Goethe

Georg Simmel · Kapitel 1 von 1 · Teil 9/10

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Goethe

Goethe

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 10 Teile geteilt.

Das Ideal der Vollendung des persönlichen Seins geht ihm in die des Handelns (als Schaffen und als Wirken) und des Erkennens auseinander – in vereinzelten Ansätzen schon in der frühen Weimarer Zeit anklingend, entschieden aber nach der Rückkehr aus Italien. Und es ist das ganz Unvergleichliche seines Bildes, daß jener damit geschehende Abbruch an Schönheit und Kraft seines Lebens nur das schlechthin, ich möchte sagen: logisch unvermeidliche Minimum war. Und zwar, weil diese Wandlung ein rein inneres Entwicklungsschicksal, eine von vornherein in dem organischen Gesetz seines Wesens vorgezeichnete Periodik war. Wo die Kraft aus der Form der Gesammeltheit, die sie nur als jugendhafte Möglichkeit besitzt, in Bewährungen übertritt, aus dem sich selbst genügenden Lebensvorgang in einzelne Inhalte geleitet wird, da büßt sie natürlich den Glanz und Reiz ein, der nun einmal, unvergleichbar, gerade an jener Form haftet. Aber in den meisten Lebensläufen wird damit auch ein Teil der Kraft selbst lahmgelegt, der Strom der Vitalität, in eine Mehrheit von Adern auseinandergeführt, nun mehr von bestimmten Zielen gezogen, statt von der Einheit seiner Quelle getrieben, verliert dabei an Macht und Gedrängtheit. Diese weitergehende, weiter verlierende Konsequenz ist bei Goethe nicht eingetreten; als er aus dem Idealismus der subjektiven Lebendigkeit zu dem des objektiven Wirkens und Erkennens überging, war freilich die Jugend mit ihren spezifischen Werten verloren, aber weiter auch nichts. Jenes dynamische intensive Sein bleibt in der Theorie und in der Praxis, in die es auseinandergeht, als deren Substanz erhalten, es fällt nicht, wie in der Mehrzahl solcher Entwicklungen, zwischen ihnen durch oder wird zwischen sie aufgeteilt. Aus der Einheit des ursprünglichen Lebenstriebes, der sich in diese beiden hineingelebt, wird die Zusammengehörigkeit verständlich, in der er sie beide fortwährend erblickt. Wenn er alles Wissen haßte, das seine Tätigkeit nicht belebte, keinen Eindruck anerkannte, der ihn nicht produktiv machte, an der Praxis das Kriterium des theoretisch Wahren fand – so wirkt in all dem die Gemeinsamkeit der Wurzel, die die seines Lebens von Anfang an war. Nachdem sie sich in Erkennen und Handeln auseinandergezweigt hatte, blieben dieser beiden solidarische Beziehungen als Folge und Symbol jener Wurzelung zurück.

Das klare und prinzipielle Bewußtsein dieser entscheidenden Wendung spricht sich z.B. in einer Äußerung vom Jahre 1805 aus, in der er die Erinnerung an bedeutende Gegenstände, besonders an charakteristische Naturszenen, mit ihrem Eindruck nach langer Zwischenzeit vergleicht. »Da werden wir denn bemerken, daß das Objekt immer mehr hervortritt, daß, wenn wir uns früher an den Gegenständen empfanden, Freud und Leid, Heiterkeit und Verwirrung auf sie übertrugen, wir nunmehr, bei gebändigter Selbstigkeit, ihnen das gebührende Recht widerfahren lassen, ihre Eigenheiten zu erkennen wissen.« Dazu erinnere man sich an alle die Äußerungen über den Wert des praktischen Verhaltens als solchen, die in unsren früheren Zusammenhängen hervortraten und mit seinem steigenden Alter immer entschiednere Form annehmen. Er ist noch keineswegs ein alter Mann, als er sagt, in seinem Alter gebe es für ihn nur noch Wort und Tat, das sogenannte beredte Schweigen habe er schon lange der lieben und verliebten Jugend überlassen – eine Absage also an die gefühlshafte Lebensepoche zugunsten der theoretisch-praktischen. Er selbst zwar konstruiert als den Gegensatz gegen diese letztere meistens die des dichterischen Schaffens – sowohl im Verfolg jener Äußerung von 1805 wie zwanzig Jahre später sagt er ausdrücklich, daß die Fähigkeit für das Künstlerische, Ästhetische, die ihm ursprünglich eignete, ihn verlassen habe und daß an dessen Stelle die Naturstudien getreten wären. Dies sind indes ersichtlich Stimmungen aus dichterisch sterilen Monaten oder Jahren. Die Tatsachen zeigen, daß ihm das Alter die dichterische Fähigkeit keineswegs geraubt hat, aber auch ihr gab er freilich das Cachet der Objektivität; auch sie bewahrend wurde er nun der »Erzählende«, der das eigne Leben und seine Inhalte gegeneinander differenziert hat, und sie nun in der Form des Kunstwerks ebenso wieder zusammenbringt, wie in der des Forschens und des praktischen Handelns.

Das Verhältnis der beiden Teile des Meister bildet die bisher skizzierte Entwicklung nach. Die Lehrjahre stehen unter dem Ideal, die Persönlichkeit auszubilden und auszuleben. Der Selbstwert objektiver Leistungen kommt kaum in Frage, außer etwa bei Therese, die aber auch nach dieser Richtung hin eigentlich schon in die Wanderjahre überdeutet. Daß gerade der Schauspieler und der Edelmann besondre Schätzung erfahren, ist hierfür außerordentlich bezeichnend. Denn für beide ruht diese Schätzung, wenn auch in ganz verschiedener Motivierung, keineswegs auf den spezifischen Inhalten und substanziellen Resultaten ihrer Existenz. Die Leistung des einen ist die schlechthin verfließende, rein funktionelle, deren überindividuelle Wirkung auch nur wieder auf die funktionelle Bildung und Seinserhöhung des Publikums geht, die Leistung des andern wird überhaupt nicht substanziiert. Worauf es für beide ankommt, ist gerade die Befreitheit von Lebensinhalten, die die sich selbst gehörende, aus dem Seinsideal folgende Entwicklung der Persönlichkeit in einer sachlichen und äußeren Ordnung festlegen könnten. Zu solcher unsachlichen und undifferenzierten, auf das Leben als solches gerichteten Existenz und Existenzwertung sind die Frauen von vornherein disponierter und gerade dies spezifisch Weibliche ist in fast all seinen möglichen Verwirklichungstypen in den Lehrjahren durchgeführt, in Marianne wie in Mignon, in Philine wie in der Gräfin, in Aurelie wie in Natalie. In der letzteren am reinsten und vollkommensten, und es spricht deshalb den tiefsten Sinn von Wilhelms Lebensintention aus, daß er in ihr die Erfüllung all seiner Sehnsucht findet, nachdem die erotischen Beziehungen zu den anderen Frauen schon die Parallelität gezeigt haben, die zwischen dem Dominieren des Gefühls und dem Ideal des gesamten Seins, das ihn leitet, besteht. In der ganzen Breite dieser Wertrichtung des Lebens bilden die Wanderjahre das genaue, ja eigentlich krasse Gegenteil. Hier liegt aller Ton auf dem objektiven Wirken, den sozialen Institutionen, der überindividuellen Vernunft. Die Menschen sind nur die eigentlich anonymen Träger bestimmter, durch ihren Inhalt festgelegter Funktionen, an die Stelle der auf sie selbst bezüglichen, für sie selbst wertvollen Ausbildung tritt die für die Ausübung von Tätigkeiten, die sich in ein objektives Ganzes einordnen. Während die Luft der Lehrjahre so kontinuierlich von Lebenswellen erfüllt ist, wie es nur geschehen kann, wo das Leben um seiner Absolutheit willen, das Sein um seiner eignen Vollendung willen gesucht wird, atmet man in den Wanderjahren dünne Luft, weil die Lebensstrahlen auf je einzelne Ziele festgelegt, gleichsam linear differenzierte sind und dadurch leere Zwischenräume zwischen ihnen bleiben müssen. Die Spannung der Atmosphäre zwischen dem männlichen und dem weiblichen Pol ist fortgefallen, Männer und Frauen sind dem gleichen objektiven Gesetz unterstellt, das nicht mehr ein Gesetz des Seins, sondern des Wirkens und Leistens ist, und an die Stelle des Gefühls ist die Weisheit getreten. Das bedeutet einen Begriff der Individualität, der sich gegen dessen frühere Formung antagonistisch abhebt und sich nach dem Begriff der Menschheit orientiert zeigt. Je älter Goethe wird, desto mehr tritt ihm sozusagen an die Stelle des Menschen die Menschheit. Das Leben hat ihn überzeugt, daß der Einzelne sich zu jener wirklichen individuellen Vollkommenheit, die seiner Jugend vorschwebte, nicht ausbilden kann – so soll es denn die Menschheit: »Das Jahrhundert ist vorgeschritten, aber der Einzelne fängt doch immer von vorn an.« Diese Vollkommenheit aber gewinnt die Menschheit nicht durch eine qualitativ gleiche, sondern – indem er auch dieser Abstraktion das Prinzip des Organismus bewahrt – durch die arbeitsteiligste Ausbildung ihrer Glieder. »Narrenspossen sind eure allgemeine Bildung und alle Anstalten dazu, heißt es in den Wanderjahren. Daß ein Mensch etwas ganz entschieden verstehe, vorzüglich leiste, wie nicht leicht ein Andrer in der nächsten Umgebung, darauf kommt es an.« Während in den Lehrjahren das persönliche Leben als solches differenziert wird und, weil jedes Individuum eine Welt ist, nun ein jedes auch eine differenzierte Welt ist, wird in den Wanderjahren eine einheitliche Welt erstrebt, innerhalb deren also nicht die Personen, sondern nur die Leistungen, die objektiven Bestandteile dieser Welt, differenziert sein müssen. Hier liegt eine der tiefsten Beziehungen und Begründungen von Goethes Altersideal des Praktischen. Erst das Handeln, insofern es von seinem Inhalt bestimmt und nach seinem Resultat gemessen wird, stellt sich als Teil in die objektive und gesellschaftliche Welt ein, die Menschheit in diesem letzteren Sinne fordert für Goethe nicht die Differenzierung des selbstgenugsamen, seine eigene Vollendung suchenden Menschen, nicht sein Sein und sein Fühlen, sondern sein Tun, sein sachgemäßes Wirken; die Wendung vom Menschen zur Menschheit bedeutet zugleich die vom Individuum als dem Träger eines individuellen Seins zum Individuum als dem Träger einer individuellen Leistung und besiegelte Goethes große Wendung vom Wert des personalen Lebens zu dem der objektiven Inhalte des Lebens.

Wenn man die »Idee« der Goetheschen Lebensintention formulieren, seinem einheitlich-totalen Sollen einen Inhalt bestimmen soll, so ist es doch: die Objektivierung des Subjekts. In einer kaum überschaubaren Arbeit hat er das vielleicht reichste, gedrängteste, bewegteste subjektive Leben, das wir kennen, derart zu objektiver Geistigkeit gebildet, daß man den ganzen Umfang und die unzähligen Ausschlagspole dieses rastlosen innerlichen Werdens, dieser immer schwingenden, immer empfangenden und immer zeugenden Ichfunktion wie lückenlos an dem zeitlos ausgebreiteten Werk ablesen kann. Die wechselnden Gefahren desjenigen, der wie Goethe sein Werk als eine Konfession bezeichnet: entweder in ein naturalistisches Herausbrodeln zu verfallen oder die Lebensinhalte so fest zu verformen, daß ihre Verbundenheit mit dem Subjekt nicht mehr fühlbar bleibt – diese Gefahren bestanden für Goethe nicht. Was er von den Wahlverwandtschaften sagt: es wäre keine Zeile darin, die er nicht erlebt hätte, aber auch keine so, wie er sie erlebt hätte, drückt, wenn auch negativ und vielleicht etwas äußerlich, das Entscheidende aus: das rein Subjektive, das er in sein Werk hineingab und das rein Objektive, als das es in diesem erstand. Die anderen höchsten Künstler, deren Werk gleichfalls als Objektivierung des Subjekts empfunden wird: Michelangelo, Rembrandt und Beethoven, konnten in den, den sprachlichen Mitteln gegenüber spezialistischeren Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Kunst das innere Dasein als Geist, Gefühl und Ethos nicht in dem gleich lückenlosen Umfang ausbreiten. Diese große menschheitliche Leistung wird eigentlich nur in andrer Wendung durch das hier oft Wiederholte ausgedrückt: vermöge der tiefen Einwurzelung seiner individuellen Realität in das Kosmische und Ideelle habe er nur der Triebhaftigkeit, dem aus sich selbst wachsenden Prozeß seines subjektiven Lebens zu folgen brauchen, um das objektiv Rechte und Tiefe, das künstlerisch Vollendete, das ethisch Geforderte zu leisten; und so umfassend war diese Einheit, daß alle Selbstbeherrschung, Selbsterziehung und Resignation, deren es zur Herausbildung dieses Ergebnisses bedurfte, zum Charakter und Rhythmus seines unmittelbaren, subjektiven Lebens selbst gehörte. Aber in seinen verschiednen Epochen geht diese subjektiv-objektive Einheit verschiedene Verwirklichungswege. Sie zeigt sich in seiner Jugend mit einer gewissen naiven Reinheit, indem er die Ideale des Lebens auf das Leben selbst sammelt und die zentrale Triebkraft auf die Vollendung des persönlichen Seins richtet. Die Entwicklung über diese Stufe hinaus mag man als Differenzierung oder als Objektivierung bezeichnen. Auf sehr klare Art erweist sie die Wechselbedeutung dieser beiden Begriffe. Überall, wo die Einheit des subjektiven Lebens sich in Sonderbetätigungen, Sonderinteressen zerlegt, bedeutet es, daß von dem einheitlichen Persönlichkeitspunkt Radien sich strecken, die in außerpersonale, objektive Gebiete hineinreichen oder von diesen gewissermaßen aus jenem herausgelockt, herausgezogen werden. Die ganze geistige und soziale Geschichte der Menschheit zeigt – als einen ihrer wenigen, annähernd als gesetzlich anzusprechenden Züge –, daß jede Arbeitsteilung ein Schritt zum Objektivwerden der Interessen und Einrichtungen ist; je differenzierter eine Gesellschaft ist, desto sachlichere, unpersönlichere Normen bildet sie aus, je geteilter die Funktionen, desto mehr ist das schließliche Resultat, weil es nicht mehr einer einheitlichen Person genetisch verbunden ist, ein bloß objektives Ganzes, das die subjektiven Teilbeiträge sozusagen in sich eingeschluckt hat und jedem dieser einzelnen als ein Neues und Fremdes gegenübersteht. In dem Maße also, in dem jene einheitliche Lebensvollendung ihre Stelle in Goethes Idealbildung an das Tun und das Erkennen abgab, in eben dem wurde sein Denken und seine Seinsintention objektiver, bis zu dem Grade, daß schließlich jede Unmittelbarkeit seines eigenen Erlebens ihm ein objektiv zu registrierendes, objektiv zu begreifendes Ereignis war. Indem er sich in sich differenzierte, differenzierte er auch sich und die Welt gegeneinander, jene unmittelbare, gefühlsmäßige Einheit zwischen dem Ich und der Welt machte dem Bilde einer objektiven Welt Platz, die praktisch zu bearbeiten und theoretisch zu erkennen ist – woneben jene Einheit freilich irgendwie erhalten und außerdem doch das auf diesen getrennten Wegen zu erarbeitende Ziel bleibt. Während er also in der Jugend die Totalität des Daseins in der Totalität seines Subjekts empfindet, legt sich ihm später das letztere gleichsam in eine Mehrzahl von Armen auseinander, mit denen ein Gegenüberstehendes ergriffen wird. In jenem ersten Sinne ruft Faust aus: »Was der ganzen Menschheit zugeteilt ist, Will ich in meinem innern Selbst genießen« – und schon am Ende der Lehrjahre verkündet eine merkwürdige Sentenz das andere: »Sobald der Mensch an mannigfaltigen Genuß Anspruch macht, so muß er auch fähig sein, mannigfaltige Organe an sich, gleichsam unabhängig von einander, auszubilden. Wer alles und jedes in seiner ganzen Menschheit genießen will, wer alles außer sich zu einer solchen Art von Genuß verknüpfen will, der wird seine Zeit nur mit einem ewig unbefriedigten Streben hinbringen.« Jene Äußerung Fausts enthält den Pantheismus sozusagen in der Form eines Pananthropismus und gerade diese benutzt er, fast achtzig Jahre alt, um die Abwendung von seinem Jugendweg zu charakterisieren. Der Faust, sagt er, »hält die Entwicklungsperiode eines Menschengeistes fest, der von allem, was die Menschheit peinigt, auch gequält, von allem was sie beunruhigt auch ergriffen, in dem was sie verabscheut gleichfalls befangen, und durch das, was sie wünscht, auch beseligt worden. Sehr entfernt sind solche Zustände gegenwärtig von dem Dichter.« Viele Jahrzehnte hindurch hat er als Aufgabe, eine mit jenen gesonderten Organen zu lösende, vor sich gesehen, was seine Jugend zu besitzen meinte, und dies eben besagt, daß die große Wendung seines Lebens keinen Verlust, sondern nur eine Metamorphose darstellt, und daß so manches, was nur in der Form des jugendlichen Lebensganzen, des jugendlichen Fühlens existenzmöglich schien, doch dem Alter in der Form der Objektivität erhalten blieb. »Mir kommt immer vor, schreibt er einmal in späteren Jahren, wenn man von Schriften wie von Handlungen nicht mit einer liebevollen Teilnahme, nicht mit einem gewissen parteiischen Enthusiasmus spricht, so bleibt so wenig daran, daß es der Rede gar nicht wert ist. Lust, Freude, Teilnahme an den Dingen ist das einzig Reelle, und was wieder Realität hervorbringt; alles andre ist eitel und vereitelt nur.« Mit diesem Satz scheint mir jener »liebevolle Zustand«, durch den er seine Jugendjahre charakterisierte, gleichsam objektiv geworden zu sein. Man kann ihm, als Gegenstück des Prinzips: die Welt ist meine Vorstellung – wohl den Satz unterstellen: die Welt ist meine Liebe; aber er hätte für seine Jugend und für sein Alter charakteristisch verschiedenen Sinn. Dem jugendlichen Herzen, das sozusagen nur sich selbst empfinden, nur seine Liebeskräfte entfalten wollte, war dazu das ganze Dasein gerade groß genug, wie es das Ganze umfaßte, so gab es sich dem Ganzen hin, ein Liebespantheismus, der sich etwa im Ganymed herrlich ausspricht. Dann aber, indem diese Einheit entschiedener in Subjekt und Objekt auseinander geht, empfindet sich die Liebe mehr als hervorbringend, das Dasein wird jetzt in dem Sinne ihr Objekt, daß sie die Kraft im Subjekt ist, vermöge deren für eben dieses das Dasein überhaupt da ist, wie in jenem Kantisch-Schopenhauerischen Satz die Welt gerade dadurch das Objekt für uns ist, daß unser Vorstellen sie erzeugt. Jetzt ist die »liebevolle Teilnahme das Einzige, was Realität hervorbringt«, sonst ist alles eitel. Bis in diesen innerlichsten Affekt hinein also zeigt sich die Entwicklung, die den subjektivisch-einheitlichen Zustand seiner Jugend in die mannigfach sich formende Auseinanderlegung von Subjekt und Objekt überführt und diese voraussetzend von neuem, wie auf höherer Stufe, der Einheit entgegenwächst.

Aber noch schärfer bezeichnet es den Epochenwandel, daß neben dieser tiefen Bedeutung von Liebe und Teilnahme in bezug auf ihre nach innen gewandte Seite eine direkt gegenteilige Wertung (nicht nur eine objektivierende) einhergeht. Man halte sich die rückhaltlosen Hingebungen seiner jungen Jahre, die Seligkeiten am Gefühl als solchen, die Leidenschaft »der Erde Weh, der Erde Glück zu tragen« vor Augen – und vergleiche damit eine Reihe von Aussprüchen, die alle aus dem Jahre 1810 stammen. Er sagt zu Knebel, er lebe »wie die unsterblichen Götter und habe weder Freud noch Leid.« Und: »Es kommt mir nichts so teuer vor, als das, wofür ich mich selbst hingeben muß.« Und: »Lieben heißt Leiden. Man kann sich nur gezwungen dazu entschließen, d.h. man muß es nur, man will es nicht.« All jene frühen Äußerungen, nach denen ihm Lust und Leid eigentlich eines und dasselbe, ein substanziell Gleiches und Gleichwertiges sind, ruhen darauf, daß ihm das Fühlen als innere Bewegtheit, als Pulsieren und Auslodern der Lebensenergie das allein Wesentliche war; mit welchem besonderen Inhalt es sich füllte, darauf kam es ihm so wenig oder eigentlich noch weniger an, als später darauf, welchen Inhalt die nachher inthronisierte Praxis ergreift. Wie sich ihm nun, so sahen wir, Tugend und Laster schärfer auseinanderlegen, so Lust und Leid; weil die Liebe Leiden bringt, erscheint sie ihm als ein nur zwangsmäßig Ertragenes, und höchstens stellt er sich jenseits jenes Gegensatzes, wie er sich früher gleichsam diesseits seiner gestellt hatte, auch hier das Entwicklungsschema der undifferenzierten Einheit durch die Trennung hindurch zur Überwindung der Differenzierung wiederholend. Jetzt steht er den Dingen gegenüber und seine Hingebung muß also einen längeren, kostspieligeren, überlegteren Weg durchmachen, als damals, wo die gefühlsmäßig-ursprüngliche Einheit von Subjekt und Objekt in der Hingebung nur ihren selbstverständlichen empirischen Ausdruck fand. Und endlich verrät die Äußerung über den Zwangscharakter der Liebe wieder jenen Ersatz des Gefühls und Seinsideals durch das Willensmäßige und Verstandesmäßige seines Alters. Weil das Leben jetzt auf den bewußten Willen gestellt ist, kann ihm als Zwang erscheinen, was in der Jugend ein einheitliches Ausströmen gewesen war: aller Zwang steht auf einem dualistischen Gegenüber. Und daß man das mit Leiden Verknüpfte nur unfreiwillig auf sich nimmt, ist ein Rationalismus des Alters, eine begriffliche Folgerung, die seiner Jugend, alle logischen und eudämonistischen Gegensätzlichkeiten in die Einheit seines Seins verschmelzend, ganz fern lag.

Daß in diesem Anderswerden seiner Wirklichkeit und seines Ideals nicht nur das gleiche Energiequantum sich umformt, sondern daß hier, bei aller inhaltlichen Entgegengesetztheit, organisch notwendige, gewissermaßen ideell präformierte Stufen eines unerhört einheitlichen Lebens vorliegen – eines Lebens, das als solches, als Funktion, als Entwicklung, so einheitlich war, daß es der Einheit besonderer Inhalte gar nicht bedurfte –, das ist ihm selbst freilich nicht immer bewußt gewesen. Er sagt als Siebziger, mit deutlicher Beziehung auf sich selbst: »Selbst das größte Talent, welches in seiner Bildung einen Zwiespalt erfuhr, indem es sich zweimal, und zwar nach entgegengesetzten Seiten, auszubilden Anlaß und Antrieb fand, ist kaum vermögend, diesen Widerspruch ganz auszugleichen, das Entgegengesetzte völlig zu vereinigen.« Begreiflich genug; im unmittelbaren Erleben einer Periode füllen natürlich ihre Inhalte unser Bewußtsein, und damit gerade das, was sie den anderen Perioden entgegensetzt. Das Goethesche Alter hat von dem Rhythmus und den Überzeugungen seiner Jugend nichts mehr wissen wollen, hat sie so und so oft ausdrücklich dementiert; es wäre nicht die volle Kraft der einen in das andere übergegangen, wenn es anders gewesen wäre. Diese Selbsterhaltung der einzelnen Lebensperiode ist ihm sehr wohl bekannt, aber weil er weiß, wie sehr das Spezifische seines Lebens: die volle Hinleitung seiner Einheit in die jeweilige epochale Intention von ihr abhängt – deshalb besteht er um so energischer auf ihr. Er spricht das einmal ergreifend aus, als er die altdeutschen Bilder der Boisseréeschen Sammlung kennen lernt: »Da hat man nun auf seine alten Tage sich mühsam von der Jugend, welche das Alter zu stürzen kommt, seines eignen Bestehens wegen abgesperrt, und hat sich, um sich gleichmäßig zu erhalten, vor allen Eindrücken neuer und störender Art zu hüten gesucht, und nun tritt da mit einem Male vor mich hin eine ganz neue und bisher mir ganz unbekannte Welt von Farben und Gestalten, die mich aus dem alten Gleise meiner Anschauungen und Empfindungen herauszwingt – eine neue, ewige Jugend; und wollte ich auch hier etwas sagen, es würde diese oder jene Hand aus dem Bilde herausgreifen, um mir einen Schlag ins Gesicht zu versetzen und der wäre mir wohl gebührend.« Unterschieden von den Entwicklungen der Menschen, in denen sich der geistige Prozeß von seiner Seinsgrundlage abgehoben hat und gewissermaßen ein autonomes Leben, auf die vitale Beschaffenheit des Individuums keinen Schluß zulassend, führt – ist Goethes Bewußtsein immer unmittelbar von seinem Sein gespeist und wenn sich seine bewußten und idealen Richtungen wendeten, so bedeutet das stets eine Entwicklung seines ganzen, substanziellen Persönlichkeitslebens. Darum sind diese Entwicklungen einerseits so radikal, andrerseits von und zu einer so tiefen Einheit und unabreißbaren Kontinuität zusammengehalten; darum erlebt er die jeweilige Epoche in einer gegen alles Frühere rücksichtslosen Hingabe, während unser überschauender Blick doch allenthalben die – niemals starren, sondern immer funktionellen – Züge entdeckt, die diese Wechselformen durchleben.

Soweit derartige Metamorphosen von Jugendgestaltungen in die ganz entgegengesetzte Altersform, unter Bewahrung eines tiefsten Wesenskernes, biographischen Sinn haben, ruhen sie auf einer selten bewußten Voraussetzung. Wir können sehr oft solches Kontinuierende unmittelbar und rein kaum ausdrücken, weil wir das individuelle Leben eben nur jeweils unter irgendwelchen Alterskategorien kennen – wie wir die Ideen, die reinen Inhalte des Daseins, immer nur in der Formung als theoretische oder praktische, künstlerische oder religiöse, erlebte oder gedachte ergreifen können. Was diese in ihrer für sich seienden Inhaltlichkeit sind, können wir nur in einer eigentümlichen, nie bis zu Ende vollziehbaren Abstraktion ahnen, da nur jene Kategorien gleichsam die Hände sind, mit denen wir die reinen Inhalte des Seins fassen können, durch dieses Fassen sie aber unvermeidlich formend und, wenn wir dies nicht wollen, uns jeder Beziehung zu ihnen beraubend. Dies wiederholt sich an der Betrachtung des Lebens. Wir kennen keinen Lebensvorgang, keinen verwirklichten Lebensgehalt, der nicht der eines bestimmten Altersmomentes wäre und unter dessen Bedingtheiten stünde. Gewiß können wir solche Inhalte der Kategorie des Erlebtwerdens überhaupt entrücken und unter irgend einer bloß sachlichen, poetischen, zeitlosen usw. betrachten. Gelten sie aber als erlebte, so sind sie damit zugleich der Färbung, den Relationen zwischen Stück und Ganzem, der Bewegtheitsform Untertan, wie sie eben den Altersabschnitt charakterisieren, an den ihr Erleben gebunden war. Es ist äußerst schwierig, die unbedingte Einheit, als die sie so gefärbt auftreten, in die Elemente des bloßen Inhalts und des Cachets der betreffenden Altersstufe zu zerlegen, bedenklich deshalb, das Hindurchleben eines und desselben seelischen Zustandes, Zieles, Inhaltes durch die gewandelten Gesamterscheinungen verschiedener Lebensstufen hindurch zu behaupten. Diese Schwierigkeit greift tief in jegliche geschichtliche Nachzeichnung eines individuellen Lebens ein, aber unser tatsächliches Verfahren überwindet sie, zwar nicht mit kontrollierbarer Methode, aber durch einen gewissen Instinkt, der in sehr verschiedenen und je in sich einheitlichen Phänomenen eines ablaufenden Lebens ein Identisches, Sich-Erhaltendes herauszuerkennen glaubt. Diese Möglichkeit bedingt es, daß wir bei Goethe von gewissen Beschaffenheiten und Intentionen des Lebens sprechen können, die in Erscheinungen seiner Jugend und davon sehr verschiedenen seines Alters als ein Ungeändertes beharrt haben und gerade daran die entgegengesetzten Lebensformationen von Jugend und Alter rein und deutlich offenbaren – wie die beharrende Substanz an dem Wechsel ihrer Ausgestaltungen und dieser Wechsel an dem Beharren der Substanz kenntlich wird. Unter dieser Voraussetzung also belege ich den Charakter der Umsetzungen innerhalb der Goetheschen Lebensstufen noch mit einem letzten Beispiel. Ich erwähnte früher die ungeheure Gegensätzlichkeit der Stimmungen, zwischen denen ihn sein jugendliches Temperament hin- und herwarf; das Himmelhoch jauchzend, Zum Tode betrübt – war nach seinen eigenen Geständnissen und den Zeugnissen anderer die Formel seiner Jugend. Dies war natürlich nicht Launenhaftigkeit der Schwäche, die von einer inneren Richtung in die andere umspringt, weil ihr die Kraft, auf einer zu beharren, fehlt und sie des fortwährenden Wechsels und krassen Gegensatzes der Reize bedarf, um jeden einzelnen und das Leben überhaupt zu fühlen. Ganz umgekehrt war es hier die mächtige Vitalität, die drängende Dynamik der Existenz, die ihre Inhaltspole so weit ausspannen, sich so rastlos zwischen ihnen hin und her bewegen mußte, um Raum für ihre Bewegung zu haben, um ihre Energien nur überhaupt unterzubringen. Das Maß des Lebens, als bloßer Kraft, die sich entladen will, war in seiner Jugend ein so ungeheures, daß es nur in fortwährendem Umspringen zwischen den weitesten Stimmungsgegensätzen sich austoben konnte, vor dem Vernunftinhalt des damit Ergriffenen natürlich oft ratlos, widerspruchsvoll und töricht; aber gerade von hier aus verstehen wir noch einmal das damals oft ausgesprochene Gefühl, daß eigentlich Liebe und Haß, Gut und Böse, Glück und Leid eins und dasselbe wären. Es war es auch tatsächlich für ihn, weil alle diese logisch sich ausschließenden Empfindungen gerade in ihrer Gegensätzlichkeit dazu dienten, dem einheitlich mächtigen Fluß seiner Lebensfunktion ein hinreichend breites Strombett zu bieten. Diese Vitalbestimmung seiner Jugend nun scheint mir in seinem höheren Alter in eine eigentümliche Intellektualbestimmung transformiert zu sein: in die auffallenden Widersprüche, logischer wie sachlicher Art, in denen sich seine späteren Sentenzen bewegen. Jene funktionellen Polaritäten, zwischen denen sein Jugendleben schwang, sind damit auf die zeitlos-theoretische Inhaltlichkeit übergewachsen, jene gefühlshafte Spannungsweite des oszillierenden Lebens ist zur Spannung zwischen einander ausschließenden Theoremen kristallisiert. Er ist sich über die Tatsache dieser Widersprüche auch ganz klar, sucht sie objektiv in den Wanderjahren ziemlich umständlich zu rechtfertigen, erwidert, auf sie aufmerksam gemacht, das schon Angeführte: er sei nicht achtzig Jahre alt geworden, um an jedem Tag dasselbe zu sagen wie am andern; jemand, der viel mit ihm verkehrt, bemerkt verwundert, daß man ihn nie auf eine Ansicht der Dinge festlegen könne, ehe man es dächte, wäre er schon an einer ganz verschiedenen. Er war sich freilich einer höchsten formalen, individual-apriorischen Einheit seines Denkens so bewußt, daß die Widersprüche im relativ Einzelnen (das freilich noch immer von ganz hoher Allgemeinheit war) dagegen nicht aufkamen; andrerseits erschienen ihm wohl diese Widersprüche, bei festgehaltener höchster Attitüde, als der adäquate Ausdruck des Verhältnisses von Mensch und Welt. Auch deshalb ging er in seiner Ideenbildung immer bis zum Radikalismus und reserveloser Allgemeinheit, weil ihm Einwürfe und Gegeninstanzen, die solche Absolutheit hätten eingrenzen können, im Moment der Produktion als Negatives erscheinen mußten, gegen das seine immer am Positiven hängende Natur sich wehrte. Zwischen der mit dem Alter immer unbedingteren Wertung des Positiven und Abwehr aller bloßen Kritik, alles bloßen Einwandes – und der Unbedingtheit und Generalisation jeder Denkrichtung, die unvermeidlich zu Widersprüchen zwischen seinen Aussprüchen führte, besteht ein tiefer Zusammenhang. Wert und Leben sind nicht darauf eingerichtet (in abstrakter Weise hat er das auch sehr gut gewußt), von einem einzigen, geradlinig ins Unendliche laufenden Gedanken bezwungen zu werden. Er genügte dem nicht durch Einschränkung der einzelnen Maxime, sondern indem er der unbeschränkten Allgemeinheit der einen eine ebensolche einer andren im entgegengesetzten Sinne gesellte. Daß seine Geistigkeit aber diese Gestalt annahm, ist die höchste und allgemeinste Erfüllung jener großen Evolutionsformel, nach der alles, was seine Jugend als Leben, Lebensideal, Gefühl besaß, sich in sein Alter überrettete, um hier in der Form theoretischer oder auch praktischer Inhalte an einer objektiven Welt zu bauen.

Diese Wendung zeitlich zu fixieren, ist eigentlich ein nur biographisches und deshalb meiner Aufgabe fremderes Interesse; um so mehr, als – wie es schon mehrfach an Goethes geistigem Charakterbild hervortrat – entscheidende Motive sich bei ihm lange vor ihrer eigentlichen Herrschaft vorbereiten und, auch nachdem sie diese gewonnen haben, die Motive der vorangegangenen Epoche noch keineswegs tot sind, sondern immer noch gelegentlich nachklingen. Dies ist gleichsam das Mittel, durch das seine Natur durch all ihre ungeheuren Wandlungen ihre ebenso ungeheure Kontinuität hindurchlebte. Was er im hohen Alter als die »wiederholte Pubertät« bezeichnete, das Auftauchen erneuter jugendlicher Fruchtbarkeiten, ist nichts als eine besonders gedrängte Erscheinung dieser Kategorie, nur aus dem inhaltlichen in das Funktionelle übertragen: aus der Wiederkehr der Inhalte früherer Zeiten in die ihrer Kräfte und Rhythmen, ohne deren Weiterleben doch übrigens auch jene nicht wiederkehren könnten. Insofern steht eigentlich sein ganzes Leben im Zeichen der »wiederholten Pubertät«, die manchmal nur aus dem chronischen Zustand in den akut bemerkbaren übergeht. Und sie hat ein nach der andern Zeitdimension erstrecktes Gegenstück, für das es nur keinen gleich treffenden Einzelausdruck gibt: ein Vorwegnehmen der Zustände und Gedanken, die ihrem Inhalte nach erst in den Zusammenhang späterer Epochen gehören. Wie es überhaupt das Wesen des Lebens ist, daß seine Gegenwart auch seine Vergangenheit und seine Zukunft in einer, mit allem Mechanischen unvergleichlichen Weise in sich enthält, so streckte sich bei ihm, der das reinste Leben als solches gelebt hat, der Gegenwartsmoment in Vergangenheit und Zukunft hinein – eine Form seines Prozesses, seiner Dynamik, für die jenes Weiterleben des eigentlich Vergangenen und Vorwegnehmen des eigentlich Künftigen nur der an seinen Inhalten aufzeigbare Ausdruck war und die vielleicht eine Basis seines Unsterblichkeitsglaubens war. Auch an diesem freilich offenbart sich, höchst charakteristisch, der große, hier behandelte Richtungswandel seines Lebens. Er hat in einer berühmten, nachher noch einmal zu betrachtenden Äußerung »die Überzeugung unserer Fortdauer« aus dem »Begriff der Tätigkeit« entspringen lassen: »wenn ich bis an mein Ende rastlos wirke, so ist die Natur verpflichtet, mir eine andere Form des Daseins anzuweisen« usw. Aber mehr als ein halbes Jahrhundert früher schreibt er: »Daß in den Menschen so viele geistige Anlagen sind, die sie im Leben nicht entwickeln können, die auf eine bessere Zukunft, auf ein harmonisches Dasein deuten, darin sind wir einig, mein Freund.« In beiden Äußerungen das gleiche Motiv: es wird eine Zukunft gefordert, damit die Gegenwart das, was in ihr selbst vorhanden, aber unerlöst und unverwirklicht ist, in sie hinein aktualisieren kann. In der Jugend aber ist es ein »harmonisches Dasein«, eine Vollendung der Existenz, ein gefühlshaft »Besseres«, womit die Zukunft die Gegenwart fortsetzen soll – im Alter ist es die Tätigkeit, die Wirkung, vor der hier ihre Seinsgrundlage sozusagen verschwindet und die ebensowenig nach ihren qualitativen Gefühlsfolgen fragt.

Um dieser Kontinuität, dieses Vor- und Zurückgreifens des Lebens willen ist für eine nur auf den geistigen Gehalt gerichtete Betrachtung Goethes die genaue Chronologie an vielen Punkten weder nötig noch möglich, ja, der eigentlichen Intention gegenüber sogar irreführend. Dennoch wäre es ganz verständnislos, damit die ungeheure Bedeutung des Nacheinander seiner großen Entwicklungsstadien verneint zu meinen. Gerade darum handelt es sich ja in den jetzigen Erwägungen, daß Goethe – und in dieser Reinheit vielleicht kein andrer der großen Menschen – die Idee seines Seins in einer organisch gelebten Entwicklungsfolge verwirklicht hat; oder vielmehr, seine Idee war von vornherein keine begrifflich stationäre, sondern die Idee eines Lebens. In der Zeitfolge seiner Lebensepochen, nicht etwa nur seiner Überzeugungen, drückt sich eine zeitlose, nur sinnhafte Ordnung aus. Für uns ist es hier nicht im biographischen Interesse, sondern für die sachliche Struktur seiner Geistigkeit wichtig, das oben Gesagte zu bekräftigen, daß die jetzt besprochene Wendung, zu der leise Ansätze schon in den ersten Weimarer Jahren sichtbar werden, im ganzen nach der italienischen Reise entschieden ist. Man pflegt diese als den Ausgangspunkt einer neuen Lebensepoche anzusehn, eigentlich als die entscheidende Direktive für den ganzen Rest des Goetheschen Lebens. Dies scheint mir nur in einem besonderen, genau genommen, in einem negativen Sinne richtig zu sein. Ungeachtet aller Befruchtungen, neuer Perspektiven, Materialgewinnsten dieser Reise, war sie doch in erster Linie der Abschluß einer Lebensepoche und nur insofern der Beginn einer neuen. Italien war ihm – ich habe das früher ausgeführt – die Sättigung eines Durstes, die Lösung unerträglich gewordener Widersprüche, die Bestätigung seines tiefsten Lebenssinnes durch die Anschauung dieser Natur und dieser Kunst. Sieht man aber seine späteren Dichterwerke und Produktionen außer den in unmittelbarer Nachwirkung entstandenen, wie den Römischen Elegien, an, so findet man von seiner italienischen Existenz, in ihrer unvergleichlichen Art und Schönheit, recht wenig Spuren; schon die Venetianischen Epigramme atmen nicht recht italienische Luft. Die neue, differenzielle, auf Erkennen und Handeln gerichtete Epoche setzt zeitlich allerdings nach Italien sehr bestimmt ein, allein innerlich ist sie doch eine Evolutionsstufe, die die organischen Kräfte, von äußerem Erleben relativ unabhängig, emportrieben. Es gehört zu dem ungeheuren Glück dieses Lebens, daß seine erste große Periode einen so vollendenden, erfüllenden Abschluß fand. Deshalb bildet es keinen Widerspruch, sondern ist gerade ein bedeutsamer Beweis dieser Auffassung, wenn er, etwa ein Vierteljahrhundert später, mit tiefer Erschütterung bekennt, seit er über Ponte Molle nach Hause gefahren, habe er keinen rein glücklichen Tag mehr erlebt – und doch, schon ein Jahr nach Rom, seinen zweiten Aufenthalt in Italien abbricht, mit der krassen Erklärung, Italien wäre nichts mehr für ihn. Jene »Pyramide seines Daseins« hatte in Rom einen Gipfel gefunden und der Weiterbau erfolgte auf einer neuen, daneben gelegenen Basis. Der junge Goethe starb in Rom und es ist begreiflich, daß er sich selbst als Revenant vorkam, als er wieder italienischen Boden betrat. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn das dort Gewonnene der Eingang zu seinem neuen Leben gewesen wäre – es war nur der Ausgang seines alten. Er mochte dort eine Reihe fruchtbarer, in den späteren Entwicklungen nachweisbarer Inhalte erworben haben; aber in bezug auf den Prozeß des Lebens war Italien der Höhepunkt seiner bisherigen, durch die Hemmnisse und Widersprüche der letzten Weimarer Jahre zu äußerster Selbstbejahung gereizten Lebensintention, wie ich sie an einer früheren Stelle darlegte; es ging in der gleichen Richtung nicht weiter, das Leben mußte zu neuen Formungen umbiegen und konnte das nun um so freier und entschiedener, als die frühere Epoche sich zu dieser harmonischen, in ihrer innerlich-äußerlichen Vollendung nicht mehr zu übertreffenden Aufgipfelung erhoben hatte. Er schreibt aus Rom: »Glücklich wäre ich, wenn ich jemand liebes bei mir hätte, mit dem ich wachsen, dem ich meine wachsenden Kenntnisse unterwegs mitteilen könnte, denn zuletzt verschlingt das Resultat die Annehmlichkeiten des Werdens, wie die Herberge abends die Mühe und die Freude des Wegs verschlingt.« Hier ist also noch einmal die Formel seiner Jugend: der überwiegende Wert des Prozesses, des persönlichen Werdens, der Dynamik sich entwickelnder Existenz gegenüber allem bloßen Resultat, allem schließlich fertig darzubietenden Inhalt ausgesprochen. Dieser Ton des gefühlswarmen, subjektivischen Idealismus ist in Rom für immer verhallt. Aber wie es als das typische Glück seines Schicksals gelten konnte, daß in dem Augenblick, wo die Richtung und die Spannungen seiner Jugendepoche zu einer höchsten Lösung und Vollendung drängten, sich ihm Italien zu dieser Ausformung der »Idee« seiner Jugend darbot – so war auch das Leiden, das ihn bei seiner Rückkehr erwartete, eine nicht geringere Begünstigung solchen Abschlusses. Man kennt die Enttäuschungen, die ihm Weimar jetzt bereitete, die leidenschaftlichen Klagen über den kalten Empfang durch die Freunde, über den totalen Mangel an Verständnis für sein jetziges Sein und Wollen. Er kam noch mit der ganzen Fülle und Schwung seiner Jugend an – und mußte vor verschlossenen Herzenstüren umkehren. Es ist kein Zweifel: damals sprang eine Saite in ihm, für die es keine Wiederknüpfung gab und auch das Herzlichste und Beweglichste, was er seitdem äußerte, hatte den Ton einer gewissen Reserve, Sachlichkeit, ja Rationalisierung. Aber welche Schmerzen ihm auch diese Erfahrung brachte – auch mit ihnen wurde das Schicksal zum Geburtshelfer der neuen Epoche, auf die sein Leben aus seiner inneren Rhythmik und ideellen Notwendigkeit heraus drängte. Diese Epoche, die das Ideal des subjektiven Seins durch das des objektiven Wirkens und Erkennens ersetzte, konnte ihre Leitung und seelische Basierung nicht mehr dem Gefühl anvertrauen – was hätte er da noch mit dem ungeänderten Ton jener Beziehungen anfangen sollen, der ganz vom Gefühl, von der bedingungslosen Hingabe bestimmt war? Es ist eine erschütternde Entwicklung von der Straßburger Zeit an, von der er sagt: »Ich war überhaupt sehr zutraulicher Natur«, bis zu dem Geständnis des Greises: »Ich spüre immer mehr Neigung, das Beste, was ich gemacht und machen kann, zu sekretieren.« Die Peripetie dieses langen Dramas lag in der Rückkehr nach Weimar – aber auch damit hat ihm das Schicksal, wenn auch mit rauhen Händen, von außen her den Weg gebahnt, den er von innen her gehen mußte. Er selbst schiebt, was eine geheimnisvolle Teleologie seines Geschicks war, einer bloßen und äußeren Kausalität zu, indem er, die Leiden und Verdüsterungen nach seiner Rückkehr andeutend, sagt: »Die Entbehrung war zu groß, an welche sich der äußere Sinn gewöhnen sollte; der Geist erwachte sonach und suchte sich schadlos zu halten« – worauf dann eine Schilderung seiner wissenschaftlichen Bemühungen folgt. Gleichviel, ob er das eigentlich Entscheidende: die Evolution seines Lebens, die etwas Positiveres als eine bloße »Schadloshaltung« war, hier übersah oder verschwieg – es wiederholt sich in seinem Verhältnis zum Schicksal die Formel seines Verhältnisses zur Welt überhaupt. Wie dieses es mit sich brachte, daß er nur seinen inneren Trieben zu folgen brauchte, um an der Welt die »antwortenden Gegenbilder« zu finden, wie sein autonomer Gedanke sozusagen seine eigne Richtigkeit und Bewährtheit mit sich brachte – so war auch für seine reale Lebensentwicklung das Schicksal da, um jeder seiner organisch notwendig werdenden Epochen die »antwortenden Gegenbilder« zu gewähren, d. h. jetzt, eine jede schon rein durch äußere Notwendigkeit, äußere Anregung und Darbietung so verlaufen zu lassen, wie sie so wie so von innen her verlaufen mußte. Italien und die Weimarer Enttäuschungen gaben ihm die Mittel an die Hand, seine Jugendepoche so reinlich, so anschaulich abzuschließen, wie die rückblickfreie Entschiedenheit seines neuen Weges es erforderte.

Über die bisherige Entwicklung nun erheben sich in Goethes Greisenzeit Symptome einer dritten Stufe. Die geistige Reihe, die mit ihr abschließt, läßt sich vielleicht am besten an den Bedeutungen darstellen, die der Begriff der Form in dieser gesamten Entwicklung annimmt. Ich kam schon früher auf das ungeheure Problem zu sprechen, in dessen Lösungsgeschichte die Existenz und die Produktivität des Goetheschen Wesens eine individuelle Stelle einnimmt: wie kann das Unendliche Form gewinnen? Nicht nur die typische menschliche Sehnsucht geht auf das Überschreiten jeder gegebenen, verendlichenden Grenze: in der Leidenschaft der Gefühle, nach der Vervollkommnung des Sittlichen, dem Genießenwollen, der Bewährung von Kräften, der Beziehung zum Transzendenten; sondern schon tatsächlich fühlen wir uns einem Unendlichen verhaftet: um uns ein Weltprozeß, der nach jeder Dimension hin ins Grenzenlose geht und dem wir in einer rätselhaften Weise und mit keineswegs scharfer Begrenzung unseres persönlichen Seins einwohnen; in uns ein durch unendlich viele Glieder uns zugeleiteter Lebensprozeß, dessen momentane Träger wir sind und dessen Weiterströmen ins Unendliche durch unser Leben hindurchgeführt wird. Diese doppelte Unendlichkeit, der Sehnsucht und der Wirklichkeit, findet einen gleichfalls doppelt geformten Gegensatz. Mit all jener Verflechtung in unendliche Reihen und aller Grenzverschwommenheit gegen ihre Kontinuität sind wir eben doch Individuen, d.h. wir empfinden, daß jene unsichere Peripherie unseres Wesens von einem sozusagen unverrückbaren, unverwechselbaren, in seinen Wandlungen nur sich selbst gehorsamen Zentrum zusammengehalten wird; aus dem unendlichen und fluktuierenden Material des Daseins ist unser Ich als eine, wenn auch nicht substanzielle und plastische, so doch als eine funktionelle und charakterologische Form gebildet. Darüber hinaus aber strebt unser Bedürfnis noch nach festen, unzweideutigen, anschaulichen Formen der Dinge, der Gedanken, der Daseinsinhalte überhaupt; wir sehnen uns nach ihnen als der Rettung vor der Auflösung des Daseins in jene immer weitergehenden Unendlichkeiten, als Haltepunkten für unseren inneren und äußeren Blick, für die Ermüdbarkeiten unserer Auffassungen und unserer Tätigkeiten. Diese beiden Kategorien, als Wirklichkeiten und als Ideale, stehen in dauerndem Kampf. Denn alle Form bedeutet Verendlichung, Abschluß, Grenze gegen alles andere; darum geht Kraft und Leidenschaft des Lebens fortwährend über seine Formungen hinaus, verlöscht ihre Grenzstriche, wirft uns über sie, die relativen und vorläufigen, nach außen wie nach innen hin ins Unendliche, ins Grenzenfreie, d.h. ins Formlose. Wie wir nun, dieses logischen Widerspruchs ungeachtet, die Mitgift des Unendlichen in die uns unentbehrliche Geformtheit unser selbst und unserer Welt hineinleiten und dabei doch den Reichtum und die Macht jener bewahren könnten; andererseits die Form in ihrer Ruhe und Strenge behaupten könnten, ohne daß sie Starrheit und Enge und nichts als bloße Endlichkeit werde – das ist wohl eine der Formulierungen des tiefsten Lebensproblemes überhaupt. Jedes Kunstwerk, das die ganze, aber doch weiterflutende Lebensintensität seines Schöpfers in sich aufnimmt, jedes Dogma einer irgendwie vertiefteren Religion, jede sittliche Norm, die unseren praktischen Kräften ein umfassendstes und höchstes Ziel gibt, jeder echte philosophische Grundbegriff ist je eine Art, die Unendlichkeit von Welt und Leben in eine Form zu fassen, den Widerspruch zwischen dem ewig Weiterschreitenden und Unerschöpflichen des Daseins auf der einen Seite und dem Festen, Anschaulichen, zur Form Verendlichten auf der anderen irgendwie zu lösen. Die Goethesche Jugend nun legt – ihrer Grundintention nach – allen Ton auf die strömende Unendlichkeit des Lebens und wird darüber so und so oft formlos, zugegeben selbst, daß Selbstbeherrschung, Zusammengefaßtheit, Anschaulichkeit bei ihm von vornherein stark genug waren, um es zu der Alleinherrschaft des ungeformten Seins, wie in Sturm und Drang, nicht kommen zu lassen. Aber die unruhigen Pendelungen seines Lebens, seine eigene Charakterisierung dieser Epoche als einer »sehnsüchtigen«, die Gedichte vom Typus »Wandrers Sturmlied«, die Leidenschaft für Shakespeare, der Stil der Briefe an Kestners und Auguste v. Stolberg, die Opposition gegen alle Schematik und einengende Überlieferung – alles dies zeigt, wie der Rhythmus seiner Innerlichkeit ein fortwährendes Überschreiten von Grenzen, Zerbrechen von Formen, Sich-Hingeben an das als unendlich empfundene Leben war. Um die Mitte des ersten Weimarer Jahrzehnts sind die ersten Schatten der Grenze in diese innere Unendlichkeit gefallen: »Ach Lotte,« schreibt er, »was kann der Mensch! Und was könnte der Mensch!« Und wenn er, wenige Monate vorher, schreibt, daß er »immer noch im Unmöglichen eine Laufbahn vor sich sieht,« so geschieht es mit einem gewissen Ton von Verwunderung. Wer nur aus dem subjektiv Wirklichen heraus lebt, wie die Jugend, der kommt leicht in das objektiv Unmögliche. Vom Subjekt von sich aus gibt es keine Grenze im Objektiven, es fühlt sich eigentlich allmächtig und nur zufällig begrenzt. Und wenn dann sein hohes Alter, als Resultat lebenslanger Versenkung in das Objektive, die Lebensintention, vom Metaphysischen bis in das Äußerlichst-Praktische hin, auf das »Mögliche« beschränkt – so sind jene Äußerungen, in denen das Unmöglich-Unendliche noch in einer Art ideeller Wirklichkeit schwebt, doch schon das Präludium dazu. – Gilt jenes Unendliche nun, wie wir es wollten, als das Ungeformte, Gestaltlose, so schob zunächst die neue, im Zeichen der Klassik stehende Periode den Akzent auf die Form; in Italien noch nicht so, daß irgendein Übergewicht dieser oder eine Feindseligkeit der Prinzipien bemerkbar wäre. Dazu läßt es der unmittelbare, über alle Grenzen hin mächtige Lebensstrom, den seine Jugend genährt hatte, nicht kommen. Goethes italienische Zeit gehört zu den letzten Vollkommenheiten, zu denen es die Menschheit gebracht hat, weil sie einen Gleichungs- oder Einheitspunkt jener großen Antinomie darstellt: hier fing sich die gefühlte Unendlichkeit, Grenzunbewußtheit eines Lebens in Formen, anschauliche und dichterische Festigkeiten und plastische Gestalten, dauernde und geschlossene Maximen; und das Leben wurde, wenn der paradoxe Ausdruck gestattet ist, nicht weniger unendlich, weil es in Formen, d.h. in Endlichkeiten Platz fand, und die Formen wurden dadurch nicht gelockerter, nicht unplastischer, dem spezifischen Wert der Form als solcher nicht untreuer, weil sie jene Flutung des Lebens, die immer Überflutung war, in sich aufnahmen. Von hier gesehen ist der italienische Aufenthalt noch einmal ein Zenith des Goetheschen Lebens. Vielleicht ist Iphigenie hiervon der vollkommenste Ausdruck. Hier ist, zumindest in den beiden Hauptfiguren, die grenzenlose Fülle des Lebens, des Gefühles, der Leidenschaft; und sie wird von einer Schönheit und Geschlossenheit innerer und äußerer Form aufgenommen, ohne sich in ihr zu verlieren, so daß man die tiefe, vitale Gegnerschaft beider Prinzipien – in der Jugend und Alter Goethes zusammenstoßen – wie selbstverständlich als Harmonie hört. In mehr als einer Hinsicht bezeichnet der Tasso den Schritt, der über diesen Gleichungspunkt hinaus zum Übergewicht der Form führt. In Tasso selbst zwar ist noch das Leben in seiner ganzen Unendlichkeit, in dem an sich formlosen Drängen seiner Dynamik. Aber die Welt bietet ihm jetzt keine Form, in die es sich fassen, an der es sich beruhigen könnte, sondern Tasso steht der fest geformten Welt gegenüber, mag diese Formung in dem Palastgesetz von Belriguardo, in der starren Gefügtheit des Antonio-Charakters, oder in dem »Geziemenden« bestehen, das die Prinzessin allein für erlaubt hält. Tasso ist tatsächlich nur »die sturmbewegte Welle« und muß an der Unnachgiebigkeit der Formen scheitern. Schon der künstlerisch-stilistische Ausdruck symbolisiert dies: was soll er, in und unter dessen Rede eine ins Unendliche, Maßlose drängende Leidenschaft flutet, mit diesen Menschen anfangen, die fortwährend in geschlossenen Sentenzen reden? Es fehlt ja auch in der Iphigenie schon nicht an der scharfen Dialektik logischer Gegenreden; aber noch hält die Herzenswärme, die das Ganze überströmt und sich in den Hauptfiguren sammelt, die Gegensätze zusammen, noch ist das Gefühl mit dem Praktisch-Ethischen und dem Sentenziösen in Gleichgewicht und Einheit, während es im Tasso auseinanderbricht. Die große Krisis von Goethes Leben setzt hier noch einmal die Gegensätze hart gegeneinander, aber die Ohnmacht der bloßen Lebensintensität, des alle Grenzen überspülenden, in seiner Geschmolzenheit ungeformten Fühlens ist entschieden: das Praktisch-Normative, wie es von Antonio repräsentiert ist, und das Weisheitshafte, das in dem sentenziösen Wesen der anderen Gestalten dominiert, hat den Sieg davongetragen, und dieser Sieg wird schließlich auch von Tasso selbst als der gerechte anerkannt. Immerhin, es war doch noch ein Kampf, die jugendhafte Lebensintention (gerade die Jugend Tassos wird so oft betont!) steht immerhin nicht ohne Kraft und Recht, wenn auch nicht mit dem entscheidenden, dem andern großen Lebensprinzip gegenüber. In der Natürlichen Tochter aber ist der Sieg der Form von vornherein festgestellt, mag man den Inhalt des Stückes in subjektiver oder in objektiver Hinsicht betrachten. Nicht als ob es ihm an innerem Leben fehlte, wie man es ihm oft zu Unrecht vorgeworfen hat. Aber das Leben führt hier nicht mehr sein autonomes Dasein als Gefühl, dem sich die Formen möglicher Existenz durch eine glückliche Harmonie fügen, wie in der Iphigenie, oder das mächtig und doch ohnmächtig sie überschwillt, wie im Tasso. Sondern das Leben will überhaupt nicht anders als in den festen sozialen Geprägtheiten verlaufen und die ganze Frage ist nur, ob in dieser oder in jener. Hier ist nichts von einer Unendlichkeit um die Menschen herum (wie es wundervoll in der tief religiösen, stets auf das Göttliche hin gerichteten Wesensart Iphigenies und in dem von sich aus zu ewiger Unbefriedigtheit verurteilten Charakter Tassos angedeutet ist), und die tiefen Gegensätze der Unendlichkeit und der Form können deshalb weder das unbegreifliche Glück ihrer Versöhnung feiern, noch ihre Macht und ihren Aneinanderprall zeigen; die Tragödie liegt nur darin, daß die von den objektiven, sozusagen historischen Schicksalsmächten der Heldin auferlegte Lebensform der von ihr ersehnten – die aber nicht weniger eine objektive, historisch geprägte ist – entgegengesetzt ist. Auch die Kunstform selbst läßt diese Wendung erkennen: während in Iphigenie und Tasso noch lyrische Töne von subjektiver Unmittelbarkeit klingen, ist die Natürliche Tochter vielmehr bildhaft, an die Stelle der Farbigkeit, die in sich immer etwas Grenzunbestimmtes, weil rein Intensives hat, ist der lineare Stil getreten. Ersichtlich ist dieser Prozeß zwischen dem Unendlichen und der Form nur ein sozusagen abstrakterer Ausdruck für jene Entwicklung, in der der Lebensakzent des Gefühles von dem des Erkennens und des Handelns abgelöst wurde. Denn das Gefühl untersteht an und für sich nicht dem Prinzip der Form, sondern eher dem der Farbe und der Intensität, es hat sozusagen eine immanente Maßlosigkeit, der vielleicht nur durch ein Versagen der Kraft oder durch Hemmungen von andren Seiten her die Grenzen kommen. Alles Erkennen und alles Handeln dagegen ist von vornherein auf Formen gestellt, auf eine Geprägtheit und Festigkeit, die mit dem Sinne, wenn auch nicht immer mit der Wirklichkeit dieser Energien gegeben ist. Goethe war zu der Zeit, als ihm alles auf den Gewinn einer Form für Leben und Anschauen ankam, die Klassik als das Muster aller Form entgegengetreten. Kein Wunder, wenn er in dem Rausch dieser Entdeckung nicht gewahr wurde, daß es Inhalte gibt, die sich diesem Stil nicht fügen. Aber die geistesgeschichtliche Folge dieser Irrung Goethes ist, daß es vielen von uns noch heute scheint, als hätte, was nicht in den klassischen Stil eingeht, eigentlich überhaupt keine Form.

Mit dem steigenden Alter tritt Goethes Verehrung der »Form« immer entschiedener hervor, bis zur Formalistik hin. Immer wichtiger werden ihm, über die Individuen hinweg, ihre Verbindungen untereinander, die doch einerseits nur Formungen aus dem Menschen- und Interessenmaterial sind, andrerseits dem Einzelnen durch seine Begrenzung gegen andere und Anweisung einer bestimmten Stelle eine sonst unerreichbare Form geben; immer höher schätzt er die »Zweckmäßigkeit«, und zwar als eine formale Struktur der praktischen Welt, da er oft nicht angibt, zu welchem Zweck denn das in dieser Form verlaufende Handeln dienen soll; immer unbedingter notwendig erscheint ihm die »Ordnung«, so daß er geradezu verkündet, er wolle lieber eine Ungerechtigkeit, als eine Unordnung dulden! Und die Natur selbst geht jetzt – für ihn selbstverständlich – dem parallel:

»Wenn ihr Bäume pflanzt, so sei's in Reihen, Denn sie läßt Geordnetes gedeihen.«

Was an seinen späteren Aussprüchen über politische und soziale Dinge so oft hart konservativ, ja reaktionär ist, hat mit Klassenegoismus nichts zu tun. Es ruht einerseits auf der Tendenz, dem Positiven des Lebens Raum zu machen. In allem Revolutionären, Anarchistischen, Übereilten sah er Hemmungen, Negativitäten, Kräfteverbrauch, der nur an das Zerstören gewandt würde. Er glaubte die Ordnung als Bedingung der positiven Lebensleistungen zu brauchen. Denn, andrerseits nun, ist es in jenen Äußerungen das kosmische Prinzip der Ordnung und formalen Gefugtheit, das er in die menschlichen Verhältnisse fortsetzt. Daß er dies nur durch eine streng hierarchische und aristokratisierende Technik für herstellbar hält, das ist freilich diskutabel und zeitgeschichtlich bedingt, aber es trifft nicht das letzte gesinnungsmäßige Motiv. So gilt auch jetzt seine Polemik der rein geistigen Ungeformtheit, Ungeordnetheit, sowohl nach der Vergangenheit (auch der eigenen) hin, wie für die Gegenwart; das Chaotische ist ihm der Feind schlechthin. In seinen sechziger Jahren bezeichnet er es als die »Hauptkrankheit« der Rousseauperiode, daß »Staat und Sitte, Kunst und Talent mit einem namenlosen Wesen, das man aber (!) Natur nannte, in einen Brei gerührt werden sollte«. Aber er kennt sehr wohl die Bedeutung dieser Epoche für sich selbst, denn er fährt fort: »Ward ich nicht auch von dieser Epidemie ergriffen, und war sie nicht wohltätig schuld an der Entwicklung meines Wesens, die mir jetzt auf keine andere Weise denkbar ist?« Und ungefähr gleichzeitig spricht er sich über die im Geistesleben herrschende Phantastik aus: »Das will Alles umfassen und verliert sich darüber immer ins Elementarische, doch noch mit unendlichen Schönheiten im Einzelnen [was fehlt, ist also die Formung des Ganzen]. Für uns alte Leute ist es zum Tollwerden, wenn wir da um uns herum die Welt müssen vermodern und in die Elemente müssen zurückkehren sehen, daß, weiß Gott wann, ein Neues daraus entstehe.« Diese ethisch-vitale Wertung der Form steht ersichtlich in tiefem Zusammenhang mit dem früher besprochenen Übergewicht, das seine höheren Jahre der Kunstform gegenüber dem Kunstinhalt beilegen – bis zu dem Grade, daß ihm die Bedeutsamkeit des Gegenstandes sogar als Hindernis für die Vollendung des Kunstwerks als solchen erschien. Der Eigenwert des Gegenstandes schlägt gewissermaßen über die Grenzen hinaus, die ihm die artistische Formung auferlegt; nach ihrer eigenen Bedeutung stehen die Gegenstände in den kontinuierlichen, unendlichen Zusammenhängen der Realität, die Kunst schneidet sie heraus zu einem eingerahmten Bilde, formt sie, indem sie ihnen Grenzen gibt, die ihrem natürlichen Sein und seiner Werterstreckung fehlen. Auch die Reinheit seines späteren Artistentums hat so in der Metaphysik seiner Altersperiode ihre Grundlage.

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