Die schwarzen Segel des Unheils, John Sinclair Nr. 1902

Alfred Bekker · Kapitel 1 von 1 · Teil 2/3

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Die schwarzen Segel des Unheils, John Sinclair Nr. 1902

Die schwarzen Segel des Unheils

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

»So sehen Sie das?«

»So sehen das die Leute hier seit langer, langer Zeit. Und wenn ich Ihnen einen guten Rat geben soll …«

»Immer gerne!«

»Heute ist es zu spät. Aber morgen sollten Sie das nächste Flugzeug vom Shannon Airport nach London nehmen und wieder zurückfliegen. Wie ich schon sagte, Sie können hier nichts bewirken. Und in London laufen dafür ein paar Mörder mehr herum, weil Scotland Yard zu wenig Beamte hat, um sie alle dingfest zu machen!«

»Da machen Sie sie sich mal keine Sorgen, Mrs. Keogh.«

»Oh doch, ich mache mir Sorgen«, erwiderte sie und sah mich dabei mit ihren großen Augen fast bedauernd an. »Und zwar um Sie beide.«

»Um uns?«, wunderte ich mich.

»Wer sich den Wiedergängern entgegenstellt, wird ihren Hass ganz besonders zu spüren bekommen, heißt es. Es gibt da die Geschichte von dem Mönch namens Cordwain, der dies im Jahr 1801 getan haben soll und den die Geister dafür auf bestialische Weise umgebracht haben.« Mrs. Keogh nickte wissend. »Bestialisch«, wiederholte sie. »Frühstück ist morgen zwischen sieben und acht. Wenn Sie später aufstehen, gibt es nichts mehr. Und wenn Sie heute Abend noch etwas essen wollen, dann mache ich Ihnen gerne gegen einen kleinen Aufpreis ein paar Sandwiches. Sie können natürlich auch in eines der miserablen Restaurants in Ballybunion einkehren.«

***

»Wollen wir wirklich die ganzen vier Wochen hier verbringen?«, fragte Myrna und verschränkte etwas missmutig die Arme.

Das Cottage, das sie gemietet hatten, stand auf einer Anhöhe. Nur ein unbefestigter Pfad führte hierher. Aber man hatte einen fantastischen Blick auf die Bucht von Calmmeany. Die Sonne ging als großer, roter Ballon langsam im Atlantik unter, und Graham Dunwell konnte sich von dem Anblick kaum losreißen.

»Ich meine, hier gibt es doch wirklich nichts«, maulte Myrna, mit der Dunwell seit drei Jahren verheiratet war. »Im Augenblick sind noch nicht mal Schafe auf den Wiesen!«

»Es wird uns hier schon nicht langweilig werden«, war Graham überzeugt.

Er war Manager und normalerweise in New York zu Hause. Und diese Reise ins Land seiner Vorfahren hatte er seit Langem geplant.

»Mauritius und Cannes waren schöner«, meinte Myrna, Anfang dreißig und bei einer New Yorker Anwaltskanzlei angestellt.

Dass Graham schon lange nach einer Gelegenheit gesucht hatte, um die Gegend zu besuchen, aus der seine Urgroßeltern einst ausgewandert waren, hatte Myrna natürlich gewusst. Doch bislang hatte sich einfach keine Gelegenheit ergeben.

Myrna hatte das nicht gerade bedauert, denn sie stellte sich Urlaub eigentlich etwas anders vor, als in einer gottverlassenen Gegend, in der es außerdem noch fast täglich regnete, in einem kleinen Cottage ohne jeden Komfort zu leben.

Auch die freie Sicht auf das Meer konnte auf die Dauer ziemlich langweilig sein. Zumindest fand Myrna das. Schließlich konnte man sich hier weder eine Yacht mieten noch in die Sonne legen. So schnell, wie die nämlich wieder verschwunden war und ein paar dunklen Regenwolken Platz gemacht hatte, lohnte sich das einfach nicht.

Man hatte hier noch nicht einmal die Garantie, dass das Handy funktionierte. Je nach Witterung musste man damit rechnen, kein Netz zu bekommen. Immerhin hatte sich Myrna sicherheitshalber genug Bücher zum Lesen mitgebracht. Alles Romane, zu deren Lektüre sie sonst aufgrund ihres stressigen, zeitintensiven Jobs nicht gekommen war.

Aber da Myrna sich während ihrer bisherigen Ehe zumeist mit der Auswahl des Urlaubsziels durchgesetzt hatte, hatte sie sich vorgenommen, ihr Genörgel in Grenzen zu halten. Diesmal war es eben ein Urlaub, wie Graham ihn sich vorstellte. Dass es gleich vier Wochen sein mussten, war zwar nicht gerade toll, aber die gingen schließlich auch irgendwann herum.

Sie hatten in der nahen Ortschaft Calmmeany, die von den Einheimischen New Calmmeany genannt wurde, da der Ort offenbar irgendwann mal verlegt worden war, etwas zu Essen eingekauft, und Graham sorgte dafür, dass der Kamin in Gang kam. Der Vermieter wohnte in Ballybunion und hatte ihnen einfach nur die Schlüssel gegeben und gesagt, dass sie alles benutzen könnten. Auch das Brennholz, das geschlagen und gestapelt neben dem Haus gelagert wurde.

Das Entfachen des Kamins erwies sich als etwas schwieriger, als Graham wohl gedacht hatte, und er wurde deswegen ziemlich gereizt.

Myrna beschloss, dass es das Beste war, sich nicht einzumischen. Sie kannte Graham schließlich inzwischen gut genug, um zu wissen, dass Grahams Laune dann ziemlich übel werden konnte.

Als sie dann endlich beim Essen saßen, fing eine Glocke an zu schlagen.

»Ich wusste gar nicht, dass hier in der Nähe eine Kirche ist«, meine Myrna.

»Wir sind doch daran vorbeigefahren.«

»Ich dachte, das wäre eine Ruine. Es sah zumindest für mich so aus.«

»Die Leute sind hier sehr religiös, da gibt es mehr Kirchen und Klöster als sonst irgendetwas«, meinte Graham.

***

Myrna hatte ihre Jacke in dem Geländewagen gelassen. Aber trotz des inzwischen vor sich hin knisternden Kamins wollte sie jetzt etwas Wärmendes um die Schultern haben und sich außerdem etwas die Beine vertreten.

Graham war unterdessen damit beschäftigt, den Fehler zu finden, der dafür sorgte, dass der kleine Kühlschrank, den das Cottage immerhin zu bieten hatte, einfach nicht kühlen wollte.

Myrna trat ins Freie. Sie ging zum Wagen, holte ihre Jacke und schlang sie sich um die Schultern. Die Glocke hatte inzwischen aufgehört zu schlagen. Fast eine Stunde lang hatten die metallischen, irgendwie sehr eigenartig klingenden Schläge über das Land getönt.

Jetzt war es vorbei. Die Sonne war untergegangen. Ein fahler Mond leuchtete vom Himmel und über dem Meer hatte sich eine dichte Nebelwand gebildet. Sie nahm schon fast die gesamte Bucht ein.

Stimmen drangen an ihr Ohr. Männerstimmen, die in einer anderen Sprache redeten.

Spanisch, so erkannte Myrna. Sie hatte in ihrer Kanzlei des Öfteren mit spanischsprachigen Kunden zu tun und deswegen einen Sprachkurs besucht. Allerdings reichten ihre Fähigkeiten nur für ein bisschen Small-talk und nicht, um juristische Texte zu übersetzen.

Die Stimmen schienen vom Meer her zu kommen, geradewegs aus der Nebelwand. Und es wunderte Myrna, dass sie auf diese Entfernung überhaupt etwas davon verstehen konnte.

»Muerte y venganza!«, glaubte sie zu hören. Und das mehrfach. Dann hörte sie wieder nur einzelne Wortfetzen.

»Graham?«, fragte sie, obwohl ihr eigentlich klar sein musste, dass Graham sie nicht hören konnte, wenn sie nicht deutlich lauter nach ihm rief.

Sie trat ein paar Schritte vor und starrte zur Bucht hinab, denn nun schälte sich eine dunkle, schattenhafte Form aus dem Nebel heraus. Ein Segelschiff!

Immer deutlicher wurde es sichtbar, der Großteil davon aber nach wie vor nur als dunkler Umriss.

»Graham!«, rief sie nun etwas lauter. »Das musst du dir ansehen!«

»Was ist denn?«

»Komm einfach raus!«

»Schatz, ich …«

»Du glaubst nicht, dass das wahr sein kann!«

Irgendetwas polterte im Inneren des Cottage. Wenig später war Graham ebenfalls draußen im Freien. Er sagte noch irgendetwas über den Kühlschrank und dass das Stromnetz in diesem Haus lebensgefährlich sei, dann verstummte er von einem Augenblick zum anderen.

»Mein Gott!«

»Hörst du das auch, was sie rufen, Graham? Muerte y venganza – Tod und Rache!«

Graham zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, was das soll …«

»Gibt es hier irgendwelche archaischen Historienspiele oder so was?«, fragte Myrna. »Ich meine, deine Vorfahren kommen schließlich von hier, nicht meine.«

»Ich dachte, ich hätte in den nächsten Tagen noch Zeit genug, den Reiseführer zu lesen«, murmelte Graham. »Ich …« Seine Stimme brach ab.

Myrna hatte ebenfalls etwas sagen wollen und den Mund bereits halb geöffnet, aber kein einziger Ton kam über ihre Lippen.

Beide standen wie erstarrt da und blickten auf die Bucht. Dass sich das Schiff bis dahin vollkommen gegen jedes Naturgesetz bewegt hatte, fiel keinem von beiden auf. Die Segel hingen schlaff herab, obwohl gleichzeitig ein kühler Wind vom Meer her wehte, der Myrna richtig eisig vorkam. Es war eine Kälte, die alles zu durchdringen schien. Sie knöpfte die Jacke zu, merkte aber bald, dass das nichts half. Die Kälte ging ihr bis ins Mark und schien eigenartigerweise aus ihrem Inneren zu kommen.

Boote kamen näher, und Gestalten schienen über das Wasser zu gehen. Das Schiff drehte sich um etwa zwanzig Grad zur Seite, so als ob es auf Grund gelaufen wäre.

»Wenn das eine Show ist, dann ist sie aber nicht von schlechten Eltern«, meinte Graham.

»Stand in deinem Reiseführer irgendetwas drin? Zum Beispiel, ob heute ein besonderer Tag ist oder so was?«

»Da stand bestimmt was drin, Myrna – ich bin allerdings noch nicht dazu gekommen, es zu lesen.«

»Ich dachte, du wüsstest so viel über das Land deiner Vorfahren.«

»Na, sagen wir es mal so: Ich hatte eigentlich gehofft, in diesem Urlaub etwas mehr darüber zu erfahren. Mich beschäftigt das nämlich schon lange.«

Die ersten Gestalten erreichten das Land. Sie näherten sich schnell, und Myrna hatte fast den Eindruck, dass sie mehr schwebten, als dass sie wirklich einen Fuß vor dem anderen setzten. Harnische und blanke Klingen leuchteten im fahlen Mondlicht. Und ein Chor sonorer Stimmen war zu hören, aus dem immer wieder einige Rufe herausstachen.

»Muerte y venganza! Muerte y venganza!« Manchmal fielen andere Stimmen in diese Rufe ein, sodass sich eine Art Singsang ergab.

Die

Spanier näherten sich schneller, als es jedem Fußgänger möglich gewesen wäre. Ihre Gestalten traten jetzt für Graham und Myrna sehr viel deutlicher hervor, und es wurde auch offenbar, wie durchscheinend sie waren.

Myrna nahm Grahams Hand und fühlte, dass diese sich schweißnass anfühlte.

»Mein Gott, was ist das nur?«, murmelte er.

»Einige von ihnen kommen geradewegs auf dieses Haus zu, Graham«, stellte Myrna fest.

»Dann könne wir sie ja fragen.«

»Das glaube ich kaum.«

»Wie machen die das nur, dass sie so durchscheinend aussehen? Das muss doch … irgendeine Projektion oder so etwas sein. Erinnerst du dich noch an diese Freilichtinszenierung, die wir vor zwei Jahren …«

»Nein, Graham«, flüsterte Myrna totenbleich. »Das hier ist etwas ganz anderes.«

***

Myrna wollte Graham mit sich ziehen, aber ihr Mann widerstrebte. »Lass uns um Gottes Willen zum Wagen gehen, Graham!«

»Und dann?«

»Nichts wie weg natürlich!«

»Aber …«

»Ehe es zu spät ist!«

»Aber das Kaminfeuer! Myrna, wir können das nicht einfach so brennen lassen.«

»Komm jetzt!«

Einer der

Spanier kam jetzt sehr schnell herangeschwebt. Er gewann Substanz, sodass sein Körper nun kaum noch geisterhaft wirkte. Er richtete seine Waffe auf Graham. Dann krachte der Schuss. In diesem Augenblick riss Myrna ihren Mann mit sich. Die Kugel zog genau dort ihre Bahn, wo Graham gerade noch gestanden hatte und schlug dann durch die Haustür. Ein faustgroßes Loch war jetzt im Holz zu sehen.

Graham wechselte einen entsetzten Blick mit Myrna.

»Ich sagte doch: Nichts wie weg hier!«, rief Myrna. Sie schrie diese Worte geradezu heraus, während der Spanier damit begann, seine Arkebuse von Neuem zu laden, wobei er wieder deutlich durchscheinender wirkte, als zuvor.

»Muerte y venganza!«, rief er mit dröhnender Stimme, und ein zweiter Spanier, der gerade jetzt bis auf ein paar Dutzend Schritt herangekommen war, fiel in diesen Ruf mit ein. Das Schwert über dem Kopf schwingend stürmte er auf die beiden New Yorker Touristen zu.

Und jetzt hatte wohl auch Graham begriffen, dass es nur noch eine Möglichkeit gab, das Schlimmste zu verhindern: rasche Flucht.

Sie rannten zum Wagen, rissen die Türen auf und stiegen ein.

Graham hatte am Steuer Platz genommen.

»Verdammt, der Wagenschlüssel!«, schimpfte er, als er feststellte, dass sich der nicht in seiner Hosentasche befand.

Aber da konnte Myrna ihm glücklicherweise aushelfen.

Sie hatte den Schlüssel in die Tasche ihrer eng anliegenden Jeans gesteckt, nachdem sie sich die Jacke geholt hatte. Abgeschlossen hatte sie danach nicht. In dieser einsamen Gegend einen Wagen abzuschließen, war ihr irgendwie widersinnig erschienen.

»Hier, Graham!«

»Danke.«

Graham startete den Wagen, setzte zurück.

Da war der Spanier mit dem Schwert schon heran. Er sprang mit einem Satz auf die Motorhaube. Dabei wirkte er annähernd gewichtslos. Seine Füße schienen geisterhaft ein wenig in die Oberfläche der Kühlerhaube einzusinken, bevor sie sich wieder daraus hervorhoben. Das Mondlicht schimmerte durch seine blasse Erscheinung hindurch.

Aber so durchscheinend und geisterhaft seine Erscheinung insgesamt auch sein mochte, so war doch die Klinge, die er führte, anscheinend vollkommen materialisiert. Der blanke Stahl sauste auf die Frontscheibe des Geländewagens herab. Ein spinnenartiges Bruchmuster entstand. Erneut schlug der Spanier zu. Es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, wann er die Frontscheibe zertrümmert hatte.

Unterdessen hatten sich weitere Spanier dem Wagen genähert. Einer hob eine Armbrust. Der Bolzen löste sich und schoss dann durch das Seitenfenster. Der Bolzen flog haarscharf an Graham vorbei und grub sich in das Sitzpolster.

»Nun fahr doch endlich!«, schrie Myrna, während der Spanier auf der Kühlerhaube zu einem weiteren Schlag ausholte.

Graham ließ den Motor aufheulen. Mit durchdrehenden Reifen setzte sich der Wagen in Bewegung. Der Spanier auf der Kühlerhaube, der gerade zu einem weiteren Schwertstreich ausholen wollte, schwebte zur Seite und stieß dabei einen Schrei aus, der Graham und Myrna auf eine sehr eigenartige Weise im Kopf dröhnte, so als würde die Wut des Angreifers auf diese Weise geradewegs in die Gedanken der beiden eindringen.

Graham trat das Gaspedal voll durch. Der Wagen raste los. Wo genau der Weg verlief, konnte Graham unmöglich sehen. Auf den ersten hundert Metern hatte er nicht einmal das Licht eingeschaltet.

»Hier geht es doch zur Stadt, oder?«, fragte er.

»Wenn du New Calmmeany als Stadt bezeichnen willst …«

»Ruf die Polizei an.«

»Mein Handy liegt im Haus.«

»So ein Mist.«

»Und deins?«

Er kam nicht mehr dazu zu antworten. In diesem Moment schoss etwas mit einem Knall durch die Frontscheibe. Es war ein Armbrustbolzen.

Er steckte Graham in der Stirn. Der Wagen fuhr weiter und landete nur Augenblicke später in einem Graben.

Myrna wurde nach vorn geschleudert. Sie hatte sich noch nicht angeschnallt. Für einen Moment war sie etwas benommen. Der Kopf tat ihr höllisch weh.

»Graham!«, rief sie dann.

Ihr Mann starrte ins Nichts. Blut rann aus der Wunde in der Stirn. Und von draußen hörte sie die Stimmen der Spanier rufen. »Muerte y venganza! Muerte y venganza!«

Es mussten Dutzende dieser geisterhaften Gestalten sein. Myrna zitterte. Das Seitenfenster wurde eingeschlagen. Ein langer Stiel mit einer Axtförmigen Klinge stieß in den Innenraum des Wagens. Myrna blickte einem der Spanier in das totenbleiche Gesicht. Die Augen leuchteten und starrten sie an. Das Gesicht bildete eine hasserfüllte Maske.

Dann ertönte in der Ferne ein Horn.

Jedenfalls klang es für Myrna so.

Es war ein langgezogener, gleichmäßiger und sehr durchdringender Ton, der kurz abbrach und dann von Neuem zu hören war. Die Hiebwaffe, mit der der Spanier durch das Fenster gestoßen hatte, wirkte auf einmal durchscheinend.

Der Spanier zog die Waffe mit einem Ruck aus dem Wagen heraus. Myrna konnte der scharfen Klinge diesmal unmöglich ausweichen. Aber sie ging durch ihren Körper hindurch, ohne dabei eine Wirkung zu erzielen.

Der Puls schlug Myrna bis zum Hals. Sie wagte es kaum, überhaupt zu atmen, und kalter Angstschweiß lief ihr über Stirn und Rücken. Im fahlen Licht des Mondes sah sie die Gestalten der Spanier davongehen. Tödliche Gespenster, Wesen aus einer jenseitigen Welt, die offenbar von einem furchtbaren Hass erfüllt waren.

Ihr Blick glitt zu Graham.

Irgendwie hatte sie gehofft, dass all das, was in den letzten Augenblicken geschehen war, nichts anderes als ein Albtraum war, aus dem man einfach erwachte und feststellte, dass das Leben danach ganz normal weiterging. Aber ihr wurde jetzt mehr und mehr bewusst, dass es in diesem Fall nicht so war.

Graham war tot. Ganz gleich, ob sich diese geisterhaften Erscheinungen aus dem Nebel schließlich in Nichts auflösten oder sonst wohin verschwanden, es gab nichts, was Grahams Tod ungeschehen machen konnte.

Eine ganze Weile saß Myrna einfach nur da, unfähig sich auch nur ein bisschen zu bewegen. Von den Spaniern war nichts mehr zu sehen. Und die Stimmen waren auch verhallt. Noch einmal erklang das Horn – aber jetzt hörte es sich an, als wäre der Ton aus einer viel größeren Entfernung angestimmt worden.

Nun endlich wagte Myrna es, die Wagentür zu öffnen. Ihre Knie waren weich. Im ersten Moment glaubte sie, ihr würden jeden Moment die Beine einfach wegknicken. Sie fühlte sich vollkommen kraftlos.

In der Bucht stand noch immer die dichte Nebelwand. Aber von dem schattenhaften Geisterschiff war nichts mehr zu sehen.

***

Es war vier Uhr morgens, als mein Handy klingelte.

»Ja, hier Sinclair«, sage ich müde und unterdrückte ein Gähnen.

Ich hörte die Stimme von Inspektor Richardson. »John, es hat einen Vorfall in der Nähe von Calmmeany gegeben.«

Das machte mich von einer Sekunde zur anderen hellwach. »Was ist passiert?«, wollte ich sofort wissen und richtete mich im Bett auf.

»Ein Touristenpaar ist von diesen spanischen Geistern – oder wie immer man die Mörder nun auch nennen will – angegriffen worden. Die Frau hat überlebt, der Mann wurde getötet. Ich bin bereits unterwegs. Einige Kollegen ebenfalls. Und ein Gerichtsmediziner ist auch alarmiert worden.«

»Wir sind auch schon so gut wie unterwegs«, versprach ich.

»Kommen Sie am besten zum Hof der Familie Reagan. Bis dorthin hat sich Myrna Dunwell – so der Name der Frau – durchgeschlagen. Natürlich sind sämtliche Polizeikräfte in der Gegend alarmiert.«

Richardson gab mir noch die Adresse der Reagan-Farm durch. Ich konnte nur hoffen, dass mein Navigationssystem aktuell genug war, um mich dorthin zu führen.

Ich zog mich an und weckte Suko.

»Dann werden wir also das Frühstück unserer charmanten Gastgeberin wohl verpassen, John«, stellte er fest.

Ich zuckte daraufhin nur mit den Schultern. »Abwarten, Suko, vielleicht sind wir ja bis dahin auch längst wieder zurück.«

»Hauptsache, du weckst sie nicht!«

Aber in diesem Punkt gab ich mich keinen Illusionen hin. »Ich nehme an, dass sie längst gehört hat, dass bei uns irgendetwas los ist, das nicht in ein normales Raster passt«, erklärte ich.

Nur fünf Minuten später saßen wir im Wagen. Unsere Waffen hatten wir dabei. Von Ballybunion aus nahmen wir die Küstenstraße. Uns begegnete während der Fahrt nicht ein einziges anderes Fahrzeug. Aber das war um diese frühe Uhrzeit eigentlich auch kein Wunder.

Als wir die Bucht von Calmmeany erreichten, hing dort eine dichte Nebelwand über dem Wasser. Mein Kreuz hatte sich leicht erwärmt, als wir dort vorbeikamen.

Ich hielt den Wagen am Straßenrand an.

»Was hast du vor?«, fragte Suko. »Bis zur Farm der Reagans sind es noch ein paar Meilen, zumal die Straße nicht auf direktem Weg dorthin führt.«

»Ich weiß«, gab ich zurück. »Aber diese Myrna Dunwell scheint bei den Reagans ja erst mal in guter Obhut zu sein. Und was den Tatort angeht, sollten wir den erst dann genau unter die Lupe nehmen, wenn unser Freund Richardson und sein Team hier eintreffen.«

»Und was sollen wir hier, John?«

»Ich möchte, dass wir uns einfach ein bisschen umsehen.«

Während ich das sagte, griff ich kurz zu dem Kreuz, das ich um den Hals trug, und Suko verstand. Wir stiegen aus.

»Diese Bucht scheint ideal zu sein, um mit einem Schiff anzulegen«, meinte Suko.

Ich nickte. »Ganz im Gegensatz zum Großteil der restlichen Küste, an der wir vorbeigefahren sind.«

Suko ließ den Blick schweifen. »Es könnte also wirklich so gewesen sein …«, murmelte er.

»Was meinst du damit?«

»Ich stelle mir einfach nur vor, was damals – 1588 – passiert ist. Ein spanisches Schiff, das durch die raue See und die Stürme von der Flotte getrennt wird. Eine Flotte, die sich ohnehin aufgelöst hat. Man ist auf sich allein gestellt. Es gibt an Bord vielleicht schwere Beschädigungen durch die Schlacht, die im Ärmelkanal getobt hat. Wind und Wetter haben dem Schiff weiter zugesetzt. Vielleicht ahnt der Kapitän, dass er es nicht mehr bis zur spanischen Küste schaffen wird. Es kann sogar sein, dass er gar nicht mehr weiß, wo genau sich sein Schiff eigentlich befindet. Und dann sieht er diese Bucht und denkt: Hier könnte ich vor Anker gehen oder zumindest so weich auflaufen, dass die Besatzung das überlebt. Die Alternative wäre nur, an den schroffen, felsigen Steilküsten und Riffen zu zerschellen.«

»Aber an Land warten schon Strandpiraten auf ihre Beute«, vollendete ich Sukos Gedankengang. »Sie schlagen die Männer tot und nehmen sich ihren Teil.«

In diesem Moment ertönte aus dem Nebel heraus ein Geräusch. Es klang wie der Ton eines Horns aus sehr großer Entfernung.

Suko hatte es auch gehört und sah mich fragend an. Im dichten Nebel war nichts zu sehen. Nicht einmal ein Schatten.

»Vielleicht das Nebelhorn irgendeines Kutters«, meinte mein Kollege.

Aber dann sah ich ein Stück weiter an dem schmalen und für diese Gegend ziemlich einzigartigen Strand einen Mann, dessen äußeres Erscheinungsbild mich stark an den angeblichen Capitán Montoya alias Liam Cameron erinnerte.

»Heh, Sie!«, rief ich zu ihm hinüber.

Er schien mich nicht weiter zu beachten, aber falls es sich um Cameron handelte, wollte ich schon wissen, was er hier um diese Zeit zu suchen hatte.

Ich lief auf ihn zu. Suko folgte mir.

Als der Mann sich umdrehte, erkannte ich, dass es sich nicht um Cameron handelte. Eine Narbe, die quer über das Gesicht ging, verunstaltete ihn.

Er stieß einen wütenden Schrei aus, riss sein Schwert hervor und stürmte auf uns zu. Ich hielt ihm das Kreuz entgegen. Der Spanier stoppte keine fünf Schritte von mir entfernt.

Suko hatte indessen seine Beretta hervorgerissen.

Der Spanier starrte mich an. Er schien an Substanz zu verlieren. Noch während er auf mich zugestürmt war, hatte es so ausgesehen, als hätte er sich sehr stark verstofflicht. Es gab sogar Fußspuren im Sand. Jetzt aber wirkte er durchscheinend. Die ersten Strahlen der aufgehenden Morgensonne schimmerten durch ihn hindurch.

Ich fragte mich, ob das vielleicht etwas damit zu tun hatte, dass die Macht des Kreuzes ihre Wirkung auf ihn entfaltete.

Vielleicht hätten die Silberkugeln der Beretta dem Spanier schaden können, solange er so stark materialisiert war. Aber in dem transparent wirkenden Zustand, in dem er sich jetzt befand, konnte ich mir das kaum vorstellen. Ich vermutete vielmehr, dass die Projektile einfach durch ihn hindurchgingen.

Auch einige der bisherigen Opfer dieser geisterhaften Rächer hatten sich ja durchaus zur Wehr zu setzen versucht. Allerdings ohne Erfolg, was auch nicht verwunderlich war, wenn der Angreifer keinerlei physisch fassbaren Widerstand entgegensetzte.

Ich trat auf den Spanier zu, das Kreuz immer noch erhoben. Der Spanier wich zurück. Er senkte das Schwert. »Wer bist du?«, fragte er mit dröhnender Stimme.

Irgendetwas an mir schien diesen Geist zu irritieren. Möglicherweise war es die Macht des Kreuzes, aber ich war mir nicht sicher.

In diesem Augenblick ertönte erneut ein Hornsignal aus dem Nebel. Der Spanier drehte sich um und lief auf das Meer zu. Seine Gestalt wurde dabei immer durchscheinender. Die letzten Schritte schien er beinahe über den feuchten Boden und die am Ufer auslaufenden Wellen zu schweben. Dann lief er über das Wasser.

Schon nach kurzer Zeit war er kaum noch zu erkennen. Er wirkte wie eine schwache, durchscheinende Projektion über dem Wasser, umwabert von Nebelschwaden. Schließlich war er mit dem Nebel vollkommen eins geworden. Ich starrte ihm noch einige Augenblicke nach und senkte schließlich das Kreuz. Es hatte sich inzwischen wieder abgekühlt.

»Also wenn du bislang noch daran gezweifelt haben solltest, ob das wirklich ein Fall für uns ist, dann dürften in dieser Hinsicht jetzt wohl alle Unklarheiten ausgeräumt sein«, hörte ich Suko.

»Es war auf jeden Fall ein Geistwesen«, stimmte ich zu. »Aber wir wissen einfach noch viel zu wenig über sie. Und wenn dieses Übel immer nur im Abstand vieler Jahrzehnte auftritt, dann nützt es uns gar nichts, eine dieser Geistkreaturen zu vernichten. Im Gegenteil. Wir wissen nicht, was für Folgen das hätte.«

»Du meinst, der Hass dieser Geister könnte noch gesteigert werden?«

»Zum Beispiel.«

»Und was hat dieser Spanier mit seiner Frage gemeint?«

»Du hast sie auch gehört?«

»Natürlich, John. Man konnte ihn verstehen, als ob er bestes English redet!«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, weshalb er mich gefragt hat, wer ich bin. Aber er schien mir aus irgendeinem Grund verwundert zu sein. Aber den Grund dafür bekommen wir noch heraus.«

»Na hoffentlich!«

»Wir müssen das Problem ein für alle mal lösen, Suko. Und wahrscheinlich haben wir dafür nicht mehr sehr viel Zeit.«

Suko nickte.

Aus den Unterlagen, die wir von Richardson bekommen hatten, war es genau zwei Wochen her, seit die Glocke der alten Kirchenruine zum ersten Mal seit langer Zeit angefangen hatte zu läuten. Und wenn die Legende stimmte, dass die Heimsuchung durch die Spanier danach einen Monat andauern würde, dann war das ungefähr der Zeitrahmen, in dem wir diese Gefahr möglichst dauerhaft bannen mussten.

Gelang uns das nicht, würden diese geisterhaften Mörder vielleicht erst wieder in Jahrzehnten auftauchen – und es würde sich auch erst dann wieder eine Chance ergeben, sie unschädlich zu machen.

***

Als wir die Farm der Familie Reagan erreichten, war Inspektor Richardson bereits dort. Ebenso die Kollegen der uniformierten Polizei und der Gerichtsmediziner.

Sie waren direkt aus Limerick hierhergefahren. Der Weg über Ballybunion und die Küstenstraße, die wir genommen hatten, wäre für sie ein Umweg gewesen.

Wir kamen gerade hinzu, als Myrna Dunwell von Inspektor Richardson befragt wurde. Sie berichtete mit stockender Stimme und sichtlich unter Schock stehend von den Ereignissen, die sich bei dem nahe gelegenen Cottage zugetragen hatten.

»Ich hätte niemals für möglich gehalten, dass es so etwas gibt«, sagte sie. »Das waren Wesen, die nicht von unserer Welt kamen … Geister! Ich habe kein anderes Wort dafür, das auch nur annähernd treffend beschreiben würde, was uns da begegnet ist.«

»Sinclair und Suko kommen von einer Sonderabteilung bei Scotland Yard, die auf solche Fälle spezialisiert ist«, erklärte Richardson. »Und Sie können sicher sein, dass wir alles tun werden, um den Tods Ihres Mannes restlos aufzuklären.«

Myrna Dunwell wandte sich an uns. »Dann kann ich wenigstens davon ausgehen, dass Sie meine Aussagen ernst nehmen und mich nicht gleich in die nächste psychiatrische Anstalt überweisen?«

»Wir nehmen Ihre Aussagen sehr ernst«, versicherte ich. »Und wir gehen jedem Hinweis nach. Auch was Ihre Angaben angeht, könnte jede Kleinigkeit letztlich von Bedeutung sein.«

»Ich würde diese furchtbaren Bilder am liebsten aus meinem Kopf verbannen«, sagte Myrna Dunwell. Sie verbarg kurz das Gesicht hinter den Händen. Es war ihr deutlich anzumerken, dass sie gerade erst damit begonnen hatte, die entsetzlichen Dinge zu verarbeiten, die ihr und ihrem Mann zugestoßen waren. Als sie die Hände wieder vom Gesicht nahm, war ihr dezentes Make-up verwischt. »Es war immer der größte Wunsch meines Mannes, mal in das Land seiner Vorfahren zu reisen.«

»Seine Vorfahren stammten hier aus der Gegend?«

»Ja, aus Calmmeany – oder New Calmmeany, wie die Einheimischen dazu sagen, obwohl dieser Name auf keinem einzigen Orts- oder Hinweisschild so vermerkt ist.«

»Wissen Sie, wie lange es zurückliegt, dass die Vorfahren Ihres Mannes auswanderten?«, hakte ich nach.

»Ich weiß nur, dass es seine Großeltern waren. Genaueres weiß ich nicht. Ich glaube, der Grund dafür, dass er unbedingt hierher wollte, war, dass er darüber Näheres herausfinden wollte. Aber dazu wird es ja nun wohl nicht mehr kommen …«

»Sie sagten, dass alles damit begann, dass die Glocke in der alten Kirche von Calmmeany schlug«, stellte ich fest.

Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und nickte. »Ja, das trifft zu«, bestätigte sie. »Und dann ertönte dieses Horn in der Ferne. Ich glaube, das ist es, was mich gerettet hat.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Weil diese Geister dann nicht mehr an mir interessiert waren. Irgendjemand schien sie mit diesem Hornsignal gerufen zu haben. Anders kann ich es nicht erklären.« Myrna Dunwells Blick wurde sehr nachdenklich und in sich gekehrt. »Das Hornsignal muss von diesem Schiff gekommen sein«, murmelte sie.

»Sie haben das Schiff gesehen?«, erkundigte ich mich.

»Mehr oder weniger«, schränkte Myrna Dunwell ein. »Eigentlich eher nur den Schatten. Aber der wiederum war ziemlich deutlich erkennbar.«

Während ich mich weiter mit Myrna Dunwell unterhielt, ohne aber wirklich noch etwas Neues zu erfahren, wandte sich Inspektor Richardson an Suko. »Unsere Küstenwache ist inzwischen alarmiert und geht verstärkt an diesem Küstenabschnitt auf Patrouille. Glauben Sie mir, wenn da draußen irgendetwas ist, was auch nur entfernte Ähnlichkeit mit einem spanischen Segelschiff des sechzehnten Jahrhunderts hat, dann werden wir das finden.«

Ich war davon nicht ganz so überzeugt. Und das hatte nicht nur damit zu tun, dass Irland eine ungeheuer lange und sehr zerklüftete Küste hat, die darüber hinaus durch zahlreiche Buchten und Inseln recht unübersichtlich ist.

***

Inspektor Richardson sagte Myrna Dunwell zu, dass man sie nach Limerick bringen würde. Sie wollte einfach nur noch fort von hier, was ich gut nachvollziehen konnte.

Suko und ich sprachen auch noch mit der Familie Reagan, die sich im Wohnzimmer versammelt hatte. Großmutter Gwendolyn Reagan las aus der Bibel tröstende Psalmen. Und obwohl sie aus der englischen King James Bibel las, war ihre Aussprache so eigentümlich, dass ich kaum einen Satz verstand.

Ansonsten wohnte noch Gwendolyns Sohn Thomas mit seiner Frau Karen und der gemeinsamen Tochter Abigail auf der Farm. Alle jüngeren Leute aus dieser Familie, so erfuhr ich von Inspektor Richardson, hatten nach und nach die Gegend verlassen. Mit Flüchen aus der Vergangenheit hatte das wohl nicht so viel zu tun. Eher mit den besseren Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten in Dublin oder sogar im Vereinigten Königreich.

Gwendolyn Reagan hörte mit ihrer Lesung auf, als Suko und ich eingetreten waren.

Sie musterte uns von oben bis unten mit einem sehr strengen, durchdringenden Blick und klappte dann die Bibel zu. »Sie sind die beiden Männer von Scotland Yard, die sich mit Geistern und den Mächten des Bösen beschäftigen?«, fragte sie.

»Anscheinend hat sich das schon in der Gegend herumgesprochen«, gab ich zurück. »Mein Name ist John Sinclair, und dies ist mein Kollege Suko.«

»Ihr Aufenthalt hier in Calmmeany ist sinnlos«, sagte Gwendolyn Reagan. »Das denkst du doch auch, Thomas, oder?«

Ihr Sohn Thomas Reagan war Mitte bis Ende fünfzig. Sein Haar war sicherlich früher mal feuerrot gewesen. Jetzt war der Großteil davon nur noch grau. Lediglich ein paar rötliche Strähnen durchzogen seinen Haarschopf noch. »Ich weiß nicht, nun, wenn es einen Weg gibt, um uns alle ein für allemal von diesem Fluch zu befreien …«

»Das ist unmöglich«, behauptete Gwendolyn Reagan. »Wir wissen doch alle, was mit Bruder Cordwain geschehen ist.«

»Vielleicht erzählen Sie mir, was Sie darüber wissen, sodass ich besser verstehen kann, warum es unmöglich sein soll, gegen diesen Fluch etwas zu unternehmen.«

»Mein ist die Rache, spricht der Herr«, sagte Gwendolyn Reagan, und ihre Stimme zitterte dabei leicht. »So steht es in der Heiligen Schrift. Gott allein kann uns die Schuld unserer Vorfahren vergeben. Niemand sonst. Und genauso kann nur Gott die armen Seelen von ihrem Fluch befreien, der sie dazu treibt, immer wieder an diesen Ort zurückzukehren, um Tod und Verderben mitzubringen.«

»Es ist unsere Aufgabe, diesem Schrecken ein Ende zu setzen«, erklärte ich entschlossen.

»Ich sage Ihnen, wenn Sie aus dieser Gegend nicht verschwinden, werden Sie mehr Unheil anrichten, als Sie verhindern können!«, ereiferte sich Gwendolyn Reagan jetzt.

»Mutter!«, versuchte ihr Sohn, sie zurechtzuweisen. »Diese Leute versuchen doch nur ihr Bestes.« Thomas Reagan wandte sich an mich und fuhr fort. »Sie meint es nicht so schroff, wie es sich anhört, Mister Sinclair.«

»Doch, ich meine jedes Wort so, wie es ich es gesagt habe!«, ergriff Gwendolyn Reagan erneut das Wort. »Und die Ursache dafür, dass Sie nur noch größeres Verderben über uns alle bringen können, ist ganz einfach: Leute wie Sie, die sich mit Geistern und den Mächten des Bösen befassen, glauben regelmäßig, dass sie diese Mächte nur mit noch mehr Magie bekämpfen können, so wie man Feuer mit Feuer bekämpft.«

»Was ist daran falsch?«, fragte ich.

»Alles, Mister Sinclair! Alles!« Gwendolyn Reagan schüttelte energisch den Kopf. »Nur der Herr kann uns erlösen. Aber wenn man versucht, Magie durch Magie zu bekämpfen, dann ist das so, als würde man eine Sünde durch eine andere Sünde tilgen wollen! Das kann nicht sein! In Ewigkeit Amen!«

»Amen«, fielen die anderen Familienmitglieder ein.

Es wurde mir langsam klar, dass ich von den Reagans wohl kaum noch irgendwelche konkreten Informationen erwarten konnte.

Suko versuchte es trotzdem noch einmal. »Wenn Sie noch irgendwelche sachdienlichen Hinweise zum genauen Hergang der Ereignisse machen könnten …«

»Keiner von uns wird dazu etwas sagen«, erklärte Gwendolyn, und aus ihrem Mund klang das wie ein unabänderliches Dogma. Niemand aus der Familie würde es wagen, sich dagegen aufzulehnen.

Ich warf Suko einen Blick zu und schüttelte leicht den Kopf.

»Vielleicht könnten Sie uns mehr zu den Ereignissen von 1801 sagen«, meinte mein Partner.

»Sie meinen die Geschichte von Bruder Cordwain, den Sie sich als warnendes Beispiel nehmen sollten?«

»Ja, genau.«

»Erinnern Sie mich nicht daran! Bruder Cordwains Magie schlug fehl. Und sie musste fehlschlagen, weil die Anwendung von Hexerei immer eine Sünde ist!«

In diesem Augenblick begann eine Glocke zu schlagen.

Sie hatte einen metallisch klingenden, sehr durchdringenden Ton. Im Wohnzimmer der Reagans zweifelte niemand daran, dass es sich um die Glocke im Turm der alten Kirche von Calmmeany handelte.

***

Suko und ich stürmten ins Freie. Wir sahen aus der Ferne den alten Turm der Kirche von Calmmeany als leicht schief im Feld dastehende dunkle Säule, die sich gegen das schimmernde Licht der Morgensonne abhob.

Thomas Reagan kam ebenfalls ins Freie. Außerdem standen da noch einige der Polizisten, die wie erstarrt wirkten.

»Wer, zum Teufel, macht sich da jetzt an der Glocke zu schaffen?«, fragte einer von ihnen.

»Das sind die Mächte des Bösen!«, rief Thomas Reagan.

»Wir sollten uns dort mal umsehen«, meinte Suko.

Wir stiegen in unseren Wagen. Dass das Fahrzeug geländegängig war, zahlte sich jetzt aus. So konnten wir den direkten Weg nehmen.

Als wir dort angekommen waren, sprühten Funken aus dem Glockenturm, und ein dumpfer Chor von murmelnden Stimmen vermischte sich mit den plötzlich sehr verzerrt und metallisch klingenden Glockenschlägen.

Ich nahm das Schwert des Salomo aus dem Kofferraum. Suko trug den Stab Buddhas und die Dämonenpeitsche unter seiner Jacke. Sicher war sicher.

Ein weiteres Fahrzeug näherte sich dem Turm.

Es handelte sich um Richardsons Wagen. Er quälte sich durch die feuchte, teilweise etwas sumpfige Wiese.

»Die haben uns jetzt gerade noch gefehlt«, meinte Suko.

Der Wagen hatte wenig später den Turm erreicht. Richardson und drei Polizisten stiegen aus.

»Was haben Sie vor, John?«, fragte der Inspektor. Er musste laut rufen, um die Glockenschläge und den Chor der dumpfen Stimmen zu übertönen.

»Das kann ich Ihnen noch nicht sagen. Aber es ist auf jeden Fall besser, wenn Sie und Ihre Leute einen deutlichen Abstand zum Turm wahren.«

»Aber …«

»Bitte! Vielleicht können wir etwas ausrichten, Sie und Ihre Leute allerdings ganz sicher nicht.«

Richardson schien etwas unschlüssig darüber zu sein, wie er sich jetzt zu entscheiden hatte. Schließlich nickte er energisch. »Also gut, John. Machen Sie, was Sie für richtig halten!«

***

Suko und ich betraten das Innere der Kirchenruine. Längst war es hell genug, sodass man sich selbst im Inneren des Gebäudes gut orientieren konnte. Das Dach des Hauptschiffs war nämlich ziemlich löchrig.

Der Glockenschlag und der Chor der Stimmen schwollen zu einem Klangteppich von geradezu unheimlicher Intensität an.

Im Kirchenschiff huschte eine Ratte über den Boden und verschwand irgendwo in den Schatten. Ich deutete nach oben. Suko verstand, was ich damit sagen wollte.

Wir mussten den Turm hinauf, um zu sehen, was sich da gerade im Glockenstuhl abspielte.

Ich ging voran. Das Schwert des Salomo hatte ich aus dem Futteral genommen. Das Silberkreuz um meinen Hals hatte sich deutlich erwärmt. Es war also vollkommen eindeutig, dass hier übernatürliche Kräfte am Werk waren. Ganz gleich, was wir dort oben im Glockenturm auch vorfanden, ich wollte dafür gerüstet sein.

Die Treppe, die den Turm hinaufführte, war lebensgefährlich. Es gab immer wieder Stellen, die sehr leicht zur Todesfalle werden konnten.

Als wir oben ankamen, sahen wie die Glocke heftig hin und her schwingen. Sie glühte förmlich auf. Funken sprühten mir entgegen. Der Chor der Stimmen bekam jetzt eine deutlich höhere Tonlage. Es klang fast so, als würden sich die Seelen aus dem Jenseits darüber empören, dass wir es gewagt hatten, hier, an diesem denkwürdigen Ort zu erscheinen.

Die Glockenschläge waren so laut, dass jeder einzelne von ihnen fast unerträglich war.

Ich fühlte einen leichten Schwindel, und mir war flau im Magen.

Ein alter Mann in einer Mönchskutte trat aus dem Schatten. Das Haar war schlohweiß. Er hob zitternd die Hände und murmelte dabei Worte in einer Sprache, die mir vollkommen unbekannt war.

Eigenartigerweise drangen seine Worte allerdings mit einer ungewöhnlichen Klarheit und Deutlichkeit durch die ohrenbetäubende Geräuschkulisse hindurch. Sie dröhnten mir geradezu im Kopf, so als würden sie auf irgendeine magische Weise geradewegs in meine Gedanken dringen. Der Glockenschlag und der Chor der Stimmen klangen daraufhin noch verzerrter als zuvor.

Dann schoss plötzlich ein greller Blitz aus der Glocke heraus. Er fuhr in das Schwert, das ich in der Rechten trug. Die Klinge Salomos glühte in diesem Moment ebenso grell auf, wie die Glocke. Ich spürte, wie ein Strom von magischer Energie vom Schwert aus über meine Hände und Arme in meinen Körper gelangte. Ich zitterte wie unter einem starken elektrischen Schlag.

Ein rasender Schmerz durchfuhr mich. Für einen kurzen Moment konnte ich nicht einen einzigen klaren Gedanken fassen. Ich hatte das Gefühl, zu taumeln. Alles schien sich vor meinen Augen zu drehen. Formen und Farben meiner Umgebung flossen ineinander, sodass kein klarer Blick mehr möglich war.

Dann war alles vorbei und wie erstarrt. Die Zeit schien stehen geblieben zu sein. Die Glocke hatte mitten in ihrer Pendelbewegung innegehalten. Der Mönch, der so plötzlich aufgetaucht war, stand mit offenem Mund da und wirkte wie eine lebensechte Statue.

Ich selbst war ebenfalls unfähig, mich zu bewegen.

Die Blitze, die gerade noch das Schwert des Salomo entlanggeschnellt waren, waren verschwunden. Die Klinge glühte auch nicht mehr.

Dasselbe galt im Übrigen für die erstarrte Glocke.

***

Ich ahnte natürlich, was geschehen war. Suko hatte den Stab Buddhas eingesetzt. Offenbar war ihm das Wort »Topar« über die Lippen gegangen, ohne dass ich davon in dem Lärm etwas mitbekommen hatte.

Fünf Sekunden lang konnte man mit dem Stab Buddhas die Zeit anhalten. Nur Suko konnte sich dann bewegen.

Jetzt spürte ich plötzlich, dass die Zeit offenbar wieder voranschritt. Die Glocke pendelte aus. Es folgten noch ein paar laute, ohrenbetäubende Schläge, aber weder glühte das Metall, noch wurden Funken versprüht. Auch der Chor der Stimmen war nicht mehr zu hören.

Der Zauber, der hier wirksam gewesen war, schien unterbrochen worden zu sein. Vielleicht lag es daran, dass der alte Mönch durch den Einsatz von Buddhas Stab daran gehindert worden war, seine Formel weiterzusprechen. Das Gesicht des Mönchs wirkte vollkommen entsetzt. Er hielt sich an einer der hölzernen Querstreben fest, die den Glockenstuhl stabilisierten, und atmete schwer.

Ich ging vorsichtig auf ihn zu und senkte das Schwert des Salomo.

»Wer sind Sie?«, fragte ich.

»Wen interessiert das?«, ächzte der Alte, dessen schwache Stimme jetzt kaum in der Lage war, die letzten, nach und nach immer leiser werdenden Glockenschläge zu übertönen. Die Magie, die seine magischen Worte in meine Gedanken förmlich hineingedröhnt hatte, war nicht mehr wirksam.

»Ich bin John Sinclair«, sagte ich. »Und mein Freund heißt Suko. Wir versuchen, diesem Spuk ein Ende zu setzen und dafür zu sorgen, dass das Morden aufhört.«

Der Mönch lächelte schwach.

»Da wären Sie nicht der Erste, Mister Sinclair!«, sagte er. »Und wenn es wirklich Ihr Ziel gewesen ist, das Grauen zu beenden, dann haben Sie einen großen Fehler begangen, indem Sie hier aufgetaucht sind!«

»Wie meinen Sie das?«

»Genau so, wie ich es sage! Sie können nur Schaden anrichten, weil Sie gar keine Ahnung von den Kräften haben, die hier am Werk sind.« Der Mönch atmete abermals tief durch.

Ich blieb zwei Schritte vor ihm stehen und stützte mich auf das Schwert des Salomo.

Suko blieb unterdessen ein Stück zurück.

Der Mönch musterte mich erst einmal eingehend von oben bis unten. Sein Blick blieb für einige Momente zuerst an dem Silberkreuz, dann an dem Schwert des Salomo haften. Eine tiefe Furche bildete sich auf seiner Stirn. Sein Gesicht wirkte jetzt so hart und konturenreich, als wäre es ein von einem Steinmetz sehr grob gemeißeltes Relief.

»Sie sind mir immer noch Ihren Namen schuldig«, beharrte ich auf der Beantwortung meiner Frage. »Aber Sie können natürlich auch unseren Freunden von der Polizei aus Limerick darüber Auskunft geben, wenn Ihnen das lieber ist. Die sind nämlich ganz in der Nähe.«

»Ich weiß«, gab der Mönch zurück. Der Klöppel hatte inzwischen nicht mehr genug Schwung, um gegen die Glocke zu stoßen. Etwas ächzend und quietschend schwang die Glocke jetzt noch hin und her. »Ich habe gesehen, dass Inspektor Richardsons Leute in der Umgebung ausgeschwärmt sind. Ich habe ihm schon mehrfach dasselbe gesagt, was ich gerade auch Ihnen gesagt habe: Sie werden hier nichts ausrichten! Also versuchen Sie es gar nicht, sich mit Kräften anzulegen, von deren Natur Sie nichts verstehen.«

»Sind Sie zufällig Bruder Kelvin?«, fragte ich dann und näherte mich noch einen Schritt. »Der Mönch, der die Bibliothek von St. Brendan bewacht?«

Der Mönch wirkte überrascht. »Ja, der bin ich.«

»Ich brauche Ihre Hilfe, Bruder Kelvin.«

»Ach, wirklich?«

»Wir sollten zusammenarbeiten, um diesen Schrecken zu beenden.«

Der alte Mann atmete tief durch. »Wer weiß, vielleicht wären wir alle diesem Ziel schon ein wenig näher, wenn Sie hier nicht zu einem so ungünstigen Zeitpunkt aufgetaucht wären, um mir ins Handwerk zu pfuschen.«

»Suko und ich gehören einer Spezialabteilung von Scotland Yard an, die sich mit übernatürlichen Phänomenen befasst«, erklärte ich. »Also sind wir keineswegs ganz ahnungslos, was diese angeht.«

»Umso mehr sollte Ihnen klar sein, was für einen Schaden Sie anrichten. Und jetzt lassen Sie einen alten Mann vorbei! Die Nacht war lang genug.«

»Einen Moment, Bruder Kelvin! Sie werden uns schon noch ein paar Fragen beantworten müssen.«

Bruder Kelvin hob die Augenbrauen. »So? Muss ich das wirklich? Ich habe einfach keine Zeit für diesen Mist …«

»Im Jahr 1801 hat schon einmal ein Mönch versucht, dem Schrecken dieser spanische Wiedergänger ein Ende zu setzen, und ist dabei kläglich gescheitert. Sein Name war Bruder Cordwain, aber ich nehme an, dass Sie das alles viel besser wissen als ich.«

Bruder Kelvins Augen wurden schmal. Er musterte mich und schien sogar etwas überrascht zu sein. »Anscheinend sind Sie ja doch nicht ganz ahnungslos«, murmelte er zwischen den Zähnen hindurch. Sein Mund bewegte sich dabei kaum. Die dünnen Lippen blieben ein beinahe vollkommen gerader Strich.

»Genau das versuche ich Ihnen ja gerade klarzumachen«, erklärte ich. »Diese Spanier sind nicht die ersten Geister, mit denen wir es zu tun haben. Wir haben einige Erfahrung darin, solche Jenseitsgeschöpfe zu bekämpfen oder zu bannen. Je nachdem, was gerade vonnöten ist.«

»Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg, Mister Sinclair.«

»Was hat Bruder Cordwain damals gegen das Böse zu unternehmen versucht?«

»Das ist nicht mehr wichtig.«

»Was auch immer es gewesen ist, es muss ihm furchtbar misslungen sein, denn anschließend haben die Geister einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung ausgerottet!«

»Ja«, murmelte Bruder Kelvin und stierte plötzlich nachdenklich vor sich hin. »Das Massaker von 1801 … Jedes Kind kann Ihnen in dieser Gegend darüber Auskunft gegeben. Dazu brauchen Sie nicht mich.« Seine Augenbrauen zogen sich etwas zusammen. Er starrte auf das Silberkreuz, dass ich um den Hals trug. »Ein interessantes Artefakt haben Sie da, Mister Sinclair.« Dann drängelte er sich an mir und Suko vorbei, um die Turmtreppe hinabzusteigen. »Vielleicht besuchen Sie mich ja mal in St. Brendan«, sagte er schließlich, nachdem er schon ein paar Stufen hinter sich gebracht hatte. »Im Moment können wir ohnehin nichts tun.«

***

»Warum hast du ihn einfach gehen lassen, John?«, fragte Suko, nachdem Bruder Kelvin die Kirchenruine verlassen hatte.

Von draußen waren Gesprächsfetzen zu hören. Offenbar war er Inspektor Richardson und seinen Leuten in die Arme gelaufen.

»Wir werden ihn bei nächster Gelegenheit in seinem Kloster besuchen«, sagte ich. »Was auch immer der Grund dafür sein mag, aber im Moment scheint er einfach nicht mit uns reden zu wollen.«

»John! Er hat diese Geister gerufen!«

»Das glaube ich nicht.«

»Irgendetwas hat er mit dieser Glocke gemacht, und ich bin überzeugt davon, dass das etwas mit den Geisterangriffen in dieser Nacht zu tun hat.«

Ich steckte unterdessen das Schwert des Salomo wieder in das Futteral und hängte es mir über den Rücken. Dann begann ich, mich etwas umzusehen.

Was Suko gesagt hatte, entbehrte nicht einer gewissen Logik, und intuitiv hatte ich denselben Eindruck. Aber andererseits glaubte ich dem Mönch, dass er dem Schrecken ein Ende setzen wolle.

Mein Blick wanderte das Gemäuer entlang. Ich griff nach meiner Bleistiftlampe und ließ den Lichtkegel über das Mauerwerk fahren, als mir plötzlich ein paar Strukturen auffielen. Schließlich entdeckte ich eine Folge von Zeichen, die mit Holzkohle auf den Stein geschrieben worden waren.

»Sieh dir das hier mal an, Suko.«

»Wofür hältst du das, John?«

»Magische Zeichen. Und sie sind ziemlich frisch.«

Als ich mich weiter umsah, fand ich weitere dieser Zeichen. Manchmal waren sie in einer Reihe, in anderen Fällen in senkrechten Kolonnen angeordnet. Einige dieser Kolonnen waren schon so verblasst, dass man bei den meisten Symbolen die Form nur noch erahnen konnte. Auch am Gebälk des Dachstuhls befanden sich solche Zeichen. Dort handelte es sich jedoch nur um einzelne Symbole, die für sich zu stehen schienen.

»Irgendwelche magischen Praktiken wurden hier durchgeführt«, stellte ich fest.

»Wahrscheinlich hat man immer wieder vergeblich versucht, die Geister zu vertreiben oder für immer zu bannen.«

»So wie Bruder Cordwain es versucht hat.«

»Ich könnte mir denken, dass dieser Bruder Kelvin auf der Basis von Bruder Cordwains Magie versucht, das Problem zu lösen, John.«

»Anscheinend ohne Erfolg.«

»Schlimmer noch, John. Er könnte die Geister damit unbewusst gerufen haben.«

»Ja, vielleicht.«

Im Moment konnten wir hier nichts weiter ausrichten, also stiegen nun auch wir die Turmtreppe wieder hinab.

Als wir die Kirche verließen, hörte ich, wie Inspektor Richardson auf Bruder Kelvin einredete. Der Inspektor gestikulierte dabei stark und machte schließlich eine abwinkende Handbewegung. Bruder Kelvin ging einfach weiter, ohne Richardson weiter zu beachten. Von den Polizisten schien ihn niemand aufhalten zu wollen.

Als Richardson uns bemerkte, kam er uns entgegen.

»Was ist da drinnen passiert, John?«, fragte er mich. »Und vor allem: Was hatte dieser Spinner in der Kutte da zu suchen?«

»Haben Sie ihn nicht selbst gefragt?«

»Ich erwarte nicht, dass ich von so einem Faktotum wie Bruder Kelvin irgendeine auch nur halbwegs vernünftige Antwort bekomme, John!«

»Ja, er scheint nicht besonders auskunftsfreudig zu sein«, musste ich Richardson zustimmen. »Ich werde ihn später mal besuchen und der Sache auf den Grund gehen. Ich glaube nämlich, dass er mehr über all dies weiß.«

»Wenn Sie den Hokuspokus meinen, mit dem er die Wiedergänger bannen will, damit war er schon vor ein paar Jahren mal in der örtlichen Zeitung.«

»Das ist jetzt ein Witz!«, entfuhr es mir.

Richardson schüttelte den Kopf. »Nein, keineswegs. Er hat irgendwelche magischen Rituale an der Glocke und in der Kirchenruine durchgeführt und bekam deswegen Ärger mit der Amtskirche.«

»Inwiefern?«

»Es mag sich ja um eine Ruine handeln, aber es ist immer noch ein Gotteshaus. Und Eigentümer des Gebäudes und des Grund und Bodens, auf dem es steht, ist die Kirche. Aber dieser skurrile Exzentriker ist bei den Leuten hier relativ beliebt, und so hat man es nicht gewagt, weitere Schritte gegen ihn einzuleiten.«

»Dann versucht er offenbar schon seit Längerem, gegen den Fluch dieser Spanier etwas zu unternehmen«, stellte ich fest.

»Kann sein. Aber glauben Sie denn wirklich, dass dieses Problem mit Hilfe von Magie oder dergleichen zu lösen ist?«

Ich hob die Augenbrauen. »Wieso haben Sie mich denn zu Hilfe gerufen, wenn Sie diese Möglichkeit für sich persönlich schon von vornherein ausgeschlossen haben?«

Richardsons Hände verschwanden in den Taschen seiner Jacke. »Nun, die Antwort ist sehr einfach: Wir sind verzweifelt. Und ehrlich gesagt, ist es mir gleichgültig, welche Methoden Sie oder irgendjemand sonst anwenden. Hauptsache, Sie verstoßen nicht gegen irgendwelche Gesetze.«

»Keine Sorge!«

»Ach übrigens, gerade kam über Funk die Meldung herein, dass es noch zwei weitere Tote gegeben hat. Ein paar Meilen von hier entfernt. Und außerdem hat ein Patrouillenschiff der Küstenwache ein Segelschiff gesichtet, dessen Beschreibung einer spanischen Galeone nahe kommt. Allerdings war dieses Schiff nicht auf dem Radar zu erkennen.«

»Wo ist das geschehen?«

»An der Küste bei Ballybunion.«

»Konnten die Kollegen der Küstenwache dieses Schiff verfolgen?«

»Nein, sie haben es ziemlich schnell aus den Augen verloren.«

***

Die Herringbone war ein Fischkutter, der jetzt mit vollen Netzen auf den kleinen Hafen von Ballybunion zuhielt. Die See war sehr ruhig. Eine Front aus dichtem Nebel stand wie eine graue Wand vor der Herringbone. Bei besserem Wetter hätte man jetzt die Küste längst sehen können. Nicht so an diesem diesigen, dunklen Tag.

Der Motor knatterte. Eamon O’Rory stand auf der kleinen Brücke der Herringbone am Ruder. Ihm gehörte der Kutter. Mehr schlecht als recht hatte ihn das Boot in den letzten Jahren ernährt, seit er es nach dem Tod seines Vaters übernommen hatte. Drei Mann hatte Eamon O’Rory angestellt, die ihm an Bord zur Hand gingen. Alles Männer aus Ballybunion und Calmmeany.

O’Rory stammte ebenfalls aus Ballybunion. Väterlicherseits war seine Familie seit Generationen dort ansässig. Die Seite seine Mutter hatte allerdings ihre Wurzeln in Calmmeany.

Hugh, einer der Männer, die O’Rory angestellt hatte, kam in diesem Augenblick auf die Brücke.

»Ganz schön nebelig«, meinte er und rieb sich die Hände, bevor er ergänzte: »Und kalt.«

»Sag den anderen, dass sie auf ein Schiff achten sollen, das hier herumkreuzt.«

»Was für ein Schiff?«

»Die Coast Guard hat vor zehn Minuten einen Funkspruch an alle Schiffe in der Umgebung abgesetzt. Man soll auf ein Segelschiff achten und ihm möglichst ausweichen.«

Hugh lachte rau. »Also eine Art Geisterschiff, könnte man sagen.« Er schüttelte energisch den Kopf. »Es wird immer schlimmer mit den Wassersportlern an dieser Küste! Und leichtsinniger werden die auch. Aber wer holt sie am Ende wieder aus dem Wasser?«

»Entweder die Coast Guard …«

»… oder wir! Schließlich kann man ja nicht einfach jemanden in Seenot krepieren lassen, selbst wenn er sich selbst in diese Lage gebracht hat.«

O’Rory grinste kurz. Dann wurde sein Gesicht wieder ernst und er fuhr fort: »Ich will nur, dass ihr aufpasst. Eine Kollision und die anschließende Reparatur kann ich mir im Moment nicht leisten. Wir pfeifen sowieso auf dem letzten Loch.«

Ein großer dunkler Schatten tauchte in diesem Augenblick vor der Herringbone auf.

»Mein Gott!«, entfuhr es Hugh.

O’Rory stand mit offenem Mund am Ruder. Der Schatten hatte die Form eines Segelschiffs und kam direkt auf die Herringbone zu.

Von draußen waren die aufgeregten Stimmen von Brad und Ron zu hören, den beiden anderen Gehilfen an Bord. Eamon O’Rory betätigte das Nebelhorn und versuchte beizudrehen. Aber das dunkle Schiff war zu schnell heran. Es trat nun deutlich aus dem Nebel hervor. Sturmzerfetzte Segel hingen von den Rahen, ohne vom Wind bewegt zu werden. Eine unheimliche Kraft bewegte es scheinbar gegen alle Gesetze der Natur. Weder Strömung noch Windrichtung schienen es zu beeinflussen.

An manchen Stellen wirkte es durchscheinend. Es drehte sich zur Seite. Dass dieses Schiff schwer beschädigt war, war unübersehbar. Männer in den Rüstungen und Livrees spanischer Söldner tummelten sich an Bord. Schusswaffen wurden in Stellung gebracht und krachten wenig später los. Armbrustschützen zielten. Einer der Bolzen fuhr durch das Nebenfenster der Brücke und ließ das Glas splittern.

Weiter: Teil 3 von 3