Erste Gedichte

Rainer Maria Rilke · Kapitel 2 von 2 · Teil 2/3

PDF-Seiten

Erste Gedichte

Erste Gedichte

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Begreifst du wohl?"

"Wie du heißest tun mich, Meister, tu ich!" klingt

die Antwort hohl.

 

Mitternacht und Mondgegleiße,—

... und es stürzt der totenblasse

Bocher bebend durch die Gasse,

in der Hand das Hemd, das weiße.

Da jetzt ... sind das seine Schritte?...

Jach kehrt er zurück das bleiche

Antlitz: weh, die Kindesleiche,

folgt ihm nach, im Aug die Bitte:

"... Gib das Linnen, ohne Linnen

lassen mich nicht ein die Geister...."

Und der Bocher, halb von Sinnen,

reicht es endlich seinem Meister.

Und schon naht der Geist mit Klagen....

"Sag, was sterben hundert binnen

Tagen?—Kind, du mußt es sagen,

früher darfst du nicht von hinnen."

So der Rabbi.—"Wehe, wehe,"

ruft der Geist, "aus unserm Stamme

haben zwei entehrt der Ehe

keusche, reine Altarflamme!

Hier die Namen!—Sucht nicht fremde

Ursach, daß euch Tod beschieden...."

Und der Rabbi reicht das Hemde

jetzt dem Kinde: "Zieh in Frieden!"

Kaum, daß aus dem Nachtkelch maijung

stieg der Tag in rosgem Licht,

hielt der Rabbi schon Gericht,—

und der Unschuld ward Befreiung.

Mit der Geißel des Gesetzes

brandmarkt er die Sünderstirn;—

langsam löste jedes Hirn

ich vom Bann des Fluchgenetzes.

Manches Paar war da erschienen,

dankerfüllt, daß Gott verzieh,

und der Weise segnet sie.—

Freude lag auf aller Mienen.

Nur der Bocher warf, der bleiche,

sich im Fieber hin und her....

Doch nach Beth Chaim lange mehr

trug man keine Kindesleiche.

DIE ALTE UHR

 

Bald hättest, alte Rathausuhr,

du nimmer dürfen Stunden weisen;

sie hätten bald in altem Eisen

versplittert deine letzte Spur.

Der Geizhals hart zum letztenmal

sein Haupt gewiegt in starrem Trotzen,

zum letztenmal der Tod mit Glotzen

geschwungen seinen Sensenstahl.

Dann hätt der Hahn auch ausgekräht.

Und heut noch kräht er; freilich heiser,

noch nickt der Geizhals fort, und leiser

droht ihm des Todes Majestät.

 

KÄMPFEN

 

I

Ein heißer Eid, ein gramerpreßter,

der leicht von jungen Lippen rinnt,

der machte zur barmherzgen Schwester

fast über Nacht ein blondes Kind.

Des jungen Lebens Wellen fließen

fortan durch Krankenstuben still;

es träumt ihr Herz noch vom Genießen,

wenn auch das Aug es leugnen will.

Denn mit der Strenge der Asketen

drängt sie zurück, was in ihr quillt,

und geht um Kraft nach Emaus beten zum wunderstarken Gnadenbild.

 

SIEGEN

 

II

Der Tag beginnt sich kaum zu lichten;

"Heut sei im Glauben stark wie nie

und geh mit Gott an deine Pflichten:

Es ist ein Fall von Diphtherie...."

Sie pflegt und küßt den kleinen Kranken,

und doch packt ihn der Tod beim Hals....

Spät rafft sie auf sich, heimzuwanken,

erfröstelnd in dem Schutz des Schals.

Als man vorbei beim Kloster gestern

den Kleinen trug ins Bett von Lehm,

klang aus der "Kirche von den Schwestern"

ganz leis ein Totenrequiem....

 

IM HERBST

 

Ein Riesenspinngewebe, zieht

Altweibersommer durch die Welt sich;—

und der Laurenziberg gefällt sich

im goldig-bläulichen Habit.

Weil er so mild herübersieht,

sucht müd, gestützt auf Strahlenkrücken,

die Sonne hinter seinem Rücken schon frühe ihr Valladolid.

 

DER KLEINE "DRATENÍK"

 

Kommt so ein Bursche, ein junger,

Mausfallen, Siebe am Rücken,

folgt mir durch Gassen und Brücken:

"Herr, ich hab 'türkischen Hunger'.

Nur einen Krajcar, nur einen

für ein Stück Brot, milost' pánků!"

Da!—Und er stammelt mir Dank zu,

doch läßt nicht Ruh er den Beinen.

Lebt nicht von bloßem Gelunger.—

Riecht an den Türen den Braten

und muß die Pfannen doch drahten—

leer:—das macht 'türkischen Hunger'.

 

IN DER VORSTADT

 

Die Alte oben mit dem heisern Husten,

ja, die ist tot.—Wer war sie?—Du mein Gott,

sie gab uns nichts,—ihr gab man Hohn und Spott.... Kaum, daß die Leute ihren Namen wußten.

Und unten stand der schwarze Kastenwagen.

Die letzte Klasse; als der Totenschrein

sich spreizte, stieß man fluchend ihn hinein,

und dann ward rauh die Türe zugeschlagen.

Der Kutscher hieb in seine magern Mähren

und fuhr im Trab so leicht zum Friedhof hin,

als wenn da nicht ein ganzes Leben drin

voll Weh und Glück und tote Träume waren.

 

BEI ST. HEINRICH

 

Hart am Kirchenaltargitter,

wo die Ampel flammt, die matte,

schlaft ein alter, alter Ritter

unter grauer Wappenplatte.

Lebend hielt er hoch sein Wappen,

sorgte immer für sein Blinken;—

weiß er, daß mit schmutzgen Schlappen

alte Weiber drüber hinken?

 

MITTELBÖHMISCHE LANDSCHAFT

 

Fern dämmert wogender Wälder

beschatteter Saum.

Dann unterbricht

nur hie und da ein Baum

die falbe Fläche hoher Ährenfelder.

Im hellsten Licht

keimt die Kartoffel; dann

ein wenig weiter Gerste, bis der Tann

das Bild begrenzt.

Hoch überm Jungwald glänzt

so goldig-rot ein Kirchturmkreuz herüber

aus Fichten ragt der Hegerhütte Bau;—

und drüber

wölbt sich ein Himmel, blank und blau.

 

DAS HEIMATLIED

 

Vom Feld klingt ernste Weise;

weiß nicht, wie mir geschieht....

"Komm her, du Tschechenmädchen,

sing mir ein Heimatlied."—

Das Mädchen läßt die Sichel,

ist hier mit Husch und Hui,—

setzt nieder sich am Feldrain

und singt: "Kde domov můj"....

Jetzt schweigt sie still. Voll Tränen

das Aug mir zugewandt,—

nimmt meine Kupferkreuzer

und küßt mir stumm die Hand.

 

TRAUMGEKRÖNT

(1897)

 

KÖNIGSLIED

 

Darfst das Leben mit Würde ertragen,

nur die Kleinlichen macht es klein;

Bettler können dir Bruder sagen,

und du kannst doch ein König sein.

Ob dir der Stirne göttliches Schweigen

auch kein rotgoldener Reif unterbrach,—

Kinder werden sich vor dir neigen,

selige Schwärmer staunen dir nach.

Tage weben aus leuchtender Sonne

dir deinen Purpur und Hermelin,

und, in den Händen Wehmut und Wonne,

liegen die Nächte vor dir auf den Knien....

 

TRÄUMEN

 

I

Mein Herz gleicht der vergessenen Kapelle;

auf dem Altare prahlt ein wilder Mai.

Der Sturm, der übermütige Geselle,

brach längst die kleinen Fenster schon entzwei;

er schleicht herein jetzt bis zur Sakristei

und zerrt dort an der Ministrantenschelle.

Der schrillen Glocken zager Sehnsuchtsschrei

ruft zu der längst entwöhnten Opferstelle

den arg erstaunten fernen Gott herbei.

Da lacht der Wind und hüpft durchs Fenster frei. Doch der Erzürnte packt des Klanges Welle

und schmettert an den Fliesen sie entzwei.

Und arme Wünsche knien in langer Reih

vorm Tor und betteln an vermooster Schwelle.

Doch längst schon geht kein Beter mehr vorbei.

II

Ich denke an:

—Ein Dörfchen schlicht in des Friedens Prangen, drin Hahngekräh;

und dieses Dörfchen verloren gegangen

im Blütenschnee.

Und drin im Dörfchen mit Sonntagsmienen

ein kleines Haus;

ein Blondkopf nickt aus den Tüllgardinen

verstohlen heraus.

Rasch auf die Türe, die angelheiser

um Hilfe ruft,—

und dann in der Stube ein leiser, leiser

Lavendelduft....

 

III

Mir ist: ein Häuschen wär mein eigen;

vor seiner Türe saß ich spät,

wenn hinter violetten Zweigen

bei halb verhalltem Grillengeigen

die rote Sonne sterben geht.

Wie eine Mütze grünlich-samten

steht meinem Haus das moosge Dach,

und seine kleinen, dickumrammten

und blank verbleiten Scheiben flammten

dem Tage heiße Grüße nach.

Ich träumte, und mein Auge langte

schon nach den blassen Sternen hin,—

vom Dorfe her ein Ave bangte,

und ein verlorner Falter schwankte im schneeig schimmernden Jasmin.

Die müde Herde trollte trabend

vorbei, der kleine Hirte pfiff,—

und in die Hand das Haupt vergrabend,

empfand ick, wie der Feierabend

in meiner Seele Saiten griff.

 

IV

Eine alte Weide trauert

dürr und fühllos in den Mai,—

eine alte Hütte kauert

grau und einsam hart dabei.

War ein Nest einst in der Weide,

in der Hütt ein Glück zu Haus;

Winter kam und Weh,—und beide

blieben aus....

 

V

Die Rose hier, die gelbe,

gab gestern mir der Knab,

heut trag ich sie, dieselbe,

hin auf sein frisches Grab.

An ihren Blättern lehnen

noch lichte Tröpfchen,—schau!

Nur heute sind es Tränen,—

und gestern war es Tau....

VI

Wir saßen beisammen im Dämmerlichte.

"Mütterchen", schmeichelteich, "nicht wahr,

du erzählst mir noch einmal die schöne Geschichte von der Prinzessin mit goldnem Haar?"—

Seit Mütterchen tot ist, durch dämmernde Tage

führt mich die Sehnsucht, die blasse Frau;

und von der schonen Prinzessin die Sage

weiß sie wie Mütterchen ganz genau....

 

VII

Ich wollt, sie hätten statt der Wiege

mir einen kleinen Sarg gemacht,

dann wär mir besser wohl, dann schwiege

die Lippe längst in feuchter Nacht.

Dann hätte nie ein wilder Wille

die bange Brust durchzittert,—dann

wärs in dem kleinen Körper stille,

so still wie's niemand denken kann.

Nur eine Kinderseele stiege

zum Himmel hoch so sieht,—ganz sacht....

Was haben sie mir statt der Wiege

nicht einen kleinen Sarg gemacht?—

 

VIII

Jene Wolke will ich neiden,

die dort oben schweben darf!

Wie sie auf besonnte Heiden

ihre schwarzen Schatten warf.

Wie die Sonne zu verdüstern

sie vermochte kühn genug,

wenn die Erde lichteslüstern

grollte unter ihrem Flug.

All die goldnen Strahlenfluten

jener Sonne wollt auch ich

hemmen! Wenn auch für Minuten!

Wolke! Ja, ich neide dich!

 

IX

Mir ist: Die Welt, die laute, krank

hat jüngst zerstört ein jäh Zerstleben

und mir nur ist der Weltgedanke,

der große, in der Brust geblieben.

Denn so ist sie, wie ich sie dachte;

ein jeder Zwiespalt ist vertost:

auf goldnen Sonnenflügeln sachte

umschwebt mich grüner Waldestrost.

 

X

Wenn das Volk, das drohnenträge,

trabt den altvertrauten Trott,

möcbt ich weiße Wandelwege

wallen durch das Duftgehege

ernst und einsam wie ein Gott.

Wandeln nach den glanzdurchsprühten

Fernen, lichten Lohns bewußt;—

um die Stirne kühle Blüten

und von kinderkeuschen Mythen

voll die sabbatstille Brust.

 

XI

Weiß ich denn wie mir geschieht?

In den Lüften Düftequalmen

und in bronzebraunen Halmen

ein verlornes Grillenlied.

Auch in meiner Seele klingt

tief ein Klang, ein traurig-lieber,—

so hört wohl ein Kind im Fieber,

wie die tote Mutter singt.

 

XII

Schon blinzt aus argzerfetztem Laken

der holde, keusche Götternacken

der früherwachenden Natur,

und nur in tiefentiegnen Talen

zeigt hinter violetten, kahlen

Gebüschen sich mit falschem Prahlen

des Winters weiße Sohlenspur.

Hin geh ich zwischen Weidenbäumen

an nassen Räderrinnensäumen

den Fahrweg, und der Wind ist mild.

Die Sonne prangt im Glast des Märzen und zündet an im dunkeln Herzen

der Sehnsucht weiße Opferkerzen

vor meiner Hoffnung Gnadenbild.

 

XIII

Fahlgrauer Himmel, von dem jede Farbe

bange verblich.

Weit—ein einziger lohroter Strich

wie eine brennende Geißelnarbe.

Irre Reflexe vergehn und erscheinen.

Und in der Luft

liegts wie ersterbender Rosenduft

und wie verhaltenes Weinen....

 

XIV

Die Nacht liegt duftschwer auf dem Parke,

und ihre Sterne schauen still,

wie schon des Mondes weiße Barke

im Lindenwipfel landen will.

Fern hör ich die Fontäne hallen

ein Märchen, das ich längst vergaß,—

und dann ein leises Apfelfallen

ins hohe, regungslose Gras.

Der Nachtwind schwebt vom nahen Hügel

und trägt durch alte Eichenreihn

auf seinem blauen Faltcrflügel

den schweren Duft vom jungen Wein.

XV

Im Schoß der silberhellen Schneenacht

dort schlummert alles weit und breit,

und nur ein ewig wildes Weh wacht

in einer Seele Einsamkeit.

Du fragst, warum die Seele schwiege,

warum sies in die Nacht hinaus

nicht gießt?—Sie weiß, wenns ihr entstiege,

es löschte alle Sterne aus.

 

XVI

Abendläuten. Aus den Bergen hallt es

wieder neu zurück in immer mattern

Tönen. Und ein Lüftchen fühlst du flattern

von dem grünen Talgrund her, ein kaltes.

In den weißen Wiesenquellen lallt es

wie ein Stammeln kindischen Gebetes;

durch den schwarzen Tannenhochwald geht es

wie ein Dämmern, ein jahrhundertaltes.

Durch die Fuge eines Wolkenspaltes

wirft der Abend rote Blutkorallen

nach den Felsenwänden.—Und sie prallen

lautlos von den Schultern des Basaltes.

 

XVII

Weltenweiter Wandrer walle fort in Ruh....

also kennt kein andrer

Menschenleid wie du.

Wenn mit lichtem Leuchten

du beginnst den Lauf,

schlägt der Schmerz die feuchten

Augen zu dir auf.

Drinnen liegt—als riefen

sie dir zu: versteh!—

tief in ihren Tiefen

eine Welt voll Weh....

Tausend Tränen reden

ewig ungestillt,

und in einer jeden

spiegelt sich dein Bild!

 

XVIII

 

Möchte mir ein blondes Glück erkiesen;

doch vom Sehnen bin ich müd und Suchen.—

Weiße Wasser gehn in stillen Wiesen,

und der Abend blutet in die Buchen.

Mädchen wandern heimwärts. Rot im Mieder

Rosen; ferneher verklingt ihr Lachen....

Und die ersten Sterne kommen wieder

und die Träume, die so traurig machen.

 

XIX

Vor mir liegt ein Felsenmeer,

Sträucher, halb im Schutt versunken,

Todesschweigen.—Nebeltrunken

hangt der Himmel drüber her.

Nur ein matter Falter schwirrt

rastlos durch das Land, das kranke....

Einsam, wie ein Gottgedanke

durch die Brust des Leugners irrt.

 

XX

Die Fenster glühten an dem stillen Haus,

der ganze Garten war voll Rosendüften.

Hoch spannte über weißen Wolkenklüften

der Abend in den unbewegten Lüften

die Schwingen aus.

Ein Glockenton ergoß sich auf die Au....

Lind wie ein Ruf aus himmlischen Bezirken,

Und heimlich über flüstervollen Birken

sah ich die Nacht die ersten Sterne wirken

ins blasse Blau.

 

XXI

Es gibt so wunderweiße Nächte,

drin alle Dinge Silber sind.

Da schimmert mancher Stern so lind,

als ob er fromme Hirten brächte

zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Demantstaube bestreut, erscheinen Flur und Flut,

und in die Herzen, traumgemut,

steigt ein kapellenloser Glaube,

der leise seine Wunder tut.

 

XXII

Wie eine Riesenwunderblume prangt

voll Duft die Welt, an deren ßlütenspelze,

ein Schmetterling mit blauem Schwingenschmelze, die Mainacht hangt.

Nichts regt sich; nur der Silberfühler blinkt....

Dann trägt sein Flügel ihn, sein frühverblaßter,

nach Morgen, wo aus feuerroter Aster

er Sterben trink....

 

XXIII

Wie, jegliches Gefühl vertiefend,

ein süßer Drang die Brust bewegt,

wenn sich die Mainacht, sternetriefend,

auf mäuschenstille Plätze legt—

Da schleichst du hin auf sachter Sohle

und schwärmst zum blanken Blau hinauf,

und groß wie eine Nachtviole

geht dir die dunkle Seele auf....

 

XXIV

O gäbs doch Sterne, die nicht bleichen, wenn schon der Tag den Ost besäumt;

von solchen Sternen ohnegleichen

hat meine Seele oft geträumt.

Von Sternen, die so milde blinken,

daß dort das Auge landen mag,

das müde ward vom Sonnetrinken

an einem goldnen Sommertag.

Und schlichen hoch ins Weltgetriebe

sich wirklich solche Sterne ein,—

sie müßten der verborgnen Liebe

und allen Dichtern heilig sein.

 

XXV

Mir ist so weh, so weh, als müßte

die ganze Welt in Grau vergehn,

als ob mich die Geliebte küßte

und sprach: Auf Nimmerwiedersehn.

Als ob Ich tot wär und im Hirne

mir dennoch wühlte wilde Qual,

weil mir vom Hügel eine Dirne

die letzte, blasse Rose stahl....

 

XXVI

Matt durch der Tale Gequalme wankt

Abend auf goldenen Schuhn,—

Falter, der träumend am Halme hangt,

weiß nichts vor Wonne zu tun.

Alles schlürft hei! an der Stille sich.—

Wie da die Seele sich schwellt,

daß sie als schimmernde Hülle sich

legt um das Dunkel der Welt.

 

XXVII

Ein Erinnern, das ich heilig heiße,

leuchtet mir durchs innerste Gemüt,

so wie Götterbildermarmorweiße

durch geweihter Haine Dämmer glüht.

Das Erinnern einstger Seligkeiten,

das Erinnern an den toten Mai,—

Weihrauch in den weißen Händen, schreiten

meine stillen Tage dran vorbei....

 

XXVIII

Glaubt mir, daß ich, matt vom Kranken,

keinen lauten Lenz mehr mag,—

will nur einen sonnenblanken,

wipfelroten Frühherbsttag.

Will die Lust, die jubelschrille,

nicht mehr in die Brust zurück,—

will nur Sterbestübenstille

drinnen—für mein totes Gluck.

LIEBEN

 

I

 

Und wie mag die Liebe dir kommen sein?

Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschnein,

kam sie wie ein Beten?—Erzähle:

Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los und hing mit gefalteten Schwingen groß

an meiner blühenden Seele....

 

II

 

Das war der Tag der weißen Chrysanthemen,—

mir bangte fast vor seiner schweren Pracht....

Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen tief in der Nacht.

Mir war so bang, und du kamst lieb und leise,— ich hatte grad im Traum an dich gedacht.

Du kamst, und leis wie eine Märchenweise

erklang die Nacht....

 

III

 

Einen Maitag mit dir beisammen sein,

und selbander verloren ziehn

durch der Blüten duftqualmende Flammenreihn

zu der Laube von weißem Jasmin.

Und von dorten hinaus in den Maiblust schaun, jeder Wunsch in der Seele so still....

Und ein Glück sich mitten in Mailust baun,

ein großes,—das ists, was ich will....

 

IV

 

Ich weiß nicht, wie mir geschieht....

Weiß nicht, was Wonne ich lausche,

mein Herz ist fort wie im Rausche,

und die Sehnsucht ist wie ein Lied.

Und mein Mädel hat fröhliches Blut

und hat das Haar voller Sonne

und die Augen von der Madonne,

die heute noch Wunder tut.

 

V

 

Ob dus noch denkst, daß ich dir Äpfel brachte

und dir das Goldhaar glatt strich leis und lind?

Weißt du, das war, als ich noch gerne lachte,

und du warst damals noch ein Kind.

Dann ward ich ernst. In meinem Herzen brannte ein junges Hoffen und ein alter Gram....

Zur Zeit, als einmal dir die Gouvernante

den "Werther" aus den Händen nahm.

Der Frühling rief. Ich küßte dir die Wangen,

dein Auge sah mich groß und selig an.

Das war ein Sonntag. Ferne Glocken klangen,

und Lichter gingen durch den Tann....

 

VI

Wir saßen beide in Gedanken

im Weinblattdämmcr—du und ich—

und über uns in duftgen Ranken

versummte wo ein Hummel sich.

Reflexe hielten, bunte Kreise,

in deinem Haare flüchtig Rast....

Ich sagte nichts als einmal leise:

"Was du für schöne Augen hast."

 

VII

Blondköpfchen hinter den Scheiben

hebt es sich ab so fein,—

sternt es ins Stäubchentreiben

oder zu mir herein?

Ist es das Köpfchen, das liebe,

das mich gefesselt hält,

oder das Staubchengetriebe

dort in der sonnigen Welt?

Keins sieht zum andern hinüber.

Heimlich, die Stirne voll Ruh

schreitet der Abend vorüber....

Und wir? Wir sehn ihm halt zu.—

 

VIII

 

Die Liese wird heute just sechzehn Jahr.

Sie findet im Klee einen Vierung....

Fern drängt sichs wie eine Bubenschar:

die Löwenzähne mit blondem Haar

betreut vom sternigen Schierling.

Dort hockt hinterm Schierling der Riesenpan,

der strotzige, lose Geselle.

Jetzt sieht er verstohlen die Liese nahn

und lacht und wälzt durch den Wiesenplan

des Windes wallende Welle....

 

IX

 

Ich träume tief im Weingerank

mit meiner blonden Kleinen;

es bebt ihr Händchen, elfenschlank,

im heißen Zwang der meinen.

So wie ein gelbes Eichhorn huscht

das Licht hin im Reflexe,

und violetter Schatten tuscht

ins weiße Kleid ihr Kleckse.

In unsrer Brust liegt glückverschneit

goldsonniges Verstummen.

Da kommt in seinem Sammerkleid

ein Hummel Segen summen....

 

X

 

Es ist ein Weltmeer voller Lichte,

das der Geliebten Aug umschließt,

wenn von der Flut der Traumgesichte

die keusche Seele überfließt.

Dann beb ich vor der Wucht des Schimmers

so wie ein Kind, das stockt im Lauf,

geht vor der Pracht des Christbaumzimmers

die Flügeltüre lautlos auf.

XI

 

Ich war noch ein Knabe. Ich weiß, es hieß:

Heut kommt Base Olga zu Gaste.

Dann sah ich dich nahn auf dem schimmernden Kies ins Kleidchen gepreßt, ins verblaßte.

Bei Tisch saß man später nach Ordnung und Rang und frischte sich mäßig die Kehle;

und wie mein Glas an das deine klang,

da ging mir ein Riß durch die Seele.

Ich sah dir erstaunt ins Gesicht und vergaß

mich dem Plaudern der andern zu einen,

denn tief im trockenen Halse saß

mir würgend ein wimmerndes Weinen.

Wir gingen im Parke.—Du sprachst vom Glück

und küßtest die Lippen mir lange,

und ich gab dir fiebernde Küsse zurück

auf die Stirne, den Mund und die Wange.

Und da machtest du leise die Augen zu,

die Wonne blind zu ergründen....

Und mir ahnte im Herzen: da wärest du

am liebsten gestorben in Sünden....

 

XII

 

Die Nacht im Silberfunkenkleid

streut Trâume eine Handvoll,

die füllen mir mit Trunkenheit

die tiefe Seele randvoll.

Wie Kinder eine Weihnacht sehn voll Glanz und goldnen Nüssen,—

seh ich dich durch die Mainacht gehn

und alle Blumen küssen.

 

XIII

Schon starb der Tag. Der Wald war zauberhaft,

und unter Farren bluteten Zyklamen,

die hohen Tannen glühten, Schaft bei Schaft,

es war ein Wind,—und schwere Düfte kamen.

Du warst von unserm weiten Weg erschlafft,

ich sagte leise deinen süßen Namen:

Da bohrte sich mit wonnewilder Kraft

aus deines Herzens weißem Liliensamen

die Feuerlilie der Leidenschaft.

Rot war der Abend—und dein Mund so rot,

wie meine Lippen sehnsuchtheiß ihn fanden,

und jene Flammen, die uns jäh durchloht,

sie leckten an den neidischen Gewanden....

Der Wald war stille, und der Tag war tot.

Uns aber war der Heiland auferstanden,

und mit dem Tage starben Neid und Not.

Der Mond kam groß an unsern Hügeln landen,

und leise stieg das Glück aus weißem Boot.

 

XIV

Es leuchteten im Garten die Syringen,

von einem Ave war der Abend voll,—

da war es, daß wir voneinander gingen

in Gram und Groll.

Die Sonne war in heißen Fieberträumen

gestorben hinter grauen Hängen weit,

und jetzt verglomm auch hinter Blütenbäumen

dein weißes Kleid.

Ich sah den Schimmer nach und nach vergehen

und bangte bebend wie ein furchtsam Kind,

das lange in ein helles Licht gesehen:

Bin ich jetzt blind?—

 

XV

Oft scheinst du mir ein Kind, ein kleines,—

dann fühl ich mich so ernst und alt,—

wenn nur ganz leis dein glockenreines

Gelächter in mir widerhallt.

Wenn dann in großem Kinderstaunen

dein Auge aufgeht, tief und heiß,—

möcht ich dich küssen und dir raunen

die schönsten Märchen, die ich weiß.

 

XVI

Nach einem Glück ist meine Seele lüstern,

nach einem kurzen, dummen Wunderwahn....

Im Quellenquirlen und im Föhrenflüstern

da hör ichs nahn....

Und wenn von Hügeln, die sich purpurn säumen, in bleiche Bläue schwimmt der Silberkahn,—

dann unter schattenschweren Blütenbäumen

seh ich es nahn.

In weißem Kleid; so wie das Lieb, das tote,

am Sonntag mit mir ging durch Staub und Strauch, am Herzen jene Blume nur, die rote,

trug es die auch?...

 

XVII

Wir gingen unter herbstlich bunten Buchen,

vom Abschiedsweh die Augen beide rot...

"Mein Liebling, komm, wir wollen Blumen suchen." Ich sagte bang: "Die sind schon tot."

Mein "Wort war lauter Weinen.—In den Äthern

stand kindisch lächelnd schon ein blasser Stern.

Der matte Tag ging sterbend zu den Vätern,

und eine Dohle schrie von fern—

 

XVIII

Im Frühling oder im Traume

bin ich dir begegnet, einst,

und jetzt gehn wir zusamm durch den Herbsttag, und du drückst mir die Hand und weinst.

Weinst du ob der jagenden Wolken?

Ob der blutroten Blätter? Kaum.

Ich fühl es: du warst einmal glücklich

im Frühling oder im Traum....

 

XIX

Sie hatte keinerlei Geschichte,

ereignislos ging Jahr um Jahr—

auf einmal kams mit lauter Lichte....

die Liebe oder was das war.

Dann plötzlich sah sies bang zerrinnen,

da liegt ein Teich vor ihrem Haus....

So wie ein Traum scheints zu beginnen,

und wie ein Schicksal geht es aus.

 

XX

Man merkte: der Herbst kam. Der Tag war schnell erstorben im eigenen Blute.

Im Zwielicht nur glimmte die Blume noch grell

auf der Kleinen verbogenem Hute.

Mit ihrem zerschlissenen Handschuh strich

sie die Hand mir schmeichelnd und leise.—

Kein Mensch in der Gasse als sie und ich....

Und sie bangte: Du reisest? "Ich reise".

Da stand sie, das Köpfchen voll Abschiedsnot

in den Stoff meines Mantels vergrabend....

Vom Hütchen nickte die Rose rot,

und es lächelte müde der Abend.

 

XXI

Manchmal da ist mir: Nach Gram und Müh

will mich das Schicksal noch segnen,

wenn mir in feiernder Sonntagsfrüh

lachende Mädchen begegne....

Lachen hör ich sie gerne.

Lange dann liegt mir das Lachen im Ohr,

nie kann ichs, wähn ich, vergessen...

Wenn sich der Tag hinterm Hange verlor,

will ich mirs singen ... Indessen

singens schon oben die Sterne....

 

XXII

Es ist lang,—es ist lang....

wann—weiß ich gar nimmer zu sagen....

eine Glocke klang, eine Lerche sang—

und ein Herz hat so selig geschlagen.

Der Himmel so blank überm Jungwaldhang, der Flieder hat Blüten getragen,—

und im Sonntagskleide ein Mädchen, schlank,

das Auge voll staunender Fragen....

Es ist lang,—es ist lang....

 

ADVENT

(1898)

 

ADVENT

 

Es treibt der Wind im Winterwalde

die Flockenherde wie ein Hirt,

und manche Tanne ahnt, wie balde

sie fromm und lichterheilig wird,

und lauscht hinaus. Den weißen Wegen

streckt sie die Zweige hin—bereit,

und wehrt dem Wind und wächst entgegen

der einen Nacht der Herrlichkeit.

 

GABEN

AN VERSCHIEDENE FREUNDE

 

Das ist mein Streit:

Sehnsuchtgeweiht

durch alle Tage Sehweifen,

Dann, stark und breit,

mit tausend Wurzelstreifen

rief in das Leben greifen—

und durch das Leid

weit aus dem Leben reifen,

weit aus der Zeit!

 

Du meine heilige Einsamkeit,

du bist so reich und rein und weit

wie ein erwachender Garten.

Meine heilige Einsamkeit du—

halte die goldenen Türen zu,

vor denen die Wünsche warten.

 

Der Bach hat leise Melodien,

und fern ist Staub und Stadt;

die Wipfel winken her und hin

und machen mich so matt.

Der Wald ist wild, die Welt ist weit,

mein Herz ist hell und groß;

es hält die blasse Einsamkeit

mein Haupt in ihrem Schoß.

 

Ich liebe vergessene Flurmadonnen,

die ratlos warten auf irgendwen,

und Mädchen, die an einsame Bronnen,

Blumen im Blondhaar, träumen gehn.

Und Kinder, die in die Sonne singen

und staunend groß zu den Sternen sehn,

und die Tage, wenn sie mir Lieder bringen,

und die Nächte, wenn sie in Blüten stehn.

 

Warst du ein Kind in froher Schar,

dann kannst du's freilich nicht erfassen,

wie es mir kam, den Tag zu hassen

als ewig feindliche Gefahr.

Ich war so fremd und so verlassen,

daß ich nur tief in blütenblassen

Mainächten heimlich selig war.

Am Tag trug ich den engen Ring

der feigen Pflicht in frommer Weise.

Doch abends schlich ich aus dem Kreise,

mein kleines Fenster klirrte—kling—

sie wußtens nicht. Ein Schmetterling,

nahm meine Sehnsucht ihre Reise,

weil sie die weiten Sterne leise

nach ihrer Heimat fragen ging.

 

PFAUENFEDER:

in deiner Feinheit sondergleichen,

wie liebte ich dich schon als Kind.

Ich hielt dich für ein Liebeszeichen,

das sich an silberstillen Teichen

in kühler Nacht die Elfen reichen,

wenn alle Kinder schlafen sind.

Und weil Großmütterchen, das gute,

mir oft von Wünschegerten las,

so träumte ich, du Zartgemute,

in deinen feinen Fasern flute

die kluge Kraft der Rätselrute—

und suchte dich im Sommergras.

 

Oft denk ich auf der Alltagsreise

der Nacht, und daß ein Traum mir frommt,

der mir mit Lippen, kühl und leise,

die schwüle Stirne küssen kommt.

Dann sehn ich mich, die Sterne glänzen

zu sehn.—Der Tag ist karg und klein,

die Nacht ist weit, hat Silbergrenzen

und könnte eine Sage sein.

 

DAMIT ICH GLÜCKLICH WÄRE—

das müßte sein von jenen blanken

Lenztagen einer, da die Kranken

man vor die dunklen Türen bringt.

Im Flieder ist ein Spatzenzanken,

weil keinem rechter Sang gelingt.

Der Bach, dem alle Bande sanken,

weiß nicht, was tun vor Glück, und springt bis aufwärts zu den Bretterplanken,

dahinter Beete, kiesumringt,

und Blumenblühn und Birkenschwanken.

Und vor dem Häuschen, goldbezinkt,

um das der Frühling seine Ranken

wie liebeleise Arme schlingt—

ein blondes Kind, das in Gedanken

das schönste meiner Lieder singt.

 

An manchem Tag ist meine Seele still:

Ein Gotteshaus, draus alle Beter gingen.

Ein Engel nur wehrt mit den goldnen Schwingen dem Weihrauch, der mit seinen leisen Ringen

den Jubel seiner Arme fesseln will.

Verträumte Heiligenbilder dunkeln drin

in ratlos-sehnendem Erhörenwollen:

Sie warten auf den Sonntag mit den vollen

Gestühlen und dem großen Orgelrollen—

und blasse Ampeln schwanken her und hin.

 

Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt

in euch? Was, wie der Klang der Narrenschellen, um Beifall bettelt und um Würde wirbt,

und endlich arm ein armes Sterben stirbt

im Weihrauchabend gotischer Kapellen,—

nennt ihr das Seele?

Schau ich die blaue Nacht, vom Mai verschneit, in der die Welten weite Wege reisen,

mir ist: ich trage ein Stück Ewigkeit

in meiner Brust. Das rüttelt und das schreit

und will hinauf und will mir ihnen kreisen....

Und das ist Seele.

Die hohen Tannen atmen heiser

im Winterschnee, und bauschiger

schmiegt sich sein Glanz um alle Reiser.

Die weißen Wege werden leiser,

die trauten Stuben lauschiger.

Da singt die Uhr, die Kinder zittern:

Im grünen Ofen kracht ein Scheit

und stürzt in lichten Lohgewittern,—

und draußen wächst im Flockenflittern

der weiße Tag zur Ewigkeit.

 

Der Abend kommt von weit gegangen

durch den verschneiten, leisen Tann.

Dann preßt er seine Winterwangen

an alle Fenster lauschend an.

Und stille wird ein jedes Haus;

die Alten in den Sesseln sinnen,

die Mütter sind wie Königinnen,

die Kinder wollen nicht beginnen

mit ihrem Spiel. Die Mägde spinnen

nicht mehr. Der Abend horcht nach innen

und innen horchen sie hinaus.

 

Das Wetter war grau und grell;

der Abend ist lichter und leiser.

Sicher kommt irgendein Kaiser:

Alle Häuser sind hell.

Und so festlich und weich

war das Abendgebimmel;

die Alten schaun in den Himmel,

und die Kinder sind reich.

 

Sonne verlodert am Himmelsrain.

Durch ernteverarmte Krumen waten die Weiber feldein.

An den verschimmernden Schienenreihn

beim Bahnhüterhäuschen, sommerallein,

sinnen Sonnenblumen.

 

Du arme, alte Kapelle

mit deiner verstaubten Zier—

der Frühling baut eine helle

Kirche neben dir.

Viel frierende Frauen hinken

in deine Weihrauchruh,

draußen die Kinder winken

allen Rosen zu.

 

Die Mädchen singen:

Alle Mädchen erwarten wen,

wenn die Bäume in Blüten stehn;

wir müssen immer nähn und nähn,

bis uns die Augen brennen.

Unser Singen wird nimmer froh,

fürchten uns vor dem Frühling so:

Finden wir einmal ihn irgendwo,

wird er uns nicht mehr erkennen.

 

Lehnen im Abendgarten beide,

lauschen lange nach irgendwo.

"Du hast Hände wie weiße Seide...."

Und da staunt sie: "Du sagst das so...."

Etwas ist in den Garten getreten,

und das Gitter hat nicht geknarrt,

und die Rosen in allen Beeten

heben vor seiner Gegenwart.

Eine der weißen Vestageweihten

lächelte Gnade dem Todbereiten,

löste ihm von der Stirn die Schmach.

Dann sehnte sie wie eine Sklavin dem Schreiten des todbefreiten, Schulter breiten

Epheben nach.

 

Im Kreise der Barone

der König ritt zur Jagd.

Ihm wohnte in roter Krone

ein einsamer Smaragd.

Da gibts unter hellen Hufen

Wege so weit und weiß;

keiner hört Hilfe rufen,

und der Mittag ist heiß....

Ob einer den König erkannte?

Die Dohlen im Abend schrien.

Die allerkühnste spannte

den Flug schon über Ihn:

Auf des Königs Stirne brannte

ein einsamer Rubin.

 

Ein weißes Schloß in weißer Einsamkeit.

In blanken Sälen schleichen leise Schauer.

Todkrank krallt das Gerank sich an die Mauer,

und alle Wege weltwärts sind verschneit.

Darüber hängt der Himmel brach und breit.

Es blinkt das Schloß. Und längs den weißer Wänden hilft sich die Sehnsucht fort mit irren Händen....

Die Uhren stehn im Schloß: es starb die Zeit.

Irgendwo muß es Paläste geben,

drin die Fenster von Staub verschnein;

in der Säle hallende Reihn

tauchen tote Tage hinein:

Gestalten wallen, es warnt der Schrein;

und kein lustiger Leuchterschein

reicht In das einsame Seltsamsein....

Dorten wollen wir Feste gehen—

märchenallein.

 

Im Schlosse mit den roten Zinken

wär ich so gern des Abends Gast.

Die Fenster glühn, die Falten sinken,

und meine weißen Wünsche winken

mir aus dem lodernden Palast.

Ich will durch lange Hallen schleichen

und in die tiefen Gärten schaun,

die über alle Marken reichen.

Und Frauen lächeln an den Teichen,

und in den Wiesen prahlen Pfaun....

 

Einmal möcht ich dich wiederschauen,

Park, mit den alten Lindenalleen,

und mit der leisesten aller Frauen

zu dem heiligen Weiher gehn.

Schimmernde Schwäne in prahlenden Posen

gleiten leise auf glänzendem Glatt,

aus der Tiefe tauchen die Rosen

wie Sagen einer versunkenen Stadt.

Und wir sind ganz allein im Garten,

drin die Blumen wie Kinder stehn, und wir lächeln und lauschen und warten,

und wir fragen uns nicht, auf wen....

 

Es kommt in prunkenden Gebreiten

der Abend wie ein leiser Gott.

Den Rappen vor! Jetzt will ich reiten

durch purpurbunte Einsamkeiten

in bügelleichtem Träumertrott.

Ich atme tief. Ich werde Kaiser.

Mein heiler Helm ist losgeschnallt,

und meine Stirne streifen Reiser

und rauschen so. Und leiser, leiser

hallt Huf und Ruf im roten Wald.

 

Horch, verhallt nicht ein scheuer

Schrei von den Hängen her?

Aus dem morschen Klostergemäuer

kann der Abend nicht mehr.

Er sucht sich wund an der Wand.

Und mit hilfloser Hand

in das Säulengedränge,

in ewige Gänge,

wirft er den Brand.

Feuer.—

In schlichtem Gewand

flieht er, der Heimkehr singender Heuer

leise gesellt, ins verlöschende Land.

 

Der König Abend weiß sich schwach

und satt, und ihm geschieht:

Er schenkt sein Gold dem jungen Bach,

der einem Hirtensingen nach

in Menschen lande zieht.

Jetzt ist der Bach ein Königskind.

Er jubelt laut Alarm

und gibt den wunden Krumen blind

sein Gold.—Und wo die Hütten sind,

dort ist er wieder arm.

 

Der Tag entschlummert leise,—

ich walle menschenfern....

Wach sind im weiten Kreise

ich—und ein bleicher Stern.

Sein Auge licht durchwoben

ruht flimmernd hell auf mir,

er scheint am Himmel droben

so einsam, wie ich hier....

 

FAHRTEN

 

VENEDIG

 

I

 

Fremdes Rufen. Und wir wählen

eine Gondel, schwarz und schlank:

Leises Gleiten an den Pfählen

einer Marmorstadt entlang.

Still. Die Schiffer nur erzählen

sich. Die Ruder rauschen sacht,

und aus Kirchen und Kanälen winkt uns eine fremde Nacht.

Und der schwarze Pfad wird leiser,

fernes Ave weht die Luft,—

traun: Ich bin ein toter Kaiser,

und sie lenken mich zur Gruft.

 

II

 

Immer ist mir, daß die leisen

Gondeln durch Kanäle reisen

irgend jemand zum Empfang;

denn das Warten dauert lang,

und das Volk ist arm und krank,

und die Kinder sind wie Waisen.

Lange harren die Paläste

auf die Herren, auf die Gäste,

und das Volk will Kronen sehn.

Auf dem Markusplatze stehn

möcht ich oft und irgendwen

fragen nach dem fernen Feste....

 

III

 

Mein Ruder sang:

Poppé, fahr zu!

Ein Volk von Sklaven

drängt sich im Hafen

um nüchterne Feste,

und die Paläste

können nicht schlafen.

Poppé, fahr zu!

Eisige Ruh

in Marmorgliedern,

mit matten Lidern

erschauern die Plätze.

Im Gassennetze

betteln die Niedern.

Poppe, fahr zu!

Sag mir, weißt du

noch von den Toten,

die hier geboten

in köstlichen Kronen?

Wo sie jetzt wohnen,

die Purpurroten?

Poppé, fahr zu!

 

IV

 

Ave weht von den Türmen her,

immer noch hörst du die Kirchen erzählen;

doch die Paläste an stillen Kanälen

verraten nichts mehr.

Und vorbei an der Traumesruh

ihrer schlafenden Stirnen schwanken

leise Gondeln wie schwarze Gedanken

dem Abend zu.

 

ENGLAR IM EPPAN

Später Weg. Die Hütten kauern,

und das dumpfe Dorf schläft ein.

Ernste Türme seh ich dauern,

weit aus weißen Blütenschauern

wächst ihr Weltverlorensein.

Abendbrand in brachen Zinnen,

und der Wind fährt durch den Saal.

Und für wen im Burghof drinnen

immer noch die Brunnen rinnen—

keiner weiß es dort im Tal.

 

TENNO

 

Der Kirchhof hoch im Sommerschnee

gehört zum Berghof hin;

wie über einem Hochlandsee

wacht Frieden über ihn.

Da weiß kein Blühn vom Frühlingsstrahl.

Der Rasen schüchtert frühfrostfahl,

die Kreuze arm, die Hügel kahl,

und sacht und selten wächst die Zahl:

einmal.

Der Weg ist schlecht, der Weg ist schmal.

Im kleinen Dorf ist kleine Wahl

und kleines Glück und kleine Qual,—

drum läuten sie so fern im Tal:

einmal,—einmal,—einmal.—

 

CASABLANCA

Am Berge weiß ich trutzen

ein Kirchlein mit rostigem Knauf,

wie Mönche in grauen Kapuzen

steigen Zypressen hinauf.

Vergessene Heilige wohnen

dort einsam im Altarschrein;

der Abend reicht ihnen Kronen

durch hohle Fenster hinein.

 

ARCO

 

Die Hochschneezinne, schartig scharf,

loht auf wie eine Mauerkrone,

in die der lachende Nerone,

der Morgen, seine Fackel warf.

Und wie die Flammen bis ins Blau

sich zu verblühten Sternen strecken,

erwacht das Tal in schönem Schrecken

und taucht empor aus Traum und Tau.

 

I MULINI

 

Du müde, morsche Mühle,

dein Moosrad feiert Ruh,

aus der Olivenkühle

schaut dir der Abend zu.

Der Bach singt wie verloren Menschenlieder nach,

tiefer über die Ohren

ziehst du dein trutziges Dach.

 

BODENSEE

 

Die Dörfer sind wie ein Garten.

In Türmen von seltsamen Arten

klingen die Glocken wie weh.

Uferschlösser warten

und schauen durch schwarze Scharten

müd auf den Mittagsee.

Und schnellende Wellchen spielen,

und goldene Dampfer kielen

leise den lichten Lauf;

und hinter den Uferzielen

tauchen die vielen, vielen

Silberberge auf.

 

KONSTANZ

 

Dem Tag ist so todesweh

Müd gießt er aus goldenen Kelchen

Wein in den Bergesschnee.

Hoch schüchtert, scheu wie ein Reh,

ein Stern überm Uferschleh,

und ziere, zitternde Weilchen

gittern den Abendsee.

FUNDE

 

Wenn wie ein leises Flügelbreiten

sich in den späten Lüften wiegt,—

ich möchte immer weiter schreiten

bis in das Tal, wo riefgeschmiegt

an abendrote Einsamkeiten

die Sehnsucht wie ein Garten liegt.

Vielleicht darf ich dich dorten rinden,

und zage wird dein erstes Mühn

die wehen Wünsche mir verbinden,

du wirst mich führen tief ins Grün—

und heimlich werden weiße Winden

an meinem staubigen Stabe blühn.

 

Ich möchte draußen dir begegnen,

wenn Mai auf Wunder Wunder häuft,

und wenn ein leises Seelensegnen

von allen Zweigen niederträuft.

Wenn bis zum Wegkreuz auf, zum schlanken,

Jasmin die weißen Arme streckt

und lind den ewgen Wehgedanken

der Stirne Christi überdeckt.

Ich mußte denken unverwandt,

wie ich einst zwischen schwarzen Pinien

den tiefen Frühling sinnen fand,

als ich vor deiner Schönheit stand

und durch der Scheitel dunkle Linien

dein Antlitz träumte wie ein Land.

Es schlich von deiner Lippen Saum

ein Lächeln auf verlornem Pfade—

ganz leis. Die andern merktens kaum.

So weht ein Blatt vom Blütenbaum:

Nur einer schaut die Frühlingsgnade,

und der sie schaut, ist wie im Traum.

 

Fremd ist, was deine Lippen sagen,

fremd ist dein Haar, fremd ist dein Kleid

fremd ist, was deine Augen fragen,

und auch aus unsern wilden Tagen

reicht nicht ein leises Wellenschlagen

an deine tiefe Seltsamkeit.

Du bist wie jene Bildgestalten,

die überm leeren Altarspind

Weiter: Teil 3 von 3