Die ungleichen Schalen
Gentz und Fanny Elßler
Personen:
Friedrich von Gentz, Hofrat
Felix Graf Reitzenstein
Fanny Elßler
Jean
Martin Diener bei Gentz }
Franz
Lieferanten, Geldleute usw.
Spielt in Wien, Herbst 1830
Ein Zimmer der Villa Gentz in Weinhaus bei Wien. Kostbare Empiremöbel, Nippsachen, Kunstwerke, geblümte Tapeten. Auf einer Kommode stehen zwei Glasglocken mit eingemachten Früchten zum Naschen. Vom Kamin leuchtet eine goldene Stehuhr. Im Hintergrund zwei Fenster, zwischen ihnen eine hohe Glastüre in den Garten. Links Türe zum Vorzimmer, rechts in das Ankleidezimmer des Hofrats; diese Tür ist offen.
Hinter der Türe links wird lebhaft gesprochen. Gleich darauf J e a n , livrierter Diener, von links durch das Zimmer nach rechts ab. Die Türe links wird geöffnet, und ein dicker Jude will herein, M a r t i n , ein zweiter livrierter Diener, der im Zimmer damit beschäftigt ist, frisches Wasser in blumengefüllte Vasen zu gießen, eilt hin und schlägt dem Eindringling die Tür vor der Nase zu. Protestierende Rufe von draußen. M a r t i n steht Wache.
G e n t z e n s S t i m m e
(von rechts)
Was erfrecht Er sich? Ich zahle nicht. Übermorgen. Die Schufte sollen Geduld haben.
J e a n
(eilig wieder von rechts nach links ab).
G e n t z e n s S t i m m e
Die geblümte Weste! Die geblümte!
L e b h a f t e S t i m m e n
(hinter der Türe links).
J e a n
(kommt abermals mit verzweifelter Miene nach rechts).
M a r t i n
(hält die Türklinke).
S t i m m e J e a n s
Der Weinlieferant und der Parfümeur wollen partout mit dem Herrn Hofrat selber sprechen.
G e n t z e n s S t i m m e
Ach was, Er Esel, Er hat ja gar keine Schneid. – Die Ringe, Franz. Jetzt lauf Er zum Gärtner wegen frischer Blumen.
F r a n z
(ein alter Diener, durch die Mitte ab in den Garten.)
(Gleich darauf)
G e n t z
(Mann von fünfundsechzig Jahren. Hohe schlanke Gestalt. Er hat einen müden, etwas gebückten Gang. Sein Gesicht ist höchst geistreich, die ganze Physiognomie hat einen feinen, lebhaften und verführerischen Ausdruck, und der Blick ist von intensiver Kraft. Kinn und Unterkiefer sind etwas schwer, um den Feinschmeckermund liegt bisweilen ein trauriger, bisweilen ein zynischer Zug. Er ist nach der letzten Mode gekleidet: brauner, langer Rock, gestickte Weste, Vatermörder, schwarze Binde)
War schon jemand vom Fürsten Metternich da?
M a r t i n
Niemand, Herr Hofrat.
G e n t z
(nach links ab, die Türe bleibt halb offen).
S t i m m e n d e r L i e f e r a n t e n
Küß die Hand, Herr Hofrat! – Wünsch guten Morgen, Herr Hofrat! – Küß die Hand, Euer Gnaden.
G e n t z e n s S t i m m e
Also, was soll’s – Was belästigt ihr mich?
S t i m m e d e s P a r f ü m e u r s
Halten zu Gnaden, Herr Hofrat, hab für siebenundachtzig Gulden Kölnisch Wasser geliefert.
S t i m m e d e s We i n h ä n d l e r s
Ich für dreihundertzwanzig Gulden Sekt.
G e n t z e n s S t i m m e
Geduld, ihr Leute. Morgen schick ich zum Rothschild hin. Der Rothschild zahlt alles, das wißt ihr doch. Jetzt schert euch friedlich nach Hause. (Er tritt ins Zimmer zurück, der dicke Jude folgt ihm.)
J u d e
Euer Exzellenz, der Wechsel ist schon emal prolongiert.
G e n t z
Fort, fort, fort!
D e r S c h n e i d e r
(hat sich schüchtern nachgedrängt)
Ich freu mich, daß der Herr Hofrat so gut ausschaut.
G e n t z
Keine Konfidenzen! Ich hab’ gern, wenn Lieferanten was liefern. Konfidenzen sind mir verhaßt. – Hat der Gärtner schon was wegen der Rosen gemeldet?
M a r t i n
Nein, Herr Hofrat.
G e n t z
Ich will mal selber mit ihm reden. Wenn er frische Rosen hat, ist es besser, sie erst am Stock zu sehen. (Durch die Mitte ab.)
D e r S c h n e i d e r
Herr Hofrat! –
J e a n
Na, was gibt’s denn noch? Er hat doch gehört, daß wir heut nicht bei Kassa sind.
D e r S c h n e i d e r
Morgen ist die Trauung von meiner Tochter, und wenn mir halt der Herr Hofrat zwanzig Gulden geben tät ...
J e a n
Laßt eure Töchter im ledigen Stand, wenn ihr kein Geld habt’s.
M a r t i n
(verächtlich)
Heiraten! Alle gemeinen Leute heiraten beständig.
J e a n
Und jetzt allons! marsch! (Nimmt den Besen.) Hinaus! Es wird
gelüftet.
D e r J u d e
Was wird sein? Wer ich den Wechsel zu Protest bringen. (Ab, desgleichen der Schneider, die Stimmen draußen verlieren sich.)
M a r t i n
Was macht er denn heut für an Kramuri, der Hofrat?
J e a n
Die Fanny war doch drei Tag am Land bei ihrer Schwester.
M a r t i n
Ah so. Froher Empfang nach schmerzlicher Trennung.
J e a n
Zu Mittag kommt s’ mit der Extrapost, die Fanny.
M a r t i n
Fahr’n jetzt die vom Theater auch schon mit der Extrapost?
J e a n
Die Fanny is was man eine bessere Tänzerin heißt. Hast es schon tanzen seh’n am Kärntnertor? Die Leut’ soll’n sich die Haxen abtreten hab’n.
M a r t i n
(düster)
Der Hofrat g’fallt mir gar nicht mit seiner Verliebtheit. Das is ja schon ganz außer der Normalität. Wenn’s nur keine Mesallianz gibt.
G e n t z
(vom Garten, zwei Burschen folgen ihm, die einen kupfernen, mit Rosen gefüllten
Kessel tragen.)
Dorthin, ins Eck, ... auf die Säule.
F r a n z
(von links)
Herr Graf Reitzenstein. (Ab, auch Jean und Martin, die Gärtnerburschen durch die Mitte ab.)
G e n t z
(zur Tür)
Guten Morgen, lieber Felix. Ein schöner Herbsttag heute, warm wie im August.
G r a f R e i t z e n s t e i n
(fünfundzwanzig Jahre, elegante Erscheinung; er ist ein wenig Poet, und in seinen Zügen drückt sich die Schwärmerei eines vornehmen Müßiggängers aus, dessen Lieblingsautor Lord Byron ist)
Guten Morgen, Gentz. Wissen Sie, daß Fanny schon aus der Brühl zurück ist.
G e n t z
Wie, schon zurück?
G r a f R e i t z e n s t e i n
Ich habe sie vor einer halben Stunde mit Stuhlmüller beim Theatereingang gesehen.
G e n t z
Haben Sie mit ihr gesprochen?
G r a f R e i t z e n s t e i n
Nein, sie hat mich gar nicht bemerkt.
G e n t z
Dann wird sie jeden Moment kommen. Stuhlmüller? Stuhlmüller? Wer ist das doch? Richtig, der Tänzer.
G r a f R e i t z e n s t e i n
Ein exzellenter Tänzer. Er geht jetzt nach Berlin.
G e n t z
Ah, nach Berlin. – Ich erinnere mich: ein hübscher Bursche.
G r a f R e i t z e n s t e i n
Ja. Beine wie ein Narziß.
G e n t z
Wie sah meine Fanny aus?
G r a f R e i t z e n s t e i n
Entzückend wie immer. Wenn man sie anblickt, hat man das Gefühl, als sei man zu schlecht für die Welt, in der sie lebt.
G e n t z
Sie waren ja am vorigen Sonntag mit ihr bei der Gräfin Fuchs? Ich konnte nicht hingehen, da mich der Fürst zu einem Conseil berufen hatte.
G r a f R e i t z e n s t e i n
Und am Abend zuvor fehlten Sie ja auch im Theater, Gentz –
G e n t z
Die leidige Politik!
G r a f R e i t z e n s t e i n
Es war ein Triumph. Die Galerien haben geheult, das Parkett hat sich die Handschuhe zerrissen. Sogar in der kaiserlichen Loge sah man leuchtende Augen, und zwei Hofdamen, die vor lauter Gewöhnung an Feierlichkeit alles Fett an ihrem Leibe verloren hatten, wackelten mit ihren Köpfen, als ob das Theater eine Glocke und sie die Schwengel darin wären.
G e n t z
(lacht)
Ja, diese Zauberin gleicht alle Gegensätze der sozialen Welt aus, und gekrönte Häupter werden – Publikum.
G r a f R e i t z e n s t e i n
Als sie auftrat, ging ein glückliches Seufzen durch das Haus. Da stieg die ganze Venus aus dem Meer. Dieser Nacken, diese Schultern, dieser Hals, die Bewegung, die anmutvolle Hingabe, dies Sichverlieren in süßester Heiterkeit! Ich sah Männer zittern und Frauen bleich werden. Jede Miene will ihre angeborne Trägheit vergessen, doch ihr selbst nahen keine Wünsche, nur Vergötterung umfängt sie. Ahnungslos und unergriffen wandelt sie durch die gesammelte Bewunderung hindurch, wie wenn ihr der Traum der letzten Nacht als Schleier um die Seele gehüllt wäre, – und lächelt.
G e n t z
Sie haben recht, Felix. Ihr Lächeln ist das Wunderbarste. Es scheint aus einer tiefen Quelle aufzusteigen, wo die Genien wohnen, die den Menschen wohlwollen. Keine Heiterkeit deutet so viel Schicksal wie ihre.
G r a f R e i t z e n s t e i n
Zur Fuchs kam sie spät, erst nach der Vorstellung. Man war schon ein wenig müde. Aber als sie eingetreten war, begann der Tag von neuem. Sie setzt sich neben die Hausfrau und blickt sie zärtlich und vertrauensvoll an. Sie plaudert, und Worte sind plötzlich edel. Die Luft, die sie atmet, mitzuatmen, macht glücklich.
G e n t z
Wenn man Sie hört, Felix, sollte man glauben, ein Verliebter spricht.
G r a f R e i t z e n s t e i n
Und wenn ich’s wäre?
G e n t z
Sie scherzen.
G r a f R e i t z e n s t e i n
Keineswegs.
G e n t z
Armer Felix, wie ist Ihnen das passiert?
G r a f R e i t z e n s t e i n
Das Mitleid, Gentz, sollten Sie mir aus Großmut ersparen.
G e n t z
Nehmen Sie denn um Gottes willen Ihren Zustand ernst?
G r a f R e i t z e n s t e i n
Seh ich aus wie ein Libertin?
G e n t z
Es gibt keinen lebendigen Mann, der Fanny gesehen hat und sie nicht liebt. Bei Ihnen allerdings –
G r a f R e i t z e n s t e i n
Sie sprechen, Gentz, als ob Fanny Ihr Eigentum auf Leben und Tod wäre ...
G e n t z
Lieber Felix, Sie überraschen mich. Wahrlich, ich weiß nicht mehr, was ich von der menschlichen Natur halten soll. Waren Sie es nicht, der mich im Glauben an die Möglichkeit einer Liebe zwischen mir und Fanny befestigt hat? Ich habe gezweifelt, und Sie waren verschwenderisch mit Beispielen aus
Leben und Geschichte, die mich beruhigen sollten. Sie waren der einzige, der verstehend in mein Herz drang, der meine Jahre auf die Rechnung der Zeit und nicht zu Lasten der Seele gesetzt hat. Ich war eifersüchtig, damals, als ich noch eifersüchtig sein mußte, und Sie lachten mich aus. Wenn ich mich quälte, ob ich würdig sei, Fanny zu gewinnen, sahen Sie darin die Koketterie eines Mannes, der wenig verspricht, um viel zu halten. Sie haben für mich Sonette an Fanny gedichtet, und in einem Brief, den ich nie vergessen werde, schrieben Sie: Wehe dem Herzen, dem die Jahre alle Blüten rauben, und wehe der Lehre, die ein Vertrocknen vor der Zeit für Würde oder Weisheit ausgibt. So dachte Anakreon nicht, schrieben Sie, erinnern Sie sich? »So dachte Anakreon nicht.«
G r a f R e i t z e n s t e i n
Waren Sie nicht glücklich mit Fanny?
G e n t z
Nur ein junger Mann darf glücklich g e w e s e n sein.
G r a f R e i t z e n s t e i n
Ich kannte mein Gefühl nicht.
G e n t z
So hätte der geheimnisvolle Drang in Ihnen, Felix, einen Greis beseelen wollen, und was dunkel in Ihrer jungen Brust wohnte, übertrugen Sie mutlos und edelmütig auf mich? Ist es so?
G r a f R e i t z e n s t e i n
Nicht ganz so.
G e n t z
Und ich hätte sechzig Jahre unter Menschen gelebt, mit
m e i n e n Augen, und habe nicht das Spiel eines Jünglings
durchschaut?
G r a f R e i t z e n s t e i n
Nein, nein, nein –
G e n t z
Sie haben nicht bedacht, daß kein Feuer so wütend brennt, wie das in einem alten Haus.
G r a f R e i t z e n s t e i n
Ich wußte und weiß es. Fanny kam aus einer Welt, die tief unter uns liegt, aus einer kleinen, armen Welt, in der man noch an Ehren und Titel glaubt, wo von Luxus und Lebensgenuß erzählt wird wie von Märchen. Als Fanny Sie kennen lernte, als sie Ihre Protektion erfuhr, da war ihr das Tor zur großen Welt geöffnet und in Ihrer Person verehrte sie den Ruhm und die Macht, nach denen sie sich sehnte und wofür sie auch bestimmt ist. Sie trat Ihnen mit der bebenden Andacht entgegen, mit der die jungen Mädchen aus dem Volk einen Prinzen aus seiner Karosse steigen sehen.
G e n t z
(unterbricht)
Und aus diesem Äußerlichsten wollen Sie etwas so Geheimnisvolles erklären, wie es mein Bund mit Fanny ist?
G r a f R e i t z e n s t e i n
Sie lernte Sie näher kennen, sie wurde bezaubert von Ihrem Geist, von Ihrer Kunst des Umgangs – welche Frau von Instinkt und Kraft würde nicht diese Atmosphäre von Leben, von Abenteuer, von Bildung und Welt spüren, in der Sie atmen? Für sie, die Unerfahrene, waren Sie ein Gott an Erfahrungen. Sie konnten ihr die Tore aufriegeln, die sie fest verschlossen wähnen mußte, und Sie haben es getan. Sie sah in Ihnen einen Gebieter des Schicksals, einen, der erfüllt ist von Schicksalen und dem sie Vertrauen schenken durfte, weil er Liebe dafür gab. Sie fühlte Ihre Vergangenheit, sie begriff Ihr Leben, Gentz, dieses Leben, hingebracht in Schwärmerei und Leidenschaften, in den
Verführungen der Städte wie im blutigen Dampf der Schlachtfelder, unter Königen und großen Damen, in Arbeit wie in Genuß, in der Melancholie der Einsamkeit und in der Unruhe unter den Menschen. Sie war behütet und geführt, wissend und gefeit an Ihrer Seite, und die Dankbarkeit unterwarf Ihnen ihr Herz.
G e n t z
Nur die Dankbarkeit? Das wäre also der punctum saliens? Soll ich zweifeln, nur weil andre zweifeln?
G r a f R e i t z e n s t e i n
Nicht zweifeln; aber Sie sind allzu sicher, Gentz.
G e n t z
Fannys allzu sicher, meinen Sie?
G r a f R e i t z e n s t e i n
Ja, Fannys allzu sicher.
G e n t z
Was gibt Ihnen Grund zu solcher Warnung? Ist die Medisance am Werk? Hat man in den Salons und in den Kaffeehäusern die Mäuler zu Guillotinen meines Glücks gemacht?
G r a f R e i t z e n s t e i n
Man ist darüber einig, daß Gentz ein beneidenswerter Mann ist.
G e n t z
(mehr überlegen als bitter)
Gentz, ein Zittergreis, ein ausgebrannter Krater, und Fanny Elßler, das blühende Wunder einer morbiden Welt. Der seufzende Diplomat und die spöttisch lachende Nymphe, das lächerliche Podagra und ein feuriger Czardas. Lassen Sie hören, Felix, das war der Text. Die Melodie dazu – pfeifen die
Drosseln.
G r a f R e i t z e n s t e i n
Nein.
G e n t z
Aber Sie wenigstens haben die Überzeugung gewonnen, daß über einen Abgrund von siebenundvierzig Jahren hinweg die Leidenschaft eines Weibes gefriert und ein Mann sich aus seiner Dummheit und Leichtgläubigkeit eine Gloriole webt. Sagen Sie’s nur.
G r a f R e i t z e n s t e i n
(wehmütig lächelnd)
Sie scheinen es also für unmöglich zu halten daß Fanny – (Er stockt, da Gentz mit scharf markierten Schritten auf ihn zugeht.)
G e n t z
Ja, Felix! Unmöglich! Unmöglich kann Sie Fanny lieben!
G r a f R e i t z e n s t e i n
Ich dachte nicht an mich. Offen gestanden, lieber Gentz –
G e n t z
(ergreift die Hand des Grafen)
Hören Sie mich an, Felix. Ich sage unmöglich, nicht, weil ich Ihren Wert nicht kenne. Die schönste, die vornehmste, die stolzeste Frau muß sich glücklich schätzen, Sie zu besitzen. Aber die schönste, die vornehmste, die stolzeste Frau, was tut sie am Ende, wenn sie liebt? Sie opfert Ihnen ihre Jugend. Ihre Schönheit ist nur dazu da, um von Ihnen, dem Geliebten, begehrt und genossen zu werden. Und sei sie lasterhaft wie Messalina oder eine Lucretia an Tugend, sie ist ein Weib und zwischen ihr und Ihnen ist nichts als die kleinen und großen Gefahren und Lockungen der Liebe. Fanny hingegen ist eine Tänzerin. Eine wirkliche, gottbegnadete Tänzerin. Verstehen
Sie, was das heißt?
G r a f R e i t z e n s t e i n
Ich denke ... warum sollt ich nicht?
G e n t z
Als ich Fanny zum ersten Male tanzen sah, da verteilten sich mir die Gewichte des Irdischen, und mein Schicksal war mir nicht mehr so lästig nahe. Ich hatte Spielraum in mir selbst, die Vergangenheit stand nicht mehr wie ein Leichnam hinter mir, die Philosophie nicht mehr wie eine Erinnye über mir, ich fühlte mich einer höheren und leichteren Ordnung der Dinge verwandt, und alles, was von schlechtem Gewissen in mir war, wurde von einer heiteren Macht beschwichtigt und zerstreut. Dem Philister ist dieser Tanz nur ein Vergnügen, an dem er vorübergeht, dem Jüngling mag er die Sinne befeuern, den reifen Mann erheben, erfreuen, doch nur der Alte, der wahrhaft Erfahrene, einer, der durch das ganze Fegefeuer der Geister- und Körperwelt gegangen ist, die ganze Hölle von Niedertracht und Stumpfsinn und alles erlebt hat, Untreue und Verrat, selbst treulos und ein Verräter war, an allem versucht worden ist, durch Leiden schamlos, durch Abwehr kalt, durch versteckte Armut listig, durch Triumphe gleichgültig geworden ist, – nur der kann die Tänzerin lieben, wie sie geliebt werden muß, so wie man eine Idee liebt, wie man Gott auf dem Sterbebett liebt.
G r a f R e i t z e n s t e i n
Das klingt groß, aber die Wahrheit des Lebens verteilt sich im Kleinen.
G e n t z
Ein Aperçu beweist nichts, kaum für den, der es macht. Wie könntet ihr jungen Menschen diese Reinheit verehren, ohne sie herabzuziehen? Diese beschwingte Leichtigkeit, ohne sie zu lähmen? Wie könnt ihr besitzen, ohne mehr und immer mehr zu fordern? Man muß durstig sein können und nur vom freiwillig
gereichten Becher trinken wollen. Man muß vergöttern können, indem man ein Wissen gibt, von dem ein Händedruck so voll ist wie eure erzählten Aventüren. Die Tänzerin ist in irgend einer Art heilig zu nennen, Felix, denn es ist etwas an ihr, was nie erobert werden kann und nie berührt werden darf, in den feurigsten Umarmungen nicht. Fanny opfert alle Leidenschaft ihrer Kunst. Nicht nur ihr Gliederspiel, auch ihr Seelenleben ist von dem Gesetz maßvoller Schönheit beherrscht. Man kann nicht weniger emotionsbedürftig sein als sie es ist, die sich von allem Stürmischen und Heftigen geradezu beängstigt fühlt. Der Adler wird in der Gefangenschaft traurig und verliert seine Majestät; will man sie ganz besitzen, so muß sie frei bleiben wie der Adler.
G r a f R e i t z e n s t e i n
Und doch dachten Sie einst an eine Heirat –
G e n t z
Es war, als ich sie noch zu wenig liebte. Was bin ich heute? Der entlassene Kammerdiener großer Herren. Was besitze ich? Nichts. Schulden über Schulden. Sollte die Frau Hofrätin tanzen? Kann man einen Stern vom Himmel reißen, um ihn zum Schmuckstück für die Wohnstube eines Literaten zu machen? Das heißt die Ewigkeit zum Augenblick erniedrigen, und wer so handelt, dem versagt der Augenblick. Und so lang ich dem Augenblick genug tue, bin ich jung. Alt bin ich einen Augenblick vor meinem Tod.
G r a f R e i t z e n s t e i n
Wie sonderbar Sie mir erscheinen, lieber Gentz. Ich möchte bewundern und muß doch trauern –
G e n t z
Trauern? Worüber? Sie suchen umsonst den frivolen Höfling in mir, dessen geprägte Malicen noch gestern halb Europa zum Lachen brachten. (Er nimmt ein mysteriöses Wesen an.) Ich bin fromm
geworden. Ja, ich bete, Felix, ich bete zuweilen. Besonders in der Nacht.
G r a f R e i t z e n s t e i n
Armer Freund, kaum will mir das Wort über die Lippen ...
G e n t z
Was für ein Wort? Gegen Worte bin ich gewappnet. Das ist mein Beruf.
G r a f R e i t z e n s t e i n
Fanny ist nicht nur eine Tänzerin, sie ist auch ein Weib.
G e n t z
Ich gratuliere Ihnen zu dieser Entdeckung. Wollen Sie mir damit sagen, daß Sie ein Mann sind? Ich habe nie daran gezweifelt.
G r a f R e i t z e n s t e i n
Nicht um mich handelt sich’s. Es tut mir leid, daß ich mich zu einem Geständnis meiner Empfindungen für Fanny habe hinreißen lassen. Es geschah, weil ich Ihnen Offenheit schuldig zu sein glaubte. Es ist von meiner Seite nichts geschehen, was mit dem Gebot der Freundschaft unvereinbar wäre, und da Sie keinen Anlaß haben, diese Freundschaft zu beargwöhnen –
G e n t z
Nicht den geringsten, teurer Felix.
G r a f R e i t z e n s t e i n
– so dürfen Sie meiner Mitteilung keine falschen Motive geben. Neigung und Freundschaft haben mein Auge geschärft, das ist alles.
G e n t z
Nun, Sie machen mich neugierig.
G r a f R e i t z e n s t e i n
Jener Stuhlmüller –
G e n t z
Was ist mit ihm?
G r a f R e i t z e n s t e i n
Fanny liebt ihn.
G e n t z
Oh! Oh! Oh! Stuhlmüller! Felix, Sie sind gar zu treuherzig.
G r a f R e i t z e n s t e i n
Sie befinden sich, lieber Gentz, in einem Rausch von Täuschung und Illusion. Ich habe die beiden beieinander gesehen, und nicht nur heute.
G e n t z
Was noch?
G r a f R e i t z e n s t e i n
Ich habe Blicke gesehn, Gebärden gesehn ... O, ich kenne Fanny. Wo ihr Herz spricht, ist sie ehrlich bis zur Selbstvergessenheit.
G e n t z
Und wäre in dieser Ehrlichkeit betrügerisch gegen mich? Felix! Felix!
G r a f R e i t z e n s t e i n
Ich wiederhole: sie ist ein Weib.
G e n t z
Komischer Refrain. Mann – Weib. Ist die Natur eine Maschine und sind die gröbsten Gegensätze der Begriffe nur erfunden, damit man aus einem Engel im Handumdrehen eine Dirne machen kann?
G r a f R e i t z e n s t e i n
Sie beleidigen die Natur, Gentz.
G e n t z
Da sieht man, wie ihr jung seid, ihr jungen Leute. Ihr stolziert in abgestempelten Anschauungen herum wie ein Hahn auf einer Grammatik. Stuhlmüller? wer ist Stuhlmüller für mich? Was ist er für meine Welt, für mein Gefühl, was er nicht auch zugleich für Fanny wäre?
G r a f R e i t z e n s t e i n
Ein Bursche wie aus Blut und Stahl, Gentz.
G e n t z
Ihr wißt nichts von Fanny, keiner. Ihr kennt nur eine Liebenswürdigkeit, bei der das Herz abwesend ist ... (Er lauscht.) Horch! Sie kommt, Felix! (Entzückt.) Ich höre ihren Schritt ...
G r a f R e i t z e n s t e i n
Dann wird es Ihnen wohl bequemer sein, wenn ich mich jetzt verabschiede.
G e n t z
(mit leichtem Spott)
Sie müssen ihr wenigstens in die Augen schauen, Felix. (Er lauscht angestrengter, mit geneigtem Kopf.)
G r a f R e i t z e n s t e i n
Sie könnte mich glauben machen, daß ich ihr etwas bedeute, und um so weniger könnt ich sie vergessen.
G e n t z
Ist sie’s? – Ja, sie ist’s.
G r a f R e i t z e n s t e i n
Vielleicht feiern wir heute abend noch ein kleines Fest zu dreien, lieber Gentz. Am Sonntag reis’ ich nach Paris.
G e n t z
(vorwurfsvoll, doch ein wenig zerstreut)
Felix!
J e a n
(tritt ein, reißt die Türe auf)
Demoiselle Elßler.
F a n n y E l ß l e r
(folgt dem Diener. Sie trägt ein helles, schottisches Kleid und einen blumengeschmückten Spitzenhut mit Band und seitlich herabgebogenen Bändern. Gestalt und Bewegungen sind von vollendeter Schönheit. Die ursprüngliche Naivität, Heiterkeit und Frische kämpft bisweilen gegen eine erworbene, anmutige Würde)
Grüß Gott, lieber Gentz! Endlich bin ich wieder bei dir.
G e n t z
(fast erschüttert bei ihrem Anblick)
Fanny! Teuerste! Wie lang waren diese drei Tage!
F a n n y
Ei, der Graf Felix! Guten Morgen, Felix, wie geht’s Ihnen? Habt ihr ernste Gespräche gehabt? Es liegt so was in der Luft.
G e n t z
Du siehst blühend aus, Fanny. Tu doch den Hut herunter ...
F a n n y
(nimmt den Hut ab, streicht mit den Händen das schwarze gescheitelte Haar glatt, das
rückwärts zu einem griechischen Knoten geknüpft ist)
Gemütlich ist’s bei dir, Gentz, und ich freu mich, daß ich wieder da bin. Die schönen Rosen!
G e n t z
Findest du nicht, daß Rosen auch Schwermut erwecken können? Es gibt eine gewisse Fülle des Lebens, die traurig macht.
F a n n y
(streicht ihm über die Stirn)
Laß das, Gentz. Wenn du von der Traurigkeit sprichst, krieg ich gleich ein schlechtes Gewissen. Warum so schweigsam, Felix? Ihr Männer seid komische Leute. Wenn ihr miteinander gesprochen habt, tut ihr furchtbar geheimnisvoll, und doch weiß man alles, wenn man euch nur anschaut.
G e n t z
Wie steh ich armer Diplomat nun da!
G r a f R e i t z e n s t e i n
(lächelnd)
Die Traurigkeit unseres Freundes hat also schon gewirkt?
F a n n y
(lacht)
Auf das schlechte Gewissen, meinen Sie? So stehn die Sachen, Gentz?
G e n t z
Er ist ein gar zu grüblerischer Geist, der Felix. Denke dir, er hat mir Vorwürfe über meine leichtsinnige Wirtschaft gemacht. Er ist der Meinung, daß ich zu verschwenderisch gegen dich bin –
G r a f R e i t z e n s t e i n
Gentz! Gentz!
F a n n y
Sie haben ganz recht, Felix. Neulich wollte er mir partout eine diamantene Agraffe kaufen –
G r a f R e i t z e n s t e i n
Es hieße Sie beleidigen, Fanny, wollte man Edelsteine für köstlicher halten als die Freude, Sie damit schmücken zu können.
F a n n y
Wie galant!
G e n t z
Galant und wahr zugleich. Ich habe ihm gesagt, wenn man in meinem Alter zum Harpagon wird, gleicht man einem Soldaten, der nach dem Krieg desertiert.
G r a f R e i t z e n s t e i n
Der Geizige hat vor dem Verschwender das eine voraus, daß er alle seine Wünsche erfüllen kann. (Greift nach seinem Hut.)
F a n n y
Gehen Sie schon, Felix? Wie schade!
G e n t z
Leben Sie wohl, lieber Freund.
G r a f R e i t z e n s t e i n
Ich darf doch darauf rechnen, daß Sie heute abend mit Fanny bei mir soupieren?
F a n n y
Das wäre reizend.
G e n t z
Heut abend kann ich unmöglich, ’s ist ein Diner beim Fürsten und der französische Gesandte kommt hin. Der Fürst legt Wert auf meine Anwesenheit. Aber morgen, wenn dir’s recht ist, Fanny? Gut, wir kommen morgen.
G r a f R e i t z e n s t e i n
Auf Wiedersehen denn. (Ab.)
F a n n y
(die ihm nachgeschaut hat)
Er ist ganz anders als sonst, der Felix ...
G e n t z
Bist du nicht eifersüchtig auf dich selbst, da deine besten Freunde eifersüchtig auf deine besten Freunde werden?
F a n n y
Ist es so, dann tut er mir herzlich leid.
G e n t z
Nun, die Dinge liegen so einfach nicht. Du steigst empor, du richtest die Blicke der Menschen auf dich, die Männer, wie sie einmal sind: eifersüchtig selbst da, wo sie nicht lieben ...
F a n n y
Oft denk ich mir, es wäre Zeit, dem Wiener Boden Valet zu sagen –
G e n t z
Sprich’s nicht aus, Kind.
F a n n y
(schüchtern)
Jetzt grade könnt ich’s tun, Gentz. Ich hab einen Antrag nach Berlin; soll an der königlichen Oper tanzen.
G e n t z
Also doch! Wie hab ich den Moment gefürchtet.
F a n n y
Ich tu’s ja nicht, Gentz, tu’s keinesfalls.
G e n t z
Hat man dir den Kontrakt schon vorgelegt?
F a n n y
Ja, ich hab ihn dabei. (Zieht das Dokument aus ihrem Pompadour und übergibt es Gentz.)
G e n t z
Laß sehn ... (liest) Ballette »Blaubart«, »die Fee und der Ritter«, »Ottavio Pinelli«, »die Stumme von Portici« ... für drei Monate ... die Summe von fünfzehnhundert Talern nebst Spielhonorar ... (laut) Das ist nicht übel. Das wäre ja durchaus nicht von der Hand zu weisen.
F a n n y
(versucht gleichgültig zu erscheinen)
Nicht wahr? Verlockend ist es.
G e n t z
Du hast also Lust, zu den Berlinern zu gehen?
F a n n y
(rasch)
Nein, Gentz; eigentlich ganz und gar keine Lust.
G e n t z
Den Antrag abzuweisen wäre nicht klug von dir.
F a n n y
Man kann’s ja aufs nächste Jahr verschieben.
G e n t z
Nein. Die Welt verlangt nach dir. Dein Bezirk ist Europa, der Erdball.
F a n n y
Ist denn Berlin schon Europa?
G e n t z
Für jeden beginnt Europa, beginnt die Welt da, wo er seine Heimat verläßt.
F a n n y
(mit sehnsüchtigen Blicken, trotz des entschiedenen Tons)
So gern ich’s möchte, Gentz, ich kann nicht von dir weg. Bei dir weiß ich, daß ich behütet bin. Du hast alles aus mir gemacht. Du warst alles für mich, mein Vater, mein Bruder, mein Freund, mein Lehrer. Du hast mich aufgeweckt, ich hätte keinen Ehrgeiz ohne dich, ich wüßte nichts von mir ...
G e n t z
Doch kann ich dir den Ruhm nicht geben, der dich fern von mir erwartet.
F a n n y
Was soll mir der Ruhm, wenn ich ihn nicht bei dir vergessen kann.
G e n t z
Je länger ich überlege, je unverantwortlicher erscheint es mir, dich zurückzuhalten.
F a n n y
(mit unwillkürlich hingerissener Gebärde)
Hinaus ins Unbekannte –! Eines ist ja wahr: zu eng wird’s mir hier. Sie glauben mir nicht ganz, ich bin ihnen nicht fremd genug.
G e n t z
Kehrst du zurück, so gebietest du denen, die dich jetzt nur dulden.
F a n n y
Und doch ... nein, ’s ist unmöglich. Schau, Lieber, mit Berlin ist’s ja nicht abgetan. Da muß ich dann weiter. Da lockt’s mich weiter. Nach Paris, wo die Taglioni tanzt.
G e n t z
Sie ist kalt, sie ist blutlos, ein Schatten gegen dich.
F a n n y
Aber dort wissen sie, was tanzen heißt. Man ist stärker, wenn’s um den höheren Preis geht. Die Franzosen, siehst du, die möcht ich behexen, und wenn die Taglioni ein Engel ist, wie sie sagen, will ich zum Teufel werden. O, ich fühle, daß ich’s kann! Ich hab’s neulich gespürt im Blaubart, das ganze Theater war so still wie eine leere Kirche, und alle Augen waren so feurig in der Dunkelheit. Ach, Gentz! Paris! Paris!
G e n t z
(der sich immer mehr in heroische Entsagung hineinlebt)
Warum nicht? Paris ist nur eine Domäne des Glücksreichs, das du gründen wirst.
F a n n y
Und von Paris nach London, und von London nach Amerika. Die Amerikaner sollen ja so reich sein, da könnt ich mir viel Geld verdienen, herrliche Kostüme kaufen, die Dichter und die Komponisten bezahlen, daß sie mir wunderbare Texte und schöne Musik machen. O, ich hätte Mut. Das Meer fürcht ich nicht und die Wildnis nicht.
G e n t z
So gefällst du mir. So gärt der Most, aus dem edler Wein wird.
F a n n y
(enthusiastisch)
Und lernen, lernen, lernen, Gentz! Weißt du, was man von der Taglioni und ihrem Vater erzählt? Als sie in London war, wohnte unter ihr ein Mann, der ließ ihr sagen, sie möchte sich durch die Rücksicht auf seine Nachtruhe nicht in der Arbeit stören lassen. Und was hat der alte Taglioni geantwortet? Sagen Sie diesem Herrn, hat er dem Diener zugerufen, daß ich noch nie den Schritt meiner Tochter gehört habe, und daß ich sie verfluchen würde an dem Tag, wo es geschähe. Das find ich groß!
G e n t z
Du hast Gaben, um die dich eine Taglioni beneiden wird.
F a n n y
(stockt, seufzt)
Das ist’s ja eben. Es ist einem oft zu Mut, als ob die Menschen voll Haß wären gegen die Kunst. Der Neid, die Mißgunst, wie soll ich’s ertragen, wenn du mir nicht hilfst? Du bist klug, bist mächtig, sie beugen sich vor dir, und wenn ich bei dir bin, vergeß’ ich die hämischen Gesichter. Nein, ich will nicht fort.
G e n t z
Ich kann dich nur bis dahin führen, wo dir der Sinn des Daseins
verständlicher wird, Fanny. Wir sind allein und müssen allein bleiben, ein jeder. Vielleicht ist es deine Aufgabe, dieses Gefühl der Einsamkeit, von dem die Menschen erfüllt sind, in Schönheit zu verwandeln. Uns beide hat das Geschick nur in einer Laune zusammengeworfen, mich am Ende, dich am Anfang eines Wegs. Es ist mehr als Liebe, was uns bindet. Du warst für mich geschaffen und fühlst es. Daß die Zeit sich in unserer Geburt verrechnet hat, kann uns nicht beirren. Nichts wird uns trennen, – weshalb so viel Wesens machen um die paar Meilen von hier bis Berlin?
F a n n y
Und unsere Gespräche, unsere Ausflüge, unsere gemütlichen Abende, wo wir das »Buch der Lieder« zusammen gelesen haben ...
G e n t z
(scherzhaft)
Bst! Willst du wohl? Daß du mich nicht verrätst, denn dieser Heine ist ein Erzliberaler.
F a n n y
Doch liebt er die Tänzerinnen, so viel ich weiß.
G e n t z
Ja, das tun die Liberalen sonst nicht. Und nun setz dich an den Schreibtisch, nimm den Federkiel und schreib deinen Namen unter den Kontrakt.
F a n n y
(schalkhaft)
Das heißt so viel, als du schickst mich fort? (Sie setzt sich.)
G e n t z
In dieser Minute schreibst du deinen Namen ins Firmament der
Unsterblichkeit.
F a n n y
Noch ist’s nicht geschehen, Gentz. Soll ich? Soll ich wirklich?
G e n t z
(legt seine Hand auf ihre Schulter, sie blickt zu ihm empor)
Ich bin stolz darauf, deinen vollen Wert, von dem deine Schönheit und deine Kunst nur Teile sind, erkannt zu haben, und die Freundschaft, mit der du meine Liebe belohnst, schätze ich höher als Güter der Erde. Ich lebe nur in dir, Fanny; sterben hat keinen andern Sinn für mich als eine Welt verlassen müssen, in der du atmest. Ich habe den Mut zu glauben, daß mich nichts aus deinem Herzen reißen kann. Wenn du mich durch einen einzigen Händedruck versicherst, daß ich mich nicht irre, so bleibt mir nichts mehr zu wünschen übrig.
F a n n y
(gibt ihm die Hand)
Ja, Gentz, Freundschaft, das ist das rechte Wort.
G e n t z
Das einzige, Fanny?
F a n n y
Gibt’s ein besseres noch?
G e n t z
Ich wag es nicht auszusprechen. Doch nun ich deine Hand habe, bist du mir versprochen, Fanny. Es ist zwar nur die linke, aber es ist mir keine lieber als die andre. Ich drücke sie an die Lippen und mit der rechten schreib’. Schreib deinen Namen, verschreib dich dem Ruhm.
F a n n y
Schwer ist das Schreiben ohnehin, und erst wenn du mir den Arm wegnimmst ... Also probier ich’s (schreibt) Fanny ... Elß ... ler. Wunderlich! Da steht’s nun! Und ist nichts geschehen eigentlich ...
G e n t z
Siehst du, Fanny, so hab ich dich zu deinem Wunsch bekehrt.
F a n n y
(dankbar)
Gentz! Lieber!
J e a n
(kommt)
Es ist einer draußen und sagt, er will die gnä’ Fräul’n sprechen.
F a n n y
Mich?
G e n t z
Wer mag’s denn sein? Hat er den Namen nicht genannt?
F a n n y
(rasch)
Ach richtig, das ist sicherlich der Stuhlmüller.
J e a n
(verächtlich)
Ja. Stuhlmüller. So nennt er sich.
F a n n y
(mit blitzenden Augen)
Weshalb spricht der Mensch so despektierlich, frag ich?
J e a n
Entschuldigen die gnä’ Fräul’n, aber ...
G e n t z
(streng)
Nichts. Genug. Frag ihn, was er will. (Jean ab.) Wie kann der Bursch es wagen ...
F a n n y
Aber ich versteh dich gar nicht ... abholen will er mich. ’s ist Prob am Nachmittag, und außerdem ...
G e n t z
Außerdem?
J e a n
(kommt zurück)
Der Monsieur Stuhlmüller läßt sagen ...
G e n t z
’s ist gut. Weiß schon. Soll draußen warten. (Jean ab.) Außerdem, Fanny?
F a n n y
Er ist’s ja, Gentz, der Stuhlmüller, der mir den Kontrakt verschafft hat, und jetzt brennt ihn halt die Neugier zu erfahren –
G e n t z
E r hat dir den Kontrakt verschafft? Wie kommt er denn dazu?
F a n n y
Er ist ja in Berlin engagiert, und ich soll seine Partnerin sein.
G e n t z
Er dein Partner, meinst du ...
F a n n y
Ja, wenn du so willst ...
G e n t z
Deshalb ist immer noch kein Grund für ihn, in mein Haus zu dringen.
F a n n y
Warum denn so feindselig, Gentz?
G e n t z
Ich mag’s nicht. Mag das Theatervolk nicht leiden. Haben alle so was Penetrantes.
F a n n y
Er war mir ein guter Kamerad.
G e n t z
(mit den Händen auf dem Rücken hin- und hergehend)
Das dacht ich mir.
F a n n y
(langsam)
Er war’s ... (stockend) er ist’s nimmer.
G e n t z
(bleibt stehen)
Jetzt versteh ich gar nichts mehr. Also habt ihr euch zerstritten?
F a n n y
Er ist mir noch was anderes.
G e n t z
(blickt sie starr an)
Er ist dir sehr ergeben, hoff ich.
F a n n y
Ergeben? Nein. Eher ... stolz.
G e n t z
Der elende Komödiant! Werd ihm die Leviten lesen.
F a n n y
Willst du denn n i c h t begreifen, Gentz? (Lange Pause.)
G e n t z
(die Hand an der Stirn, plötzlich schwer)
Sprich nicht davon, Fanny. Sprich nicht davon. Du kennst dich selber nicht. Du kennst mich nicht.
F a n n y
(innig)
Schau, Gentz, anders konnt’ es doch nicht, durft’ es doch nicht kommen, oder die Natur ist nicht mehr Natur und Blut nicht mehr Blut.
G e n t z
(leise)
Also doch ... Felix! Felix! – Sprich nicht davon, Fanny! (Ausbrechend.) Oder sag lieber, daß alte Männer langweilig sind, daß sie graue Haare haben und schwarze Zähne, daß sie, anstatt Liebesworte zu girren, besser ihr Testament abfassen sollten, daß jung sein, nichts anderes bedeutet als grausam sein, gefräßig sein, meineidig sein und daß man nicht vergessen soll, zur rechten Zeit zu sterben ... Gott, wohin verlier’ ich mich!
F a n n y
(erregt)
Gentz, hör mich an. Den Kontrakt, noch kann ich ihn zerreißen –
G e n t z
Nimmermehr, Fanny. Blieb ich darum weniger ein Greis?
F a n n y
Dir dank ich alles, Gentz, und will dir’s danken, ohne Engigkeit, nicht bloß mit Reden, sondern von Herzen gern, und da, in meinem Herzen, bist du und bleibst du allezeit. Du bist mir das Höchste auf der Welt, als Mensch, und weil du’s bist, mußt du’s verstehen, wenn ich mein Herz nicht vor dir hehle. So war ja die Abrede zwischen uns, und immer warst du darauf gefaßt.
G e n t z
(düster)
Man ist nie auf ein Ende gefaßt, wenn es da ist. Der Glückliche steht immer an einem Anfang.
F a n n y
Ein Ende, Gentz! Wer spricht vom Ende? Wahrlich, du betrübst mich ganz und gar. Ich bin ganz irre jetzt.
G e n t z
Sprich nur weiter, Fanny, so hör ich wenigstens deine Stimme.
F a n n y
Dir mag’s von mindrem Wert erscheinen, was mich jetzt erfüllt; vielleicht ist’s auch so, doch was nützt Rede und Widerrede, wenn dich die Sinne zwingen und dich auf den Weg treiben, – einem in die Arme, der wartet, wartet, und den du nicht hast kommen sehn, und du mußt zu ihm, als ob’s Gott selber so beschlossen hätte. Rühmt’ ich seine Augen oder seinen Gang oder daß er’s redlich meint und ein treues Gemüt hat, so würd ich lügen, Gentz, denn dies ist’s nicht, was mich hintreibt, ’s ist
vielmehr wie ein Rhythmus beim Tanz, der die Unruhe auflöst und die Luft um einen her dünner macht. Auch auf Betrug war’s nicht abgesehn, denn her bin ich gekommen, um alles frei zu sagen, nur hat’s mir weh um dich getan.
G e n t z
Wie deine Augen glänzen, Fanny ...
F a n n y
Du mußt ihn sehen, Gentz! Wie er schreitet, sich bewegt! Wie schlank er ist, wie er den Kopf wendet, wie edel er sich hält, wie die Gelenke abgesetzt sind. Mit ihm zu tanzen, ist halbe Arbeit; er trägt mich, schwingt mich so dahin. Wie mir’s bei dir geschieht, wenn ich im Leben zaghaft werde, so gibt er mir Mut und Lust beim Tanz.
G e n t z
Wann willst du reisen, Fanny?
F a n n y
(mit gesenktem Kopf)
Weiß noch nicht. In der nächsten Woche, denk ich.
G e n t z
Wozu der lange Aufschub? Es wäre besser, du würdest morgen reisen.
F a n n y
Bist du so ungeduldig, mich los zu werden, Gentz?
G e n t z
Ich will dir einen Platz auf der Post bestellen.
F a n n y
Soll ich heut abend nicht zu dir kommen?
G e n t z
Heut abend laß mich lieber allein.
F a n n y
Jetzt will ich aber den armen Stuhlmüller nicht länger warten lassen.
G e n t z
Adieu, Fanny.
F a n n y
Magst ihn nicht wenigstens sehen? Sprich ein freundlich Wort mit ihm.
G e n t z
Nicht heute, nicht jetzt.
F a n n y
So leb wohl. (Reicht ihm die Hand.)
G e n t z
Komm noch einmal ...
F a n n y
Morgen komm ich wieder.
G e n t z
Und übermorgen ...
F a n n y
Übermorgen auch.
G e n t z
Wie ein gehorsames Kind!
F a n n y
Wie eine Tochter, ja.
G e n t z
(zu dem Kupfergefäß, nimmt Rosen und gibt sie ihr)
Hier, die Rosen, Fanny; nimm sie mit auf den Weg.
F a n n y
Dank dir.
G e n t z
Und sei glücklich.
F a n n y
Dank dir schön.
G e n t z
Und noch etwas: geh nicht direkt die Straße entlang, – geh am Gartentor mit ihm vorbei, damit ich euch sehe. Es ist nur ein kleiner Umweg.
F a n n y
Ist recht, Gentz. (Sie beugt sich schnell, küßt seine Hand; ab.)
G e n t z
(lauscht; dann auf und ab. Er geht zur Gartentür, schaut angestrengt nach rechts
hinüber)
Da gehen sie hin, – die jungen Leute! (Er zieht sein Lorgnon heraus und verfolgt die sich Entfernenden mit den Blicken, bis sie verschwunden sind, dann wendet er sich ab und läßt sich in den Fauteuil sinken. In seinem Gesicht erlischt gleichsam ein Feuer, und der Ausdruck wird völlig greisenhaft.) Da gehen sie hin. Die jungen Leute. Als ob sie einen Sarg in die Erde gesenkt
hätten. Wozu die Trauer? Wozu Opfer, wozu Treue, wozu Müh und Sorge? Das Leben schwindet, das Krüglein ist geleert. Kein Wort mehr, Gentz, den letzten Traum hast du dir verdient und bezahlt. Genug, genug. (Er erhebt sich, greift nach der Handglocke.) Wie noch alles hier nach ihrer Jugend riecht! Wie die Luft noch von jungem Lachen klingt ... Kein Wort, kein Wort mehr, Gentz. (Er läutet.)
J e a n
(kommt)
Herr Hofrat befehlen?
G e n t z
Geh Er zum Fürsten Metternich und richt Er aus, daß ich zum Diner heut abend nicht kommen kann.
J e a n
Sehr wohl.
G e n t z
Bring Er mir meinen Schlafrock, den türkischen und mach Er Feuer im Ofen. ’s ist kalt.
J e a n
Sehr wohl.
G e n t z
Sag Er den andern draußen, daß ich für niemand zu Hause bin. Für niemand, hört Er?
J e a n
Sehr wohl.
G e n t z
Vor allem mach Er Feuer an.
J e a n
Sofort. (Ab.)
G e n t z
’s ist kalt. ’s ist kalt. (Sinkt wieder in den Sessel.) Kein Wort mehr, Gentz. (Bedeckt das Gesicht mit den Händen.)
(Vorhang)