Fundstuecke
Fundstuecke
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
Inhalt
007 Eine kurze Vorrede
008 Adi’s Spelling – Von Art bis Zero
014 Alte Zeiten – neue Zeiten
021 Antisemitismus und kein Ende
025 Australien: in oder auf – das ist die Frage 030 Bali Paradise, again and again and again 033 Befindlichkeitsmeldung
034 Borobudur, Zentraljava
035 Botanisches
038 Carrefour goes green
039 Da lachte das Kamel. Und ging
040 Das Absurde im Allgemeinen und ueberhaupt 043 Das Heidenkind
043 Das Leben als Eisberg
045 Das Universum und wir
047 Dentales
049 Der Maurer im Haus erspart den Zimmermann 055 Der Suzuki-Adi
055 Die Dreigroschenoper
057 Die gruene Revolution in Indonesien
059 Die Kostenlosigkeit
060 Die Zeit des grossen Sprungs
061 Ein ganz besonderer Ort: Das Auslaenderamt oder Wie man Mensch kleinmacht
067 Ein glueckliches Neues Jahr
072 Ein Hohelied auf ein einfaches Werkzeug 073 Ein Leben zwischen den Kulturen
074 Ertappt
076 Fragen eines 67jaehrigen Kindes
076 Fuenundsechzig ist ein Alter 080 Homotreffen in Ubud
082 Inzwischen
082 Jeder kann Kuenstler sein
089 Kuenstler als Beruf
092 Kuta 12.10.2002
094 Langeweile
094 Little Richard
098 Problemloesungen
100 Rauchender Fussball
102 Rechthaben
102 Sex and Rebirthing
103 Spitzenvorname
105 Ueber das Reptilverhalten
107 Ueber Geldboersen und Visitenkarten 110 Uebers Internet
112 Ursache und Wirkung
114 Vom Tod des Baeckermeisters K.
115 Von der Maus, dem Faden und den Zaehnen der Analytikerin 116 Von Gluehbirnen und Leuchtmitteln
118 Von -or zu -or
120 Warum Rechthaben nicht immer schoen ist 122 Was habe ich bisher gelernt auf Bali? 123 Wer, wenn ich schriee ...
128 Wo er Rech hat, hat er Recht
129 Wo gehts denn hier zur deutschen Leitkultur 134 Zweitausendundzwoelf – der Mayakalender
Eine kurze Vorrede
Die nachfolgenden Texte sind in etwa das, was man andernorts unter Verschiedenes, Panorama oder Misculance findet, unter Fundstuecke oder Untitled. Ich habe mich fuer Fundstuecke entschieden, das betont das oft Zufaellige und Bruchstueckhafte der mehr oder weniger langen, mehr oder weniger wichtigen und mehr oder weniger ernsthaften Beitraege.
Aber auch beim Anlegen einer Sammlung von Zufaelligem und Bruchstueckhaftem ergeben Ordnungs- und Ein- und Zuordnungsproble. Unter welchen Gesichtspunkten soll man die Teile der Sammlung zusammenfuegen und eine gestaltende Hand anlegen? Es hat sich aber schnell einen Weg gewiesen - nicht der Weg, aber ein einfacher und gut gangbarer: das Alphabet. Das Alphabet stellt die ordnende Struktur dar, an der ich meine Fundstuecke aufhaenge. Wie die Wem das zu regelhaft ist, kann sich einfach kreuz und quer durch diese Fundstuecke lesen. Also, auf geht’s ...
Adi’s Spelling - Von Art bis Zero
Adi’s Spelling - Der Werbetext:
„Von Art bis Zero, von Demokratie bis Polizei, von Menschenrechte bis Spiritualitaet, von Umwelt bis Ressourcen - Adi's Spelling deckt ein komplettes Alphabet an Themen ab. Der deutsche Kuenstler und Autor Adi Bachmann, 65, lebt und arbeitet in Ubud, Bali. Er beschreibt und illustriert seine Sicht der Dinge und seine Gedanken, bezogen auf einige GVom 1. bis zum 14. November 2009 zeigte ich in Hanna Art Space, Ubud, grossformatige digitale Drucke auf Fotopapier. Fuer mein ‚A bis Z’ waehlte ich Begriffe in englischer Sprache aus.
rundlagen sozialer, politischer und wirtschaftlicher Gegebenheiten global gesehen, oder speziell auf Indonesien und auf Bali bezogen. Seine 26 digitale Drucke sind ausdrucksstarke Stuecke zeitgenoessischer Kunst. Fotos und grafische Elemente, Zeichnungen und Gemaelde, Zeichen und Symbole sind mit typographischen Elementen und informativen Texten kombiniert. Seinen Ueberlegungen folgend, dass Wahrheit ein Konzept ist, Schaerfe eine Illusion und das Leben eine zerbrechliche Angelegenheit, erforscht Adi Bachmann den Bereich von Moeglichkeiten zur Visualisierung dieser Vorstellungen. Viele dieser Darstellungen sind in ihrer Gesamtheit oder im Detail klar und sind leicht zu identifizieren, andere haelt er lieber im Vagen, im Nichtunterschiedenen. Einige seiner Texte scheinen informativ und bedeutungsvoll zu sein, andere kann man fast nicht lesen - hier werden die Informationen unklar und bleiben geheimnisvoll. Auch wechselt er oefter vom Englischen ins Deutsche - von der ihm fremden Sprache in seine Muttersprache. Adi's Alphabet beginnt – fast selbstverstaendlich fuer einen Kuenstler – mit A fuer Art, gefolgt von Bali, Corruption, Democracy, Environment, First Family, Genocide, Human Rights, Is-lam, Jakarta, Kalimantan, Military, Nepotism, Orang Utan, Police, Quakes, Recourses, Spirituali-ty, Unemployment, Victim, Wealth, Xenophobia, Youth und Z fuer Zero.
„Adi’s Spelling“ ist eine sehr persoenliche Auswahl. Es ist Adi’s Versuch, einen fuer ihn akzeptablen Standpunkt in der komplexen Welt von heute zu finden. Natuerlich hat diese Themenauswahl ganz unterschiedliche Bedeutungen fuer die verschiedenen Betrachter. Jeder wird fuer sich selbst herausfinden muessen, was sie ihm persoenlich bedeutet.
Adi Bachmann kam 1943 in Muenchen zur Welt. Ins Berufsleben startete er als Schrift-setzer, Typograph; nicht lange danach etablierte er sich als Grafik Designer. Ueber einen Zeitraum von 35 Jahren diente er vielen Verlagshaeusern in Deutschland, Oesterreich und der Schweiz als freiberuflicher Buchumschlag- und Taschbuch-Gestalter. Jetzt beschaeftigt er sich als Kuenstler (Skulpturen, Assemblagen, Reliefs, Objekte etc.), als Autor und Galerist – und als ehrenamtlicher Mitarbeiter im Yayasan Widya Guna, einem Waisenhaus und Lernzentrum in Bedulu/Bali. Er verkaufte zum 1. Januar 2000 sein Atelier und verbrachte die ersten sechs Jahre des neuen Jahrtausends in Italien, auf Kreta, in der Naehe von Potsdam und – ueber insgesamt neun Monate – in Aegypten. Im Maerz 2006 uebersiedelte er nach Bali. Adi Bachmann ist inzwischen mit Komang Sarining aus Kalibukbuk/Bali verheiratet; beide leben und arbeiten seit 2007 in Ubud. Ebenfalls seit 2007 kuemmert er sich um die von ihm gegruendete Adi’s Gallery. Adi Bachmann zeigte seine Kunst 1999 in Reischach bei Altoetting; 2001, 2002, 2003 in Muenchen; 2004, 2005 in Ferch (Potsdam-Mittelmark); 2004, 2005 in Schloss Puechau, nahe Leipzig; 2000, 2001, 2002, 2003 in Kamilari, Kreta und 2006 und 2007 in Kalibukbuk/ Bali.
Seine Ausstellungen in Ubud waren ‘Adi's Bali’, 2007, ‘Adi's World’, 2008, ‘The Hero's Journey’ 2008, and ‘Adi's Spelling’, 2009. In 2010 zeigte er unter dem Titel ‚People, etcetera’ neue Skulpturen im Park des ARMA Museums und ARMA Resorts in Ubud. Ebenfalls im ARMA ist fuer 2012/2013 eine Skulpturenausstellung unter dem Titel ‚Basics’ geplant.“
Adi’s Spelling – die Themen:
Arbeitslosigkeit
Arbeitslosigkeit hat verschiedene Bedeutungen in verschiedenen Gesellschaften. Gerecht bezahlte Arbeit ist fuer die Mehrheit die einzige Moeglichkeit, zu ueberleben.
Bali
Ist Bali eine Paradies-Insel? Gibt es ueberhaupt ein Paradies? Man muss selbst nach Bali kommen, um das herausfinden.
Beben
Erdbeben, Seebeben und Vulkanausbrueche erinnern und daran, dass unsere Erde eine fragiles Ding ist.
Demokratie
Die Partizipation in politischen, sozialen und wirtschaftlichen Prozessen und freie und geheime Wahlen sind die Grundlagen aller funktionierenden demokratischen Systeme.
First Family
Es ist gut, eine starke Familie zu haben. Aber es ist schlecht, die Mitglieder der eigenen Familie zu den Inhabern des ganzen Staates zu machen.
Islam
Das monotheistische Christentum und der monotheistische Islam haben eine gemeinsame Mutter: die sehr viel aeltere monotheistische juedische Religion.
Jakarta
Welch ein Unterschied zwischen der hollaendischen Stadt Batavia und der indonesischen Megapolis Jakarta.
Jugend
„Kinder sind unser wertvollster Schatz“ - und Uebervoelkerung eines der groessten und folgenreichsten Probleme der Welt.
Kalimantan
In Kalimantan passieren die wirklichen Sachen. Die meisten Menschen dort werden getrieben von Optimismus, Depression und Hoffnung.
Korruption
Es ist kein Zufall, dass die aermsten Laender der Erde die Transparency Liste in Sachen Korruption anfuehren.
Kunst
Kunst gibt es nicht in gebrauchsfertigen Schachteln; Kunst ist das Ergebnis der Auseinandersetzungen des Kuenstlers mit seiner Abhaengigkeit von ihr.
Legong
Bevor ich nach Bali kam, habe ich noch nie von ‚Legong’ gehoert. Inzwischen mag ich den Legon-Tanz und die jungen Legon-Taenzerinnen sehr.
Menschenrechte
Die Menschenrechte als Realitaet sind so neu, dass man immer wieder daran erinnern muss, sie immer wieder einzuklagen.
Militaer
Ein ungeklaertes, tiefsitzendes Gefuehl macht mich nervoes, wenn ich Menschen in Uniform begegne oder mit ihnen zu tun haben muss.
Nepotismus
Das sind arme Leute, die ueber eine exzellente Ausbildung verfuegen, aber nicht ueber ein funktionierendes Netzwerk. Oder anders herum.
Opfer
Menschen duerfen von Regierungen, Behoerden, Firmen, religioesen Gruppen oder Einzelpersonen nicht zu Opfern gemacht werden.
Orang Utang
Der Orang Utan waere nicht die einzige Art, die von uns Menschen ausgerottet wurde.
Polizei
Es kostet 40 Millionen Rupiah in Melak/Kalimantan und 75 Millionen Rupiah in Gianyar/Bali, um sich eine Anstellung im Polizeidienst zu kaufen. Wieviel kostet es in Surabaya oder in Jakarta?
Reichtum
Das Rennen ums Geld scheint die Religion unserer Tage zu sein. Reichtum aber ist nur ein billiger Ersatz fuer Zufriedenheit und inneren Frieden.
Ressourcen
Einige Ressourcen werden eines Tage zuende gehen, andere wachsen nach. Beide beduerfen es, dass man mit ihnen weitsichtig umgeht.
Spiritualitaet
Spiritualitaet kann eine Oeffnung hin zur Realitaet sein, oder eine Flucht weg von ihr. Die Wahl liegt bei jedem selbst.
Tourismus
Tourismus ist eine Moeglichkeit, Menschen, Kulturen, Ueberzeugungen und Geld zusammenzubringen – oder auseinander.
Umwelt
Die groessten Gefahren fuer unsere Umwelt gehen von uns Menschen aus. Wir verhalten uns so, als haetten wir irgendwo noch eine Ersatzwelt.
Xenophobie
Die Angst vor Fremden ist kein indonesisches Phaenomen; aber besonders auf Bali fuehlen sich Auslaender eher willkommen als abgelehnt.
Zero
Zero ist der Schlusspunkt und der Punkt, neu anzufangen. Zero ist der Anfang und das Ende von allem.
Alte Zeiten – neue Zeiten
Ja, die Zeiten haben sich tatsaechlich geaendert. Das ist nicht mehr zu leugnen. Das scheint inzwischen sogar bei der Frau Kanzlerin angekommen sein und Westerwelle hat es zu spueren bekommen. Frueher war das naemlich alles nicht so.
Alles! Da liefen keine hungrigen Kokodile die Sendlinger Strasse auf und ab und bis in die Seitenstrassen hinein oder von der Asamkirche in den Brunnenhof. Ganz frueher – also vor dem grossen Krieg, als die Altstadt Muenchens noch ganz viele gotische Ecken und Winkel hatte – stoeckelten naemlich keine Krokodile, sondern Damen die Gehsteige an der Sendlinger Strasse auf und ab, suchten den Kontakt zu passanten und alleinstehenden Herren, Radfahrer eingeschlossen und klimperten mit einem Schluesselbund. Klingelingeling. Das galt als das Zeichen, dass die Dame bereit war, eine neue Bekanntschaft zu schliessen und ihrem Gewerbe nachzugehen, Das hat einmal unser Vater zum Besten gegeben. Unter den missbilligenden Blicken unserer Mutter. Er war zeitlebens Radfahrer.
Das muessen eher gemuetliche denn orgiastische Beischlafarrangements gewesen sein, denke ich mir, die Herren oben, Socken und Sockenhalter noch angelegt. Die Herzensdame unten, meist rundlich – vollschlank - und haarig, ganze Gebirge von Scham- und Achselhaaren. Es gibt viele fotografische Dokumente zum Thema aus der Zeit zwischen 1918 und 1939. Eines davon – mit vorwiegend um klasse Autos drapierte Nacktheiten nannte Benedikt Taschen dann auch ‚Spritztour’. Ich hab das Baendchen aus dem Dorf Reischach in das Dorf Kamilari auf Kreta mitgenommen und dann in das Dorf Ferch am Schwielowsee und schlussendlich in das Dorf Kalibukbuk, dann in die kleine Stadt Ubud. Beides auf Bali. Welch eine anstrengende Reise fuer die Damen.
Und welch eine anstrengende Reise fuer mich selbst. Von Muenchen bis Ubud, Bali. Innerhalb Muenchens zog ich elfmal um. Dann gings ins oestliche Oberbayern und von da aus an den Gardasee, weiter nach Kreta, zurueck nach Potsdam-Mittelmark. Eine Uebersiedlung nach Aegypten kam nicht zustande, dafuer die nach Nordbali, anschliessend die nach Ubud - ins Zentrum Balis. Alles begann am 3. Dezember 1943, 16.30 Uhr, in der Taxisstrasse in Muenchen-Neuhausen: Es war kreischend laut da draussen und staubig. Und es stank. Es stank nach verbranntem Fleisch. Nach Moertelstaub und nach russgeschwaerztem Schnee. „Los. Nottaufe. Sofort. Holt den Pfarrer. Wer weiss, ob wir und der da den naechsten Angriff ueberleben werden. Dann wars halt gleichzeitig die Heilige Oelung. Ach so, evangalisch ist die Mutter. Seis drum. Das macht jetzt auch keinen Unterschied mehr.“ Und da lag ich, ein rotvioletter, verknitterter Neugeborener, noch immer vor Erschoepfung zitternd. Die Bomber hatten einen sanften Geburtsvorgang nicht moeglich gemacht. Und da lag meine Mutter, ich sah sie zum ersten Mal, ihr schweres schwarzes Haar war wirr und vom Schweiss verklebt. Auf ihrer Oberlippe glaenzten Schweisstropfen. Sie schien total erschoepft. Unsere Augen suchten sich, fanden sich und – blickten ins Leere. Wohl nie mehr im Leben wurde ich von einem solchen Elendsgefuehl ueberkommen wie in dem Moment, als sich herausstellte, dass es zwischen uns nichts, aber auch gar nichts gab, was uns zusammenfuehren und zusammenhalten koennte. Ich schlug die Augen nieder, dann schaute ich an ihr vorbei. Wie eine Rakete hob ich ab und stiess hinein in das pechschwarze, kalte, grenzenlose, fassungslos Unbehauste, was wir gerne romantisch und anheimelnd das Universum nennen.
Soweit eine Art Rueckerinnerung an meine Geburt. So wurde ich also am Nachmittag des 3. Dezember 1943 hineingetauft in die Gemeinde der Muenchner Christenheit – in die evangelisch-lutherische allerdings. Denn die Mutter hatte die schlimmen Jahre in der bigotten, katholischen Familie ihres Mannes durchgegestanden, hatte sich gewehrt und um ihre Positionen gekaempft. Sie, das junge Ding aus dem Nuernberger Land, ohne Schulbildung, ohne Berufsausbildung, nicht einmal ein Kocherl war sie, sondern eine junge Frau, die wildfremden Leuten den Dreck wegputzte: in Stellung gehen, sagte man dazu. Aber an ihrem evangelischen Herrgott hielt sie fest und an dem, was ihr ‚wahrhaft christlich’ schien. Da die christliche Erziehung des moeglichen Nachwuchses in den Haenden der Mutter liegen wuerde, musste ihrer Meinung nach die Ehe nach evangelischem Ritus geschlossen und die Kinder aus dieser Ehe evangelisch getauft und erzogen werden. Das war ihre Vision und das war ihre Mission. Da gab es kein Vertun. Gar keins. Und dass man sich auch ohne viel Schulbildung und ohne besondere Eloquenz in Kernfragen des Lebens gegenueber scheinbar Ueberlegenen in Stand, Bildung und Vermoegen behaupten und durchsetzen kann, zeigen auch andere Biographien.
Der Himmel ueber Muechen hing voller bombenschwerer amerikanischer und britischer Flieger. Die Allierten hatten laengst die Lufthoheit ueber Deutschland gewonnen. Da konnten Goering und Goebbels toenen und toben, wie sie wollten. Die Menschen in den Bunkern und Luftschutzkellern wussten es besser. Sie wussten genau, was oberhalb ihrer Luftschutzkeller ablief. Die Flugabwehrkanonen hatten keine Chance gegen die alliierten Bomber. Das gebuendelte Licht der Grosscheinwerfer war auf den Nuernberger Parteitagen wirkungsvoller gewesen als in den Naechten der Flaechenbombardements auf deutsche Staedte. Die Zivilbevoelkerung sollte demoralisiert werden, damit sich die Frauen und Kinder und die Alten und die Kriegsversehrten und die Drueckeberger und die unabkoemmlich Gestellten gegen ihre Maenner, Vaeter, Brueder, Onkel, Neffen, Schwaeger und Schwiegervaeter, gegen ihre Arbeitskollegen und Parteigenossen draussen im Feld erheben und damit den Frontsoldaten in den Ruecken fallen sollten. Ein zweites 1918? Ein zweiter Dolchstoss? Sogar ein Putsch gegen Hitler schien moeglich. Ein erfolgreiches Attentat, um die ‚Vorsehung’ Luegen zu strafen? Die Flaechenbombardements hatten andere Auswirkungen, als sich die Allierten das ausrechneten. Erst jetzt – unter dem Terror der Bombenangriffe – wuchsen die Deutschen zu der ‚Volksgemeinschaft’ zusammen, von der Hitler und seine Kumpane seit den fruehen 1920iger Jahren schwadronierten. Ohne Ende. Trotz strenger Rationierung von allem, was der Mensch zum Leben braucht, wurde die Versorgungslage erst einmal nicht gravierend schlechter. Die Frontsoldaten hatten sich zu wahren Beutejaegern entwickelt und die Beutestuecke nach Hause geschickt. Ob in Russland, Polen, der Tschoslowakei, Italien, vor allem selbstverstaendlich in Frankreich – an erster Linie Lebensmittel, aber auch die unterschiedlichsten Wertgegenstaende wurden ‚requiriert’ und als Postpakete nach Deutschland geschickt. Heinrich Boell berichtete in Briefen darueber und Goetz Aly hat ein faktenreiches Buch zum Thema verfasst.
Obwohl sich viele Deutsche in den Vereinigten Staaten, Kanada oder Australien niedergelassen hatten, und obwohl viele Deutsche im Krieg fuer die amerikanischen Auslandsdienste taetig waren, wussten die Alliierten wenig ueber dieses deutsche Wesen. Bei den alliierten Strategen und Luftschlagspezialisten war man von falschen Erwartungen ausgegangen. Sie erfuellten sich nicht. Was blieb, war oft er blanke Hass auf alles Deutsche und der finstere Trieb, der nach der Vernichtung alles Deutschen verlangte. ‚Bomber Harris’ war so ein Hasser. Er war ein besonders handverlesenes Expemplar von Deutschenhasser und ein erschreckend gefuehlloser, kulturloser und engstirninger Spiessbuerger. Doch davon konnten sich die Dresdner nichts kaufen. Tote, Verwundete, Gebaeude zerstoert, unschaetzbare Kunstwerke und kunsthandwerkliche Gegenstaende zerstoert, verbrannt. Von einer maechtigen Feuerwalze niedergemacht.
Nur ‚Little Boy’ und ‚Fat Man’, beide am 6. und. 9. August 1945 auf die japanischen Staedte Hiroshima and Nakasaki abgeworfen, entzuendeten ein Feuer, das um ein Vielfaches heisser und in seinen Wirkungen noch viel brutaler war, als das von Dresden. In der Lobby des UN-Gebaeudes in New York werden Stuecke gezeigt, die aus den plattgemachten und radioaktiv verstrahlten Epizentren geborgen wurden, Da wird eine verschmolzene Herrenarmbanduhr mit einem flexiblem Metallarmband zu einem Symbol, das mitten ins Herz zielt.
Alte Zeiten – neue Zeiten.
Dass die Bombennaechte Dresdens vom 13./14. Februar 1945 in juengerer Zeit dafuer herhalten muessen, Aufmaersche und Kundgebungen der Alt- und Neunazis verwaltungstechnisch zu begruenden, ist mehr als nur ein ironischer Schlenker der deutschen Geschichte.
Ich aber sitze im Maerz 2011 auf der kleinen, kosigen Terrasse vor meinem Zimmer in Tirta Gangga, in der Naehe von Amlapura, Regierungsbezirk Karangasem (Bali), und frage mich, schon sehr ernst, aber auch sehr distanziert: wie liberal muss ein Staat sein, dass er solch Rundumunsinn dulden und verwaltungstechnisch moeglich machen muss. Muss ein Rechtsstaat nicht doch mehr differenzieren beim Zumessen von Buergerrechten. Buergerrechten, die in der Verfassung der Bundesrepublik verankert sind, aber doch je nach Zeitgeist, Interessenlage des Bundesverfassungsgerichts und anderer Verfassungsorgane und den nicht kontrollierbaren Stroemungen und Einflussnahmen hinter den Kulissen unterschiedlich betrachtet werden muessen. Das Bundesverfassungsgericht ist aber kein politisches Organ. Sein Maßstab ist allein das Grundgesetz. Fragen der politischen Zweckmäßigkeit dürfen für das Gericht keine Rolle spiele, heisst es.. Am Grundproblem des Verfassungsgerichts hat sich nichts geaendert, im Gegenteil. Das Problem hat sich seit Kohl noch wesentlich verschaerft und ist unter Merkel um keinen Deut besser geworden: fundamentale politische Entscheidungen in den Bereichen Sozialpolitik, Innenpolitik, Wirtschaftpolitik und Aussenpolitik werden in den demokratischen Kremien oft nur noch lustlos ausgekungelt, weil man weiss, dass die Problemkisten ohnehin nach Karlsruhe geschickt werden. Und in Karlruhe entscheiden sieben Verfassungsrichter, ob dieses oder jenes Gesetzesvorhaben mit der bundesdeutschen Verfassung in Einklang steht. Sieben Richter, die ueber ein elitaeres, interessendominiertes Auswahlverfahren ins Amt gehoben werden und nicht durch das einzig moegliche Mittel der Legitimation in einer Demokratie: durch freie und geheime Wahlen.
Die Verfassungsrichter sind mittlerweile dazu uebergegangen, nicht nur die Verfassungsmaessigkeit eines Gesetzes zu pruefen – nein: wie ein Rat der Weisen, ein Club von Auserwaehlten, deren Mitglieder offenbar vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, geben sie Empfehlungen an die Politik und ueberschreiten damit eine der sensibelsten Grenzlinien in demokratischen Systemen: die Trennung der Verfassungsorgane Legislative, Exekutive und Juztiz und ihre Unabhaengigkeit voneinander. In Karlsruhe werden also nicht nur die Intensionen des Grundgesetzes geschuetzt, sondern deutsche Politik gemacht.
Alte Zeiten – neue Zeiten.
Herausgekommen ist wieder einmal eine Kette von Assoziationen, wild wuchernd, im ersten Moment ohne Bindung miteinander. Aber so erlebe ich das oft: ein Gedanke taucht auf, Erinnerungen, der Vater, die Mutter, ein Foto, die voellig zerschlissene Geburtsurkunde mit dem Hakenkreuzstempel, alte Einsichten, alte Veraergerungen, neue Enttaeuschungen – alles ruehrt sich wie von selbst in einen einzigen grossen Topf ein.
Eigentlich ein spannender und unterhaltsamer Prozess - dieses Hirnkino. Nur: hin und wieder ist es notwendig, die Assoziationen an der Realitaet abzugleichen.
Ausserdem: Eigentlich waere es besser gewesen, mit Vater und Mutter noch zu ihren Lebzeiten das Gespraech zu suchen und offen und interessiert nach ihren Meinungen, Erfahrungen, Ideen, Visionen oder Gefuehlen zu fragen. Und diese mit ihnen zu diskutieren. Das waere einfacher, ehrlicher und wirkungsvoller gewesen, als jetzt den Toten hinterherzufantasieren.
Da geht naemlich nichts mehr mit ‚an der Realitaet abgleichen’.
Antisemitismus und kein Ende
„Ich leite seit 20 Jahren das Zentrum für Antisemitismusforschung: Selbstverständlich befassen wir uns hier mit der Frage, wodurch sich Antisemitismus von gewöhnlichem Fremdenhass unterscheidet und welche Rolle Verschwörungstheorien spielen. Wer antisemitische Vorurteile hegt, klagt gern über den angeblichen jüdischen Einfluss in der Presse oder an den Börsen. So etwas äußert man dann mit dem Zusatz »Aber das darf man ja nicht sagen«. Auf diese Weise steigert man noch das Gefühl der vermeintlichen Bedrohung: Die Fremden und ihre Helfershelfer wollen einem den Mund verbieten! Die populistische »Islamkritik« funktioniert ganz ähnlich. Da ist dann nicht die Rede von einer Weltverschwörung, aber von einer drohenden Islamisierung.“ – Wolfgang Benz, Historiker, Berlin; aus einem Interview im Spiegel
An einer anderen Stelle stellte ich fest: „Indonesien ist ein ausgesprochen antisemitisches und antiisraelisches Land.“ In der indonesischen Verfassung wird die juedische Religion, also die aelteste monotheistische Religion ueberhaupt, nicht als solche genannt, also auch nicht akzeptiert. Indonesien unterhaelt keine diplomatischen Beziehungen zu Israel und israelischen Staatsbuergern ist die Einreise nach Indonesien nur mit einer Sondergenehmigung erlaubt. Menschen juedischen Glaubens und Israelis koennen keine(n) indonesischen StaatsbuergerIn heiraten. Bei ‚Granmedia’ in Yogyakarta, Granmedia ist das groesste Verlagsunternehmen im Land und Yogyakarta gilt als liberal und kunstliebend, steht ein Buecherregal mit sage und schreibe eineinhalb Metern zum Teil extremer antisemitischer/antiisraelischer Literatur. Auch gut ausgebildete und lebenskluge Kuenstlerkollegen in Ubud bekennen sich ganz selbstverstaendlich zum Anitsemitismus und beziehen Stellung gegen die Existenz Israels in Palaestina und natuerlich gegen die Palaestinapolitik Israels und die Israelpolitik der USA.
Antisemitismus als Grundueberzeugung und Verhaltensmuster, eine juedische Weltverschwoerung, die Gnome von Zuerich – uebrigens 1956 vom englischen Premierminister Harold Wilson in die Welt gesetzt und eigentlich ‚nur’ die Schweizer Bankiers im Allgemeinen verunglimpfend und nicht die juedischenn; der Ausspruch wurde dann aber in einem antisemtischen Sinn weitergetragen -, die Protokolle der Weisen von Zion: all das sind auf der ganzen Welt verortete Abwehr- und Angriffskraefte, die sich, auch in unserem aufgeklaerten Jahrhundert, in Wellenbewegungen mal mehr und mal weniger stark erheben. Als unintelligenter, neurotisierender, lebens-und menschenfeindlicher Urschlamm stellt der latente Antisemitismus durchgehend die Naehrstoffe fuer haeufig grauenhaft abartige Handlungen zwischen Menschen bereit. Wie jeder weiss, oder wissen sollte, haben ueber zweitausend Jahre lang Kaiser und Koenige, Fuersten, Herzoege und Grafen bis hinunter zum kleinen Landadeligen, Lobbyisten und Pressure Groups in den Zentren der jeweiligen Macht, haben Politik, Militaer, Kirchen und Religionsgemeinschaften, die Wirtschaft, Verwaltungen und Denkschulen den Antisemitismus dazu benutzt, mit Hilfe einfacher Problemverschiebungen von eigenen Fehlern, Problemen, Unzulaenglichkeiten und Unfaehigkeiten abzulenken. Abzulenken auf leicht zu diskriminierende Randgruppen. Die Juden gehoeren dazu, Andersglaeubige insgesamt, Sinti und Roma, wie man die Zigeuner heute in Deutschland politisch korrekt nennt, andere Ethnien insgesamt und Homosexuelle, Linke, Kommunisten und Frauen, die als Hexen denunziert und als solche gefoltert und ermordet wurden und auf Frauen, die noch heute geschaendet, verstuemmelt und getoetet werden, beziehungsweise ihr Tod billigend in Kauf genommen wird. Tod durch Klitorisbeschneidung, Tod durch Steinigung, Tod durch innerfamiliaere sogenannte Ehrenmorde. Frauenschicksale eben.
Faschisten gehoeren nicht zu diesen Randgruppen. Welche Massen an tief verwurzeltem Schuldbewusstsein und handfester krimineller Energie muessen in uns latent wirksam sein und dort ihr Unwesen treiben, dass es ueber zwei Jahrtausende moeglich ist, solche Suendenbocksyndrome am Leben zu erhalten? Und wie schmal muss der Uebergang tatsaechlich sein vom schlechten und vorurteilsbeladenen Denken hin zu schlechten und lebenvernichtenden Handlungen?
Um einen von Deutschland ausgehenden geplanten Voelkermord in die Tat umzusetzen, bedurfte es mehr als eines Hitlers, Himmlers, Heydrichs oder eines Eichmanns. Um 500.000 bis 1.000.000 chinesisch-staemmige Indonesier, Kommunisten und Kleinbauern zu ermorden, mussten mehr Menschen handeln als nur Suharto und Subianto. Um den Voelkermord an den 800.000 bis 1 Million Tutsi durchzufuehren, brauchte es mehr als das Wueten der drei Hutuextremisten Bogosora, Sindikubwabo und Kambanda. Die Entstehungsgeschichte des Staates Israel, die Kriege und Terroranschlaege um die Existenz Israels in Palaestina, der Kampf um Jerusalem, die aggressive Besiedlungspolitik, die militaerisch abgesicherte Landnahme und das Festhalten an den eroberten und besetzten Gebieten, die Diskriminierung der arabischen Nachbarn, insbesondere der Palaestinenser und dieses oft arrogant und immer autoritaer und militant auftretende und handelnde Israel und die oft engstirnig und arrogant auftretenden Israeli, liefern allerdings genuegend Material, um die antisemitische und antisraelische Stimmung wieder und wieder anzuheizen. Und das nicht nur im Nahen Osten. Denn noch immer gilt ueberall auf der Welt die altmodische Volksweisheit: Wie man hineinruft in den Wald, so schallt es zurueck.
Australien: ‚in’ oder ‚auf’ – das ist die Frage
Lieber Edgar.
Ubud auf Bali erscheint manchmal wie ein Vorort Tokyos und Balis Sueden wie das Wochend-Ausflugsziel der Australier. Jedenfalls schliesse ich hier immer wieder neue Bekanntschaften mit Vertretern des ‚homo australiensis sapiens’, machmal sogar mit den seltenen Exemplaren von ‚homo australiensis sapiens sapiens’, den Original-Australiern also. Original-Australier sind Australier in der dritten Generation, die aber doch noch etwas Cockney, Boehmisch oder Wuerttembergisch drauf haben. Wie sagen die Wuerttemberger so richtig von sich? „Wir koennen alles – nur nicht deutsch.“ Die Saeulen meiner deutsch-australischen Beziehungen sind allerdings von anderer Qualitaet:
Von Januar bis Maerz lebte ein Freund aus Innsbruck bei uns, der zur Zeit in Australien von seiner chinesischen Ehefrau geschieden wird und sich momentan teils in Italien und teils in Suedfrankreich aufhaelt.
Dann habe ich einen Freund, ein Muenchner, einen recht erfolgreichen Maler, der mit einer Japanerin verheiratet ist und teilweise auf Bali lebt, und dort auch arbeitet und ausstellt. Das Gleiche macht er auch in in Sidney, Australien: leben, arbeiten, ausstellen. Allerdings unter besseren Bedingungen, wie seine Frau meint. Dieses Freundes Frau mag Bali nicht besonders. Weiters habe ich einen Freund, ebenfalls ein Muenchner – unter Muenchner verstehe ich uebrigens und selbstverstaendlich nur diejenigen, die, wie ich, tatsaechlich in Muenchen geboren wurden und nicht die, die nur voruebergehend dort lebten bzw. noch immer dort leben. Ein echter Muenchner also ist dieser Freund und ein erfolgreicher Kunstmaler noch dazu. In jungen Jahren studierte er bei Ernst Fuchs und Salvadore Dali. Dieser Freund ist allerdings nicht mit einer Australierin verheiratet oder mit einer Japanerin oder mit einer Chinesin, sondern mit mit einer Indonesierin von der Insel Java. Sie dominiert ihn so, wie die Javaner seit langem ganz Indonesien dominieren. Die muslimischen Javaner haben offenbar das Dominanz-Prinzip von den hollaendischen und den japanischen Herren abgeschaut – obwohl diese bekanntlich weder Moslems waren noch sind noch werden wollen.
Oefter erzaehle ich den neuen Freunden aus dieser deutsch-oesterreichischen Connection, dass ich einen Freund habe, der seit nunmehr zwanzig Jahren mit Teilen seiner wachsenden Familie in Australien lebt. Ebenfalls ein Deutscher. Dabei faellt mir auf: Warum sagt man, korrekterweise, wie ich finde,’auf Bali’, aber nicht ‚auf Australien’, sondern ‚in Australien’. Obwohl man bekanntlich ‚in’ einer Insel auf Dauer nicht leben kann, sondern nur ‚darauf’. Mit England und Mallorca oder Ibiza ist das auch so eine Sache: ‚in England’, o.k., aber ‚auf Mallorca’ und ‚auf Ibiza’. Wuerde jemand sagen, er habe mit seiner Geliebten tolle Tage ‚in Ibiza’ verbracht, wuerde man in ihm sofort den Niederbayern, den Mecklenburger, den Vorpommerer oder den Burgenlaender vermuten. Ja, so ist das halt.
Aber das nur nebenbei.
Eigentlich wollte ich Dir nur sagen, dass ich hin und wieder mit guten und lieben Gedanken an Dich denke und mir von Herzen wuensche, dass es Dir gut geht, auf jeden Fall so gut wie beim letzten Mal. Bei geringfuegig auftretenden Schwankungen bin ich nicht nachtragend. Zu Deiner Erbauung schicke ich Dir im Anhang zwei aeltere, aber wieder aufpolierte und zwei neue Geschichten mit. Noch ofenwarm, allerdings noch ohne abschliessenden Firniss beziehungsweise Zucker- oder Schokoladenguss darueber. Ohne die Politur also. Uebrigens hat mich wieder einmal die Schreibwut am Wickel und ich arbeite unter anderem an einem sehr umfangreichen, ernst gemeinten Text ueber das Aelterwerden: ‚Aelter werden – jung bleiben’, heisst der Arbeitstitel. Das ist vielleicht eine spannende Angelegenheit, kann ich Dir sagen. Was da beim Schreiben, beim Recherchieren oder Ueberpruefen alles hochkommt, beziehungsweise was da alles losgetreten wird! Wenn der Text fertig ist, werde ich ein kopiertes Exemplar per Briefpost an Dich schicken, und dann darauf warten, was Du dazu sagst. Immerhin hast Du beim Thema ‚Aelter werden – jung bleiben’ einiges zu sagen. Du faellst ja bald in die ‚Johannes-Hesters-Kategorie’ oder in die Kategorie von Maurizios Mutter, die ungerechterweise weniger bekannte ‚Maurizio’s-Mutter-Kategorie’. Mein italienischer Freund Maurizio flog letzte Woche nach Rom, um seiner Mutter zu ihrem 100sten Geburtstag eine sehr schoen gemalte Kopie von Marc Chagall’s ‚I and the Village’ nicht nur zu schenken, sondern sie hoechst persoenlich zu ueberreichen und aufzuhaengen. Ein guter Sohn. Oder ein guter Erbberechtigter in spe?
Die Kopie – gutes Oel auf guter Leinwand – kaufte er uebrigens bei mir, in meiner Galerie. Es ist eines von bislang vier verkauften Bildern aus der Ausstellung ‚Meisterwerke des 20. Jahrhunderts in Kopien’. Maurizio entwickelt sich langsam aber sicher zu einem Dauerkunden. Und er scheint etwas mit Kuehen am Laufen zu haben. Erst erstand er eine wunderbare Skulpturengruppe ‚Pasiphae und der Stier aus dem Meer’, eine Terrakotta, zusammen mit einem Messingguss, von mir arrangiert, verbohrt und verdrahtet, auf Meersand gesetzt und anschliessend mit einer Kamperholzleiste gerahmt. Und jetzt schleppt er den Chagall nach Rom, das Bild mit dem grossen Kuhkopf drauf und den wunderbar feuchtweichen Augen. Kuhaugen natuerlich.
Nur der von mir typographisch illustrierte und signierten Druck mit dem Rilke-Gedicht, eine Arbeit aus meiner Lehrzeit als Schriftsetzer, die er fuer gutes Geld erwarb, hat mit Kuehen nichts zu tun. Es geht in dem Gedicht mehr um Engel. Das Gedicht ist naemlich die erste der zehn ‚Duineser Elegien’ Rilkes: ‚Wer, wenn ich schriee, hoerte mich den aus der Engel Ordnungen? ... Denn das Schoene ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch gerade ertragen’ ... Ein Gedicht, das mich beim Lesen noch heute mitten ins Herz trifft. Jedenfalls werde ich bei den naechsten Ausstellungen darauf achten, dass ich fuer Maurizio etwas kuhhaftes beziehungsweise Sanftaeugiges im Angebot habe. Gibt es doch fuer eine Galerie nichts wichtigeres und besseres als moeglichst viele Dauerkunden. Die erfolgreicheren meiner Kollegen unter den Galeristen nennen solche Erscheinungen ‚Collectors’. Die Leute von Sothoby’s uebrigens auch. Die Artisten hingegen sprechen zufrieden und erfurchtsvoll von ‚My collector’, oder noch besser - wenn es denn so ist - von ‚My collectors’.
Noch einmal zurueck zu den Lebensaltern: fast scheint es mir, als seien die in der Dekade zwischen Waehrungsreform 1923 und Hitlers Machtergreifung 1933 zwei besonders alterungsbestaendige Jahrgaenge hervorgegangen. Wer den Zweiten Weltkrieg ueberlebte, hatte offenbar gute Chancen, alt zu werden. Allerdings hat meine private Statistik eine zu schmale Grundlage, um zu verallgemeinerbaren Aussagen gelangen zu koennen. Auffaellig hoch allerdings war und ist die Lebenserwartung einiger auslaendischer Kuenstler, die auf Bali sesshaft wurden: Ari Smit, der Heros unter den Heroen, geboren 1916 und noch immer auf den Beinen, Antonio Blanco wurde 87, Rudolf Bonnet 83, Willem Gerard Hofker wurde immerhin 79, Hans Snel 78. Walter Spies machte Bali in den 1920iger und 1930iger Jahren einer breiteren Oeffentlichkeit bekannt. Ihm zog der Krieg einen Strich durch Rechnung und Leben: er ging mit der ‚Van Imhoff’ unter, die von einer japanischen Fliegerbombe getroffen worden war. Spies sollte, zusammen mit anderen Gefangenen, die im Weltkrieg von den Hollaendern interniert worden waren, im Januar 1942 von Sumatra nach Ceylon gebracht werden. Walter Spies wurde nur 47 Jahre alt.
Uebrigens, mein lieber Edgar, zitiere ich manches Mal aus Deinen logisch-mathematischen Schlussfolgerungen zum Thema caring. Die sind zwar nicht so lyrisch wie Rilke, aber einerseits, wie gesagt, logisch, und zweitens sehr realitaetsbezogen. Allerdings ohne Engel und ohne Kuhaugen.
Mein lieber Freund und grosses Vorbild, ich wuensche Dir alles Liebe und alles Gute, gute Gesundheit weiterhin und vor allem, und ebenso weiterhin und vor allem, eine moeglichst ungetruebte Lebensfreude.
Dein Adi ‚auf Bali’.
‚Bali Paradise’, wieder und wieder und wieder …
Ich liebe Bali auch als Insel mit einigen noch aktiven Vulkanen und als Insel, die direkt neben dem ‚Wallacegraben’ liegt, der Bali von Lombok trennt. Ich liebe die Erregung, die manchmal in dem Wissen entsteht, dass sich jeden Moment eine grosse Naturkatastrophe ereignen koennte. Das ist ein Abklatsch von dem Leben auf ‚The Ring of Fire’, ueber den die abenteuernden Brueder Blair gesprochen und geschrieben haben, worueber sie vier eindrucksvolle Filme drehten und wovon sie tausende von atemberaubenden Fotos machten.
‚The Ring of Fire’. Es ist in Wirklichkeit atemberaubend genug, den unhaufhaltsamen Tourismus auf Bali und sein nahezu ungeplantes Wachstum und die Konsequenzen daraus zu beobachten: Resorts, Hotels, Pensionen, tatsaechlich private Villen und private Villen, die zahlende Gaeste aufnehmen oder Privatunterkuenfte bei balinesischen Familien. Dazu Restaurants, Gaststaetten, Schnellimbisse und lokale Geschaefte plus, neuerdings, die rund um die Uhr geoeffneten Supermaerkte: die Cirkle Ks, Indomarts, Deltas und so weiter. Fuer alles, was man verkaufen kann, entsteht ein neuer Laden.
Alles waechst wie die Pilze im warmen Tropenregen. Ein Wildwuchs ist das, Uebernutzung, Ausbeutung, die totale Kommerzialisierung. Die Zerstoerung eines Paradieses?
Bali war nie ein Paradies. Bali war nie die Suedseeinsel á la Paul Gauguin. Bali war immer – und ist es heute vielleicht mehr denn je – ein Ort scheinbar unveraenderbarer sozialer und wirtschaftlicher Spannungen und Verwerfungen, religioeser und kultureller Verschiedenartigkeiten und vieler Unterschiede in der Lebensfuehrung zwischen den vier Kasten, zwischen armen und wohlhabenden Familien, zwischen Balinesen und den Indonesiern von anderen Inseln und zwischen Einheimischen und Auslaendern. Wo Harmonie und Harmonisierung ganz oben auf der Werteskala stehen, regieren oft genug Disparität und Disharmonie. Bali hat eine sehr komplexe soziale Struktur mit vielen fuer mich unverstaendlichen Aspekten, die manches mal sogar etwas Geheimnisvolles an sich haben und Aspekten, an die ich am besten erst gar nicht denken mag. Einsicht in diese sozialen Strukturen zu gewinnen, ist nicht einfach. Auch fuer mich nicht, obwohl ich mit einer Balinesin und ihrer Grossfamilie verheiratet bin. Diese sozialen Strukturen scheinen gleichzeitig konstruktiv und destruktiv zu sein und sie koennen sich in der gleichen Region von Dorf zu Dorf unterscheiden - von Region zu Region ohnehin. Aber als der ‚Bule’, der Auslaender, der Fremde, der auf Bali lebt, oder in Indonesien, in Suedostasien, in Asien – als Bule kann ich nur sehen, hoeren oder fuehlen, was ich ohnehin schon weiss. Es basiert auf der Einsicht: du siehst nur, was du weisst. Diese Einsicht gilt immer und ueberall, sie wird nicht begrenzt durch Geographie, Kultur oder durch Glaubenssysteme.
Weil es so schwierig erscheint, Bali und die Balinesen zu begreifen und etwas mehr ueber ihre Lebensart, ihre kulturellen Einbindungen und Einengungen und ihre Religiositaet und ihre Abhaengigkeit von ihrer Religion zu lernen, sehe, hoere und fuehle ich nur ein klein wenig von dem, was tatsaechlich da zu sein scheint. Ich koennte es auch das ‚Eisberg-Syndrom’ nennen. Oder ein Fass ohne Boden. Oder einen Teufelskreis.
Vor einiger Zeit sagte ein gebildeter und durchaus auslandserfahrener balinesicher ‚Upper Caster’ zu mir: „Es muss fuer dich als Deutschen sehr schwierig sein, auf Bali zu leben.“ Er fragte das nicht, er stellte es fest. Fuer ihn ist klar, dass besonders wir Deutsche alles analysieren und auf die Reihe bringen wollen und dass wir alles staendig miteinader vergleichen muessen. Und er weiss auch, dass man sich so den Geheimnissen Balis nicht naehern kann.
Der Mann hat Recht. Einhundert Prozent Recht. Aber, und das ist meine Frage: Ist denn Bali nur fuer mich oder fuer uns Deutsche ein Problem?
Mein ‚innerer Sisyphus’ ist mir ein guter und starker Partner und er sagt mir von Zeit zu Zeit, was ich tun soll. Seinem hilfreichen Ratschlag folgend, sammle ich kleine Informationsstuecke von und ueber Bali. Von Zeit zu Zeit versuche ich dann, diese Fragmente zu einem Mosaik zusammenzufuegen, zu einem Bild, von dem ich aber weder die Form noch die Groesse, weder den Durchmesser weiss, noch eine Ahnung davon habe, welche Farbe neben welcher Farbe plaziert werden muss.
Aber mein Sisyphus hilft mir dennoch weiter: er ermutigt mich, alles Moegliche zu versuchen und dabei auch Fehler nicht zu scheuen, weiter zu versuchen und weiter zu irren ... Ja, Bali entwickelt sich mehr und mehr zum ultimativen Ort fuer meinen inneren Sisyphus.
Aber sogar mein Sisyphus fragt mich inzwischen: ‚Ist es wirklich notwendig, durch all das noch einmal und noch einmal durchzugehen, bevor du deine Augen fuer immer schliesst?’
Was soll ich antworten?
Die Antwort ist einfach: ‚Tut mir leid – ich kann nicht anders’.
Befindlichkeitsmeldung vom Donnerstag, den 28. Mai 2009, Pegel Ubud, Jalan Bisma
Ich gehe den Weg ziehender Wolken,
des ohnmaechtig bruellenden Loewe,
und der fallenden Blaetter.
Ich gehe den Weg
quicklebendiger Schimpansen
und rauflustigen Hunde.
Ein rastlos Suchender in
wirbelndem Wasser
und auf steinigem Weg.
Ein Mensch ohne echte Hoffnung
und ohne echtes Ziel –
nur immerfort in Bewegung.
Mit klopfendem Herzen,
und erfuellt von Dankbarkeit
und Anteilnahme. Manchmal.
Gestern, heute und morgen
unerloest - und doch im Moment
recht zufrieden.
Borobudur, Zentraljava
I Gusti Soundso, ein ausgewachsenes und ausgesprochen rundes Mannsbild aus Sangeh, Bali, hatte Angst, alleine in seinem Zimmer zu schlafen. Das Hotelzimmer erschien ihm zu gross, genauer, das Zimmer war ihm zu lang, ausserdem war es ihm zu dunkel und er konnte angeblich das Klimageraet nicht vertragen. Deshalb wuenschte er, dass wir Zimmer tauschen: er wollte mein kleines Zimmer, das mit einen Ventilator anstelle eines Klimageraetes ausgestattet war. Ich haette dafuer sein grosses, komfortables Zimmer haben koennen. Alternative: Er wollte bei mir im Zimmer schlafen. Ein zweites, ungenutztes Bett war tatsaechlich vorhanden. Er sei bestimmt kein Schwuler, versuchte er mich zu ueberzeugen: „I’m not a Homo – ha, ha, ha!“
Auf den Gedanken, dass man sowohl ein Klimageraet als auch einen Ventilator nicht unbedingt einschalten muss, war er nicht gekommen.
I Gusti Soundso aus Sangeh hatte ich in einem kleinen, gemuetlichen Hotel in Borobudur, Zentraljava, kennengelernt. Er hatte einen aelteren Herrn aus Deutschland nach Borobudur chauffiert. Ich schreibe das so salopp, als waere aus mir selbst nicht laengst ein aelterer Herr aus Deutschland geworden. Der Herr aus Deutschland wollte sich den Sonnenaufgang auf dem weltberuehmten Tempelgelaende von Borobudur anschauen. Aber: die Sonne ging zur der Zeit etwa gegen 5.30 Uhr auf. Der Zutritt zum Tempelgelaende war aber erst ab 6.00 Uhr moeglich. Also nichts da mit einem Sonnenaufgang in Borobudur. Sonnenaufgang von den hinter Borobudur gelegenen Bergen aus war allerdings moeglich. Mit dem Sonnenuntergang war es auch nicht besser: die Sonne ging bereits ab 17.45 Uhr unter, aber das Tempelgelaende musste schon um 17.30 Uhr geraeumt sein. Sonnenuntergang von den hinter Borobudur gelegenen Bergen aus war allerdings moeglich. Und: Borobudur im Morgendunst war immer moeglich. Als Deutsche wissen wir spaetestens seit Caspar David Friedrich, dass Dunst und Nebel die besondere Atmosphaere fuer tiefsinnige, ja mysthische Stimmungen und Gefuehle schaffen.
Uebrigens ging ich auf keinen der Wuensche des Gusti aus Sangeh ein. Ich kann auch hartherzig und abweisend sein, besonders dann, wenn ich zuvor alle Ebenen des gewaltig grossen buddhistischen Tempels von Borobudur auf eigenen Fuessen umwandert habe. Wie den Berg Kailash in Tibet. Das waren etwa fuenf Kilometer. ‚Tempeltrekking’ sagt man heute dazu.
Danach bin ich grundsaetzlich fuer einen Zimmertausch nicht mehr haben.
Botanisches
Ich hatte vor, Agung Rai auf dem Gelaende seines Museums zu treffen. Es gab etwas, was ich mit ihm besprechen wollte, und die Sonntagvormittage sind immer gut geeignet, ihm dort ueber den Weg zu laufen. Um mich nicht ganz planlos auf dem weitlaeufigen Gelaende zu verlieren, erkundigte ich mich bei seinen Mitarbeitern, wo ich ihn am besten treffen koennte.
Den Hinweisen folgend, gelangte ich schliesslich zu einer der beiden grossen offenen Hallen auf dem Gelaende des Resorts. Am Eingang waren auf einem grossflaechigen Banner unterschiedliche (Welt)Religionen durch Pictogramme symbolisch dargestellt. Monotheistische Religionen nur. Und wie immer in Indonesien, blieb die juedische unerwaehnt.
Eine stattliche Zahl von geladenen Gaesten hatte sich dort versammelt, um gemeinsam einen ‚Peace Day’ zu begehen. Gut gekleidete Leute, Indionesier und Bulés (weisse Auslaender), sassen an Tischen und lauschten aufmerksam. Auch einige buddhistische Moenche waren da und balinesche Priester und Hohepriester.
Die Haltung der Leute und die Atmosphaere in dem Balé, erinnerten mich ein wenig an Veranstaltungen, die ich manchmal als Heranwachsender in meiner ehemaligen Kirchengemeinde in Muenchen-Schwabing besuchte. Und sie erinnerten mich auch ein wenig an Wochenend-Veranstaltungen am Starnberger See, die von der Evangelischen Akademie Tutzing organisiert wurden. Auf solchen Veranstaltungen war immer massiv das Ringen um Toleranz zu spueren gewesen. In den Herzen und Koepfen der Teilnehmer war das Verlangen nach Tolerenz und der Anspruch auf Toleranz fast mit den Haenden greifbar gewesen. Toleranz um, nach, auf ... Religioese Tolenanz. Und jetzt auf einmal Vergleichbares hier in Ubud.
Die Gaeste waren alle geladen worden. Zu solchen Veranstaltungen wird man geladen oder man bleibt aussen vor. In Bali nimmt man das mit dem Geladen- oder Nichtgeladenwerden allerdings nicht so genau. Da wird einem kein Nachweis abverlangt, man muss keine nobel gedruckte Einladung vorlegen oder sich einem tatsaechlich geladenen Gast zugehoerig zeigen koennen. Trotzdem drueckte ich mich bescheiden am Rand von Tischen und Stuehlen vorbei, blieb stehen und lehnte mich vorsichtig gegen eine gemauerte Saeule. Ich versuchte den Raum ganz zu ueberblicken und hielt Ausschau nach vertrauten Gesichtern. Ich kannte nur wenige. Das war eigenartig, da man in Ubud viele Auslaender wenigstens vom Sehen her kennt. Schliesslich entdeckte ich Agung Rai, den Gruender und Besitzer des ARMA Museums und des ARMA Resorts und gruesste ihn mit einem Kopfnicken. Langsam ging ich zu seinem Platz hinueber, und wir gaben uns kurz die Hand. Mir war inzwischen klar geworden, dass dies kein geeigneter Rahmen war, um praktische Fragen zu besprechen. Und so entschied ich mich, kurz zu bleiben und den Rednern zuzuhoeren. Den Peace Day-Rednern. Einem Referent, der gerade einen auf Indonesisch gehaltene Vortrag beendet hatte, wurde freundlich applaudiert. Es folgte ein Redner aus Deutschland, der das, was er sagen wollte, in einem eher holprigem Englisch vortrug. Unter anderem sagte er aber etwas, das simpel klang, aber vielleicht gerade deshalb eindringlich und nachhaltig:
Er erzaehlte von einer Blume, die ihm waehrend eines Spaziergangs aufgefallen sei. Er beschrieb den Ort, die Tageszeit, das Wetter, den Standort der Blume, den Blickwinkel, unter dem er die Blume betrachtet hatte, die Stimmung, in der er sich befand und die Gedanken, die ihn in diesem Moment beschaeftigten. Er beschrieb, wie er sich unter all diesen verschiedenen Gesichtspunkten ein ganz bestimmtes Bild von der Blume machte.
Dann gab er zu bedenken, dass andere Spaziergaenger, die dieselbe Blume am Wegrand entdecken und unter ihren ganz persoenlichen Bedingungen betrachten wuerden, dieselbe Blume wahrscheinlich auf sehr unterschiedliche Weisen sehen wuerden. Ein jeder auf seine, auf seine eigene Weise. So weit, so gut, fuhr der Redner fort. Ein Problem entstuende tatsaechlich erst dadurch, dass sich fast jeder Betrachter wuenscht, dass alle anderen diese Blume auf eine einzige, am besten auf seine Weise sehen wuerden. Erst dann sei er mit sich, der Blume und allen anderen Menschen wirklich und tatsaechlich und rundherum zufrieden. Andernfalls waeren Enttaeuschung, Verstimmung, Streit, moeglicherweise sogar Taetlichkeit und Krieg programmiert. Damit erklaerte er uns Zuhoerern kurz und knapp die Phaenomene ‚Rechthaben und Rechthaben wollen’ mit all ihren Folgen. Ich sagte schon: simpel, aber eindringlich und nachhaltig. Mir jedenfalls hats eingeleuchtet.
CGG - Carrefour Goes Green
Hut ab, denke ich mir - die Franzosen geben den Schrittmacher auf Bali und setzen in eigener Regie wenigstens einen winzigen Teil aus den vielen Absichtserklaerungen der ‚Global Warming Converence’ von Nusa Dua, Bali, Indonesien, Dezember 2008, um. Denke ich. Aber: wenn Carrefour gruen geht, heisst das, dass sie die grossen Einkaufstueten aus Plastik jetzt mit sattgruener Farbe bedrucken lassen. Ob der farbig bedruckte Kunststoff durch seine thermische Behandlung dann auch wirklich so umweltfreundlich von der Insel verschwindet, wie das der Tuetenaufdruck versichert, kann ich nicht beurteilen. Ich habe meine Zweifel daran. Ausser es nimmt jemand die gruene Carrefour-Tuete mit zurueck in sein Herkunftsland und entsorgt sie dort vorschriftsmaessig in der entsprechenden Plastikfraktion (siehe Aufdruck in der Tuetenfalte). Was mir in diesem Zusammenhang auffaellt: Wann auch immer so ein griffiger und im ersten Momet einleuchtender Slogan unters Volk gebracht wird, muss ich an junge Maenner denken, mit hochgegelten Haaren, hippem Outfit, Zigaretten und schwarzen Kaffee. Und nicht aelter als siebenundzwanzig. Die jungen Vordenker, denen ohne Nachdenken zu jedem Scheiss ein entsprechender Scheiss einfaellt. Hauptsache trendy. Das sind die Situationen, in denen ich mir eine handfeste, mittellange Depression herbeisehne. Um zwischendurch abtauchen zu koennen. Und sei es nur voruebergehend und die Realitaet verdraengend.