Die Könige der Elben, Zweiter Band der Elben-Trilogie

Alfred Bekker · Kapitel 3 von 4 · Teil 1/4

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Die Könige der Elben, Zweiter Band der Elben-Trilogie

»Ihr müsst die besondere Magie, die sie…

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.

»Ihr müsst die besondere Magie, die sie umgab, doch auch gespürt haben.«

»Das schon…«

»Sie sind es gewesen, da gibt es für mich keinen Zweifel!«, behauptete Keandir.

»Wäre es nicht denkbar, dass wir einer Täuschung unterlegen sind?«

»Wer sollte so etwas tun? Und vor allem: Wer sollte über die nötigen magischen Mittel verfügen, um das zuwege zu bringen?«

»Ich weiß es nicht«, gestand Siranodir. »Ich weiß nur, dass es keinen Sinn machen würde, wären wir hier auf Eldran gestoßen. Unsere Schamanen bemühen sich seit dem Tod Brass Elimbors vergeblich, mit den Jenseitigen Verbindung aufzunehmen. Und hier, an diesem Ort, laufen sie uns einfach über den Weg? Noch dazu in einem Wald, an dem man vielleicht mit den Geistern von Zentauren rechnen mag, aber nun ganz bestimmt nicht mit den Bewohnern des Reichs der Jenseitigen Verklärung.«

»Eldrana ist nicht an einen Ort in der Welt der Lebenden gebunden«, erinnerte Hauptmann Rhiagon. »Es existiert parallel zu unserer Welt, sodass uns die Eldran überallhin folgen können!«

Siranodir seufzte. »Es hat schon was für sich, die Verstorbenen an einen Ort zu verbannen, wie es die Zentauren tun. Dann weiß man immer, wo sie sind, und wir hätten wohl auch nicht die Verbindung zu ihnen verloren!«

Keandir hörte den beiden nur halb zu. Er schritt auf jene Stelle der Lichtung zu, wo gerade noch ein ganzer Trupp Eldran gestanden hatte. Eldran-Krieger, korrigierte er sich in Gedanken.

Noch spürte er die verblassende Aura ihrer Magie. Mit seinen geistigen Sinnen versuchte er, sie festzuhalten, um mehr über sie zu erfahren, denn dass die Eldran an diesem Ort unvermutet als Krieger auftauchten und offenbar die Trorks in die Flucht geschlagen hatten, war absolut ungewöhnlich. Von den Eldran hatten die Elben in jenen Zeiten, da sie noch mit dem Reich der Jenseitigen Verklärung in Kontakt gestanden hatten, Ratschläge empfangen, aber keine Hilfe während eines Kampfes erhalten. Immerhin waren sie in dieser Existenzform der Welt des Stofflichen völlig enthoben. Ob sie in ihrer eigenen Welt Eldrana noch in der Lage waren, zu agieren, war nicht bekannt; auch Eldran, die vereinzelt den Lebenden erschienen waren, nachdem die Schamanen den Kontakt zu ihrer Sphäre verloren hatten – wie beispielsweise Brass Elimbor –, hatten darüber nie etwas kundgetan. Zumindest war es nicht überliefert worden.

Auch Brass Elimbor war Keandir als Krieger erschienen.

Aber das war in einer bizarren Zwischenwelt gewesen, in einer anderen Sphäre, in der augenscheinlich die Gesetze der Welt der Lebenden nicht galten.

Keandir schritt weiter voran. »Könnte es sein, dass die Trorks so große Angst vor den Eldran hatten, dass sie die Flucht ergriffen?« Er murmelte die Frage, statt sie laut auszusprechen, und er hatte sie auch eigentlich eher an sich selbst gerichtet.

Siranodir hatte ihn trotzdem verstanden. »Vielleicht haben sie bereut, dass sie sich von uns abgewandt haben.«

»Wir hatten immer angenommen, das Interesse der Eldran an unserer Welt wäre ebenso erloschen wie das der Namenlosen Götter«, sagte Keandir. »Aber das scheint ein Irrtum gewesen zu sein…«

Ein tiefes Unbehagen machte ihm zu schaffen. Er war stehen geblieben, stand in Gedanken versunken da, erspürte die letzten Reste der magischen Aura, die von den Eldran ausgegangen war. Eine Aura der Zeitlosigkeit und der Kälte.

Und des Todes, dachte er. Aber nicht mehr der Gleichgültigkeit. Keandir verlor für einige Augenblicke das Gefühl für den Verlauf der Zeit. Bilder, Gedanken, Worte, der Klang von Stimmen – all das wirbelte kaleidoskopartig durch seinen Kopf, in dem er mehr Fragen fand als Antworten. Dann fühlte er, wie der letzte Rest der magischen Aura endgültig verblasste.

Die Stimme Siranodirs holte ihn wieder in die Gegenwart und die Welt der Lebenden. »Herzog Isidorn und das Heer warten auf Euch, mein König…«

»Ja, ich weiß…«

»Auf Euch und Eure Befehle.«

Die Hand des Königs legte sich um den Griff seines Schwerts. »Wir folgen ihnen nach Wilderland!«, sagte er entschlossen. Und es war nicht eindeutig, ob er damit die Trorks oder die Eldran gemeint hatte.

ZWEITES BUCH

ZWEI KÖNIGE

Magolas aber erkannte, dass das Reich seines Vaters nicht sein Reich war. Und es drängte ihn, sich sein eigenes zu schaffen. Wer hätte ahnen können, dass er einst ein König werden würde, dessen Macht so groß war, dass selbst Keandir von Elbiana davor zittern musste!

Das Ältere Buch Keandir

Doch König Keandir kehrte nicht nach Elbenhaven zurück.

Jeden Tag stand Königin Ruwen an den Zinnen des Westturms und blickte hinaus auf die See. Aber der Name des königlichen Flaggschiffs blieb eine trügerische »Hoffnung«.

Ihr wurde das Herz schwer, als ein Bote die Nachricht überbrachte, dass die »Tharnawn« wohlvertäut im Hafen von Turandir liege und der König mit seiner Streitmacht losgezogen sei, um die Trork-Invasoren zu vertreiben. Wochen sammelten sich zu Monaten, und die Abwesenheit von König Keandir lastete schwer auf dem königlichen Hof. Da sich aber bezüglich der Rhagar Entscheidungen nicht länger aufschieben ließen, fasste der Kronrat den Entschluss, nicht auf die Rückkehr des Königs zu warten. Keandir blieb verschollen, und es ging alsbald das Gerücht um, dass er mitsamt seiner Streitmacht von den Trorks erschlagen worden sei, als er ihnen in das von urtümlichen Geschöpfen bevölkerte Wilderland gefolgt war. Andere wiederum behaupteten später, ihm seien die Eldran erschienen und er sei angesichts der Dunkelheit in seiner eigenen Seele der Faszination ihrer vollkommenen Reinheit erlegen und habe sich daher bereitwillig von ihnen nach Eldrana entführen lassen…

Das Jüngere Buch Keandir

Die Zeit ist eine Illusion, sagen die Weisen der Elben –

vielleicht weil sie im Überfluss davon haben, und alles, was man im Überfluss hat, weiß man nicht angemessen zu schätzen. Aber als Magolas in Liebe zu einer schnell sterblichen Rhagar-Frau entflammte, erfuhr er, wie kostbar die Zeit ist, wenn die Namenlosen Götter in ihrem hartherzigen Ratschluss einem davon nicht genug zugeteilt haben. Wie verfluchte der Königssohn sie. Aber er musste einsehen, dass er etwas Kaltes, Unbeteiligtes verfluchte, taub gegenüber den Wehklagen und Flüchen der Lebenden. Ebenso gut hätte er den Kosmos selbst anklagen können. Es schien keine Instanz zu geben, die sich für diese Ungerechtigkeit zuständig fühlte, kein Gericht, vor dem er sein Recht auf Glück hätte einklagen können, und kein Schicksal, das es für ihn vorherbestimmt hätte.

So blieb ihm nur eins. Das zu tun, was auch sein Vater Keandir getan hatte: sich sein eigenes Schicksal zu schaffen, ohne Rücksicht darauf was andere für unabwendbar oder naturgegeben halten mochten.

Die Verbotenen Schriften

(früher bekannt als: Das Buch Branagorn) In seinen Träumen hatte Magolas das Gesicht der Rhagar-Prinzessin Larana von Aratan gesehen, lange bevor er ihr begegnet war, zu einem Zeitpunkt, da das kurze, flüchtige Leben der Prinzessin noch nicht einmal begonnen hatte. Noch bevor Laranas unruhig flackerndes Lebenslicht durch ihre Geburt entzündet wurde, war daher das Feuer ihrer Liebe bereits entflammt.

Das Buch Magolas In jenen Tagen stand häufig gebratene Taube auf dem Speiseplan, denn die Gesänge der Königin Ruwen waren so traurig, dass die empfindlichen und sehr mitfühlenden Tiere in großer Zahl tot von den Dächern fielen. So lehrte mich das Wehklagen der Königin letztlich immer neue Varianten bei der Zubereitung dieses Vogels, und niemand, der in jener Zeit im Palas auf Burg Elbenhaven beim Bankett saß, hat sich je über die Eintönigkeit der Küche beklagt.

Die Chronik des Hofkochs Bisandir

1

LARANA

Monate waren vergangen, seit König Keandir mit der

»Tharnawn« von Elbenhaven ausgelaufen war, um einen Feldzug gegen die Trork-Invasoren zu führen, die die nördlichen Herzogtümer bedrohten.

Ruwen, die tagtäglich an den Zinnen des Westturms stand und hinaus auf das Meer blickte, wusste nur zu gut, dass dieser zeitliche Rahmen sie eigentlich noch nicht hätte beunruhigen dürfen. Es war Glück gewesen, dass Elbiana so lange Zeit vom Krieg verschont geblieben war und daher nicht die Notwendigkeit bestanden hatte, dass sich der König in den äußeren Provinzen des Elbenreichs mit Eroberungsversuchen von Barbaren herumschlagen musste, mochten dies nun Rhagar, Trorks oder irgendwelche anderen kriegerischen Geschöpfe sein. Sie waren vom Schicksal verwöhnt gewesen, ging es Ruwen durch den Kopf.

Sorgen machte der Königin etwas anderes. Der letzte Bote, der auf dem Landweg über Mittel-Elbiana den Hof von Elbenhaven erreicht hatte, hatte davon berichtet, dass die nordbergische Stadt Turandir dank des Einsatzes von Keandirs Streitmacht gerettet worden war und der König die wilden Horden der Angreifer in die nördlichen Wälder des Waldreichs verfolgt hatte, vielleicht sogar bis nach Wilderland. Aber danach war nichts mehr über sein Schicksal bekannt, und Gleiches galt für Herzog Isidorn, der den König mit dem Hauptteil seiner Truppen begleitet hatte.

Von Turandir ausgesandte Kundschafter hatten die Spuren einer Schlacht gefunden, die an der Grenze des Waldreichs und den südlichsten Hängen Nordbergens stattgefunden hatte, aber weder den Leichnam des Königs noch den des Herzogs von Nordbergen entdeckt. Weiter hatten sich die Kundschafter nicht vorgewagt, denn sie fürchteten sich angesichts der enormen Zahl von erschlagenen Trorks, die sie vorfanden und die ihnen einen Eindruck davon gaben, wie groß die Masse der Invasoren tatsächlich sein musste.

Seitdem hatte niemand mehr etwas von König Keandir und den Seinen gehört, und schon machten die merkwürdigsten Gerüchte die Runde. Tatsache blieb jedoch, dass Keandir bisher nicht zurückgekehrt war und sein Schiff im Hafen von Turandir am Quellsee des Nur sicher vertäut war.

Der aufkommende Westwind strich Königin Ruwen durchs Haar und trocknete die Tränen, die sich in ihre Augen gestohlen hatten. Manchmal hatte sie sich ihrem königlichen Gatten auch während seiner Fahrt nach Turandir sehr nahe gefühlt und eine enge geistige Verbindung gespürt. Ein Gefühl, das ihr die Sicherheit gegeben hatte, dass ihr geliebter Kean noch lebte. Dann waren da Gefahr und Sorge gewesen, die diese geistige Verbindung ihr vermittelt hatte, und teilweise sogar Verzweiflung. Sie hatte versucht, ihn aus der Ferne zu begleiten, ohne dass sie wirklich genau hätte sagen können, was ihm widerfahren war oder vor welchen Schwierigkeiten er bei der Erfüllung seiner Königspflichten stand.

Es war das erste Mal seit der Schlacht an der Aratanischen Mauer, dass sie für längere Zeit getrennt waren, und sie hatte dieser Fahrt mit Unruhe und Unbehagen entgegengesehen.

Aber die Tatsache, dass die innere Verbindung zwischen ihnen stärker war denn je und dass vor allem auch die Entfernung dabei nicht die geringste Rolle zu spielen schien, hatte sie beruhigt und ihr Kraft gegeben. Kraft und die Gewissheit, dass Keandir zu ihr zurückkehren würde.

Aber irgendetwas störte nun diese Verbindung. Sie konnte nicht sagen, was es war, aber da schien auf einmal eine Barriere zu sein, die ihre geistigen Sinne abschirmte. Das war der eigentliche Grund ihrer Sorge.

Sie vernahm Schritte. Jemand kam die Treppe zur Burg hinauf. Magolas… Sie erkannte ihren Sohn sofort. Als er sie erreichte, hätte sie sich nicht umzudrehen brauchen, aber sie tat es dennoch. Das Gesicht des Königssohnes war ernst.

»Du hast mit Prinz Sandrilas gesprochen«, stellte sie fest. Sie konnte es seinem Blick ansehen.

Magolas nickte. »Ja, und er ist der Meinung, dass die Zeit gekommen ist, eine Entscheidung zu fällen – auch ohne den König.«

»Es sind nur ein paar Monate vergangen, seit er Elbenhaven verlassen hat«, hielt Ruwen dagegen. »Mein Sohn, das ist doch eine nahezu lächerlich kurze Zeit!« Dies widersprach zwar ihrer eigenen Empfindung, entsprach aber objektiv den Tatsachen, und vor allem widerstrebte es ihr einfach, dass wichtige Entscheidungen ohne den König getroffen werden sollten. Das vermittelte ihr das Gefühl, man habe ihn aufgegeben, und das, ohne dass wirklich ein Grund dafür bestand. Den Umstand, dass sie die geistige Verbindung zu ihm verloren hatte, behielt sie für sich.

»Sandrilas ist der Meinung, dass wir unsere Zeitvorstellung der der Rhagar anpassen müssen, wenn es um die Politik geht.

Sonst haben wir keinen Einfluss auf sie und können einen neuen Krieg weder vermeiden noch gewinnen.« Magolas sprach mit einer Entschlossenheit, die Ruwen im ersten Moment erschreckte. In manchen Momenten erinnerte Magolas sie immer mehr an Keandir und an dessen Energie und Willenskraft, mit denen er Elbiana seinerzeit gegen alle Widerstände errichtet hatte. Wie schwer musste es für Magolas sein, nicht Herrscher eines eigenen Reiches zu sein, bis sein Vater starb oder des Herrschens überdrüssig wurde, überlegte Ruwen, und das nicht zum ersten Mal.

»Meinst du nicht, dass man noch etwas warten sollte, Magolas?«

»Die Lage im Süden spitzt sich zu, Mutter. Und vor allem ist zu bedenken, dass der König von Aratan inzwischen ein für die Verhältnisse der Rhagar sehr hohes Alter erreicht hat und sich kaum noch mehr als ein paar flüchtige Augenblicke vom Leben erhoffen darf.«

»So schließen wir das Bündnis mit seinem Nachfolger«, erklärte Ruwen.

»Seine männlichen Erben sind alle im Krieg gegen den Kaiser der Südwestlande gefallen. Wenn der jetzige König stirbt, wird es Thronstreitigkeiten geben, und mit demjenigen, der als Sieger aus diesen Streitigkeiten hervorgeht, werden wir vielleicht kein Bündnis schließen können.«

Ruwen hatte an den Zusammenkünften des Thronrates, bei denen dieses Thema besprochen worden war, durchweg teilgenommen und sah die sachliche Notwendigkeit einer schnellen Entscheidung durchaus ein. Aber ihr Gefühl sträubte sich dagegen. »Ich weiß, dass du im Grunde recht hast, Magolas, aber… gib mir noch etwas Zeit.«

»Was erhofft Ihr, Mutter? Ihr wisst, dass das Bündnis mit Aratan eine Notwendigkeit ist – warum also das Unvermeidliche aufschieben und damit wertvolle Zeit vergeuden?«

»Für uns Elben war die Zeit nie wertvoll.«

»In diesem Falle aber ist sie es. Warum warten?«

»Aus Respekt vor dem König!«

»Bezeugen wir nicht unseren Respekt vor dem König, indem wir alles tun, um sein Reich zu erhalten?«

»Natürlich, Magolas…«

»So wären wir keineswegs respektlos, wenn wir in dieser Sache eine Entscheidung träfen. Das Reich der Elben ist von allen Seiten bedroht. Mein Vater kämpft gegen die Trorks, und ich gebe es zu, dass ich wütend darüber war, hier zur Untätigkeit verdammt auf Burg Elbenhaven bleiben zu müssen. Aber vielleicht hat es das Schicksal genau so gewollt.

Vielleicht ist jetzt der Fall eingetreten, für den ich mich hier in den Mauern dieser Burg bereitzuhalten hatte. Denn schließlich wies mich der König an, in seiner Abwesenheit notwendige und unaufschiebbare Entscheidungen zu treffen. Er hätte also keinerlei Grund, gegen mich Groll zu empfinden, so wie auch Ihr keinen Grund habt, mir Respektlosigkeit vor meinem König und Vater vorzuwerfen.«

Die Entschiedenheit, mit der Magolas seiner eigenen Mutter gegenüber auftrat, imponierte ihr insgeheim. Vielleicht war er inzwischen tatsächlich fähig, das zu tun, wozu er geboren wurde, überlegte sie, nämlich im Namen seines Vaters Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu fällen.

Und möglicherweise tat sie ihm Unrecht, indem sie immer noch den kleinen Jungen in ihm sah, den sie einst in ihrem Arm gehalten hatte…

»Wir werden später noch einmal darüber reden«, bestimmte Ruwen.

»Später?«, echote Magolas. Eine gewisse Schärfe in seinem Tonfall konnte er nicht unterdrücken.

»Du wirst es vielleicht nicht glauben, aber ich galt einst als eine Elbin schneller, um nicht zu sagen übereilter Entschlüsse«, entgegnete sie, und mit einem milden Lächeln fügte sie hinzu: »Damit dürfte klar sein, von wem du deine Hast geerbt hast.«

»Übereilte Entschlüsse?« Magolas schien verwundert.

»Wovon sprecht Ihr, meine Königin?«

»Zum Beispiel davon, dass ich mich schon nach kaum einer halben Jahrhunderthälfte dafür entschied, die Gemahlin Keandirs zu werden. Man empfand das innerhalb meiner Familie als unschicklich.«

»Du entstammst dem Haus Torandiris, und das gilt nun mal als besonders traditionell. Oder sollte ich sagen – extrem konservativ?«

Ruwen lächelte und erinnerte sich jenes Augenblicks, da sie Keandir zum ersten Mal begegnet war. »Wir – dein Vater und ich, Magolas – wuchsen auf verschiedenen Schiffen auf und trafen uns das erste Mal auf dem Schiff von Fürst Bolandor, wo ein Fest für die Mitglieder hoher Adelshäuser abgehalten wurde.«

»Ich dachte, die Seereise von Athranor ins Zwischenland wäre eine eher traurige Angelegenheit gewesen, während der sich unzählige Elben über Bord stürzten, weil sie der Reihe nach dem Lebensüberdruss verfielen.«

»Ja, aber bevor wir uns im zeitlosen Nebelmeer verirrten, versuchte sich zumindest ein Teil der Elben durch rauschende Festlichkeiten abzulenken. Nicht zuletzt glaubte man, durch derartige Geselligkeiten den grassierenden Lebensüberdruss abwehren zu können. Erst allmählich hörte das auf, als sich die Tristesse des Nebelmeers wie Mehltau auf unsere Gemüter legte; es fanden kaum noch Feierlichkeiten statt.«

»Ihr habt mir nie davon erzählt, Mutter.«

Ruwen lächelte. Und die tiefe Liebe, die sie nach wie vor für Keandir empfand, leuchtete in diesem Lächeln auf. »Ich will dir sagen, wie es wirklich war, Magolas. Ich will dir sagen, was ich damals niemandem gegenüber zu äußern gewagt hätte, weil man mich dann nicht nur für leichtsinnig, sondern schlicht für verrückt gehalten hätte: In Wahrheit wusste ich bereits in diesem ersten Moment, als mir Keandirs Blick begegnete, dass wir füreinander bestimmt sind. Ich brauchte nicht eine halbe Jahrhunderthälfte, um mich zu entscheiden, denn das hatte ich längst. Ich brauchte diese Zeit, um mir gegenüber einzugestehen, dass ich mich längst entschieden hatte.«

In diesem Moment ging ein Ruck durch Ruwen – in der Ferne war ein Segel aufgetaucht, und im ersten Moment, als sie es sah, dachte sie, dass es vielleicht Keandirs Schiff war, mit dem der König von seiner langen Mission zurückkehrte.

Magolas hatte das Schiff ebenfalls entdeckt. Der Königssohn verengte etwas die Augen und konzentrierte sich. Ja, auf den ersten Blick hätte man es für ein Elbenschiff halten können, da es deren charakteristische Bauweise aufwies, aber wenn man genauer hinsah, konnte das geübte Auge eines Elben, war dieser in der Schiffsbaukunst einigermaßen bewandert, sofort erkennen, dass die Konstruktion und einige markante Merkmale nur kopiert worden waren, und dies in recht grober Weise.

»Das ist kein Elbenschiff«, stellte Magolas stirnrunzelnd fest.

Er trat an die Zinnen des Turms und versuchte weitere Einzelheiten zu erkennen.

»Sind es Rhagar-Piraten?«, fragte Ruwen. Hin und wieder hatte es Probleme gegeben mit Piraten aus dem Reich des Seekönigs, aber da sie der elbischen Marine weit unterlegen waren, trauten sie sich zumindest an die elbianitische Küste nicht mehr heran.

Magolas schüttelte den Kopf. »Wenn mich nicht alles täuscht, ist auf dem Segel… das Wappen des Königs von Aratan zu sehen…« Die letzten Worte murmelte er nur noch, denn er war sicher, genau dies schon einmal in einem Traum erlebt zu haben.

»Es scheint, als wollten die Rhagar aus Aratan ihrem Wunsch nach einem Bündnis mit uns Nachdruck verleihen«, sagte Ruwen.

Magolas zuckte mit den Schultern. »Solange sie das auf diplomatische Weise tun, ist nichts dagegen einzuwenden.«

Vor Magolas’ innerem Auge erschien das Gesicht einer jungen Frau mit dunklen Haaren und meergrünen Augen. Ein Name fiel ihm ein.

Larana…

Wie oft schon hatte er von diesem Gesicht geträumt! Immer wieder. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wann es das erste Mal gewesen war, und er hatte nie weiter darüber nachgedacht.

Dieses Gesicht, dem er in seiner Fantasie den Namen »Larana«

gegeben hatte, war wie die Summe all der glutäugigen Menschenfrauen-Gesichter, derer er bisher ansichtig geworden war, gleichgültig, ob es nun Rhagar-Frauen oder Tagoräerinnen gewesen waren.

Das Schiff näherte sich weiter, und da Ruwen und Magolas es frühzeitig vom Turm aus identifiziert hatten, war es möglich, am Kai von Elbenhaven einen gebührenden Empfang zu organisieren. Ganz gleich, ob es sich nun tatsächlich um den König von Aratan höchstpersönlich oder nur einen seiner Botschafter handelte, der sich auf den weiten Weg gen Norden gemacht hatte – einem potenziellen Verbündeten sollte der gebührende Respekt erwiesen werden.

Um eine ordentliche Zusammenkunft des Kronrates einzuberufen, war allerdings keine Zeit mehr. Ruwen, Magolas und der einäugige Prinz Sandrilas trafen nur kurz im Hauptsaal des Palas aufeinander, wo man nicht ungestört reden konnte, denn ein Heer von Bediensteten war damit beschäftigt, Vorbereitungen für ein Bankett zu treffen. Küchenmeister Bisandir eilte wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Räumlichkeiten des Palas und verbreitete noch ein zusätzliches Quantum an Hektik. All die elbische Gelassenheit, die ihn normalerweise auszeichnete, war von ihm abgefallen, da er nicht daran gewöhnt war, sich so plötzlich auf eine neue Situation einstellen zu müssen.

»Wir werden abwarten, was die Aratanier von uns wollen«, sagte Prinz Sandrilas. »Aber falls sich die Möglichkeit eines Bündnisses ergibt, sollten wir sie beim Schopfe packen.«

»Ja, vielleicht habt Ihr recht, Prinz Sandrilas«, gab Ruwen zu.

»Aber warten wir erst einmal ab.«

Ein Bote stürzte herein und meldete die Ankunft des fremden Schiffs im Hafen.

Magolas, Sandrilas und Ruwen eilten in den Hafen. Dazu waren inzwischen eigens drei schneeweiße Pferde aus den Ställen des Königs gesattelt worden, die ein Diener vor den Stufen des Palas bereithielt.

Als die drei vor der Kaimauer abstiegen, hatte sich dort bereits eine große Menge schaulustiger Elbenbürger versammelt. Ein Rhagar-Schiff, das sich dem Hafen der Hauptstadt Elbianas näherte – das gab es nun wirklich nicht jeden Tag zu sehen, während Schiffe aus den Ländern der tagoräischen Menschen durchaus vertraute Anblicke an den Anlegestellen der Elben geworden waren.

Das Schiff legte an. Es wurde sicher festgemacht, bevor ein Fallreep ausgefahren wurde. Eine eiligst zusammengetrommelte Gruppe von elbischen Hornbläsern setzte zu einer Fanfare an, die aus dem weitgespannten kompositorischen Repertoire von Gesinderis dem Gehörlosen stammte. Männer mit den charakteristischen Lederkappen der Norischen Garde, die seit Langem für die Bewachung der Könige von Aratan zuständig war, gingen von Bord und bildeten ein Spalier, während ihr Offizier vortrat und Haltung annahm. In gebrochenem, aber immerhin verständlichem Elbisch kündigte er den König von Aratan an.

Also doch, ging es Magolas durch den Kopf. Die Tatsache, dass der aratanische König persönlich nach Elbenhaven gekommen war, zeigte, wie sehr das dortige Königshaus bereits in Bedrängnis war. Schließlich ging man mit dieser Reise ein erhebliches Risiko ein. Es war ja nicht ausgeschlossen, dass der Kaiser der Südwestlande sich gerade zu diesem Zeitpunkt entschloss, mit seinen Truppen die norische Grenze zu überschreiten, die nur etwa anderthalb Tagesritte von der Hauptstadt Aratania entfernt war.

Auch musste man damit rechnen, dass möglicherweise kaiserliche Agenten nach Aratania eingesickert waren und versuchten, einen Staatsstreich zu inszenieren – etwa, indem sie die Unzufriedenheit unter den Offizieren der Norischen Garde schürten.

Wenn der aratanische König also nach ein paar Wochen der Seereise und des Aufenthalts in Elbenhaven nach Aratania zurückkehrte, konnte es gut sein, dass sein Thron bereits besetzt war.

Doch die Lage, in der sich sein Königshaus und sein Land befanden, ließ ihm wohl keine andere Wahl.

Ein weißhaariger Mann trat mit unsicheren Schritten über das Fallreep. Er trug das Lederwams eines Kriegers, reich verziert mit den Wappen und Ehrenzeichen des aratanischen Heers, die an die Kämpfe erinnerten, die er bereits bestanden hatte.

Kriege, die ihm unterm Strich jedoch kaum einen Nutzen gebracht hatten. Als junger König von zwanzig Jahren hatte er Norien erobert – als altem Mann von über neunzig war ihm dieses Land vom Kaiser der Südwestlande wieder weggenommen worden. Und ganz ähnlich war es ihm auch mit der eigentlich zum Land Hocherde gehörenden Stadt Karia ergangen, die er für dreißig Jahre seinem Reich hatte einverleiben können, ehe eine Bande gnomenhafter Barbaren aus den Schluchten von Hocherde gekommen war, und sie ihm wieder abgenommen hatte. Die Erträge der Silber- und Salzminen in der gebirgigen Umgebung der südlichen Hocherde flossen daraufhin nicht mehr nach Aratania und vermehrten dort den Reichtum. Das hatte in den letzten Jahrzehnten die Kriegskasse des Königs natürlich erheblich geschmälert. Die Gerüchte über Unruhen unter den Offizieren der aratanischen Armee wegen gekürzter Soldzahlungen waren bis nach Elbenhaven gelangt.

Ein Leben voll vergeblicher Mühen, dachte Ruwen, als sie den alten König sah, dem das Kriegswams inzwischen viel zu groß geworden war, sodass es von den herabfallenden Schultern hing. Er stützte sich auf ein breites Schwert in einer reich verzierten Scheide, die nicht am Gürtel befestigt war.

Eigentlich ein Zeichen der Macht, ging es Ruwen durch den Sinn. Aber dieser Mann verbarg damit nur die Tatsache, dass er sonst einen Stock gebraucht hätte.

Baltok Krrn XIII. lautete der Name des aratanischen Königs, wobei sich der zweite Namensteil auf das ehrende Angedenken eines Amtsvorgängers bezog, der Aratan in einer Zeit regiert hatte, als sich dessen Herrscher noch als Herzöge bezeichnet und die Elben als Lichtgötter verehrt hatten. Der Herold verkündete indessen sämtliche Namen, Beinamen und Titel seines Herrschers sowie auch deren Herkunftserklärungen. Da er dies in gebrochenem Elbisch tat, war die Bedeutung dessen, was er sagte, nicht immer klar.

Vielleicht würde man Baltok Krrn XIII. einst den Glücklosen nennen, dachte Ruwen. Wer so viel Respekt einforderte, hatte ihn in Wahrheit längst verloren…

Baltok Krrn XIII. folgte eine blutjunge Frau. Ein Tuch verdeckte ihr Haar, und sie hielt den Kopf gesenkt. Auch sie wurde vom Herold vorgestellt. »Dies ist Prinzessin Larana, die jüngste Tochter unseres Königs. Lang lebe die Prinzessin!«

Ein Wunsch, der in den Ohren eines Elben wie Hohn klang angesichts der geringen Lebenserwartung der Menschen. Ob jemand vierzig, sechzig oder gar hundert Jahre wurde, wie es in Einzelfällen bei den Menschen schon vorgekommen sein sollte – diese Zeitspannen lagen elbischen Maßstäben nach nahe am Nichts.

»Lang lebe die Prinzessin!« Dieser Ruf hallte dutzendfach in Magolas Kopf wider, und er erinnerte sich daran, dass dieser Ruf auch in seinen Träumen eine Rolle gespielt hatte, ohne dass es konkret hätte sagen können, welche. Doch als das Sonnenlicht in ihr Gesicht fiel und damit den Schatten unter ihrem Tuch erhellte, erschrak er beinahe.

Sie war es. Da war kein Zweifel möglich. Die Frau, die er in seinen Träumen gesehen hatte.

Hofmarschall Feasóndor – ein relativ junger Elbianiter, der diesen Posten noch nicht lange innehatte – stellte die Gastgeber vor. »Dies ist Prinz Magolas; er vertritt seinen Vater König Keandir, der auf einem Feldzug zur Verteidigung der nördlichen Herzogtümer unterwegs ist…«

Magolas nahm Laranas Hand. Ihrer beider Blicke verschmolzen für einen Moment miteinander. »Es freut mich, Euch zu begegnen, Prinz Magolas.«

Sie sprach in fast perfektem Elbisch. In den gebildeten Schichten Aratans war es durchaus üblich, diese Sprache zu lernen; es gab etwa eine Handvoll Elben, die sich als Sprachlehrer in Aratania oder Cadd verdingten.

»Und ich habe das Gefühl, Euch bereits seit langer Zeit zu kennen, Prinzessin Larana.«

Eine sanfte Röte überzog ihr feingeschnittenes Gesicht. Aber den Blick ihrer Augen senkte sie nicht. Das Feuer, das darin brannte, schlug Magolas vom ersten Augenblick an in den Bann. Was er in ihrem Blick sah, war eine Kraft, erschaffen aus dem unbedingten Willen, all das, was das Leben bieten konnte, in eine unglaublich kurze Zeitspanne hineinzuzwingen.

Mehr als ein Menschenleben lang habe ich auf dieser Burg mit Nichtstun und Warten verschwendet, dachte Magolas, oder mit düsteren Gedanken und dem Hader über mein Schicksal. Aber für diesen Moment hat sich all dies zweifellos gelohnt!

»Wollt Ihr meine Hand auch irgendwann wieder loslassen, werter Magolas?«

»Nicht so bald, ginge es nach mir.«

Sie schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln, und in ihren Augen blitzte es auf eine Weise, die verriet, dass sie keineswegs eine primitive Barbarin war, sondern über Witz und Verstand verfügte. »Da ich weiß, dass der Zeitbegriff unter Euch Elben ein anderer ist als bei uns, muss ich wohl damit rechnen, noch hier von Euch festgehalten zu werden, wenn ich eine alte Frau bin!«

»Ich persönlich hätte nichts dagegen. Und da sich, wie Ihr richtig bemerkt habt, unser Zeitempfinden von Eurem erheblich unterscheidet, wäre das kaum mehr als ein in die Länge gezogener Augenblick, der keinesfalls ausreichen würde, um die Schönheit Eures Antlitzes zur Gänze zu erfassen.«

Ihr Gesicht wurde ernst; sie entzog ihm die Hand. »Von dieser Schönheit bliebe nach diesem in die Länge gezogenen Augenblick nicht mehr viel übrig. Ich glaube, es ist besser, Ihr beschränkt Eure Betrachtung meines Antlitzes auf einen kurzen Moment, wenn Ihr nicht restlos enttäuscht werden wollt!«

»Ich glaube, selbst das Alter könnte mir Euren Anblick nicht verderben, Larana.«

»Ihr seid ein Elb. Ein Lichtgott, wie man früher sagte und vielleicht irgendwann wieder sagen wird, falls sich Euer Reich dazu entschließen kann, das unsere zu retten. Und die Tatsache, dass Ihr ein Elb seid, heißt, dass Ihr gar nicht wisst, wovon Ihr redet, wenn Ihr über das Alter oder die Vergänglichkeit sprecht.«

Während des späteren Banketts saßen Larana und Magolas sich gegenüber, und der Königssohn bemerkte sehr wohl, dass sein Interesse an ihr keineswegs einseitig war; auch sie konnte den Blick kaum von Magolas wenden. Die wechselseitige Faszination war so deutlich zu spüren, dass selbst der über neunzigjährige König Baltok Krrn XIII. davon Notiz nahm und bereits die Stirn runzelte. Mochte der einst starke und kräftige Körper des aratanischen Königs auch nur noch ein Schatten seiner selbst sein, so ließen seine wachen Augen darauf schließen, dass sein Verstand nach wie vor von wacher Intelligenz und hoher Aufmerksamkeit war. Er war durchaus kein Greis, der nicht mehr in der Lage gewesen wäre, die Konsequenzen seiner Entscheidungen zu überblicken.

Welch eine Vergeudung, welch eine Tragik, dass ein noch wacher Geist in einem Körper gefangen war, der dem Tode näher war als dem Leben, ging es Magolas durch den Sinn.

Aber erstaunlicherweise schien in dem alten Mann kein bisschen Bitterkeit zu sein oder Hader mit seinem Schicksal.

Im Gegenteil – dem, was er am Tisch über sich und sein Leben berichtete, konnte man nur entnehmen, dass er sehr dankbar auf die vergangenen Jahrzehnte zurückblickte. Nicht vielen Rhagar war es vergönnt, fast ein Jahrhundert gesund und bei wachem Verstand hinter sich zu bringen. Und so empfand es Baltok Krrn als eine Gnade des Sonnengottes, an den er glaubte, dass ihm dies vergönnt war.

»In meinem Leben bin ich reich beschenkt worden, und ich habe keinerlei Anlass zur Klage«, sagte er. Magolas und Ruwen wechselten dabei einen Blick. Sie hatten zur selben Zeit denselben Gedanken: Wie konnte man für ein so vergebliches Leben, das viel zu kurz war, um auch nur den Bruchteil der Fehler wiederzugutzumachen, für die man verantwortlich war, auch noch dankbar sein? Der Sonnengott, so wollte es Magolas scheinen, musste in dieser Hinsicht ein Minimalist sein, der es schaffte, seine Gläubigen für ein Minimum an Gegenleistung für sich einzunehmen. »Jetzt, am Ende meines Lebens, droht mir Kaiser Haron von den Südwestlanden alles zu nehmen, wofür Generationen meiner Vorfahren gekämpft haben und gestorben sind«, fuhr Baltok Krrn XIII. fort. »Die Sadranier haben ganz Norien dem Erdboden gleichgemacht und damit einen Vorgeschmack für das geliefert, was sie mit Aratania und Cadd machen werden.«

Magolas wusste durchaus, dass mit »Sadranier« die Angehörigen des dominierenden Rhagar-Stammes in den Südwestlanden gemeint waren, dass der Begriff aber oft auch synonym für alle Bewohner der Südwestlande benutzt wurde.

Die Sadranier stellten nicht nur das Kaiserhaus, sie waren zweifellos auch die zahlenmäßig stärkste Gruppe innerhalb des Landes und hatten diesem auch ihren Dialekt als Amtssprache aufgezwungen. Außerdem dominierten sie die Kriegerkaste.

Für viele Sadranier war das Kaiserreich der Südwestlande identisch mit Sadranor, dem Land der Sadranier, was die Angehörigen anderer Rhagar-Völker des Landes natürlich immer wieder aufbrachte – insbesondere die im Süden des Landes an den Ufern des Flusses Dos siedelnden Dosäer, unter denen es deshalb in der Vergangenheit immer wieder Unabhängigkeitsbestrebungen gegeben hatte. Aber auch die im Westen an der Küste des zwischenländischen Meeres in der Umgebung der Stadt Darii sowie in den östlich angrenzenden Bergen siedelnden Dariianer waren keineswegs begeistert davon, wenn man sie als Sadranier bezeichnete, denn wenn sie dem Kaiserreich auch loyal gegenüberstanden, so hatten sie durchaus ihren Stolz.

»Die Sadranier sind ein aggressives Volk«, behauptete der König von Aratan. »Selbst viele Bewohner der Südwestlande empfinden dies so. Zumindest wenn man einen Dariianer oder Dosäer fragt. Wenn Aratan fällt, dann stehen sie vor der Grenze Elbaras.«

»Der Ernst der Lage ist uns durchaus bewusst, und wir haben bereits intensiv über die Möglichkeit eines Beistandspakts gesprochen«, mischte sich Prinz Sandrilas in das Gespräch ein und entzog Magolas damit die Initiative – was diesem durchaus nicht gefiel. Traute ihm der väterliche Mentor des Königs etwa nicht zu, mit den aratanischen Gästen zu verhandeln? Außerdem hatte Magolas das Gefühl, dass Sandrilas das Ergebnis dieser Verhandlungen indirekt bereits vorwegnahm, was die eigene Position auf jeden Fall schwächen musste.

Magolas blickte zu der einäugigen grauen Eminenz des Elbenreichs hinüber. Sandrilas hatte auch in der Vergangenheit schon so manche Fäden aus dem Hintergrund gezogen.

Bestimmt auch mitunter am König und seiner Entscheidungsgewalt vorbei.

Aber Prinz Sandrilas wich mit seinem einzigen Auge dem Blick des Kronprinzen aus. Sicher mit gutem Grund, überlegte Magolas, der sich dafür entschied, seine Gefühle auf keinen Fall nach außen dringen zu lassen. Zumindest nicht in dieser Hinsicht. Was Larana anging, hatte er da weitaus weniger Hemmungen.

»Um es kurz zu machen: Wir benötigen die Hilfe des Elbenreichs«, sagte König Baltok Krrn XIII. »Es fällt mir nicht leicht, diese Schwäche einzugestehen, und die Reise hierher war für mich mit erheblichen Risiken verbunden. Es ist gut möglich, dass ich in dem Augenblick, da ich mein Schiff betrat und den Hafen von Aratania verließ, das Ende meiner Herrschaft einläutete. Aber auf mich allein gestellt hätte ich sie wohl ohnehin verloren, insofern würde ich nichts verlieren, was mir tatsächlich noch gehört. Kaiser Haron hat Mittel zur Verfügung, die den meinen in jeder Hinsicht überlegen sind.

Militärisch, finanziell und was immer Ihr auch sonst ins Feld führen mögt.«

»Seid unsere Gäste, bis wir in dieser Sache eine abschließende Entscheidung getroffen haben, ehrenwerter König«, schlug Magolas vor. »Im Übrigen hatte ich bereits Gelegenheit, mich mit den wichtigsten Aspekten der Angelegenheit zu befassen, sodass Ihr nicht lange werdet warten müssen.«

König Baltok Krrn XIII lächelte matt. »Ihr seht einen alten Mann vor Euch«, erklärte er gedehnt, und seine Stimme bekam erstmals einen brüchigen Klang, der deutlich machte, dass der Herrscher Aratans in keiner Hinsicht noch irgendwelche Reserven vorzuweisen hatte, auch nicht hinsichtlich seiner eigenen Kräfte. Er stand am Ende seines Weges, und das war ihm sehr wohl bewusst. Die Klarheit und Furchtlosigkeit, mit der er seinem eigenen Ende entgegensah, beeindruckte Magolas auf gewisse Weise. Insgeheim dankte er den Namenlosen Göttern dafür, dass sie ihn als Elben niemals vor die gleiche Prüfung stellen würden, die darin bestand, die eigene schnelle Sterblichkeit zu akzeptieren.

»Ich verstehe, was Ihr mit Eurer Äußerung ausdrücken wollt«, sagte Magolas.

Der alte König hob die Augenbrauen. »Wirklich?«

»Wir werden nicht mehr von Eurer kostbaren Zeit beanspruchen, als unbedingt nötig ist.«

Der König von Aratan neigte das Haupt. »Dafür wäre ich Euch ausgesprochen dankbar.«

Später führte Magolas Larana auf den Westturm der inneren Burg von Elbenhaven, von wo aus man einen besonders imposanten Blick auf die Stadt, das Meer und die schneebedeckten Gipfel hatte. Und dies auch bei Nacht –

zumindest wenn der Mond schien.

Längst hatte sich Dunkelheit über alles gelegt. Der Mond war ein großes Oval; nur noch ein paar Nächte, und es war Vollmond. Sein helles Licht wurde von den Schneeflächen an den Hängen der Höhenzüge von Hoch-Elbiana reflektiert, was ein ebenso eindrucksvolles Lichtspiel ergab wie die Widerspiegelung des Mondlichts in der gekräuselten See. In der Stadt herrschte noch Leben. Überall waren Lichter zu sehen und hin und wieder auch Stimmen oder Musik zu hören.

Musik, die für die Ohren der jungen Rhagar-Frau Larana so fremdartig klang, dass sie diese zunächst für Geräusche der Stadt hielt. Magolas hatte ihr lachend erklärt, dass dies die Kompositionen so großartiger Komponisten wie Gesinderis dem Gehörlosen oder Basigornir dem Lauten seien, die allabendlich in den zahlreichen Konzerthallen von Elbenhaven aufgeführt wurden und dort ein gleichermaßen sachkundiges wie begeistertes Publikum fanden.

»Ihr müsst schon entschuldigen«, sagte Larana. »In Euren Augen bin ich eine ungehobelte Barbarin, dies ist mir durchaus bewusst. Aber bedenkt, dass ich gerade einmal zwanzig Jahre zähle – ein Alter, in dem sich viele Elben, wie ich hörte, gerade entschieden haben, ob sie zunächst das Laufen oder das Sprechen zu erlernen gedenken.«

Magolas lachte. »Die Informationen, die Ihr über unser Volk habt, entsprechen nicht ganz den Tatsachen.«

»So?«

»Die meisten von uns wachsen genauso schnell heran wie ihr Rhagar. Hin und wieder kommt es zwar vor, dass einzelne Elben ihre Kindheit oder Jugend extrem ausdehnen oder sich sogar komplett weigern, jemals in den Stand des Erwachsenseins überzugehen. Aber das ist eine seltene Fehlentwicklung, vielleicht sogar ein Krankheitsbild, wenn man nach den Theorien geht, die so manche Heilerschulen dazu entwickelt haben.«

»Aber allein um die Tatsache, dass ihr die Geschwindigkeit eures Wachstums selbst bestimmen könnt, seid ihr Elben zu beneiden«, fand Larana. Kein Tuch verhüllte mehr ihr prächtiges, dunkles und leicht gelocktes Haar, das ihr bis weit über die Schultern fiel. Sie strich sich eine verirrte Strähne aus dem Gesicht. Immer wieder trafen ihre Blicke aufeinander. Der Mond spiegelte sich in diesen Augen und ließ sie auf eine Weise leuchten, die Magolas in ihren Bann zogen.

»Wir sind, was wir sind – ob Elb oder Mensch oder irgendetwas anderes«, sagte Magolas. »Es mag sein, dass wir uns zwischenzeitlich einbilden, unser Schicksal selbst bestimmen zu können. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr erscheint mir das als eine Illusion, die uns vor dem Absinken in die Agonie schützen soll. Eine Lüge, ohne die wir alle der Resignation und dem Lebensüberdruss anheimfielen.«

»Nein, das glaube ich nicht«, widersprach Larana. »Zu behaupten, dass man nichts weiter als ein Spielball höherer Mächte ist, erscheint mir wie eine Entschuldigung der eigenen Untätigkeit. Denn wenn man niemals etwas Großes versucht, dann entgeht man auf elegante Weise der Gefahr des Scheiterns.«

Magolas schwieg und sah sie dabei an.

»Ihr sagt nichts? Vielleicht solltet Ihr das Geschwätz einer Barbarin nicht weiter beachten und es schon gar nicht ihrem Vater bei den anstehenden Verhandlungen negativ anrechnen, Prinz Magolas.«

»Ich bin weit davon entfernt, dies zu tun«, erklärte der Königssohn.

»Warum starrt Ihr mich dann die ganze Zeit über an, als wäre ich eines der exotischen, wundersamen Tiere, die in den entlegenen Regionen des Zwischenlands die Zeiten überdauert haben?«

»Vielleicht aus demselben Grund, aus dem Ihr diese Blicke erwidert, Prinzessin Larana«, gab Magolas zurück.

»Es ist in der Tat seltsam«, sagte sie zögerlich. »Ihr… Ihr habt behauptet, mich schon immer gekannt zu haben, und man könnte das für eine der üblichen Schmeicheleien halten, mit denen anscheinend sowohl bei den Rhagar als auch bei den Elben die Männer eine Frau schneller auf ihr Lager bekommen wollen.«

»Ich versichere Euch, dass dies bei mir nicht der Fall ist.«

»Das ist aber bedauerlich«, erwiderte sie. Ihre Hand berührte leicht seinen Unterarm. Sie trat näher an ihn heran und hauchte: »Zumindest mein Leben ist kurz, und Ihr solltet Euch daher nicht mit irgendwelchen höflichen Lügen aufhalten, Prinz Magolas. Ich sehe so deutlich, was Ihr begehrt, als ob Eure Seele ein offenes Buch wäre. Und da ich es genauso will, ist nichts dagegen einzuwenden.«

»Ich bin überrascht«, gestand Magolas. »Aber was ich sagte, entspricht der Wahrheit. Ich habe Euch bereits zu einer Zeit in meinen Träumen gesehen, da Ihr noch nicht geboren wart.« Er strich ihr vorsichtig über das Haar.

»Als ich Euch unten am Kai zum ersten Mal sah, hatte ich ebenfalls das seltsame Gefühl, Euch schon seit Jahren zu kennen, Prinz Magolas. Alles an Euch schien mir vertraut, obwohl das eigentlich nicht möglich ist. Der Klang Eurer Stimme, die Art, wie Ihr Euch auszudrücken pflegt, und der Ausdruck in Euren Augen…«

»Ich bin froh, dass Ihr diese Empfindung teilt.«

»Und ich hoffe, Ihr teilt auch noch etwas anderes mit mir, mein Prinz. Wo mein Gastgemach ist, wisst Ihr ja.«

2

DAS BLUTBAD

Keandir traf mit seinem Spähtrupp wieder bei Herzog Isidorn und dem Rest des Heers ein. Manche der Spähtrupps waren bereits vorher zurückgekehrt, auf andere wurde noch gewartet.

»Ich bin froh, Euch wohlauf zu sehen«, sagte Isidorn. »Für eine gute Idee habe ich es von Anfang an nicht gehalten, dass sich der König an einer Erkundungsmission beteiligt.«

»Ich benötige keine besondere Schonung«, erwiderte Keandir. »Mit Schicksalsbezwinger in meiner Hand weiß ich mich zu wehren, und dass ich kein besonders ängstlich veranlagter Elb bin, sollte jeder wissen, der mich kennt.«

»Ja, das ist wahr«, murmelte Isidorn. »Ihr macht auf mich den Eindruck, als hättet Ihr die Folgen der Schlacht an der Aratanischen Mauer endgültig überwunden.«

Aber Keandir schüttelte energisch den Kopf, dann glitt er aus dem Sattel und übergab die Zügel seines Rosses einem bereitstehenden Elbenkrieger. Keandir kannte ihn flüchtig. Er hieß Embadon und war ein Mitglied der Einhandarmbrust-Schützengarde unter Hauptmann Rhiagon. »Die Folgen jener Schlacht werde ich erst dann überwunden haben«, sagte er zu Isidorn, »wenn wenigstens die fünf verbliebenen Elbensteine zurück an ihrem Ort sind. Und dieser Ort ist die Hauptstadt des Elbenreichs, Elbenhaven!«

Die verschwundenen Zauberstäbe erwähnte Keandir in diesem Zusammenhang nicht. Er war versucht gewesen, es zu tun, hatte die entsprechenden Worte aber gerade noch im letzten Moment zurückhalten können. Waren diese Symbole einer düsteren, fremdartigen Magie mit den Elbensteinen, die die Reinheit des Elbentums versinnbildlichten, tatsächlich vergleichbar? Oder war das Interesse an diesen Stäben nur eine persönliche Leidenschaft? Keandir vermochte diese Frage nicht eindeutig zu beantworten, und er war im Übrigen der Ansicht, dass dies auch nicht zu den vordringlichsten Aufgaben gehörte.

Keandir sah Herzog Isidorn einen Augenblick mit durchdringendem Blick an. »Wir haben Eldran gesehen«, berichtete er. »Eine ganze Schar geisterhafter Krieger, überstrahlt von einem Leuchten, wie es typisch für die Gefilde von Eldrana und all jene Geschöpfe sein mag, die ins Reich der Jenseitigen Verklärung eingegangen sind.«

Herzog Isidor reagierte sehr ungläubig. Es wurde indessen alles für den Aufbruch fertig gemacht. Der Befehl des Königs war klar: Er wollte zunächst weiter entlang der Grenze nach Osten ziehen und sich dann schließlich nach Süden, in das gefürchtete Wilderland, begeben, aus dem bisher kaum jemand zurückgekehrt war.

Man wartete jedoch die Rückkehrer der restlichen Spähtrupps ab, die noch in den Wäldern unterwegs waren. Und selbstverständlich hoffte man auch darauf, dass Botschafter Sokranos und die Gruppe Elbenkrieger, die ihn begleitenden, wieder zum Heer stießen – möglichst mit einer großen Zentauren-Kavallerie im Gefolge zur Unterstützung der Elben.

Aber Sokranos und der Elbentrupp unter dem Kommando von Mirgamir tauchten nicht wieder auf, während die noch vermissten Kundschafter-Gruppen nach und nach zurückkehrten.

Herzog Isidorn hatte Keandirs Bemerkung über eine angebliche Begegnung mit leibhaftigen Eldran zunächst sehr skeptisch gegenübergestanden. Auch wenn es der König selbst war, der davon berichtete und es für Isidorn ein Gebot des Respekts ihm gegenüber war, dessen Worte nicht öffentlich in Zweifel zu ziehen, so war dem Herzog von Nordbergen doch deutlich anzumerken gewesen, dass ihn diese Geschichte außerordentlich befremdete. Als allerdings einige der anderen Kundschafter-Gruppen über ganz ähnliche Erlebnisse sprachen, begann seine kritische Haltung aufzuweichen.

»Man mag es mir nachsehen, dass ich schon noch etwas genauer nachfrage, wenn von einer Erscheinung der Eldran in den Gefilden der Lebenden die Rede ist«, entschuldigte er seine anfängliche Skepsis. »Schließlich wird ja wohl niemand behaupten mögen, dass es sich um ein alltägliches Ereignis handelt, wenn die Ahnen lebenden Elben als lichtumflorte Geisterkrieger erscheinen.«

»Meiner Meinung nach sollten wir lieber einmal darüber nachdenken, was die Eldran dazu veranlasst haben könnte, Eldrana zu verlassen«, tat Siranodir mit den zwei Schwertern kund. Die Zeit bis zum endgültigen Aufbruch nutzte er, seine beiden Klingen »Hauen« und »Stechen« mit einer besonderen Reinigungstinktur zu behandeln, die man hernach abwaschen musste, allerdings ohne dabei Wasser zu benutzen. Siranodir hatte seine ganz eigene Methode der Metallpflege entwickelt, und viele der jüngeren Krieger blickten zu ihm hin und sahen sich an, was er tat, um später in diesem Punkt ebenso große Perfektion zu erlangen.

»Und?«, fragte Keandir. »Wie spekuliert Ihr in diesem Punkt?«

»Die Trorks haben zwar ungeheure Angst vor ihnen, aber wir haben keine Trorks gefunden, die von ihnen erschlagen worden wären«, erklärte Siranodir. »Also gibt es keinen Beweis dafür, dass es überhaupt schon einmal zu einem Kampf zwischen einem Eldran und einem Trork gekommen ist. Ihre Angst muss eine andere Ursache haben.«

»Jedenfalls sind die Trorks wohl kaum von den blitzartigen Lichterscheinungen beeindruckt gewesen, denn die konnten sie aufgrund ihrer Augenlosigkeit nicht sehen«, gab Thamandor zu bedenken.

Siranodir nickte. »Vollkommen richtig. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Eldran wirklich der von ihnen gefürchtete Feind im Hintergrund sind, der sie – so wie wir annehmen – aus Wilderland hinaus und nach Norden getrieben hat.«

»Die Eldran würden wissen, dass dies nicht im Interesse der Elbenheit liegt«, stimmte Keandir zu.

»Der Punkt, auf den ich hinaus will, ist noch ein anderer«, erklärte Siranodir mit einem Tonfall, der von tiefem Ernst war.

»Es ist meiner Ansicht nach unmöglich, dass die Eldran einfach so und aus freien Stücken die Welt der Lebenden aufsuchen. Das ist noch nie zuvor geschehen, es sei denn, sie wollten lebende Elben warnen oder dergleichen. Aber davon kann ja wohl auch keine Rede sein – oder würdet Ihr mir da widersprechen, mein König?«

Keandir zuckte mit den Schultern. »Sie versuchten mir etwas zu sagen – zumindest habe ich das so interpretiert –, aber leider konnte ich sie nicht verstehen.«

»Wie auch immer«, fuhr Siranodir fort. »Ich denke, dass sie gerufen wurden. Und da stellt sich natürlich die Frage…«

»… von wem?«, unterbrach ihn Thamandor.

Aber Siranodir schüttelte energisch den Kopf. »Nein, womit, werter Thamandor! Womit!«

Da begriff Keandir, worauf der Kämpfer mit den zwei Schwertern hinauswollte. »Mit den Elbensteinen«, murmelte er.

»So ist es, mein König«, sagte Siranodir. »Wer auch immer sie geholt hat, er hat dazu sehr wahrscheinlich die Elbensteine benutzt – so wie wir es früher auch immer taten.«

»Der Axtherrscher der Trorks!«, murmelte Keandir und ballte dabei die Hände zu Fäusten.

»Vielleicht benutzt er die Elbensteine, um die Trorks zu versklaven«, glaubte Isidorn.

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