Eyrin, Verrat auf der Elfenburg

Anja 1993 · Kapitel 3 von 3 · Teil 1/3

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Eyrin, Verrat auf der Elfenburg

Die restlichen Seiten handelten von den Elfen…

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

Die restlichen Seiten handelten von den Elfen die auch bei uns im Dorf lebten, wie die Nacht- und Tag und die Wasser- und Landelfen. Aber über Mottenelfen stand nichts darin, was mich auch nicht verwunderte. Mot-tenelfen waren eher selten und in unserem Dorf gab es niemanden der so hässliche Flügel hatte wie ich, aber daran war ich gewöhnt. Plötzlich legte sich eine Hand auf meine Schulter und ich hätte vor Schreck beinahe das Buch fallen gelassen. „Ein sehr interessantes Buch, nicht? Es ist eines meiner Lieblingsbücher“, sagte der Älteste hinter meiner rechten Schulter. „Ihr habt mich aber erschreckt“, keuchte ich und presste eine Hand auf mein hämmerndes Herz. „Oh, das wollte ich nicht Mädchen. Wie war doch gleich der Name?“ „Eyrin…ich heiße Eyrin“, stammelte ich leicht verwirrt und stellte das Buch hastig wieder an seinen Platz zurück. „Tut mir leid, ich wollte nicht in Euren Sachen herumstöbern…“ Er unterbrach mich und sagte. „Du musst dich nicht entschuldigen. Ich weiß wie verlockend Bücher sein können, sonst hätte ich ja wohl kaum so viele.“ Er zwinkerte mir zu und ich lächelte scheu zurück. Mefirian und Lorena legten ihre Bücher ebenfalls beiseite und warteten darauf, dass Verdan zum Aufbruch rief, aber der Drachenritter schien vollkommen in die Betrachtung der Kate versunken zu sein. „Wie ist eigentlich Euer Name?“, wollte Mefiriran von dem Ältesten wissen. „Meir.“ Unser Freund nickte und wandte sich dann Verdan zu, der immer noch über die Karten gebeugt dastand. „Verdan, du hast was du wolltest. Können wir wieder aufbrechen?“, fragte er den jungen Mann, der zerstreut aufsah, sich offenbar Mefirians Worte ins Gedächtnis rufen musste und dann nickte. „Ja, ja da hast du recht. Ich danke Euch Meir, für Eure Hilfe und dass Ihr uns empfangen habt. Ich weiß Ihr habt wichtigeres zu tun.“ Meir winkte ab und meinte: „Es freut mich, dass ich euch helfen konnte und wünsche euch eine gut Reise bis zur Burg Mydia.“ Verdan nickte, rollte die Karte zusammen und reichte sie dem Ältesten, doch der winkte erneut ab. „Nein, behaltet sie. Ich habe fünf weitere dieser Karten. Ihr braucht sie dringender als ich.“ Der Drachenritter nickte und steckte die Karte ein. Dann winkte er uns und wir verabschiedeten uns von Meir. Marie führte uns zur Tür und wünschte uns ebenfalls eine gute Reise. Mich wunderte woher sie das wusste. Hatte sie vielleicht an der Tür gelauscht? Unmöglich, wir hätten sie doch sehen müssen, als sie uns herausführen wollte. Und Meir hatte sie gerufen und sie war erst nach einigen Minuten aufgetaucht. Ich wollte mir nicht länger den Kopf darüber zerbrechen und lief weiter neben meinen Freunden durchs Dorf und auf das kleine Tor zu. Auf unserem Weg begegneten wir wieder der jungen Frau, die uns den Weg zum Haus des Obersten erklärt hatte. Verdan blieb noch einmal vor ihr stehen, verbeugte sich und sagte: „Ich danke Euch nochmals für Eure Auskunft und wünsche noch einen schönen Tag.“ Zuerst sah sie vollkommen überrumpelt aus, dann lachte sie auf und ihre Augen funkelten spöttisch. Sie neigte spöttisch den Kopf und säuselte: „Oh vielen Dank mein Herr. Ich wünsche Euch eine angenehme Reise.“ Verdan lachte verblüfft und seine Augen funkelten. Die junge Frau lächelte und der Spott war aus ihren Augen gewichen. Sie sahen sich schweigend in die Augen, bis Verdan schließlich fragte: „Und wie ist Euer Name gnädige Frau?“ Sie lachte wieder auf, als hätte er etwas sehr komisches gesagt und antwortete: „Mejoné mein Herr.“ „Ein sehr hübscher Name. Und nennt mich doch Verdan.“ Sie nickte. „Verdan, wir soll-ten weitergehen, ehe sie das Tor schließen!“, unter-brach Mefirian die beiden ruhig. Der Drachenritter seufzte beinahe bedauernd, nahm Mejonés Hand und führte sie an die Lippen. „Ich hoffe wir sehen uns eines Tages wieder.“ Die junge Frau brachte keinen Ton her-aus, sah uns nur nach, als wir das Tor passierten. Dann drehte sie sich um und verschwand im dichten Treiben des Dorfes. Ihr braunes Haar wehte wie ein Schleier hinter ihr her. Vierundzwanzig

 

Obwohl wir einen Tag verloren hatten, kamen wir gut voran und kein weiterer Schneesturm überraschte uns. Doch mir ging einfach nicht aus dem Kopf, was Mejoné gesagt hatte, dass es überhaupt nicht geschneit hatte. Aber wie war das möglich? Wir hatten uns den Schnee-sturm doch nicht eingebildet! Oder es war kein norma-ler Schneesturm gewesen. Symra. Eine andere Erklä-rung gab es nicht. Sie würde keine Ruhe geben, bis sie bekam was sie wollte. Aber in Verdans Gegenwart war ich sicher vor ihr. Die Sehnsucht nach meiner Mutter und meiner Schwester wurde mit jedem Tag, mit jeder Stunde die verstrich stärker und ich wurde langsam ungeduldig. Am letzten Tag unserer Reise war ich so gereizt und aufgeregt, dass ich meine Freunde anfuhr und meistens schweigend dasaß. Bestimmt jede Se-kunde drängte ich zur Eile und Verdan und meine Freunde fanden mich unausstehlich. Aber ich konnte nichts dagegen tun. Dann endlich sagte Verdan: „Da! Wir müssen nur noch über das Meer und dann sind wir bei der Burg!“ Vor Aufregung wurde mir ganz schwinde-lig und ich sah nach unten. Tiefblaues Wasser glitzerte unter uns im schwachen Sonnenlicht. Fasziniert be-trachtete ich die Oberfläche , wie sie sich kräuselte und Moira wie ein Spiegel reflektierte. Dann hörte ich ein lautes Tosen und Rauschen, das mir bekannt vorkam. Noch ehe die Klippe vor uns auftauchte wusste ich, dass wir die Burg erreicht hatten. Vor Freude hätte ich am liebsten geschrien, doch ich beherrschte mich und beschränkte mich darauf aufgeregt auf Moiras Rücken herumzurutschen und wie gebannt auf die Klippe zu starren, die von schäumenden Schaumkronen umringt wurde. Die Brandung prallte mit gewaltiger Kraft gegen den Stein, der dieser Urgewalt mühelos standhielt. Die Burg, die sich auf der Klippe befand, sah genauso aus wie in meinen Träumen. Aus gelbem Stein, mit einer massiven Mauer und den Türmen. Und auch die Fahne mit der Eiche und der Eule wehte im Wind. „Es ist ge-nauso wie in meinen Träumen!“, rief ich aufgeregt und wünschte mir schon meine Mutter in die Arme schlie-ßen zu können. Ich hoffte, dass sie sicher das Meer überquert hatten. Und ich hoffte Camilla und Symra hätten sich zum Teufel geschert. Gleich sehe ich alle wieder, dachte ich und konnte es noch immer nicht so recht glauben. Ich glaubte immer noch in einem meiner Träume zu sein und gleich aufzuwachen um festzustel-len, dass es nicht Wirklichkeit war. Doch ich schlief nicht und wachte nicht auf. Der salzige Duft und das Geschrei der Möwen war echt und auch das Tosen der Brandung. Ich fühlte mich frei und losgelöst. Schließlich erreichten wir die Klippe und Moira setzte zur Landung in den Burghof an, in dem Reger Betrieb herrschte und Elfen auf uns zeigten, riefen und manche in ihre Häuser flüchteten. Auch die Wache hatte uns bemerkt und hielt Armbrüste bereit, um uns vom Himmel zu holen. Verdan flog noch dichter an die Mauer heran und rief dann mit lauter Stimme: „Keine Angst, ich komme in Frieden! Ich bin ein Ritter der Königin!“ „Das kann jeder behaupten! Beweist es!“, rief einer der Wachsoldaten zurück. Verdan erwiderte: „Dazu müsst ihr uns zuerst einlassen!“ Zögernd senkten die Männer die Armbrüste und sahen halb angstvoll, halb ehrfurchtsvoll zu, wie Moira elegant im Burghof landete, wo die Leute hastig Platz für sie machten. Die Menge tuschelte miteinander und die Leute betrachteten uns teils misstrauisch, teils neugierig. Die Wache, trat dicht an den Drachen heran und sagte zu Verdan: „Steigt bitte ab. Und Eure Begleiter ebenfalls.“ Der Drachenritter tat widerstandslos, was der Mann verlangte und wir folgten seinem Beispiel. „Wird dein Drache uns angreifen?“ Verdan schüttelte den Kopf und fügte hinzu: „Nein, mein Drache und ich werden euch nichts tun. Wir kommen in friedlicher Absicht.“ „Beweist, dass ihr ein Ritter der Königin seid“, forderte der andere Wachmann ihn auf. Ich betrachtete ihn ge-nauer. Er hatte blondes, kurzes Haar, ein eher kantiges Gesicht und hatte Augen die beinahe so hell waren wie Salzkörner. Er überragte mich um einen Kopf, reichte Verdan aber nur zum Kinn. Trotzdem sah er nicht so aus, als ließe er sich durch die Größe des Fremden einschüchtern. „Das wird nicht nötig sein meine Herren“, erklang da plötzlich eine helle Frauenstimme. Alle wandten die Köpfe der Treppe zu, die sich den ersten Turm hochschlängelte. Dann sanken alle prompt auf die Knie. Langsam schritt eine große, schlanke El-fenfrau die Stufen hinab. Sie hatte ein blasses ovales Gesicht und kleine rote Lippen, die immer zu lächeln schienen. Tiefgraue Augen waren auf uns gerichtet, von dichten schwarzen Wimpern umgeben. Unter einem hauchdünnen Schleier, der die gleiche Farbe hatte, wie ihr Kleid, wallten braune Locken bis zu den Hüften hinab. Sie hatte große blätterförmige Flügel, auf denen Blumen und Blüten gelb schimmerten. Hinter ihr ging ein Mann, groß, ebenso schlank, mit der gleichen blas-sen Haut und leicht mandelförmigen Augen, die bei ihm jedoch dunkelbraun waren. Rotes, gelocktes Haar fiel auf seine Schultern. Er war in ein dunkelblaues, schweres Seidenwams und schwarze Lederhosen ge-kleidet. An seiner rechten Seite hing ein Schwert und seine Flügel hatten die Form von Libellenflügeln und schimmerten bernsteinfarben. Auf seinem Kopf saß eine silberne, reich verzierte Krone. Die der Frau war zierlicher und feiner, ebenfalls mit Diamanten verziert. Die beiden hatten den Burghof erreicht und kamen auf uns zu. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass Wyran und Karla, die Herrscher Mydias vor uns standen. Verdan und Mefirian sanken auf ein Knie nieder, während Lo-rena und ich in einen tiefen Knicks sanken. Als ich auf-sah, stand das Königspaar direkt vor uns. Die Königin lächelte warm und herzlich auf Verdan herab, während der König sichtlich darum rang, nicht breit zu grinsen. „Verdan unser treuer Ritter. Es ist schön, Euch nach all den Jahren wiederzusehen“, sagte die Königin mit ihrer glockenhellen Stimme, immer noch lächelnd. Verdan nahm ihre Hand und führte sie kurz an die Lippen. „Es ist mir ebenfalls eine Freude Euch und den König wiederzusehen“, erwiderte er und lächelte leicht. Jetzt verzogen sich auch die Mundwinkel des Königs nach oben und er bedeutete Verdan sich zu erheben. Die Königin musterte besorgt seinen bandagierten Arm, stellte jedoch keine Fragen, sondern sagte zu mir und meinen Freunden: „Auch ihr dürft euch erheben.“ Als sie Mefirian ansah, weiteten sich ihre Augen für einen Moment, dann fasste sie sich wieder und lächelte ihm zu. „Willkommen auf der Burg Mydia, ihr drei. Man hat mir schon von eurem Unglück berichtet und…“ Sie wurde von einem Schrei unterbrochen, dann rannte mich beinahe jemand über den Haufen. „Eyrin! Dir geht es gut! Wir haben dich so vermisst!“ „Arlene, du drückst mir die Luft ab!“, keuchte ich, doch dann umarmte mich auch noch Mutter und presste mir die restlichte Luft aus den Lungen. „Mama, ich habe euch auch vermisst!“, schluchzte ich und vergrub mein Gesicht im Haar meiner Mutter und sog den Duft, der mich meine ganze Kindheit hindurch begleitet hatte, tief ein. Ich löste mich aus der zweifachen Umarmung und lächelte die beiden aus tränennassen Augen an. „Eyrin was ist denn geschehen? Nach dem Schneesturm ward ihr plötzlich verschwunden…“ „Später Mama“, unterbrach ich sie. Sie nickte und warf Verdan einen leicht verwirr-ten Blick zu, schluckte die Frage, die ihr auf der Zunge lag aber hinunter. Auch Lorenas und Mefirians Eltern waren zu ihren Kindern geeilt. Mefirian wurde von seinen Geschwistern beinahe zu Tode gedrückt. Danach machte er sich los und küsste jeden auf die Stirn. „Wir sollten uns in die Zimmer begeben um ungestört zu sein“, schlug die Königin plötzlich vor, die schweigend die Wiedersehensszene mit verfolgt hatte. „Ja, wir sollten hier nicht in der Kälte stehen“, stimmte Verdan zu und bedeutete Moira hinter den Pferdestall zu fliegen. Die Drachendame gehorchte, nachdem wir sie von unserem Gepäck und dem Sattel befreit hatten. Dann winkte das Königspaar uns, ihnen in den Turm zu folgen. Wir liefen die Treppe hoch, und es fühlte sich genauso wie in meinem Traum an. Gleich würde die Eule auftauchen. Ach, was, schalt ich mich, das war nur ein Traum und außerdem ist es nicht dunkel und es schneit auch nicht. Ich wusste wohl ziemlich blass geworden sein, denn meine Freunde als auch meine Mutter und Arlene sahen mich besorgt an. „Alles in Ordnung Eyrin?“, fragte Arlene. Schon wollte ich heftig nicken, als mich plötzlich so heftiger Schwindel und ein Gefühl von Gefahr packte, dass ich schwankend zur Seite stolperte und beinahe ins Leere getreten wäre. Lorena, die hinter mir lief, packte mich hastig am Arm und ich sank gegen sie. Mein Herz raste, kalter Angstschweiß brach mir aus und das Rauschen der Brandung und die besorgten Stimmen meiner Familie und Freunde, verstummten, als wäre ich plötzlichen taub geworden. Meine Hüfte schien plötzlich zu brennen und ich bekam Panik. „Eyrin um Himmels willen, was ist mit dir?“, drang Mutters Stimme zu mir durch. Ich konnte sie nur anstarren und brachte kein Wort heraus. „Schnell, wir müssen sie nach oben tragen!“, hörte ich Marlenes Stimme und da wurde ich auch schon kurzerhand von Mefirian hochgehoben. Und so trug er mich auf der schmalen Treppe den Turm hinauf. Ich sah in sein Gesicht und er lächelte mir schwach zu, seine Augen sahen mich besorgt, aber auch beruhigend an. Ich schloss die Augen und lehnte den Kopf an seine warme Brust und hörte sein Herz schnell hämmern. Schließlich blieb Mefirian stehen und ich hörte wie eine Tür geöffnet wurde. Dann wurde ich in ein weiches Bett gelegt und zugedeckt. „Stellt das Gepäck in eine Ecke“, wies der König meine Mutter an. Ich öffnete die Augen und sah Mefirian, Lorena, Verdan und Arlene, die sich über mich beugten. Die Eltern meiner Freunde und Mefirians Geschwister standen etwas weiter entfernt, sahen mich aber ebenso erschrocken wie besorgt an. „Ich hole die Heilerinnen“, hörte ich die Königin sagen und krächzte: „Nein Euer Hoheit, es ist nichts… wirklich…“ Sie warf mir einen skeptischen Blick zu, nickte dann und wandte sich, wie ihr Gemahl, zur Tür. „Ruft einfach einen der Diener, wenn ihr etwas braucht. Wenn Eyrin sich besser fühlt, laden wir euch alle herzlich zum Abendessen in unserer Halle ein. Eure persönlichen Diener, werden euch eure Zimmer zeigen und euch neue Kleidung bringen.“ Dann verließ das Königspaar das Zimmer. Ich schloss die Augen abermals, öffnete sie aber gleich wieder, weil ein Schatten auf mich fiel. „Geht es dir besser mein Schatz?“, fragte Mama und legte eine Hand auf meine Stirn. „Ja, Mama mach dir keine Sorgen.“ Sie sah mich genauso skeptisch an, wie die Königin zuvor und meinte: „Du flunkerst doch. Ich sehe doch, dass es dir nicht gut geht. Was ist es?“ „Ach, die Reise war anstrengend und es ist so viel passiert…“, log ich, hatte ein schlechtes Gewissen und wich dem Blick meiner Mutter aus. Lorena und Mefirian nickten kaum merklich, als mein Blick auf sie fiel. Sie wussten was mit mir los war, oder sie ahnten es zumindest. Arlene und Mama drängten mich, ihnen alles zu erzählen. Meine Träume und Symra verschwieg ich. Das mit mei-ner Hüfte musste ich ihnen natürlich erzählen und Mut-ter war natürlich furchtbar besorgt und glaubte ich hät-te Schmerzen. Das war eine gute Ausrede die sich mir da bot. „Und ich hielt Camilla immer für ein nettes Mädchen! Also wirklich, eine Hexe! Zum Glück war Ver-dan ja da“, seufzte Mama und schenkte dem Drachen-ritter ein so strahlendes Lächeln, dass er errötete. Sie lächelte verständnisvoll und verließ, nachdem sie sich noch einmal davon überzeugt hatte, dass ich nicht im Sterben lag, den Raum. Jetzt kamen auch Arden, seine Kinder und Lorenas Mutter ans Bett und fragten mich alle was los sei. Ich log, ich hätte ein wenig Schmerzen in der Hüfte und sie glaubten es. Als ihre Neugierde gestillt war, scheuchte Mefirians Vater sie raus und Lorenas Mutter folgte ihm, nachdem ihre Tochter sie begrüßt und gedrückt hatte. Als wir mit Verdan alleine waren, seufzte ich: „Puh, endlich sind sie weg.“ Verdan grinste ein wenig, wurde dann aber sofort wieder ernst und fragte: „Geht es dir wirklich gut? Ist es wirklich die Hüfte? Ich habe ein paar meiner Wundumschläge mit-gebracht…“ „Ja, es ist besser und es ist… zum Teil mei-ne Hüfte“, unterbrach ich ihn. Er legte den Kopf leicht zur Seite, doch wie sollte ich erklären, was mit mir los war? Zum Glück kamen Mefirian und Lorena mir zur Hilfe. „Es ist wegen deinen Träumen. Du hast von der Burg geträumt und glaubst dass sie wahr werden könn-ten, nicht wahr?“, vermutete Lorena. Ich nickte leicht. „Du bist erschrocken, aber das ist es nicht allein, oder?“, fuhr Mefirian fort. Wieder nickte ich und fügte dann hinzu: „Ja, ich fürchte mich auch davor, dass Ca-milla hier sein könnte und was sie mit mir machen wird, wenn sie herausfindet, dass ich sie verraten ha-be…“ Ich begann vor Angst zu zittern und meine Kehle wurde eng. Verdan setzte sich auf die Bettkante und legte mir eine Hand auf die Stirn. Sofort hörte ich auf zu zittern und fühlte mich beschützt und sicher. Ich fühlte mich auf einmal schläfrig. „Ich würde jetzt gerne schlafen.“ „Natürlich.“ Er erhob sich und verließ mit Mefirian und Lorena den Raum. „Ich bleibe bei dir“, bot Arlene an, lächelte mir zu und setzte sich mit ihrem Stickrahmen auf einen Stuhl. Sie tat ein paar Stiche, fragte mich nicht aus, was das Gespräch, das ich eben mit meinen Freunden geführt hatte, zu bedeuten hatte. Arlene tat noch fünf Stiche, dann schlief ich ein.

Fünfundzwanzig

 

Ich wachte erst am Abend wieder auf. Arlene saß noch immer neben mir, hatte eine Kerze angezündet und stickte schnell und sauber. Als meine Decke raschelte, hob sie lächelnd den Kopf, stickte jedoch weiter ohne überhaupt hinzusehen. „Es tut mir leid, dass ich dir nichts von meinen Träumen erzählt habe…“ Sie stach die Nadel in den Rahmen, auf dem schon eine halbfer-tige Rose prangte. „Ich kann es verstehen. Du hattest angst, ich würde dir nicht glauben und dich für verrückt halten.“ „Du bist die beste Schwester auf der Welt!“, sagte ich und zog sie an mich. Arlene ließ sich die Um-armung ein paar Augenblicke gefallen, dann machte sie sich los und deutete auf einen Stapel Kleidung am Fußende des Bettes. Dort lag ein hellorangenes Sei-denkleid mit roten Stickereien und kleinen Spiegel-scherben verziert. Von den Säumen der Ärmel hingen rote, durchsichtige Tücher, die am Ende spitz zuliefen. Es lag noch ein roter Ledergürtel bereit und schlanke schwarze Lederstiefel. Ich entdeckte noch ein hellbrau-nes Haarnetz, das beinahe dieselbe Farbe hatte wie mein Haar. „Oh!“, machte ich entzückt. Arlene lächelte und erklärte: „Das sollst du für das Abendessen anzie-hen, das gleich stattfinden wird.“ Erschrocken sprang ich aus dem Bett, wieder vollkommen fit und schlüpfte mit der Hilfe meiner Schwester in das Kleid. Während sie hinten am Rücken die Schnüre zuband, zog ich die Stiefel an, was ein wenig schwer war, weil Arlene mir beinahe die Luft abschnürte. Und sie flocht mir noch in Windeseile einen Zopf, den sie dann zu einer Schnecke gerollt ins Haarnetzt steckte. Als sie fertig war, trat sie einen Schritt zurück und nickte zufrieden. „Du siehst schön aus“, bemerkte sie. Dabei sah sie in ihrem gel-ben Kleid auch nicht schlecht aus. „Danke“, schnurrte ich und lächelte geschmeichelt. Arlene verdrehte die Augen, grinste aber und winkte mir, ihr zu folgen. Wir verließen den Raum, trafen auf eine Treppe, die nach oben führte und auf eine, die nach unten führte. Meine Schwester wandte sich ohne zu zögern der ersten Trep-pe zu und stieg die Stufen hinauf. Ich folgte ihr hastig und fragte: „Hier gibt es außen und drinnen Treppen?“ Arlene nickte. „Aber die Feinde können hier doch ganz einfach rein.“ „Nein, dazu müssten sie das Losungswort kennen, und das wissen nur der König und die Köni-gin.“ „Ich habe aber vorhin niemanden etwas sagen hören.“ „Das Königspaar kann die Gemächer, auch oh-ne das Losungswort auszusprechen, betreten“, erklärte sie geduldig und stieg die Stufen, die um den Turm herumreichten herab. Mir wurde ein wenig schwindelig beim Umrunden des Turms und ich war froh, als wir endlich den Burghof erreichten. Meine Schwester führte mich zwischen den verschieden Elfen hindurch. Der Himmel war schwarz, Sterne blinkten am Firmament und der Wind war nicht mehr so beißend wie ein paar Tage zuvor. Arlene blieb vor einem hohen, breiten Ge-bäude stehen. Es hatte eine große hölzerne Tür und vier Stockwerke. Vor der Tür waren zwei Wachen pos-tiert, die lange silberne Stäbe in den Händen hielten, auf dessen Spitzen blau schimmernde Steine saßen, in denen Magie pulsierte. Als wir nähertraten, richteten sie die Stäbe auf uns. Arlene trat ihnen ohne Angst entgegen und sagte: „ Die Königin hat uns in die Halle eingeladen, das ist meine Schwester Eyrin.“ Die Soldaten sahen sie leicht zweifelnd an. Lächelnd holte meine Schwester eine kleine bronzene Eule mit kleinen grünen Rubinen als Augen und hielt sie den Wachen hin. Diese nickten, traten einen Schritt zur Seite und gaben die Tür frei. Meine Schwester winkte mir zu und wir traten in einen dunklen, nach Holz und Moder riechenden Raum. Wir konnten die Umrisse von mindestens fünfzig großen Weinfässern und einer Treppe, die nach oben führte, erkennen. Wir befanden uns offensichtlich im Weinkeller. Wir stiegen die Treppe hoch und fanden uns, nachdem wir die Treppe passiert hatten, auf einen mit kunstvoll gestickten Teppichen bedeckten Flur wieder. Arlene legte einen Finger an die Lippen und flüsterte mir zu: „Die Gemächer des Königspaares und Gästezimmer für höhere Besucher.“ Ich nickte und trat beinahe lautlos auf die hölzerne Treppe zu, die am Ende des Flures ins nächste Stockwerk führte. Schon auf den ersten Stufen schlug uns gedämpfter Lärm entgegen und wir hörten Stimmen und Gelächter. Mir klopfte das Herz bis zum Hals. Jetzt standen wir vor der Tür und lächelten uns unsicher an. Arlene holte tief Luft und betrat die Halle. Ich folgte ihr zögernd. Schlagartig verstummten das Gelächter, Besteckklirren, Füßescharren und die Stim-men, als wir eintraten. Alle Augen hatten sich auf uns gerichtet. Die große Halle war von Fackellicht erfüllt, dass sie golden schimmern ließ und jede Ecke erleuch-tete. Lange hölzerne Bänke erstreckten sie zu beiden Seiten, reich beladen mit Essen, Geschirr und Blumenvasen, in denen Rosen aus gefärbtem Eis schimmerten, die nicht schmolzen. Der steinerne Boden war mit Stroh bedeckt, das leise unter meinen Sohlen knisterte, als ich mit Arlene zur größten Tafel schritt. Ich war mir der Blicke aller bewusst und hob den Kopf ein wenig. Ausdruckslose, freundliche, neugierige oder leicht verärgerte Gesichter sahen mir entgegen und ich suchte die Tafel nach meinen Freunden ab. Ich ent-deckte Verdan an der linken Seite der Königin, dann folgten neben ihm meine Mutter, Mefirians Familie, Lorenas Mutter und Lorena und Mefirian, die mir zulä-chelten. Unsicher und beinahe panisch ging ich auf das Königspaar zu, das mir und Arlene schweigend entgegensah. Meine Schritte kamen mir in der vollkommenen Stille überlaut vor. Als ich schließlich vor dem Königspaar stand, lächelte ich leicht gezwungen, senkte den Blick und knickste genau wie meine Schwester. „Ihr dürft euch erheben“, sagte die Königin freundlich, mit ihrer klaren melodiösen Stimme. Ich erhob mich, hielt den Blick jedoch weiterhin gesenkt. „Nun denn, setzt euch an die Tafel und beehrt uns mit eurer Anwesenheit. Sei uns herzlich willkommen Eyrin.“ „Danke Eure Majestäten“, stammelte ich, knickste noch einmal und huschte dann eilig und mit hochrotem Kopf zu Lorena und Mefirian, die gerückt waren, um Platz für mich zu machen. Die adligen Elfen sahen uns neugierig an und ich kam mir vor wie ein hässliches Huhn inmitten von wunderschönen Pfauen. Die Frauen trugen herrliche bunte Kleider, mit kunstvollen Stickereien, Perlen und Diamanten verziert, mit Haarspangen aus Gold und Umhängen aus feinster Seide. Die Herren trugen samtene Röcke und Tuniken in dunklen Farben und ebenfalls kostbare Umhänge. Manche von ihnen waren mit Pelz besetzt. Erst jetzt fiel mir auf, wie meine Freunde gekleidet waren. Loren trug ein pfirsichfarbenes Kleid, das an den Ärmeln mit wei-ßer Spitze verziert war. Über den Rock zogen sich glitzernde Linien, wie ein Spinnennetz und das blonde Haar hatte sie hochgesteckt. Sie trug einen Kamm aus Elfenbein im Haar, der mit kleinen Perlmuttperlen ver-ziert war. Mefirian und Verdan trugen knielange Tuni-ken, jeweils in dunkelgrün und blau, mit dem Königs-wappen verziert, schwarze Hosen, kniehohe Lederstie-fel und wollene Umhänge. Verdan sah ein wenig blass aus und da sein Arm in der Schlinge steckte, sah er nicht ganz so elegant aus wie die anderen. Doch er lächelte mir zu und vertiefte sich dann in eine Unterhal-tung mit der Königin. Der König unterhielt sich mit einem älteren Mann, der offensichtlich in seinen Diens-ten stand. Ich ließ meinen Blick durch die Halle schweifen und sah, dass die einfachen Elfen an kleinen Tischen beisammensaßen. Das Essen war nicht so gut wie an den großen Tafeln, aber es sah durchaus genießbar aus. Jetzt widmete ich mich erst einmal den Speisen, die vor mir standen. Ich sah Honigkringel, klei-ne Törtchen mit Schlagsahne, duftende Pasteten, Pilze in dunkler und Gemüse in heller Soße, glasiertes Huhn, weiches weißes Brot und noch vieles mehr. Ich nahm mir einen mit gemahlenen Haselnüssen gefüllten und mit Zuckerguss glasierten Kringel und biss hinein. Er schmeckte sehr süß und die Nüsse ein wenig bitter. Danach nahm ich mir von der Pastete und dem lockeren Brot, das einem im Mund zerging. An-schließend nahm ich die Getränke in Augenschein und entschied mich für Wasser, da ich keinen Alkohol trin-ken wollte. Ich musste feststellen, dass es kein Wasser war, sondern stark verdünnter Wein, der aber auf der Zunge prickelte und nach Beeren schmeckte. Es schmeckte mir so gut, dass ich gleich drei Becher davon trank, davon aber nicht betrunken wurde. Wie gesagt, der Wein war sehr stark verdünnt. Ich unterhielt mich mit Mutter und Arlene, meinen Freunden und hatte Freude an dem Abendessen. Es versetzte mich ir-gendwie in Hochstimmung von so vielen verschiedenen Elfen umgeben und in Burg Mydia zu sein. Die Schre-cken der vergangen Wochen waren vergessen, als wä-ren all die furchtbaren Ereignisse nie geschehen. Ich vergaß es einfach und dass war ein Fehler, den ich heute bereue. Das Essen dauerte bis tief in die Nacht und um Mitternacht entschuldigte Verdan sich und bat darum, dass wir uns auch zurückziehen durften. Die Königin gewährte ihm seine Bitte und wünschte uns allen eine Gute Nacht. Ich war ein wenig enttäuscht, als Arlene mich mit sich aus der Halle zog, aber Müdigkeit ließ mir die Lider schwer werden und so ließ ich mich ohne Widerstand in mein Zimmer bugsieren. Wir alle hatten unsere Zimmer im selben Stockwerk und darüber waren wir sehr froh. So konnten wir uns besuchen und zusammen irgendwo hingehen. In meinem Zimmer angekommen, rief ich nach einer Zofe und ließ mir aus dem Kleid und in ein langes Nachthemd helfen. Die Zofe flocht meine Haare noch zu einem Zopf, schüttelte Kissen und Decke aus und wünschte mir eine gute Nacht. Ich bedankte mich und kroch unter die Decke.

Es kam mir vor, als hätte ich nur ein paar Minuten ge-schlafen, als Arlene mich weckte. Schlaftrunken und leicht verwirrt stolperte ich durchs Zimmer, wusch mich, schlüpfte in ein schlichtes grünes Kleid und flocht mir hastig zwei Zöpfe, die ich mit weißen Bändern umwi-ckelte. Draußen auf dem Gang trafen wir auf Mefirian und Lorena. Er trug eine braune Tunika, schwarze Ho-sen und seine Stiefel. Das Haar trug er wie immer offen. Er lächelte mich und Arlene grüßend an und Lorena flötete fröhlich: „Guten Morgen ihr zwei! Ist das nicht ein herrlicher Tag?“ Sie sah nicht so aus, als würde ihr der wenige Schlaf etwas ausmachen, wie denn, schließlich ist sie ja eine Nachtelfe. Ich brummte etwas und Mefirian lachte. „Unsere Eltern sind schon in der Halle beim Frühstück“, erklärte er, nachdem er sich wieder beruhigt hatte. Ich verstand nicht was an meiner schlechten Laune lustig sein sollte und streckte ihm die Zunge heraus. Daraufhin lachte er noch mehr und ich musste grinsen. „Sollen wir auch kommen? Die Königin behandelt uns ja wie hohe Gäste“, sagte ich. „Das liegt bestimmt an Verdan“, meinte Lorena und warf mit einer anmutigen Handbewegung ihr blondes Haar zurück. „Weil er so gut mit ihr tändeln kann?“, scherzte Arlene und bekam von mir einen bösen Blick. „Nein, weil er in ihren Diensten steht“, erklärte Mefirian geduldig. Arlene nickte mit großen Augen. „Ach so!“ Ich verdrehte die Augen. Wie dumm sie sich manchmal stellte!

Sechsundzwanzig

 

Nach dem Frühstück, das wir wieder zusammen mit dem Königspaar einnahmen, wurde ich überraschen-derweise von Karla gerufen. Ich hatte keine Ahnung was sie von mir wollte, ging jedoch zu ihren Gemächern um sie nicht zu beleidigen. Die Dienerin, die mich dort-hin führte, klopfte, wartete darauf, dass sie hereingebe-ten wurde und trat ein. Nach kurzer Zeit erschien sie wieder und bedeutete mir einzutreten. Ich schluckte und trat mit heftig klopfendem Herzen in den Raum. Das erste was mir ins Auge sprang, war das riesige Himmelbett. Eine Kommode, ein gewaltiger Kleider-schrank und ein gläserner Tisch befanden sich noch im Raum. Gleich neben dem Bett entdeckte ich einen Fri-siertisch und das ließ mich in meinem Kopf alle Alarm-glocken schrillen lassen, obwohl ich nicht wusste wa-rum. Beunruhigt trat ich näher und die Königin, die am Frisiertisch saß, drehte sich zu mir um. Sie lächelte mir zu und grüßte mich: „Hallo Eyrin, ich habe schon auf dich gewartet. Setz dich doch.“ Sie deutete auf einen der aus Silber bestehenden Stühle und ich setzte mich. Karla winkte der Zofe, die neben ihr stand, dass sie sich zurückziehen konnte. Die junge Frau schüttelte den Kopf und blieb stehen. Die Königin runzelte leicht die Stirn, sagte jedoch nichts und wandte sich wieder an mich. „Ich habe dich hergebeten, weil ich gerne hören will, was dir auf der Reise hierher widerfahren ist. Verdan wollte mir nichts verraten.“ „Ähm…ich glaube nicht, dass ich etwas erzählen sollte, was Verdan nicht möchte, Eure Hoheit“, wandte ich vorsichtig ein. Karla lachte hell und schüttelte den Kopf. „Niemand muss erfahren, dass du es mir doch erzählt hast und außerdem frage ich dich nach den Ereignissen. Und die Wünsche einer Königin darf man nicht missachten, oder?“ Sie zwinkerte mir zu und ich lächelte. Dann begann ich zögernd zu erzählen und ließ nichts aus, was mich ziemlich überraschte, denn selbst Arlene und meiner Mutter hatte ich nicht alles erzählt. Und jetzt verriet ich einer mir fremden Königin meine Ängste, Gedanken und Vermutungen. Ich redete und redete, als ginge es um mein Leben. Karla hörte schweigend zu, nickte ab und zu und ließ mich dabei nicht aus den Augen. Als ich geendet hatte, meinte sie: „Dass mit dieser Camilla müssen wir Mirabella mitteilen. Ich werde mich gleich darum kümmern.“ Sie holte einen Diener herbei und bat ihn Mirabella eine Nachricht zu überbringen, dass die Königin sie in einer halben Stunde zu sehen wünschte. Nachdem der Mann wieder gegangen war, winkte Karla ihre Zofe wieder heran und diese begann ihr das Haar zu kämmen. „Mir tut leid, was dir widerfahren ist Eyrin. Aber ich verstehe nicht, warum Verdan es mir nicht er-zählen wollte.“ „Vielleicht weil er sich schämte…oder weil er zu stolz war.“ „Verdan und zu stolz? Nein, ich glaube eher er hat sich geschämt, wessen auch im-mer…“, erwiderte Karla und lächelte vor sich hin. Ver-stohlen betrachtete ich ihre Zofe. Sie war vielleicht An-fang zwanzig, hatte langes braunes Haar und war schlank. Da erkannte ich sie. „Mejoné!“, rief ich erfreut und sie drehte sich zu mir um. Sie lächelte als sie mich erkannte und sagte: „Hallo Eyrin, so sieht man sich wieder.“ „Ihr beiden kennt euch?“, fragte die Königin verwundert und Mejoné nickte. „Wir sind uns in mei-nem Heimatdorf begegnet. Verdan hat nach dem Dorf-obersten gefragt, weil sie sich angeblich in einem Schneesturm verirrt hätten…“ „Wieso angeblich?“, woll-te ihre Herrin wissen. „An dem Tag, war kein Flöckchen vom Himmel gefallen. Ich habe schon gedacht Verdan fantasiert.“ „Müsstet Ihr Verdan nicht schon kennen? Schließlich muss er sich doch oft in der Nähe der Köni-gin aufhalten. Da hättet ihr euch doch begegnen müs-sen!“, mischte ich mich ein. Mejoné sah Karla fragend an und die Königin nickte mit einem Seufzer. „Nein, ich bin erst seit einem Jahr im Dienste der Königin.“ „Und was heißt das jetzt?“, fragte ich verständnislos. „Verdan war schon seit fünf Jahren nicht mehr im Schloss“, antwortete die Königin. Ich sah sie ungläubig an. Das hatte er mir gar nicht erzählt und Lorena und Mefirian auch nicht. „Was? Schon seit fünf Jahren? Aber er hat uns kaum etwas über sich erzählt und als ich ihn einmal gefragt habe…hat er mich angefahren, als hätte ich ihm eine unschickliche Frage gestellt.“ „Das ergibt Sinn. Er erzählt nicht gerne über sich. Vor fünf Jahren ist etwas passiert, weswegen er aus der Burg fliehen musste. Ich habe die Hoffnung schon aufgegeben je wieder so einen treuen Ritter zu finden“, seufzte Karla. „Aber habt ihr nicht nach ihm suchen lassen?“, fragte ich. „Nein, denn wir hielten es für besser ihn ziehen zu lassen. Wir wollten ihn nicht zwingen bei uns zu bleiben.“ „Und was ist passiert, dass er fliehen musste?“ Die Königin erhob sich von dem Frisierstuhl und setzte sich auf einen Stuhl, den die Zofe vor meinen schob. Mejoné stellte sich an die linke Seite ihrer Herrin. Dann begann Karla zu erzählen. „Ich berichte dir erst einmal alles von Anfang an. Ich habe so einiges über Verdan herausgefunden, er weiß aber nichts davon. Also, eine Frau in dem Dorf, in dem er früher gelebt habt, hat mir alles über ihn erzählt, was sie von anderen erfahren hatte. Verdan war ein Einzelkind und hatte keine Freunde. Aber trotz-dem war seine Kindheit glücklich, denn er hatte Moira als kleines Drachenjunges in einer Höhle gefunden. Ihre Eltern sind wohl von Jägern getötet worden. Sie war seine treue Gefährtin, doch im Dorf war sie nicht sicher. Also musste Verdan sich einen anderen Ort suchen, an dem Moira sicher war. Er fand ihn bei sei-nem Großvater, der in einem anderen Dorf wohnte. Dort ließ er den Drachen und kehrte nach Hause zurück. Doch er musste feststellen, dass seine Heimat zerstört war. Die Häuser waren verbrannt und eingestürzt. Seine Eltern und viele andere Bewohner waren tot. Nur eine ältere Frau hatte überlebt und nahm ihn bei sich auf. Sie verschwanden aus dem Dorf, holten Moira zurück und zogen nach Osten. Plötzlich starb die Frau und er war wieder allein.“ Die Königin machte eine Pause, seufzte traurig und fuhr dann fort: „Dann fand er heraus, dass er einen Onkel und eine Tante hatte und ging zu ihnen. Sie nahmen ihn herzlich auf und dort blieb er einen Monat. Er hatte auch einen Cousin, aber der war erst ein Kleinkind, sah ihm aber ers-taunlich ähnlich. Dann zogen sie alle in die Burg um den Winter zu überstehen. Dort begann er als Knappe und wir merkten, dass er sehr geschickt mit dem Schwert umgehen konnte. Obwohl er noch nicht vierzehn war, begann seine Ausbildung zum Knappen und er wurde schon mit siebzehn Jahren zum Ritter geschlagen. Er hatte mir schon vorher treue Dienste geleistet und in einigen Schlachten gekämpft, von denen es allerdings nicht viele gab.“ „Aber warum hat er das Schloss verlassen?“, wollte ich wissen. Karla er-zählte weiter. „Er verkrachte sich mit einer meiner Zofen. Sie beide wollten sich immer darin ausstechen meine Gunst zu erwerben. Und sie haben sich oft ge-stritten. Dann eines Tages kam meine Zofe vollkommen aufgelöst zu mir und erzählte mir, Verdan hätte versucht sie zu vergewaltigen. Ich bat Verdan zu mir, doch er floh noch am selben Tag mit Moira und seitdem sah ich ihn nicht mehr. Die Zofe ist noch in meinen Diensten, aber gerade nicht hier. Verdan hat nie versucht seine Unschuld zu beweisen, aber trotzdem habe ich immer gehofft er würde zurückkeh-ren. Und jetzt hat diese Hoffnung sich erfüllt.“ Sie klang nicht glücklich darüber. „Und habt ihr schon darüber gesprochen?“ „Nein, leider nicht. Er ist mir ausgewi-chen und ich möchte ihn nicht bedrängen. Ich be-fürchte jedoch es könnte zu einer Auseinandersetzung zwischen ihm und meiner Zofe kommen. Sie hat manchmal ein feuriges Temperament, doch sie ist eine gute Zofe…“, beendete sie ihren Bericht. Ich starrte sie schweigend an, Mejoné war bleich geworden und ich sah Tränen in ihren Augen. „Ist das wirklich wahr? Er hat sie vergewaltigt?“, hauchte sie. Karla sah sie an und schüttelte leicht ärgerlich den Kopf. „Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube es nicht. Meine Zofe muss es sich ausgedacht haben. Hätte ich Verdan doch schon früher gesagt, dass ich an seine Unschuld glau-be. Ich hoffte er hätte in deiner Gegenwart irgendetwas darüber erwähnt, dass er zu mir kommen und die Sa-che klären wollte…deshalb habe ich dich auch hierher bestellt Eyrin.“ Ich nickte und sagte zu Mejoné: „Du hast dich in ihn verliebt.“ Sie wurde rot und wandte den Blick ab. Karla lächelte schwach. „Er…er ist so höf-lich und sieht so gut aus… und er ähnelt eurem Freund, wie hieß er doch gleich?“ „Mefirian!“, kreischte ich und die beiden Frauen zuckten erschrocken zusammen. „Was ist?“, fragten sie gleichzeitig. Ich sah sie an, schüttelte den Kopf und schrie: „Verdan ist Mefirians Cousin!“

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