satteldecke ab und steckte es anschließend wieder zurück in die Scheide. Er hatte bemerkt, dass Branagorn ihm gefolgt war.
»Ich kann Eure Unterstützung gut gebrauchen, Herzog!«, rief der Königssohn.
»Was habt Ihr vor?«
»Den Kaiser töten!«
»Ihr seid wahnsinnig, das auf eigene Faust zu versuchen!«
»Nein – ich wäre wahnsinnig, es nicht zu versuchen!«
Magolas wandte sich in Richtung des Hauptteils des Elbenheers. Gerade machte sich eine Schwadron leichte Kavallerie auf den Weg, nachdem zuvor ein Hornsignal ertönt war. Sie sollten offensichtlich ihm folgen, so wie er es angeordnet hatte, aber sie würden einige Zeit brauchen, um ihn einzuholen.
Ganz weit entfernt, am Horizont, tauchten nuranische Banner auf. Das waren die Truppen von Herzog Ygolas, die es endlich doch noch zum Schlachtfeld geschafft hatten. Gerade rechtzeitig.
Magolas riss das Pferd herum – diesmal mit dem Zügel, weil er kein Risiko eingehen wollte und seine Gedanken überdies auf andere Dinge konzentriert waren als auf die Lenkung eines Rosses.
Das Tier schoss förmlich davon. Branagorn musste sich Mühe geben, hinter dem Königssohn herzukommen. In einem Bogen erreichten sie schließlich den Hügel. Vereinzelt wurde dort gekämpft; verbissen droschen kleinere Formationen südwestländischer Soldaten auf Aratanier ein. Verbände der Kavallerie aus Elbara kamen den Arataniern zu Hilfe.
Bei dem Kriegswagen befand sich eine kleine Einheit, die dem Kaiser als Leibwache diente, außerdem ein Hornbläser, der vom Hügel aus die Befehle des Kaisers – ganz nach elbischem Vorbild – an die kämpfenden Krieger weitergab.
Magolas ritt in vollem Galopp den flachen Hang des Hügels hinauf. Branagorn war bei ihm.
Ein Pfeil zischte dicht an Magolas vorbei. Er kümmerte sich nicht darum, sondern schoss die Einhandarmbrust ab.
Der Bolzen traf den Kriegswagen. Dessen Schutzwände mit nur schmalen Sichtschlitzen bestanden aus Zedernholz. Kein Pfeil vermochte diesen Schutz zu durchdringen, und selbst Armbrustbolzen blieben in dem weichen Holz stecken, wenn sie aus größerer Entfernung abgeschossen wurden.
Bei einer Einhandarmbrust war die Durchschlagskraft nicht mal so groß wie bei konventionellen Modellen. Der Bolzen drang zu einem Drittel ins Holz ein, aber der feine Mechanismus, der das magische Gift freisetzte, wurde dadurch ausgelöst. Es zischte, das Gift begann seine verhängnisvolle Wirkung zu entfalten. Es brannte sich in das Holz und begann es zu zerstören. Dämpfe stiegen auf. Das Zedernholz verwandelte sich in eine graue Masse, und Schreie gellten aus dem Inneren, während der gesamte Kriegswagen nach und nach zu einem unförmigen grauen Klumpen wurde, zu einer dampfenden Masse, die an dem Geschirr der Pferde hing, bis dieses durchgeätzt war und die Tiere in wilder Panik davonstoben.
Niemand, der sich innerhalb des Wagens befunden hatte, war in der Lage gewesen, diesen früh genug zu verlassen. Offenbar hatten sich durch die Verformungen die Türen sehr schnell verkantet.
Die Wachsoldaten waren konsterniert.
Magolas spannte unterdessen einen weiteren Bolzen in die Einhandwaffe. Dann brach Panik unter den Leibwächtern des Kaisers aus. Ihr Herrscher war Teil einer zusammengeschmolzenen, amorphen Masse geworden und zweifellos nicht mehr am Leben. Und das wurde ihnen nun klar. Das Ende des Kaisers wirkte sich verheerend auf die Moral der südwestländischen Truppen aus. Sie wurden zurückgedrängt, und mehr und mehr gewannen Aratanier und Elben die Oberhand.
Das angreifende Heer löste sich auf. Ganze Abteilungen ergriffen die Flucht. Die Katapulte mussten natürlich zurückgelassen werden, die meisten der Riesenechsen waren durch die Giftbolzen der Einhandschützen getötet worden.
Einige wenige lebten noch und verfielen nun in Raserei. Sie zogen an ihrem Geschirr und liefen Amok, während diejenigen, die sie eigentlich lenken sollen, sich davonmachten.
»Ein einziger Gedanke vermag ein ganzes Heer zu schlagen«, sagte Branagorn von Elbara an Prinz Magolas gewandt. »Und Ihr hattet zweifellos diesen einen, tödlichen Gedanken!«
Magolas hörte die Worte des Herzogs wie aus weiter Ferne.
Er fühlte sich wie in einem eigenartigen Rausch.
Meine Augen!, ging es ihm durch den Kopf. Sie müssen wohl vollkommen von Finsternis erfüllt sein!
Er wandte den Kopf, und an dem Blick, mit dem ihn Branagorn bedachte, erkannte er, dass seine Augen tatsächlich gänzlich schwarz geworden waren.
Magolas hob die Einhandarmbrust. »Wir werden sie durch das flache Norien hindurchtreiben, über das Grenzgebirge hinweg hinein in das Herz der Südwestlande!« Bis ein neuer Kaiser auf dem Thron von Rajar saß, würde das Reich der Südwestlande längst vernichtet sein.
Er wandte sich an Branagorn. »Seht mich nicht so an, Herzog! Ich bin kein Dämon, sondern sorge dafür, dass gerade Euch eine große Sorge genommen wird! Denn wenn die Südwestlande noch einmal erstarken sollten und ihren Einfluss gen Norden ausdehnen, wäre Elbara die erste Provinz, die darunter zu leiden hätte!«
»Hat er mit Euch darüber gesprochen?«, fragte Branagorn.
»Was meint Ihr?«
»Ich spreche von Eurem Vater, dem König. Hat er je mit Euch über das gesprochen, was damals auf Naranduin in der Höhle des Augenlosen geschah?«
Eine Reiterabteilung preschte heran. Es waren Elbareaner –
Menschen, die sich in den Dienst des Elbenherzogs gestellt hatten. Der Kommandant meldete sich bei Branagorn und enthob Magolas einer Antwort.
Das vereinte Heer des Magolas formierte sich neu, ehe es den flüchtenden Verbänden des getöteten Kaisers nachsetzte.
Magolas trieb die einzelnen Kommandanten immer wieder zur Eile an. Sie durften der Gegenseite nicht die Zeit geben, sich ebenfalls neu aufzustellen, was leicht geschehen konnte, wenn ein Nachfolger Kaiser Harons gefunden wurde. Soweit bekannt war, hatte Kaiser Haron einen Sohn, der eigentlich als Haron II. den Kaiserthron hätte besteigen sollen, wäre er nicht in Ungnade gefallen; er war mehr oder weniger verbannt worden als Kommandant eines abgelegenen Stützpunkts in den Bergen, welche die natürliche Grenze zwischen den Südwestlanden und dem Reich Perea bildeten. Es würde Tage oder vielleicht sogar Wochen dauern, bis der junge Haron überhaupt davon erfuhr, dass sein Vater in der Schlacht gefallen und der Kaiserthron vakant war. Und diese Zeit wollte Magolas nutzen, um das Kaiserreich ein für alle Mal in die Knie zu zwingen, sodass es keine Gefahr mehr darstellte.
Was er im Moment am meisten fürchtete, war, dass einer der Heeresführer des toten Kaisers die südwestländischen Truppen unter seinem Kommando vereinigte, um sich Magolas’ Heer entgegenzustellen. Der Elbenprinz war wild entschlossen, es nicht so weit kommen zu lassen.
In Eilmärschen setzte er mit seiner Streitmacht hinter dem Feind her. Kavallerie-Einheiten bildeten die Vorhut, und Magolas führte sie an. Es war für ihn eine Selbstverständlichkeit, als Befehlshaber voranzureiten und seinen Kriegern ein gutes Beispiel zu sein, gleich ob sie nun Rhagar, Elben oder elbisierte Rhagar waren.
Zum ersten Mal erfuhr Magolas, welche Wirkung dieses Verhalten eines Anführers auf seine Truppen hatte. Seine feinen Elbenohren vernahmen, was die Aratanier und Elbareaner abends an den Lagerfeuern sprachen, wenn die Menschen glaubten, unter sich zu sein und dass niemand sonst sie hören konnte. Sie bewunderten ihn dafür, wie tollkühn er auf das Schlachtfeld gestürmt war, um den Kriegswagen des Kaisers zu vernichten. In den Erzählungen wurde daraus ein Kampf zwischen zwei Kriegsherren, ein Kampf zweier Titanen.
»Der Sonnengott muss mit ihm sein«, so sagten sie, und manch einer äußerte die Vermutung, dass es sich bei den Elben vielleicht doch um Lichtgötter handelte, wie ihre Vorfahren geglaubt hatten, und wenn auch nicht alle Elben göttergleich wären, so offenbar doch dieser eine, der die Schlacht durch seinen unvergleichlichen Mut und seine Tatkraft entschieden hatte.
»Habt ihr seine Augen gesehen?«, hörte Magolas einen der aratanischen Offiziere eines Abends am Lagerfeuer sagen.
»Manchmal sind sie für kurze Momente vollkommen schwarz.
Es muss etwas sehr Mächtiges in ihm sei. Ein Lichtgott ist er nicht!«
»Wieso sollten Lichtgötter nicht nachtschwarze Augen haben?«, hielt ein anderer dagegen. »Das Kriegsglück ist auf seiner Seite, und das ist Grund genug für mich, ihm zu folgen!«
Magolas überschritt mit seinem Heer nach zwei Tagen die Grenze nach Norien. Kurz darauf wurden seine Soldaten in Kämpfe mit kaiserlichen Truppen verwickelt. Aber das waren alles nur kleinere Scharmützel. Die große Schlacht war geschlagen. Als Magolas und seine Truppen am dritten Tag die Hauptstadt Nor erreichten, wurden sie von der Bevölkerung jubelnd empfangen. Die südwestländische Besatzung war längst geflohen.
Aber Magolas hatte nur eine kurze Verschnaufpause in Nor eingeplant. Weiter im Westen schloss sich das erklärtermaßen neutrale Reich des Seekönigs von Ashkor und Terdos an.
Dorthin konnten die Truppen des toten Kaisers nicht flüchten.
Es war auch kaum möglich, dass sie einfach die Grenze überschritten und das unbeteiligte Reich durchquerten, um so auf dem kürzesten Weg in das Herzland der Südwestlande zu gelangen.
Es blieb also nur der Weg über das Gebirge, denn auch Magolas war sich sehr wohl bewusst, dass er die Neutralität des Seekönigreichs nicht verletzen durfte, wollte er sich nicht dessen Feindschaft einhandeln. So ließ er die Truppen gen Osten ziehen, bis sie das Gebirge erreichten, das Norien von den Südwestlanden trennte. Dieses Gebirge war auch unter der Bezeichnung »Sadranische Berge« bekannt, denn es grenzte an jenes Gebiet, in dem das Rhagar-Volk der Sadranier zum ersten Mal sesshaft geworden war, nachdem es von den Sandlanden aus das Pereanische Meer überquert und das Zwischenland betreten hatte.
Im Hochland traf man immer wieder auf kleinere Verbände von zurückweichenden südwestländischen Truppen. Das Heer des Kaisers hatte sich nach dessen Tod offenbar beinahe vollständig aufgelöst.
Die größte Schwierigkeit war nicht der Widerstand des Feindes, sondern die Natur. Das Wetter wurde schlechter, und manche der Hochpässe, über die man in die Südwestlande gelangte, waren tief verschneit.
Eine Woche lang dauerte der mühsame Vormarsch in die Hochebene südlich des Gebirges. Schroffe Felsformationen kennzeichneten die Landschaft. Es gab vereinzelte Dörfer und Befestigungsanlagen. Aber der Ruf des Eroberers war Magolas vorausgeeilt, sodass jene Befestigungsanlagen von ihren Mannschaften verlassen worden waren.
Eine weitere Woche verging, bis Magolas’ Truppen schließlich vor den Toren der Hauptstadt Rajar standen – einer uneinnehmbar erscheinenden Bergfestung. Immer wieder hatte man die Grenzen der Stadt erweitert und Felsplateaus und -
hänge einbezogen. Die Stadtmauern waren entsprechend erweitert worden.
Das magische Gift der Einhandarmbrustschützen vermochte Holz aufzulösen, wie sich beim Kriegswagen des Kaisers gezeigt hatte, aber keinesfalls eine Mauer aus Stein; dagegen war diese Waffe machtlos.
Um Rajar zu erobern hätte man schwere Katapulte gebraucht, die man allerdings nicht über das Sadranische Gebirge transportieren konnte. Und Reboldirs Zauber anzuwenden, um über der Stadt große Gesteinsbrocken herabregnen zu lassen, war aufgrund der gegenwärtigen spirituellen Schwäche der Magier und Schamanen kaum möglich; mit einem Hagelschauer von Kieselsteinen oder Gesteinsbrocken, die sich bereits wieder auflösten, bevor sie den Boden erreichten, weil sie einfach nicht genug Substanz gewannen, machte man sich eher lächerlich. Magolas hatte sich von vornherein nicht auf die Künste der Magiergilde und des Schamanenordens verlassen wollen und daher nur wenige Mitglieder dieser beiden Gruppen auf seinem Kriegszug mitgenommen. Und die beschränkten sich dann auch darauf, kleinere Probleme zu lösen, wie zum Beispiel einen kurzfristigen Engpass bei Gewürzen, Unruhe bei den Pferden, oder sie reduzierten das Kälteempfinden der Soldaten beim Überqueren der Sadranischen Berge.
Davon abgesehen stand Magolas der größte Meister in der Anwendung von Reboldirs Zauber nicht zur Verfügung: sein Bruder Andir! Es war kaum anzunehmen, dass er seine selbst gewählte Isolation in den Bergen Hoch-Elbianas aufgeben würde, um für das Heer der Elben die Befestigungsanlagen der südwestländischen Hauptstadt zu zerstören.
»Was werdet Ihr tun?«, wandte sich Marshall Pradossak an Magolas. »Ihr könnt entweder hier bleiben und Euch auf eine lange Belagerung einstellen oder weiterziehen und den Rest des Landes erobern. Dabei würdet Ihr Rajar zunächst unbeachtet lassen und darauf vertrauen, dass sich die Stadt ergibt, wenn Euch der Rest des Landes gehört.«
»Und wie wäre es mit einer dritten Möglichkeit?«, mischte sich Herzog Branagorn von Elbara ein. Sie befanden sich am Fuße der schroffen Felsmassive, auf denen Rajar errichtet war und die allein schon einen natürlichen Schutz gegen Angreifer darstellten.
Magolas wandte sich dem Herzog zu. »Ich bin gespannt auf Euren Vorschlag, denn bisher habe ich die Alternativen ähnlich wie Marschall Pradossak beurteilt.«
»Ihr könntet anbieten, die Stadt nicht zu plündern, wenn sie sich ergibt. Dann setzt Ihr einen lokalen Vasallen Eures Vertrauens auf den Kaiserthron und schließt mit ihm einen Friedensvertrag, der vorsieht, dass er die Sadranischen Berge nie wieder überschreitet.«
Magolas überlegte kurz, aber dann schüttelte er den Kopf.
»Ihr vertraut den Menschen zu sehr.«
»In Eurem Heer dienen viele Menschen«, gab Branagorn zu bedenken, »Elbareaner und Nuranier, die genauso tapfer für den Sieg gekämpft haben wie Elbaran und Nuran.«
»Und doch unterscheidet Ihr sie bereits in der Sprache von den Elben«, machte ihn der Prinz aufmerksam. »Ihr bezeichnet nicht alle Einwohner Eures Landes gleich, und so ist es auch in Nuranien. Es gibt keinen Begriff, mit dem zugleich alle Einwohner des Landes gemeint sind. Ein Nuran bleibt ein nuranischer Elb, ein Nuranier ein nuranischer Rhagar.«
»Irgendwann, mein Prinz, wird die Mehrzahl der Bewohner Elbaras und Nuraniens aus Menschen bestehen«, prophezeite Branagorn. »Sie sind fruchtbarer als wir, und trotz der Tatsache, dass sie sehr früh sterben, werden sie allmählich zahlreicher und überflügeln uns. Vielleicht wird eines Tages sogar ein Mischvolk entstehen, wer weiß? Wie man hört, Prinz Magolas, seid Ihr einer der Ersten, die dies ausprobieren möchten.«
Magolas schaute Branagorn daraufhin missmutig an, doch dann erkannte er an dessen Gesichtsausdruck, dass seine Worte durchaus nicht als Provokation gedacht gewesen waren. Er hatte nur ein weiteres Argument vorbringen wollen in seiner Stellungnahme für das Menschengeschlecht.
Magolas entschied, erst einmal in der Nähe Rajars zu verweilen und die Stadt zu isolieren. Ob dies der Beginn einer regelrechten Belagerung war, wusste Magolas noch nicht. Es hieß, dass die Rajari, wie man die Einwohner der Hauptstadt nannte, sehr unabhängig seien, da über ein unterirdisches Bewässerungssystem das Wasser mehrerer Quellen in die Stadt geleitet wurde. Wasser hatte man auf diese Weise stets genug, es sei denn, es gelang den Elben, dieses Bewässerungssystem zu zerstören. Doch das lag nicht in Magolas’ Absicht. Die Vorratslage in Rajar hingegen konnten die Elben nicht beurteilen, doch nahm man an, dass die Ressourcen der Stadt für mindestens ein halbes Jahr reichten.
Andererseits war Rajar aufgrund seiner Lage von hoher strategischer und vor allem von symbolischer Bedeutung. Dort stand der Kaiserthron. Wer in Rajar regierte, war traditionellerweise der Herrscher über die Südwestlande, und das schon lange bevor die Rhagar dieses Gebietes einen Kaiser über sich erhoben hatten.
Aber möglicherweise ließ sich mit den Rajari auch eine Verhandlungslösung finden. Dazu musste man allerdings erst einmal in Erfahrung bringen, wer gegenwärtig in Rajar die Macht innehatte.
»Habt Ihr Euch eigentlich schon mal überlegt, was Ihr mit den eroberten Ländern tun werdet, Prinz Magolas?«, fragte Herzog Branagorn. »Norien könnte dem Reich von Aratan wieder einverleibt werden, dem es ja vor der Eroberung durch Kaiser Haron schon mal angehörte. Aber was ist mit den Südwestlanden selbst? Wollt Ihr sie als Ganzes bestehen lassen oder unter Sadraniern, Dosäern und Dariianern aufteilen?«
»Möglicherweise wollen sogar die Rajari unabhängig werden und ziehen es vor, auf eigenen Füßen zu stehen«, meinte Marshall Pradossak. »Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass all diese Eroberungen einfach wieder aufgegeben werden sollen. Wenn man sie nicht sich selbst überlässt, wird jemand sie beherrschen müssen. Aber dies sollte nicht der greise König der Aratanier sein, der dem Tod bereits näher als dem Leben ist.«
»Nein, das gewiss nicht«, murmelte Magolas. Er hatte auch in dieser Sache noch keinen Entschluss gefasst. Zumindest keinen, der offiziell verkündet worden wäre. Aber es kristallisierte sich bei ihm ein Gedanke heraus, eine Idee, die ihm schon gekommen war, als er mit seinem Heer die Sadranischen Berge überschritten hatte.
Dies könnte sein Reich werden, ging es ihm durch den Kopf, und er fand, dass es eigentlich keinen Grund gab, weshalb er es nicht seinem Vater – wenn auch unter veränderten Rahmenbedingungen – gleichtun und sich ein eigenes Reich schaffen sollte!
8
AUGEN IM DUNKELN
Keandir bemerkte eine Bewegung im dichten Gebüsch. Fast vollkommene Dunkelheit herrschte dort, doch mit seinen scharfen Elbenaugen registrierte er die Bewegung dennoch, und mit seinem Elbengehör konnte er das Atmen einer Kreatur vernehmen; er spürte sogar den feinen Luftstrom im Gesicht.
Dann eine weitere Bewegung. Diesmal nicht mehr zurückhaltend und vorsichtig, sondern kraftvoll und explosiv.
Was immer dort in der Dunkelheit gelauert und das Lager der Elben und Zentauren beobachtet hatte, es sprang urplötzlich aus seinem Versteck hervor. Es war zu dunkel, um etwas Genaueres ausmachen zu können, aber instinktiv wich Keandir zurück und riss Schicksalsbezwinger zur Abwehr hoch.
Etwas Metallisches klirrte gegen seine Klinge. Eine Vielzahl schnell hintereinander ausgeführter Schläge folgte und dazu das Keuchen eines Atems, der nicht allzu viel Körpervolumen verriet.
»Haltet ein!«, rief Keandir. »Zwingt mich nicht dazu, Euch zu töten – wer auch immer Ihr sein mögt!«
Zumindest die Größe des in der Nacht fast unsichtbaren und offenbar sehr leichtfüßigen, schnellen Gegners wurde für Keandir erkennbar. Ein Kind, dachte er als Erstes.
»Schluss jetzt, Ihr seid umstellt!«, rief Mirgamir.
Das Wesen wirbelte herum und schien die Aussichtslosigkeit seiner Lage zu erkennen. Es war eingekreist von Elbenkriegern, die sich von verschiedenen Seiten näherten.
»Kommt mir nicht zu nahe!«, sagte eine Stimme, die ein Höchstmaß an Furcht verriet. Sie sprach ein etwas akzentbeladenes Elbisch, das in Wortwahl und Satzstellung eigenartigerweise recht altertümlich klang. »Ich warne Euch!
Ich bin durchaus im Stande, mich zu wehren!«
Er sprach wie ein Athranor-Geborener, ging es Keandir durch den Sinn. Von der Größe her war dieses Wesen ein Kind, aber die Stimme entsprach von ihrer Tonlage her der eines erwachsenen Elben.
»Es wird Euch niemand etwas tun, nur steckt Eure Waffe weg und verletzt niemanden damit!«, sagte Keandir. »Sonst sind wir gezwungen, uns zu wehren!«
»Und bedenkt, dass Euch keine Chance bleibt, Euch davonzumachen!«, ergänzte Mirgamir.
»Da kennt Ihr mich schlecht!«, entgegnete der Kleine.
Keandir versuchte das Geschöpf zu beruhigen, indem er sagte: »Kommt ans Feuer! Die Nacht ist kalt, und vielleicht habt Ihr sogar Hunger.«
»Aber es rührt mich niemand an!«, forderte der Unbekannte.
»Und ich werde auch nicht gefesselt!«
»Kein Gedanke!«
»Sollte es jemand versuchen, wird er es bereuen! Gegen mein Rapier kommt Ihr mit euren plumpen Klingen nicht an. Ich wäre durchaus in der Lage, einige von Euch ungehobelten Gesellen mit in den Tod zu nehmen, bevor Ihr es schaffen könntet, mir den Garaus zu machen!«
Der kleine Kämpfer mit dem Rapier steckte seine Waffe weg, ließ sich von Keandir und den anderen Elben, die ihn eingekreist hatten, in die Mitte nehmen und zu einem der Lagerfeuer führen. Im Schein der Flammen konnte Keandir die kleinwüchsige Gestalt genauer betrachten. Sie glich einem ausgewachsenen Mann, war allerdings nur halb so groß wie ein durchschnittlicher Elb. Die Ohren waren spitz und stachen durch das gelockte, ungebändigte Haar.
Sogleich bildete sich ein interessierter Kreis um den Kleinen.
Auch einige Zentauren waren darunter.
»Ein Halbling, wie er im Buche steht – oder besser gesagt: wie die Legenden über ihn berichten!«, stellte Sokranos fest.
»Wer seid Ihr?«, fragte Keandir.
Der kleine Mann deutete eine Verbeugung an. »Mein Name ist Jay Kanjid, und ich stamme aus der ruhmreichen Familie Kanjid in Pondia, der Hauptstadt des Reiches der Halblinge in Osterde. Und Ihr seid, wenn ich mich nicht irre, Angehörige des Elbenvolks.«
»Ich bin der König dieses Volks«, erklärte Keandir.
»So zieht Euer Schwert, damit sich das erweisen kann!«
»Eigentlich seid Ihr in der Position, Euch erklären zu müssen, und nicht ich. Aber ich will Euch den Gefallen tun, werter Jay Kanjid.«
»Ich würde es bevorzugen, wenn Ihr mich nur mit dem Vornamen ansprecht. Die Nennung des vollständigen Namens hat für uns Halblinge einen herablassenden Unterton!«
»Bei mir mit Gewissheit nicht, denn von Eurem Land kenne ich weder die Einwohner noch ihre Sitten. Alles, was mir bisher über Osterde zu Ohren kam, waren Gerüchte und sich widersprechende Geschichten, die man sich über die Gebiete östlich von Hocherde erzählt.«
»Gebiete, die ich wie meine Westentasche kenne«, erklärte Jay Kanjid. »Doch nun zieht Euer Schwert, damit ich sehen kann, ob Ihr die Wahrheit gesprochen habt!«
Keandir zog Schicksalsbezwinger hervor. Jay Kanjid aus Pondia näherte sich ihm. Er streckte vorsichtig den Zeigefinger nach der Klinge aus und strich über die Bruchstelle, an der das Schwert während des Kampfes gegen den Furchtbringer auf der Insel des Augenlosen Sehers geborsten war. »Wahrlich, Ihr seid es! Ihr tragt das Schwert mit dem Namen Schicksalsbezwinger!«
»Woher wisst Ihr davon?«
»Man erzählt sich Geschichten über Euch und Eure Taten.
Und Euer Schwert spielt darin eine gewichtige Rolle.«
»Ich nehme an, in diesen Geschichten kommen wir Elben nicht allzu gut weg, weil es wahrscheinlich Rhagar waren, die sie verbreiteten, und zwischen Rhagar und Elben herrschten bekanntermaßen nicht immer freundschaftliche Bande.«
»Ich kenne auch die elbische Sicht der Dinge. Wir Halblinge lernen gern alle Standpunkte kennen, die man zu einer Sache einnehmen kann. Die Blaulinge von Maduan sind der Meinung, dies sei der Grund für das besondere Talent der Bewohner Osterdes, Sprachen zu erlernen.«
»Maduan?«, echote Siranodir mit den zwei Schwertern. »Ich habe diesen Namen noch nie gehört.«
»Ein Land östlich von Hocherde«, erklärte der Halbling,