Fundstuecke
Fundstuecke
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.
Leben tatsaechlich zugeht.
14 Wenn eine Beziehung geheim bleiben muss, solltest du nicht ein Teil davon sein.
15 Atme ganz tief ein und aus: das beruhigt. 16 Befreie Dich von allem, was nicht nuetzlich oder schoen ist oder keine Freude macht.
17 Versuche herauszufinden anstatt zu glauben. 18 Lasse einen einfachen Streit nicht zu einem Rundumschlag ausarten.
19 Wenn es um das geht, wonach du im Leben wirklich verlangst, dann darfst du ein „Nein“ nicht als Antwort gelten lassen. 20 Hebe nichts fuer eine besondere zukuenftige Gelegenheit auf: die besondere Gelegenheit ist heute.
21 Plane alles gut im Voraus - aber dann lass die Dinge laufen. 22 Sei schon jetzt ein wenig ‚verrueckt’, und warte nicht bis du zu alt bist,
um ‚verrueckte Dinge’ zu tun.
23 Das wichtigste Sexualorgan ist das Gehirn. 24 Niemand ist fuer dein Glueck verantwortlich ausser du selbst. 25 Betrachte jede sogenannte Katastrophe unter dem Gesichtspunkt, ob sie in fuenf Jahren noch immer so katastrophal erscheinen wird wie jetzt. 26 Entscheide dich immer fuer das Leben. 27 Vergebe jedem alles.
28 Was andere Menschen von dir denken, geht dich nichts an. 29 Zeit heilt fast alles. Also gib der Zeit Zeit. 30 Wie gut oder wie schlecht die Lage ist – sie wird sich auf jeden Fall aendern.
31 Nimm dich selbst nicht so wichtig. Niemand anderer tut es. 32 Versuche, moeglichst gesund zu leben. Gesundheit ist die Voraussetzung fuer Vieles.
33 Hadere nicht mit deinem Schicksal. Lebe es jetzt und mache das beste daraus.
34 Das Altern hat einen Gegner bereits besiegt: das jung Sterben. 35 Deine Kinder haben nur eine Kindheit. 36 Das einzige, was schliesslich zaehlt, ist, ob du geliebt hast. 37 Geh jeden Tag nach draussen. Dort erwarten dich ueberall Wunder.
38 Wenn wir alle unsere Probleme auf einen Haufen werfen wuerden und die Probleme eines
jeden anderen sehen koennten, wuerden wir unsere eigenen schnell wieder zurueckholen.
39 Neid ist reine Zeitverschwendung. Du hast bereits alles, was du brauchst.
40 Identifiziere dich nicht mit den Dingen. 41 Egal, wie du dich fuehlst: steht auf, zieh dich an und geh unter Menschen.
42 Halte deine Versprechungen.
43 Leben bedeutet auch, sich immer wieder beugen zu muessen. Und trotzdem ist es ein Geschenk.
44 Das Beste kommt erst noch.
45 Glaube an Wunder.
Ein Hohelied auf ein einfaches Werkzeug
Den herabstuerzenden Fluten des tropischen Monsunregens kann Einhalt nicht geboten werden. Da hilft nur anschliessendes Aufraeumen und Trockenwischen.
Ein Gummirakel am Stiel kann dabei von grossem Nutzen sein: Ehre, wem Ehre gebuehrt.
Ein Leben zwischen den Kulturen Eine meiner wichtigsten Erfahrungen in Sachen Mann-Frau-Beziehung mache ich nun tatsaechlich auf Bali, zusammen mit meiner balinesischen Ehefrau Komang Sarining. Auf Grund der gegebenen fundamentalen Unterschiede zwischen uns beiden, auch und vor allem wegen der total unterschiedlichen Kulturen aus denen wir kommen, wurde mir klar, dass wir diesen abgrundtiefen Graben nicht ueberwinden koennen mit den Mitteln, die mir bisher zur Verfuegung standen. Meine Faehigkeiten zu bedenken, zu analysieren, zu besprechen, zu interpretieren, meine Lebens- und Selbsterfahrung und meine alltagspsychologischen Kenntnisse helfen in diesen Faellen von Unverstaendnis fuereinander und den daraus resultierenden Frustrationen, die wiederum Anlass fuer lautstarke Streits sind, so gut wie gar nicht. Alles fuer die Katz. Inzwischen bin ich der Meinung, dass auch unsere juedisch-christliche, Freudianische und Jungsche Psychologie auf Bali oder in Suedost-Asien oder in ganz Asien keine Anwendung finden koennen. Sie passen besser in den Westen, nach Europa und Nordamerika. Ein Beispiel nur: der Sophokleische ‚Oedipus Rex’ haette auf Bali nie geschrieben werden koennen. Fuer das ganze Oedipus-Drama gibt es auf Bali keine Basis und keine Ursache. Also, was gibt es fuer Moeglichkeiten, eine solche schwierige interkulturelle Beziehung ueberhaupt zu leben? Ich muss diesen abgrundtiefen Graben als solchen anerkennen! Ich muss meine Partnerin so zu nehmen lernen, wie sie ist! Ich werde wahrscheinlich etwas an der Oberflaeche veraendern, manipulieren, erziehen oder erzwingen koennen, aber nichts was unter der Oberflaeche liegt, was tiefer geht, was in ihrem Unbewussten verankert ist.
Ich musst mich auf meine Gefuehle besinnen, auf mein Herz, sozusagen. Dann profitiere ich sogar von dieser anscheinend unueberbrueckbaren Unterschiedlichkeit. Meine Gefuehle werden wieder staerker und deutlicher, direkter und verlaesslicher und ich lerne, mich darauf zu verlassen. Schritt fuer Schritt. Mein Herz faengt foermlich an zu wachsen und es empfindet differenzierter und spricht in unterschiedlichen Weisen. Das heisst nicht, dass ich meinen Verstand verloren haette oder dass ich ihn nicht mehr dazu benuetze, um mich im Alltag und im Leben ueberhaupt orientieren und behaupten zu koennen. Aber ich kann ihn manchmal etwas hintan stellen, besonders in Beziehungsdingen. Und hier, an dieser Stelle frage ich: Wann im Leben geht es eigentlich nicht um Beziehungsdinge?
Ertappt
Jakarta Post – 17. Januar 2011 –
‚17 Gouverneure unter Korruptionsverdacht’
‚Jakarta – 17 von 33 Gouverneuren des Landes sind namentlich als Korruptionsverdaechtige benannt worden, teilte am Montag Innenminister Gamawan Fauzi mit.
Der juengste Fall betrifft den Gouverneur von Bengkulu (Suedwest-Sumatra), der angeblich in den Missbrauch von Haus- und Grundsteuern in Hoehe von 23 Billionen IDR ( = ca. 1.95 Mio Euro) verwickelt sein soll.
„Ich habe seine Entlassungsurkunde vor zwei Tagen unterschrieben. Hoffentlich wird der Praesident die Entlassung innerhalb von zwei oder drei Tagen bestaetigen“, sagte er in Jakarta waehrend eines Treffens mit Regionalvertretern.
Er sagte, dass zwei Gouverneure, Ismeth Abdullah (Riau, Ostsumatra) und Syamsul Arifin (Nordsumatra), wegen Korruptionsvergehen bereits angeklagt seien. „Bis heute wurden 155 Amtsleiter verdaechtigt. Aber ich denke, es werden noch mehr sein. Jede Woche taucht ein neuer Verdaechtiger auf. Drei Monate im Dienst und sie geben Anlass zur Verdaechtigung ...,“ sagte er.
Gamawan Fauzi, ehemaliger Gouverneur von Westsumatra, sagte, um Gouverneur zu werden, muss man ein Menge Geld ausgeben – zwischen 60 und 100 Billionen IDR ( = ca. 5 bis 8.3 Mio Euro). Wie auch immer, das hoechste Monatesgehalt eines Gouverneurs, wie das des Gouverneurs von Jakarta, betraegt nur 90 Millionen IDR ( = 7.500 Euro), fuegte er hinzu.“
Mithilfe seines Gehaltes kann ein Gouverneur seine Einstandsinvestition also nie zurueckzahlen. Womit also dann?
Fragen eines 67jaehrigen Kindes
Ist man von Geburt an ein Mensch?
Wird man waehrend der Schwangerschaft zum Menschen? Ist man von der Zeugung an ein Mensch? Ist die Menschwerdung ein Prozess, der einen Anfang und ein Ende hat?
Ist es die Lebensaufgabe des Menschen, ein Mensch zu werden? Bedarf es mehrerer Leben, um ein Mensch zu werden? Sind Verstand und Wohlstand, Gefuehl und Gesundheit die Voraussetzungen,
um ein Mensch zu sein?
Ist ein Irrer ein Mensch, ein Geisteskranker, ein Psychopath? Warum regieren Menschen Menschen?
Warum unterdruecken Menschen Menschen? Warum foltern Menschen Menschen?
Warum toeten Menschen Menschen?
Gibt es ein kollektives Empfinden namens Menschheit? Gibt es eine Menschheit, die auf kollektive Bedrohungen kollektiv reagiert?
Gibt es eine Menschheit, die auf kollektive Bedrohungen kollektiv handel?
Rettend und bewahrend?
Fuenfundsechzig ist ein Alter, in dem sich Zukunft und Vergangenheit die Waage halten
Ausgerechnet! Ausgerechnet auf Bali werde ich 65 Jahre alt. Fuenfundsechzig ist kein Alter, sagen die einen. Fuenfundsechzig ist ein Alter, in dem man entspannen kann, sagen die anderen,; ein Alter, in dem man Rueckschau halten und weise werden kann. Fuenfundsechzig ist ein Alter, in dem man all das tun kann, worauf man frueher, in juengeren Jahren, wohl oder uebel verzichten musste, sagen ganz andere.
Ich selbst halte es wie mit der Weihnachtsbaeckerei: viele schoene Zutaten mit Bedacht aufeinander abgestimmt; Gewuerze aus fremden Laendern mit Sehnsucht erweckenden Namen – ich denke dabei an Zimtstangen, Gewuerznelken oder an Muskatnuesse, an die Gewuerzinseln und das Land, wo der Pfeffer waechst; traditionelle Rezepte neben der Lust am Ausprobieren von neuen Moeglichkeiten; gute Handwerksarbeit beim Mischen, Kneten, Formen und Ausstechen der Teigmassen; kuenstlerische Ambitionen beim Dekorieren; mittlere Hitze beim Backen und einen heiteren Sinn bei Servieren und beim Entgegennehmen liebenswuerdiger, manchmal sogar ernstgemeinter Komplimente. Strahlende Augen, sinnliche Waerme, ein pulsierendes Herz – ein Hauch von Glueck. ‚Fuenfundsechzig ist ein Alter, in dem sich Zukunft und Vergangenheit die Waage halten.’ Ein schoener Satz, was? Er ist von mir. Vielleicht bleiben mir noch einige Jahre um herauszufinden, ob er auch stimmt.
Arbeiter gehen in Rente, Beamte und Angestellte aber in Pension – und das mit fuenfundsechzig. Das hat sich mir als Schlosser- und Hausmeistersohn ganz tief eingepraegt, tiefer, als ich es je fuer moeglich hielt, habe ich mich doch als Verlagsgrafiker mein Berufsleben lang als ein in der Wolle gefaerbter Selbstaendiger hervorgetan. Mit dem Ergebnis, dass ich bereits mit sechsundfuenzig jede Art von bezahlter Taetigkeit aufgab, Auftragsarbeit ohnehin. Um meine Wunden als frisch Geschiedener zu heilen und meinen von einem Blasenkrebs attackierten Koerper, Hirn und Psyche Raum und Zeit zur Gesundung zu geben, musste ich mein Leben aendern. Raus aus dem Hamsterrad und hinein in die Freiheit.
Ha, wer war ich denn!?
Von einem Tag auf den anderen wurde ich ein sogenannter freischaffender Kuenstler, ein Schmalspurbildhauer, allerdings ein ausgesprochen ambitionierter und produktiver – dann Autor und spaeter auch noch Galerist. Auf diese Weise gelang es mir schliesslich, wieder aufzutauchen in einem Leben mit Zukunft. Meinem eigenen.
Ha, wer war ich denn!?
Die Fuenfundsechzig beschaeftigte mich laenger als ein Jahr – und mehr als die Sechzig oder die Fuenfzig, die ich 1993 noch mit Pauken und Trompeten feierte.
Als Ouvertuere sozusagen, organisierte ich in Personalunion als Kuenstler und Galerist im Juli 2008 eine Ausstellung ‚Adi’s Welt’, und am 11. Oktober 2008 eroeffnete ich – ebenfalls in der eigenen kleinen Galerie in Ubud - meine Ausstellung ‘The Hero’s Journey’. Ich bat meinen Freund Anello, fuer die Ausstellung einen Soundtrack zu komponieren und zu produzieren. Gegen Bezahlung selbstverstaendlich. Das Ergebnis seiner Arbeit war gerade rechtzeitig zur Eroeffnung fertig geworden. Am 3. Dezember 2008 lud ich fuenfundsechzig neue Bekannte ein, Menschen, die ich auf Bali kennengelernt hatte. Ich lud sie ein, um zusammen Anello’s Konzert ‚The Hero’s Journey’ live anzuhoeren. Da sich auf Bali viele Abende dazu eignen, eine Art Sommernachts-Traum zu inszenieren und sich der kleine Hof und der Garten vor unserem Haus besonders gut dafuer eignet, wurde die Konzerteinladung ein Erfolg. Komang trug mit ihren gebratenen, frittierten und gebackenen Snacks wesentlich dazu bei. Und sie konnte nebenher auch ein wenig Reklame fuer ihr neu eroeffnetes ‚Sweet Komang’s Gallery Cafe’ machen.
‚Statt Karten – Ansichten, Einsichten und Zuversichten’ heisst der Titel einer kleinen Schrift, mit der ich mich zu meinem Fuenfundsechzigsten selbst beschenkte, zusammen mit den beiden Ausstellungen, dem Soundtrack und dem Konzert. Tatsaechlich: 2008 war das Jahr ueppiger Geschenke an mich selbst. Ein Ausdruck dafuer, dass ich angekommen bin in den Bereichen positiver Selbsteinschaetzung und Freude an meinen eigenen Faehigkeiten und Leistungen? Es hat lange genug gedauert. Haeufig stand ich auf der Kippe und war oefter als einmal gefaehrdet, tatsaechlich abzustuerzen.
Ich wuensche mir und dem Rest der Welt alles Gute, gute Gesundheit, gute Gedanken, Lebensfreude und starke Tendenzen zu ausgepraegter und anhaltender Zufriedenheit und Dankbarkeit. Ich habe es ausprobiert: wir koennen unsere Zufriedenheit nicht vom Wechselkurs des Euro oder den Notierungen an den Boersen abhaengig machen; nicht von den Spielergebnissen des FC Bayern und schon gar nicht von den Vorhersagen unterschiedlicher Horoskop- oder Wetterdienste.
Zufriedenheit waechst mit sinkenden Anspruechen und Wuenschen, sagt der Buddhist. Auch so eine Weisheit, denke ich. Und: wie Recht er damit haben koennte. Der Buddhist.
Homo-Treffen in Ubud
‚Homo oeconomicus’ und ‚Homo faber’ trafen in Ubud/Bali aufeinander, ohne sich dieses Treffens tatsaechlich bewusst zu werden.
Sie begegneten sich zufaellig, als Homo oeconomicus in einem von ihm eher harsch gefuehrten Gespraech herauszufinden versuchte, welche Leistungen er erwarten konnte, wenn er das angepriesene Ticket fuer eine Gamelan-Auffuehrung erwerben wuerde. Diese Tickets werden in Ubud jeden Tag von fliegenden Haendlern in der Gegend von Markt, Koenigspalast, Hauptstrasse, Hanoman-und Monkey Forest Street angeboten.
Natuerlich flog keiner der Haendler – aber im Deutschen ist das eine gaengige Formulierung: Der fliegende Haendler. Nicht zu verwechseln mit ‚Der fliegende Hoellaender’ aus der Wagner-Oper, deren Besuch in Berlin mich vor Jahren, nein, nicht nur weinen liess, sondern eine nicht enden wollende Sturzflut von Traenen ausloeste. Aber das nur nebenher.
Ein Homo oeconomicus kauft so gut wie nie eine Katze im Sack. Seine Intelligenz und das ihm innewohnende Eigeninteresse, seine tiefsitzender Trieb, den eigenen Nutzen nach Moeglichkeit und wo auch immer zu maximieren und seine klar umrissenen Vorlieben und Abneigungen, lassen ihn kuehl und ueberlegt alle Informationen einholen und moeglichst alle Umstaende auf ihre Auswirkungen hin ueberpruefen. Erst dann ist er bereit, sich zu entscheiden. Der balinesische Kartenverkaeufer war ein freundlicher, aber auch ein einfacher Mann. Sein Fremdsprachenkenntnisse beschraenkten sich auf Weniges und Zweckdienliches aus verschiedenen Sprachen. Ein paar Brocken Japanisch, einige Woerter Englisch, manche Phrasen auf deutsch oder hollaendisch. Das wars. Schliesslich konnte er davon ausgehen, dass seine potentiellen Kunden wussten, was sie bei einer Gamelan-Auffuehrung erwartete. Mutmasste er. Der Kartenverkaeufer und der Homo oeconomicus konnten sich nicht verstaendigen. Der Verkaeufer konnte die gewuenschten Informationen beim besten Willen nicht geben. Deshalb fehlten dem Homo oeconomicus die Entscheidungsgrundlagen und deshalb entschied er sich, zumindesten fuer diesen Abend, vom Erwerb einer Eintrittskarte abzusehen. Deshalb kam ein Geschaeft zwischen den beiden nicht zustande.
Ganz anders Homo faber. Ihn, den praktischen und taetigen Menschen, den aktiven Veraenderer seiner Umwelt, interessiert grundsaetzlich erst einmal alles, was Menschen hervorzubringen in der Lage sind. Seine Neugierde ist ausgepraegt und haeufig passiert es ihm, dass die Begeisterung fuer etwas mit ihm durchgeht und er erst in einem Vorgang des im Nachhinein-Denkens, des zeitlich gesehen Hinterher-Denkens, auf Fehler in seinen Entscheidungen stoesst. Aber wie gesagt, Unbekanntes, besonders im kuenstlerischen Bereich, lockt und verlockt ihn, und balinesische Musik und Tanz gehoeren zweifellos dazu. So dauerte es auch nicht lange, bis sich der Homo faber einen Ueberblick ueber das reichlich vorhandene Gamelan-Angebot verschafft hatte, sich fuer eine der Vorfuehrungen entschied und dem zufriedenen Haendler eine Eintrittskarte abkaufte. Von eben dem Haendler, mit dem der Homo oeconomicus nicht klar kam. Homo faber genoss die Vorfuehrung und den Abend. Und wie es manches Mal passiert: Homo oeconomicus hatte waehrend seines weiteren, von langer Hand geplanten Baliaufenthaltes keine Gelegenheit mehr, eine Gamelanvorfuehrung zu besuchen. Auch das zufaellige Zusammentreffen mit Homo faber, das genau genommen nur ein zufaelliges Nebeneinander war, hinterliess bei ihn keine Spuren.
Schade eigentlich.
Inzwischen
Inzwischen bin ich, wie bereits erwaehnt, Vegetarier und Nichtalkoholiker. Nichtraucher war ich vorher schon. Am Tag trinke ich eine Tasse vom guten Bali Kaffee, keine schwarzen oder gruenen Tee mehr, sondern nur noch Kraeutertee. Also, die Gesundheit waechst mir bald aus den Ohren heraus. Und ehrlich gesagt: mein Mitgefuehl mit manchen Mitmenschen haelt sich inzwischen in Grenzen, solange sie nicht bereit sind, waehrend einer Umstellungsphase Opfer zu bringen und ihre Ernaehrungs- und Konsumgewohnheiten zu aendern. Aber wie meine Mutter immer wieder sagte: „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich.“ Oder sein Untergang?
Jeder kann Kuenstler sein
Lieber Paul.
Ich danke Dir fuer Deinen Aufsatz, den ich per e-mail erhielt. Er mich belehrt und unterhalten. Was kann ich mehr verlangen? Ueber lange Passagen Deiner Ausfuehrungen kann ich Dir folgen, besonders, was Du ueber die 1970er schreibst, die Hippiezeit, die New-Age-Geschichten und ueber die 2012er-Aufregungen und die sogenannten globalen Veraenderungen im Zusammenhang mit dem Kalendersystem der Maya.
Diese mono-kausalen Ideen und Fantasien, die helfen sollen, die Komplexitaet des Universums leichter zu verstehen, und uns mit der Komplexitaet unseres Lebens als existenzielles Abenteuer und mit dem Verstricktsein mit unseren taeglichen Muehen und Beschwernissen besser zurechtzukommen – ich kann sie nicht mehr hoeren. Da geht es mir so wie Dir. Strukturell schwierige Zu- und Umstaende sollen auf einmal einfach zu verstehen sein. Entschuldige, aber das ist wieder nur neue Glaubenssaetze. Ich mag mich nicht laenger mit den Erfindern und Verbreitern solcher, in meinen Augen, Peinlichkeiten abgeben.
Das war einer der Gruende, warum ich das ‚Noosphere-Forum’ vor seinem Ende verliess. Ich habe nicht mehr darueber sprechen wollen, um was ich gebeten war, ueber ‚Leben als Kunst’. So weit, so gut oder nicht gut. Aber da ist eine Sache, in der ich Dir nicht folgen kann. Du stellst fest, dass es nur einer kleinen, speziell dafuer ausgebildeten Gruppe von Kunstschaffenden erlaubt sein soll, sich Kuenstler zu nennen. Ich gehe davon aus, dass die von Dir zitierte Definition aus einem Fachartikel stammt. Meiner Meinung nach sollte sie aktualisiert werden und auf breiterer und mehr zeitgemaesser Ebene diskutiert werden, die nicht von vorneherein so viele Teilaspekte und Menschen vor allem ausschliessen sollte. In Deinem Beitrag beziehst Du Dich sehr stark auf die Notwendigkeit einer besonderen schulischen beziehungsweise akademischen Ausbildung, die ein Kuenstler durchlaufen muss, ehe er sich guten Gewissens als Kuenstler bezeichnen kann. Dazu moechte ich anmerken: 30.000 v.u.Z., von den von mir verehrten Kuenstlern der Hoehlen von Lascaux bis zum Ende des 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts, gab es ueberhaupt keine Kunstschulen und keine akademische Ausbildung fuer Kuenstler. Ein junger Mann, oftmals nicht aelter als dreizehn, und es waren nur junge Maenner, soviel ich weiss, der berufsmaessiger Kuenstler werden wollte, musste sich einen Meister suchen und bei ihm als Lehrling arbeiten. Diese Art der Ausbildung wurde von Zuenften organisiert, die ihren Daumen darauf hielten und gleichzeitig das Geschaeft kontollierten. So ging das bis ins 17. und 18. Jahrhundert. Parallel zu dieser etablierten und aeusserst erfolgreichen Art der Ausbildung (Mantegna, Raphael, Michelangelo, da Vinci als einige wenige Beispiele) wurden seit der Renaissance die Naturwissenschaften immer wichtiger – fuer die Gebildeten und fuer die Gesellschaft. Und auch fuer die Kuenstler. Anatomische-, Perspektiv- oder Naturstudien in Stilleben, naturalistischen Portraits, reinen Tierdarstellungen usw. waren einige Gebiete fuer diese neuen Form der naturwissenschaftlich-akademischen Ausbildung der Kuenstler. Kuenstler waren auf einmal mehr als nur die Benutzer von Farben, Pinseln und Maluntergruenden, sie wurden zu Denkern, Philosophen und Interpreten in religioesen, sozialen oder Beziehungs(Liebes)-Angelegenheiten. Man muss sich nur den Michelangelo anschauen, wie er mit seinen Fresken in der Sixtinischen Kapelle das christliche Universum quasi neu entwarf.
Die Ausbildung der Kuenstler veraenderte sich. Ausgehend von Florenz und von da aus sich ueber ganz Europa verbreitend, wurden Kunstakademien gegruendet, die immer mehr die Ausbildung von Kuenstlern uebernahmen. Nach wie vor wurde von Meistern ausgebildet, vor allem in grossen Ateliers, denk nur an die Ateliers von Rubens oder Rembrandt. Andy Warhol war definitiv nicht der Erfinder der ‚Factory’-Idee.
Seit dem 19., aber besonders im 20. Jahrhundert war die akademische Ausbildung fuer Kuenstler das Gegebene, das Normale, das Unabdingbare. Kuenstler waren zu Akademikern geworden
Welch eine Ironie: haette Adolf Hitler die Aunahmepruefungen bestanden und waere Student an der Allgemeinen Malerschule der Wiener Kunstakademie geworden – welche andere Richtung haette moeglicherweise die Geschichte des 20. Jahrhunderts genommen? Wer weiss?
Was ich sagen will ist, dass es keinen Weg zurueck gibt, natuerlich nicht: Kunstakademien und Kunstschulen waren hilfreich, ein bestimmtes Verstaendnis dafuer zu erzeugen, was ein Kuenstler ist und was die Stellung eines Kuenstlers in der Gesellschaft sein kann: vom brotlosen Kuenstler bis zum Malerfuersten, von van Gogh bis Liebermann, von Gauguin bis Picasso.
Staatliche oder private Kunstschulen sind Teile eines politischen und oekonomischen Systems, in das sie eingebettet sind und in dem sie die Beduerfnisse befriedigen, die das System stuetzen. Man kann das sehr leicht untersuchen, wenn man die Ausbildung und deren Ergebnisse von Ost- und Westdeutschland ueber einige Jahrzehnte hinweg vergleicht, zwei unterschiedliche und miteinander konkurrierende politische und soziale Systeme, Oder man kann anhand eines anderen Beispiels veranschaulichen, welch wechselnden Systemen und Ideen die Akademie der Bildenden Kuenste Muenchen von 1770 bis heute verpflichtet war. Die Muenchner Akademie deshalb, weil Muenchen meine Heimatstadt ist.
1770: Gruendung der Akademie als Zeichenschule, respektive Maler- und Bildhauerakademie;
1806-1918: Koenigreich Bayern;
1871-1918: Deutsches Kaiserreich;
1918-1933: Weimarer Republi:
1933-1945: Drittes Reich;
seit 1949: Bundesrepublik (West)Deutschland; 1960er-1990er Jahre: Studenten-, APO-, Anti-Atom-, Friedens-, Oekologie-Bewegung;
1990: Wiedervereinung West- und Ostdeutschlands;
1990 bis heute: die Akademie verliert ihre Bedeutung als Kristallisationspunkt kuenstlerischer, politischer und sozialer Bewegungen als Folge der zunehmenden Individualisierung und weitergehenden Auffaecherung der Kunstszene. Soweit Muenchen mit seiner Akademie.
Aus jeder Periode koennte ich Kuenstler nennen, die bekannt, erfolgreich, und einige davon privilegiert und reich wurden, dadurch, dass sie den Zeitgeist in einer Weise ausdrueckten, dass es die Menschen erreichte. Jede Phase der deutschen Geschichte der zurueckliegenden 150 Jahre hat seine ‚Masterpainter’, wie sie in Indonesien genannt werden. Sie wurden Symbole und Helden und selbstverstaendlich auch Projektsionsflaechen nationaler Identitaet – wie Sportler, Filmschauspieler, Dirigenten, Literaten oder Nobelpreistraeger auch.
Die heutige Inbesitznahme von Kunst und Kuenstlern ist ueberwaeltigend: fast jeder und fast alles werden dem Kapitalismus, der Globalisierung und der Marktwirtschaft geopfert. Der Kunstmarkt ist eine weltweit operierende Industrie geworden. Denken und Haltung werden bestimmt von ‚Mein Geschaeft – meine Beschaeftigung – mein Bankkonto – mein Auto – mein Haus – meine Yacht – meine Geliebte – mein Geliebter – meine Frau – meine Kinder ...’
Bereits im fruehen Stadium einer Kuenstlerkarriere ist das Marketing eine aeusserst wichtige Angelegenheit. Noch ehe sie dreissig werden, muessen sich Kuenstler ein Image der Einzigartigkeit zulegen, eine ‚Marke’ sein, oder sie verpassen wahrscheinlich den globalen Kunstmarkt und werden zu Verlierern der Globalisierung. Ihren Lebensunterhalt koennen sie sich dann als Taxifahrer verdienen.
Lieber Paul, in Deinem Aufsatz erwaehnst Du haeufiger den Begriff ‚liberal art’. In Deutschland nennen wir das freie Kuenste, frei Kunst und die Freiheit der Kunst.
Hier kann ich Dir auch nicht mehr folgen: freie Kuenste, Freiheit der Kunst und kuenstlerische Freiheit spiegeln eine Bewegung in Gesellschaft und Politik wider, die sich seit dem 18. Jahrhundert erst argumentativ, dann durchaus gewaltsam gegen die absolute Macht des Adels und der katholischen Kirche richtete. Hoehepunkt in Europa war die Franzoesische Revolution, in der britischen Kolonie Amerika der Unabhaengigkeitskrieg. Beide Ereignisse waren brutal, aber beide zielten in Richtung Freiheit. Freiheit von Unterdrueckung und Bevormundung, von Ungleichheit und Ausbeutung, Freiheit im Denken, Schreiben, Reden, Freiheit in der Kunst. Freiheit ist eine Sehnsucht, ein Verlangen. Freiheit ist etwas, wonach Menschen streben. Freiheit zu erlangen, ist eine maechtige und stark motivierende Energie im Leben, einfach deshalb, weil wir Teil einer Dominanz- und Dominanz-Vermeidungs-Struktur sind. Und die meisten Menschen dominieren lieber, als dass sie sich dominieren lassen. Freiheit hat also einen durchaus selbstsuechtigen, egoistischen Aspekt – einen gesunden, wie ich meine. Die Grenzen ausloten, so weit gehen, wie es die Umstaende erlauben, die Regeln kennen und sie brechen, seinen eigenen Weg gehen, seine eigenen Gesetze machen: das alles zielt auf Befreiung ab und hat mit der Sehnsucht nach Freiheit zu tun und dem Wunsch, nicht beherrscht zu werden.
Wir Europaeer haben seit 200 Jahren und bis heute viele Freiheiten erlangt. Freiheiten wie die Freiheit der Berufswahl, die sogenannte Gewerbefreiheit, die beinhaltet, ein eigenes Geschaeft eroeffnen zu koennen, oder das Recht, sich im eigenen Land ueberall niederlassen zu koennen, ohne die Behoerden um eine Genehmigung bitten zu muessen.
Also warum vor diesem Hintergrund dann nicht die Entscheidunghsfreiheit, aus dem Nichts, sozusagen, Kuenstler zu werden? Warum soll man sich nicht selbst einen Kuenstler nennen duerfen und das Leben eines Kuenstlers zu leben, frei im Sinn von Selbstverantwortung fuer alles, was man tut oder nicht tut. Dazu braucht man keine akademische Ausbildung. Ich finde es inzwischen peinlich, wenn ein 60jaehriger Kuenstler noch immer auf die Professoren verweist, die ihn als 25jaehrigen lehrten. Das Leben wird einen letztlich lehren, ob man begabt, geduldig und stark genug ist, als Kuenstler wahrgenommen zu werden und ein Kuenstlerleben zu fuehren. Da bin ich mir sicher.
Ausserdem bin ich inzwischen davon ueberzeugt, dass es in einem weiteren Sinn wirklich eine eigene Kunst ist, sich in diesen vielschichtigen und ziemlich schwierigen Strukturen zurechtzufinden, in die wir hineingeboren wurden, an die wir uns anpassen muessen und die wir nur geringfuegig veraendern und mitbestimmen koennen. Wir muessen im Leben all unsere Fantasie, Faehigkeiten, Ideen, Erfahrungen, unser Bewusstsein und unsere Kreativitaet, Intelligenz, Ausbildung und unsere Geduld einsetzen, um ueberhaupt den Kopf oben behalten zu koennen.
Das bezeichne ich als Lebenskunst. Und was braucht ein Kuenstler viel mehr, um Kuenstler zu sein?
Herzliche Gruesse, Adi.
Kuenstler als Beruf
“Alle Kuenstler sind verrueckt”, stellt meine liebe Komang immer wieder einmal fest. Als Anfangszwanzigerin war sie mit einem sogenannten ‚Abstrakten’ liiert, der sie aber nicht heiratete, sondern lieber in die Niederlande reiste und dort ausstellte. Ob es ihr gekraenkter Stolz ist, der sie zu ihrem Urteil kommen liess, oder eine dem balinesischen Menschen innewohnende Abneigung gegen Abstraktes und Analytisches, sei dahingestellt. Als wir 2007, erst teilweise und schliesslich ganz nach Ubud zogen und uns dort niederliessen, kam sie wieder vermehrt mit solchen ‚Verrueckten’ in Kontakt. In Ubud wimmelt es von Menschen, die vorgeben, Kuenstler zu sein und solchen, die sich tatsaechlich fuer den Beruf des Kuenstlers entschieden haben. Nicht sehr viele davon erfolgreich. Die Mehrheit kommt gerade so ueber die Runden, und ein nicht geringer Teil darbt. Darbt so sehr, dass das Geld nicht fuer regelmaessiges Essen reicht und die Behausung oft so ist, dass sich ein mitteleuropaeischer Hund weigern wuerde, den Tag und schon gar nicht die Nacht darin zu verbringen.
Auf die Berufstaetigkeit selbst hat das oft direkte Auswirkungen: sind die Acrylfarb- oder die Oelfarbtuben bis auf ihren allerletzten Rest ausgequetscht, gibt es eine weiche, fast selbstverstaendliche Hinwendung zur Malerei in Grau- und Schwarztoenen. Hitham = schwarz und Putih = weiss sind erheblich billiger als die Farbtoene mit teuren Pigmenten. Oder die Zeichnung, Arbeiten mit chinesischer Tinte oder Installationen aus alten Flipp Flopps, CD-und DVD-Scheiben oder abgewrackten Autos beziehungsweise Teilen davon, treten dann staerker in den Vordergrund. Sich einen Hilfsarbeiterjob auf einer der zahlreichen Baustellen im Zentrum Balis oder seinem Sueden zu suchen, voruebergehend als ‚room cleaner’ in einem Hotel zu arbeiten, Ausfahrer, fliegender Haendler, Ticketverkaeufer oder als ‚hooker’ fuer was auch immer ein Ein- und sich damit ein Auskommen zu sichern: Nein! Nie im Leben. Dafuer sind Kuenstler nicht geschaffen! Und so kommt es, dass manche Maler und Bildhauer, Videokuenstler und Performer lieber hungern und schlecht riechen, Seife und Waschpulver kosten Geld, als Pinsel und Malmittel, Eisen und Schlegel, Kamera und Mikrophon auf die Seite zu legen und einer festen Arbeit ausserhalb ihres Studios nachzugehen. ‚Die Balinesen wurschteln sich schon durch’, merkt Peter aus Muenchen trocken an. Sich Geld leihen, es zurueckzahlen, wenn sie wieder etwas in der Hosentasche haben, zwischendurch von dem Entliehenen selbst etwas zu verleihen, die notwendige Zeremonie weniger kostspielig auszurichten als ueblich, das Moped zu verkaufen, ein reich geschnitztes Stueck an eine dicke Frau aus Perth loszuwerden, und danach einen Kris – das entspricht balinesischem Handeln. Variationen sind moeglich: ein Stueck Land zu verpachten, beim Hahnenkampf zu gewinnen, beim Kartenspiel zu gewinnen, einem grosszuegigen Touristen eine Spende fuer die Familienkasse abzuluchsen, irgendwie geht schon was. Seit Jahrhunderten geht das schon so. Frueher allerdings ohne Mopeds und ohne Touristen.
Ein Berufskuenstler ist in der Regel Akademiker. Viele haben in Bandung oder Jogyakarta, in Solo, in Surabaya, Denpasar oder Singaraja studiert und von dort aus ihre ersten Ausstellungen organisiert. Und ein Akademiker kann unmoeglich einen Taxifahrer geben, da bleibt er lieber der maessig erfolgreiche Kuenstler, der davon traeumt, im Gaya oder T-Art Space, bei Tony Raka, in der Komaneka- oder Sika- oder in der Kendra-Gallery, in der Ganesha Gallery im Four Season Resort oder zumindest im Cafe des Artistes, im Cafe Three Monkeys oder in Adi’s Gallery auszustellen und mit einem Schlag 12, 15 oder 25 bemalte Leinwaende an einen Superreichen oder einen wirklich kunstinteressierten Sammler zu verkaufen. Ein Traum. In solchen Faellen koennte man selbstverstaendlich ganz offen ueber Preisabschlaege und Zahlungsmodalitaeten verhandeln. Armer Kollege. Oft genug wird er ausgenutzt und uebervorteilt, belogen, bestohlen und betrogen, mit mafiosen Mittel als Kuenstler aufgebaut und populaer gemacht und in den Markt gedrueckt. Und dann wie ein Stueck stinkigen Exkrements fallengelassen, um das gleiche Spiel mit einem anderen ‚jungen Maler mit grosser Zukunft’ von vorne anzufangen. Im vorletzten Jahr gab es auf Java eine richtiggehende Selbstmordwelle unter Malern, die der ueber Nacht eingesetzte Geldstrom dazu verleitete, in einen viel hoeheren Lebensstandard zu investieren und die sich dann hinausschlichen, als der Geldstrom genauso ploetzlich abriss wie er gekommen war, die Kredite aber weiterhin zu bedienen waren.
Ja, Komang, es gibt speziell unter den indonesischen Kuenstlern erschreckend viele Verrueckte und abgehobene Typen. Aber nicht alle, nein, nicht alle Kuenstler sind verrueckt. Schau doch einfach mich an ...
Kuta, 12.10.2002
‚Die Bombe zerfetzte ihre Koerper’, hiess es dann. So las man es in den Zeitungen. So hoerte man es in den Nachrichten. So zeigte es das Fernsehen. Aber tatsaechlich lief es anders ab. Zuerst hoerte er die Detonation. Sein Koerper reagierte sofort: er wurde starr. Dann schaute er verwundert auf seine linke Hand hinunter. Die Finger schwollen an. Sie bekamen die Form und die Farbe tiefroter, aufgeblasener Kondome. Nur die Nippel fehlten. Dann platzten sie. Nicht der Reihe nach – plopp, plopp, plopp, plopp, plopp – fuenf Mal. Sondern auf einmal. Mit einem lauten Plopp. Haut- und Muskelpartikel flogen umher. Blut spitzte. Dann lagen die feinen Knochen und Gelenke frei.
Wie die Schale einer Banane zog es Haut und Muskeln vom Skelett. Pellte gewissermassen ab. Von den Haenden ueber die Unterarme, die knochigen Ellenbogengelenke und die kraeftigen, muskuloesen Oberarme hinauf zur Schulter.
‚Der Mensch besteht aus Hefteteig, gefuellt mit roter Tinte ...’, schoss es ihm durch den Kopf. Ein absurder Reim aus seinen Kindertagen. Wie oft hatten sie sich das Gedicht gegenseitig vorgesagt? Karl, sein Vetter und er, wenn sie muede und und von der Sonne verbrannt am Ende eines langen Ferientages nach Hause trotteten.
‚... der Nabel ist Zweipfennig breit, darunter haengt die Flinte ...’ Nein. Es waren nicht die Schuesse einer Flinte, die ihm in dieser Sekunde den Koerper zerfetzten. Es war die Sprengkraft einer oder mehrerer Bomben.
‚Bin ich deshalb nach Bali gekommen’, schoss es ihm durch den Kopf, ‚um mich hier in die Luft sprengen zu lassen? Das ist doch scheisse’.
Dann hatte er ausgedacht.
Nichts bekam er mit von dem tatsaechlichen Umfang des Anschlags. Von seinen Urhebern und von der Zahl der Opfer. Nichts von den Massnahmen der Behoerden, die Taeter zu identifizieren, sie ausfindig zu machen und schlieslich festzunehmen. Nichts von der Tatsache, dass sich einer der Taeter in seinem Haus selbst in die Luft sprengte. Nichts von den beiden Gerichtsverfahren, den verhaengten Strafen. Und nichts von den Todesurteilen gegen die beiden Brueder Amrozi Nurhasyim und Ali Ghufon und einem weiteren Terroristen, Imam Samudra. Und nichts von dem Gewuerge und Gezerre und juristische Winkelzuegen, bis die Todesurteile gegen die drei tatsaechlich vollstreckt worden waren. Nichts bekam er mit von dem massiven Einbruch in die Entwicklung Tourismusindustrie auf Bali in darauf folgenden Jahren. Er war eines der sechs Opfer aus Deutschland. Insgesamt starben bei dem Bomenanschlag 202 Menschen aus vielen Laendern. Vor allem aus Australien. Hunderte Menschen erlitten zum Teil schwerste Verbrennungen.
Nichts bekam er mit von der Angst. Einer von den Balinesen ganz weit nach hinten gedraengten Angst, dass sich so ein radikal-islamisch motivierter Anschlag wiederholen koennte. In ihrem Paradies. Das Reservoir an Selbstmord-Attentaetern scheint schliesslich unerschoepflich zu sein.
‚Fuck the Terrorists’, druckten die Balinesen beschwoerend auf T-shirts. Es half nicht viel: am fruehen Abend des 1. Oktober 2005 explodierten drei weitere Bomben. In Jimberan und wieder in Kuta. 23 Menschen starben, 100 wurden verletzt. Wieder war der ‚Jemaah Islamiyah’ fuer das Attentat verantwortlich.
Langeweile
Wie besiegen diese die Langeweile? Wie schlagen jene die Zeit tot? Was stellen andere mit ihrer permanenten Unterforderung an? Was passiert mit den Menschen, deren Leben vor allem aus vielen langweiligen Tagen besteht? Und diese Tage wiederum aus vielen langweiligen Stunden und Minuten? Ja, was eigentlich?
Little Richard
Seit dem Fruehjahr 2011 ist unser kleines Austragshaus in Kalibukbuk fertig, und wir verbringen hin und wieder ein Wochenende darin, besuchen die Schwiegereltern und einige von Komangs Bruedern und Schwestern und deren Familien. Unsere neue Nachbarschaft in Kalibukbuk ist klar und uebersichtlich gegliedert. Westlich von uns leben Komangs Eltern, einer ihrer Brueder mit seiner Familie, dann Komang, der Elektriker, ein Vetter, und zwei von Komangs Onkel vaeterlicherseits. Noerdlich von uns wohnen zwei Familien, mit denen wir nicht verwandt sind. Suedlich von uns, das heisst: suedlich der neuen Strasse, befinden sich einige einfache Haeuser, deren Bewohner ebenfalls nicht mit uns verwandt sind, und dahinter steht seit kurzem das neugebaute kleine Haus einer von Komangs Schwestern und das eines Bruders. So weit, so gut.
Oestlich von uns, also auf der Seite, auf der jeden Morgen die Sonne aufgeht, hat sich eine Familie aus dem Kreis Gianyar ein Grundstueck gekauft, mit einem Haus bebaut und sich niedergelassen. Kalibukbuk liegt etwa drei Motorradstunden von Gianyar entfernt – also zogen sie weit weg von ihrer alten Heimat. Vielleicht ist das ein Grund, warum sich die Familie bisher schwer tut, sich in ihre neue Nachbarschaft zu integrieren. Ein anderer Grund duerfte sein, dass das Oberhaupt des Familie, der Ehemann und Vater also, auf einem Kreuzfahrschiff arbeitet, das mit einem internationalen Publikum ueber die Ozeane schwimmt. Aus Gruenden die mir nicht bekannt sind, heuern Reedereien, besonders solche, die sich auf amerikanische Kunden spezialieren, gerne Mannschaften aus Bali an. Die angebotene Zeitarbeits-Vertraege beschraenken die Mitarbeit auf neun bis zehn Monate, dann gibt es einen drei- oder zweimonatigen unbezahlten Urlaub. Ein solcher Vertrag kann – wenn die Vertragsparteien zufrieden waren – verlaengert werden. Die Arbeit auf den Kreuzfahrschiffen wird fuer indonesische Verhaeltnisse gut bezahlt und Balinesen lassen sich gerne dafuer anheuern. Das Vermittel der Vertrage laeuft ueber Agenturen.
So ist das auch bei unserem Nachbarn: waehrend seiner Abwesenheit verdient er das Geld fuer seine junge Familie und den Hausbau, waehrend seiner Anwesenheit geniesst er die Untaetigkeit, besucht seine Eltern, Geschwister und Freunde und zeugt ein Kind. Vier sind es inzwischen. Dass ihm die jeweils zweimonatige Anwesenheit nur wenig Moeglichkeit laesst, sich in seine neue Umgebung einzuleben, liegt auf der Hand. Ob es mit seiner jeweils vielmonatigen Abwesenheit zu tun hat, weiss ich nicht, aber seine Frau und seine vier Kinder sind ungewoehnlich laut: Radio, Fernseher, Kinder, Hund ... und das kraeftige Organ der Frau im Haus, die das alles alleine zusammenzuhalten hat.
Konkret heisst das, dass wir jedesmal davon irritiert sind, wie uneingeschraenkt sich unsere Nachbarin und ihre Kinder breit machen. Laermmaessig. Da sie sich aber darin nicht grundsaetzlich von anderen Balinesen unterscheiden und wir ohnehin nichts dagegen unternehmen koennen, haben wir angefangen, uns daran zu gewoehnen ...
Im Dorf wurde ein neu gebauter Tempel eingeweiht, und wir nahmen das Ereignis zum Anlass, zwei Tage in Kalibukbuk zu verbringen. An einem der beiden Vormittage sassen wir vor dem Haus, assen von dem Gebaeck, das uns die Schwiegermutter gebracht hatte und plauderten ueber dies und das. Der Kreuzschiffer befand sich auf hoher See. Seine Familie auf einem ueblich hohen Laermpegel. Der aber stieg. Er schwoll an. Er wurde lauter. Und lauter. Und schriller. Und kreischender. Er bohrte sich ins Gehirn und er ging unter die Haut. Nur allmaehlich konnten wir hoeren, dass es eine Name war, der geschrien wurde: Richard ... Richard ... Richard. Erst ein Kind. Dann zwei Kinder. Dann die Mutter. Dann alle. Das Rufen und Schreien wurde noch lauter. Noch verzweifelter. Noch hysterischer. Die Familie schrie sich in Panik. Immerzu Richard ... Richard ... Richard.
In mir entstand ein schrecklicher Verdacht: das juengste der vier Kinder, ein Bub, ein Saeugling noch, war gerade dabei zu sterben. Ich sah ihn foermlich vor mir, sah, wie er sich im Todeskampf wand. Umringt von seinen Geschwistern und seiner Mutter. Immer schlimmere Bilder tauchten vor mir auf. Verstaerkt durch die Hysterie der sich ueberschlagenden Stimmen Richard ... Richard ... Richard. Nach Moeglichkeit meide ich die Zeugenschaft an Unfaellen, Schlaegereien, Selbstmorden. Ich bin nicht sensationsluestern, und ich bin kein Gaffer, der sich am Schicksal anderer weidet. Im Gegenteil. Ich habe Angst vor der gefuehlsmaessigen Herausforderung, die ein Unglueck mit sich bringen kann. Bezogen auf meine Fantasien von Richard ... Richard ... Richard: ich spreche weder balinesisch der indonesisch. Deshalb bat ich Komang, hinueberzugehen zu den Nachbarn und nach dem Grund fuer das Geschrei zu schauen.
Mit zoegernden Schritten ging Komang hinueber zu den Nachbarn. Dann ging sie schneller. Schliesslich lief sie. Auch andere Nachbarn kamen angerannt. Das Schreien brach nicht ab. Manchmal wurde es lauter. Dann etwas leiser. Dann wieder lauter. Es verlief in Wellen. Richard ... Richard ... Richard. Es war kaum noch auszuhalten. Komang kam zurueck. Sie guckte etwas betreten. Sie zog die Schultern hoch und liess sie wieder fallen. So, als wurde sie sich entschuldigen. „Die hatten einen kleinen Hund. Und der ist gerade gestorben. Deshalb schreien sie alle.“
Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Ein kleiner Hund – und so ein Geschrei.
Die Kinder und ihre Mutter schrien weiter. Ohne Unterbrechung. Noch mehr Nachbarn kamen. Zum Schluss muessen es an die vierzig gewesen sein. Mit zoegernden Schritten kamen sie zuerst. Dann gingen sie schneller. Schliesslich liefen sie. Und kamen bald darauf achselzuckend zurueck. „Ihr Hund ist gestorben. Ein kleiner Hund.“ Sie wirkten verwirrt. Manche belustigt. Alle verstaendnislos. Wir setzten uns aufs Motarrad und fuehren hinunter ins Dorf. An den Strand. Das Geschrei war uns zuviel geworden. Auch deshalb, weil wir Ursache und Wirkung nicht miteinder zusammenbringen konnten.
Nach Stunden kamen wir wieder zurueck. Und noch immer rief eine Kinderstimme jammernd „Richard ... Richard ... Richard“.
Problemloesungen?
Bevor der Verkehrslaerm fuer die Anwohner unertraeglich und nachgewiesenermassen gesundheitsschaedlich wird, werden mancherorts Laermschutzfenster eingebaut. Sonst waeren solche Wohn- und Geschaeftsraeme kaum noch zu vermieten und der Wert der Immobilien wuerde fallen, vielleicht sogar abstuerzen. Steigender Verkehrslaerm hat eine Laermschutz-Industrie entstehen lassen: ohne Laerm kein Laermschutz. Logisch. Selten wird versucht, die Ursachen eines Problems zu ergruenden und sie anschliessend zu beseitigen. Statt dessen versucht man mit technischen und administrativen Mitteln, die Folgen eines Problems zu mildern. Das heisst, Probleme werden mit ‚industriell-administrativen Methoden’ so bekaempft, so, dass neue Industrien entstehen, die wiederum neue Probleme hervorbringen, beziehungsweise bereits bestehende Probleme verschaerfen. Daher der Begriff ‚Industriegesellschaft’. Es ist eine beaengstigende Schraube ohne Ende.
Zwei Nachrichten haben diesen vorangestellten Gedanken, der von linken Oekonomen in den 1970er Jahren erstmals publiziert wurde, wieder lebendig werden lassen:
Nachricht Nummer 1: in der Volksrepublik China operiert man, vorerst allerdings nur konzeptionell mit Hilfe von Computer-Simulationen, mit einem Tunnel-Bus, der bis zu 1400 Fahrgaeste befoerdern koennen soll. Und durch den, wie durch einen Tunnel eben, andere Fahrzeuge fast ungehindert hindurchfahren koennen. Ein solches Vehikel – einem rasenden Brueckenbauwerk aehnlich, soll umweltfreundlich, weil abgasfrei, mit Atomstrom betrieben werden. Eine revolutionaere, moderne, angemessene technisch-industrielle Loesung also? Den aus allen Fugen geratenen Verkehr in chinesischen Gosstaedten einzuschraenken, also an die Wurzel des Problems zu gehen, wagt heute offenbar niemand mehr zu denken. Der persoenliche Wunsch nach Auto-Mobilitatet und die globale Automobil-Lobby und sind uebermaechtig geworden, und unser Denken ist laengst unumkehrbar auto-mobilisiert. Nachricht Nummer 2: im Zusammenhang mit dem seit 2006 noch immer heftig sprudelnden Schlammvulkan in der Naehe der indonesischen Industrie- und Hafenstadt Surabaya, Ostjava, wird ueber eine besondere Variante der Vorteilnahme, Korruption, berichtet: Der Ortsbuergermeister, der sich fuer eine schnelle Abwicklung von Entschaedigungszahlungen an die Betroffenen einsetzt, fordert und bekommt von diesen Betroffenen 25% der von ihm ausgehandelten Entschaedigungs-Summe. Anzumerken ist, dass diejenigen, die mangels eigener Ruecklagen besonders auf eine schnelle Abwicklung des Schadensersatz-Verfahrenss angewiesen sind, somit ein Viertel weniger ausgezahlt bekommen als diejenigen, die soviel Geld haben, sich moeglicherweise durch mehrere Instanzen klagen zu koennen.
Eine staatliche Anti-Korruptionsstelle wurde in Indonesien schon unter dem oberkorrupten Praesidenten Suharto eingerichtet. Ein flaechendeckendes administratives Netz aus Beobachtern und Berichterstattern entstand – eine Anti-Korruptions-Industrie. Aber die Korruption waechst und gedeiht in Indonesien weiterhin. Von ganz oben bis ganz unten.
Wie gesagt: Probleme in den Industriegesellschaften werden mit industriell-administrativen Methoden bekaempft, die wiederum neue Probleme hervorbringen, beziehungsweise bereits bestehende Probleme verschaerfen.
Das ist eine Schraube ohne Ende ...
Rauchender Fussball
Worueber man mit indonesischen Maennern fast immer reden kann, sind der Fussball und das Rauchen.
Ein Glueck, dass ich aufrichtig und deshalb ueberzeugend sagen kann, dass ich in Muenchen zur Welt kam und dort aufgewachsen bin und bereits als Zwoelfjaehriger ein in der Wolle gefaerbter Anhaenger des FC Bayern wurde. Anhaenger sagte man damals noch und nicht Fan. Der Begriff ‚hooligan’ war nicht nur in Muenchen gaenzlich unbekannt. Franz Beckenbauer und der FC Bayern haben noch immer, und der junge Thomas Mueller jetzt schon, einen aussergewoehnlich grossen Bekanntheitsgrad, und zusammen geniessen sie ein hohes Ansehen. Indonesienweit. Oliver Kahn wird inzwischen ueberigens als Auslaufmodell gehandelt, waehrend Michael Ballack, der noch immer als ein Spieler des FCB gilt, hoch gelobt wird. So uebertraegt sich das positive Image der Vorgenannten ungeprueft auf mich. So schnell, leicht und billig kann man sein Image sonst nicht aufpolieren. Das ist zwar nicht wirklich angemessen, aber dennoch angenehm.
Das Fernsehen und die umfangreiche und intensive Berichterstattung in den Zeitungen hat eine globale Fussballgemeinde entstehen lassen, an deren Mitgliedschaft sich die Menschen erkennbar viel mehr erfreuen als zum Beispiel an ihrer unfreiwilligen Teilhabe an einer globalisierten Wirtschaft. Ja, jeder waehlt gerne aus, aber nur wenige lassen sich gerne zu etwas zwingen. So ist der Mensch nun einmal.
Dass das Rauchen nach Aussage der in grossen Lettern auf jeder Zigarettenpackung aufgedruckten Hinweise auch impotent machen kann, ist manches Mal Anlass zu eindeutigen Witzen, muss es aber nicht sein. Die meisten Indonesier tun so, als bewunderten sie die Tatsache, dass ich seit fast fuenfundzwanzig Jahren nicht mehr rauche. Ich behaupte dann mit groesstmoeglicher Ueberzeugungskraft, dass dies die Ursache fuer meinen Wohlstand und meine gleichbleibend hohe Libido sei. Sie koennen nicht wirklich einschaetzen, ob ich es so meine, wie ich es sage. Aber es amuesiert sie und sie lachen – und rauchen weiter wie die Schlote. In einkommensschwachen Familien verrauchen die maennlichen sogenannten Haushaltungsvorstaende etwas mehr als zehn Prozent der Haushaltskasse. Und fuer viele schlimme Krankheiten ist auch in Indonesien das Rauchen die Ursache. Las ich im Internet. Da ist das Fussballschauen im Fernsehen nicht nur billiger, sondern auch gesuender.
Rechthaben
Zwei Transvestiten, die einen arg gebrauchten Eindruck machten, sangen in einem Restaurant ein Duett. Sie waren grell geschminkt. Die Bedienungen zogen sie auf, lachten sie aus und scherzten mit ihnen. Eine(r) der beiden trug ein T-Shirt mit dem Aufdruck: THE END IS NEAR. Grell hin, grell her – damit hatte sie (oder er) meiner Meinung nach ganz einfach Recht.
Sex und Rebirthing
Wie das Ende eines anstrengenden Geburtsvorgangs. Harte Arbeit – Koerpersensationen – am Ende die grosse Entspannung – endlich befreit – endlich gekommen – endlich angekommen – das Gesicht noch verkrampft von Anstrengung und innerer Erschuetterung – dann das befreite Laecheln – das Strahlen des Neugeborenen – die fuehlbare, fast sichtbare Aura des Menschen, der eins ist mit sich und einem anderen Menschen so nahe.
Spitzenspitzname
Jetzt endlich, nach den vielen Jahren, weiss ich, was mich nach Bali gebracht hat: Es waren nicht der Max und nicht die Andrea, nicht die ueppige Vegetation auf dem Weg hinauf zum ‚Holy Hot Spring’ in Banyar, nicht die samthaeutige Komang mit ihren lustigen und ihren traurigen Augen. Nein. Die Antwort ist eine andere, und sie ist einfach: mein abgekuerzter Vornamen war es und ist es, mein Spitznamen – das Adi fuer Adolf. Nicht Ade, Ado oder Addi – nein: Adi. Mein Vater hiess Adolf – Ade nannten ihn seine Freunde und Kollegen, Addolf die Verwandten. Auch mein Grossvater hiess Adolf, geboren 1869 in Ettringen, gestorben 1933 in Muenchen. Wie er von seinen Freunde und seiner Familie genannt wurde, weiss ich nicht. Im dritten Drittel des 19. Jahrhunderts war Adolf der haeufigste maennliche Vorname im Deutschen Kaiserreich. Und das, obwohl beide Kaiser ‚Wilhelm’ hiessen und Bismark ‚Otto’. Adolf bedeutet, unter anderem,‚der wehrhafte Wolf (Wotan’). Diese Namensbedeutung gefiel mir als Heranwachsender sehr: ‚The lonely Wolf ‚. Der Spitzname ‚Adi’ aber war mir lieber, verschleierte er doch meinen durch Hitler und den Hitlerismus schwer belasteten Vornamen Adolf.