Fall 01

Adrian Remke · Kapitel 2 von 5

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Fall 01

Teil 2 - Verknüpfungen

„Fahr bitte langsamer.“ Matthew klammerte sich an den Türgriff. Cole seufzte und verlangsamte sein Tempo. „Weil du's bist, Matt.“ Außerhalb außenstehender siezten sie sich ständig. Cole glaubte, dass dadurch seine Autorität mehr zum tragen kam. Matthew fuhr seinen Bericht fort. Nachdem er geendet hatte staunte Cole nicht schlecht. „Tatsächlich ist das möglich, aber wozu der ganze Aufwand? Und vor allem, wer war es denn nun?“ Matthew starrte aus dem Fenster. „Ich habe keine Ahnung. Die Männer und die Spannungen zwischen ihm und seinem Sohn müssen dem Täter ja ziemlich gelegen gekommen sein.“ Cole blinkte und fuhr mit dem Auto in eine Seitenstraße. „Du glaubst also nicht, dass es die Männer waren?“ Matthew schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht. Wenn ich mich nicht sehr irre stimmen die Geschichten der Geldveruntreuung und diese Männer sind Kredithaie, von denen er sich Geld geliehen hatte. Sie würden am wenigsten von seinem Tod profitieren. Nein, es muss jemand sein, der einen direkten persönlichen Grund hatte.“ Cole warf ihm einen Blick zu. „Das wäre dann wohl deiner Meinung nach Ethan Miles, wegen der Todesbotschaft, habe ich Recht?“ Matthew sagte dazu nichts. Cole verdrehte die Augen. „Jetzt sei nicht so nachdenklich.“ Matthew blickte auf die Straße. „Ich bin mir nicht sicher. Allem Anschein nach hat der Täter einen sehr hohen Aufwand veranstaltet, bloß um zu verschleiern, dass es sich um tatsächlichen Mord handelt. Was wir noch überhaupt nicht überdacht haben ist, dass auch das eine falsche Spur hätte sein können. Oder aber Michael Clarksson wollte uns auf eine Spur bringen, dem tatsächlichen Mörder auf die Spur zu kommen. Wie auch immer. Wir werden weiteres hoffentlich in bei Familie Miles herausfinden.“

Mr. Miles wohnte im südlichen Bezirk der Stadt. Zwischen klobigen Neubauten und schicken Villen hatte er sich eine kleine Existenz in Form eines modernen, grellen orangenen Hauses aufgebaut. Ein kniehoher weiß gestrichener Zaun umrahmte ein sauber gemähten Rasen und rechts und links des Grundstückes standen mehrere Meter hohe Heckengewächse. Ein künstlicher Wasserlauf rauschte leise im Hintergrund und aus einer Vogelvoliere drang gedämpftes zwitschern und Kreischen. Ein hölzerner Carport hatte sich zwischen Hecke und Hauswand gequetscht und ein nagelneuer schwarzer Geländewagen stand in der Einfahrt. Rebecca, Matthew und Hauptkommissar Cole stiegen aus dem Wagen und gingen auf die Tür zu, doch bevor sie sie erreichten, wurde sie von selbst geöffnet. In der Tür stand eine junge Frau. Sie war vielleicht Anfang zwanzig, Hatte glatte, blonde, hüftlange Haare und wirkte seltsam aufgeregt. Als sie die drei erblickte wirkte sie zunächst verdutzt. „Wer sind Sie?“ Wie auf Kommando zückten alle ihre Dienstmarken. Cole übernahm das Wort. „Hauptkommissar Cole, zentrale Polizeidirektion. Bei mir sind die Officer Riley und Johnson. Wir würden gerne zu Ihrem Vater, sofern Sie Miss Miles, die Tochter sind.“ Die blauen Augen der Frau weiteten sich. „Sie... sind von der Polizei?“ stotterte sie. „Was hat mein Vater gemacht?“ Cole lächelte ihr freundlich zu. Noch hat er nichts gemacht. Wir müssen ihn etwas fragen. Es steht in Verbindung mit einem Mordfall. Dürften wir hereinkommen?“ Die Frau nickte. „Natürlich, warten Sie, ich hole ihn. Sie öffnete die Tür und ließ sie herein. Sie wurden in ein luxuriös aussehendes Wohnzimmer geführt. Ein riesengroßer Fernseher bedeckte fast die vollständige Wand. Gegenüber stand ein breites graues Sofa. Das Parkett unter ihren Füßen gab keinen Laut von sich und schienen neu zu sein. „Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“ Sie drehten sich zeitgleich um. Ein hagerer Mann stand in der Tür. Er hatte scharfe, falkenhafte Züge. Über scharf geschwungenen Augenbrauen saßen tiefliegende Augen und eine kräftige Hakennase zierte das Gesicht. Cole holte abermals seine Polizeimarke hervor. „Wir sind hier um Sie zum Mord an Michael Clarksson und seinen Sohn Stanley Clarksson zu befragen.“ Ein spitzer Aufschrei ertönte. Die Tochter Mr. Miles stand hinter diesem und hielt sich die Hände an den Mund. Sie begann heftig zu zittern. Ein zweiter Aufschrei ertönte, als eine andere Frau, augenscheinlich ihre Mutter, herbei gestürmt kam, als sie anfing zu schwanken. „Liz!“ Liza Miles sank in sich zusammen und begann hemmungslos an der Schulter ihrer Mutter zu schluchzen. Ethan Miles sah sie erschrocken an. „Cate, bring sie in ihr Zimmer. Komm danach wieder herunter.“ Cate nickte und sie hievte ihre Tochter hoch. Und bugsierte sie aus dem Raum. Ethan atmete schwer. „Okay, reden wir.“ Gemeinsam setzten sie sich zu viert an den Wohnzimmertisch, wenige Zeit später kam auch Cate hinzu. Cole wartete geduldig bis sie ihrem Mann über den Zustand Lizas informiert hatte. Dann erhob er die Stimme. „Heute morgen wurden die Leichen der eben genannten Personen in ihrem Hotelzimmer aufgefunden. Auf den ersten Blick sah es so aus, als hätte Michael seinen Sohn erstochen und sich danach selbst erhängt. Motiv könnte die Entdeckung des Sohnes sein, dass sein Vater Geld veruntreute und ihn damit erpresste. Ein weiter Punkt wäre...“ er machte eine bedeutungsschwere Pause. „Dass sein Sohn ein Boot fuhr und seine Mutter dabei starb.“ Ethan senkte die Augen. „Der tragische Unfall vor 4 Jahren. Ja, ich war der Fahrer des zweiten Bootes. Da habe ich seinen Sohn und seinen Vater kennengelernt. Wir waren gut befreundet. Gut genug, dass ich weiß, dass er zu feige gewesen wäre sich selbst, geschweige denn eine andere Person umzubringen. Es sieht ihm nicht ähnlich, dass er andere Leute wegen eines Unfalls rächt. Nicht, seitdem er selbst in den tragischen Unfall verstrickt war.“ Matthew wurde hellhörig. „Wie bitte? Er war selbst in einen Unfall verwickelt?“ Ethan nickte schwerfällig. „Ja, es passierte gestern vor zwei Jahren. Es kam groß in den Zeitungen. Eine Frau starb dabei. Er selbst war wie durch ein Wunder fast unverletzt. Allerdings gab es damals einigen Rummel. Offenbar schienen die Bremsleitungen ihres Wagens beschädigt worden zu sein.“ Cole pfiff laut ein. „Sagen Sie nicht, dass der Wagen in der Reparatur bei Michael Clarksson war?“ Ethan nickte heftig. „Doch genau das.“ Matthew war perplex. Plötzlich eröffnete sich eine völlig neue Möglichkeit. „Wissen Sie wer die Frau war?“ Ethan lachte bitter. Oh ja. Wir kannten sie beide sehr gut. Es ist die Freundin eines gemeinsamen Freundes. Rick Davidson.“ Beim Klang dieses Namens zuckte die Cate fürchterlich zusammen. Cole sah sie durchdringend an. „Stimmt etwas nicht?“ Cate schüttelte verängstigt den Kopf. Ein verbittertes Lachen ertönte. Liza stand in der Tür, ihre Augen blutunterlaufen und wankend. Sie lachte noch einmal, diesmal hysterischer. Ethan packte das Grauen. Liza deutete auf ihre Mutter. „Fragt s-sie nochmal. Fragt.. s... sie. Ja-ha!“ Sie hickste laut. „Wer issst denn wohl... Rick... Davidsnn... Das solldest du doch w-wohl wissn... Schließlich... hassst du.... mit ihm geschlafen... Mama....“ Cate schlug die Hände, wie zuvor ihre Tochter, vor den Mund und Tränen stiegen ihr in die Augen. Ethan sprang auf, ging zur Tochter und schob sie aus dem Zimmer. Ihre Mutter folgte ihr unaufgefordert, ein Taschentuch auf das Gesicht gepresst. Ethan schloss die Tür. Trotzdem konnten sie die aufgelöste Liza den ganzen Weg nach oben randalieren und krakeelen hören, während Cate ihr mit verweinter Stimme hinterher rief. Ethan ließ sich auf den Stuhl fallen. Er sah fertig und zerbrochen aus. Eine peinliche Stille breitete sich aus. Matthew durchbrach sie schließlich. „Mr. Miles. Wir müssen alles wissen. Es ist von größter Wichtigkeit.“ Ethan nickte gequält. „Die gesamte Geschichte begann vor 5 Jahren. Damals habe ich Rick Davidson auf einer Veranstaltung kennengelernt. Es ging um Sicherheit in dem örtlichen Krankenhaus und Rick war damals Ingenieur für Sicherheitstechnik. Wir begannen etwas zu unternehmen. Wir freundeten uns an. Kaum ein Jahr später war ich mit ihm auf hoher See, als uns bei stürmischen Wetter ein Boot rammte. Es war das Boot Michaels. Entgegen allen Vermutungen freundete er sich mit mir und Rick an. Wir fragten ihn, ob er nicht wütend auf uns sei, weil wir den Tod seiner Frau verursacht hatten. Aber er spendierte uns einen Drink und zog über seinen Sohn her. Er sei betrunken gewesen und hätte sein Jugendlichen Leichtsinn viel zu sehr ausgelebt. Durch die Verbindung lernte Liza auch Stan kennen und sie verliebten sich. Seinem Vater war das gar nicht Recht. Immer sagte er zu mir, was ich bei der Erziehung falsch gemacht habe, dass sie sich in einen so unwürdigen Nichtsnutz verlieben konnte. Eines Tages kam ich von der Arbeit und erwischte Rick dabei, wie er sich an meiner Frau vergnügte. Das schürte meinen Hass auf ihn. Dann kurze Zeit später geschah der Unfall und alles änderte sich. Rick mied Michael und hegte offenbar eine Abneigung gegen ihn. Somit war Rick weitestgehend ausgeschlossen. Ich hasste ihn für den Verrat und er hasste Michael, weil er ihn für den Tod seiner Freundin schuldig machte. Er war es aber nicht.“ sagte er plötzlich mit solcher Bestimmtheit, dass Matthew die Stirn runzelte. „Was macht Sie da so sicher, dass er es nicht doch war?“ Ohne einem von ihnen in die Augen zu sehen murmelte er. „Ich weiß es.“ Matthew wechselte einen Seitenblick mit Cole. Cole seufzte. „Okay, ich denke, dass wir Sie dann lange genug gefoltert haben schätze ich. Eine Frage hätte ich allerdings noch. Wo wohnt Rick Davidson und wo arbeitet er?“ Ethan überlege. Er wohnt in Central District direkt neben dem Hotel „Zur Grauwacht und arbeitet in eben diesem Hotel als Sicherheitselektroniker.“

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„Der Fall kommt ins Rollen!“ Matthew rieb sich die Hände vergnügt. Cole lachte gekünstelt. „Genaugenommen wird alles immer undurchsichtiger. Am Anfang gingen wir von einem Mord aus, dessen Täter sich anschließend selbst richtete. Nun haben wir zwei Ereignisse aus der Vergangenheit und zwei potenzielle Täter.“ Matthew schüttelte den Kopf. „Das ist so nicht richtig. Genaugenommen haben wir drei Verdächtige in zwei unterschiedlichen Fällen.“ Cole war verdutzt. Dass musst du mir erklären.“ Matthew nickte. Ich fang von hinten nach vorne an. Was wissen wir? Mr. Clarksson hatte einen verwurzelten Hass zu seinem Sohn, als Anschuldigung seine Frau auf dem Gewissen zu haben. Blenden wir diese Information aus, denn diese ist für den Fall uninteressant. Wie wir mittlerweile wissen ist es relativ unwahrscheinlich, dass Mr. Clarksson seinen Sohn tötete. Auch die anfangs Verdächtigen, die Kredithaie können wir ausschließen, denn profitabel ist sein Tod nicht. Bleiben zwei Verdächtige. Mr. Miles. Ihn halte ich für sehr unwahrscheinlich. Er hat kein richtiges Motiv. Er würde eher der Mörder von Rick Davidson sein, wenn dieser tot wäre. Nein. Ich bin mir so sicher wie man sich nur sein kann, dass Rick Davidson der Täter ist, bloß Beweise haben wir leider keine.“ Coles Telefon fing an zu klingeln. Er klappte es auf und meldete sich. Fünf Minuten später war das Gespräch beendet. „Die Ergebnisse der Autopsie liegen vor. Wie erwartet starben beide durch die jeweiligen offensichtlichen Verletzungen. Du weißt was das heißt?“ Matthew antwortete nicht gleich. Eine Weile sah er aus dem Autofenster und beobachtete die Landschaft. „Dass wir es mit einem sehr gefährlichen Mann zu tun haben. Damit die Tode zweifelsfrei diagnostiziert werden können, muss er zuerst den Sohn getötet haben. Das heißt wiederum, dass der alte Herr seinem Sohn beim sterben zugesehen haben muss, damit er den gleichen Schmerz fühlt wie er.“ Cole brummte etwas. Matthew beachtete ihn nicht. „Bevor wir ins Gefecht stürzen, würde ich gerne noch meine Theorie überprüfen. Dazu müssen wir noch einmal ins Hotel.“ Cole bestätigte und schon bald fuhren sie an der Einfahrt vor. Inzwischen war es früher Mittag und es wurde wärmer. Suzanna war diesmal nicht da, und sie mussten sich bei einer ziemlich missgelaunten Empfangsdame melden und sich ausweisen. Danach führte sie sie in die Sicherheitszentrale. Matthew griff ich den erstbesten Mitarbeiter heraus, der ihm über den Weg lief, ein relativ junger, rothaariger Mann mit einer Menge Sommersprossen im Gesicht. „Wir bräuchten Einblick in eine gewisse Zeitspanne, wenn das in Ordnung gehen würde. Fünfzehnter Stock.“

Eine halbe Stunde später waren sie wieder an der frischen Luft. Matthew sah sich bestätigt, Rebecca jedoch skeptisch. „Matt, da war ein Mann, gut. Aber das muss nicht zwangsläufig heißen, dass deine Theorie stimmt.“ Matthew ließ sich nicht unterkriegen. Wir haben die Videoaufzeichnung gesehen. Und die Beweise, die wir im Zimmer fanden unterstreichen das ganze.“ Cole atmete tief ein. „Du hast Recht. Alles scheint zu passen. Aber das auf der Videoaufzeichnung könnte jeder gewesen sein. Du hast keinen Beweis.“ Matthew lachte. „Und ob ich den habe. Aber alles weitere sage ich euch später. Erst einmal brauchen wir noch mehr Hintergrundinformationen. Auch wenn dieser Fall hier abgeschlossen scheint fehlen noch einige Dinge in dem Fall vor 2 Jahren, des Unfalls bei dem Lucy Davidson umkam. Irgendetwas passt da noch nicht so ganz ins Bild.“ Cole begann zum Auto zu gehen. Matthew folgte ihm. „Wir brauchen mehr Informationen. Ich muss herausfinden, was damals genau geschehen ist. Es muss ein Schlüsselereignis gegeben haben, dass alles eskalieren ließ. Und die Verstrickungen damals vor zwei Jahren. Wir treffen uns heute Abend wieder. Der Showdown nähert sich.“ Und einen völlig verblüfften Hauptkommissar Cole stehen lassend, ging er davon. Rebecca eilte ihm nach. „Was hast du jetzt genau vor?“ fragte sie ihn. Matthew sah in den Himmel. „ich begebe mich auf eine Reise in die Vergangenheit. Durch Zeitungen, Archive und Dokumente wird meine Reise gehen.“ Rebecca stellte sich vor ihn. Und ich werde mitkommen. Ich werde dir helfen.“ Sie war ihm jetzt ganz Nahe. Er konnte direkt in ihre braunen Augen sehen, die einen kleinen grünen Stich hatten. Konnte wie schon heute am Morgen ihren Duft riechen und sog ihn in vollen Zügen ein. Ein hungriges Verlangen ergriff von ihm Besitz, fegte den Fall fort und hinterließ lediglich einen Schleier der durchtriebenen Leidenschaft und ein betörendes Gefühl der Schwerelosigkeit. Er wollte sie küssen, lieben, jetzt und hier. Er wollte sie. Das wusste er. Doch plötzlich war das Gefühl verschwunden. Sie hatte sich umgedreht und blickte in die entgegengesetzte Richtung. „Kein Happy End, Sherlock. Einer wird immer auf der Seite des Untergangs stehen. Versprich mir, dass du das niemals sein wirst.“ Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, doch durch ihr Gebaren vermutete er, dass sie Tränen in den Augen hatte. Er griff ihre Schulter und tätschelte sie. „Ich habe ja jemanden, der auf mich aufpasst, falls es kritisch wird.“ Dann ging er voraus. Sie folgte ihm und schweigend machten sie sich auf den Weg zur Straße, dann nach rechts, einmal um das Hotel. Auf der anderen Seite stand ein großes Haus, welches seine Fenster dicht an den Balkonen der Villa hatte. Das war der entscheidende Schlüssel. Er ging zu einem Eingang und sah die Namen durch. Bis er auf den Namen „Davidson“ stieß. Ohne zu überlegen klingelte er. Doch keiner machte auf. Rebecca sah ihn misstrauisch an. „Matt, was tust du da? Du sagtest eben, dass du noch Informationen einholen willst.“ Matthew drückte gegen die Tür und er erschrak als sie plötzlich aufschwang. Kratzer an der Tür. Und am Schlüsselloch. Matthew schlich langsam die Treppen hoch, Ohne auf die wütende Stimme Rebeccas hinter ihm zu hören. Erster Stock. Zweiter Stock. Dritter Stock. Die Treppen zogen sich weiter hin. Sie erreichten den Sechzehnten Stock, in dem das Klingelschild auf die Wohnung Rick Davidsons hinwies. Die Tür war ebenfalls aufgebrochen. Vorsichtig trat Matthew in das dunkle Zimmer ein. Er tastete nach einem Lichtschalter, fand aber keinen. Rebecca war dicht hinter ihm und klammerte sich an ihm fest. Es war ein Chaos. Die komplette Wohnung war auf den Kopf gestellt. Regale lagen Kreuz und quer, alles lag verstreut. Und mehr sah Matthew schon nicht, denn plötzlich kam etwas aus dem Schatten hervor, warf ihn um und flüchtete zum Treppenhaus hinaus. Matthew fiel hin und ihm wurde schwarz.

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Als er wieder erwachte, war er zunächst milde überrascht, dass direkt vor ihm Cole stand und ihm in die Augen sah. Verschwommen nahm er wahr, dass er etwas sagte. Aber er konnte absolut kein Wort verstehen. Nach und nach klärte sich das Bild um ihn her, sein Gehirn begann zu arbeiten und sein Blick wurde schärfer. Er befand sich im selben Zimmer, doch war nun alles hell erleuchtet. Erstmals sah er das Chaos, welches hier veranstaltet worden war. Ein greller Schein leuchtete ihm direkt ins Gesicht und er riss die Hände vors Gesicht. Cole hatte ihn mit einer kleinen, aber starken Taschenlampe geblendet. „Offenbar geht es dir gut, Matt.“ Matthew rief sich den Hinterkopf. „Was zum Teufel ist passiert?“ Rebecca kniete sich neben ihn und hielt seine Schulter. „Wir sind angegriffen worden. Im Haus hatte sich der Verursacher dieses Chaos noch versteckt und er hat dich mit irgendetwas niedergeschlagen.“ Matthew sprang auf. Das war schlecht, denn sofort wurde ihm schwindelig. Rebecca sprang ebenfalls auf und hielt ihn, damit er nicht umfiel. Matthew wartete einige Momente, dann ging es wieder. „Becca, geht es dir gut? Hat dich der Täter auch verletzt?“ Rebecca schüttelte den Kopf. „Bei mir ist alles dran, wo es dran muss. Ich habe ihn nur die Treppe herunter flüchten sehen, Aber als ich unten auf der Straße ankam war er längst über alle Berge.“ Matthew fluchte laut. Cole räusperte sich. „Könnt ihr mir etwas über den Täter sagen? Alter, Geschlecht, Größe?“ Rebecca überlegte kurz. „Er war etwa 1,60 groß und dünn. Mehr konnte ich nicht sehen. Der Einbrecher hatte eine Strumpfmaske und einheitlich schwarze Kleidung.“ Cole senkte den Kopf. „Okay, es nützt alles nichts. Aber eins können wir jetzt schon sagen. Rick Davidson war es definitiv nicht, denn er ist 1,80 groß und ziemlich kräftig. Die Frage ist, wo er nun ist.“Matthew sah sich in der Wohnung um. „Da alles hier durcheinander und verwüstet ist, wird es uns sehr schwer fallen hier noch irgendeine Spur zu entdecken. Wir sollten mehr über die Verbindungen zwischen den Verdächtigen und deren Familien herausfinden. Ich habe die Vermutung, dass wenn wir herausfinden, wer der Täter im Fall Clarksson ist, auch herausfinden, wer hier dieses Chaos verursacht hat.“ Er machte eine ausholende Armbewegung. „Und Cole, ehe du wieder fragst, ja, ich habe schon eine Theorie. Doch erst einmal auf in das Archiv. Ich habe einige Arbeit vor mir.“

Das städtische Archiv war ein monumentales Gebilde. Es bestand aus riesigen Hallen, voll bis zur Decke mit Akten, Papieren, Dokumenten und besonders Zeitungen bestückt. „Wenn sich jemand vor einem Jahrhundert hier falsch in der Nase gebohrt hatte, so wurde es hier festgehalten. Es wird hier irgendwo den Artikel um den Unfall geben, der damals geschah. Wir können gespannt sein.“ Matthew ging Reihe um Reihe an den Regalen vorbei und schaute auf die Jahresbezeichnungen, die auf Augenhöhe angebracht die Reihen ordnete. In dem vorletzten Regal kurz vor der Fotoarchiv-Abteilung wurde er fündig. Hier waren auf gut 20 Regalböden in 100 Metern tausende und abertausende Artikel verstaut. Da er nicht glaubte, dass er alleine fündig würde, fragte er ein Personalmitglied danach. An einem kleinen Tresen stand ein bärtiger Mann, der gerade etwas an einem der zwei dort stehenden Computern suchte. Matthew ging geradewegs auf ihn zu und blieb vor dem Tresen stehen. „Entschuldigen Sie bitte. Aber ich bin von der örtlichen Polizeidirektion.“ Er zeigte wie gewohnt seinen Ausweis. „Ich bin auf der Suche nach einem Ereignis, welches heute vor vier Jahren stattfand. Könnten Sie mir diesbezüglich weiterhelfen?“ Der Mann sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Gibt es hier irgendetwas zu gewinnen?“ Matthew sah ihn verständnislos an. Der Mann kramte unter seinem Tisch und zog einen Satz Zeitungen hervor. „Ich habe sie bereits hier. Vor einigen Stunden kam schon einmal eine Frau hier her und wollte ebendiese Zeitungen einsehen. Und vor ihr, einige Tage zuvor, ein großer dürrer Mann.“ Matthews Augen verengten sich. „Können sie sich an Einzelheiten erinnern? Ein Name vielleicht?“ Der Mann überlegte. „Namen habe ich leider keine. Der Mann war etwa 1,85 groß, mager und sah wie jemand aus, dem man lieber nicht zu viele Fragen stellt. Die Frau war noch sehr jung, Anfang zwanzig vielleicht. Genaueres weiß ich auch nicht mehr, denn hier kommen täglich so viele Leute, dass die Gesichter schnell wieder verschwinden.“ Matthew nahm sich die Zeitungen. „Ich danke Ihnen.“ Der Mann zuckte mit den Achseln. „Tut mir Leid, dass ich nicht weiter helfen kann.“ Matthew ging zurück an den Reihen von Regalen vorbei zu der gemütlichen Lobby, in die man sich setzen und recherchieren konnte. Dort begab er sich zu einem Sessel und begann in den Zeitungen zu stöbern. Er hatte kaum eine davon aufgeschlagen, als sein Handy klingelte. Er ging ran und meldete sich mit seinem Namen.

„Matt?“„Ja, Rebecca, was gibt es?“

„Ich habe zusammen mit Hauptkommissar Cole die Wohnung unter die Lupe genommen. Und wir haben einen Hinweis gefunden. Einen Zettel, mit einer Frauenhandschrift. Darauf steht eine Botschaft, aus der wir nicht schlau werden.“

„Was steht darauf?“

„Ein großes I, ein nach unten gerichteter Pfeil, der auf einen Balken trifft und einen Pfeil am Beginn hat, noch ein großes I, ein großes X und ein Herz. Wirst du daraus schlau?“

„Hm... Nein, nicht sonderlich. Ich habe es mir notiert und schau mir das mal später an.“

„Okay, ich muss dann erst Mal weiter. Cole hält mich auf Trab.“

„Okay, Becca. Dann sehen wir uns später.“

„Matt?“

„Ja?“

„Pass bitte auf dich auf.“

„Mach ich, du aber auch.“

„Danke.“„Bis dann.“

Er legte auf. Er hatte die geheime Botschaft mitgeschrieben, die ihm Rebecca am Telefon genannt hatte. I, ein nach unten gerichteter Pfeil, I, X und ein Herz. Er hatte keinen blassen Schimmer, was damit gemeint sein könnte. Er verwarf es vorerst aus seinen Gedanken und widmete sich wieder dem Unfall, der vor 2 Jahren geschah, und der ihm vielleicht endlich den entscheidenden Hinweis zum Lösen dieses verstrickten Mordfalles gab.