Erste Gedichte

Rainer Maria Rilke · Kapitel 2 von 2 · Teil 1/3

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Erste Gedichte

Erste Gedichte

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

 

Von

RAINER MARIA RILKE

LEIPZIG

IM INSEL-VERLAG

MCMXIII

 

INHALT

LARENOPFER

 

IM ALTEN HAUSE

 

Im alten Hause; vor mir frei

seh ich ganz Prag in weiter Runde;

tief unten geht die Dämmerstunde

mit lautlos leisem Schritt vorbei.

Die Stadt verschwimmt wie hinter Glas.

Nur hoch, wie ein behelmter Hüne,

ragt klar vor mir die grünspangrüne

Turmkuppel von Sankt Nikolas.

Schon blinzelt da und dort ein Licht

fern auf im schwülen Stadtgebrause.—

Mir ist, daß in dem alten Hause

jetzt eine Stimme "Amen" spricht.

 

AUF DER KLEINSEITE

 

Alte Häuser, steilgegiebelt,

hohe Türme voll Gebimmel,—

in die engen Höfe liebelt

nur ein winzig Stückchen Himmel.

Und auf jedem Treppenpflocke

müde lächelnd—Amoretten;

hoch am Dache um barocke

Vasen rieseln Rosenketten.

Spinnverwoben ist die Pforte

dort. Verstohlen liest die Sonne

die geheimnisvollen Worte

unter einer Steinmadonne.

 

EIN ADELSHAUS

 

Das Adelshaus mit seiner breiten Rampe:

wie schön will mir sein grau er Glast erscheinen. Der Gangsteig mit den schlechten Pflastersteinen und dort, am Eck, die trübe, fette Lampe.

Auf einer Fensterbrüstung nickt ein Tauber,

als wollt er durch den Stoff des Vorhangs gucken; und Schwalben wohnen in des Torgangs Luken: das nenn ich Stimmung, ja, das nenn ich—Zauber.

 

DER HRADSCHIN

 

Schau so gerne die verwetterte

Stirn der alten Hofburg an;

schon der Blick des Kindes kletterte

dort hinan.

Und es grüßen selbst die eiligen

Moldauwellen den Hradschin,

von der Brücke sehn die Heiligen

ernst auf ihn.

Und die Türme schaun, die neueren, alle zu des Veitsturms Knauf

wie die Kinderschar zum teueren

Vater auf.

 

BEI ST. VEIT

 

Gern steh ich vor dem alten Dom;

wie Moder weht es dort, wie Fäule,

und jedes Fenster, jede Säule

spricht noch ihr eignes Idiom.

Da hockt ein reich geschnörkelt Haus

und lächelt Rokoko-Erotik,

und hart daneben streckt die Gotik

die dürren Hände betend aus.

Jetzt wird mir klar der casus rei;

ein Gleichnis ists aus alten Zeiten:

der Herr Abbé hier—ihm zuseiten

die Dame des roi soleil.

 

IM DOME

 

Wie von Steinen rings, von Erzen

weit der Wände Wölbung funkelt,

eine Heilge, braungedunkelt,

dämmert hinter trüben Kerzen.

Von der Decke, rundgemauert,

schwebt ob eines Engels Kopfe

hell ein weißer Silbertropfe, drin ein ewig Lichtlein kauert.

Und im Eck, wo Goldgeglaste

niederhangt in staubgen Klumpen,

steht in Schmutz gehüllt und Lumpen

still ein Kind der Bettlerkaste.

Von dem ganzen Glänze floß ihm

in die Brust kein Fünkchen Segen....

Zitternd, matt, streckts mir entgegen

seine Hand mit leisem: "Prosim!"

 

IN DER KAPELLE ST. WENZELS

 

Alle Wände in der Halle

voll des Prachtgesteins; wer wüßte

sie zu nennen: Bergkristalle,

Rauchtopase, Amethyste.

Zauberhell wie ein Mirakel

glänzt der Raum im Lichtgetänzel,

unterm goldnen Tabernakel

ruht der Staub des heilgen Wenzel.

Ganz von Leuchten bis zum Scheitel

ist die Kuppel voll, die hohle;

und der Goldglast sieht sich eitel

in die gelben Karneole.

 

VOM LUGAUS

Dort, seh ich Türme, kuppig bald wie Eicheln

und jene wieder spitz wie schlanke Birnen;

dort liegt die Stadt; an ihre tausend Stirnen

schmiegt sich der Abend schon mit leisem Schmeicheln.

Weit streckt sie ihren schwarzen Leib. Ganz hinten sieh St. Mariens Doppeltürme blitzen.

Ists nicht: Sie saugte durch zwei Fühlerspitzen

in sich des Himmels violette Tinten!

 

DER BAU

 

(1)

Die moderne Bauschablone

will mir wahrlich gar nicht passen.

Hier, dies alte Haus darf fassen

reiche, weite Steinterrassen,

kleine, heimliche Balkone.

Und die weitgewölbten Decken,

die so günstig sind den Lauten,

Nischen rings, die eingebauten,

draus die Arme sich der trauten

Dämmrung dir entgegenstrecken.

Alle Mauern breiter, stärker

und aus echten Quaderkernen;—

traun, das Gruseln könnt ich lernen,

seh ich auf die Zinskasernen

aus dem kleinen, Stillen Erker.

IM STÜBCHEN

 

(2)

Traut ists, wenn verstohlen heulen

im Kamine wilde Winde

in der Stube; ganz gelinde

tickt auf dem barocken Spinde

fort die Stockuhr mit den Säulen.

Dort, die kleine Silhouette

zeigt die alte Tracht der Locken,

tief im Fenster steht ein Rocken,

und vergeßne Töne stocken

im verlassenen Spinette.

Immer noch hegt die Postille,

daß an ihrem Geist erfrische

jung und alt sich, auf dem Tische,

und der Spruch ob jener Nische

lautet: "Es gescheh Dein Wille...."

 

ZAUBER

 

(3)

Oft seh ich die heimliche Stube belebt,

so lebhaft erzählen die Wände;

ein liebliches Mädchen, halb Kind noch, hebt

dort zu der Madonna die Hände.

Ein tüchtiger Junge beim Vater steht,

der viel zu des Hauses Gewinn tat.

An huben sie flüsternd das Abendgebet,

und Mutter läßt ruhen das Spinnrad.

Da deucht mich, es wird wohl das Auge naß

sogar der Madonna im Rahmen.

Ich lausche:—Laut von des Vaters Baß

ertönt das versöhnende: "Amen".

 

EIN ANDERES

 

(4)

Naht der Sohn mit schwerem Schritt

seinem Vater. Schwer die Zunge....

"Wirklich, was, ein Bräutchen, junge?!

Vorwärts, nur herein damit!"

Und da steht zum erstenmal

jetzt das Mädchen rot und stille;

und der Vater putzt die Brille:

"Teufel! Gut war deine Wahl!"

Und er streckt die Arme aus,

und das Bräutchen nimmt verlegen

seinen Kuß und seinen Segen....

Davon weiß das alte Haus.

 

NOCH EINES

 

(5)

Auch dem blonden Kinde kam es

In sein Herz, sein waldseereines,

wie das dunkle Ahnen eines großen Glückes oder Grames.

Und die Mutter ließ das Rädchen

stocken.—"Kind, was macht dich leiden?"

Stürmisch schluchzend schwieg das Mädchen:

doch verstanden sich die beiden.

Kurz darauf: Am Pförtchen pochte

junger Herr.—"Wollt ihr euch?"—Pause.—

Ob!—Wer da noch fragen mochte!?—

So geschahs im alten Hause.

 

UND DAS LETZTE

 

(6)

Still heut die Stube.—Weiß wie Kalk

ist Frauchens Antlitz. Müd und lustlos

ihr feuchtes Auge; halb bewußtlos

lehnt sie bei Vaters Katafalk.

Zuseiten ihr der Gatte kann

sie trösten mehr in keiner Weise;

nun faßt er ihre Hände leise

und sieht sie ernst und bittend an.

"Mein Mütterchen, nimm diesen Strauß!"

tönt türher hell das Wort des Kleinen;

da glimmt ein Lächeln durch ihr Weinen,

und Trost geht durch das alte Haus.

 

IM ERKERSTÜBCHEN

(7)

Nicht zu sehn das Alltagstreiben,

flieh ich—wie wenn ich ein Strauß war,—

in das alte, alte Haus her;

lang dann seh ich nicht hinaus mehr

durch die breit verbleiten Scheiben.

Schlichtheit war der Väter Aussaat,

Glück die Frucht, die sie gefunden;

sitz so träumend manche Stunden

dort im Polsterstuhl, im runden,

mitten in Urväterhausrat.

 

DER NÖVEMBERTAG

 

Alter Herbst vermag den Tag zu knebeln,

seine tausend Jubelstimmen schweigen;

hoch vom Domturm wimmern gar so eigen

Sterbeglocken in Novembernebeln.

Auf den nassen Dächern liegt verschlafen

weißes Dunstlicht; und mit kalten Händen

greift der Sturm in des Kamines Wänden

eines Totenkarmens Schlußoktaven.

 

IM STRAßEN KAPELLCHEN

 

Bei St. Loretto da brennt ein Licht vorm Bilde im Straßenkapellchen;

und um das Wandbild schmiegen sich dicht

Blechblumen mit farbigen Kelchen.

Die Heiligen machen ein übel Gesicht;

denn der Sturmwind, der hastige Knab, hat

nicht Achtung für sie; bei Loretto das Licht

schaut fromm in den dämmernden Sabbat.

 

DAS KLOSTER

 

Im Dämmerdustgeschwel

ist schon die Stadt zerronnen

hoch steht das Haus der Nonnen

des Ordens von Carmel.

Der Abend hüpft hangab

vorbei mit Feuergarben

und windet tausend Farben

um jeden Fensterstab.

Er schmückt das düstre Haus

umsonst mit Lichtgeglänze;

So sehen frische Kränze

auf Leichensteinen aus.

 

BEI DEN KAPUZINERN

 

Es hat der Pater Guardian

vom Klosterschnaps mir angeboten;

ich kenn ihn schon, den dunkelroten, der alle Toten wecken kann.

Der Pater sucht den Schlüssel, klein,

dort, wo des Sacktuchs Zipfe blauten,

und holt den Schatz, den selbstgebrauten,

hervor aus dem Reliquienschrein.

Und wie er einschenkt, lacht er feist

und spricht: "Zu Staub sind die Gebeine,

die einstens ruhten in dem Schreine,

doch uns erhalten blieb——der Geist!"

 

ABEND

 

Einsam hinterm letzten Haus

geht die rote Sonne schlafen,

und in ernste Schlußoktaven

klingt des Tages Jubel aus.

Lose Lichter haschen spät

noch sich auf den Dächerkanten,

wenn die Nacht schon Diamanten

in die blauen Fernen sät.

 

JAR. VRCHLICKÝ

 

Ich lehn im Armstuhl, im bequemen,

wo oft ich Ungemach vergaß,

müd nicken krause Chrysanthemen

im hohen Venezianergläs.

Ich las in einem Band Gedichte

gar lange; wie die Zeit entschwand!

Jetzt erst im Abenddämmerlicbte

leg ich sie selig aus der Hand.

Mir ist, von göttlichen Problemen

hätt ich die Lösung jetzt erlauscht,—

hat mich der Hauch der Chrysanthemen,

hat mich Vrchlickýs Buch berauscht?

 

IM KREUZGANG VON LORETTO

 

Still ist es in dem Kreuzgang, in dem alten,

wo über krausen Säulenarabesken

herniederschaun aus halb verwischten Fresken

geheimnisvolle Heiligengestalten.

Wo eine Wachsmadonna, die man zeiht

so manchen gnadenvollen Heilmirakels,

prangt hinterm grauen Glas des Tabernakels

im silberübersäten Seidenkleid.

Spannt über Blättergold Spätsommerhaar

sich draußen auch im Klosterhof Lorettos,—

vor einem Bild im Stile Tintorettos

steht selig still ein junges Liebespaar.

 

DER JUNGE BILDNER

 

Ich muß nach Rom; in unser Städtchen

kehr ich aufs Jahr mit Ruhm zurück;

nicht weinen; sieh, geliebtes Mädchen,

ich mach in Rom mein Meisterstück.

Er sprachs; dann zog er fort im Rausche

durch jene Welt, die er erhofft;

doch war ihm, seine Seele lausche

auf einen innern Vorwurf oft.

Die Unrast trieb ihn heim, die arge:

Er bildete mit nassem Blick

sein armes, fahles Lieb im Sarge,

und das—das war sein Meisterstück.

 

FRÜHLING

 

Die Vögel jubeln—lichtgeweckt—,

die blauen Weiten füllt der Schall aus;

im Kaiserpark das alte Ballhaus

ist ganz mit Blüten überdeckt.

Die Sonne schreibt sich hoffnungsvoll

ins junge Gras mit großen Lettern.

Nur dorten unter welken Blättern

seufzt traurig noch ein Steinapoll.

Da naht ein Lüftchen, fegt im Tanz

hinweg das gelbe Blattgeranke

und legt um seine Stirn, die blanke,

den blauenden Syringenkranz.

 

LAND UND VOLK

...Gott war guter Laune. Geizen

ist doch wohl nicht seine Art;

und er lächelte: da ward

Böhmen, reich an tausend Reizen.

Wie erstarrtes Licht liegt Weizen

zwischen Bergen, waldbehaart,

und der Baum, den dichtgeschaart

Früchte drücken, fordert Spreizen.

Gott gab Hütten; voll von Schafen

Ställe; und der Dirne klafft

vor Gesundheit fast das Mieder.

Gab den Burschen all, den braven,

in die raube Faust die Kraft,

in das Herz—die Heimatlieder.

 

DER ENGEL

 

Hin geh ich durch die Malvasinka

die Kinderreih, wo sanft und gut

die kleine Anka oder Ninka

in ihrem letzten Bettchen ruht.

Auf einem schmalen Schollenhügel

kniet, ganz versteckt in hohem Mohn,

mit staubigem, gebrochnem Flügel

ein Engelchen aus rohem Ton.

Das flügellahme Kindchen flößte

mir Mitleid ein,—das arme Ding....

Da, sieh! Von seinen Lippen löste

sich leicht ein kleiner Schmetterling.—

ALLERSEELEN

 

I

Rings liegt der Tag von Allerseelen

voll Wehmut und voll Blütenduft,

und hundert bunte Lichter schwelen

vom Feld des Friedens in die Luft.

Sie senden Palmen heut und Rosen;

der Gärtner ordnet sie mit Sinn—

und kehrt zum Eck der Glaubenslosen

die alten, welken Blumen hin.

 

II

"Jetzt beten, Willi,—und nicht reden!"

Mit großem Aug gehorcht der Knab.

Der Vater legt den Kranz Reseden

auf seines armen Weibes Grab.

"Die Mutter schläft hier! Mach ein Kreuz nun!"

Klein Willi sieht empor und macht,

wie ihm befohlen. Ach, ihn reuts nun,

daß er am Weg heraus gelacht!

Es sticht im Auge ihn—wie Weinen....

Dann gehn sie heimwärts durch die Nacht;

ganz ernst und stumm. Da lockt den Kleinen

beim Ausgang jäh der Buden Pracht.

Es blinkt durch den Novembernebel

herüber lichtbeglänzter Tand;

er sieht dort Pferdchen, Heime, Säbel

und küßt dem Vater leis die Hand.

Und der versteht. Dann gehn sie weiter....

Der Vater sieht so traurig aus.—

Doch einen Pfeiferkuchenreiter

schleppt Willi selig sich nach Haus.

 

BEI NACHT

 

Weit über Prag ist riesengroß

der Kelch der Nacht schon aufgegangen;

der Sonnenfalter barg sein Prangen

in ihrem kühlen Blütenschoß.

Hoch grinst der Mond, der schlaue Gnom,

und neckend streut er das Gesträhne

der weißen Silberhobelspäne

hernieder in den Moldaustrom.

Da plötzlich, wie beleidigt, hat

zurückgerufen er die Strahlen,

weil er gewahr ward des Rivalen:

der Turmuhr helles Stundenblatt.

 

ABEND

 

Der Abend naht.—Die klare Zone

der Stirne schmückt ein goldner Reifen,

und tausend Schattenhände greifen

verstohlen nach der roten Krone.

Die ersten, blassen Sterne liebeln

ihm zu; er steht hoch am Hradschine

und schaut mit ernster Träumermiene

die Türme und die grauen Giebeln.

 

AUF DEM WOLSCHAN

Am Abend des Tages von Allerseelen

 

I

Die dürren Äste übergittern

des Himmels abendblasse Scheiben;

und über Grüfte, reich mit Füttern

geschmückt, geht Wehmut, und es zittern

die Lichter durch das Blättertreiben.

Im müden Blau, im regungslosen,

schwimmt fern der Mond. Die Lebensbäume,

die seine blanke Stirne kosen,

sind schwarz. Der Duft von welken Rosen

schleicht her wie Geister toter Träume.

 

II

Ferner Lärm vom Wagendamm.—

Hier keimt Friede und Vergessen,

zwischen zweien Grabzypressen

hangt der Mond wie ein Tam-Tam.

Schlägt die Ewigkeit nicht sacht

jetzt daran mit schwarzem Schwengel?

Bange schaut ein Marmorengel

in das Aug der Spätherbstnacht.

 

WINTERMORGEN

 

Der Wasserfall ist eingefroren,

die Dohlen hocken hart am Teich.

Mein schönes Lieb hat rote Ohren

und sinnt auf einen Schelmenstreich.

Die Sonne küßt uns. Traumverloren

schwimmt im Geäst ein Klang in Moll;

und wir gehn fürder, alle Poren

vom Kraftarom des Morgens voll.

 

BRUNNEN

 

Ganz verschollen ist die alte,

holde Brunnenpoesie,

da aus Tritons Muschelspalte

eine klare Quelle lallte,

die den Gassen Sprache lieh.

Abends bei den Röhrenkasten

sammelte sich Paar um Paar,

weil der Quelle lieblich Glasten

und ihr Laut der tiefgefaßten

Neigung süßes Omen war.

Aber als durch Menschenmühn dann

Wasser treppen aufwärts stieg, und kein Paar kam: Misogyn dann

ward der Gott; es schlich sich Grünspan

in die Muschel,—und er schwieg.

 

SPHINX

 

Sie fanden sie, den Schädel halb zerschlagen,

in starrer Hand das heiße Rohr von Stahl.

Die Menge gaffte.—Bis der Rettungswagen

sie brachte in das gelbe Stadtspital.

Nur einmal hat das Aug sie aufgeschlagen....

Kein Brief!, kein Name, nur ein Kleid, ein Schal; dann kam der Arzt mit seinem leisen Fragen

und dann der Priester.—Sie blieb stumm und fahl.

Doch spät bei Nacht, da wollt sie etwas sagen,

gestehn ... Doch niemand hörte sie im Saal.

Ein Röcheln.—Dann ward sie herausgetragen,

sie und ihr Schmerz.—

Und draußen steht kein Mal.

 

TRÄUME

 

Es kommt die Nacht, reich mit Geschmeiden

geschmückt des blauen Kleides Saum;—

sie reicht mir mild mit ihren beiden

Madonnenhänden einen Traum.

Dann geht sie, ihre Pflicht zu üben,

hinfort die Stadt mit leisem Schritt und nimmt, als Sold des Traumes, drüben

des kranken Kindes Seele mit.

 

MAITAG

 

Still!—Ich hör, wie an Geländen

leicht der Wind vorüberhüpft,

wie die Sonne Strahlenenden

an Syringendolden knüpft.

Stille rings. Nur ein geblähter

Frosch hält eine Mückenjagd,

und ein Käfer schwimmt im Äther,

ein lebendiger Smaragd.

Im Geäst spinnt Süberrhomben

Mutter Spinne Zoll um Zoll,

und von Blütenhekatomben

hat die Welt die Hände voll.

 

KÖNIG ABEND

 

Wie König Balthasar einst nahte,

die Stirn vom Kronenreif erhellt,

so tritt im purpurnen Ornate

der König Abend in die Welt.

Der erste Stern führt ihn wie jenen

bis an den fernsten Hügelsaum;

dort findet Mutter Nacht er lehnen

mit ihrem Kind im Arm, dem Traum.

Dem bringt er just, wie jener Weise

des Orients, das Gold, gehäuft,—

das Gold, das uns der Knabe leise

erlösend in den Schlummer träuft.

 

AN DER ECKE

 

Der Winter kommt und mit ihm meine Alte,

die an der Ecke stets Kastanien briet.

Ihr Antlitz schaut aus einer Tücherspalte

froh und gesund, ob Falte auch bei Falte

seit vielen Jahren es durchzieht.

Und tüchtig ist sie, ja, das will ich meinen;

die Tüten müssen rein sein, und das Licht

an ihrem Stand muß immer helle scheinen,

und von dem Ofen mit den krummen Beinen

verlangt sie streng die heiße Pflicht.

So trefflich schmort auch keine die Maroni.

Dabei bemerkt sie, wer des Weges zieht,

und alle kennt sie—bis zum Tramwaypony;

sie treibts ja Jahre schon, die alte Toni....

Und leise summt ihr Herd sein Lied.

 

HEILIGE

 

Große Heilige und kleine

feiert jegliche Gemeine;

hölzern und von Steine feine, große Heilige und kleine.

Heilge Annen und Kathrinen,

die im Traum erschienen ihnen,

baun sie sich und dienen ihnen,

heilgen Annen und Kathrinen.

Wenzel laß ich auch noch gelten,

weil sie selten ihn bestellten;

denn zu viele gelten selten—

nun, Sankt Wenzel laß ich gelten.

Aber diese Nepomuken!

Von des Torgangs Luken gucken

und auf allen Brucken spuken

lauter, lauter Nepomuken!

 

DAS ARME KIND

 

Ich weiß ein Mädchen, eingefallen

die Wangen.—War ein leichtes Tuch

die Mütter; und des Vaters Fluch

fiel in ihr erstes Lallen.

Die Armut blieb ihr treu die Jahre,

und Hunger ward ihr Angebind;

so ward sie ernst.—Das Lenzgold rinnt

umsonst in ihre Haare.

Sie schaut die lächelnden Gesichter

der Blumen traurig an im Hag

und denkt: der Allerseelentag

hat Blüten auch und Lichter.

WENNS FRÜHLING WIRD

 

Die ersten Keime sind, die zarten,

im goldnen Schimmer aufgesprossen;

schon sind die ersten der Karossen

im Baumgarten.

Die Wandervögel wieder scharten

zusamm sich an der alten Stelle,

und bald stimmt ein auch die Kapelle

im Baumgarten.

Der Lenzwind plauscht in neuen Arten

die alten, wundersamen Märchen,

und draußen träumt das erste Pärchen

im Baumgarten.

 

ALS ICH DIE UNIVERSITÄT BEZOG

 

Ich seh zurück, wie Jahr um Jahr

so müheschwer vorüberrollte;

nun endlich bin ich, was ich wollte

und was ich strebte: ein Skolar.

Erst "Recht" studieren war mein Plan;

doch meine leichte Laune schreckten

die strengen, staubigen Pandekten,

und also ward der Plan zum Wahn.

Theologie verbot mein Lieb,

könnt mich auf Medizin nicht werfen,

so daß für meine schwachen Nerven nichts als—Philosophieren blieb.

Die Alma mater reicht mir dar

der freien Künste Prachtregister,—

und bring ichs nie auch zum Magister,

bin was ich strebte: ein Skolar.

 

SUPERAVIT

 

Nie kann ganz die Spur verlaufen

einer starken Tat; dies lehrt

zu Konstanz der Scheiterhaufen;

denn aus tausend Feuertaufen

steigt der Hochgeist unversehrt.

Bis zu uns her ungeheuer

ragt der Reformator Hus,

fürchten wir der Lehre Feuer,

neigen wir uns doch in scheuer

Ehrfurcht vor dem Genius.

Der, den das Gericht verdammte,

war im Herzen, tief und rein,

überzeugt von seinem Amte,—

und der hohe Holzstoß flammte

seines Ruhmes Strahlenschein.

 

TROTZDEM

 

Manchmal vom Regal der Wand

hol ich meinen Schopenhauer, einen "Kerker voller Trauer"

hat er dieses Sein genannt.

So er recht hat, ich verlor

nichts: in Kerkereinsamkeiten

weck ich meiner Seele Saiten

glücklich wie einst Dalibor.

 

HERBSTSTIMMUNG

 

Die Luft ist lau, wie in dem Sterbezimmer,

an dessen Türe schon der Tod steht still;

auf nassen Dächern liegt ein blasser Schimmer,

wie der der Kerze, die verlöschen will.

Das Regenwasser röchelt in den Rinnen,

der matte Wind hält Blätterleichenschau;—

und wie ein Schwarm gescheuchter Bekassinen

ziehn bang die kleinen Wolken durch das Grau.

 

AN JULIUS ZEYER

 

Du bist ein Meister;—früher oder später

spannt sich dein Volk in deinen Siegeswagen;

du preisest seine Art und seine Sagen,—

aus deinen Liedern weht der Heimat Äther.

Dein Volk tut recht,—nicht, voll von wahngeblähter Vergangenheit, die Hand im Schoß zu tragen,

es kämpft noch heut und muß sich tüchtig schlagen, stolz auf sich selbst und stolz auf seine Väter.

Es hat dein Volk sich seine Ideale

noch nicht versetzen lassen zu den Sternen,

die unerreichbar sind und Sehnsucht glasten;

du aber mahnst, ein echter Orientale,

es möge in dem Ringen nicht verlernen

auch im Alhambrahof die Kunst zu rasten.

 

DER TRÄUMER

 

I

Es war ein Traum in meiner Seele tief.

Ich horchte auf den holden Traum:

ich schlief.

Just ging ein Glück vorüber, als ich schlief,

und wie ich träumte, hört ich nicht;

es rief.

 

II

Träume scheinen mir wie Orchideen.—

So wie jene sind sie bunt und reich.

Aus dem Riesenstamm der Lebenssäfte

ziehn sie just wie jene ihre Kräfte,

brüsten sich mit dem ersaugten Blute,

freuen in der flüchtigen Minute,

in der nächsten sind sie tot und bleich.—

Und wenn Welten oben leise gehen,

fühlst dus dann nicht wie von Düften wehen?

Träume scheinen mir wie Orchideen.—

DIE MUTTER

 

Aufwärts die Theaterrampe

rollen dröhnend die Karossen,

abseits unter trüber Lampe

steht ein altes Weib verdrossen.

Nur wenn jäh ein Hengst mal scheute,

wars, daß sie zusammenschrecke;

niemand aus dem Strom der Leute

sieht die Alte in der Ecke.

An die neue "Größe" dachte,

von ihr sprach man nur.—Die Güte

eines Grafen, hieß es, brachte

herrlich ihr Talent zur Blüte.

Später. Jubelstürme hallten

in den Schlußklang der Trompeten....

Aber draußen kams der Alten,

heimlich für ihr Kind zu beten.

 

UNSER ABENDGANG

 

Gedenkst du noch, wie guter Dinge

wir wallten durch das Nusler Tal;

zwei kleine, blaue Schmetterlinge

verflattertcn im Abendstrahl.

Am Häuschen lehnte die Melone

dort—wie auf einem Bilde Dows,

und herrlich mit der Kuppelkrone hob sich das Haupt der Karlshofs.

Im West war noch der Weizen golden,

blaugrün verdämmerte der Kohl;

die ersten weißen Sternendolden

umzitterten den Himmelspol.

 

KAJETAN TÝL

Bei Betrachtung seines Zimmerchens, das auf der böhmischen ethnographischen Ausstellung zusammengestelt war.

Da also hat der arme Týl

sein Lied "Kde domov můj"—geschrieben.

In Wahrheit; Wen die Musen lieben,

dem gibt das Leben nicht zuviel.

Ein Stübchen—nicht zu klein dem Flug

des Geistes; nicht zu groß zur Ruhe.—

Ein Stuhl, als Schreibtisch eine Truhe,

ein Bett, ein Holzkreuz und ein Krug.

Doch wär er nicht für tausend Louis

von Böhmen fort. Mit jeder Fiber

hing er daran.—"Ich bleibe lieber,"

hätt er gesagt, "kde domov můj."

 

VOLKSWEISE

 

Mich rührt so sehr

böhmischen Volkes Weise,

schleicht sie ins Herz sich leise,

macht sie es schwer.

Wenn ein Kind sacht

singt beim Kartoffeljäten,

klingt dir sein Lied im späten

Traum noch der Nacht.

Magst du auch sein

weit über Land gefahren,

fällt es dir doch nach Jahren

stets wieder ein.

 

DAS VOLKSLIED

Nach einer Kartonskizze des Herrn Liebsdier

 

Es legt dem Burschen auf die Stirne

die Hand der Genius so lind,

daß mit des Liedes Silberzwirne

er seiner Liebsten Herz umspinnt.

Da mag der Bursch sich süß erinnern,

was aus der Mutter Mund ihm scholl,

und mit dem Klang aus seinem Innern

füllt er sich seine Fiedel voll.

Die Liebe und der Heimat Schöne

drückt ihm den Bogen in die Hand,

und leise rieseln seine Töne

wie Blütenregen in das Land.

Und große Dichter, ruhmberauschte,

dem schlichten Liede lauschen sie,

so gläubig wie das Volk einst lauschte

dem Gottes wort des Sinai.

DORFSONNTAG

 

Im Wirtshaus auf den blanken Dielen

schwingt sich die Jugend frisch und laut,

des Burschen Hand, so hart von Schwielen,

drückt die des blonden Mädchens traut;

bierfrohe Musikanten spielen

ein Lied aus der "verkauften Braut".

"Trinkt zu! Ich will euch heut besolden."

Der Pfarrherr. Der liebt muntern Geist.

Und wie er nach dem Tanz die Holden

zu seinem Tische kommen heißt,

da geht der Abend draußen, golden,

und lacht durch alle Fenster dreist.

 

MEIN GEBURTSHAUS

 

Der Erinnrung ist das traute

Heim der Kindheit nicht entflohn,

wo ich Bilderbogen schaute

im blauseidenen Salon.

Wo ein Puppenkleid, mit Strähnen

dicken Silbers reich betreßt,

Glück mir war; wo heiße Tränen

mir das "Rechnen" ausgepreßt.

Wo ich, einem dunklen Rufe

folgend, nach Gedichten griff,

und auf einer Fensterstufe Tramway spielte oder Schiff.

Wo ein Mädchen stets mir winkte

drüben in dem Gräfenhains....

Der Palast, der damals blinkte,

sieht heut so verschlafen aus.

Und das blonde Kind, das lachte,

wenn der Knab ihm Küsse warf,

ist nun fort; fern ruht es sachte,

wo es nie mehr lächeln darf.

 

IN DUBIIS

 

I

Es dringt kein Laut bis her zu mir

von der Nationen wildem Streite,

ich stehe ja auf keiner Seite;

denn Recht ist weder dort noch hier.

Und weil ich nie Horaz vergaß,

bleib gut ich aller Welt und halte

mich unverbrüchlich an die alte

aurea mediocritas.

 

II

Der erscheint mir als der Größte,

der zu keiner Fahne schwört,

und, weil er vom Teil sich löste,

nun der ganzen Weit gehört.

Ist sein Heim die Weit; es mißt ihm doch nicht klein der Heimat Hort;

denn das Vaterland, es ist ihm

dann sein Haus im Heimatsort.

 

BARBAREN

 

Ich weiß von einem Riesenparke

dort, wo die Stadt sich schon verliert;

jetzt nagt die Axt an seinem Marke,

sie sagen: er wird parzelliert.

Das ist der Fürstenpark Clam-Gallas,

der Mietskasernen weichen soll,

der war doch wie ein Hain der Pallas

der raunenden Orakel voll.

Jetzt stürmen sie, die Uhgeweihten,

den Ort, den kein Profaner sah:

Es übertönt der Lärm der Zeiten

das Götterwort der Pythia.

 

SOMMERABEND

 

Die große Sonne ist versprüht,

der Sommerabend liegt im Fieber,

und seine heiße Wange glüht.

Jach seufzt er auf: "Ich möchte lieber...."

Und wieder dann: "Ich bin so müd...."

Die Büsche beten Litanein,

Glühwürmchen hangt, das regungslose,

dort wie ein ewiges Licht hinein;

und eine kleine weiße Rose

tragt einen roten Heiligenschein.

 

GERICHTET

 

"Am Ring" stand einst ein Blutgerüst,

lang ist es her; doch wenn der Schein

des runden Monds das Rathaus küßt,

dann wallen aus dem heilgen Teyn

Gerichtete in Geisterreihn ...

Weh wer sie sah!

Viel Herren fielen auf dem Ring;

die Herren finden Ruhe nicht;—

sie zogen eines Nachts: Es ging

voran Herr Christus, groß und licht,

mit ernstem, traurigem Gesicht ...

Und einer sahs!

Der war ein Maler. Und im Flug

malt er, wie er geschaut, den Ring.

Er malt den ganzen Geisterzug,

dem ernst voran Herr Christus ging.

Er malt ... bis ihn ein Fieber fing ...

Jetzt ist er tot.—

 

DAS MÄRCHEN VON DER WOLKE

 

Der Tag ging aus mit mildem Tone,

so wie ein Hammerschlag verklang.

Wie eine gelbe Goldmelone

lag groß der Mond im Kraut am Hang.

Ein Wölkchen wollte davon naschen,

und es gelang ihm, ein paar Zoll

des hellen Rundes zu erhaschen,

rasch kaut es sich die Bäckchen voll.

Es hielt sich lange auf der Flucht auf

und zog sich ganz mit Lichte an;—

da hob die Nacht die goldne Frucht auf:

Schwarz ward die Wolke und zerrann.

 

FREIHEITSKLÄNGE

 

Böhmens Volk! In deinen Kreisen

weckt ein neuer Genius

alte, heiße Freiheitsweisen,

und die mahnen nicht mit leisen

Worten, daß dein Fesseleisen

ganz zerschmettert werden muß.

Diese Streitpoeten blasen

lockend; und in Stücke haun

kannst du, Volk, in deinem Rasen

des Gesetzes Marmorvasen,

doch du kannst aus ihren Phrasen

keine Zukunft dir erbaun.

Tief in Herz und Sinn in treuer

Hoffnung senk die Liedersaat,

sind dir deine Dichter teuer,

daß daraus ein Lenz, ein neuer,

keime.—Was dann blieb vom Feuer,

das entflamme dich zur Tat.

NACHTBILD

 

Auch auf der Theaterrampe

wird es stille nach und nach.—

Eine eitle Bogenlampe

schaut sich in ein Droschkendach.

Auf dem leeren Gangsteig zucken

Lichter.—Sehn nicht dort am Haus

helle Dachmansardenlucken

wie verweinte Augen aus?

 

HINTER SMICHOV

 

Hin gehn durch heißes Abendrot

aus den Fabriken Männer, Dirnen,—

auf ihre niedern, dumpfen Stirnen

schrieb sich mit Schweiß und Ruß die Not.

Die Mienen sind verstumpft; es brach

das Auge. Schwer durchschlürft die Sohle

den Weg, und Staub zieht und Gejohle

wie das Verhängnis ihnen nach.

 

IM SOMMER

 

Im Sommer trägt ein kleiner Dampfer

auf Moldauwogen uns nach Zlichov zu jenem Kirchlein, hoch und frei.

Im blauen Nebel schwindet Smichov;—

zur Rechten Flächen braun von Ampfer,

zur Linken stolz die "Loreley".

Wir legen an; und sieh, ein Alter

begrüßt uns leiernd: "Hej, Slovane!"

Am Friedhofsrand dann lehnen wir.

Hoch blaut des Himmels Prachtzyane,

und unser Träumen hebt, ein Falter,

auf Sonnenflügeln sich zu ihr.

 

AM KIRCHHOF ZU KÖNIGSAAL (aula regis)

 

Auf schloß das Erztor der Kustode.

Du sahst vor Blüten keine Gruft.

Der Lenz verschleierte dem Tode

das Angesicht mit Blust und Duft;

da stieg wie eine Todesode

ein Trauermantel in die Luft.

Wir sahn ihn beide und wir schwiegen....

Rings feierte Mittsommerlicht,

in den Syringen summten Fliegen.—

Da lag ein Schädel vor uns dicht;

aus seinen leeren Augen stiegen

verkümmerte Vergißmeinnicht.

 

VIGILIEN

 

I

Die falben Felder schlafen schon,

mein Herz nur wacht allem;

der Abend refft im Hafen schon

sein rotes Segel ein.

Traumselige Vigilie!

Jetzt wallt die Nacht durchs Land;

der Mond, die weiße Lilie,

blüht auf in ihrer Hand.

 

II

Am offnen Stubenfenster lehn ich

und träume in die Nacht hinauf;

das Mondlicht windet silbersträhnig

sich um den schwarzen Kirchturmknauf.

Sehn wenig Welten aus den Fernen

auch durch den engen Hof ins Haus,—

es füllte Licht von zehen Sternen

ein ganzes, dunkles Leben aus.

 

III

Horch, der Schritt der Nacht erstirbt

in der weiten Stille;

meine Schreibtischlampe zirpt

leis wie eine Grille.

Goldig auf dem Bücherstand

glühn der Bände Rücken:

zu der Fahrt ins Feenland

Pfeiler für die Brücken.

 

IV

Sie hat, halb Kind, einst eine Nacht

beim toten Mütterlein verbracht

und hat geweint und hat gewacht;—

dann gingen Jahre, Jahre sacht:

nie hat sie jener Nacht gedacht.

Und dann kam eine andre Nacht.

Da hat von Glut und Sünd entfacht

die rote Lippe Lust gelacht,

doch plötzlich—wie durch höhre Macht

dacht sie der Nacht der Leichenwacht.

 

DEK LETZTE SONNENGRUSS

Zu einem Bilde des Benes Knüpfer

Die Sonne schmolz, die hehre,

ins weiße Meer so heiß.

Zwei Mönche saßen am Meere,

ein blonder und ein Greis.

Der sann: Geh ich einst rasten,

so friedlich mög es sein—

und jener: Des Ruhmes Glasten

sollt mir mein Sterben weihn.

 

KAISER RUDOLF

 

Hoch auf seiner Himmelswarte

über einer Sternenkarte

sitzt der Kaiser Rudolf dort, forschend, ob der langerharrte

Flugstern, der die Weisen narrte,

streifen würde diesen Ort.

Und er fragt den Astrologen,

der am hohen Himmelsbogen

alle Wanderwege weiß:

"Wird von Unglück der betrogen,

den der Stern hineingezogen

in den unheilvollen Kreis?"

Und der Alte weicht ihm leise

aus: "Der Stern zieht seine Gleise,

Herr, im fernen Ätherreich!"

Und gen Süden sieht der Weise;—

und der Kaiser schaut die Kreise

seines Globen, ernst und bleich.—

Und von Süden kommt Verderben,

kommt Matthias.—Eilge Erben

lassen ihm nur den Hradschin;

und der Kaiser spricht im herben

Spott: "Mir bleibt nichts, als zu sterben,

denn schon bin ich tot für 'ihn'.

Alter! Laß den Bück uns heben!

du hast recht, die Sterne schweben

hoch ob allem Erdenbann;

aber—die nach ihnen streben,

knüpfen selbst ihr dunkles Leben

an die lichten Lose an!—"

 

AUS DEM DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGE

Kohlenskizzen in Callots Manier

1. KRIEG

 

Feinster ist die Welt geworden,—

darum Dörfer rasch entloht!

und die Welt ist grau;—drum rot

färbt sie durch das Morden!

Bauer! Bittest um dein Leben?

Nimm dirs! Aber bei uns bleib!

Herrgott hat dir Ochs und Weib

nur für uns gegeben.

Laß den Teufel Felder pflügen;

sieh, wir haben stets genung!

Vorwärts—einen Werbetrunk

aus den vollen Krügen!

 

2. ALEA JACTA EST

 

"... Tod oder Sold!"

Und jetzt die Trommel schnell

her. Auf das Trommelfell

Würfel gerollt.

So wird dem Lohn,

der unsre Streiche sucht.

Sieh, der Baum, reiche Frucht

trägt er doch schon!

Solltest schon längst

hängen dran, Kamerad!

Drum ists nicht jammerschad,

wenn du dann hängst!

 

3. KRIEGSKNECHTS-SANG

 

Lag auf einer Trommel nackt,

kaum zwei Spannen lang,

und der rauhe Trommeltakt

war mein Wiegensang.

Wild zu wettern taugte ich

damals schon im Zorn,

meine Milch, die saugte ich

aus dem Pulverhorn.

Damals taufte jeden gut

der Korp'ral; beim Schopf

nahm er ihn, goß Schwedenblut

heiß ihm übern Kopf.

 

4. KRIEGSKNECHTS-RANG

 

Bei uns gibts nicht Edelinge,

die was gelten durch ihr Blut, jedes Rang ist jedes Klinge,

und sein Wappen ist der Mut.

Wer nur immer kühn sein Schwert

hält den Schild von Schande rein,

wer noch gestern unterm Heer zog,

Herzog kann er morgen sein.

 

5. BEIM KLOSTER

 

Was gibts?—Eine Klosterpforte?—

Ei, Potz Blitz!

Eine Tür von dieser Sorte

renn ich ohne viele Worte

ein mit meiner Nasenspitz!

Auf das Tor ein fester Stempel....

Pfaffe, komm!

Jetzt heraus mit deinem Krempel,

paar Monstranzen zum Exempel

und paar Kelche: wir sind fromm.

Laß jetzt dein: Peccavi, pater....

Leucht zum Wein

uns mit deiner Nase, frater,

dorten kannst du uns ein Rater,

und ein "Seelensorger" sein!

 

6. BALLADE

 

Gestern zogen wilde Horden durch das Dörfchen hin mit Morden,

und ein Mädchen sinnt jetzt still:

Ist der Liebste untreu worden,

weil er heut nicht kommen will?—

Draußen schrien die Dohlen.

Mädchen ging mit bleicher Wange

durch das Haus.—Sie harrte lange,

und des Nachts floh sie der Schlaf.

Und sie schlich hinaus zum Hange,

wo sie stets den Teuren traf.

Ängstlich schrien die Dohlen.

Und die Nacht war schwarz, die schwüle,

fern nur brannte eine Mühle....

Weinend wählt die matte Maid

sich gar weiches Kraut zum Pfühle

und entschlief in lauter Leid.

Schrieen noch die Dohlen?

Spät erwacht sie. Nebel grauten

rings—soweit die Augen schauten....

Weh!—Was sie ein Kraut geglaubt,

ist das Haar an ihres Trauten

blutigem, zerschelltem Haupt.—

Schrecklich schrien die Dohlen.

 

7. DER FENSTERSTURZ

 

"Naht Verrat mit leisem Schritte,

ungerächt, bei der Madonna,

bleibt er nicht! Nach alter Sitte

zu den Fenstern!" schrie Colonna.

"Schont den Popel! doch die andern, jeder eine feige Natter,

aus den Fenstern laßt sie wandern!

Mitleid?—Werft ihn mit, den Platter!"

Bange hangt am Fensterstocke

Martinitz noch.—Da Geröchel:

Turn schwingt seine Degenglocke

und zerschmettert ihm die Knöchel.

Und zum nächsten: "Sag, wie heißt er,

Böhmens Herr? du sollst mirs deuten!"

"Graf von Turn!"—"Der Bürgermeister

lasse alle Glocken läuten!"—

 

8. GOLD

 

"Dein Wams, Geliebter, ist voll Gold.

Wo hast das Gold du her?"—

"Da schaust du, Kind, das ist mein Sold,

kein Obrist hat wohl mehr!"

"Nein, das ist gutes, rotes Gold,

das kann dein Sold nicht sein!"

"Beim Spielen war das Glück mir hold,

und da ward alles mein!"

"Ist wirklich alles dein—das Gold,

gesteh,—und ists kein Trug?"—

"Nun, Würfel haben mit gerollt

und jetzt laß es genug!"

"Und gibst du mir auch von dem Gold?"

"Das weißt du!"—"Nein, du Schelm,

just auf der Stelle, sieh, ich wollt,

du füllst mir deinen Helm!"

"Es sei!"—"Wies durch die Finger bebt,

der Glanz gefällt mir gut!—

 

... Schau, was dir da am Finger klebt,

kam das vom Golde?—Blut!"—....

 

9. SZENE

 

Du kniest am Markstein, Alter, sprich!—

Das ist kein Heilgenbild!"

"Kein Bild?—Ich bet.—Es faßte mich

das Schicksal gar so wild."

"Hast du kein Haus, hast du kein Land,

das deiner Hände braucht?"

"Das Land zerstampft, das Haus verbrannt,

sieh hin—gewiß—es raucht."

"Was bauts nicht wieder auf dein Sohn

und hilft dir aus der Not?"

"Mein Sohn zog in den Krieg davon,

jetzt ist er sicher tot."—

"Was streicht dir deines Haares Schnee

der Tochter Hand nicht, weich?"—

"Der bracht ein Troßbub Schand und Weh,

da sprang sie in den Teich."—

"So sieh mir ins Gesicht!—Und brach

das Herz dir auch vor Graus...."

"Ich kann nicht, Herr, ein Kriegsknecht stach

mir beide Augen aus."

 

10. FEUERLILIE

 

Winters, ab die Äste krachten,

keine Bäche konnten frieren,

weil die Fluten Blutes ihren

Pulsschlag immer neu entfachten.

Als die Zeit kam, da die Blume

aufwacht und der Vogel flötet,

sprang die Lilie selbst gerötet

aus der todgedüngten Krume.

 

11. BEIM FRIEDLAND

 

Heimgekehrt von Schlacht und Schlag

freut sich Obrist und Gemeiner;

denn jetzt hält der Wallensteiner

wieder seinen Hof zu Prag.

Just ließ frei den Turn er ziehn;

das war so von seinen Trümpfen

einer.—Drauf ward Nasenrümpfen

Mode ... dort bei Hof zu Wien.

Laßt sie zetern. Friedlands Heer

muß nicht darben und nicht dürsten,—

und aus Knechten macht er Fürsten,

unser Herzog.—Wer kann mehr?

 

12. FRIEDEN

 

Prag gebar die Mißgestalt

dieses Krieges, der voll Tücke

hauste.—Auf der Karlsbrücke

starb er, dreißig Jahre alt.

Endlich riß das Eisenstück

nur dem Acker eine Schramme,

und vom Kirchturm schlug die Flamme

in den trauten Herd zurück.

 

BEI DEN URSULINEN

 

Geh mittags zu den Ursulinen,

wenn man den Armen Speise trug,

da siehst du, wie in müde Mienen

die Not schrieb ihren Namenszug.

Da siehst du Stirnen, die schon frühe

des Schmerzes Eisenreif umschloß,

und Wangen, die der Dunst der Brühe

mit falscher Röte übergoß.

Du hörst, wie leisem Dankesworte

sich Fluch bald, bald Gebet gesellt:

so brandet an der Klosterpforte

das ganze Elend dieser Welt.

AUS DER KINDERZEIT

 

Sommertage auf der "Golka"....

Ich, ein Kind noch—Leise her,

aus dem Gasthaus klingt die Polka,

und die Luft ist sonnenschwer.

Sonntag ists.—Es liest Helene

lieb mir vor.—Im Lichtgeglänz

ziehn die Wolken, wie die Schwäne

aus dem Märchen Andersens.

Schwarze Fichten stehn wie Wächter

bei der Wiesen buntem Schatz;

von der Straße dringt Gelächter

bis zu unserm Laubenplatz.

An die Mauer lockt uns beide

mancher laute Jubelschrei:

drunten geht im Feierkleide

Paar um Paar zum Tanz vorbei.

Bunt und selig, Bursch und Holka,

Glück und Sonne im Gesicht!—

Sommertage auf der "Golka",—

und die Luft war voller Licht....

 

RABBI LÖW

 

"WESER Rabbi, hoher Liva, hilf uns aus dem

Bann der Not;

heut gibt uns Jehova Kinder, morgen raubt sie uns

der Tod.

Schon faßt Beth Chaim nicht die Scharen, und

kaum hat der Leichenwart

eins bestattet, nahen andre Tote; Rabbi, das

ist hart."

Und der Rabbi; "Geht und schickt mir einen

Bocher rasch herein—"

So geschiehts; "Wagst du nach Beth Chaim diese

Nacht dich ganz allein;"

"Du befiehlst es, weiser Meister?" "Gut, so hör,

um Mitternacht

tanzen all die Kindergeister auf den grauen

Steinen sacht.

Birg dich dorten im Gebete, und wenn Furcht dein

Herz beklemmt,

Streif sie ab: Du raubst dem nächsten Kinde kühn

sein Leichenhemd,

raubst es,—bringst es her im Fluge, her zu mir!

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