Die schwarzen Segel des Unheils, John Sinclair Nr. 1902
Die schwarzen Segel des Unheils
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Seamus O’Leary sah einen Mönch auf den Strand zulaufen. Das war Bruder Cordwain.
Der Mönch drehte sich jetzt zu O’Leary um und winkte ihm zu.
Ein mutiger Mann, dachte O’Leary. Mutiger als die Meisten von uns. Ich hoffe nur, dass sein Opfer nicht umsonst sein wird.
O’Leary winkte zurück. Er presste die Lippen aufeinander.
Reiß dich zusammen!, ermahnte sich O’Leary innerlich selbst. Er dachte an das, was Bruder Cordwain ihm aufgetragen hatte. Er wusste genau, dass er den richtigen Zeitpunkt nicht verpassen durfte.
Zwei Männer, die nichts mit dem uralten Fluch des Blutes zu tun haben, werden das Grauen beenden, ging es ihm durch den Kopf, während er weiter auf die Kirchenruine zustrebte. Die Glocke schlug noch immer – heftiger denn je. Es hatte fast den Anschein, als würde in ihrem metallischen Klang die ganze kalte Grausamkeit des Fluchs mitschwingen, der Calmmeany nun schon seit so langer Zeit heimsuchte.
»Gott sei mit dir, Bruder Cordwain«, murmelte O’Leary vor sich hin.
Er flüsterte die Namen einiger Heiliger – und außerdem die uralte Silben, die angeblich eine magische Kraft wachriefen. Eine Kraft, die ihm Schutz geben sollte gegen die Mächte der Finsternis.
Noch nie zuvor in seinem Leben hatte Seamus O’Leary so große Angst gehabt. Mit Ausnahme einer Nacht, als er noch sehr klein gewesen war und seine Mutter ihn auf den Arm genommen und gewiegt hatte.
O’Leary erinnerte sich noch gut daran, wie sie mit ihrem Lied die Schreie zu überdecken versucht hatte, die über Calmmeany zu hören gewesen waren – aus Dutzenden von Häusern, in denen sich die Bewohner verbarrikadiert hatten, obwohl sie eigentlich hätten wissen müssen, dass es gegen diesen Schrecken keinen Schutz gab.
Zumindest nicht für jene, die verflucht waren.
»Du gehörst nicht dazu«, hatte seine Mutter gemurmelt. »Und ich auch nicht. Sie werden uns verschonen. Ganz bestimmt, mein Junge.«
Sie hatte recht behalten. Welch unaussprechliches Grauen dort draußen auch immer gewütet haben mochte, diese Wesen hatten das Haus der Familie O’Leary nicht betreten.
Aber die grausigen Schreie hatten sich in Seamus O’Learys Bewusstsein förmlich eingebrannt. Oft war er nachts aus dem Schlaf hochgefahren, wenn er von dieser furchtbaren Schreckensnacht geträumt hatte.
Seamus O’Leary war inzwischen vierzig Jahre alt, und in all der Zeit war das Geisterschiff nie wieder zurückgekehrt – bis jetzt!
Aber vielleicht war es das letzte Mal, dass Calmmeany von dieser Plage heimgesucht wurde.
Zumindest dann, wenn Bruder Cordwains Plan aufging. Und Seamus O’Leary war dazu ausersehen, einen wichtigen Beitrag dazu zu leisten – er, der bisher ein vollkommen unscheinbares Leben als Bauer und Schäfer geführt hatte.
O’Leary erschauderte bis ins Mark, als sich plötzlich der Rhythmus des Glockenschlags beschleunigte.
Er hielt kurz inne, bevor er schließlich die Ruine betrat. Im Kirchenschiff fehlte das Dach. Die Mauern verfielen langsam. Moos hatte sich überall ausgebreitet. Ein großer Steinquader hatte ursprünglich als Altar gedient. Er war gespalten. Angeblich war hier einst ein Blitz hingefahren – ebenso wie in die Glocke, bei deren Weihe der Legende nach ein Priester ums Leben gekommen war.
Seit Generationen war diese Kirche ein Ort, der gemieden wurde. Zu stark waren hier die Kräfte des alten Übels wirksam, das Calmmeany in unregelmäßigen Abständen heimsuchte und seine Opfer unter den Bewohnern wählte, als dass irgendein Einheimischer sich hierher getraut hätte.
Der Klang der Glocke war jetzt schier unerträglich laut geworden. Jeder Glockenschlag schmerzte O’Leary im Kopf. Er hatte das Gefühl, kaum noch klar denken zu können. Aber genau das musste er jetzt. Er durfte keinen Fehler machen und musste alles genauso ausführen, wie Bruder Cordwain es ihm aufgetragen hatte.
Nur dann bestand diesmal vielleicht die Chance, das Übel zu bannen – und damit vielleicht auch die große Schuld, die die Bewohner von Calmmeany einst auf sich geladen hatten.
Eine Blutschuld, die sich über die Generationen hinweg fortsetzte und sich auf die Nachfahren übertrug. Angeblich war O’Leary frei davon, denn er kam von auswärts. Aber er hatte eine Einheimische geheiratet und in den Adern seiner Kinder floss dasselbe verfluchte Blut wie bei fast allen Menschen der Gegend.
Vor allem wegen seiner Familie hatte sich Seamus O’Leary auf den Plan des Mönchs eingelassen. Einen Plan, von dem niemand wusste, ob er funktionieren oder vielleicht sogar noch größeres Unheil heraufbeschwören würde.
O’Leary ging die Treppe hinauf, die zur Glocke führte. Die Stufen waren morsch. Der Holzwurm hatte sich durch die Sprossen gefressen. Es war lebensgefährlich, sich hierher zu begeben.
Dann hatte O’Leary den Glockenturm erreicht.
Der Lärm war ohrenbetäubend.
Die Glocke schwang wie von selbst immer wieder hin und her, angetrieben von einer übernatürlichen Kraft. Die dunklen, verrußten Brandspuren jener Blitzeinschläge, die einst den Priester des Ortes getötet hatten, waren noch deutlich zu sehen.
O’Leary nahm ein Stück Holzkohle aus der Tasche seiner abgewetzten Jacke und begann damit, eine Folge von Zeichen auf das Gemäuer zu malen. Magische Zeichen, deren Form er sich für diesen Moment genau hatte einprägen müssen – ebenso wie die die Worte, die er nun hervorbrachte: »Ganterom secanar rhyvoch!«
O’Leary schrie mit dieser uralten Formel auf den Lippen gegen den ohrenbetäubenden Klang der Glocke an, der sich nun auf eigenartige Weise zu einem schrillen Laut verzerrte.
Gegen jedes Naturgesetz hörte die Glocke nun auf zu pendeln. Sie verharrte regungslos – und doch war ihr Klang noch immer zu hören. Es war jetzt ein verzerrter, metallischer Laut. Ein Geräusch, das mehr und mehr Ähnlichkeit mit klagenden Stimmen hatte.
Wie ein Chor verdammter Seelen, ging es O’Leary durch den Kopf.
Er wiederholte die magischen Worte, die Bruder Cordwain ihm beigebracht hatte, immer wieder aufs Neue. Der schrille Gesang, der ihn umgab, übertönte ihn dabei so stark, dass er nicht einmal seine eigene Stimme hören konnte.
Dann malte er das letzte Zeichen auf den grauen Stein.
»Ganterom secanar rhyvoch!«, schrie Seamus O’Leary noch einmal.
Plötzlich spürte er die Auswirkungen einer unsichtbaren, allgegenwärtigen Kraft. Ihm wurde schwindelig. Für einen Moment glaubte O’Leary, er wäre vollkommen taub, und die Zeit schien im Schneckentempo voranzuschreiten. Jede Bewegung fiel ihm unendlich schwer.
Er hatte das Gefühl, nicht von Luft, sondern von einer zähflüssigen, unsichtbaren Substanz umgeben zu sein, die es fast unmöglich machte, auch nur eine einzige schnelle Bewegung auszuführen. Selbst einige der Ratten, die bis dahin über die dicken Balken im Dachstuhl des Turms gehuscht waren, schienen von dieser eigenartigen Lähmung befallen zu sein und bewegten sich mit so großer Verzögerung, als ob die Pest in ihnen steckte.
In diesem besonderen Augenblick veränderten sich all die Zeichen, die Seamus O’Leary angebracht hatte. Die eigentlich eher runenartigen, von geraden Linien und spitzen Formen gekennzeichneten Symbole bildeten runde Schlingen und spinnennetzartige Fortsätze aus.
Schwarzer Rauch schoss im selben Augenblick aus allen dreizehn Zeichen hervor, während sich dunkle, an ein Spinnennetz erinnernde Verbindungen zwischen ihnen bildeten. Der Rauch schwebte auf eine Weise, die allen Naturgesetzen widersprach, auf die Glocke zu, die von einem immer heller werdenden Lichtflor umgeben wurde.
Schließlich glühte die Glocke auf, so als würde sie geschmolzen. Aber sie verlor keineswegs ihre Form. Und es war auch nicht heiß.
Gleißendes Licht schoss nun aus der Glocke hervor, und Seamus O’Leary fühlte, wie er von einer unheimlichen Kraft erfasst wurde.
Er taumelte zurück und suchte verzweifelt nach Halt. Dann spürte er in seinem Rücken die Wand. Die unheimliche Kraft drückte ihn förmlich gegen das Gemäuer. Die Helligkeit blendete ihn, und er konnte sich nicht mehr bewegen. Das grelle Licht schoss jetzt wie eine Feuerfontäne durch den Dachstuhl des Turms hindurch, so als wäre dort nichts, was diese magische Kraft aufzuhalten vermochte.
Für Augenblicke war Seamus O’Leary scheinbar nur von diesem Licht umgeben. Gleichzeitig spürte er, wie ihn diese gleichermaßen unheimliche wie unerklärliche Kraft vollkommen durchdrang. So heftig geschah dies, dass O’Leary am liebsten laut aufgeschrien hätte, wäre er dazu noch fähig gewesen.
Dann war es plötzlich vorbei. Seamus O’Leary sank auf die Knie. Erst jetzt bemerkte er, dass sie zitterten.
Der Zauber hat gewirkt, begriff er schließlich.
Nun hing alles von Bruder Cordwain ab. O’Leary hatte seinen Beitrag geleistet. Alles, was er hatte tun können, hatte er getan, und wieder Erwarten hatte er es sogar geschafft, die uralten Zaubermächte zu wecken, die offenbar an diesem Ort in besonderer Weise wirksam waren.
»Gott sei mit dir, Bruder Cordwain«, murmelte Seamus O’Leary vor sich hin. »Mit dir – und uns allen!«
***
Bruder Cordwain erreichte den Strand. Die Küste in der Gegend um Calmmeany war ansonsten zumeist schroff und felsig. Unzählige Schiffe waren hier im Verlauf der Jahrhunderte schon an den Riffen zerschellt. Aber in dieser Bucht gab es einen der wenigen Abschnitte, in denen grobkörniger Sand vorherrschte und Boote anlanden konnten.
Die finstere Silhouette trat mehr und mehr aus dem grauen, undurchdringlichen Nebel hervor. Die Segel schienen schlaff von den Rahen zu hängen. Es blies kein Wind, was für diese wilde, raue Küste sehr ungewöhnlich war. Am Strand brachen sich die Wellen. Geräusche mischten sich in das beständige Rauschen. Stimmen.
Bruder Cordwain schluckte.
Die Stimmen der Wiedergänger, erkannte er schaudernd. Stimmen, die halb wehklagend, halb hasserfüllt und wutentbrannt klangen.
Boote wurden zu Wasser gelassen. Niemand ruderte auf ihnen. Es war eine geisterhafte Kraft, die sie auf den Strand zutrieb.
Es waren Männer, die wie spanische Söldner des sechzehnten Jahrhunderts gekleidet waren. Sie trugen Helme, Brustharnische, Degen und Arkebusen – altertümliche Handfeuerwaffen. Hin und wieder war auch eine Radschlosspistole zu sehen.
Ihre Gesichter waren bleich, ihre Gestalten schienen manchmal an Substanz zu verlieren und wirkten dann durchscheinend, so als würden sie jeden Moment vollkommen verblassen.
Die Augenhöhlen waren von einem dämonischen Licht erfüllt, das manchmal zunahm und zu pulsieren begann.
Sie sprachen Spanisch. Zumindest glaubte Bruder Cordwain, dies zu erkennen.
Weitere der Gestalten ließen sich an der Schiffswandung herab, da offenbar sämtliche Boote bereits benutzt wurden. Die geisterhaften Waffenknechte landeten auf der Wasseroberfläche, die für sie wie fester Grund war. Sie liefen beinahe schwebend über das unruhige Wasser.
Die ersten Söldner erreichten nun den Strand. Ihre schweren Stiefel hinterließen keinerlei Spuren und Abdrücke, obwohl es eigentlich unmöglich war, dass sie nicht wenigstens ein oder zwei Zentimeter in den vom Meerwasser durchfeuchteten Untergrund einsanken.
»Muerte y venganza!«, sagte einer von ihnen, und die anderen wiederholten diese Worte immer wieder, fast wie in einem Singsang. »Muerte y venganza! Muerte y venganza!« Die Augen der Unheimlichen glühten dabei auf und pulsierten im Rhythmus des Singsangs.
Bruder Cordwain faltete unterdessen die Hände und begann, ein Vaterunser zu beten. Dann breitete er die Arme aus.
»Hier bin ich«, sagte er. »Ein Unschuldiger – bereit, sich zu opfern für die Schuldigen, so, wie es unser Herr Jesus Christus einst getan hat. Und so, wie er die Welt durch seinen Kreuzestod erlöst hat, soll auch Calmmeany erlöst werden.«
»Muerte y venganza!«, schallte es ihm entgegen.
Muerte y venganza – Tod und Rache! Die Eindringlichkeit dieser Worte war kaum zu ertragen. Bruder Cordwain hoffte nur inständig, dass ihm der Herr genügend Kraft geben würde, um diese Tortur durchzuhalten. Der Mönch hatte das Gefühl, ihm müsse jeden Moment der Kopf zerspringen, so schlimm war es.
Die Wiedergänger blieben stehen.
»Hier bin ich«, sagte Bruder Cordwain noch einmal. Er war sicher, dass die Wiedergänger ihn verstanden. Trotzdem sagte er es ein weiteres Mal, diesmal allerdings auf Spanisch. »Estoy aqui«, murmelte er.
Der Singsang der Wiedergänger erstarb. Für einige Augenblicke war es, abgesehen vom Rauschen des Meeres, das hier in unmittelbarer Nähe der Küstenlinie ohnehin immer alles untermalte, ganz still. Das Leuchten in den Augen der geisterhaften Wiedergänger wurde etwas schwächer. Ihre Körper wirkten durchscheinender und blasser als zuvor. Manche von ihnen schienen jetzt kurz vor der endgültigen Auflösung zu stehen.
»Ich bin hier!«, wiederholte Bruder Cordwain. »Nehmt mich mit, und nehmt euren Fluch von Calmmeany!«
Der Anführer der Wiedergänger hob einen Arm. Daraufhin richtete einer der anderen Söldner seine altertümliche Waffe auf Bruder Cordwain. Der Söldner wirkte so blass und durchscheinend, dass Cordwain für einen Moment Schwierigkeiten hatte, seine genauen Umrisse vom grauen Nebel im Hintergrund zu unterscheiden.
»Ich bin zu jedem Opfer bereit!«, rief Bruder Cordwain.
Der Söldner betätigte den hakenförmigen Abzug der Waffe. Der Knall war ohrenbetäubend. Die daumennagelgroße Bleikugel traf den Mönch in der Brust. Cordwain taumelte einen Schritt zurück, wankte und sank dann auf die Knie.
Der Söldner, der ihm am nächsten stand, zog daraufhin sein Schwert. Es war so durchscheinend, dass man es kaum sehen konnte, als er die Klinge durch die Luft fahren ließ. Als der Toledo-Stahl den Kopf des Mönchs vom Rumpf trennte, spritzte das Blut in einer hohen Fontäne hervor. Der Kopf rollte über den Boden. Der Ausläufer einer Welle erreichte ihn und drehte ihn noch einmal.
Der Körper des Geköpften sackte in sich zusammen.
Der Anführer der Söldner stieg über den Toten hinweg. Einer seiner Füße war dabei so geisterhaft und durchscheinend, dass der Stiefel glatt und ohne Widerstand durch Bruder Cordwains Körper hindurchglitt.
»Vamos!«, rief der Anführer dann mit erhobenem Schwert, und diesem Augenblick leuchteten nicht nur seine Augen grell auf, sondern auch eine Narbe, die unterhalb des rechten Auges in fast waagerechter Linie verlief. »Muerte y venganza!«
»Muerte y venganza!«, antwortete einer der anderen Wiedergänger. Seine geisterhafte, dröhnende stimme hallte dabei nach, so als würde er sich in einem geschlossenen Gewölbe befinden.
»Niemand wird uns entkommen«, murmelte der Anführer in spanischer Sprache leise vor sich hin und hob dann grimmig das Schwert. »Niemand …«
***
Bis zum Dorf Calmmeany war es nicht weit. Fast lautlos näherten sich die geisterhaften Söldner. Sie brachen die Türen der Häuser auf und wenig später gellten die ersten Schreie. Einmal krachte ein Schuss, aber zumeist starben die Bewohner durch Schwerthiebe oder durch Stoßwaffen.
Im Dorf herrschte helle Aufregung.
Ein kleiner Teil der Bevölkerung hatte das Dorf verlassen, war zu Verwandten in den Nachbarorten geflohen. Bruder Cordwain hatte sie gewarnt und ihnen gesagt, dass es eine geheime Gesetzmäßigkeit gab, mit der sich die Wiederkehr dieser Geister vorhersagen ließ. Aber die meisten hatten nur gelacht und den Mönch, der in der ganzen Umgebung als ein ziemlich sonderbarer Mann galt, nicht weiter ernst genommen.
Erst als plötzlich die Glocken der alten Kirche zu läuten begonnen hatten, hatten es einige mit der Angst zu tun bekommen. Am Horizont sah man mehrere Wagen und ungefähr zwei Dutzend Fußgänger dahinziehen.
Doch die Wiedergänger waren längst auf die Fliehenden aufmerksam geworden und hatten die Verfolgung aufgenommen. Die anderen wandten sich den Bewohnern zu, die sich in ihren Häusern verbarrikadiert hatten.
Einer der Bauern wehrte sich mit einem Beil gegen die Wiedergänger. Es war eine Verzweiflungstat, denn die Axtklinge war zwar gut geschärft, fuhr aber vollkommen wirkungslos durch den geisterhaften Feind hindurch. Es war so, als wäre dort gar kein Widerstand.
Der Bauer verlor durch die Wucht seines eigenen Schlages fast das Gleichgewicht.
»Muerte y venganza!«, schrie der Söldner grimmig, und seine Stimme hallte dabei auf eine vollkommen widernatürliche Weise.
Mit einem wuchtigen Schwerthieb schlug er dem Bauern den Kopf von den Schultern. Der Hund des Bauern sprang knurrend und geifernd durch den Spanier hindurch. Dieser beachtete das Tier gar nicht weiter, das winselnd wieder auf die Beine kam.
Der Wiedergänger wandte sich der Tür des nahen Hauses zu. Ein Kreuz, mit Blut auf das Holz geschrieben, ließ ihn einen Moment lang inne halten. Er verzog das Gesicht und stieß einen wütenden, knurrenden Laut aus.
Er versuchte, einfach weiterzugehen und das dicke Holz mit seiner körperlosen Erscheinung zu durchdringen, doch da traf ihn ein bläulicher Lichtblitz, gerade in dem Augenblick, als er die Tür zu passieren versuchte.
Der Spanier taumelte zurück. Dieser einfache Schutzzauber war doch stärker, als er erwartet hatte. Für einen kurzen Moment schien seine Gestalt vollkommen zu verblassen.
Dann steckte er sein Schwert ein und griff stattdessen zu dem kurzstieligen Handbeil, das er an der Seite trug. Mit einem Schrei auf den Lippen stürmte er auf die Tür zu und hakte mit dem Beil auf sie ein.
Funken sprühten. Blitze zuckten aus dem Holz hervor, aber all das konnte den Spanier nicht aufhalten. Immer wieder fuhr die Klinge seines Beils in das Holz. Wenig später hatte er ein Loch hineingehackt und den Riegel zertrümmert. Schreckensschreie drangen aus dem Inneren des Hauses. Es gab jetzt nichts mehr, was den Spanier daran hindern konnte, ins Innere des Gebäudes einzudringen …
Er machte einen Schritt nach vorn und trat damit durch die Tür. Einige Gestalten kauerten in einer Ecke neben dem Ofen. Eine Frau und drei Kinder, die sich angstvoll an ihre Mutter klammerten.
Der Spanier zog erneut sein Schwert.
Mit der blanken Klinge in der Rechten und dem Handbeil in der Linken stand er da und materialisierte nun so sehr, dass man ihn für einen Mann aus Fleisch und Blut hätte halten können.
Zu seiner Linken bewegte sich etwas. Blitzschnell fuhr der Spanier mit dem Schwert zur Seite – so schnell, dass menschliche Augen seine Bewegung kaum mitverfolgen konnten. Ein schriller Schmerzenslaut war zu hören. Er klang fast wie der Schrei eines Kindes. Es war aber die Katze des Hauses. Mit seinem Schwertstreich hatte der Spanier sie beinahe zerteilt. Als blutiges, zuckendes Etwas lag sie jetzt auf dem Boden.
Nun wandte er sich der Frau und den Kindern zu.
Diese waren jetzt noch nicht einmal mehr in der Lage, zu schreien. Mit großen, vor Schreck geweiteten Augen sahen sie diesem Gestalt gewordenen Schrecken entgegen. Ihnen war klar, dass sie gegen diese Bedrohung nichts ausrichten konnten. Und so begann die Frau schließlich, leise zu beten.
Der Spanier trat vor, hob das Schwert und holte zum Schlag aus.
Aber dann ertönte aus der Ferne ein Horn. Es war nur ein einfacher, langgezogener Ton und er schien vom Meer her bis hierher nach Calmmeany zu schallen. Aus irgendeinem Grund hatte dieser Laut auf den Spanier eine nachhaltige Wirkung. Er hielt mitten im Schlag inne und senkte die Klinge.
Dann lauschte er. Der Ton schwoll noch etwas an und verebbte schließlich. Einen Augenblick später erklang er von Neuem, nur war die Tonlage geringfügig tiefer.
Der Spanier richtete seine dämonisch leuchtenden Augen auf die Frau und die Kinder, ehe er sich schließlich wieder der zertrümmerten Tür zuwandte.
Einen Augenblick später hatte er das Haus verlassen.
Die Schreie, die bis dahin überall in Calmmeany zu hören gewesen waren, verstummten. Überall machten sich die geisterhaften Angreifer wieder auf den Rückweg zum Strand. Selbst diejenigen, die die Flüchtenden gerade eingeholt und schon einige von ihnen umgebracht hatten, kehrten plötzlich um.
Zum dritten Mal ertönte nun der Ton des Horns. Er kam vom Meer her, wo das Schiff lag, das sich als dunkler Schatten vom grauen Nebel abhob.
Überall kehrten die geisterhaften Gestalten jetzt zur Bucht zurück und bestiegen die Boote. Manche gingen einfach über das Wasser, und einige sanken etwas ein. Sie waren während der Zeit, da sie an Land gewütet hatten, zu sehr verstofflicht, um einfach so zurückkehren zu können.
Dann wurden jedoch auch ihre Körper wieder durchscheinender und leichter. Sie schwebten aus dem Wasser heraus und schritten auf eine Art und Weise darüber, als wären sie vollkommen gewichtslos.
Die Boote wurden ins Schiff gehoben. Es wirkte nicht so, als hätte es vor Anker gelegen, sondern vielmehr so, als wäre es auf Grund gelaufen. Die Masten standen schief. Aber wie durch Geisterhand setzte es sich nun trotz allem in Bewegung, ohne dass sich auch nur eines der Segel gebläht hätte. Der leichte Wind, der von seewärts blies und begann, die Nebelschwaden durcheinanderzuwirbeln, ließ das Schiff vollkommen unberührt.
Der Segler nahm Fahrt auf und seine dunkle Silhouette verschwand schließlich im dichten Nebel.
***
Gegenwart, 113 Jahre später
»Was liegt an, Glenda?«, fragte ich unsere Sekretärin, als ich zusammen mit Suko an diesem Morgen im Yard eintraf.
»Nun, ich musste heute Morgen schon zwei Flüge zum Shannon Airport für euch buchen.«
»Shannon Airport?«, echote ich. »Wir fliegen an die irische Westküste?«
»Sir James ist zurzeit noch auf einer kurzfristig einberufenen Konferenz«, erklärte uns Glenda. »Aber er wird euch sicherlich mehr dazu sagen können, sobald er wieder zurück ist.«
Ich wechselte einen kurzen Blick mit Suko. Ich wusste genau, dass er im Moment genauso gespannt darauf war, zu erfahren, was es mit unserem bevorstehenden Aufenthalt in Irland auf sich hatte.
Vielleicht hatte man uns wegen irgendeines übernatürlichen Phänomens im Rahmen internationaler Amtshilfe angefordert. Schließlich war unsere Abteilung auf der ganzen Welt ziemlich einmalig. Die Bedrohung durch magische oder übernatürliche Bedrohungen wurde zumeist noch nicht auf eine Weise wahrgenommen, wie es eigentlich gerechtfertigt gewesen wäre. Auch dies war ein Grund dafür, dass die Mächte des Bösen mitunter ein sehr leichtes Spiel hatten.
Glenda weiter über die Sache auszuquetschen, hatte nicht viel Sinn. Denn wenn sie etwas gewusst hätte, hätte sie es uns garantiert gesagt.
»In Limerick steht dann ein Geländewagen für euch bereit«, ergänzte sie jetzt weiter. »Und außerdem habe ich auch schon alles in die Wege geleitet, damit ihr euer …«, sie zögerte kurz, ehe sie weitersprach, »… Sondergepäck mitnehmen könnt.«
Mir war natürlich sofort klar, worauf sie damit anspielte. Es ging dabei um die Waffen, die Suko und ich im Kampf gegen das Böse einsetzten.
Ich genehmigten mir erst einmal einen Kaffee, während sich Suko mit einer Tasse Tee begnügte. Anschließend überprüfte ich meine E-Mails. Unter anderem schrieb mich da ein gewisser Inspektor Richardson von der irischen Kriminalpolizei aus Limerick an.
Da konnte ich wohl jede Wette eingehen, dass das mit unserem zukünftigen Fall zu tun hatte. Suko hatte die E-Mail auch erhalten.
»Schade, dieser Inspektor Richardson hätte uns ja auch verraten können, worum es eigentlich geht«, meinte Suko.
Stattdessen versprach Richardson nur, rechtzeitig am Flughafen zu sein, um uns abzuholen, und er erwähnte ein paar andere Kleinigkeiten, die mit unserer Reiseplanung zu tun hatten.
Worum es ging, schrieb er nicht. Aber das hatte vielleicht auch einen guten Grund.
Es dauerte noch eine halbe Stunde, bis uns unser Chef Sir James Powell schließlich in seinem Büro empfing.
»Schön, Sie beide zu sehen«, sagte er knapp, nachdem wir uns gesetzt hatten.
»Guten Morgen, Sir«, gaben wir fast wie aus einem Mund zurück.
Sir James kam gleich zur Sache. »Uns erreichte heute früh ein Hilferuf aus Limerick. In der Nähe gibt es eine Ortschaft mit dem Namen Calmmeany. Dort sind mehrere Leichen aufgefunden worden. Eine davon starb durch ein Projektil, wie man es in Arkebusen des späten sechzehnten Jahrhunderts verwendete. Die Opfer hatten Wunden, die möglicherweise von Schwerthieben stammen. Leute aus der Umgebung wollen geisterhafte, durchscheinende Gestalten gesehen haben, die aus einem Segelschiff gestiegen und über das Wasser gelaufen sind …«
»Das könnte alles und nichts sein«, meinte ich.
»Sie sagen es. Es ist so, dass in der Gegend von Calmmeany seit Langem angeblich ein Fluch auf den Menschen lasten soll«, fuhr Sir James fort. »Der Sieg der englischen Flotte über die spanische Armada im Jahr 1588 wird Ihnen ja aus dem Geschichtsunterricht sicher noch geläufig sein.«
Ich nickte. »Den spanischen Schiffen war der Rückweg durch den Ärmelkanal durch die Engländer versperrt. Sie waren daher gezwungen, den gefährlichen Weg um die britischen Inseln herum zurück nach Spanien zu nehmen, wobei die Armada dann noch einmal durch die rauen Verhältnisse an den Küsten Irlands erheblich dezimiert wurde.«
Sir James lehnte sich zurück und nickte. Seine Züge wirkten sehr ernst. »Etliche Schiffe dürften damals an den Küsten gestrandet sein – und die Überlebenden sind wohl von einheimischen Strandpiraten erschlagen worden.«
»Und jetzt fürchtet man sich vor Wiedergängern aus dem Jenseits, die sich an der Bevölkerung rächen wollen?«
»So ist die Legende«, bestätigte Sir James. »Über die Jahrhunderte hinweg seien diese Rachegeister immer wieder in Calmmeany und Umgebung aufgetaucht und hätten furchtbar gewütet. Allerdings liegt der letzte Vorfall schon viele Jahrzehnte zurück, und inzwischen ist die Legende von den Wiedergängern wohl oder minder zu einer Art Schauermärchen für Touristen verkommen. Zumindest sagte mir das unser irischer Kollege am Telefon.«
»Nun, es gibt viele solcher Legenden – und meistens sind keine Geister daran beteiligt.«
»Die Kollegen aus Irland würden uns nicht um Hilfe bitten, wenn sie nicht davon überzeugt wären, es wirklich mit einer übernatürlichen Bedrohung zu tun zu haben«, versicherte Sir James. »Kurz gesagt: Wir sind um Amtshilfe gebeten worden. Niemand verfügt über mehr Erfahrung im Umgang mit außersinnlichen Gefahren als unsere Abteilung.«
»Ich nehme an, alles weitere werden wir dann in Irland von den zuständigen Kollegen erfahren«, vermutete Suko.
Sir James bestätigte dies. »Ja, so wird es sein. Ich habe mir die Freiheit genommen, Glenda darum zu bitten, schon mal sämtliche Vorbereitungen für die Reise zu treffen. Die Kollegen aus Limerick haben uns ein paar Fotos der aufgefundenen Leichen mitgeschickt und außerdem den ballistischen Bericht über ein Projektil, das in dieser Form seit Jahrhunderten aus der Mode gekommen ist.« Sir James seufzte schwer. »Natürlich ist es genauso gut möglich, dass es sich bei dieser Bleikugel um das Werk von jemandem handelt, der sich selbst eine primitive Büchse zusammengebastelt hat, die einer frühneuzeitlichen Arkebuse recht ähnlich sein könnte.«
»Daran dachte ich, ehrlich gesagt, auch im ersten Moment«, meinte Suko. »Lässt sich das Alter nicht chemisch genau bestimmen?«
»Nein, so exakt ist das nicht möglich. Aber Analysen haben ergeben, dass diese Bleikugel auf gar keinen Fall aus Irland stammen kann, sondern vermutlich von der iberischen Halbinsel. Das Datenmaterial ist auf Ihre Rechner überspielt. Sie haben vielleicht während des Fluges Gelegenheit, sich das auf dem Laptop anzusehen.«
***
Der Flug nach Limerick dauert nur gut anderthalb Stunden. Wir flogen von London Heathrow aus. Es war später Nachmittag, als wir Shannon Airport erreichten.
Sir James hatte dafür gesorgt, dass wir unsere wichtigsten magischen Waffen mitnehmen konnten, und so waren wir auf alles gefasst.
Inspektor Richardson von der irischen Kriminalpolizei holte uns vom Flughafen ab. Er war ein kräftiger Mann in den Fünfzigern. Sein Haar war rot und schütter, das Gesicht kantig und von einem Ausdruck geprägt, der Entschlossenheit und Tatkraft zeigte. Wie verzweifelt er in diesem speziellen Fall allerdings war, erfuhren wir später.
»Ich bin Oberinspektor John Sinclair«, stellte ich mich vor. »Aber nennen Sie mich einfach John. Und dies ist mein Kollege Suko.«
»Angenehm. Ich bin Inspektor Richardson«, entgegnete der Ire. »Sie können Patrick zu mir sagen. Ich hoffe, dass wir gut zusammenarbeiten. So etwas wie Ihre Abteilung gibt es leider in ganz Irland nicht.«
»Ja, wir sind ziemlich einzigartig«, gab ich zu.
»Meine Leute sind informiert. Sie haben ziemlich freie Hand. Und weiß Gott, ich hoffe, dass Sie die Wahrheit herausfinden.«
»Das werden wir«, versprach ich.
Wir holten unser Gepäck ab. Darunter auch unsere Dienstwaffen, die während des Fluges in einem speziellen Safe verschlossen worden waren. Über der Schulter trug ich das Lederfutteral, in dem sich das Schwert des Salomo befand. Es hatte mir gerade erst wieder im Kampf gegen den Siebentöter gute Dienste geleistet. Also hatte ich es auch hierhin mitgenommen.
Inspektor Richardson warf zwar einen stirnrunzelnden Blick darauf, aber er konnte sich mit Sicherheit nicht vorstellen, was sich in dem Futteral befand.
»Ich fürchte, zum Golfspielen werden Sie kaum Zeit haben, John«, konnte er sich dann eine Bemerkung allerdings doch nicht verkneifen.
Ich lächelte mild. »Alles was ich hier bei mir trage, hat unmittelbar mit dem Job zu tun, den wir hier erledigen sollen.«
»Dann bin ich ja beruhigt«, sagte Richardson. »Ich werde Sie jetzt mit meinem Wagen mitnehmen. Anschließend fahren wir bei der Gerichtsmedizin vorbei, damit Sie sich selbst ein Bild von den aufgefundenen Leichen machen können.«
»Ich dachte, wir bekommen einen eigenen Wagen«, wunderte sich Suko.
Richardson wandte sich meinem Kollegen zu. »Keine Sorge, ich habe nicht vor, in nächster Zeit pausenlos als Ihr Chauffeur zu fungieren. Ein Leihwagen steht auf dem Gelände des Polizeipräsidiums von Limerick für Sie bereit. Ein geländegängiger SUV, wie Sie ihn in dieser Gegend durchaus brauchen können. Denn wenn Sie ein paar Meilen rausfahren, dann gibt es hier mehr Schafe als Menschen, und nicht überall führt eine richtige Straße hin.«
»Ich verstehe schon«, sagte ich.
Eigentlich dachte ich, dass wir uns jetzt auf den Weg machen würden. Aber da war noch irgendetwas, was Inspektor Richardson zurückhielt. Er druckste etwas herum und wirkte so, als ob er uns noch etwas sagen wollte, aber im Moment einfach nicht die passenden Worte fand.
»Wie sage ich es am einfachsten?«, meinte er. »Am besten falle ich wohl gleich mit der Tür ins Haus und sage einfach frei heraus, was mir auf der Seele brennt.«
»Ich bitte darum, Patrick«, ermutigte ich ihn.
Er hob seine feuerroten, buschigen Augenbrauen. »Wissen Sie, ich bin Polizist. Ich bin es gewohnt, mit Fakten und Beweisen umzugehen und auch wenn es so manchem Klischee widersprechen mag, es ist keineswegs so, dass wir hier jedes Mal bei einer Tatortanalyse erst die Elfen befragen, was geschehen sein könnte! Aber in diesem Fall ist einfach zu vieles vollkommen anders, als ich es gewohnt bin, und Sie können sicher sein, dass wir Ihre Hilfe nicht einfach nur so aus einer Laune heraus angefordert haben.«
»Das würde ich auch nie in Zweifel ziehen«, versicherte ich.
»In vielen Mordfällen gibt es zweifelhafte Zeugen, die irgendetwas gesehen zu haben glauben. Und jeder, der die Zeitungen aufschlägt, weiß, dass in regelmäßigen Abständen Menschen davon berichten, dass Ufos gelandet oder ihnen verstorbene Verwandte begegnet sind. Ich bin in dieser Hinsicht ein Ungläubiger und versuche, mich ausschließlich an nachprüfbaren Fakten zu orientieren.«
»In diesem Punkt unterscheiden wir uns gar nicht«, erklärte ich.
Richardson zuckte mit den Schultern. »Wie auch immer. Es gibt in diesem Fall Dinge, die einfach über mein bisheriges Vorstellungsvermögen hinausgehen. Und das liegt auch nicht nur an den Aussagen irgendwelcher Wichtigtuer oder an dem Projektil, das wir sichergestellt und untersucht haben. Es gibt glaubwürdige Aussagen von Anwohnern der Calmmeany Bay, die von geisterhaften, durchscheinenden Gestalten gesprochen haben, die über das Wasser gingen. Und die Zeugen, die das Schiff selbst gesehen haben, sind ebenfalls glaubwürdig. Es sind einfach zu viele, als dass das alles nur Unsinn gewesen sein kann!«
»Genau deswegen sind wir hier«, sagte nun Suko.
***
Wir stiegen in Inspektor Richardsons Wagen, nachdem wir unsere Sachen im Kofferraum verstaut hatten. Ich setzte mich auf den Beifahrersitz, Suko nahm auf der Rückbank Platz.
»Jetzt fahren wir zu Dr. Reilly in die Gerichtsmedizin«, kündigte Richardson an. »Wir sind hier, was unsere Laborkapazitäten angeht, natürlich nicht so ausgestattet, wie Sie das von Scotland Yard her gewohnt sind. Aber Limerick ist verglichen mit London ja auch ein Dorf.«
»Aber eins mit benachbartem Großflughafen«, stellte ich fest, während Richardson bereits den Motor gestartet hatte.
»Ja, das kann man wohl sagen«, stimmte Richardson zu.
Da erschien plötzlich eine Gestalt vor der Kühlerhaube des Wagens!
Das Ganze dauerte nur Sekunden. Ich sah einen Helm nach Art spanischer Söldner des sechzehnten Jahrhunderts. Ein Harnisch reflektierte das Licht der schon tiefstehenden Sonne. In der Rechten hielt der Kerl ein Schwert.
Mit einem durchdringenden Schrei sprang er auf die Kühlerhaube, während Inspektor Richardson so heftig in die Eisen trat, dass ich nur froh sein konnte, dass ich angeschnallt war. Mit quietschenden Reifen stoppte der Wagen des Inspektors.
Ein bärtiges totenbleiches Gesicht mit weit aufgerissenen, scheinbar wahnhaft flackernden Augen starrte mir entgegen. »Muerte y venganza!«, rief er. »Muerte y venganza!«
Ich riss die Tür auf und stieg aus dem Wagen. Suko und Richardson folgte mir. Ächzend kletterte der Kerl wieder von der Kühlerhaube herunter. Ich hielt ihm mein Silberkreuz entgegen. Aber es reagierte nicht. Weder war eine Erwärmung zu spüren, noch entfaltete es seine Macht, die normalerweise für die meisten von den Mächten des Bösen erfüllten Kreaturen tödlich war.
Der Kerl starrte mich an.
Richardson näherte sich ihm mit gezogener Dienstwaffe.
»Polizei! Nehmen Sie die Hände hoch«, sagte er, wagte es aber nicht, noch näher an den Mann heranzukommen.
Seinen Erklärungen zum Trotz, dass er ein ausschließlich an Fakten orientierter, vollkommenem nüchterner Ermittler sei, schien er es insgeheim wohl doch für nicht so ganz abwegig zu halten, dass hier übernatürliche Kräfte am Werk waren. Ohne Grund hatte man uns ja schließlich auch nicht zu Hilfe geholt.
Für einige Augenblicke hing alles in der Schwebe. Der Mann, der wie ein spanischer Söldner gekleidet war, rief noch einmal lauthals »Muerte y venganza!« und fügte dann hinzu: »Ihr werdet alle büßen für die Sünden eurer Vorfahren! Wir kommen wieder und töten alle! Mein ist die Rache, spricht der Herr!«
Die letzten Sätze hatte er auf Englisch gesprochen – und zwar einem Englisch wie es nur in Irland gesprochen wurde.
Ich reagierte sofort und berührte ihn mit dem Kreuz. Noch immer gab es keinerlei Reaktion, und das konnte eigentlich nur eins bedeuten: Dieser Mann war alles andere als ein Geist. Er war noch nicht einmal mit irgendwelchen übernatürlichen Dingen in Berührung gekommen, denn mein Kreuz hätte diese Energien zweifellos gespürt.
Suko hatte unterdessen das Schwert aufgehoben, das dem »Spanier« entfallen war.
»Hochwertiges Plastik«, stellte mein Kollege fest und wandte sich dann an mich. »Das ist ein Spielzeug, John.«
»Dachte ich es mir doch! Ein Spinner!«, schimpfte Richardson, und es war ihm deutlich anzumerken, wie blank seine Nerven inzwischen wegen dieses Falles lagen.
»Muerte y venganza!«, tönte der fremde Kerl dann. »Das dunkle Schiff der Schatten kehrt zurück – und die Glocke von Calmmeany erklingt wieder! Die Glocke aus dem Blutgold eurer Vorväter …«
»Ich weiß nicht, was Sie genommen haben, junger Mann, aber Sie sind erst mal verhaftet«, sagte Richardson.
»Ihr werdet alle sterben! Alle, in denen das Blut der Mörder fließt!«, rief der vermeintliche Söldner wie von Sinnen.
Richardson legte ihm sicherheitshalber Handschellen an und telefonierte dann mit seinem Revier. »Auf jeden Fall werden wir einen Drogentest machen«, erklärte unser irischer Kollege schließlich. »Geweitete Pupillen in Verbindung mit diesem wirren Gefasel, das scheint mir ein ausreichender Anhaltspunkt zu sein.«
»Wer sind Sie?«, fragte ich den Mann ruhig.
»Capitán Esteban Montoya y Montego de los Reyes«, kam es ihm über die Lippen. »Ich befehligte die Santa Imaculada, als wir in der Calmmeany Bay an die Küste gespült wurden und auf Grund aufliefen – bevor eure Leute uns abschlachteten, um uns zu berauben.«
»Ich meine Ihren richtigen Namen«, beharrte ich.
»Aus dem Eisen unsrer Kanonen habt ihr eure Glocke gegossen – und jetzt verkündet diese Totenglocke euch das Ende …«
»Sir, wie heißen Sie?«
»Das hat keinen Zweck«, sagte Richardson. »Sollen sich die Kollegen mit ihm herumärgern. Und in ein oder zwei Stunden wissen wir auch, wer er ist. Falls es Sie dann noch interessieren sollte, werde ich es Sie gerne wissen lassen, John.«
»Danke«, sagte ich nur.
»Aber glauben Sie mir. Dieser drogensüchtige Idiot hat mit unserem Fall nicht das Geringste zu tun«, war Richardson überzeugt. »Das ist nur ein Wichtigtuer, der mal in die Schlagzeilen will.«
***
Papiere hatte der Mann nicht bei sich. Und bis zum Eintreffen von Richardsons Kollegen beharrte er darauf, Capitán Montoya zu sein, Befehlshaber der Santa Imaculada und treuer Diener von Spaniens König Philipp II.
Die Kollegen kamen schließlich mit einem geräumigen Einsatzfahrzeug, mit dem der angebliche Capitán dann abtransportiert wurde.
»Tut mir leid für die Verzögerung«, sagte Richardson.
»Schon in Ordnung«, gab ich zurück.
»Als ob wir nicht schon genug Probleme hätten, pfuschen einem dann immer noch solche Spinner dazwischen, um sich irgendwie in den Vordergrund zu spielen.«
»Wir Briten sind ein Land der Exzentriker«, erinnerte ich ihn. »Da ist dieser Mann wohl eher von der schlichteren Sorte.«
»Wenn Sie das so sehen …«
»Trotzdem würde ich gerne wissen, was seine Befragung ergeben hat!«
»Heute werden Sie da nichts mehr erfahren. Ich glaube nicht, dass es im Moment Sinn hat, sich überhaupt mit ihm zu unterhalten. Sie haben ja gesehen, wie er drauf war!« Richardson seufzte. »Vielleicht ein Fall für den Psychiater. Mal sehen, was der Drogentest ergibt.«
»Was hat er gemeint, als er über die Glocke sprach?«, hakte ich nach.
»Ach, das sind die allgemein in der Gegend bekannten Geschichten. Vergessen Sie es einfach.«
»Auch wenn dieser Mann vielleicht nichts mit unserem Fall zu tun hat, die Geschichten, die Sie erwähnten, haben es aber zweifellos.«
»Also gut. Von diesem Fluch über Calmmeany wissen Sie ja inzwischen.«
»Ja.«
»Das Dorf ist mehrfach völlig verlegt worden, weil man Angst vor diesen Wiedergängern hatte. Deshalb gibt es da eine Kirche, die scheinbar mitten auf der freien Wiese steht. Dort war die ursprüngliche Lage des Ortes. Zumindest sagt man das. Ob das auch wirklich stimmt, weiß ich nicht. Ich bin schließlich kein Heimatforscher.«
»Und diese Glocke …«
»… beginnt von selbst zu schlagen, wann immer eine Wiederkehr des Geisterschiffes und seiner Besatzung bevorsteht.«
»Ist etwas dran an der Geschichte, dass sie aus dem Metall der Kanonen der Santa Imaculada geschmiedet wurde?«
Inspektor Patrick Richardson zuckte mit den Schultern. »Das wurde nie untersucht«, meinte Richardson. »Die Kirchenruine ist ein verwunschener Ort, da pilgern höchstens mal ein paar verrückte Okkultisten hin. Und es kam wohl auch mal vor, dass Jugendliche die Glocke betätigt haben, um sich einen Scherz zu erlauben. Und ehrlich zu sein war das auch diesmal meine Hypothese, als uns die Bewohner der Gegend davon berichteten, dass die Glocke der Toten geschlagen habe …«
»Gibt es eigentlich jemanden, der das Auftauchen dieser geisterhaften Killer und des Armada-Schiffs mit einem Handyfoto dokumentiert hat?«, fragte ich. »Ich habe in den Unterlagen, die Sie uns übersandten, jede Menge Zeugenaussagen gefunden, aber es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn keiner von diesen Personen ein Smartphone zur Hand gehabt hätte.«
»Doch, es gab einige, die eins hatten. Und es sind auch Bilder geschossen worden.«
»Und wie sind die?«
»Das gehört zu den Merkwürdigkeiten in diesem Fall. Es ist nichts darauf zu sehen. Gar nichts, abgesehen von grauen Nebelwänden und undefinierbaren Schatten. Trotzdem schwören diese Zeugen Stein und Bein, dass da etwas zu sehen war.«
»Das könnte dafür sprechen, dass es sich tatsächlich um eine übernatürliche Erscheinung gehandelt hat«, mischte sich Suko ein. »Manche Geister lassen sich fotografieren, andere nicht. Es gibt auch solche, die nur auf Fotos erscheinen und ansonsten unsichtbar bleiben. Da gibt es die unterschiedlichsten Varianten.«
»Ich sehe schon, Sie sind vom Fach«, meinte Richardson anerkennend.
***
Gut zwanzig Minuten dauerte die Fahrt bis Limerick. Richardson brachte uns zum gerichtsmedizinischen Institut, das in einem Altbau untergebracht war.
Dr. Reilly war ein freundlicher älterer Herr. Er trug einen weißen Kittel, in dessen Tasche er seine Hände fast dauernd verborgen hielt.
Richardson stellte uns kurz vor, und Reilly nickte Suko und mir jeweils zu. Sein Blick wirkte dabei ziemlich skeptisch. »Sie können ruhig wissen, dass ich Ihretwegen Überstunden mache«, sagte Reilly. »Allerdings halte ich diese Angelegenheit für so wichtig, dass dieser Einsatz gerechtfertigt ist. Und davon abgesehen hoffe ich, dass Sie endlich die Wahrheit herausfinden – nach all der Zeit.«
»Was meinen Sie genau damit?«, hakte ich nach.
Reilly wandte sich kurz Richardson zu und sagte anschließend: »Ich habe mich außer mit den Leichnamen der aktuellen Toten auch inzwischen etwas eingehender mit der Vergangenheit beschäftigt. Es gab über die Jahrzehnte hinweg immer wieder Opfer, die auf ähnliche Weise zugerichtet waren. Und bei einem hat man sogar eine Bleikugel gefunden, die der entspricht, die wir diesmal bei einem der Toten sichergestellt haben. Das war allerdings im Jahr 1913, und es gibt von den Beweisstücken nur noch Fotografien in einem mehr oder minder schlechten Zustand, aber keine Originalstücke mehr. Die schlimmste Heimsuchung durch diese spanischen Geister soll es übrigens im Jahr 1801 gegeben haben. In der Bibliothek des Trinity College in Dublin lagern noch alte Aufzeichnungen aus dieser Zeit, darunter auch die Unterlagen eines Arztes, der hier in Limerick praktiziert hat. Sein Name war James O’Donnell, und er hat diese Aufzeichnungen anschließend zur Grundlage seiner Abhandlung über Geistermorde gemacht, von der eines der letzten Exemplare ebenfalls in der Sammlung des Trinity College aufbewahrt wird.«
»Das klingt, als könnte uns diese Schrift durchaus weiterhelfen«, stellte ich fest.
Dr. Reilly nickte. »Eine gescannte Version dieses Werkes erwarte ich heute oder morgen auf meinem Rechner. Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen eine Kopie zukommen lassen.«
»Gerne«, sagte ich und gab ihm eine Visitenkarte.
Er hob die Augenbrauen und setzte sich seine Lesebrille auf, bevor er genauer darauf schaute. »In Ordnung«, meinte er dann. »Und jetzt möchte ich Ihnen die Toten zeigen. Ich muss sagen, ich habe selten Mordopfer gesehen, auf die mit derartiger Brutalität eingeschlagen wurde. Ein Teil der Verletzungen ist bei nicht wenigen der Opfer erst post mortem erfolgt.«
Reilly führte uns in seinen Sezierraum. Mehrere der Opfer, die es zuletzt getroffen hatte, lagen hier, und man brauchte schon starke Nerven, um diesen Anblick zu ertragen.
»Auch nachdem die Opfer bereits tot waren, wurde weiter auf sie eingeschlagen«, erläuterte Dr. Reilly und seine Stimme bekam dabei einen anderen, sehr viel gedämpfteren Tonfall.
»Sie gehen von einer Tat aus, der grenzenloser Hass zugrunde liegt, nicht wahr?«, schlussfolgerte ich.
Reillys Blick ruhte nachdenklich auf den sterblichen Überresten von einem der Opfer. »Das ist – war – ein Mann aus Ballybunion an der Küste. Das liegt ein paar Meilen von Calmmeany entfernt. Sein Name war Darren O’Herlihy. Zwanzig Personen haben gesehen, wie dieser Geist auf offener Straße auf das Opfer mit dem Schwert eingeschlagen hat. Der Angreifer soll durchscheinend gewesen sein.«
»Was immer das bedeuten mag«, schränkte Richardson ein. »Ich war am Tatort in Ballybunion und wenn dort die Sonne tief über den Meer steht, dann kann das schon sehr eigenartige Lichteffekte geben.«
Reilly hob den Kopf und musterte Richardson einen Moment lang stirnrunzelnd. »Immerhin haben Sie die Hilfe dieser Spezialabteilung bei Scotland Yard angefordert. Also denken Sie ja auch wohl nicht, dass das ein gewöhnlicher Straßenüberfall mit einem kostümierten Täter war.«
Ich nahm mein Silberkreuz hervor, trat an die Leiche des furchtbar zugerichteten Mannes und berührte ihn mit dem Kreuz. Die Reaktion bestand in einer deutlichen Erwärmung. Für mich ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Tote mit übernatürlichen Kräften in Berührung gekommen war.
Ich wechselte einen kurzen Blick mit Suko.
»Wir sind hier richtig«, stellte ich fest.
Dieser Fall gehörte zweifellos in unser Arbeitsgebiet.
***
Dr. Reilly zeigte uns noch einige der anderen Leichen, die er untersucht hatte. Die meisten der Toten waren mutmaßlich durch den Einsatz von Hieb- und Stichwaffen ums Leben gekommen. Darüber hinaus gab es Schusswunden und Verletzungen durch Armbrustbolzen.
»Armbrüste hatten damals noch eine höhere Durchschlagskraft als Schusswaffen«, erläuterte uns Dr. Reilly. »Deswegen sind die Armbrustbolzen auch zumeist durch den Körper hindurchgegangen, während die Büchsenkugeln mit einer Geschwindigkeit von zumeist unter 300 km/h im Körper stecken bleiben. Unter den damaligen Bedingungen dürfte auch ein Schuss in Arm oder Bein tödlich gewesen sein, weil sich die Wunde durch das Projektil sofort entzündet hat.«
Ich überprüfte auch die anderen Toten auf übersinnliche Energien. Das Kreuz reagierte mal stärker, mal schwächer darauf. Wodurch das zu erklären war, würde sich noch zeigen, aber es musste wohl mit den Umständen zu tun haben, unter denen die jeweiligen Opfer gestorben waren.
»Gibt es irgendwelche Besonderheiten bei den Opfern?«, erkundigte ich mich.
»Sie meinen, ob die etwas gemeinsam hatten?«
»Ja, genau.«
Reilly hob die Augenbrauen. »Auf den ersten Blick nicht. »Weder Alter noch Geschlecht, Wohnort, Beruf, Ausbildung oder was auch immer man sonst betrachten mag, scheinen übereinzustimmen. Gut, sie stammen natürlich hier aus der Gegend und wohnten in küstennahen Orten in einem Umkreis von nicht mehr als zwanzig Meilen. Aber die Sache hat mir keine Ruhe gelassen, und ich habe deswegen auf eigene Faust etwas nachgeforscht.«
»Und mit welchem Ergebnis?«, hakte ich nach.
»Alle Opfer haben Vorfahren aus Calmmeany.« Er wandte sich an Richardson. »Sie waren ja leider nicht davon zu überzeugen, dass dieser Punkt eine Rolle spielen könnte, Inspektor!«
Richardson machte eine abwinkende Handbewegung. »Ich sage nichts mehr dazu«, knurrte er.
»Der Fluch richtet sich anscheinend in erster Linie gegen die Nachfahren der Menschen, die 1588 in Calmmeany wohnten und sich der Legende nach an der Plünderung des Schiffes Santa Imaculada beteiligt haben.«
»Diesen Namen erwähnte auch der Kerl, der uns vorhin auf die Kühlerhaube gesprungen ist«, meinte Suko.
»Erzählen Sie!«, verlangte Reilly.
»Nicht der Rede wert«, meinte Inspektor Richardson. »Das war nur irgendein Spinner.«
»Ein Typ ist uns auf die Kühlerhaube gesprungen, als wir Shannon Airport verlassen wollten«, erklärte Suko. »Er war angezogen wie ein spanischer Söldner der frühen Neuzeit und rief dauernd ‚Muerte y venganza’!«
»Das ist vielleicht wirklich nur eine lokale Ausprägung von Halloween«, meinte Reilly.
***
Wir fuhren mit Richardson zum Polizeipräsidium von Limerick. Dort stand auch unser Wagen für uns bereit. Glenda hatte für uns Zimmer in Ballybunion besorgt. Der Ferienort an der Küste war ideal als Ausgangsort für unsere Ermittlungen, denn Calmmeany lag nur ein paar Meilen entfernt.
In Richardsons Büro hing eine Karte der gesamten Gegend. Mehrere Punkte waren besonders markiert. Die Bucht, in der das Schiff gesehen worden war, sowie die drei Ortschaften mit der Bezeichnung »Calmmeany«. Richardson erläuterte uns das genauer.
»Hier lag der ursprüngliche Ort im Jahr 1588«, sagte er. »Davon ist nur die Kirche geblieben, deren Glocke angeblich das Unheil ankündigt. Um dem Fluch zu entkommen, hat man den Ort dann verlegt und zwar hier hin.« Richardson zeigte uns die Position. Sie lag nur ein paar Meilen entfernt. »Ich habe mit ein paar Heimatforschern gesprochen. Der Grund für die Verlegung des Dorfes ist umstritten. Es könnte auch mit einem Erdrutsch zu tun haben, den es um 1600 hier gegeben hat. Aber das zu rekonstruieren wäre wohl eine Aufgabe für Historiker. Die zweite Verlegung des Ortes hängt jedoch mit den Ereignissen von 1801 zusammen, als das Schiff erneut in der Bucht aufgetaucht sein soll und ein Großteil der Bevölkerung ums Leben kam.«
Der Ort bestand heute nur aus einer kleinen Hauptsiedlung und ein paar verstreuten kleineren Häuseransammlungen, wie man auf der in einem ziemlich großen Maßstab gehaltenen Karte erkennen konnte.
Mir fiel der Name St. Brendan auf, schätzungsweise zwei Meilen von der alten Kirche von Calmmeany entfernt. Ich fragte Richardson, was es damit auf sich hatte.
»Das ist ein altes Kloster«, erklärte er mir. »Benannt nach dem Heiligen Brendan, der lange vor Kolumbus im sechsten Jahrhundert von Irland aus nach Amerika segelte. Aber heute lebt dort nur noch ein einziger Mönch, der eine Bibliothek von vor sich hin staubenden Büchern verwaltet.«
»Vielleicht jemand, der viel über die alten Legenden der Gegend weiß«, vermutete Suko.
Aber Richardson schüttelte den Kopf. »Nein, das ist eher ein Spinner, der in seiner eigenen Welt lebt. Er nennt sich Bruder Kelvin und ist in der Gegend als seltsamer Kauz bekannt.«
»Haben Sie mit ihm gesprochen?«, hakte ich nach.
Richardson verzog das Gesicht. »Man könnte es so ausdrücken: Ich habe es versucht. Aber es ist nichts Vernünftiges dabei herausgekommen.«
Wir gingen noch einige Zeugenaussagen durch, die im Zusammenhang mit dem Fall dokumentiert worden waren. Zuletzt erkundigte ich mich noch nach dem Kerl, der uns als Capitán Montoya auf die Kühlerhaube gesprungen war.
»Ich hätte gerne mit ihm geredet«, sagte ich.
Richardson erkundigte sich bei seinen Kollegen, und es stellte sich heraus, dass der Mann längst wieder auf freiem Fuß war.
»Es ist eine Anzeige aufgenommen worden, und man hat ihm für einen Alkohol- und Drogentest Blut abgenommen. Es bestand keine Handhabe mehr, ihn festzuhalten.«
»Aber seine Personalien haben Sie doch hoffentlich«
»Natürlich«, versicherte Richardson. »Er heißt Liam Cameron und wohnt in Ballybunion.«
»Da wollten wir ja sowieso hin«, stellte Suko fest.
***
Wir machten uns auf den Weg. Die Straße zur Küste führte am Ufer des Shannon entlang, der zu einem breiten Fjord wird, bevor er in den Atlantik mündet.
»Was hältst du von diesem Liam Cameron alias Capitán Montoya?«, fragte Suko mich, nachdem er schon eine ganze Weile nichts gesagt hatte. »Ist er wirklich nur ein Spinner? So etwas gibt es immer an Orten, die irgendeine dunkle oder magische Vergangenheit haben.«
»Trotzdem seltsam, dass er ausgerechnet vor Richardsons Wagen aufgetaucht ist.« Irgendeine Ahnung sagte mir, dass er vielleicht doch mehr mit dem ganzen Fall zu tun hatte, als wir im Moment ahnen konnten. Nur konnte ich im Moment einfach nicht genau sagen, was mich zu dieser Ansicht brachte.
Es dämmerte bereits, als wir Ballybunion erreichten.
Die Pension, in der Glenda für uns reserviert hatte, gehörte einer redseligen älteren Dame namens Margery Keogh.
»Sie sind also die Scotland Yard Beamten, die sich um die Wiedergänger der Santa Imaculada aus Calmmeany kümmern sollen«, stellte sie fest, nachdem wir uns vorgestellt hatten.
Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Glenda uns als Scotland Yard Beamte angekündigt hatte. Also musste sie ihr Wissen woanders her haben.
»Wie kommen Sie darauf?«, fragte ich, während ich das Lederfutteral mit dem Schwert des Salomo von der Schulter nahm.
Margery Keogh machte eine abwinkende Handbewegung. »Das hat mir mein Neffe erzählt. Der ist bei der Polizei in Limerick. Anscheinend wird man da mit dem Fall nicht alleine fertig und glaubt jetzt, dass Sie mehr ausrichten können.« Sie musterte uns ausgiebig von oben bis unten und fügte dann in einem fast verächtlichen Tonfall hinzu: »Wie kann man glauben, dass Sie besser verstehen, was hier vor sich geht als Leute aus der Gegend?«
»Und Sie?«, fragte ich. »Sie wissen mehr darüber?«
»Nur das, was alle wissen und was von Generation zu Generation erzählt wird.«
»Ich höre mir solche Geschichten gerne an«, erklärte ich.
»Sie?«, sagte sie abschätzig. »Dann werden Sie nicht gerne hören, was ich Ihnen sagen werde.«
»Glauben Sie, ich bin es bei Scotland Yard immer nur gewohnt, Erfreuliches zu hören?«
»Nein, sicher nicht …« Sie zögerte einen Moment und rieb die Hände nervös gegeneinander. »Sie können eigentlich gleich wieder abreisen, denn ausrichten werden Sie nichts.«
»Wieso sind Sie sich da so sicher?«
»Jeder, der sich auch nur ein bisschen mit der Geschichte dieses Landstrichs beschäftigt hat, weiß das. Wenn die Glocken von Calmmeany das erste Mal läuten, dann dauert es gut einen Monat, bis das Morden aufhört. Manchmal kamen die Wiedergänger in der Vergangenheit jede Nacht, manchmal sind es nur ein paar gefährliche Tage oder Nächte, an denen sie ihr Unwesen treiben. Das ist sehr unterschiedlich. Der Fluch wäre fast vorbei gewesen, als die spanischen Geister im Jahr 1801 fast alle Leute des Dorfes Calmmeany umbrachten. Aber die Nachfahren der wenigen Überlebenden haben sich in der Gegend verteilt. Sie haben Ehepartner aus anderen Orten geheiratet, und es ist jetzt gar nicht mehr so einfach für die Wiedergänger, noch echte Nachfahren jener Menschen zu finden, die damals die Santa Imaculada ausgeraubt und die Seeleute und Söldner erschlagen haben.«
»Hier in Ballybunion waren sie auch schon, wie man mich informiert hat.«
»Ja, das ist wahr.« Margery Keogh nickte. »Früher hat man erzählt, dass diese Wiedergänger sehr wütend werden können, wenn sie in Calmmeany nicht das finden, wonach sie suchen! Die Seelen jener Unglücklichen nämlich, die Nachfahren der Strandpiraten sind. Und dann kann es sein, dass sie in einen wahren Blutrausch verfallen und es ihnen vollkommen gleichgültig ist, wer ihnen gegenübersteht …«
Nachdem wir uns ins Gästebuch eingetragen hatten, führte sie uns die knarrende Treppe hinauf zu unseren Zimmern.
»Was ich Ihnen erzählt habe, sind natürlich alles nur Geschichten«, sagte Margery Keogh dann, während sie vor uns her ging. »Geschichten, die man mir schon als Kind erzählt hat und deren Wahrheitsgehalt heute niemand mehr überprüfen kann.«
»Die Toten, die es kürzlich hier in Ballybunion und anderswo hier in der Gegend gegeben hat, sind aber Realität«, gab ich zu bedenken.
»Halten Sie mich nicht für mitleidlos oder gleichgültig«, sagte sie daraufhin, »aber was geschehen muss, geschieht eben.«