Die Könige der Elben, Zweiter Band der Elben-Trilogie

Alfred Bekker · Kapitel 2 von 4 · Teil 1/4

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Die Könige der Elben, Zweiter Band der Elben-Trilogie

»Was, wenn er alle Elbensteine zerstört?«, fragte Magolas.

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.

»Was, wenn er die Magie der Zauberstäbe einzusetzen weiß?«

»Es ist furchtbar, was geschehen ist, mein Sohn«, sagte Keandir, aber Magolas hatte nicht den Eindruck, dass sein Vater bereits genug von dem beeindruckt war, was sie erlebt hatten. Irgendetwas ließ den König der Elben davor zurückscheuen, sofort aufzubrechen, was Magolas’ Ansicht nach notwendig gewesen wäre.

»Weitaus furchtbarer ist das, was noch geschehen wird!«, beharrte Magolas.

Keandir sah seinen Sohn an, und plötzlich klangen ihm die Worte des Axtkriegers im Ohr. »Deiner armseligen Waffe wird man einst den Namen ›Elbentöter‹ geben, du Prinz der Finsternis!« Aber sogleich verdrängte er die Erinnerung wieder. Sicher hatte der Axtkrieger dies nur gesagt, um Magolas und ihn zu verunsichern. Vielleicht auch, um Misstrauen zwischen sie zu säen. Ob für den Axtkrieger die Zeit wirklich eine andere Bedeutung hatte und er tatsächlich in der Lage war, die Zukunft zu erkennen, war nicht erwiesen.

Und schon gar nicht, wie klar und eindeutig dieser Blick in die Zukunft war. Die Zukunft – veränderte sie sich nicht mit jeder Entscheidung, die man fällte, mit jeder Handlung, die man ausführte, ob willentlich oder unbewusst? Stand die Zukunft wirklich fest, oder hielt man nicht eher sein eigenes Schicksal in Händen, wie es der König lange Zeit geglaubt hatte?

Die beiden Elben befanden sich allein im Thronsaal. Der Kronrat hatte gerade getagt, und Magolas hatte erstaunt feststellen müssen, dass Keandir die Planung einer Expedition, deren Ziel es war, die Elbensteine und die Stäbe des Augenlosen Sehers wiederzubeschaffen, gar nicht auf die Tagesordnung gesetzt hatte. Stattdessen hatte man sich fast ausschließlich mit den Überfallen der Trorks beschäftigt. Diese ungeschlachten Wesen, die einer Mischung aus Trollen und Orks glichen und in dem geheimnisvollen Landstrich namens Wilderland lebten, waren in Scharen durch das nördliche Waldreich der Zentauren gezogen und hatten anschließend abgeschieden gelegene Elbensiedlungen in den Herzogtümern Nordbergen und Meerland angegriffen. Erst vor den Mauern der am Quellsee des Nur-Stroms gelegenen Elbenstadt Turandir hatten sie aufgegeben und sich zurückgezogen.

Natürlich waren die mit den Elben verbündeten Zentauren des Waldreichs ausgesprochen besorgt über diese Invasion. Zwar gab es seit Langem immer wieder Kämpfe mit Trorks, deren Horden teilweise das Waldreich in seiner gesamten Breite von Ost nach West durchstreift hatten und bis zum Nur vorgedrungen waren. Aber bisher war es noch immer gelungen, sie wieder zurückzudrängen. Zunächst war die Gefahr gebannt, auch wenn der zentaurische Gesandte am Hof von Elbenhaven der Meinung war, dass die Trorks neuerdings den Plan verfolgten, sich dauerhaft in Nordbergen und Meerland festzusetzen. Prinz Sandrilas hatte dies bezweifelt und stattdessen befürwortet, sich mehr der zukünftigen Verteidigung der Südgrenze des Elbenreichs zu widmen, denn die langfristigere Gefahr wären nicht Angriffe der Trorks, sondern die Rhagar-Menschen. Davon abgesehen bezweifelte Sandrilas auch, dass es so etwas wie einen Plan der Trorks überhaupt gab, denn nach allem, was man wusste, lebten diese Ungeheuer in unabhängig voneinander agierenden Stämmen und Horden. Es gab kein Königtum oder irgendeine andere staatliche Struktur, die in der Lage gewesen wäre, einen Angriffsplan dieser Größenordung zu schmieden und durchzuführen.

Allerdings wusste man zu wenig über dieses Volk und hatte auch zu selten Kontakt zu ihm, um die aktuelle Lage wirklich beurteilen zu können. Die Situation konnte sich sehr schnell ändern. Schließlich hatten sich auch die Rhagar sehr überraschend unter der Führung des Eisenfürsten Comrrm vereinigt und waren plötzlich zur Gefahr geworden, wie sich Keandir sehr gut erinnerte.

Es wurde beschlossen, die beiden Herzogtümer bei der Errichtung von Grenzposten zu unterstützen.

Damit war die Debatte zunächst einmal beendet gewesen, und eigentlich hatte Magolas erwartet, dass sein Vater daraufhin auf die Vorbereitungen einer Suchexpedition zu sprechen kam, die das letztendliche Ziel verfolgte, die Elbensteine und die Zauberstäbe des Sehers wiederzubeschaffen. Aber das hatte er nicht getan.

»Hör zu, mein Sohn Magolas«, wandte sich der König nun an den Elbenprinzen. »Ich habe gesagt, dass ich aufbreche, sobald Lirandil zurück ist. Und dazu stehe ich. Es hat keinen Sinn, eine Suche zu beginnen, von der man nicht weiß, wohin sie führen soll. Die Hinweise, die wir haben, sind so vage, dass wir nur unsere Kraft verschwenden würden, während zurzeit andere Gefahren für das Elbenreich bestehen, die abgewendet werden müssen.«

Magolas sah den König beschwörend an. Seine Hände krampften sich dabei zu Fäusten zusammen. »Nehmt Verbindung mit Brass Elimbor auf!«, forderte er. »Oder sagt den Schamanen, dass sie es tun sollen, denn sonst werden wir bald ohnehin nicht mehr wissen, welche Funktion der Schamanenorden eigentlich hat, wenn er die Verbindung zu den Eldran nicht mehr herstellen kann! Ich bin überzeugt davon, dass Brass Elimbor uns helfen wird!«

»Ja, aber erwarte nicht zu viel von ihm. Die Hinweise, die er uns geben konnte, waren nicht sehr greifbar, wie du dich erinnern wirst.«

Magolas schüttelte unwillig den Kopf, dann brachte er ein weiteres Argument vor. »Was Lirandil betrifft, so wissen wir seit Langem nicht, wo er sich befindet. Er durchstreift vermutlich die Länder der Rhagar, aber vielleicht ist er auch längst von einem Barbaren im Schlaf erschlagen worden, und Ihr wartet vergeblich auf ihn, Vater!«

»Es ist noch viel zu früh, um so etwas für wahrscheinlich zu halten, mein Sohn«, erwiderte Keandir. »Und ich möchte auf seine Dienste während einer solchen Expedition nicht verzichten.«

»Ihr müsst es vielleicht!«

Scharf musterte der König seinen Sohn. »Was ist das nur für eine unelbische Ungeduld, die von dir Besitz ergriffen hat, Magolas?«

»Nun«, erwiderte dieser ohne jeden Spott, »ich hoffe nicht, dass es Lethargie ist, die von Euch Besitz ergriffen hat, mein König!«

Beide Männer sahen sich einen Augenblick lang an. Magolas wünschte sich für einen Moment, dass er seine Worte hätte zurücknehmen können. Aber dann sagte er sich, dass er nur ausgesprochen hatte, was er im Innersten fühlte und befürchtete. »Vater«, sagte er in einem sehr viel sanfteren Tonfall. »Ich bin überzeugt davon, dass wir die Expedition jetzt ausrüsten müssen.«

»Noch bist du nicht der König, der das zu entscheiden hat«, gab Keandir auf eine Weise zurück, die Magolas durchaus deutlich machte, wie sehr den Vater die Worte des Sohnes getroffen hatten.

Magolas suchte seinen Bruder Andir auf. Er traf ihn in dessen Bibliothek an, wo er noch immer damit beschäftigt war, den Inhalt seiner Bücher in Kristalle zu speichern.

Vom Auftauchen des Axtkriegers und seiner Gnomenkrieger hatte er nichts bemerkt. Seine magischen Sinne schienen für dieses Ereignis vollkommen unempfänglich gewesen zu sein.

Allerdings gab er an, in jener Nacht, als der Axtkrieger und seine Gnome in einer parallelen Sphäre Elbenhaven heimgesucht hatten, von Brass Elimbor geträumt zu haben, obwohl er dem ehemaligen Obersten Schamanen der Elben nie begegnet war.

»Ich sah ihn einen Tanz aufführen«, erzählte Andir. »Und obwohl er bereits vor meiner Geburt gestorben ist, wusste ich sofort, dass es Brass Elimbor war. Er sprang mit einem Schwert aus Feuer umher – und dieses Schwert veränderte seine Länge innerhalb eines Augenaufschlags um das vier- bis fünffache.« Andir zuckte mit den Schultern, legte den Kristall, den er gerade mit dem Inhalt eines Buches mit Legenden aus der Vorzeit Athranors gefüllt hatte, zur Seite und erhob sich von seinem Stuhl. Die weiße Kutte aus sich selbst reinigendem Elbenzwirn schimmerte im Sonnenlicht, das durch eines der hohen Fenster fiel. »Ich habe versucht, in diesem Tanz irgendeine Bedeutung zu erkennen, irgendeine Symbolhaftigkeit. Aber es ist mir leider nicht gelungen, den Zweck und Sinn des Tanzes zu entschlüsseln.«

»Manchmal sind die Dinge einfach nur das, was sie sind«, sagte Magolas hart.

»Meiner Erfahrung nach ist das so gut wie nie der Fall«, widersprach Andir.

»In diesem Punkt unterscheiden sich unsere Ansichten dann wohl voneinander. Aber das, was du gesehen hast, war kein Tanz, sondern ein Kampf!«

»Ein Kampf ohne Gegner?«

»Dein Bewusstsein hat diesen Gegner einfach ausgeblendet«, war Magolas überzeugt. »So wie du wohl die gesamte dunkle Seite der Welt ausblendest. Deine Kutte aus Elbenzwirn kennt keinen Schmutz, und deine Träume halten einen Kampf für einen Tanz!« Magolas schüttelte den Kopf. »Mein Bruder, was ist nur aus dir geworden?«

»Es hat keinen Sinn, wenn wir uns unsere Unterschiedlichkeit gegenseitig vorwerfen«, sagte Andir. »Ich habe dir nur geschildert, was ich geträumt habe, das ist alles. Ob dies etwas mit den offenbar durch dunkle Magie verursachten Erlebnissen zu tun hatte, die unser König und du in jener Nacht hattet, das entzieht sich meiner Kenntnis.«

Unser König!, echote es in Magolas Kopf wider. Andir sprach von unserem König anstatt vom Vater. Der Akzent, den Andir damit setzte, wurde Magolas durchaus bewusst. In den Jahren vor der Schlacht an der Aratanischen Mauer, als Andir mit seiner weißen Elbenmagie und der führenden Rolle, die er in der Magiergilde Elbianas spielte, maßgeblich zur Errichtung des Elbenreichs beigetragen hatte, war die Verbindung zwischen Keandir und seinem erstgeborenen Sohn zweifellos sehr eng gewesen. So eng, dass es Magolas manchmal geschmerzt hatte. Aber mittlerweile trennte sie offenbar einiges.

Es musste die Finsternis sein, die sowohl in ihm selbst – in Magolas – als auch in der Seele seines Vaters schlummerte, ging es Magolas durch den Kopf. Mit dieser Finsternis wollte Andir nichts zu tun haben. Und seine Suche nach Erkenntnis war, so glaubte Magolas, nur eine Flucht davor.

»Du willst nach wie vor gehen?«, fragte Magolas.

»Meine Pläne haben sich nicht geändert«, sagte Andir. »In diesem Frühjahr wird es so weit sein.« Er deutete auf den Kristall, den er auf den Tisch neben das Buch mit den Legenden aus der Vorzeit Athranors abgelegt hatte. »Ich bin mit meiner Arbeit fast fertig, sodass meinem Aufbruch nichts mehr entgegensteht.«

»Du darfst Elbenhaven nicht verlassen«, sagte Magolas. »Es mag dir eigenartig erscheinen, dass ausgerechnet ich dich so beharrlich darum bitte, aber der Diebstahl der Zauberstäbe des Augenlosen Sehers und die Vernichtung des Elbensteins Athrandil hat alles verändert. Es gibt dort draußen, jenseits unserer Grenzen, irgendeine Macht, die uns bedroht. Eine Macht, gegen die sich selbst die Bedrohung durch die Rhagar wie ein laues Lüftchen ausnimmt. Die mächtigsten magischen Artefakte, die wir kennen, befinden sich nun in den Händen dieses Axtkriegers, und wir wissen nicht, welche Pläne er verfolgt oder wem er dient. Aber er hat die Macht, uns bisher unbekannte Sphären zu betreten und diese Fähigkeit für sich zu nutzen, und er vermochte es, die Stäbe des Augenlosen aus der bestbewachten Burg Elbianas zu stehlen, ohne dass mehr als nur zwei Elben davon etwas bemerkten. Ich sage es ungern, aber das Elbenreich braucht dich!«

»Wirklich?« Andirs Stimme hatten einen harten Unterton angenommen, glasklar und kalt wie die Kristalle, die er verwendete, um darauf die Weisheiten seiner Bücher zu speichern. Er hatte schon seit Längerem nicht mehr an den Sitzungen des Kronrates teilgenommen. Zuerst hatten sich die anderen Mitglieder des Rats darüber gewundert, doch schließlich hatte man es einfach hingenommen, dass sich der vergeistigte Anführer der Magiergilde offenbar mit wichtigeren Dingen beschäftigte als mit profanen Regierungsgeschäften und Entscheidungen, die zur Erhaltung eines Reichs nun mal vonnöten waren; vielleicht tat man ja gut daran, ihn nicht wegen jeder Kleinigkeit aus seiner gedanklichen Versenkung zu reißen. So hatte man sich in jenem erlauchten Kreise inzwischen daran gewöhnt, dass Andir dort nur noch ein seltener Gast war, der sich noch seltener zu Wort meldete oder mit Vorschlägen hervortrat.

»Du musst unserem König und Vater klarmachen, dass er sofort eine Expedition ausrüsten muss, die versucht, diesem Axtkrieger zu folgen!«, bedrängte ihn sein Bruder.

»Muss ich das?«

»Das Schicksal des Elbenreichs könnte davon abhängen.

Davon bin ich überzeugt, Andir.«

»Und ich bin von etwas anderem überzeugt, Magolas«, widersprach Andir. »Dieses Reich ist das Reich unseres Vaters, nicht das unsere. Ich habe lange gebraucht, um mir dessen bewusst zu werden. Jetzt ist es an der Zeit, dass auch du dies begreifst, Magolas.«

Der Tag von Andirs Abschied kam. Er ritt nicht einmal auf einem Pferd, sondern auf einem der Maultiere, mit deren Zucht sich Andir schon vor langer Zeit beschäftigt hatte. Ein Maultier sei für die Bergwelt von Hoch-Elbiana, in deren zerklüftete Hänge er sich zurückzuziehen gedachte, einfach geeigneter.

Viel war es nicht, was er mitnahm, und seine Mutter Ruwen sorgte sich darum, dass er vielleicht nicht gut genug für seine Reise in die Einsamkeit vorgesorgt hätte. Aber dem widersprach Andir. »Macht Euch keine Sorgen, Mutter. Ich habe an alles gedacht, was notwendig ist, und mich von dem befreit, was ich nicht wirklich brauche.« Und zu König Keandir sagte er: »Seid unbesorgt, mein Vater.«

»Was ist, wenn Magolas und mir etwas zustößt?«, fragte Keandir. »Was ist, wenn das Volk der Elben ohne König dasteht?«

»Dann werde ich das wissen und sofort zurückkehren.«

»Das ist ein Versprechen?«, vergewisserte sich Keandir.

Andir nickte. »Das ist ein Versprechen«, bestätigte er, und dann ritt er fort. Von den Wehrgängen Burg Elbenhavens aus beobachtete König Keandir ihn noch lange. Sein Gewand schien in den Strahlen der Sonne zu leuchten, und Keandir erinnerte dieses Leuchten an den Lichtflor, der den Geist von Brass Elimbor umgeben hatte.

»Haben wir ihn verloren?«, fragte Ruwen, die neben dem König stand, seine Hand ergriff und sich an seine Seite schmiegte.

»Wenn das so sein sollte, dann haben wir ihn schon vor langer Zeit verloren«, sagte Keandir. »Außerdem bin ich davon überzeugt, dass er nicht ewig in der Einsamkeit der elbianitischen Berge bleiben und sich der reinen Erkenntnis widmen wird.«

»Aber gewiss für lange Zeit, Kean«, flüsterte Ruwen.

»Darüber sollten wir uns keinen Illusionen hingeben.« Sie wandte sich ihm zu und sah ihren Gemahl an. »Ich bitte dich um eines, Kean…«

»Um alles, was du willst, Ruwen.«

»Unseren ersten Sohn haben wir an die Magie und die Weisheit verloren. Lass nicht zu, dass wir auch unseren zweiten Sohn verlieren, Kean.«

»Nein, gewiss nicht.«

»Wirst du alles dafür tun?«

»Es ist das Wort des Elbenkönigs, das ich dir gebe.«

Lirandils Rückkehr ließ auf sich warten, während Magolas weiterhin darauf drängte, sich sofort auf die Suche nach dem Anführer der Axtkrieger zu machen. Doch schlimme Kunde drang aus den nördlichen Herzogtümern nach Elbenhaven. Die Trorks waren erneut in Nordbergen und Meerland eingefallen.

Herzog Isidorn von Nordbergen und sein Sohn Asagorn von Meerland pochten auf Erfüllung der Beistandspflichten, die der König des Elbenreichs seinen entfernten Provinzen gegenüber übernommen hatte. Und da Sandrilas nach Elbara aufgebrochen war, um die Befestigungsanlagen an der Aratanischen Mauer zu inspizieren, nahm König Keandir dies zum Anlass, selbst die Streitmacht anzuführen, die gegen die Trorks vorgehen sollte.

Magolas hingegen sollte in Elbenhaven zurückbleiben, was diesem augenscheinlich nicht behagte. Er sprach mit seiner Mutter darüber. »Er stellt sich nicht dem eigentlichen Problem«, sagte er und meinte damit seinen Vater.

»Stattdessen wartet er auf die Rückkehr eines Kundschafters, der vermutlich längst nicht mehr lebt oder vielleicht auch irgendwo in einem einsamen Teil von Hocherde sein Glück gefunden haben mag. Was auch immer, es soll mir gleichgültig sein. Aber Tatsache ist, dass unser König die Elbensteine suchen und die Zauberstäbe zurückgewinnen sollte –

stattdessen flüchtet er nun auf eine Expedition gegen die Trorks!«

»Vielleicht ist er einfach ratlos hinsichtlich der Elbensteine und der Zauberstäbe des Augenlosen Sehers«, meinte Ruwen.

»Er hat nach dem Raub der Zaubersteine immer wieder versucht, mit Brass Elimbor Kontakt aufzunehmen, um weitere Hinweise zu erhalten, aber es ist ihm nicht gelungen.«

»Ich bin überzeugt davon, dass entsprechende Hinweise in den Ländern der Rhagar zu finden sind.«

»Aber deren Länder sind groß und zahlreich«, gab Ruwen zu bedenken.

Magolas atmete tief durch. »Unser König kann sich glücklich schätzen, eine Gemahlin an seiner Seite zu haben, die so nachsichtig mit ihm ist.«

»Warum sollte ich strenger urteilen als Keandirs Volk, das offenbar mit ihm zufrieden ist?« Sie lächelte. »Davon abgesehen mag es sein, dass meine Liebe zu ihm mich manches in milderem Licht sehen lässt. Und noch etwas solltest du in Betracht ziehen, Magolas…«

Der Königssohn hob die Augenbrauen. »Was meint Ihr, Mutter?«

»Was mich persönlich betrifft, so teile ich die Trauer um den Verlust der Elbensteine. Sie waren immer ein wesentlicher Teil unserer Tradition und ein Artefakt, das unseren Glauben an die Kraft der Elbenheit symbolisierte…«

»… der uns verloren zu gehen droht, Mutter!«

»Mag sein. Aber was die Zauberstäbe des Augenlosen Sehers angeht, so bin ich ehrlich gesagt froh, dass sie sich nicht mehr auf Burg Elbenhaven befinden. Auch wenn Keandir sie in einem Verlies verschließen ließ, so reichte doch ihre bloße Anwesenheit, um mir Unbehagen zu bereiten. Ihre Macht hat zwar bisher noch kein Elb wirklich wecken können, aber ich spürte vom ersten Moment an, dass ihnen etwas anhaftete, womit ich nichts zu tun haben möchte. Eine Art von Magie, die nicht der Elbenmagie entspricht. Ich bin dem Augenlosen Seher nicht begegnet, aber die Aura, die ihn umgab, muss auf Keandir ganz ähnlich gewirkt haben, und ich nehme an, dass er das gleiche Unbehagen empfunden hat wie ich.«

»Ihr meint, er ist insgeheim froh darüber, dass sie geraubt wurden?«

»Ein Teil seiner Seele ganz bestimmt. Sein Verstand würde sich das nie eingestehen, aber ich kenne ihn. Und ich weiß, was er empfindet.«

»So ist meine Hoffnung, dass Ihr ihn in meinem Sinn beeinflusst, vergeblich.«

Ruwen lächelte und schüttelte den Kopf. »Oh, Magolas.

Deinen Vater beeinflussen zu wollen ist sinnlos – zumindest, was diese Dinge betrifft. Er ist es, der das neue Schicksal der Elben mit seinem Schwert erschaffen hat. Und wenn er aufhören sollte, daran zu glauben, dass er dies vermag, dann werden alle Elben in Elbiana und den Herzogtümern teuer dafür bezahlen.« Sie berührte Magolas am Oberarm. »Ich fühle deinen Zorn, Magolas, auch wenn du ihn hinter der Staatsräson und der Sorge um das Elbenreich zu verbergen suchst.«

Magolas’ Lächeln wirkte matt und zurückhaltend. »Da mögt Ihr wohl recht haben, Mutter.«

»Es gefällt dir nicht, dass du in Elbenhaven zurückbleiben sollst, nicht wahr?«

»Ich bin zur Untätigkeit verdammt. Und ich befürchte schon, dass mein Vater mich selbst auf die Suche nach dem Anführer der Axtkrieger nicht mitnehmen wird, sondern mich hier als seinen Stellvertreter zurücklassen wird.«

»Das ist die Bürde eines Prinzen«, sagte Ruwen mit mitfühlendem Lächeln.

Magolas sah seine Mutter an. »Mein Bruder Andir hat sich dieser Bürde entledigt.«

Ruwens Lächeln erlosch. »Doch ich hoffe, du denkst nicht daran, das Gleiche zu tun.«

Darauf antwortete Magolas nicht. Stattdessen sagte er: »Es tut gut, mit Euch diese Dinge besprechen zu können, Mutter.«

8

FLAMMENLANZE UND FLAMMENSPEER

König Keandir suchte Waffenmeister Thamandor in dessen Manufaktur auf, die ein paar Meilen außerhalb von Elbenhaven lag, um die Bevölkerung der Burg und der Stadt vor den mitunter verheerenden Auswirkungen jener Experimente zu bewahren, die zur Entwicklung seiner neuen Waffen notwendig waren. Mittlerweile wurden statt drei vier jener Einhand-Armbrüste pro Jahr produziert, die Thamandor auf der Insel des Augenlosen Sehers in der Praxis hatte erproben können, und der Waffenmeister war stolz darauf, dass er den Ausstoß seiner Manufaktur in kaum anderthalb Jahrhunderten derart hatte steigern können.

Nach wie vor experimentierte Thamandor mit einer Erfindung, die er zunächst Flammenlanze genannt hatte und die angeblich kurz vor ihrer Vollendung stand.

Thamandor war erstaunt, den König in seiner Manufaktur begrüßen zu dürfen, denn bisher war das Interesse des Königs an der Entwicklung neuer Waffen und allem, was innerhalb der Manufaktur vor sich ging, eher gering gewesen. Die Manufaktur lag auf dem Gipfelplateau eines Felsmassivs, das man den »Elbenturm« nannte. Nur ein schmaler Pfad führte hinauf zu den Gebäuden, die man inzwischen mit einer burgähnlichen Befestigungsmauer umgeben hatte. Schließlich war damit zu rechnen, dass in Zukunft Feinde auftraten, die versuchen könnten, die fantastischen Erfindungen aus der Waffenschmiede des Thamandor zu stehlen.

Keandir war nur mit einem kleinen Gefolge aus einem halben Dutzend Elbenkriegern den steilen Pfad zur Manufaktur Thamandors hinaufgeritten. Die meisten von ihnen waren Elbianiter, also bereits in Elbiana geboren und keine Kinder der langen Seereise des Elbenvolks so wie der König selbst.

Krieger, die ihre Aufgabe sehr ernst nahmen, aber noch jung und unerfahren waren. Nur einer von ihnen hatte schon gelebt, als es zur Schlacht an der Aratanischen Mauer gekommen war.

Er hieß Mirgamir und war vor Kurzem zum Kommandanten der Leibwache des Königs erhoben worden.

Zur Manufaktur hatten nur diejenigen Zutritt, die dort arbeiteten, und ein sehr enger Kreis von Vertrauten des Königs. Da König Keandir diesen Ort schon seit Ewigkeiten nicht mehr aufgesucht hatte, war es für sämtliche seiner Leibwächter der erste Besuch des Elbenturms. Sie waren sichtlich beeindruckt. Von dort oben genoss man eine hervorragende Aussicht über Hoch-Elbiana. Im Westen war das Meer zu sehen. Die Luft war auf dem Elbenturm um einiges kälter und klarer als in den Niederungen.

Waffenmeister Thamandor begrüßte den König bereits im Hof der Manufaktur. Er glaubte offenbar erst seinen Augen nicht trauen zu dürfen, denn Keandir hatte seinen Besuch nicht angekündigt.

»Seid willkommen, mein König!«

Keandir stieg vom Pferd, das daraufhin von einem der Leibwächter gehalten wurde. »Ich war lange nicht hier«, gestand der König. »Aber ich hoffe, dass Ihr inzwischen gute Fortschritte bei der Entwicklung neuer Waffen gemacht habt.«

»Das kann ich mit Fug und Recht behaupten.« Thamandor beugte sich etwas nach vorn und fuhr in gedämpftem Tonfall fort: »Sagt, kündigt sich denn ein neuer Krieg schon so bald an? Ich hatte gehofft, dass wir bis zur nächsten Auseinandersetzung mit den Rhagar noch mindestens drei Jahrhunderte Zeit hätten.«

»Niemand weiß, wann der nächste Waffengang mit den Rhagar kommt«, antwortete Keandir. »Ihr wisst um die Sprunghaftigkeit dieses Menschengeschlechts – nicht nur im Charakter, sondern auch, was die Entwicklung angeht. Man hält sie noch in einem Moment für hoffnungslos rückständige Barbaren, doch im Handumdrehen verfügen sie plötzlich über Fähigkeiten, von denen man nie geglaubt hätte, dass sie je in der Lage sein könnten, sie zu erringen.«

»Ihr sagt es, und das heißt auch, dass wir ständig damit rechnen müssen, dass sie erneut zu einer Gefahr werden.«

»Wenn jemand es vermag, sie zu einigen, dann ja«, meinte Keandir. »Und falls es jemand schafft, sie mit der Magie vertraut zu machen, sodass sie uns wirklich gefährlich werden könnten.«

»Nun, um für diesen Fall gewappnet zu sein, arbeiten wir hier in dieser Manufaktur Tag für Tag.« Anders als sonst, wenn er im vollen Kriegsornat auftrat, trug Thamandor weder seine beiden Einhandarmbrüste an den Seiten noch das mächtige und aus einem besonders leichten Metall gefertigte Schwert mit dem Namen »Der Leichte Tod« auf dem Rücken. Stattdessen hatte er einen breiten Gürtel umgeschnallt, an dessen Schlaufen eine Unzahl von Werkzeugen befestigt war.

»Es gibt derzeit Probleme mit marodierenden Trorks in Nordbergen und Meerland«, erklärte der König. »Vielleicht wäre das eine Gelegenheit, um die von Euch entwickelte Flammenlanze auf ihre Kampftauglichkeit zu prüfen.«

»Oh, ich begleite Euch gern auf so einer Fahrt – denn das wäre dann auch vonnöten«, erklärte der Waffenmeister.

»Schließlich bin ich derzeit der Einzige, der mit der neuen Waffe umzugehen weiß.« Er lächelte verschmitzt. »Aber Ihr werdet nicht enttäuscht sein.«

»Hauptsache, Ihr brennt nicht aus Versehen mein Flaggschiff oder dessen Mannschaft nieder«, erwiderte Keandir, womit er auf manch brenzligen Vorfall in der Vergangenheit anspielte.

»Keine Sorge, mein König. Die letzte Version dieser Waffe ist absolut sicher. Ich hatte eine ganze Reihe von Komponenten noch einmal völlig neu entworfen, und darum nenne ich die Waffe jetzt auch nicht mehr Flammen lanze, sondern Flammen speer, um diesen Unterschied deutlich zu machen. Mir wurde nämlich schon von verschiedenen Offizieren des Elbenheers signalisiert, dass sie niemals bereit wären, den Einsatz von Flammen lanzen zu befürworten, weil sie diese für viel zu gefährlich halten.«

»Manchmal hilft es in der Tat, einer Sache einen anderen Namen zu geben«, gestand Keandir zu. »Und wie habt Ihr nun die Verringerung der Gefahr erreicht?«

»Durch eine Vielzahl von Modifikationen an allen Einzelteilen der Waffe – aber vor allem dadurch, dass ich den Anteil jenes Pulvers verändert habe, das ich aus dem Stein des Magischen Feuers gewann, den ich einst von Naranduin mitbrachte. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass es sich um eine äußerst wirksame magische Substanz handelt, von der schon kleinste Mengen genügen, um einen durchschlagenden Effekt zu erzielen. Ich werde Euch zeigen, was ich meine, mein König!«

»Ich bitte darum.«

Auf der Insel des Augenlosen Sehers hatten die Elben jenen Stein gefunden, aus dem damals ein magisches Feuer gedrungen war. Eigentlich war entschieden worden, den Stein, dessen Magie niemand kannte, auf der Insel zurückzulassen, doch Thamandor hatte ihn heimlich eingesteckt. Inzwischen wusste dies jeder, aber niemand hatte es ihm je zum Vorwurf gemacht. Vielleicht war der Grund dafür, dass er damals mit König Keandirs Einverständnis auch die Zauberstäbe des Augenlosen Sehers von Naranduin mitgebracht hatte.

Thamandor führte König Keandir in eines der Gebäude, in dem blankes Chaos zu herrschen schien. Überall standen halb volle Tiegel und Kolben herum. Eigenartige Gerüche hingen in der Luft, und mehrere Elben arbeiteten hochkonzentriert an Apparaturen, deren Sinn Keandir auf den ersten Blick nicht erkennbar waren.

Auf einem der Tische lag die vollkommen erneuerte Flammenlanze, die dadurch in der Terminologie ihres Schöpfers zum Flammenspeer geworden war. Sie war von höchst sorgfältiger Verarbeitung, was sich vor allem in den Details zeigte. Hauptbestandteil war ein Metallrohr, an dessen Vorderseite es eine trichterförmige Spitze gab, während sich in der Mitte ein Hebel befand, der dem Abzug einer Armbrust ähnelte. Oberhalb dieses Hebels gab es eine zylinderförmige Verdickung, die nicht nur mit Ornamenten reich verziert, sondern auch mit mehreren Dutzend kleiner und kleinster Hebel und Schalter ausgestattet war. Außerdem hatte die Waffe noch einen Riemen aus nach Elbenart gegerbtem Leder des Riesenhirschs, der in den Bergen von Hoch-Elbiana lebte.

Thamandor hob die Waffe an. »Der Schwerpunkt ist genau ausgependelt«, erklärte er. »Und sie ersetzt eine ganze Kompanie von Bogenschützen. Wenn ich Euch die Wirkung einmal demonstrieren darf!«

In diesem Augenblick unterbrachen sämtliche elbischen Handwerksmeister, die gerade noch so konzentriert bei der Arbeit gewesen waren, ihre Tätigkeiten und blickten auf. Eine Atmosphäre sorgenvoller Spannung erfüllte auf einmal die Halle.

»Schon gut«, beruhigte Thamandor sie. »Wir gehen nach draußen. Ein bisschen mehr solltet Ihr schon noch darauf trauen, dass Euer Waffenmeister denselben Fehler nicht zweimal begeht…«

Ein allgemeines Aufatmen folgte.

Thamandor nahm die Waffe und führte Keandir zurück ins Freie. »Ich habe einmal einen Schussversuch innerhalb der Werkstatt unternommen«, murmelte er. »Manche meiner Handwerker sind daraufhin etwas überängstlich geworden.«

»Mir kam es gleich so vor, als wäre das Gebäude noch recht neu.«

»Es gibt immer ein gewisses Maß an Schäden und Verlusten, wenn man versucht, etwas Neues zu schaffen, mein König.«

Keandir schmunzelte. »Da werde ich nicht widersprechen.

Aber wahrscheinlich kommt es immer auf das an, was man als gewisses Maß bezeichnet!«

»Gewiss«, sagte Thamandor. »Allerdings müsst Ihr wissen, dass der letzte Schaden durch ein Vorgängermodell verursacht wurde und dieses hier – der Flammen speer – noch kein einziges Malheur dieser Art verursacht hat.«

Thamandor führte Keandir zu einem Turm, der zur Befestigungsanlage der Manufaktur gehörte. Dort stiegen sie die spiralförmig verlaufende Treppe hinauf. Als sie oben an den Zinnen standen, war der Ausblick noch überwältigender als ohnehin schon vom »Elbenturm« aus, wie das gesamte Massiv genannt wurde. Schroffe Felswände fielen zum Teil mehrere hundert Meter steil ab. Thamandor deutete auf einen Gesteinsbrocken auf einem der benachbarten, weniger steilen Hänge. Wie achtlos von einem Riesen hingeworfen sah er aus.

»Seht Ihr den Felsen dort? Ich werde Euch zeigen, was diese Waffe vermag!«

»Ich bin gespannt!«

»Vergebt mir, sollte ich mich noch nicht als perfekter Schütze erweisen, mein König. Ich habe meine Kraft der letzten Jahre in die Entwicklung dieser Waffe gesteckt und hatte kaum Zeit, mich in ihrer Handhabung zu üben.«

»Hauptsache, Ihr trefft nicht irgendetwas, das Ihr nicht zu treffen beabsichtigt.«

»Keine Sorge.«

»Und ich hoffe auch, es ist ungefährlich, beim Einsatz dieser Waffe neben dem Schützen zu stehen, werter Thamandor.«

»Auch in dieser Hinsicht kann ich Euch beruhigen, mein König.«

Der Waffenmeister legte den Flammenspeer an, zielte und betätigte den Abzug. Ein schnurgerader Feuerstrahl schoss aus der sich trichterförmig verengenden Mündung und war so grell, dass er in den empfindlichen Elbenaugen schmerzte.

Thamandor traf zielsicher den Felsbrocken, der in tausend Teile zertrümmert wurde und mit lautem Krachen auseinanderflog.

»Beeindruckend«, gab König Keandir zu.

»Eine Kompanie Krieger mit diesen Waffen – und wir werden weder Rhagar noch Trorks zu fürchten haben!«

»Vorausgesetzt Ihr habt immer genug von dem Pulver, das Ihr mittels des Steins des Magischen Feuers herstellt«, gab Keandir zu bedenken.

»Das ist allerdings wahr. Doch ich erklärte Euch ja, dass wirklich nur ganz winzige Mengen der Substanz für diese Waffe vonnöten sind. Das daraus gewonnene Pulver habe ich darüber hinaus mit einigen Ingredienzien vermengt, die ich auch für das magische Gift verwende, das in den Bolzen meiner Einhandarmbrüste enthalten ist – und siehe da, ich konnte die Wirkung noch optimieren.«

»Aber irgendwann wird der magische Stein, den Ihr von Naranduin mitgebracht habt, aufgebraucht sein, oder nicht?«

»Das ist allerdings richtig«, gab Thamandor zu. »Dann wird jemand auf die Insel des Augenlosen Sehers zurückkehren müssen, um mehr von diesen Steinen zu holen.«

»Das ist ein Ort, den niemand mehr betreten sollte, wenn Ihr mich fragt, werter Thamandor«, erklärte König Keandir, und sein Gesicht verfinsterte sich dabei.

Thamandor erkannte, dass auf einmal ein besonderer Ernst den König ergriffen hatte. Angesichts dessen, was sich auf der Insel Naranduin seinerzeit zugetragen hatte, war das auch durchaus verständlich. Aber aus Thamandors Sicht war dieses Kapitel abgeschlossen, zumindest was den Augenlosen Seher betraf, der von Prinz Sandrilas erschlagen worden war, während König Keandir den Feuerbringer besiegt hatte. Der Bann, der bis dahin auf der Insel gelegen hatte, war damit aufgehoben gewesen, und es war den Elben möglich gewesen, zum zwischenländischen Festland zu segeln; keine magischen Winde hatten die Schiffe der Elben mehr daran gehindert.

»Ich sehe keinen Grund, weshalb wir uns vor einer Rückkehr zu dieser Insel fürchten oder sie scheuen sollten, mein König«, sagte Thamandor. »Jedenfalls dürfte es keine unlösbare Aufgabe darstellen, den geflügelten Affen, die die Höhlen dort bevölkern, ein paar dieser Steine abzujagen. Diesmal wären wir auch auf diese Gefahr vorbereitet.« Thamandor hob den Flammenspeer. »Und wer weiß, vielleicht beeindruckt sie der Einsatz dieser Waffe ja so sehr, dass wir gar nicht mehr zu kämpfen bräuchten.«

»Ja, das ist natürlich möglich«, murmelte König Keandir, doch er wirkte abwesend, als wären seine Gedanken ganz woanders. Womit sie sich im Moment beschäftigten, war für den Waffenmeister ein Rätsel. Aber er kannte den König schon lange genug, um sich über dessen nachdenkliche Art nicht weiter zu wundern. Allerdings… dieser Hang zur Grübelei war seit der schweren Verwundung, die König Keandir in der Schlacht an der Aratanischen Mauer erlitten hatte, stärker geworden, wie Thamandor glaubte. »Ich zähle auf Euch, wenn ich gegen die Trorks ziehe, Waffenmeister.«

»Aber gewiss doch.«

»In spätestens einem Monat brechen wir auf.«

»So kurzfristig?«

»Haltet Euch bereit.«

»Ja, mein König.«

Einen Monat später ließ König Keandir eine Flotte von acht Schiffen klarmachen, darunter auch sein Flaggschiff, die

»Tharnawn«, was »Hoffnung« bedeutete. Während der langen Seereise durch das Nebelmeer war damit die Hoffnung gemeint gewesen, irgendwann Bathranor zu erreichen, die Gestade der Erfüllten Hoffnung. Danach hatte der Name des Flaggschiffs für die Hoffnung gestanden, mit dem Zwischenland eine neue Heimat gefunden zu haben und dort ein neues Elbenreich gründen zu können. Diesmal stand der Name des elbischen Flaggschiffs für die Bemühungen, dieses Reich gegen die heraufdämmernden Bedrohungen verteidigen und erhalten zu können.

Noch immer wurde die »Tharnawn« von Kapitän Garanthor kommandiert. An der Spitze des Verbandes aus acht Schiffen fuhr König Keandir mit ihr gen Süden, die Küste entlang.

Zunächst passierte man die Meerenge zwischen Elralon und Hochgond, die gleichzeitig die Provinz Hoch-Elbiana von West-Elbiana trennte. Dann ging es weiter die Küste entlang, vorbei an den blühenden und in überirdischer Schönheit erstrahlenden Elbenstädte Baranee, Baranor und Mittelhaven, die Keandir wie an einer Kette aufgereihte Juwelen erschienen, wobei jene Kette die fruchtbare Küstenebene von Mittel-Elbiana war.

In Tiragond, an der Mündung des Flusses Tir, der die natürliche Grenze zwischen Mittel- und Nieder-Elbiana darstellte, legte die Flotte an. Es wurden einige zusätzliche Vorräte an Bord genommen. Außerdem nahm Keandir die Gelegenheit wahr, mit dem örtlichen Statthalter zu sprechen.

»Vielleicht hätte ich schon viel früher wieder in meinem Reich herumreisen sollen, um mich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, wie die Dinge stehen«, meinte er an Siranodir mit den zwei Schwertern gewandt, der ihn bei dieser Reise begleitete.

Die Flotte setzte ihren Weg nach Süden fort und erreichte schließlich Nurandor, die an der Mündung des gigantischen Stromes Nur gelegene Residenz des Herzogs von Nuranien.

Die Schiffe von Keandirs Flotte legten auch in diesem Hafen an, und Keandir stellte fest, dass sich um die herzogliche Burg eine ansehnliche Stadt gebildet hatte, in welcher der Handel zu blühen schien. Waren wurden die Küste entlang zu dem im Süden Nuraniens gelegenen Hafen Hadlanor oder gar in die Häfen Elbaras verschifft. Ein anderer Warenstrom verlief den Nur flussaufwärts bis zu den nieder-elbianitischen Flusshäfen Minasar und Siras, manchmal sogar bis zu dem an der Küste des Nur-Quellsees gelegenen Turandir, das bereits zum Herzogtum Nordbergen gehörte.

Hin und wieder, so hörte Keandir von Ygolas, dem Herzog von Nuranien, fanden sogar Schiffe aus Aratan oder dem Reich des Seekönigs von Ashkor und Terdos den Weg bis Nurandor.

»Ihr treibt Handel mit den Rhagar?«, fragte Keandir, der mit Herzog Ygolas in dessen Residenzburg konferierte. An den Wänden des großen Empfangssaals hingen zahlreiche Hörner in unterschiedlichsten Größen und Ausführungen. Sie stammten noch aus jener Zeit, als Merandil der Hornbläser als erster Herzog Nuraniens in dieser Feste residiert hatte; er war in der Schlacht an der Aratanischen Mauer gefallen.

Erinnerungen an diesen getreuen Gefolgsmann kamen in Keandir auf, als er die Instrumente sah.

»Wir treiben auch Handel mit den Rhagar«, bestätigte Herzog Ygolas. »Ich bin in den letzten Jahren übrigens selbst wiederholt in den Ländern der Rhagar gewesen, im Kaiserreich der Südwestlande, in Norien, Aratan… Diese Länder sind mittlerweile beinahe genauso zivilisiert wie die Staaten der Tagoräer. Und das Reich des Seekönigs von Ashkor und Terdos baut inzwischen Schiffe, die zwar noch nicht das elbische Niveau erreichen, aber durchaus schon den Schiffsbauern von Tagora Konkurrenz machen. Es hat sich dort viel getan – und nicht alles sollte uns Sorgen bereiten, mein König.«

»Gerade Letzteres freut mich außerordentlich zu hören«, sagte Keandir. Ygolas führte ihn auf den Balkon des Haupthauses der herzoglichen Residenz, von wo aus man einen hervorragenden Blick über die Stadt Nurandor und die Mündung des Nur hatte, die eher an einen breiten Meeresarm erinnerte. »Viele Rhagar leben jetzt in der Stadt«, sagte Ygolas. »Sie stammen aus Elbara, wo Herzog Branagorn sie ganz bewusst angesiedelt hat.«

»Ja, ich erinnere mich an unser Gespräch während des letzten Ankunftsfests in Elbenhaven«, sagte Keandir.

»Ich war zunächst nicht ganz so enthusiastisch wie Branagorn, aber inzwischen sehe ich, wie wichtig es für Nuranien ist, dass es dichter bevölkert wurde. Die Elben profitieren davon ebenso wie die Menschen.«

»Und wenn es zum Krieg käme?«, fragte Keandir.

»Die Menschen stellen inzwischen fast ein Viertel der Stadtwache von Nurandor«, erklärte Ygolas. »Und ich glaube, in Hadlanor ist es sogar ein Drittel. Aber ich habe keinen Anlass, an der Loyalität dieser Krieger zu zweifeln. Wenn es zum Krieg käme, würden sie auf der Seite Nuraniens kämpfen.

Die Rhagar scheinen mir ohnehin von Natur aus wenig Scheu davor zu haben, sich gegenseitig zu töten. Die zahllosen Kriege, die sie untereinander führen, beweisen das.«

Keandir ließ den Blick über die Stadt schweifen und dachte: Es hat sich viel geändert – und das in kurzer Zeit. Aber das meiste davon ist an mir vorbeigegangen, so als hätte ich ein Zeitalter verschlafen…

»Sagt mir noch eins, Herzog Ygolas…«

»Aber gewiss doch, mein König.«

»Habt Ihr Neuigkeiten von Lirandil?«, erkundigte sich Keandir.

Herzog Ygolas zuckte mit den breiten Schultern.

»Neuigkeiten ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck im Hinblick auf das, was man von Lirandil hört – wobei der Wahrheitsgehalt mehr als fraglich ist.«

»Ich bin schon froh, wenn ich überhaupt etwas über ihn und sein Schicksal erfahren kann«, gestand Keandir. »In Elbenhaven wird er nämlich dringend erwartet. Also berichtet mir davon, werter Herzog.«

»Leider muss ich Euch darauf aufmerksam machen, dass es sehr fraglich ist, ob die Gerüchte, die man sich erzählt, tatsächlich etwas mit Lirandil zu tun haben.«

»Ihr glaubt es nicht?«

»Nun…«, antwortete Herzog Ygolas ausweichend. »Hin und wieder dringen Geschichten aus den Landen der Rhagar bis nach Nurandor… Geschichten über einen geheimnisvollen Mann, der ein hervorragender Fährtensucher sein soll und dessen Beschreibungen auf Lirandil zutreffen. Aber diese Berichte widersprechen einander. Und in manchen davon werden auch eigenartige Dinge über seine Herkunft berichtet.

Die Rhagar scheinen nicht zu glauben, dass es sich um einen Elben handelt, vielmehr soll dieser legendäre Fährtensucher aus dem südöstlich von Hocherde gelegenen Land Osterde stammen, wo angeblich ein Volk lebt, das nur halb so groß gewachsen ist wie Elben und Menschen.«

»Halblinge!«, erkannte Keandir. In den Legenden aus der Vorzeit Athranors gab es Erzählungen über Halblinge, doch selbst Brass Elimbor war nie einem solchen Wesen begegnet.

»In der Tat«, bestätigte Herzog Ygolas. »Diese Halblinge sollen ihr Reich nach dem Tod des Eisenfürsten stark ausgeweitet haben, denn zu dessen Herrschaftsbereich gehörte der Südwesten von Osterde zeitweise. Deshalb kommt es nun immer häufiger zu Begegnungen zwischen Rhagar und Halblingen, sodass sich derartige Geschichten leichter verbreiten.«

Keandir schmunzelte. »Aber der hochgewachsene Lirandil – ein Halbling? Jeder, der ihm mal begegnet ist, muss das für Unsinn halten, selbst wenn die Halblinge spitze Ohren haben sollten wie unsereins.«

»Sie haben tatsächlich spitze Ohren«, sagte Ygolas.

»Zumindest den Berichten zufolge, die uns erreichen. Ich selbst bin nie einem von ihnen begegnet, und vielleicht handelt es sich bei ihnen auch nur um kleinwüchsige Rhagar aus vormals isoliert gelegenen Stämmen, die im Gefolge der Armeen des Eisenfürsten nach Norden wanderten. Wer weiß?«

Keandir wiegte nachdenklich den Kopf. »Wie auch immer, ich kann mir nicht vorstellen, dass sich diese Gerüchte auf Lirandil beziehen. Vielleicht ist es einfach nur so, dass auch die Bewohner Osterdes – mögen sie nun Halblinge, Rhagar oder sonst etwas sein – über gute Fährtenleser verfügen.«

»Oh, die Geschichten, die man sich erzählt, bringen die Größe unseres elbischen Freundes durchaus mit seiner angeblichen Herkunft aus Osterde in Einklang«, erläuterte der Herzog von Nuranien. »Es heißt darin, Lirandil – er wird immer nur ›Der Fährtensucher‹ oder ›Der Spurenfinder‹

genannt – hätte in Osterde aufgrund seiner für die dortigen Verhältnisse abnormen Größe als Missgeburt gegolten und wäre deswegen verstoßen worden, sodass er nun zu dauernder Wanderschaft verdammt wäre.«

»Wie auch immer…« Keandir seufzte. »Ich hoffe, dass ich Lirandil bald wiedersehe.«

»Er hätte gewiss viel zu erzählen«, stimmte Ygolas zu. »Aber ich will Euch nicht verschweigen, dass auch Geschichten im Umlauf sind, denen zufolge er an mindestens drei verschiedenen Orten gestorben ist.«

Die Flotte setzte ihren Weg fort, machte kurz in dem auf der nieder-elbianitischen Seite des Nur gelegenen Flusshafen Minasar Halt. Die imposante, mit Hilfe von Reboldirs Zauber erschaffene Brücke überspannte bei Minasar noch immer den Fluss und schuf die wichtigste Verbindung nach Nuranien.

Weiter flussabwärts war der Strom einfach zu breit, um ihn mit einer Brücke überspannen zu können – selbst mit noch so viel magischer Unterstützung nicht.

Keandir wurde fast etwas melancholisch, als er diesen riesigen Bau sah, den sein Sohn Andir mit Hilfe einer großen Zahl weiterer Magier und Schamanen hatte materialisieren lassen. Die Brücke von Minasar und die Aratanische Mauer –

beides waren Beispiele dafür, was der elbische Geist in Höchstform vermochte.

Aber Keandir war sehr wohl bewusst, dass es angesichts der grassierenden spirituellen Schwäche nicht absehbar war, wann die Magie der Elben das nächste Mal Bauwerke von dieser Kühnheit in die Welt setzen würde.

Vielleicht werden wir so etwas schon bald nur noch als Monumente der Vergangenheit bewundern können!, ging es dem Elbenkönig durch den Kopf.

Und ebenso traurig machte ihn der Gedanke daran, dass sein Sohn Andir sich aus der baulichen wie politischen Gestaltung so gut wie völlig zurückgezogen hatte.

Einen Tag später ging es dann weiter nach Norden. Der Fluss war auch von Minasar stromaufwärts noch breit genug, um gegen den Wind kreuzen zu können, sodass die Ruderriemen kaum gebraucht wurden. Schließlich erreichten sie Siras, wo der Nur die Grenze zwischen Elbiana und dem Waldreich bildete. Auch dort legten sie an, um Vorräte aufzunehmen und vor allem, um Neuigkeiten zu erfahren.

Der Handel mit den Zentauren des Waldreichs blühte, seit die Elbenkrieger dafür sorgten, dass zumindest deren westliche Gebiete gegen die Trorks gesichert waren. Allerdings unterstützten die Elbenkrieger aus Siras die Zentauren nur im Notfall mit dem Schwert in der Hand. Ihre eigentliche Hilfe bestand vielmehr darin, dass sie den Waldbewohnern gezeigt hatten, wie man Befestigungen errichtete, um das Land besser verteidigen und überwachen zu können. Zumindest bei einem schmalen Streifen am Ostufer des Nur war dies gelungen.

»Möglicherweise ist das ein Grund dafür, dass sich die Trorks nun nach Norden wenden«, meinte Thamandor, als er mit Keandir und Siranodir mit den zwei Schwertern an Bord der »Tharnawn« darüber sprach. »Die Trorks verhalten sich wie ein Gas oder eine Flüssigkeit; sie wenden sich immer dorthin, wo sie am wenigsten Widerstand finden.«

»Vielleicht war es aber auch ein Fehler, das Einflussgebiet des Elbenreichs auf Nordbergen und Meerland auszudehnen und die nördlichen Herzogtümer zu gründen«, befürchtete Keandir. »Mir ist bewusst, dass dies nicht mehr rückgängig zu machen ist, aber es könnte sein, dass es auf Dauer einfach unsere Möglichkeiten übersteigt, diese Gebiete zu verteidigen.«

»Ich möchte das Gesicht von Herzog Isidorn und seinem Sohn Asagorn sehen, wenn Ihr ihnen dies sagt«, sagte Siranodir nicht ganz ernst. »Ich denke, es liegt einfach in der Natur der Elben, sich zu vereinzeln und dadurch große Gebiete relativ dünn zu besiedeln.«

»Man sollte an den Grenzen der nördlichen Herzogtümer ebenfalls Rhagar ansiedeln«, schlug Thamandor vor. »Und damit man die nicht erst mühsam zu zivilisierten Wesen erziehen muss, sollte man sie gleich in Nuranien oder Elbara anwerben, denn die Rhagar dort sind es gewöhnt, unter Elben zu leben.«

Von Siras aus floss der Nur geradewegs nach Norden. Er war immer noch so breit, dass man selbst bei niedrigem Wasser kaum die Ufer sehen konnte, wenn man sich in der Mitte des Flusses hielt. Sowohl an der elbianitischen als auch an der zentaurischen Seite war eine Vielzahl von kleineren Siedlungen entstanden, und hin und wieder begegneten der Flotte Schiffe beiderlei Rassen.

»Wir können wohl von Glück sagen, dass die Trorks wasserscheu sind«, äußerte Siranodir mit den zwei Schwertern einmal gegenüber Kapitän Garanthor. »Sonst hätten wir noch sehr viel mehr Ärger mit ihnen.«

»Wie ich hörte, gibt es im Osten des Waldreichs auch einen Fluss, und der bildet die Grenze nach Wilderland«, sagte der Kapitän.

»Aber der ist gewiss nicht so breit wie der Nur«, entgegnete Siranodir.

Die acht Schiffe des Elbenkönigs erreichten schließlich den Quellsee des Nur; dahinter erhoben sich majestätisch die schneebedeckten Gipfel des Hochlands von Nordbergen. Am Fuß dieser Berge lag die Stadt Turandir. Dunkles Auge Nordbergens wurde der See genannt, dessen Wasser in den Uferregionen azurblau war und zur Seemitte hin immer dunkler wurde. Man sagte, dies liege an der unergründlichen Tiefe des Bergsees, und es wurde gemutmaßt, dass er bis zu einem unterirdischen Süßwasserozean hinabreichte, denn anders wäre es kaum möglich, dass das Dunkle Auge Nordbergens den gewaltigen Nur speiste; das Schmelzwasser aus den nördlichen Gebirgszügen reichte dafür nicht aus, denn diese waren größtenteils ganzjährig vergletschert.

Der Quellsee hatte die Ausmaße eines kleinen Meeres.

Fallwinde wühlten die Wasseroberfläche auf, und der Wellengang konnte sich durchaus mit dem des Zwischenländischen Meeres messen.

Der Quellsee galt als besonders fischhaltig, und der Handel mit Stockfisch hatte die Stadt Turandir inzwischen bis hin zu den Riesen Zylopiens bekannt gemacht. Darüber hinaus wurde Jagd auf Riesenkraken gemacht, die hin und wieder aus der dunklen Unterwelt des Sees an die Oberfläche kamen. Ihr Fleisch galt als Delikatesse und ließ sich darüber hinaus gut konservieren. Und die Jagd selbst war zumindest für elbische Schiffe keine besonders gefährliche Angelegenheit. Mit großen Katapulten wurden Harpunen abgeschossen, die mit einer Tinktur bestrichen waren, welche die Giganten innerhalb weniger Augenblicke vollkommen lähmte. Dies war notwendig, da manche dieser Riesen viel größer als ein durchschnittliches Elbenschiff waren und es leicht im Todeskampf mit in die Tiefe ziehen konnten, hinab in ein geheimes Unterwasserreich, das wohl weder Elben noch Menschen je erforschen würden.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die ersten elbisierten Menschen aus Nuranien oder Elbara den Nur hinaufsegeln würden, um an dem regen Handel teilzunehmen und sich in den Mauern Turandirs anzusiedeln – falls Herzog Isidorn dies zuließ. Aber Nordbergen und Meerland waren noch viel dünner durch Elben besiedelt als Nuranien und Elbara, sodass diese Möglichkeit eigentlich nahe lag.

Die Flottille der acht Elbenschiffe ankerte im Hafen von Turandir, wo man sich gerade auf einen Sturm vorbereitete.

Die Schiffe im Hafen wurden gesichert, und überall schloss man die Fensterläden. Über den Bergen hatten sich dunkle Wolken zusammengezogen, was nichts Gutes verhieß. Als Keandir und seine Getreuen von Bord gingen, setzte bereits Regen ein, und der Wind wurde heftiger.

Die Kunde, dass sich der König der Elben persönlich in die südlichste Stadt Nordbergens begeben hatte, verbreitete sich natürlich wie ein Lauffeuer. Noch bevor sie die Burg von Turandir erreichten, kamen ihnen Diener entgegen, die sie mit Schirmen vor dem Regen zu schützen versuchten. Allerdings wurde so mancher dieser Schirme vom Wind zerfetzt, der heftig auffrischte.

Wie sich herausstellte, weilte Herzog Isidorn mit einem Aufgebot Kriegern in der Stadt. Er hatte seine Residenz Berghaven an der Küste des nördlichen Meeres verlassen und war mit einem Kriegerheer über die Bergpässe gezogen, um die Trorks zu vertreiben. So empfing er König Keandir im Hauptsaal des Palas der Burg Turandir.

»Ich bin froh, Euch zu sehen, mein König!«, rief er erfreut.

»Wir sind in einer verzweifelten Lage.«

»Die Stadt macht aber einen recht sicheren und prosperierenden Eindruck«, erwiderte Keandir. »Jedenfalls kommt einem nicht der Gedanke, als befände sie sich in einem Belagerungszustand.«

»Genau das ist aber der Fall«, erklärte Isidorn. »Auch wenn alles friedlich erscheint und sich die Stadt hervorragend über den See und den Oberlauf des Nur versorgen kann – sobald jemand den Fuß vor die Stadtmauer setzt, ist er nicht mehr sicher. Die gesamte Senke zwischen der Gebirgskette Nordbergens und dem Beginn des Waldreichs ist von den Trorks besetzt. Sie lauern überall, und hin und wieder versuchen sie sogar, die Mauern von Turandir zu überklettern.«

»Aber ich hoffe doch, dass Eure Krieger in der Lage sind, das zu verhindern, werter Isidorn.«

»Noch ja. Ich bin mit allen Männern, die ich mobilisieren konnte, von Berghaven hierher gezogen und konnte die Stadt gerade noch davor bewahren, von den Trorks überrannt zu werden. Die Stadtwache war nämlich schon erheblich dezimiert. Nicht durch offene Feldschlacht natürlich, aber immer wieder gab es kleine Überfälle. Außerdem hat sich der Kommandant zu einem Ausfallversuch hinreißen lassen und lief in einen Hinterhalt. In den nahen Schluchten wurde der Trupp niedergemacht, und nur wenige überlebten.«

»Habt Ihr Hoffnung, dass noch von anderswo Verstärkung anrücken könnte?«

»Mein Sohn Asagorn ist mit den Elben Meerlands hierher unterwegs. Aber auch dort gab es bereits erhebliche Probleme mit den Trorks. Kleinere Horden drangen bis Meerhaven vor, konnten dort allerdings zurückgeschlagen werden, da sie zahlenmäßig nicht so stark waren wie jene Gruppe, mit der wir es zu tun haben.«

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