Die ungleichen Schalen

Jakob Wassermann · Kapitel 5 von 7

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Die ungleichen Schalen

Der Turm von Frommetsfelden

 

Personen:

Der Ritter Karl Heinrich von Lang, ansbachischer

Domänenrat

Anna, seine Frau

Frau von Hänlein, deren Mutter

Leutnant Amandus Schlözer

Rechnungsrat Birnkoch

Kammerdirektor Mühlbach

Kasteljack, Schreiber

Fünf Bauern, darunter: Der Ringhofbauer, der

Waldhofbauer, der Erlhofbauer

Bärbel, Dienstmagd bei Langs

Spielt zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Ansbach.

 

Das geräumige Arbeitszimmer des Ritters von Lang, zugleich eine Art Wohngemach. Die Möbel im französischen Geschmack des achtzehnten Jahrhunderts. Rückwärts zwei Fenster mit Aussicht auf romantisch verwinkeltes Häuserwerk. Links Tür in die andern Zimmer, rechts in den Flur.

F r a u v o n H ä n l e i n ordnet die auf Tischen, Stühlen und Sofa herumliegenden Bücher und Hefte; B ä r b e l kehrt mit einem riesigen Besen aus.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

(eine stattliche Dame in der Mitte der vierzig; sehr riegelsam, frisch, gesund, nur

wenig angegraut)

In aller Frühe war er also schon da?

B ä r b e l

Heroben war er nit. Vorbeigangen ist er am Haus, wie ich zum Bäcker bin, und hat g’fragt, wie’s der jungen Frau geht.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Scheint viel Zeit zu haben, der junge Herr.

 

B ä r b e l

Die Herren Leutnants möchten halter gern, daß an Krieg gitt.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Wenn ich der Lang wäre, ich tät ihm das Haus verbieten. Die Männer sind zu schlampig in manchen Sachen. Du kannst jetzt in die Küche gehn, Bärbel. In einer halben Stunde muß die junge Frau ihre Milchsuppe bekommen. (Bärbel ab.) Sitzt da herum. Schwatzt. Wär die Anna nicht die Anna, er könnt sie am Ende um den Verstand schwatzen. Lang, Lang! So gescheit du bist, so dumm bist du.

 

A n n a

(kommt von links. Blasse, schlanke, zarte, zierliche Frau von zwanzig Jahren. Sie

trägt ein elegantes Morgengewand nach Pariser Schnitt; lächelnd)

Sprichst für dich alleine, Mutter, und räumst schon wieder?

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Was zu räumen ist, räum’ ich. Guten Morgen, Kind. Bist schon aus dem Bett gehupft? ’s ist erst zehn Uhr und der Doktor hat gesagt, du sollst bis Mittag liegen.

 

A n n a

(heiter)

Erklärt mich der Doktor für krank, dann fühl’ ich mich gleich gesund.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Bist ja auch nicht krank, sollt’ ich meinen.

 

A n n a

Krank nicht, gesund auch nicht. Was soll man glauben!

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Glaub an deine Natur.

 

A n n a

Grad die Natur macht mich oft irre. Oft versuch ich froh zu sein, dann kommt unversehens die Traurigkeit.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Wie hast denn geschlafen heute?

 

A n n a

Einen wunderlichen Traum hab ich gehabt, Mutter.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Laß hören. Vielleicht kann ich ihn deuten.

 

A n n a

(setzt sich aufs Sofa, Frau von Hänlein bleibt vor ihr stehen)

Mir träumte, ich war in Frommetsfelden und alles war noch so, wie ich ein Kind gewesen. Der schöne Garten mit den vielen Obstbäumen, alle voller Äpfel und Birnen und die lieben alten niedlichen Häuschen, und ich geh so und freu mich über den blauen Himmel, und wie ich so gehe, wird’s auf einmal stockfinstre Nacht, und auf einmal seh ich Flammen, und das ganze Städtchen steht lichterloh in Brand. Mir wird Angst, und ich weiß nicht wohin, da packt mich Karl Heinrich am Arm, so fest, daß mir’s durch und durch weh tut. Laß mich wenigstens noch in meinen Garten, bitt ich ihn, aber er schüttelt den Kopf, macht ein böses Gesicht und hält mich nur immer fester. Da seh ich den Leutnant Schlözer kommen, er winkt mir so freundlich,

daß mir ganz warm ums Herz wird, und plötzlich kann ich zu ihm hingehen, und wie ich bei ihm bin, da sind wir im Garten, und aus einem schönen blauen Krug gibt er mir Wasser zu trinken. Dabei ist mir immer wohler und wohler geworden, und so bin ich aufgewacht.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Das war das Vernünftigste, was du hast tun können, das Aufwachen.

 

A n n a

Sollen die Träume auch noch vernünftig sein? Schau, Mutter, ich fühl’ mich so verlassen oft.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

(setzt sich zu ihr, tadelnd)

Und du hast doch den besten Mann von der Welt.

 

A n n a

(steht auf, geht zum Fenster)

’s ist wahr.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Ist’s wahr mit Seufzen, so ist’s Lüge.

 

A n n a

Weiß wirklich nicht, wie mir zumut ist ...

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Hör’ zu, Anna. Du solltest dich weniger mit dem Leutnant Schlözer abgeben. Ein paar Monate seid ihr erst verheiratet, und, – es schickt sich eben nicht. Lang muß sich auch kränken.

 

A n n a

(bitter)

Karl Heinrich? Oh nein, Mutter. Oh nein. Der kränkt sich nicht. Darüber nicht.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Warum nicht d a rüber? Etwa weil er nicht darüber spricht?

 

A n n a

Wüßt ich’s nur! Das ist’s ja, was mich quält. Er denkt nur an die Verwaltung. Nur seine Eingaben und Verbesserungen hat er im Kopf.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

(lacht)

Bist eifersüchtig auf die Verwaltung? Damit mußt du dich abfinden. Ein Mann gehört seinem Beruf.

 

A n n a

(mit niedergeschlagenen Augen)

So bin ich betrogen worden, Mutter. Man hat mir’s anders eingeredet.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Als dein Vater auf dem Totenbett lag, sagte er zu mir: Schau, Rieke, du hast ja graue Haare an den Schläfen. Da hab ich ihm antworten müssen: Dummer Mann, die grauen Haare hab ich schon seit sechs Jahren. Glaubst du, wir haben uns deshalb minder lieb gehabt?

 

A n n a

Ach, – Liebe! Das ist viel, oder ’s ist wenig, je nachdem! Wie kann ich wissen, ob sie m i r gilt, (mit beiden Händen an der Brust) ob’s

m e i n e Liebe ist, die erwidert wird, ganz genau meine?

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Warum soll es denn, um Gottes willen, ganz genau die deine

sein? Wir Menschen sind doch aus verschiedenem Teig.

 

A n n a

Ist sie ihm mehr wert als das Amt? Was Größeres als die Geschäfte? Was anderes als eine Stunde zum Vergessen? Ich will wissen, ob sie mir gilt, mir ganz allein und ganz so wie ich bin.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Kind, spiel du nicht mit Worten, denn das heißt so viel wie zum Teufel beten. (Sie steht auf.)

 

A n n a

Was sind mir seine Geschenke, wenn ich das nicht weiß? Er ist so verschlossen; so viel fremdes Leben bringt er mit. Seine Augen sind fremd. Sein Gesicht ist fremd. Mir ist als hätt ich sein wirkliches Gesicht noch kaum gesehen; als ob er gar nicht leiden könnte um was. Immer möcht ich grübeln, wenn er mit mir redet; indes sein Wort weiter geht, bin ich noch beim ersten und frag mich: wo bist du, Karl Heinrich? Ich find ihn nicht. Muß ich ihm nicht auch fremd sein? Wie wird er mich nehmen, wenn mein Fremdestes zu seinem Herzen will?

 

F r a u v o n H ä n l e i n

(bekümmert)

Das kommt mir alles wie Sünde vor. Auch versteh ich’s nicht. Ich bin schon froh, wenn mich die Sonne bescheint.

 

B ä r b e l

(von rechts)

A Herr is da un will unsern Herrn sprech’n.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Unser Herr ist ausgegangen.

B ä r b e l

Der Herr will auf unsern Herrn wart’n.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Was ist’s denn für ein Herr?

 

B ä r b e l

Birnkoch haaßt ’r.

 

R e c h n u n g s r a t B i r n k o c h

(unter die Türe tretend; ein dicker, kleiner, geschniegelter junger Mann mit Glatzkopf

und einem eiertanzähnlichen Gang)

Excusez, mes dames –

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Der Herr Rechnungsrat! Bitte nur einzutreten, Herr Rechnungsrat.

 

B i r n k o c h

Ist nicht meine Absicht, die Damen zu troublieren. Bonjour, mesdames. Frau Domänenrätin, meine Reverenz. Wie befindet sich dero beneidenswerter Gatte?

 

F r a u v o n H ä n l e i n

(hastig, um Annas zerstreutes Schweigen zu verdecken)

Mein Schwiegersohn ist zur Inspektion des Waisenhauses, Herr Rechnungsrat. Müssen Sie ihn dringend sprechen, so schick ich hinüber.

 

B i r n k o c h

Inspektion in aller Frühe? Ein rühriger Beamter, der Domänenrat Lang, un caractère de fer. Wollen Sie hinüber schicken? Ich bitte, nein. Allerdings habe ich ein Anliegen, will sagen einen Auftrag von Seiner Exzellenz, dem Minister Haugwitz, der die Gnade hatte, mit mir in Berlin zu konferieren ...

F r a u v o n H ä n l e i n

Nun, wenn es von Wichtigkeit ist, Herr Rechnungsrat ... (Will zur Tür.)

 

B i r n k o c h

Bitte nein, Madame. Muß wohl von einiger importance sein, da man mich damit beauftragt hat. Aber, bitte nein. Das Vergnügen, Ihnen Gesellschaft leisten zu dürfen ... Es handelt sich um die fatale Affäre ... une chose ridicule, au fond ... mit dem Turm von ... von ... quel nom abominable ...

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Mit dem eingestürzten Stadtturm vielleicht –?

 

B i r n k o c h

Ganz richtig, Madame; mit dem eingestürzten Stadtturm. In ... in ...

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Frommetsfelden.

 

B i r n k o c h

Milles mercis, madame Mon Dieu, . Frommetsfelden. was für seltsame ... Bezeichnungen in Deutschland die Dörfer haben!

 

A n n a

(die am Fenster gesessen ist, hat erstaunt aufgehorcht)

Wie, Mutter, – in Frommetsfelden ist der Turm eingestürzt?

 

B i r n k o c h

Ganz wie Sie sagen, Frau Domänenrätin. Von oben bis unten eingestürzt.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

(verschüchtert durch Annas erschrockene Miene)

War ja ein altes, baufälliges Gerümpel, der Turm.

 

B i r n k o c h

C’est ça. Uralt. Und baufällig, jawohl. Baufällig. Unbedingt baufällig. Deshalb ist er ja eben eingestürzt.

 

A n n a

Wann ist denn das geschehen?

 

B i r n k o c h

Nun ... es mögen drei bis vier Wochen sein. Eher vier. Jawohl. Vier bis fünf Wochen, jawohl.

 

A n n a

Davon hat mir Karl Heinrich kein Wort gesagt ...

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Daß dich das sonderlich interessiert, hat er nicht denken können.

 

B i r n k o c h

So wissen Sie auch nicht, daß der Herr Domänenrat sich weigert, mit allen Gründen seiner Amtsgewalt sich weigert, den Turm wieder aufbauen zu lassen?

 

A n n a

Er will ihn nicht wieder aufbauen lassen?

 

B i r n k o c h

Une marotte! une marotte inexplicable! Er weigert sich. Die Regierung selbst unterstützt das Verlangen der Bauern. Und er weigert sich. C’est son entêtement.

 

A n n a

Aus welchem Grund will er denn den Turm nicht bauen lassen?

 

B i r n k o c h

Parole d’honneur, ich weiß ihn nicht, den Grund. Und wüßt ich ihn, so könnt ich ihn keinesfalls approuvieren. Aber ich bin erfreut, Madame, daß Sie an der Sache solchen Anteil nehmen. Da kann man ja auf Ihre Unterstützung rechnen ...

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Meine Tochter nämlich, Herr Rechnungsrat, hat ihre ganze Jugend dort in Frommetsfelden zugebracht. Sie hat bei ihrem Oheim auf dem Gut gelebt, während ich mit meinem Mann in der Welt herumgezogen bin.

 

B i r n k o c h

Verstehe ...

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Da ist ihr natürlich jeder Baum und jeder Stein ans Herz gewachsen.

 

B i r n k o c h

Verstehe. Die Erinnerung. Le souvenir. Verstehe. (Zitiert mit preziösem Tonfall.)

Erinnerung taucht ihren Farbenpinsel

Ins wunde Herz und übermalt den Gram.

Sie fleucht mit dir auf eine Zauberinsel,

Wenn das Geschick dir Mut und Freude nahm.

Verstehe.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Reizend, Herr Rechnungsrat. Haben Sie das selbst gedichtet?

 

B i r n k o c h

Nicht ganz. Nicht ganz. Hab’s mir aus einer anthologie kopieren lassen.

(Es klopft, ein kleines Mädchen tritt verschämt ein. Sie trägt einen Fliederstrauß in der Hand, blickt von einem zum andern, eilt jäh auf Anna zu und überreicht ihr den Strauß mit einem Knix.)

 

B i r n k o c h

Sieh da, sieh da! Flieder schon, im März?

 

A n n a

(erhebt sich; tief errötend)

Von wem ist denn der Flieder, Kind? (Schnell, ehe das Mädchen antworten kann.) Ist schon gut. Ich laß mich recht sehr bedanken. Da hast was für den Zuckerbäcker. (Gibt ihr ein Geldstück; das Mädchen geht.)

 

F r a u v o n H ä n l e i n

(leise mahnend)

Anna!

 

B i r n k o c h

Befinde ich mich in einem erreur, wenn ich annehme, daß Sie den Spender kennen, Frau Domänenrätin?

 

A n n a

(für sich)

Herrlich! Herrlich! (Steckt das ganze Gesicht in den Strauß und atmet mit Inbrunst; flüsternd.) Mein Traum!...

 

F r a u v o n H ä n l e i n

(am Fenster)

Da kommt der Domänenrat! (Sie winkt hinunter.)

 

A n n a

(stellt die Blumen in eine Vase vor die Spiegelkonsole, betrachtet entzückt die

Wirkung).

F r a u v o n H ä n l e i n

Weshalb stellst du denn den Strauß vor’n Spiegel, Anna?

 

A n n a

(ohne sich umzuwenden, lächelnd)

Dann sieht es aus, als ob ich zwei Sträuße hätte.

 

B i r n k o c h

C’est drôle! c’est ravissant!

 

R i t t e r v o n L a n g

(tritt ein. Er ist ein mittelgroßer, stämmiger Mann mit einer starken, energischen Stimme; sein Gesicht ist der Mode der Zeit gemäß bartlos, sein Wesen hat ein kühnes Selbstbewußtsein wie das eines Menschen, der seinen Wert genau kennt und sich außerdem mit Absicht von andern Beamten, ihrem Servilismus nach oben, ihrer Brutalität nach unten, unterscheiden will)

Guten Morgen, Herr Birnkoch; hab’ gestern schon gehört, daß Sie wieder in Ansbach sind. – Bist schon so frühzeitig munter, Anna? (Küßt sie auf die Stirn.) – Woher ist denn der frische Flieder da?

 

A n n a

Daß du’s gleich gesehen hast! (Nimmt seine Hand und sieht ihn hell an.) Er hat’s gleich gesehen, Mutter.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Werden vom Hofgärtner aus dem Treibhaus sein ... (Raunt Lang in die Ohren.) Nennen Sie ihn doch nicht Birnkoch, lieber Lang! Wollen Sie ihn auf Lebenszeit zum Feind haben?

 

L a n g

(lacht kurz, dann sehr höflich)

Warten Sie schon lang, Herr Rechnungsrat? Was gibt’s? Soll ich die Frauenzimmer fortschicken?

 

B i r n k o c h

Beileibe, Herr Domänenrat, beileibe nicht. Die Damen und ich, wir haben uns über den Gegenstand schon ausgesprochen und sind ganz d’accord. Denn Sie müssen nachgeben in der Affäre mit dem närrischen Turm.

 

L a n g

Potz Knackwurst, lieber Birnkoch –

 

B i r n k o c h

(indigniert und weinerlich)

Aber hochgeschätzter Herr Domänenrat, warum wollen Sie mir nicht meinen sauer verdienten Titul zubilligen?

 

L a n g

Schön, Herr Rechnungsrat. Ich sage nur, wenn Sie einen ganzen Harem von Weibspersonen um mich aufstellen, der Lang gibt nicht nach. In d e r Sache nicht.

 

B i r n k o c h

Es ist der entschiedene Wunsch Seiner Exzellenz, des Ministers Haugwitz –

 

L a n g

Vor allem steht es so, daß ich, in meinem Ressort, Befehle nur vom Fürsten Hardenberg empfange. Es ist mir ja bekannt geworden, daß der Fürst, der mir freundlich gesinnt ist, durch allerlei Kabalen aus seinem Amt gedrängt werden soll, aber eine offizielle Mitteilung habe ich darüber nicht erhalten.

 

B i r n k o c h

Seine Exzellenz, der Minister Haugwitz hat über den Fall eine Note abfertigen lassen – (zieht sein Portefeuille.)

 

L a n g

Ihr könnt Noten schmieren, so viel ihr wollt. Das lebendige

Bedürfnis spricht anders.

 

B i r n k o c h

(bestürzt)

Mon dieu! Sie anerkennen also keine höhere Instanz?

 

L a n g

Instanz? Zu deutsch: Schleichweg. Der Minister Haugwitz ist von Kreaturen umgeben, die ihren Vorteil suchen.

 

B i r n k o c h

Eine solche Verdächtigung muß ich mit aller zukömmlichen Entschiedenheit repoussieren.

 

A n n a

(zwischen beide tretend, sehr sanft)

Warum soll denn der Turm nicht wieder aufgebaut werden, Karl Heinrich?

 

L a n g

(barsch)

Misch du dich nicht in die Affären, Kind.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

(nimmt sie am Arm, leise)

Er hat recht. Er muß wissen, was er tut.

 

L a n g

Ist dem Minister auch wahrheitsgemäß angegeben worden, was der Wiederaufbau des Turmes kostet?

 

B i r n k o c h

(in seinen Papieren blätternd)

Der Baurat Österlein hat vierhundert Gulden in Voranschlag

gebracht.

 

L a n g

Dann ist der Baurat Österlein ein ganz gemeiner Schwindler, der einen Auftrag will und eine Versprechung leistet, die er nicht halten kann. Das sag ich ihm auf den Kopf zu.

 

B i r n k o c h

Sie erschrecken mich, Herr Domänenrat –

 

L a n g

Das Vierfache reicht nicht hin. Aus meinen genauen Berechnungen geht hervor, daß bei aller Sparsamkeit achtzehnhundert bis zweitausend Gulden nötig sind.

 

B i r n k o c h

Eh bien, wenn die Bauern dafür aufkommen wollen und die Regierung einen Beitrag gibt –?

 

L a n g

Die Bauern, die sich ohnehin unterm Steuerdruck winden? Und die Regierung, die kann das teure Geld förderlicher verwenden.

 

B i r n k o c h

(spitz und kalt)

Inwiefern förderlicher, wenn ich bitten darf?

 

L a n g

Herr, in Frommetsfelden ist keine Schule!

 

B i r n k o c h

(heuchlerisch bekümmert)

Ei, ei, ei ...

L a n g

Bei Regen, bei Frost, im tiefsten Schnee müssen die Kinder zwei Stunden laufen, um in die nächste Schule zu gelangen. Die Folge? Weitaus die meisten Eltern behalten ihre Sprößlinge zu Haus und erziehen dem Staat Analphabeten. Ich will Ihnen eine Schule bauen für das Geld, das der Turm kosten würde.

 

B i r n k o c h

Unter uns, – finden Sie denn diese sogenannte Bildung wirklich so notwendig für das Volk? Durch jeden Bauern, der lesen und schreiben kann, wird uns das Regieren schwerer gemacht.

 

L a n g

Meine Ambition ist nicht, den Herrschaften das Regieren zu erleichtern. Was ihr gern seht, das ist eine möglichst große Armee von Nullen. Und jede Null soll zugleich ein Geldsack sein, ein Ding jedenfalls ohne Kopf und ohne Füße, und wenn ihr diese ganze Nullenkarawane gemächlich vor euch hinrollt, das nennt ihr dann regieren.

 

B i r n k o c h

(entsetzt)

Mais, monsieur! Ce sont des idées revolutionaires!

 

L a n g

Das ist meine Ansicht.

 

B i r n k o c h

(dem nicht mehr ganz geheuer ist)

Aber ... ich meine ... wenn wo ein Turm einstürzt ... wenn überhaupt wo was einstürzt, muß man’s doch wieder aufbauen.

 

L a n g

Ich bin dafür, daß man Ruinen wegräumt und nicht neue schafft.

B i r n k o c h

(rafft sich auf; würdevoll)

Sohin ist meine Mission beendet. Ich werde nicht ermangeln, höheren Orts Bericht zu erstatten.

 

L a n g

Das bleibt Ihnen unbenommen.

 

B i r n k o c h

Ich habe in der leidigen Angelegenheit um elf Uhr noch eine conférence mit dem Herrn Präsidenten von Schuckmann –

 

L a n g

Weiß schon. Der Präsident hat mich dazu gebeten. Man zwickt und zwackt mich von allen Seiten. In einer halben Stunde komm’ ich hinüber. Habe vorher noch ein Referat zu erledigen. (Verbirgt mühsam seinen Ärger und begibt sich, nach einem kurzen Kompliment, unhöflicherweise sogleich an seinen Schreibtisch.)

 

B i r n k o c h

Mesdames, meine ehrerbietigste Empfehlung.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

(macht bedauernde Gesten, um Lang zu entschuldigen, und begleitet Birnkoch. Ehe

noch die Tür ganz geschlossen ist, hört man von draußen)

 

B i r n k o c h s S t i m m e

Seien Sie versichert, Madame, daran ist der Bonaparte schuld. Der Bonaparte sitzt ihm im Nacken. Schade, jammerschade ...

 

L a n g

(horcht auf, lacht vor sich hin, während er schreibt)

Der Bonaparte muß allen Faulenzern den Wauwau machen. (Schreibt.) Aber sein Französisch reden sie. (Schreibt.) Und miserabel noch dazu.

A n n a

(hat sich vorsichtig genähert und schaut Lang über die Schulter. Sie schüttelt den Kopf, als ob sie sagen wollte: er spürt mich nicht. Endlich legt sie ihm die Hände auf die Schultern).

 

L a n g

Was gibt’s denn, Anna? (Schreibt weiter.)

 

A n n a

Hast du nicht ein Minütchen Zeit für mich?

 

L a n g

(ein bißchen ungeduldig)

Sag nur, was du willst. Ich bin ja beschäftigt, wie du siehst.

 

A n n a

(schweigt, entfernt sich seufzend).

 

L a n g

(schreibt)

Na sag’s nur, aber geschwind.

 

A n n a

Manche Dinge kann man nicht geschwind sagen.

 

L a n g

Dann sind’s gewiß überflüssige Dinge.

 

A n n a

(nähert sich von neuem, neigt sich über ihn; mit einem Versuch zur Koketterie)

Weißt, von wem ich den Flieder hab’?

 

L a n g

(stockt; kleine Pause, scheinbar gleichgültig)

Von wem ... vom Leutnant Schlözer natürlich.

 

A n n a

Falsch geraten. Nein, richtig geraten. Ist’s nicht nett von ihm? Er weiß, daß mich Blumen ganz toll machen vor Freude. (Naiv.) Aber das blaue Seidenkleid, das du mir vom Baron Imhoff aus Paris hast bringen lassen, ist wunderschön.

 

L a n g

(schreibt wieder)

Sollst es tragen, wenn der Fürst kommt.

 

A n n a

Das dauert bis zum Herbst.

 

L a n g

Bis dahin wird’s nicht altmodisch.

 

A n n a

Ob ich aber dann noch lebe ...

 

L a n g

(kehrt sich rasch um)

Anna!

 

A n n a

Flieder, der verwelkt von heut auf morgen. Der ist für den Augenblick. So ein Kleid, das soll täuschen über den Augenblick.

 

L a n g

Du quälst dich mit Hirngespinsten und mich nicht minder.

 

A n n a

Hirngespinste? Das Hirn spinnt, was das Herz bewegt.

 

L a n g

(steht auf)

Du darfst mir nicht den Boden unter den Füßen wegziehen, Anneli. Gegen Menschen kann ich streiten, gegen Schatten nicht.

 

A n n a

(verzagt, sieht ihn groß an)

Mir ist so bang.

 

L a n g

Weshalb denn, Anna?

 

A n n a

Um dich, um mich, um uns beide ist mir bang. Ich seh dich oft gar nicht. Du bist so fern, auch jetzt, wo du vor mir stehst. Und ich weiß, du siehst mich auch nicht. Mir ist, als ob wir zwei Blinde wären, die vergeblich mit den Händen nacheinander greifen. Du bist so tüchtig, so fest, so klug, aber es ist was in dir, was mich schreckt. Ganz, ganz nahe möcht ich oft zu dir und kann nicht, wie wenn einem das eigene Haus zugesperrt wär’.

 

L a n g

(kopfschüttelnd, doch heimlich erleichtert)

Schau, schau, was für eine kleine Schwärmerin du bist!

 

A n n a

(verletzt)

Nein, Karl Heinrich, wirf’s nicht mit einem Wort von dir. Bist doch sonst ein Feind von denen, die sich’s bequem machen. Mich sollst du dir auch nicht bequem machen.

 

L a n g

(ablehnend)

Ich versteh dich nicht, Kind. Mir ist das alles Spiel, was du vorbringst. Zum Spielen ist mir der Tag zu wert. (Will sich wieder zur Arbeit setzen.)

 

A n n a

(schmiegt sich an ihn, mit einem jähen Entschluß, bittend)

Schenk mir den Turm, Karl Heinrich!

 

L a n g

(verwundert)

Den Turm? Was für einen Turm?

 

A n n a

Den Turm in Frommetsfelden.

 

L a n g

Was soll das heißen? – Der Turm ist ja eingestürzt.

 

A n n a

(leidenschaftlich schmeichelnd)

So bau ihn wieder auf! Bau ihn! Für mich!

 

L a n g

(ruhig)

Solchen Unsinn kannst du von mir im Ernst nicht verlangen.

 

A n n a

(beteuernd)

Im tiefen, heiligen Ernst. Ist kein Unsinn, Karl Heinrich; ist ein Wunsch, nur ein Wunsch.

 

L a n g

Den ich unmöglich erfüllen kann; oder ich würde mich zum Windbeutel machen. Denk doch nach –

A n n a

Denk ich nach, kann ich den Wunsch nicht mehr so spüren.

 

L a n g

Nun also!

 

A n n a

Wünschen ist stärker als denken. Du nennst’s vielleicht eine Laune.

 

L a n g

Eine üble noch dazu.

 

A n n a

(ruhiger)

Schau, der Turm war mir immer was Ehrwürdiges, das zum Himmel lockt. So stolz und wacker ist er gestanden, so fest und alt ins Firmament hineingegossen, und so unvergänglich, weißt du, als stünd’ er von Anbeginn der Welt bis zum Ende. Wenn ich als Kind nachts vom Schlaf erwacht bin, hab ich die Glocke gehört; dumpf und schwer und mächtig langsam und so wohllautend wie des Herrgotts Stimme selber. Wie Zeit und Ewigkeit hat’s da zusammengeklungen, zwischen Schlag und Schlag war ein ganzes Leben, gute Träume, böse Träume, und die Nacht ist so groß geworden, und der Tag so fern ... Aber wär’s nur darum, so wär’s am Ende wirklich Laune. Darum ist’s aber nicht.

 

L a n g

So erklär dich deutlicher.

 

A n n a

Ach, daß du’s nicht begreifst, daß du’s nicht ahndest!

 

L a n g

Und daß auch d u mir’s noch schwer machst, Anna, auch du! Bin ich denn nicht wie der böse Feind dahier geachtet? Jede Handlung, die dem gemeinen Wesen zugute kommen soll, braucht zwanzig Schreibereien. Wohin du blickst, die ärgsten Mißbräuche, Zehrungen und Unterschleife. Was an Steuern dem armen Volk erpreßt wird, geht für die Zeche der Herren auf. Meinst du, ich könnte nicht gleichfalls so ein Diätenfresser sein? Und sparte mir die Galle dabei. Was für Zustände, Anna! Davon hast du ja keinen Begriff! Im Alumneninstitut des Gymnasiums lauter feuchte, ungeheizte Stuben, wo die schamlos vernachlässigten Schüler öffentlichen und heimlichen Sünden frönen. Dabei muß man alljährlich das Geld aufborgen, um nur den Kostwirt bezahlen zu können. Im Waisenhaus sind den Kindern vor lauter Krätze und englischer Krankheit Hände und Füße gebogen und die Köpfe aufgeschwollen. In der elenden Baracke, genannt Seelhaus und Lazarett, liegen scheußliche Gestalten halbnackt auf muffigem Stroh. Fragt man: wo ist das Geld? Es ist nicht da. Es ist aber doch dafür bestimmt worden –? Ja, es ist aber nicht da. Keiner hält stand, keinen kannst du beim Schlafittich packen; alle, die davon fett werden, daß nichts geschieht, spritzen dir ihr Gift ins Gesicht, bei jeder nützlichen Anordnung setzen sich die Magistrate selbst entgegen; hinter denen stecken wieder die Verwalter, die Advokaten, die Gutsbesitzer, die Latifundienräuber, die Bevollmächtigten der Regierung, und so geschieht’s, daß ich im ganzen Land als unbarmherziger Mann verschrien bin, und daß man mich durch Appelle und Eingaben und Rekurse und Beschwerden und Ränke und Quertreibereien ermüden und zurückhalten will. Und nun kommst du auch noch und nagst an mir.

 

A n n a

Ich seh’s wohl ein; Grund und Recht sind auf deiner Seite, und als gute Frau dürft ich nicht zuwiderstimmen. Mein Grund ist unaussprechlich und liegt vielleicht nur in meinen Augen; nur in meinem Blick, wenn er deinem begegnet. Sieh mich an, Karl Heinrich! Ist’s Lüge, dann ist alles Lüge, was mich zu dir treibt. Denk, es ist ein Gebet. Oder denk, es ist eine Krankheit in dir, die du selber nicht kennst, und du mußt sie durch einen bittern

Trunk heilen.

 

L a n g

Ich kann dir nicht helfen, Anna. Der Frommetsfelder Turm darf mir nicht gebaut werden, so lang ich hier im Amt bin.

 

A n n a

(wendet sich weg, läßt die Arme schlaff fallen und den Kopf tief sinken).

 

L a n g

Ist mir leid um dich, Anneli, denn in deinem Begehren ist was, das mir wie freventlicher Übermut erscheint. Zart bist du beschaffen, aber es ist was Verwegenes in dir, und wollt ich mich dem fügen, so wär’ ich geliefert für alle Zeit. Ihr Weiber habt oft so eine spindeldürre Phantastik in euerm Kopf; wenn man sich davon einfangen läßt, geht’s einem wie Simson, dem Propheten.

 

A n n a

(geht langsam gegen die Türe links, zögert noch vor der Schwelle, dann ab).

 

L a n g

(wandert unruhig hin und her)

Ist ein feines Geschöpflein, und kann sich nicht abfinden mit ihrem begehrlichen Gemüt. Nährst du’s, frißt’s dich auf. Mußt es ziehen lassen, als ob’s ne Wolke wär’. Die eine Wolke könnt ich ja vertragen, wird nicht gleich Blitz und Donnerwetter geben. Eheweisheit ist ein ander Ding denn Amtsweisheit. (Schaut auf die Uhr.) Die Zeit ist mir schon wieder davongelaufen. (Wie er zur Tür will, klopft es.) Herein!

 

L e u t n a n t A m a n d u s S c h l ö z e r

(tritt von rechts an. Er ist einundzwanzig Jahre alt, sehr schlank, mit einem gut markierten, charaktervollen Gesicht und Augen, in denen sich der Romantiker verrät. Sein Betragen schwankt zwischen Schüchternheit und soldatischer Offenheit und Kürze. Er trägt die preußische Infanterieuniform)

Verzeihung, Herr Domänenrat, wenn ich Sie störe – (Verbeugt sich,

grüßt militärisch.)

 

L a n g

(flüchtig)

Guten Morgen, Herr Leutnant. Ich weiß nicht, ob meine Frau Sie empfangen kann ...

 

S c h l ö z e r

Ich möchte, Herr Domänenrat, wenn ich Sie nicht von dringenden Geschäften zurückhalte, ein paar Worte mit Ihnen allein –

 

L a n g

(stirnrunzelnd)

Ich habe allerdings ... ich werde beim Präsidenten erwartet ... Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Leutnant? Wollen Sie Platz nehmen?

 

S c h l ö z e r

Merci. (Bleibt stehen.) Ich wollte Ihnen nur sagen, Herr Domänenrat ... es ist etwas in mir, was mich zwingt, Ihnen diese Mitteilung zu machen, ... daß ich abzureisen genötigt bin.

 

L a n g

(leichthin, jedoch etwas aufmerksamer)

Wirklich, Herr Leutnant? Sind es Gründe privater Natur, die einen so raschen Entschluß hervorgerufen haben?

 

S c h l ö z e r

(gepreßt)

Ja. Gründe von der dringendsten Beschaffenheit. Mein Urlaubsgesuch ist bereits bewilligt. Die Postpferde sind bestellt.

 

L a n g

(konventionell)

Es tut mir leid, Herr Leutnant. Wir hatten gehofft, Sie länger hier halten zu können. Freilich, – die Provinz.

 

S c h l ö z e r

(mit festem Blick)

Dies ist es nicht, Herr Domänenrat. Es ist schwer zu sagen ... doch kam ich deshalb her ... und so sei es gesagt: Herr Domänenrat, ich liebe Ihre Frau.

 

L a n g

(sieht ihn schweigend an; dann mit starker Überwindung)

Das nennt man ohne Umstände deutlich sein. (Kalt.) Ich beklage diese Fatalität, Herr Leutnant, doch überschätzen Sie vielleicht ihre Tragweite für mich, – wenn Sie d e s wegen Postpferde bestellt haben.

 

S c h l ö z e r

(ohne sich zu regen)

Würden Sie mir eine solche Antwort auch geben, wenn Ihre Frau meine Abreise nicht ganz so teilnahmslos betrachten würde?

 

L a n g

(brüsk)

Herr Leutnant, meine Frau ist über jede Insinuation erhaben.

 

S c h l ö z e r

(verbeugt sich)

Ich weiß es.

 

L a n g

Warum gleich Postpferde bestellen, Herr Leutnant? Und wenn Postpferde bestellt sind, warum sie zur Parade tanzen lassen? Soll ich das Almosen einer Entsagung mit Dank quittieren? Soll ich bewundern, wo ich kaum bedauern kann? (Ernst und mit

Bedeutung.) Der ehrt sich selbst und seine Freunde, der durch Schweigen unerfüllbare Wünsche beschwichtigt.

 

S c h l ö z e r

Ich glaubte Ihnen, in dessen Haus ich Gastfreundschaft genossen habe, eine Erklärung schuldig zu sein.

 

L a n g

Sie verpflichtet mich zu keinem Dank. Wenn Sie für sich fürchten, Herr Leutnant, Sie für Ihre Person und Ihre Ehre sage ich, dann nehmen Sie Postpferde.

 

S c h l ö z e r

(mit zu Boden gekehrtem Blick)

Ich reise, Herr Domänenrat.

 

L a n g

So wünsch ich glückliche Fahrt. – Vermutlich werden Sie sich von meiner Frau verabschieden wollen. (Auf eine Bewegung Schlözers.) Bitte, Herr Leutnant, meine Frau wäre gewiß verletzt, wenn Sie ohne Gruß von ihr scheiden würden. Ich werde draußen sagen lassen, daß Sie hier warten. Ich selbst muß Sie leider verlassen. (Mit stummem Gruß nach rechts ab.)

 

S c h l ö z e r

(blickt düster vor sich hin. Er gewahrt den Fliederstrauß, eilt hin, nimmt ihn in die Hand und drückt seine Lippen in die Blumen. Dann läßt er das Bukett fallen, wie von einem hoffnungslosen Gedanken erstarrt)

Er schickt sie zu mir! Kein Zweifel ist in ihm, kein Zweifel!

 

A n n a

(von links)

Guten Morgen, Amandus. War nicht Lang eben hier?

 

S c h l ö z e r

(zu ihr, küßt ihr die Hand)

Teure Anna, wie blaß Sie heute aussehen ...

 

A n n a

(abweisend)

Dies Betragen lieb ich nicht an Ihnen, Amandus. Sie wissen es. Mein Mann ist fortgegangen?

 

S c h l ö z e r

Er sagte, er wolle Ihnen Nachricht geben, daß ich warte.

 

A n n a

(mit verlorenem Blick)

Und ist fortgegangen. (Rafft sich zusammen.) Ich habe Sie doch gebeten, Amandus, daß Sie am Vormittag nicht kommen möchten. (Sie setzt sich, Schlözer nimmt ihr gegenüber Platz.)

 

S c h l ö z e r

Es ist das letzte Mal, Anna. Ich kann den Gedanken, daß Sie in meiner Nähe weilen, nicht länger ertragen. Ich kann nicht länger in den Nächten liegen und mit lebendig-offenen Augen träumen, was mir das Herz verbrennt. Ich kann’s nicht länger, und ich komme nun, um Ihnen Lebewohl zu sagen.

 

A n n a

(versonnen)

Ich hatt’ es erwartet. Sie reisen also. Und wohin reisen Sie?

 

S c h l ö z e r

Die Erde dreht sich, und ich fühle mich so schwunglos; heruntergestürzt und in den Boden gewühlt wie in ein Grab. – Wohin ich reise? Es gibt bald Krieg, Anna. Wenn mein König keine Verwendung für mich hat, wird Bonaparte wissen, wie ein Mann zu brauchen ist, dem das Leben nichts mehr gilt.

 

A n n a

(aufschreckend)

Haben Sie mit Lang gesprochen?

 

S c h l ö z e r

War es mein Schmerz oder war es das Bedürfnis, daß es zwischen mir und ihm zum Ausgleich kommt; daß er es wissen möge, daß er Sie hüten möge, Anna, wie das kostbarste Kleinod der Welt, – ich weiß nicht mehr warum, nennen Sie es eine Verfinsterung meines Herzens, – ich habe ihm gesagt, wie es um mich beschaffen ist und weshalb ich gehe.

 

A n n a

(grüblerisch)

Das haben Sie ihm gesagt? Wie seltsam! Und er?

 

S c h l ö z e r

Er! Er war kalt und überlegen.

 

A n n a

(wie oben)

Und er sagte, er wolle mir Nachricht geben lassen, daß Sie warten. Wie seltsam ...

 

S c h l ö z e r

Als ob keine Faser in Ihnen wäre, die ohne seinen Willen sich regte.

 

A n n a

(wie oben)

Vielleicht vertraut er mir so.

 

S c h l ö z e r

Und dies Vertrauen sollte Sie nicht ein wenig kränken, teure Anna? Ist denn Liebe etwas so Unzweifelbares, daß sie einmal beschworen, jedem Feuer stand hält? Ist denn das noch Liebe,

die so ruhig, so stumm, so satt werden darf?

 

A n n a

Wie würden Sie gehandelt haben, Amandus, wenn ein Mann Ihnen ein solches Geständnis gemacht hätte?

 

S c h l ö z e r

Wie ich gehandelt hätte, weiß ich nicht. Vielleicht hätte ich den Mann erdolcht. Vielleicht hätte ich ihn in die Arme geschlossen. Wer aber darf so übermenschlich sich gebärden, daß er nichts wissen will von den Gewalten, die seiner Sicherheit ein Ziel setzen könnten? Ach, Anna, wenn! – wenn! Ich würde hinschmelzen unter jedem Blick und jedem Lächeln.

 

A n n a

(kopfschüttelnd)

Nein, Amandus, das Hinschmelzen, das ist das Wichtige nicht. Wichtig ist, daß man nie einander vergißt. Daß man immer geborgen ist im andern, daß er die Gedanken hält und kennt, daß er die Wünsche weiß und jeden recht versteht, denn es ist eine Qual, zu reden, wenn man wünscht. Daß man nicht ein Opfer wird von einer Stunde, wo aufs Ungefähr das Blut stürmt und man dann zur schalen Erinnerung wird in den Geschäften des Lebens. Da wird alles kalt in einem.

 

S c h l ö z e r

Alles ist fremd ohne Zärtlichkeit, fremd und zufällig.

 

A n n a

Ja, Zärtlichkeit, das ist es. Ohne Zärtlichkeit wird Liebe sündhaft. Zärtlichkeit ist wie ein treuer Hund am Herd, der nie den Herrn verkennt.

 

S c h l ö z e r

Ich weiß es seit langem, Anna, daß Sie nicht glücklich sind.

A n n a

Glücklich! Ich bin noch vor dem Glück vielleicht und hab Angst, daß es vorübergeht, ohne daß ich weiß, was es ist. Ich möcht’ es ausgraben wo und kenn’ den Ort nicht, wo es liegt. – Wenn Sie mein Mann wären, Amandus, und Lang käm’ ins Haus, so wie Sie kommen, und Sie würden dazu schweigen und ich wüßte nicht, schweigen Sie aus Großmut oder aus Nachlässigkeit, die Unruh’ würde mir das Herz abdrücken. Und schwiegen Sie aus Nachlässigkeit, und ich wüßt’ es, so wär alles vorbei. Aber auch wenn Sie eifersüchtig wären und es zeigten, wär alles vorbei, denn ist ein Mann eifersüchtig, so achtet er sich selbst nicht oder die Frau nicht. – Wir müssen uns jetzt trennen, Amandus. (Sie steht auf.)

 

S c h l ö z e r

(zu ihr)

So gilt’s denn. Es wird Nacht in meinem Leben.

 

A n n a

(verloren und wie zu sich selbst; schmerzlich)

Der Turm, Amandus, wird nicht gebaut. Mein Turm wird nicht gebaut.

 

S c h l ö z e r

Der Turm –?

 

A n n a

Ach, wundern Sie sich nicht. Ich schwatze wohl zu viel. – Zu welcher Stunde wollen Sie denn fort?

 

S c h l ö z e r

Zwischen zwölf und ein Uhr denk’ ich.

 

A n n a

Und wohin?

S c h l ö z e r

Gen Würzburg geht die Fahrt.

 

A n n a

(wie aus einem Traum)

Wenn ich mitginge ... wenn ich mitginge ...

 

S c h l ö z e r

(leidenschaftlich, packt ihre Hände)

Anna! –

 

A n n a

(lächelnd und verstört)

Tu’ ich den Schleier ums Gesicht, erkennt mich niemand ...

 

S c h l ö z e r

(außer sich)

Ich lass’ den Wagen beim Mauthaus auf der Chaussee warten. Ich laß ihn bis zum Abend warten, wenn Sie wollen!

 

A n n a

(leise)

Wie er’s tragen wird? Ob’s ihn wandeln wird ... (Schlözer mit der Linken von sich abhaltend.) Ja, warten Sie, Amandus. Beim Mauthaus zwischen zwölf und eins. Nur dies noch, – Sie sind mein Ritter. Nicht fragen werden Sie, mich nicht bedrängen ... (Hastig.) Nein, nein, nicht reden jetzt. Beim Mauthaus zwischen zwölf und eins ... Geh ich den Feldweg, sieht mich niemand. Gehen Sie, Amandus. Nichts reden! (Sie legt den Finger auf den Mund.)

 

S c h l ö z e r

(geht wie ein Schlafwandler mit zurückgekehrtem Gesicht zur Tür).

 

A n n a

Nichts reden ...

S c h l ö z e r

(mit einer trunkenen Bewegung ab. Während die Tür offen ist, hört man vom Flur die Stimmen der Bauern).

 

A n n a

(steht entgeistert mit geschlossenen Augen).

 

F r a u v o n H ä n l e i n

(kommt)

Da draußen sind die Frommetsfeldner Bauern. Wollen beim Domänenrat petitionieren wegen ihres Turmes ... Um Gott, Kind, – wie siehst du aus?

 

A n n a

Nichts, Mutter, es ist nichts. (Ab nach links.)

 

F r a u v o n H ä n l e i n

(schaut ihr nach)

Da ist was nicht rund in der Welt, sollt’ mich dünken. Der Schlözer ist mir auch ganz rabiat vorgekommen ... Als ob einer vom Wein aufsteht und durch die Wand steigen will. Kind! Kind!...

 

B ä r b e l

(kommt)

Könna die Bauersleit’ da herinnet wart’n?

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Ja, laß sie nur herein. Der Domänenrat muß gleich kommen. Die Leute sagen ja, sie hätten ihn unterwegs schon getroffen. Ich will mich nach der jungen Frau umschauen. (Links ab.)

 

B ä r b e l

(nach draußen)

No, spaziert nur da ’rein! (Es kommen der Ringhofbauer, der Erlhofbauer, der

Waldhofbauer, und zwei andere Bauern. Alle tragen die urtümliche fränkische Bauerntracht: silberne Knöpfe an den blauen Westen, schwarze Jacken, schwarze Hosen in hohen Stiefeln, schwarze Zipfelmützen. Sie drücken sich scheu und ehrfürchtig herein, bleiben regungslos stehen.)

 

B ä r b e l

Derft euch au’ niedersetzen. (Ab, läßt die Tür offen.)

 

D e r R i n g h o f b a u e r

Joo ... (Sie bleiben stehen.)

 

D e r E r l h o f b a u e r

Wer soll’n reden?

 

D e r R i n g h o f b a u e r

I wer’ scho reden.

 

D e r Wa l d h o f b a u e r

Was werst’n sog’n?

 

D e r R i n g h o f b a u e r

I wer scho was sog’n. (Es kommen Lang und der Kammerdirektor Mühlbach, ein älterer, würdiger Herr.)

 

K a m m e r d i r e k t o r

Ich hab’s Ihnen gleich gesagt: der Präsident ist in dieser Sache machtlos.

 

L a n g

Niemand hat den Mut, für das Notwendige sich einzusetzen, wenn er gleich die Vernunft hat, es zu sehen. Es ist ein Höllenzirkel.

 

K a m m e r d i r e k t o r

Da haben Sie Ihre Bauern ...

L a n g

Ja. Und morgen werden die Pfarrer kommen, und übermorgen die Küster.

 

K a m m e r d i r e k t o r

Der Präsident hat nicht so unrecht, wenn er meint, daß das Wegschaffen des Turms gleichsam eine capitis deminutio sein würde.

 

L a n g

Das Corpus juris wird maulfeil, wo das gesunde Gefühl revoltiert. Bin ich schwächer hier als Stumpfsinn und böser Wille, dann kenn ich meinen Weg.

 

K a m m e r d i r e k t o r

Aber Lang! Lang!

 

L a n g

(zu den Bauern)

Hört mich an, ihr Leute! Wenn ihr einen Webstuhl habt, und der zerbricht, dann werdet ihr euch einen neuen Webstuhl anschaffen. Nicht wahr?

 

D i e B a u e r n

Joo ... joo ...

 

L a n g

Und wenn euch ein alter Hofhund krepiert, dann werdet ihr euch nach einem andern, einem jungen Hofhund umsehen. Ist’s so?

 

D i e B a u e r n

Joo ... joo ...

 

L a n g

Wenn euch aber ein Haus abbrennt, das auf einem vom Wasser unterhöhlten und durchweichten Grund gestanden ist, werdet ihr dann das Haus auf demselben Grund wieder aufbauen? Sagt mir eure Meinung. Frisch heraus!

 

D i e B a u e r n

Naa ... naa ...

 

R i n g h o f b a u e r

Das wöll’n mer nit ton. Naa ... naa ... (Er nickt den andern verständnisinnig zu, als sollten sie seine Beredsamkeit bestaunen.)

 

L a n g

Und wenn auf euerm Acker ein großer Baum steht, der dem Getreide Licht und Sonne nimmt, den ihr aber nicht umhauen wollt, weil er dort seit Menschengedenken wächst, und der Baum bricht nun eines Tages, weil er krank ist, oder der Blitz haut ihn zu Boden, werdet ihr da nicht froh sein, daß er weg ist?

 

D i e B a u e r n

Joo ... joo ...

 

L a n g

Oder werdet ihr ihn von neuem in die Erde stecken?

 

D i e B a u e r n

Naa ... naa ...

 

R i n g h o f b a u e r

Des tenna mer nit, Herr Råt! (Wie oben.)

 

L a n g

Nun also! (Der Schreiber Kasteljack, ein dürrer, langer, fusliger, schattenhafter Mensch, kommt schüchtern und eilig getrippelt, hat ein amtliches Dokument in der Hand.)

L a n g

(unwirsch)

Was gibt’s, Kasteljack?

 

K a s t e l j a c k

(asthmatisch)

Herr Domänenrat ... (hüstelt) das Gesuch an die Regierung wegen Nichtwiederaufbaus des Frommetsfeldner Turms ... (Greift sich an die Brust, hüstelt.)

 

L a n g

Hurtig, hurtig, Mensch! (Entreißt ihm den Bogen.)

 

K a s t e l j a c k

... ist leider diesen Morgen als unerledigbar ... unerledig ... lich ... zurückgekommen.

 

L a n g

(mit verbissenem Grimm)

Und der Grund?

 

K a s t e l j a c k

Eine Formalität, Herr Domänenrat ...

 

L a n g

Was für eine Formalität?

 

K a s t e l j a c k

Der Submissionsstrich fehlt.

 

L a n g

Der – Submissionsstrich?

 

K a m m e r d i r e k t o r

Der Submissionsstrich?

 

K a s t e l j a c k

Ja. Es ist dies eine wichtige amtliche Formalität. (Hüstelt.) Die Vorschrift lautet, daß zwischen dem Text des Gesuches oder des Referats oder des Ausweises oder des Testimoniums ... daß zwischen dem Text und der Unterschrift des betreffenden Herrn Referenten oder Berichterstatters ein dicker, gerader, deutlicher Strich gezogen werde. Diesen Strich nennen wir den Submissionsstrich.

 

K a m m e r d i r e k t o r

Ja. ’s ist wahr, eine ganz zweifellose Institution, die Sie doch kennen müssen, Lang.

 

L a n g

Ich kenne sie. Jetzt kenn ich sie. Mit einem Wort: diese Unterlassung bedeutet zwei bis drei Monate Aufschub. Der Submissionsstrich soll das Seil werden, auf dem man mich tanzen lassen will. Oder der Balken, mit dem man mir um die Füße schlägt. (Er eilt zum Schreibtisch und zieht in größter Hast mit Bleistift und Lineal Striche auf einem großen Bogen Papier.) So werden hierzuland die Männer traktiert und die wahren Interessen schachmatt gemacht. (Kehrt zu Kasteljack zurück.) Hier, Kasteljack. Da ist ein ganzer Schreibebogen, reichlich versehen mit Submissionsstrichen. Schicken Sie den Bogen an die betreffende Kanzlei der Regierung, ich lasse submissest ersuchen, in einschlägigen Fällen sich aus diesem Vorrat von Submissionsstrichen bedienen zu wollen.

 

K a s t e l j a c k

Aber ...

 

L a n g

Kein Aber. Tun Sie, was ich Ihnen befehle. Es ist Ernst.

(Kasteljack unter Bücklingen rückwärtsgehend ab.)

K a m m e r d i r e k t o r

Sie werden sich’s mit der hohen Regierung gründlich verderben, lieber Lang.

 

L a n g

Die und ich, wir können nicht in derselben Küche unser Fleisch kochen. Ihres schmeckt mir ranzig und meins ist ihnen zu zähe. Verderben! Ich mit ihnen verderben! Ich hab’ ihnen gedient, wie einer, der’s redlich meint. Sie haben mich bezahlt wie einen, der schon betrogen hat. Wer sein Schäfchen ins Trockene bringt, erregt ihnen keinen Argwohn, wer sich mausig macht und ihre verstaubten Litaneien überhört, den legen sie nackt in die Sonne und salben ihn mit dem Öl ihrer Schikanen, daß das Ungeziefer über ihn kommt.

K a m m e r d i r e k t o r

Lang! Lang! mäßigen Sie sich doch.

 

L a n g

Ich bin am Ende meiner Fassung. Wenn man zusehen muß, daß alle Quellen hämisch verstopft werden und die Menschheit verdurstet. Daß die Früchte wachsen, um zu verfaulen. Große Männer Großes richten, um Popanze zu werden für die Phrasendrechsler. Verderb ich mir’s mit ihnen, steht’s desto besser zwischen mir und meinem Gewissen. (Zu den Bauern, die unterdessen heimlich gewispert haben.) Nun, ihr Leute! Der Baum, von dem ich euch da gesprochen habe, vergleichsweise, versteht mich wohl, der Baum ist euer alter, unnützer Turm. Was wollt ihr beginnen mit einem Turm? Könnt ihr ihn als Heuschober brauchen? Nein. Könnt ihr drinnen wohnen? Nein. Wollt ihr drinnen beten? Nein. War er besonders schön von Ansehen? Nein. Es war nichts in ihm oder an ihm, was euch hätte ergötzen oder fördern können. Und doch wollt ihr ihn wieder aufrichten. Warum?

 

E r l h o f b a u e r

Mer war’s halt so g’wöhnt, Gnaden Herr Råt.

 

Wa l d h o f b a u e r

’s wär a Schand, Gnaden Herr Råt.

 

L a n g

Die Schande will ich euch auswetzen. Ich bau euch ein Schulhaus, das wird ein wahrer Staat sein. Seht, das ist eine Aussaat, von der ihr eine gute Ernte einheimsen könnt. Profitiert

i h r nicht mehr davon, so profitieren eure Kinder, die Söhne

und die Töchter. ’s ist, wie wenn man Kälber auf eine fette Weide treibt. Da wächst euch kein habergasiges Vieh heran, das sich seiner Haut schämen muß, sondern ein edler Schlag. Der Bauer hat nicht nötig, sein Licht unter den Scheffel zu stellen.

Mit dem Wissen ist’s eine eigene Sache und, glaubt mir’s oder glaubt mir’s nicht, wenn ihr eure Kinder was lernen laßt, werden eure Mühlen besseres Korn zu mahlen haben.

 

R i n g h o f b a u e r

Da hab’n mer alles nichts dageg’n, Herr Råt; aber um unsern Turm woll’n mer halt fleißig gebeten hab’n.

 

L a n g

Holzköpfe! (Verzweifelt zum Kammerdirektor.) Das ganze Ding gleicht einem Gänsespiel, wo man sich schon nah am Ziel glaubt, und durch einen mißglückten Wurf von einem umgekehrten Schnabel zum andern wieder zum ersten Anfang zurückgewiesen wird.

 

K a m m e r d i r e k t o r

Ich wußt es vorher.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

(kommt mit einem Brief, von rechts).

 

L a n g

Doch laß’ ich nicht nach, und wenn’s ein Jahr meines Lebens kostet.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Da ist ein Brief an Sie gekommen, Lang.

 

L a n g

Das Siegel sollt ich kennen. ’s ist vom Fürsten Hardenberg. (Er bricht den Brief auf und liest; seine Miene verzerrt sich sichtlich, er wirft das Schreiben mit einem Laut des Schmerzes und der Wut zur Erde und schlägt die Fäuste vor die Augen.)

 

F r a u v o n H ä n l e i n

(erschrocken)

Lang!

 

L a n g

Geht mir aus den Augen! Geht! Fort ihr alle! – Auch er! auch er! – Nichts richten können! nichts vollenden können!

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Aber Lang, sein Sie doch vernünftig! (Sie hebt den Brief auf.)

 

L a n g

(entreißt ihn ihr)

Sehen Sie, Mühlbach, – hören Sie! (Liest im Tiefsten erregt, mit zusammengebissenen Zähnen.) »Die gegnerischen Umtriebe sind so mächtig geworden, lieber Lang, daß ich Sie in Ihrem wie in meinem Interesse bitten muß, die fragliche Affäre mit dem unglückseligen Turm fallen zu lassen. Sie wissen, welchen Anteil ich an Ihren Bestrebungen nehme, ich kenne die edle Selbstlosigkeit, mit der Sie allem hingegeben sind, was Sie für recht und förderlich erkannt haben, aber das Tüchtige läßt sich auf vielen Wegen durchsetzen,« – so spricht Er! Er! So haben sie ihn zu Brei gemacht! Das Tüchtige auf vielen Wegen! – (Liest.) »Stehen Sie ab vom Unerreichbaren und wirken Sie im Möglichen« – nichts da, von Gnadenbrot will der Lang nichts wissen, – (Liest.) »Ich war gezwungen, die einschlägigen Akten einem anderen Referenten zu übertragen« – (Wirft wie von Ekel erfaßt das Papier von sich.)

 

K a m m e r d i r e k t o r

Ich finde das Schreiben Seiner Exzellenz äußerst würdig und schmeichelhaft, lieber Lang ...

 

L a n g

(scheinbar gefaßt)

Ja. Das ist es. Ohne Zweifel. Einem andern Referenten. Einem, der biegsam ist und Ja und Amen sagt. Gönnen Sie mir jetzt eine Stunde der Ruhe und Überlegung, lieber Mühlbach. Ich habe

heute noch mancherlei zu tun, denn morgen mit dem Frühesten werde ich meine Bestallung per Extrapost an die Regierung zurücksenden.

 

F r a u v o n H ä n l e i n

Lang!

 

K a m m e r d i r e k t o r

(macht beschwörende Gesten).

 

L a n g

Lassen Sie nur, Mühlbach. Ich weiß, Sie haben die beste Meinung von mir. Aber das kann jetzt nichts nützen. Gott befohlen, ihr Leute. Gehn Sie nur, Mutter. Adieu, lieber Mühlbach. (Die Bauern, der Kammerdirektor und Frau von Hänlein ab. Lang prüft, ob die Türe zu ist, geht dann zum Schreibtisch, läßt sich nieder und stützt den Kopf in die Hand. Sein Gesicht hat einen tief verbitterten und tief erschöpften Ausdruck.)

 

A n n a

(kommt von links. Sie ist zum Ausgehen gekleidet, doch hat sie statt des Hutes einen schwarzen Schal über dem Kopf. Sie tritt leise auf, schaut vorsichtig durch das Zimmer. Als sie Lang so augenscheinlich gebrochen sieht, erschrickt sie und faltet unwillkürlich die Hände).

 

L a n g

(blickt empor, mit innerlicher Wildheit)

Ja, Anna. Da bin ich nun. Kannst mich verpflegen, wenn du willst. Als Tagedieb im Haus, als Siebenschläfer im Bett. Bin zu nichts mehr nutze. Sie haben mir die Hände aus den Gelenken gedreht.

 

A n n a

(macht zwei Schritte, bleibt wieder stehen).

 

L a n g

(erhebt sich; mit verzweifelter Klage und Anklage)

Es kränkt mich wahrlich um meinen Stolz. Es kränkt mich um die Ader, die mir schwillt. Möcht alle getanen Schritte bereuen und alle gesprochenen Worte wieder einschlucken. Warum bin ich nicht auch so ein Jasager und Sonnenblumen-Männlein, dann stünd’ ich nicht so da, Schmach und Spott mir selber. Der elende Mückentanz! Wohin man greift, nur Luft; wohin man schlägt, trifft’s den eigenen Leib. (Ausbrechend in heller Bitterkeit.) Schau’ mich nicht an, Frau, ich schäm mich vor dir. Was kannst du anders glauben, als daß ein Mannsbild nur dazu da ist, um zu flunkern und sich wichtig zu machen? Und wenn er sich ganz in floribus hat zeigen wollen und einer Sache sich verdungen hat, bei der von Recht und Wohlfahrt zu schwadronieren war, so sitzt er nun um so erbärmlicher da, mit Fußtritten heimgeschickt.

 

A n n a

(in deren Zügen sich eine innige Besorgnis malt, leise)

Karl Heinrich!

 

L a n g

Und keinen Menschen! Keinen, der ’s redlich meint! So ohnmächtig sein! Geh von mir fort. Du hast nichts an mir. Geh aus meinem Hause. Ich bin kein Mann für dich. Bin deiner nicht wert. Geh zu einem, der ’s mit ehrlichen Feinden zu tun hat und ein Schwert in die Faust nehmen kann, wenn ihn die Horde bedrängt. (Er setzt sich mutlos und matt wieder in den Sessel.)

 

A n n a

(wie oben)

Nicht so, Karl Heinrich!...

 

L a n g

Oder willst du nur darum bei mir bleiben, weil mein Schicksal deiner Torheit zu Hilfe gekommen ist? Trotzt ihr doch in eurer blinden Sucht, ihr Weiber, dem Himmel selber unvernünftige Taten ab. Ja, er wird gebaut, dein Turm. Er wird gebaut.

A n n a

(leise)

Das wußte ich gleich, Karl Heinrich, als ich dich so sah.

 

L a n g

Kannst du mich darum höher estimieren, was soll ich dann von meinem Wert noch halten und was von deinem Stolz?

 

A n n a

(mit kaum merkbarer, schmerzlicher Schalkhaftigkeit)

Soll ich aber von dir fort, nur um zu beweisen, daß mir an dem Turm jetzt nichts mehr liegt?

 

L a n g

(bitter)

Wenn man den Kindern das Spielzeug gibt, nach dem sie verlangt haben, dann werfen sie’s beiseite.

 

A n n a

Ich habe ja den Turm von dir begehrt und nicht von denen, die dir ein Leids damit getan. So komm’ ich mir ja vor, als stünd ich mit ihnen im Bund. Und wenn noch dazu dein Herz gegen mich gestimmt ist, so flüstert’s dir vielleicht ein, ich hätte dich verraten, irgendwie geheimnisvoll verraten. Ach, Karl Heinrich! Plötzlich bin ich schuldig und weiß kaum wieso. Schuldig vor dir, schuldig vor mir und weiß kaum wieso.

 

L a n g

(schaut sie an)

Was stehst du denn da mit deinem Kopftüchlein und wohin willst du denn gehen? Willst nach Frommetsfelden hinaus und zugucken, wie sie bauen?

 

A n n a

Ich will’s dir sagen, Karl Heinrich. Zum Mauthaus wollt ich

gehn auf der Chaussee.

 

L a n g

Und was willst du denn dorten beim Mauthaus auf der Chaussee?

 

A n n a

Dort kommt der Leutnant Schlözer vorbei und will auf mich warten.

 

L a n g

(den Oberkörper nach vorn gebeugt, stützt den Kopf mit beiden Händen. Schweigt.)

 

A n n a

Es war beschlossen, Karl Heinrich, – fast wie man den Tod beschließt.

 

L a n g

(dumpf)

Beschlossen! Dies beschlossen! So muß es Laster in mir geben, die ärger sind, als ich sie ahnte, und was dich zu mir geführt, war nur ein Gaukelspiel betrügerischer Tage. Alle Wege: abwärts. Jeder Tag nur eine kurze Dämmerung zwischen zwei Nächten. Es ist ein unheimlicher Geisterspuk, der einen so lang schaudern macht, bis die Gedanken still stehn, und was die Brust bewegt, ist Scham, Scham, Scham!

 

A n n a

(tief erregt)

Hör mich an, Karl Heinrich –

 

L a n g

Hör ich dich, so bin ich schon getäuscht. Was gabst du mir freundliche Mienen und Blicke? Nur damit es jetzt offenbar wird, daß du einen brauchst, der süße Worte machen kann und

immer beteuern kann und schwärmen kann und zeigen kann, was ihr mit euren kurzen Sinnen sehen müßt. Geh nur, Anna. Denk nicht, daß du einen Verzweifelten zurückläßt. Ich bin’s nicht ungewohnt, abzurechnen mit mir und meinem Leben. Was ich nie besessen habe, kann ich nicht verlieren. Freilich der Irrtum, der frißt am Mark und macht alt und krank und müde.

 

A n n a

Es ist hart für mich, was du sprichst, aber ich verdien’s. Doch laß es genug sein, Karl Heinrich, und vergiß, was du gesagt, damit ich vergessen kann, was ich nur halb getan.

 

L a n g

(steht auf)

Du sollst nicht vergessen und ich kann nicht vergessen. Es sei denn, wir wollen nicht für unsere Handlungen einstehen und uns aufführen wie Knaben, die einander schön tun, nachdem sie sich geprügelt haben. Es ist von Übel, jegliches Wort von Übel. Mit Schwatzen und Auseinandersetzungen erreichen die Menschen nichts weiter, als daß sie sich so nahe rücken, daß sie keinen Platz mehr zum Atmen haben. Und um mein Glück und um meinen Frieden kann ich nicht feilschen. Was man einander gewährt und einander erläßt, kann nicht durch Abmachungen geregelt werden. Alles wahre Zusammenleben beruht auf Schweigen, Frau! Je tiefer der Bund, je tiefer das Schweigen. Bliebst du aus Mitleid bei mir, so wünscht’ ich lieber, ich hätte dich nie gesehen.

 

A n n a

(hat die Hand an die Stirn gedrückt, läßt sie fallen, tritt näher, frei und entflammt)

Wie kommt’s nur, daß ich dich jetzt so spüre, Karl Heinrich! Schon als es mich da draußen über die Schwelle zog, war mir, als ließ ich alle Zweifel zurück. Nicht Mitleid ist’s, nein, nein! – Höchstens könnte ich dein Mitleid fordern für mich, denn ich war so klein und ich glaubte, du würfest mich hin gegen die Welt und die Welt sei dir alles und ich zu wenig, ich zu allein gegen dich und die Welt. Jetzt aber sehe ich dich auch allein und

das – das! Karl Heinrich –! (Sie ergreift seine Hand und drückt ihre Stirn darauf.)

 

L a n g

(sinnend)

Ach, du wunderliches Geschöpf von einem Weib.

 

A n n a

(wieder aufgerichtet)

Du hast recht, Karl Heinrich. Es sollen nicht so viele Worte zwischen den Menschen hin und her geworfen werden. Es soll vielleicht bestehen bleiben, dies Fremde und dies Ferne, das mich so oft gequält hat. Vielleicht ist es gut so, daß wir nicht zu allen Zeiten alles von einander wissen, und gut ist es auch, daß ich dich suchte. Ja, es ist gut, daß ich dich suche, wenn du mich hältst! – Behalte mich!

 

L a n g

Ich will dich halten.

 

A n n a

(ohne Emphase ganz hingegeben)

Was soll’s noch um den dumpfigen, stockigten Turm, Karl Heinrich? Habe ihn gewünscht, wie man ein Zeichen wünscht, ein Zeichen für etwas, das nun da ist.

 

L a n g

(zu ihr gebeugt)

Und doch mußt du vieles dafür tragen, Kind. Mich vor allem, der eine Weile zusehn muß, untätig beiseite. Wir wollen aus der Stadt ziehen. Vom Amt will ich weg –

 

A n n a

(bestimmt und mit freier Heiterkeit)

Nein, Karl Heinrich. Dieses wirst und kannst du nicht tun. Du bist der Mann nicht fürs Ausgeding. Mit den Wurzeln sich selber

ausgraben und verdorren lassen? Du überzeugst sie ja schon von deinem Wert, indem du da bist. Könnte das Wasser schäumen ohne Damm? Hätt es solche Kraft? Kommt’s darauf an, bezahlt zu werden, Karl Heinrich, heute oder morgen bezahlt? Bezahlt dich nicht dein eigenes Blut und deine innere Flamme?

 

L a n g

(betroffen)

Frau, – wie du das sagst! Woher kommen dir solche Worte? Also bedeutet dir mein Treiben wirklich was? Willst nimmer so scheu und zweifelhaft neben mir wandeln?

 

A n n a

Es hat mir nichts bedeutet, so lang ich nicht fühlen konnte, wie du mich damit umschlingst und wie ich dazu gehöre.

 

L a n g

So hätte mir der Aberwitz und blöde Widerstand der Welt zum Köstlichsten verholfen?

 

A n n a

Spürst du’s so, dann ist es mehr, als ich gesehnt.

 

L a n g

(packt ihre Hände, leidenschaftlich)

Und doch hat dich das trübe Wesen zum Scheideweg geführt ...

 

A n n a

Wer am Scheideweg war, weiß besser ums Ziel. (Man hört Räder rollen auf der Straße.) Komm, Karl Heinrich – (Sie zieht ihn zum Fenster.)

 

L a n g

Es ist ein Wagen, der vom Posthaus abfährt ...

 

A n n a

Zum Mauthaus auf der Chaussee. – Gib mir die Hand, Karl Heinrich! Drück sie fest, fest ... so. Hörst du, wie mein Herz klopft? Ich glaube, es klopft vor Glück.

 

L a n g

Unsere Herzen sind wie zwei Schalen in der Hand eines Engels. Ist ein Auf- und Niederschwanken sondergleichen. Jeder Pulsschlag zieht’s hier hinunter, dort hinauf. Wir wägen nicht, es wird uns zugewogen. Wir müssen still halten, das ist alles.

 

A n n a

Ich halte still, Karl Heinrich. (Das Posthorn tönt.) Gute Fahrt, Schwager Postillon!

 

Vo r h a n g .