Eyrin, Verrat auf der Elfenburg
Start
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
„Eyrin! Eyrin?“ Wer rief denn da? Diese Stimme kannte ich doch, oder nicht? Die Dunkelheit hielt mich noch wie in Watte gepackt fest und wollte nicht verschwin-den. Genauso wie der erwachende Kopfschmerz der mich schier wahnsinnig machte. Ich schlug die Augen auf, doch es war noch immer dunkel. Oh nein, ich bin blind, oder tot, dachte ich erschrocken, doch dann hör-te ich die Stimme wieder rufen. „Eyrin! Dem Himmel sei Dank, du lebst!“ Mefirian. Was suchte er denn hier? „Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht!“, schluchzte Lorena und kniete sich neben mich. Ich hob den Blick und sah, dass Mefirian gerade durch das Loch nach unten zu uns flog. Ich wollte mich aufrichten, doch der Schmerz in meinem Kopf ließ mich wieder auf den harten Boden zurückplumpsen. „Was macht ihr denn hier?“, krächzte ich heiser. „Ich habe Mefirian geholt als die Treppe eingestürzt ist“, erklärte Lorena und schob mir etwas unter den Kopf. „Aua!“, jaulte ich und krallte meine Finger in ihren Arm. „Warum hat es denn so lange gedauert?“ „Zuerst wollte ich versuchen dich alleine da rauszuholen, doch ich wusste nicht wie. Mit dir nach oben fliegen konnte ich nicht, du wärst zu schwer gewesen. Dann habe ich Mefirian geholt, aber ich musste aufpassen, dass ich seine Familie nicht wecke und natürlich hat er mir einen Vortrag gehalten...“ Ich unterbrach sie und sagte: „Würdet ihr mich freundlicherweise endlich hier herausholen?“ Mefirian kniete sich ebenfalls neben mich und erwiderte: „Selbst wenn du verletzt bist kannst du noch unfreundlich sein.“ Ich konnte nicht lachen, dazu fühlte ich mich einfach zu grässlich. Mein Freund schob seine Hände unter meinen Körper und hob mich vorsichtig hoch, trotzdem wurde mir so schwindelig, dass ich meinte mich jeden Moment übergeben zu müssen. „Pass auf, ihre Flügel sind verletzt“, warnte Lorena ihn und flog voraus. Mefirian folgte ihr. Endlich waren wir wieder oben und dort, wo vorhin noch die Treppe gewesen war, befand sich jetzt ein großes, tiefes schwarzes Loch. Ich schauderte und erkundigte mich: „Hast du wenigstens diesen blöden Stofffetzen?“ Lorena sah beleidigt aus, aber schließlich war es doch ihre Schuld gewesen. „Ja, ich habe den „Stofffetzen“ bei Mefirian versteckt.“ Ich nickte und schloss die Augen. „Warum bist du überhaupt die Treppe hochgegangen?“, wollte Mefirian von mir wissen. „Ich weiß nicht... ich war einfach neugierig. Klasse Ausrede, wirklich ein toller Grund um den Tod in Kauf zu nehmen! „Zu viel Neugier ist ungesund“, ver-suchte Mefirian zu scherzen, doch er lachte selbst nicht. Während dem Nachhauseweg überlegte ich fie-berhaft wie ich das alles meiner Mutter erklären sollte. Sie würde außer sich sein vor Wut und mir bestimmt Hausarrest geben. Das wäre ja noch eine milde Strafe... ich wollte einfach nur noch ins Bett und schlafen. An nichts mehr denken und nicht mehr reden oder etwas tun müssen, nur schlafen... „So Eyrin. Wir sind bei dir zu Hause angekommen. Sollen wir noch bei dir bleiben?“, sagte Lorena plötzlich und schreckte mich auf. Ich war kurz davor gewesen einzuschlafen. Ich nickte und Lorena klopfte an die Tür. Wie immer öffnete Arlene. Sie starrte uns drei mit großen Augen an und sah schnell ins Haus zurück. „Kommt schnell und seid leise! Mutter darf nicht aufwachen!“, flüsterte sie und winkte uns hastig herein. Wir schlichen uns wie die Diebe in unser Zimmer und Mefirian legte mich behutsam aufs Bett. Arlene deckte mich zu. Schmutzig und müde wie ich war, schlief ich sofort ein. Ich hörte noch wie die Tür geöffnet wurde und Mama rief: „Eyrin! Was ist denn passiert?“
Fünf
Ich musste wohl nur kurz geschlafen haben, denn als ich aufwachte war es noch immer dunkel. Ich fühlte mich aber schon viel besser. Außer, dass meine Kopf-schmerzen wieder erwachten, sobald ich mich bewegte. Himmel, morgen musste ich ja wieder in die Schule! Und ich hatte doch noch Hausaufgaben auf... Ich erhob mich und merkte erst jetzt, dass Arlene am Tisch saß und nähte. Verwundert blickte sie auf, als ich aus dem Bett kletterte und benommen durch den Raum taumel-te. „Eyrin! Was machst du denn da?“, rief sie erschro-cken, schmiss ihre Näharbeit hin und kam zu mir. Be-sorgt legte sie mir einen Arm um die Hüfte. „Du sollst liegen bleiben.“ „Aber ich habe doch morgen Schule und muss noch...“, fing ich an, wurde aber von ihr un-terbrochen. „Nein, du hast heute keine Schule. Heute ist Samstag“, erklärte sie und bugsierte mich wieder ins Bett. „Was? Aber Mefirian hat mich doch heute erst hier her gebracht“, stammelte ich. Arlene sah mich ver-ständnislos an. „Es ist Samstag. Du hast zwei ganze Tage geschlafen.“ Was, ich hatte zwei Schultage ver-passt? Und wie sollte ich den ganzen Stoff nachholen? Ich stöhnte und setzte mich auf die Bettkante. „Glaube mir Arlene, mir geht es gut, ich muss nicht mehr ins Bett“, versicherte ich und stand zum Beweis noch ein-mal auf. Dieses Mal konnte ich stehen, wenn auch wa-ckelig. Meine Schwester sah mich zweifelnd an, mur-melte: „Gut, wenn du meinst.“ Und nähte weiter. „War Mama sehr böse?“, wollte ich wissen, während ich mir mit einem Kamm durch die Haare fuhr. „Ja, und wie, aber deine Freunde und ich haben sie beruhigt.“ Ich biss mir auf die Lippe und brachte schließlich mühsam die Frage heraus: „Welche Strafe habe ich bekom-men?“ „Keine, sie meinte deine Verletzungen wären Strafe genug“, antwortete meine Schwester grinsend. Ich konnte es kaum glauben, meine Mutter hatte mich wirklich nicht bestraft? Sollte das ein Scherz sein? „Bist du sicher, dass sie es ernst gemeint hat?“ Arlene ließ ihr Nähzeug sinken und sah mich entrüstet an. „Meinst du ich kenne meine eigene Mutter nicht?“, fragte sie empört, grinste dabei aber. Ich grinste zurück, legte den Kamm weg und merkte, dass ich noch immer mein ver-staubtes und zerrissenes Kleid trug. „Habt ihr verges-sen mir das Kleid auszuziehen?“, fragte ich, während ich in meiner Truhe herumwühlte. „Nein, wir wollten dich nicht wecken. Obwohl, du hast wie eine Tote ge-schlafen.“ Schließlich zog ich aus dem ganzen Kleider-, Tuch-, Strumpf-, und Schleier- Bündel mein Lieblings-kleid heraus. Es war dunkelblau, hatte ellebogenlange Ärmel und der Ausschnitt war mit silbernen Stickereien verziert, die meine liebe Schwester gemacht hat. Zu dem Kleid gehörte auch ein, schwarzer Ledergürtel. Hastig streifte ich mir das Kleid über, zog meine Schuhe an und verabschiedete mich von Arlene. „Sage Mutter dass ich nicht lange wegbleibe und dass ich ihr dankbar bin, weil sie mir keine Strafe gegeben hat.“ Meine Schwester sah mir verwundert nach, als ich zur Tür stolzierte, wohl eher taumelte, zuckte mit den Schultern und sagte: „Ja sicher Eyrin. Viel Spaß.“
„Ah Eyrin, das ist aber eine Überraschung“, begrüßte Lorenas Mutter mich freundlich und ich war mir ziem-lich sicher, dass sie Witze machte. Ich besuchte Lorena fast jede Woche und sie mich auch sehr oft. „Ist sie da?“, wollte ich wissen. „Ja, komm ruhig rein. Das muss aber schlimm gewesen sein.“ Ich wusste sofort wovon sie redete. Es hatte sich also schon im ganzen Dorf herumgesprochen, da gab es keinen Zweifel. Innerlich entfuhr mir ein Seufzer. Lorena hatte natürlich wieder geplappert, aber der Ärger den sie bekommen hatte, machte das wieder wett. Lorenas Mutter war nicht streng, doch wenn ihre Tochter sich danebenbenahm, dann konnte sie auch hart sein. Ihrer Tochter machte das nichts aus. Sie betonte immer, sie wisse, dass ihre Mutter sie liebte und nur schützen wollte. Fenja ließ mich eintreten und ich lief zielsicher in Lorenas Zimmer, das am anderen Ende des Raumes lag. Das Haus war etwas kleiner als unseres, aber es lebten ohnehin nur zwei Personen darin. Ich fand meine Freundin auf ihrem Bett, mit einem Buch in der Hand. Das war ungewöhnlich, normalerweise las Lorena nie freiwillig. „Hallo Lorena“, grüßte ich und setzte mich auf die Bettkante. „Eyrin? Was machst du denn hier, ich dachte du wärst im Bett?“, meinte sie verwundert und legte ihr Buch beiseite. „Ich weiß, aber mir geht es schon viel besser“, log ich, da ich nicht wollte, dass sie sich Sorgen machte.
„Wir haben schon gedacht du wärst tot... tut mir leid.“ „Ach, das macht nichts.“
„Na ja, du sahst ziemlich erschöpft aus und deine Mut-ter war beinahe wahnsinnig vor Sorge.“
„Was hast du für eine Strafe bekommen?“, fragte sie mich interessiert. Ich lächelte und sagte feixend: „Kei-ne! Meine Mutter meinte meine Verletzungen wären Strafe genug.“ „Hast du ein Glück! Ich habe zwei Wo-chen Hausarrest! Ich darf nur zur Schule nach draußen gehen!“, schmollte Lorena und schob trotzig die Unter-lippe vor. Doch ich kannte sie gut genug um zu wissen, dass sie es gar nicht so schlimm fand, wie sie tat. „Üb-rigens kommt Mefirian auch.“ „Wie?“, fragte ich ver-wirrt. „Ja, er hat sich Sorgen um dich gemacht. Ich konnte dich leider nicht besuchen kommen, aber er war beide Tage da und hat mir erzählt wie es dir geht.“ „Woher weißt du, dass er kommt?“ Sie meinte lächelnd: „Meine hellseherischen Fähigkeiten!“ dann lachte sie und wurde wieder ernst. „Nein, ich weiß es einfach. Das passt zu Mefirian.“ Müde fuhr ich mir durch die Haare und erkundigte mich: „Habe ich viel im Unterricht ver-passt?“ „Nein, wir haben nicht viel Neues gemacht. Außer dem Flugparcours. Du wirst ihn nachholen müssen, aber warte zuerst bis deine Flügel wieder gesund sind“, erklärte sie und schlug ihr Buch wieder auf. Ich wusste, dass sie nicht wirklich las, sondern mir zuhörte. „Hast du eigentlich diesen blöden Stofffetzen, wegen dem ich beinahe gestorben wäre?“, zischte ich leise, als wäre es ein streng gehütetes Geheimnis. „Oh ja! Du wirst staunen!“, rief Lorena, schmiss ihr Buch hin und eilte zu ihrer Kleidertruhe. Sie fischte triumphierend ein weiß- lilanes Kleid mit Rüschensaum und Blumenstickereien aus schwarzem Garn heraus. Ich betrachtete es mit einer Mischung aus Enttäuschung und Verwirrtheit. „Das ist alles? Das alles haben wir für ein Kleid getan?“, meinte ich zweifelnd und leicht verärgert. Das ganze Theater für ein Kleid! „Es sieht sehr wertvoll und schön aus“, verteidigte Lorena es und sich auch gleich und drückte das Kleidungsstück wie einen besonderen Schatz an sich. Ich seufzte. „Und was meint Mefirian dazu?“ „Mefirian meint, dass die liebe Eyrin sich nicht den Kopf darüber zerbrechen sollte“, ertönte plötzlich seine Stimme von der Tür her. Mefirian stand an der Türschwelle und sah mich mit einem Ausdruck von Besorgnis und Erleichterung an. „Hast du schon einmal etwas von dem Wort ‚anklopfen’ gehört?“, sagte Lorena verärgert, schmunzelt dann aber gleich. „Tut mir leid.“ Er setzte sich neben mich auf die Bettkante und sah mich an. „Du siehst immer noch blass aus Eyrin“, meinte er leise. Ich wandte den Blick ab, doch er nahm mein Kinn in seine Hand und drehte mein Gesicht zu sich. „Sieh mich an. Hast du dich aus dem Haus geschlichen?“ Ich sah ihm fest in die Augen und antwortete: „Nein, mir geht es gut.“ Zweifelnd sah er mich an, nickte dann und wandte sich an Lorena. „Und was hast du jetzt mit deinem ‚Schatz’ vor?“ Sie zuckte die Schultern. „Ich weiß noch nicht. Ich könnte es auf dem Markt ver-kaufen oder vielleicht auch behalten...“ „Bringe es doch einfach wieder zurück“, schlug ich vor. Die beiden starr-ten mich an, als hätte ich den Verstand verloren. „Was? Ich soll noch einmal in dieses Haus gehen?“, rief Lore-na. „Ich war es schließlich die mit der Treppe einkrach-te!“, gab ich zurück. „Aber es war doch deine Idee ge-wesen in dieses blöde Haus zu gehen...“ Bevor ein Streit zwischen uns ausbrechen konnte, mischte Mefi-rian sich ein: „Ganz ruhig. Es ist eben passiert und wenn wir uns streiten nützt das auch nichts.“ Wir fun-kelten ihn wütend an, doch er sah uns nur ruhig und abwartend ins Gesicht. Schließlich seufzte ich, dann Lorena und wir murmelten gleichzeitig: „Entschuldi-gung.“ Mefirian lächelte uns an. „Sind wir wieder Freundinnen?“ „Natürlich“, bekräftigte ich und umarm-te sie. „Wie hat Marena eigentlich auf unser Verschwin-den beim Verteidigungsunterricht reagiert?“, erkundigte ich mich bange. Lorena zuckte mit den Schultern. „Sie hat mir natürlich eine Standpauke gehalten was wäre wenn... ich habe ihr nicht zugehört und dann hat sie gesagt, ich, Mefirian und du sollen am Montag, also morgen im Unterricht helfen.“ „Was denn helfen?“, stöhnte ich und stützte den Kopf in die Hände. „Ich weiß es nicht. Hoffentlich nichts Schweres.“ „Halt... wieso hat Mefirian auch eine Strafe bekommen? Er hat doch überhaupt nichts getan“, rief ich und sah meinen Freund verwundert an. „Warum hast du mir das nicht gleich gesagt?“ „Weil du geschlafen hast wie eine Tote“, antwortete er leicht lächelnd. Ich verdrehte die Augen und entgegnete: „Davor hättest du es mir sagen können...“ Ich verstummte und sah, was er dachte. Ihr wart ja in der alten Hütte und ich konnte euch nicht finden. Zuvor bist du ja weggelaufen und wolltest nicht mit mir reden. „Tut mir leid, du hast ja recht“, murmelte ich müde. Allmählich fing ich an lauter Unsinn zu reden. Er lächelte anerkennend und meinte: „Du kannst einem seine Gedanken ansehen.“ Dann nahm sein Gesicht einen besorgten Ausdruck an. „Du siehst blass aus. Gehe lieber nach Hause und ruhe dich aus.“ „Ja, du siehst nicht gut aus.“ Ich fühlte mich auch nicht gut, war müde und hatte Kopfschmerzen. Meine Flügel schmerzten nur noch ein wenig. Also konnte ich morgen beim Flugparcours mitmachen... Was für ein Glück...Ich seufzte, verabschiedete mich von meinen Freunden und ich und Mefirian verließen Lorenas Haus. Die fri-sche Nachtluft tat gut. „Na dann, soll ich dich nach Hause bringen?“, wollte mein Freund wissen und sah mich abwartend an. „Nein, nein, das musst du nicht. Ich kann auch alleine gehen.“ Er zuckte die Schultern und ging nach Hause. Ich machte mich auf den Weg.
Sechs
Ich schlief noch ein paar Stunden bevor meine Schwes-ter mich weckte. Arlene war schon fertig angezogen, mit gekämmtem und zu einem Zopf gebundenem Haar und gepackter Schultasche. Ich stöhnte, stieg aus dem Bett und machte mich ebenfalls fertig. Ich fühlte mich gräss-lich, doch ich sagte nichts. Mein Lieblingskleid, das beim Treppenzusammenbruch arg gelitten hatte, hatte meine Mutter geflickt und gewaschen. Es sah fast wie neu aus. Mama sei Dank, dachte ich während ich in das braune Kleid schlüpfte und mir die Haare kämmte. Meine Flügel waren immer noch verbunden und schmerzten ein wenig, aber ich wollte dieser doofen Schnepfe Camilla den Triumph nicht gönnen, mich vor dem Flugparcours zu drücken. Mit Kopfschmerzen und schlechter Laune ging ich los und holte meine Freunde ab. Sie sahen gleich, dass mein Gesicht wie eine Gewit-terwolke aussah, dass ich schlechte Laune hatte. Sie fragten nicht, liefen nur schweigend neben mir her. Dafür war ich ihnen sehr dankbar. Sie waren einfach die größten. Ich griff in den kleinen Beutel an meinem Gürtel und wollte meine Feder herausholen um nachzusehen ob der Kiel abgebrochen war, als meine Finger etwas ertasteten. Das hatte ich ja vollkommen vergessen! Als ich meine Hand rauszog lag das zarte Goldarmband darin und funkelte in der Sonne. Hinten in das Herz war ein Name eingraviert, den ich jedoch nicht entziffern konnte. „Was hast du denn da?“, wollte Lorena interessiert wissen. Ich überlegte fieberhaft was ich ihr sagen sollte. Die Wahrheit? Nein, ich mochte nicht sagen, dass ich ebenfalls etwas aus der alten Hütte genommen hatte. Außerdem könnte sie dann böse auf mich sein. Zuerst verlangte ich von ihr, dass sie das Kleid zurückbrachte, und dann hatte ich ein Goldarmband! „Ähm... das hat mir meine Großmutter vererbt. Mutter hat es erst gestern in ihren Sachen gefunden. Sie hatte es vollkommen vergessen“, log ich und sah erleichtert, dass Lorena mir die Lüge abkaufte. Im Gegensatz zu Mefirian der leicht missbilligend den Kopf schüttelte. Er wusste, dass ich log. Ich schenkte ihm einen drohenden Blick und knurrte stumm: Wage es nicht ihr die Wahrheit zu erzählen! Er schüttelte erneut den Kopf und zwinkerte mir verstohlen zu. „Komm, ich lege es dir um“, bot Mefirian an und ich blieb stehen. Lorena lehnte sich an eine Säule vor dem Schulgebäude und wartete auf uns. Ich reichte meinem Freund das Armband und er legte es mir ums Handgelenk. Es hing lose daran herunter in den Zwischenraum zwischen meinem Handgelenk und dem Armband hätten zwei Finger übereinander gepasst. Trotzdem fand ich es wunderschön und lächelte Mefirian dankbar an. Dann trabten wir zu Lorena und ich hakte mich bei ihr und ihm unter. Er flüsterte: „Achtung, da kommt das Ekelpaket!“ Und da sahen wir Camilla und zwei genauso dämlichen Mädchen wie sie, die auf uns zukamen. „Na Eyrin, erst läuft du wie ein Feigling weg und dann verkriechst du dich zu Hause“, säuselte sie. Ich zitterte innerlich vor Wut, ließ mir äußerlich aber nichts anmerken. „Nein, ich habe mich nicht versteckt“, erwiderte ich gelangweilt und warf mein Haar zurück. Irgendwie hatte ich es mir angewöhnt, seit Camilla hier an der Schule war. „Aber geschwänzt hast du trotzdem!“, rief sie triumphierend und am liebsten hätte ich ihr gesagt: Und was ist mit dir du Angsthase der sich dauernd vor Mefirian fürchtet? Doch ich hielt mich zurück und fragte: „Und hat Mefirian dich wieder fertig gemacht`?“ Ich sah wie sie blass wurde, dann zischte sie wütend: „Ja, deshalb hat er ja auch eine Strafe bekommen!“ „Mefirian! Was erzählt sie denn da für Mist?“, rief ich und drehte mich zu ihm um. Er funkelte wütend Camilla an und knurrte: „Ich habe überhaupt nichts gemacht. Sie hat ein Schmierentheater vom allerfeinsten zum Besten gege-ben!“ Ich sah meine Erzfeindin verächtlich an. „Ach, du brauchst jetzt sogar Hilfe um dich vor einem Kampf mit Mefirian zu drücken? Wie armselig du doch bist“, höhn-te ich und da holte Camilla aus und verpasste mir eine Ohrfeige, dass ich zu Boden stürzte. In meinem Kopf brauste und toste das Blut wie ein Wirbelsturm und meine Wange brannte wie Feuer. Ich fiel zu Boden wie ein gefällter Baum und landete auf dem Rücken. Mir war furchtbar schwindelig und schlecht, die getroffene Wange pochte schmerzhaft und ich quetschte mir die Flügel. Mit tränenblinden Augen sah ich zu Camilla hoch, die selbst ganz erstaunt, die Hand immer noch erhoben, auf mich hinabstarrte. Ich funkelte sie so hasserfüllt an, dass sie zurückwich und mit ihren Freundinnen davonflog. Feige Schlange, dachte ich, während Lorena und Mefirian mir aufhalfen. Ich brach in die Knie und wäre beinahe wieder auf den Boden geplumpst, hätten sie mich nicht an beiden Armen fest-gehalten. Sie sahen richtig erschrocken aus, auch ich hätte Camilla so etwas nie zugetraut. Meine Beine fühl-ten sich an wie Watte. „Lass uns etwas für deine Wange holen“, schlug Lorena vor und legte mir einen Arm um die Schultern. Ich nickte und sie begleitete mich zur Heilerin. „Wir sollten es einem Lehrer erzählen“, meinte meine Freundin, doch ich schüttelte den Kopf. „Nein, wie denn? Ihre Aussage steht gegen unsere, außerdem haben wir keine Zeugen.“ „Stimmt.“ Lorena ließ die Schultern hängen. „Keine Sorge, dieses Biest kriegt noch eine Abreibung“, versprach ich. Die Heilerin wickelte ein Tuch um ein Stück Eis und ich drückte es an meine Wange, während die Frau fragte: „Wie ist das denn passiert?“ „Äh... ich habe mich im Flugunterricht verletzt“, log ich und wich ihrem Blick aus. Sie erwiderte nichts und machte sich daran eine Salbe anzurühren. Ich bedankte mich für den kühlen Umschlag und ging zusammen mit Lorena den Gang entlang. Die restlichen Stunden des Unterrichts brachte ich irgendwie hinter mich, dann kam die schlimmste Stunde, die Stunde vor der ich schon den ganzen Tag Angst hatte: Der Flugparcours. Aber meine Freunde hatten es auch geschafft und wir mussten den Lehren auch beim Unterricht helfen. Wir räumten die Säle auf, bereiteten die Unterrichtsutensilien vor und halfen Schülern, wenn sie Hilfe brauchten. Es war ganz schön anstrengend, doch am meisten ärgerte mich, dass Camilla uns die ganze Zeit auf Trab hielt, uns dauernd zu sich rief, so tat als bräuchte sie Hilfe und uns Beleidigungen an den Kopf warf. Wir taten so, als würde es uns nichts ausmachen, obwohl wir innerlich vor Wut schäumten. Ich erkannte das an Lorenas vor Wut roten Wangen und Mefirians funkelnden Augen. Doch was sollten wir schon tun? Wir ließen es uns gefallen. Dann kam die letzte Stunde des Tages. Ich musste der Lehrerin nicht helfen, aber ich würde alles dafür tun wenn ich es könnte. Das wäre mir lieber gewesen als der Flugparcours. Ich stellte mir vor den Wald, der vor Blättern braun, rot und golden leuchtete. Das Rauschen des Laubes verschmolz mit meinem rasenden Herzschlag. Bumm, bumm, bumm, bumm... Du schaffst das schon, Eyrin, ganz ruhig, dachte ich und versuchte meinen rasenden Puls zu senken. „Also gut Eyrin, durchquere den Parcours, weiche den Hindernissen aus und komme so schnell wie möglich zurück“, erklärte Marena und nickte mir zu. Ich flog schnell in den Wald hinein und wich den eng beieinan-der stehenden Bäumen aus. Ich flog durch einen Reifen aus geflochtenen Ranken, über einen in der Luft hängenden Baumstamm und sank ein bisschen tiefer, um den tiefhängenden Ästen auszuweichen. Der Wind pfiff mir in den Ohren und meine Flügel schmerzten ein wenig, aber ich wollte es endlich hinter mich bringen. Jetzt musste ich zurück... Ich war fast da als meine Kopfschmerzen sich meldeten. Meine Wange pochte, meine Flügel stachen... Nein, nur noch ein bisschen. Ich flog aus dem Wald heraus, in den goldenen Sonnenschein. Schon tauchten die Gestalten meiner Mitschüler und Marena auf. Ich sah ganz deutlich die besorgten Gesichter meiner beiden Freunde und Camillas höhnisches Lächeln. Sie traute es mir wahrscheinlich nicht zu, diesen Parcours schnell zu beenden. Der werde ich es zeigen! Ich beschleunigte meine Flügelschläge. Mein Kopf schien zu bersten, doch ich war nicht erschöpft. Endlich flog ich an der Lehrerin vorbei, und sie sah lächelnd von der kleinen Sanduhr auf, in der gerade das letzte Sandkorn gefallen war. „Du warst zweimal schneller als Camilla und nur ein paar Minuten langsamer als Mefirian und Lorena. Hey du siehst nicht gut aus und was ist das auf deiner Wange?“ Ich wollte antworten, doch Lorena kam mir zuvor. „Das hast du super gemacht Eyrin! Setz dich lieber!“ Ich ließ mich einfach erschöpft auf den staubigen Boden fallen. „Gut, ruh dich aus. Die anderen können gehen“, beschloss Marena und die Gruppe die dich um uns versammelt hatte, löste sich auf und verschwand schwatzend. Ich saß erleichtert und müde da und sah auf mein kleines Armbändchen. Das Herz leuchtete so schön in der Sonne. Nach einer Weile ging es mir wieder gut genug um aufzustehen und von Mefirian und Lorena flankiert nach Hause zu gehen.
Lorena und ich gingen zu Mefirian nach Hause. Seine jüngeren Geschwister kamen lärmend auf uns zugelau-fen. „Mefirian!“, rief sein jüngster Bruder, der fünf Jahre alt war und mein Freund nahm seine Geschwister la-chend in die Arme. Sie kuschelten sich an ihn und plapperten munter, bevor sie mich und Lorena überfie-len. Wir gingen beinahe unter dem Ansturm zu Boden. Ich nahm ein Mädchen an die Hand, Lorena lief neben einem zehnjährigen Jungen her. Mefirians Vater kam aus der Küche, aus der es irgendwie verbrannt roch und lächelte uns entschuldigend an. „Ihr kommt genau zur richtigen Zeit!“, sagte er lächelnd. Ich und Lorena warfen uns belustigte Blicke zu. Mefirians Vater konnte nicht besonders gut kochen und seine Kinder auch nicht. Mefirian versuchte seinem Vater so gut es ging zu helfen. Wir Mädchen stellten uns an das Herdfeuer. Wir kochten ein Mittagessen und aßen dann gemeinsam am Tisch. Mefirian, seine Familie und Lorena plapper-ten munter miteinander, während ich nur schweigend dasaß und den Mund nicht aufbekam. Wie immer ei-gentlich. Mefirian warf mir immer wieder fragende Bli-cke zu, denen ich auswich. Wir halfen noch den Tisch abzuräumen und das Geschirr sauber zu machen. Mefi-rian bedeutete mir, ihm auf sein Zimmer zu folgen. Er schloss die Tür hinter sich und lehnte sich mit ver-schränkten Armen dagegen, als wolle er mir jede Mög-lichkeit zur Flucht vereiteln. Ich schluckte und versuchte zu scherzen: „Was soll das werden? Ein Kreuzverhör?“ Sein Gesichtsausdruck blieb ernst. „Also Eyrin wir ken-nen uns schon sehr lange und haben uns gegenseitig geschworen uns immer die Wahrheit zu sagen.“ „Willst du etwa behaupten ich hätte Geheimnisse vor euch?“, fuhr ich ihm wütend dazwischen. Mefirian erwiderte ruhig: „Du hast uns nicht die ganze Wahrheit erzählt, das ist fast genauso als wenn du lügen würdest.“ Ich schnaubte und wandte den Blick ab. „Na schön, worin habe ich euch denn nicht die Wahrheit gesagt?“ „Du hast uns verheimlicht, dass du dieses Armband aus dem Haus mitgenommen hast“, erklärte er, dann fragte er: „Warum?“ Dieses eine Wort ließ mich in Panik gera-ten und fieberhaft überlegen was für eine Antwort klug wäre. „Ich hatte es vollkommen vergessen... nachdem die Treppe eingestürzt ist“, antwortete ich ehrlich. Mefi-rian musterte mich, wohl um in meinem Gesicht able-sen zu können ob ich log. Dann entspannte sich sein Gesicht zu einem entschuldigendem Lächeln. „Tut mir leid, dass ich an dir gezweifelt habe.“ „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du auch eine Strafe bekommen hast?“ Jetzt hatte ich den Spieß umgedreht. „Na?“, hakte ich nach und rückte herausfordernd mit meinem Gesicht näher an seines heran. Er blieb vollkommen ruhig und erwiderte: „Ich wollte dir keine Sorgen berei-ten. Es hätte sowieso nichts gebracht.“ „Was? Du lässt dich einfach so unterbuttern? Dich für etwas bestrafen, dass du gar nicht getan hast.“ „Der Klügere gibt nach.“ „Ach ja? Mir scheint du wärst der Dümmere!“, rief ich aufgebracht. Warum ließ er immer alles mit sich ma-chen, warum setzte er sich nicht einmal durch? Mefirian sah mich entgeistert an und sein verletzter Blick tat mir weh, doch anstatt mich zu entschuldigen, ging ich zur Tür, mein Freund machte mir ohne zu zögern Platz, mich immer noch anstarrend. Wütend auf mich selbst und mit Tränen in den Augen verließ ich das Haus eiligst. Das letzte war ich sah, was Lorenas überraschter Gesichtsausdruck.
Sieben
Ich hatte kaum das Haus verlassen, da fing es an zu regnen und ein heftiger Wind blies. In meinem Kleid fror ich, obwohl es mit Wolle ausgestopft war und ich Strümpfe trug. Bibbernd und schniefend begann ich zu rennen. Ich sah nicht wohin ich rannte, ich wollte nur weg, nach Hause... Ich trat in eine Pfütze, fluchte, zog das triefende Bein aus dem kalten Wasser und hinkte weiter. Langsam trieb mir den kalten Wind die Tränen in die Augen und peitschte mir den Regen ins Gesicht. Wasser lief mir die Wangen hinab und das Haar klebte mir nass am Kopf. Ich konnte nicht fliegen, da der Wind heftig an meinen Flügeln zerrte und das Wasser meine Flügel schwer werden ließ. Vor mir tauchten endlich die ersten Häuser des Dorfes auf. Erleichtert stolperte ich weiter und klopfte an unsere Tür, damit Mutter nicht dachte ich wäre eine Einbrecherin. „Eyrin! Meine Güte, komm schnell ans Feuer!“, rief Mama und zog mich ins Haus, nachdem sie die Tür beinahe aufgerissen hatte. Sie bugsierte mich auf einen kleinen Hocker vor dem kleinen Kamin, den wir hatten und drückte mir eine Tasse mit Tee in die Hand. Während ich trank, zog sie mir die Schuhe und die durchnässten Strümpfe aus. Sie rief Arlene, die unverzüglich kam und mir die Haare trocknete. Ich fühlte mich geborgen und getröstet, we-gen dem Streit mit Mefirian. Plötzlich fing ich hem-mungslos an zu weinen. Überrascht fragte Mutter: „Was ist denn los Schatz?“ Ich schniefte, schluckte, krächzte: „Ich habe mich mit Mefirian gestritten.“ „Warum?“, wollte sie wissen und legte mir eine Decke um. „Ich... wegen einem Mädchen.“ Es war ja nicht gelogen wir hatten uns wirklich wegen Camilla gestritten. Ich hätte ihr die ganze Geschichte erzählen müssen, damit ich sie nicht belügen musste, aber das hätte auch bedeutet ihr von Camillas Schikanen erzählen zu müssen. Und das wollte ich nicht. Wahrscheinlich wäre sie zu Camilla gegangen und hätte sich beschwert. Darauf hatte ich wirklich keine Lust. „Ach wirklich? Wer ist dieses Mädchen denn?“, wollte Arlene neugierig wissen. Ich zuckte bei ihren Worten zusammen und fuhr wütend hoch. Ich weiß selbst nicht, warum ich damals so empfindlich gewesen bin, Mefirian und ich waren nur Freunde und selbst wenn er eine Geliebte gehabt hatte, dann hätte ich mich für ihn gefreut. Ich bin nicht eifersüchtig, nein das bin ich nicht, niemals. Ich zog mich aus und verkroch mich in mein Bett. Müde und mit Kopfschmerzen fiel ich in einen tiefen Schlaf.
Ich war in Mefirians Haus, genauer gesagt in seinem Zimmer. Eine Kerze flackerte einsam auf dem Tisch. Das Fenster war offen und kalter Schnee wehte herein. Das Bett war leer. Plötzlich flackerte die Kerze im Luft-zug, der durch das öffnen der Tür hinter mir verursacht wurde. Mefirian stand in der Tür, den Arm um eine Per-son in einem blutroten Umhang gelegt. Die Kapuze ver-hüllte das Gesicht, doch rote Locken lugten darauf her-vor. „Hallo Eyrin, ich wollte dir meine neue Freundin vorstellen“, sagte Mefirian lächelnd und die Person neben ihm kuschelte sich eng an ihn und schlug die Kapuze zurück. Ich schrie als mir Camillas Gesicht entgegenstrahlte. Blass, höhnisch, grinsend und spöt-tisch. „Tja Eyrin, du kommst etwas zu spät“, säuselte sie. Ich zitterte vor Wut und wollte ihr am liebsten an die Gurgel, doch die Kerze erlosch, Dunkelheit umhüllte mich. Ein silberner Streifen blitzte auf, kam direkt auf mich zu. Bevor das Messer mich traf, küsste Mefirian Camilla auf die Wange...
Schreiend und weinend fuhr ich hoch und ließ mich dann wieder in die Kissen fallen. Es war nur ein Traum... doch es war trotzdem so realistisch gewesen. Es tat weh, obwohl es nicht in Wirklichkeit geschehen war. Bald schlief ich wieder ein, hatte noch weitere Alp-träume, an die ich mich aber nicht mehr erinnerte. Auf jeden Fall war Camilla in ihnen vorgekommen, da war ich mir sicher. Müde schleppte ich mich in die Schule, ohne Lorena oder Mefirian abzuholen. In den Pausen sah ich Mefirian alleine dastehen, mich völlig ignorie-rend. Gut, das konnte ich auch. Ich machte mich auf die Suche nach Lorena und fand sie auf der Treppe in den zweiten Stock. Sie saß auf den Stufen, den Kopf in eine Hand gestützt, während sie mit der anderen durch ihr Buch blätterte. „Hallo“, grüßte ich sie. Keine Antwort. „Hör mal, es tut mir leid, dass ich dich nicht abgeholt habe, aber...“ Sie unterbrach mich. „Ich rede mit keinem von euch ein Wort bevor ihr euch nicht wieder versöhnt habt und versucht nicht mich auf eure Seite zu ziehen!“ Sie klappte das Buch zu, erhob sich und lief die Treppe hoch. Ich starrte ihr fassungslos nach, ließ mich auf die kalten Steinstufen sinken und lehnte meinen mit wirbelnden Gedanken gefüllten Kopf an das Treppengeländer. Ich hatte meine zwei besten und einzigen Freunde vergrault, was hatte ich da nur angerichtet?
Während der ersten drei Unterrichtsstunden zeigten Mefirian und Lorena mir die kalte Schulter. Es über-raschte mich nicht, doch es tat trotzdem weh. Ich ver-suchte mich auf den Unterricht zu konzentrieren um so zu tun als würde es mir nichts ausmachen, aber ich warf den beiden immer wieder heimliche Blicke zu. Me-firian war böse auf mich und Lorena beachtete uns nicht. Sie wollte mit mir nichts zu tun haben und nicht zwischen zwei Stühlen stehen; ich hatte sie beide we-gen eines blöden Streits verärgert, ignorierte sie und wollte einerseits mich bei den beiden entschuldigen, andererseits mein dämlichen Stolz behalten. Im Zaubertränkeunterricht standen sie beiden nicht wie sonst immer auch neben mir, sondern getrennt von mir und voneinander. Na gut, sollen sie doch, dachte ich und mischte beleidigt den Trank. Ich hörte jemanden leise lachen und bemerkte erst jetzt, dass Camilla ne-ben Mefirian stand, ihn vollquatschte, und dabei so strahlend lächelte, als hätte ihr jemand den Mund ver-eist. Heimlich beobachtete ich sie und blickte schnell wieder ins Lehrbuch, wenn ich glaubte sie sähen zu mir herüber. Ach so, jetzt lacht er sich eine andere Freundin an, dachte ich wütend und gleich darauf: was regst du dich so auf? Soll er sich doch neue Freunde suchen, dass kann dir doch egal sein. Du bist eifersüchtig, gib es zu. Ich starrte auf die Seite die wir gerade im Buch aufgeschlagen hatten und versuchte meine Gedanken zum Schweigen zu bringen. Nein, ich war nicht eifer-süchtig! Aber da redete ich mir nur etwas ein. Mefirian war für mich immer wie ein Bruder gewesen und ihn mit jemandem zu teilen... eigentlich bin ich kein eifersüchtiges Mädchen, doch damals war ich es wohl. Ich weiß ich muss Mefirian ja auch mit Lorena teilen, aber das ist in Ordnung, ich mag sie, sie ist meine Freundin, aber ihn mit Camilla zu teilen... „Was findet er bloß an dieser blöden Kuh?“, schnaubte ich empört und warf schwungvoll ein paar Lavendelblätter in meinen kochenden Trank. Zum Glück schäumte dieses Mal nichts über. Ich blickte wieder von meinem Kessel hoch und sah und hörte vor allem, wie Camilla sich weiter die Mühe gab, mir meinen besten Freund zu stehlen! Warum tat sie das, abgesehen davon, dass sie mir eins auswischen wollte und die ekligste Person im ganzen Dorf war? Mochte sie Mefirian wirklich? Er war nett, höflich, hilfsbereit, jeder mochte ihn, aber ich dachte Camilla könnte ihn nicht ausstehen. Schließlich besiegte er sie immer im Kampfunterricht und war auch sonst nicht freundlich zu ihr. Zu meiner Erleichterung reagierte Mefirian nicht auf ihr Geplapper und tat so, als wäre er mit seinem Trank beschäftigt. Vielleicht war er das ja auch. Endlich klingelte es zum Ende der Stunde und wir hatten eine kleine Pause. Ich stand alleine draußen, an eine knorrige, gigantische, alte Kiefer gelehnt und ließ mir den kühlen Wind ins Gesicht wehen. Es roch nach Regen, schon wieder. Verloren und einsam stand ich da und wusste nichts mit mir anzufangen. Wieso konnte ich mich nicht einfach bei Mefirian entschuldigen? Dann wäre Lorena auch wieder meine Freundin! Doch ich war fest davon überzeugt, dass ich recht hatte uns sah eigentlich keinen Grund, mich bei ihm zu entschuldigen. Gut, ich hatte ihn einen Verlierer genannt, na und? Es stimmte doch, er gab immer nach, ließ sich alles gefallen. Ich weiß, ich war damals sehr ungerecht. Was soll man machen? Jedenfalls bezirzte Camilla Mefirian die ganze Zeit, was mich wütend und traurig machte. Ich vermisste den ruhigen Mefirian und die lustige Lorena. Mir kam mein Traum wieder in den Sinn und ich spürte, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich, als mir aufging, dass Camilla denselben blutroten Umhang trug, wie in meinem Traum. „Ist alles in Ordnung, Eyrin?“, hörte ich eine bekannte Stimme fragen. Ich antwortete nicht, in meinem Kopf wirbelte immer nur derselbe Gedanke umher: Mein Traum wird wahr, er wird wahr! Panik überfiel mich, doch dann kam ich mir dumm vor. Ich war doch kein kleines Kind, das Angst vor Alträumen hatte und dran glaubte, dass sie sich erfüllten! Nein, das war nur Zufall. Da fiel mir die Person wieder ein, die mich angesprochen hatte. Ich drehte mich zu ihr um, doch sie war verschwunden. Plötzlich wusste ich, dass es Lorena gewesen war. Mit hängenden Schultern ging ich nach Hause.
Den ganzen Tag lag ich betrübt, gelangweilt und nach-denklich auf meinem Bett. Arlene merkte, dass etwas los war, ließ mich jedoch in Ruhe. Einerseits war ich froh darüber, andererseits wollte ich mich jemandem anvertrauen. Am nächsten Tag hielt ich es nicht mehr aus. Ich musste mich bei Mefirian entschuldigen, Stolz hin oder her! Mit diesem Entschluss stellte ich mich morgens, bevor die Schule anfing, vor seine Haustür und wartete. Doch er kam nicht. Ich stand zitternd und enttäuscht im Wind da und fragte mich wo er nur blieb. Da ging die Tür auf, doch es war nicht Mefirian, sondern sein Vater Adren, der mich verwundert ansah und fragte: „Was machst du denn hier?“
„Ich warte auf Mefirian.“
„Er ist nicht hier, sondern schon in Schule gegangen.“
„Was?“
„Habt ihr euch gestritten?“, wollte er besorgt wissen. „Ähm... ja... aber das wird schon wieder, bis dann“, er-widerte ich zerstreut und spurtete los um noch rechtzei-tig zum Unterricht zu kommen. Atemlos blieb ich schließlich vor dem Gebäude stehen und hielt nach Mefirian ausschau. Nach einer Weile entdeckte ich ihn wie er mit Camilla die Treppe zum Eingang hochging. Hastig rannte ich hin und versperrte ihnen den Weg. „Eyrin, mach uns Platz!“, forderte Camilla mich auf. „Ich denke ja gar nicht daran! Mefirian, was hat das zu be-deuten?“, schnappte ich und wandte mich zu ihm hin. „Was soll das? Camilla ist meine Freundin! Jetzt lass uns durch“, herrschte er mich an. Ich zuckte unter dem barschen Ton und der Bedeutung seiner Worte zusam-men und mir traten Tränen in die Augen. „Aber Mefirian, so hast du noch nie mit mir gesprochen!“ „Eyrin! Ich meine es Ernst.“
„Aber du kannst diese falsche Schlange doch nicht lie-ben! Weißt du nicht mehr was sie uns alles angetan hat?“ „Es geht nicht immer um dich und ja, ich kann sie lie-ben, weil sie im Gegensatz zu dir nicht findet, dass ich ein Dummkopf bin!“, fauchte er und schob mich kur-zerhand beiseite. Er legte einen Arm um Camillas Hüfte und verschwand mit ihr im Schulgebäude. Camilla hatte mir noch einen hämischen Blick zugeworfen. Heulend ließ ich mich auf die Stufen fallen, die verwunderten Blicke der anderen waren mir egal. Mein schlimmster Alptraum war wirklich wahr geworden.
Acht
Gerade wollte ich mich noch bei ihm entschuldigen, doch jetzt hatte ich meine Meinung geändert. Ich fand er hatte es nicht verdient. Und wenn diese blöde Camil-la dabei war, würde ich bestimmt nicht reumütig um Vergebung bitten. Wusste sie überhaupt von unserem Streit? Natürlich wusste sie davon, sonst hätte sie sich jetzt nicht so an Mefirian herangeschmissen. Ich muss-te mich einfach jemandem anvertrauen, am besten Lorena. Doch die redete ja nicht mit mir. Ach, zum Teu-fel, das ist ein Notfall!, dachte ich, sprang auf, wischte mir übers Gesicht und suchte meine Freundin. Ich fand sie am Brunnen hinter dem Schulgelände, noch hinter dem Trainingsplatz. Dort gingen wir nur selten hin, oder waren nur selten dorthin gegangen... Zögernd näherte ich mich ihr und blieb dann vor meiner früheren Freun-din stehen. Eigentlich war ich ja gar nicht mit ihr ver-kracht und hasste sie nicht. „Darf ich mich zu dir set-zen?“, bat ich mit piepsiger Stimme. Lorena sah zu mir auf, musterte mich und schien unentschlossen ob sie meiner Bitte nachkommen, oder mich lieber davonja-gen sollte. Sie entschied sich schließlich dafür mich nicht wegzuscheuchen und machte auf dem Brunnen-rand neben sich Platz. Dankbar setzte ich mich und sah auf meine Hände hinab. Lorena kannte mich und wusste, dass es mir schwer fiel anzufangen, also fragte sie: „Was ist denn los Eyrin?“ Ich sah sie dankbar an und holte tief Luft. „Also, ich wollte mich heute bei Mefirian entschuldigen...“ „Eine gute Entscheidung“, unterbrach sie mich, doch ich ging nicht darauf ein, sondern redete weiter: „Aber er war nicht da als ich ihn zu Hause abholen wollte, ich habe ihn vor der Schule abgefangen, doch da war er mit Camilla.“ Ich sah wie meine Freundin erstaunt die Augen aufriss und fuhr hastig fort: „Ich wollte mit ihm reden, doch er hat mich abgewehrt und hat gesagt er würde sie lieben...“ „Sie lieben?“, rief Lorena empört und kreischte fast. Ich nickte betrübt. „Sie hat schon seit gestern um ihn herumgetanzt“, erwiderte ich und sah zu Boden. „Also, das ist doch...ist er völlig verrückt geworden?“ „Nein, aber ich“, murmelte ich leise. Lorena sah mich fragend an. „Na ja, ich weiß das klingt blöd, aber ich hatte vorgestern Nacht einen Alptraum. Ich habe geträumt, dass Camilla und Mefirian aufgetaucht sind und er wollte mir auch nicht zuhören und hat gesagt er würde sie lieben. Dann hat sie mich mit einem Messer angegriffen...“ „Das ist ja... beängstigend“, murmelte meine Freundin. Ich senkte meine Stimme zu einem tonlosen Flüstern. „Lorena, das unheimlichste ist, dass ist...im Traum genau diesen roten Umhang getragen hat wie jetzt. Dabei habe ich ihn noch nie zuvor gesehen.“ Lorena starrte mich fassungslos an. Meine Arme waren mit Gänsehaut überzogen.
Es fiel mir schwer das zu sagen, aber Mefirian und Ca-milla sahen glücklich aus. Ja wirklich, ich hätte es auch nicht für möglich gehalten, hätte ich es nicht mit eige-nen Augen gesehen. Lorena ist meine Zeugin. Die bei-den starrten sich die ganze Zeit verliebt und verzückt an, davon konnte einem fast übel werden. Die beiden den ganzen Tag nicht aus den Augen lassend, fragte ich mich, ob sie die ganze Zeit nur so getan hatten, als würden sie sich hassen, aber es erschien mir nicht so. Vielleicht lieben sie sich ja wirklich. Zum Teufel nein, das musste irgendetwas faul sein, Mefirian konnte die-se Hexe doch nicht lieben! Ich erzählte Lorena von mei-ner Vermutung, doch sie sah mich nur zweifelnd an. „Glaubst du wirklich? Ich finde wir sollten uns nicht in sein Liebensleben einmischen und uns für die beiden freuen“, meinte sie vorsichtig. „Niemals, er ist unser Freund und ich bin mir sicher dass es da nicht mit rech-ten Dingen zugeht“, blieb ich stur und kniff die Augen zusammen, als Mefirian sich zu Camilla hinabbeugte und sie küsste. Das brachte das Blut in meinen Adern zum kochen und wütend fixierte ich einen Ast der über Camillas Kopf hing. Plötzlich bewegte er sich, brach und fiel herunter. Camilla spürte die Gefahr und sprang im letzten Moment zur Seite, bevor er sie treffen konnte. Mefirian half ihr aufzustehen und klopfte ihr fürsorglich das Laub und den Staub von ihrem roten Umhang. Nachdem er ihr die letzten Blätter aus den Haaren gepflückt und ihr einen Kuss auf die Wange gegeben hatte, fing ich an zu lachen. Camilla hatte so dämlich ausgesehen, als sie in das Laub gehechtet war und geschrieen hatte wie am Spieß. Lorena sah mich ängstlich an und ich hörte abrupt auf zu lachen, als Mefirian Camilla leise etwas zuflüsterte, sie nickte und er dann wutentbrannt wie ein Stier auf mich zukam. Hastig schickte ich Lorena weg und setzte ein überraschtes Gesicht auf. „Was war das denn eben?“, fragte ich scheinheilig und sah Mefirian in die wütend funkelnden Augen. „Hör auf damit! Ich weiß dass du das warst! Bist du eigentlich ganz bei Trost?“, fauchte er mich an. Ich machte gute Miene zum bösen Spiel, lächelte und wollte wissen: „Wie kommst du darauf dass ich das gewesne bin? Vielleicht war der Ast schon morsch und ist von allein abgebrochen.“ Plötzlich packte er mich am Arm und zerrte so ruckartig daran, dass ich den Schmerz bis in die Schulter spürte. „Aua! Du tust mir weh, hör auf!“, schrie ich und versuchte ihm meinen Arm zu entreißen, doch er packte noch fester zu und zischte: „Ich werde dir noch viel mehr wehtun, wenn du mich und Camilla nicht in Ruhe lässt! Es ist vorbei, deine Eifersucht ist unerträglich! Unsere Freundschaft ist entgültig vorbei Eyrin!“ Ich bekam große Rehaugen und starrte ihn einfach nur fassungslos an. „Aber... aber Mefirian ich bin doch nicht eifersüchtig. Ich will dich doch nur vor Unheil schützen“, erklärte ich atemlos. Seine Augen waren beinahe dunkelgrün vor Wut und der freundliche Ausdruck war einer Kälte gewichen, die sich in mein Herz zu schleichen schien und es zu einem Eisklotz erstarren ließ. „Natürlich bist du eifersüchtig! Erzähl keine Märchen! Ich meine es ernst, lasse mich und Camilla in Ruhe. Wenn ich dich noch einmal in unserer Nähe sehe, passiert etwas Schlimmes.“ Er ließ meinen Arm los und stieß mich zu Boden. Mit pochendem Herzen und keuchendem Atem, blieb ich benommen auf dem Boden sitzen, während Camilla Mefirian umarmte, seine Hand nahm und sie zusammen durch den Wald gingen. Lorena, die sich die ganze Zeit hinter einem Baum versteckt hatte, kam hervor und half mir aufzustehen. „Jetzt hast du es geschafft ihn noch wü-tender zu machen“, meine sie und sah den beiden kopfschüttelnd nach. „Hast du gehört was er zu mir gesagt hat?“, erwiderte ich mit zitternder Stimme und fing wieder an zu weinen. „Wir sollten es einfach akzep-tieren und sie in Ruhe lassen“, schlug sie vor. Ich sah zu Boden, Wind kam auf und wirbelte die Blätter um unsere Füße. „Ja, das sollten wir“, flüsterte ich leise. Wir sahen den beiden nach, bis sie um eine Wegbiegung verschwanden. Es schmerzte furchtbar meinen Freund verloren zu haben.