Kaffeekavalier

A. C. Lelis · Kapitel 1 von 4

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Kaffeekavalier

Kapitel 1

 

Vor mir steht einer dieser Jugendlichen, denen man nachts nicht allein auf der Straße begegnen möchte. Es ist bereits stockdunkel draußen. Die anderen sind schon nach Hause gegangen. Wir bieten späte Termine nach Absprache an, zum Beispiel für Geschäftsleute, die es sich zu unseren regulären Öffnungszeiten nicht einrichten können. Das ist nichts Ungewöhnliches. Meistens sind es Stammkunden und dann mache ich es sogar gerne. Aber bei diesem späten Kunden wird mir ein wenig mulmig. An etwas Bestimmten kann ich es nicht festmachen. Es ist das Gesamtbild.

Das Teuerste an ihm sind vermutlich die neonfarbenen Markenturnschuhe. Ansonsten scheinen die Klamotten von irgendeinem Billig-Discounter zu stammen: eine ausgeleierte Jogginghose und ein Muskelshirt. Darüber eine abgetragene Trainingsjacke, die er jedoch sofort auszieht und aufhängt, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hat. Sein linker Arm ist komplett tätowiert und das Ohrläppchen an der gleichen Seite durchtrennt, als wäre ihm irgendwann mal der Ohrring herausgerissen worden. Braune Augen begegnen meinem Blick. In ihnen liegt die gleiche Skepsis wie in meinen.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich einen Kunden vor mir habe oder ob der Kerl mich überfallen will. Man liest ja viel über diese Jugendgangs in Hamburg. Neustädter Jungs und wie die so heißen. Für einen Überfall stellt er sich allerdings ziemlich dämlich an, ich könnte ihn der Polizei leicht beschreiben. Aber ich habe hier keine Kameras und falls er mich erschießt oder ersticht, käme er vermutlich davon. In dieser Gegend, in der alle Geschäfte um acht schließen und niemand wohnt, ist jetzt kaum noch jemand, der es bezeugen könnte.

»N'Abend«, grüßt er lässig und schiebt die Hände in die ausgebeulten Taschen seiner Hose. »Timm, hab 'nen Termin.«

»Eike, hi«, grüße ich zurück und deute auf den Stuhl an der Fensterfront. »Was soll denn gemacht werden?«

Ich frage mich, was sich Diana dabei gedacht hat, ihm einen so späten Termin zu geben. Er sieht nicht aus, als könnte er nicht auch zu normalen Uhrzeiten kommen. Er sieht nicht mal aus, als könnte er sich den Haarschnitt hier leisten.

Seufzend nimmt er sein Basecap ab und lässt sich auf den Bedienungsstuhl fallen. Sein Haarschnitt ist furchtbar. Er hat keinen. Die braunen Haare waren wahrscheinlich mal kurz rasiert, sind aber inzwischen zu lang, um überhaupt noch nach etwas auszusehen. Ich trete mit einem leichten Stirnrunzeln hinter ihn und werfe ihm über den Spiegel einen fragenden Blick zu.

Verlegen weicht er mir aus. »Keine Ahnung. Irgendetwas, das wieder wie eine moderne Frisur aussieht? Nur nicht zu kurz.«

Ich studiere zum ersten Mal sein Gesicht und überlege, was dazu passen könnte. Er ist wahrscheinlich zwischen achtzehn und Anfang zwanzig. Seine Züge sind noch recht jungenhaft, aber ebenmäßig. Nur die Nase sieht aus, als wäre sie schon einmal gebrochen gewesen. Oben hat sie eine leichte Verdickung und sie ist leicht schief. Dennoch sieht er gut aus.

»Hm, ich hätte eine Idee für einen recht markanten Schnitt. Das Deckhaar würde ich etwa auf der Länge lassen, aber die Seiten kurz. Ich würde dir gestufte Seiten empfehlen. Die mach ich mit dem Rasierer«, erkläre ich und deute es ihm an, in dem ich mit meinen Händen rasch über die entsprechenden Stellen streiche. »Den Übergang zum Haupthaar machen wir linear, dadurch wirkt es schön kernig und du kannst damit ziemlich einfach verschiedene Stylings ausprobieren. Okay? Ich zeig dir nachher ein paar Beispiele.«

»Klingt gut«, bestätigt er. »Du bist der Profi... Ist ja auch ziemlich teuer hier.«

Ah, immerhin weiß er, worauf er sich eingelassen hat. Wir sind in der Tat keine Billig-Kette. Darum ist die Typenberatung auch inklusive. »Sollen wir noch ein paar helle Strähnchen für mehr Akzente reinmachen?«

»Nein, erst mal nur schneiden.«

»Okay.« Ich hole mir, was ich brauche, und bitte ihn zum Becken, um sein Haar zu waschen. Mir ist immer noch etwas unwohl in seiner Nähe. Diese Ghetto-Kids sind mir unheimlich. Vielleicht, weil genau solche mich während der Schulzeit schikaniert haben, weil ich als Kind rotes Haar und sehr viele Sommersprossen hatte. Als Junge eine Katastrophe. Mit der Pubertät sind meine Haare rotblond geworden und die Sommersprossen verblasst. Seitdem hat mich auch niemand mehr deswegen gehänselt oder Pumuckl genannt. Meine Vorbehalte gegen Bullies sind jedoch geblieben.

»Musstest du heute arbeiten?«, erkundige ich mich, als er wieder am Fenster sitzt und ich ihm den Friseurumhang umgelegt habe. Zu trinken wollte er nichts. »Oder wieso hast du auf einen späten Termin bestanden?«

»Hatte heute viel zu tun.« Er zögert merklich. »Ich hab morgen ein Vorstellungsgespräch, darum ist es so dringend.«

»Ah ja?«, hake ich nach. »Wo denn?«

»Eine Ausbildungsstelle zum Friseur.«

Das überrascht mich. »Tatsächlich? Interessierst du dich dafür?«

»Ich hatte schon mal ein Praktikum. Hat Spaß gemacht.«

»So?« Praktika in dem Bereich bestehen größtenteils aus Laufburschenaufgaben und Haare zusammenfegen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendjemandem Spaß macht. Sicher lügt er. »Was durftest du denn alles machen?«

»Na ja, hauptsächlich fegen, aber am Ende auch mit dem Haarschneider etwas rumprobieren... Ich kann mit dem Ding ganz gut umgehen. Mache das bei meinen Freunden auch immer. Nur bei mir selbst ist es krass schwer. Da geht nur ganz kurz und da hab ich keine Lust mehr drauf.«

Klingt nicht so, als würde er es sich ausdenken. Wenn ihn seine Freunde noch nicht verprügelt haben, ist er vielleicht wirklich nicht ungeschickt.

»Und jetzt willst du es beruflich machen?«

»Mhm.« Er sieht mich fragend an. »Bildet ihr aus?«

»Manchmal.« Ich sage ihm wohl besser nicht, dass wir demnächst tatsächlich wieder einen Azubi suchen.

»Was bräuchte man denn für ein Abschluss, um bei euch anfangen zu dürfen?«

»Wir kriegen schon recht viele Bewerbungen rein«, erkläre ich. »Und wenn wir die Wahl haben, nehmen wir natürlich die Besten, die auch keine Probleme mit der schulischen Ausbildung haben. Aber es spielt nicht nur der Abschluss eine Rolle. Geht auch um Motivation und Geschick.«

»Du bist hier der Chef, oder?«

»Ja, das ist mein Salon.«

Auf die Bestätigung sagt er erst einmal nichts mehr, doch er scheint etwas auszubrüten. Schweigend arbeite ich weiter. Allmählich nimmt die Frisur Gestalt an. Er sieht ohne die Kappe deutlich weniger nach Bandenmitglied aus. Mit der neuen Frisur hat er durchaus Chancen auf einen Ausbildungsplatz.

»Was machst du denn momentan?«, will ich wissen. Eine Ausbildung beginnt man in der Regel im August. Entweder ist er also zu spät dran oder ziemlich früh. Es gibt schon die Möglichkeit, im Frühjahr anzufangen, aber das ist eher ungewöhnlich. »Du bist ein bisschen zu alt, um noch zur Schule zu gehen, oder?«

»Ich bin momentan arbeitslos«, gibt er zu.

»Aber sagtest du nicht, du hättest heute zu viel zu tun gehabt, um tagsüber zu kommen?«

»Ich war auf dem Amt bei so 'ner sinnlosen Beschäftigungsmaßnahme.«

»Hattest du schon eine andere Ausbildung angefangen?«

»Nee, ich hab nur so gejobbt und war zwei Jahre unterwegs.«

»Unterwegs?«

»Hab mir ein bisschen Europa angeschaut.«

»Oh, interessant.« Auch das hätte ich ihm nicht zugetraut. »Dann muss dein Englisch ziemlich gut sein.«

»Es geht. Ich habe mich halt so durchgeschlagen.«

»Und wo warst du überall?«

»Hm, nicht so die großen Städte, kein Sightseeing. Eher so wirklich unterwegs. Wie ein Vagabund halt. Ist spannender.«

»Und in welchen Ländern?«

»Polen, Tschechien, Österreich, Kroatien, Griechenland.« Er schenkt mir ein kleines Lächeln. »Immer der Sonne entgegen.«

Ich muss zurücklächeln. »Da hast du sicher viel erlebt, was?«

»Ja, nicht immer leicht, aber war eine Erfahrung.« Im Spiegel verfolgt er aufmerksam, was ich mit seinem Haar mache. »Und in Griechenland habe ich halt bei einem Herrenfriseur ausgeholfen. Deshalb bin ich mir so sicher, dass ich das machen will.«

»Timm heißt du, richtig?«

»Ja.«

»Okay, Timm, du kannst mir ja mal deine Bewerbungsunterlagen zukommen lassen, falls das mit dem Vorstellungsgespräch morgen nichts wird«, schlage ich unverbindlich vor. »Ich kann dir nichts versprechen, aber ich guck sie mir mal an.«

»Cool, danke.« Sein Lächeln wird verschmitzter.

Irgendwie habe ich das Gefühl, in eine Falle getappt zu sein. Aber das ist doch albern. Wir machen nur Small Talk und sind dabei auf das Thema gekommen. Selbst wenn das von seiner Seite geplant war, ändert es nichts an den Fakten, dass er sich vielleicht für den Job eignet. Zumindest ist er motiviert.

»Mein Zeugnis ist aber nicht so gut«, erklärt er nach kurzer Pause, in der ich ihm den Nacken ausrasiert habe.

»Nicht?«

»Nee, aber das bedeutet nicht, dass ich dumm bin«, behauptet er. »Ich war kein guter Schüler, weil ich zu faul war. Aber ich kann lernen, wenn ich will. Jedenfalls will ich jetzt lernen. Bin vernünftiger geworden.«

Ich lasse mich einfach darauf ein. »Was hast du denn für einen Abschluss?«

»Hauptschule«, sagt er und wirkt etwas verlegen. »Also, ich wär unter deinen Bewerbern sicher nicht einer der Besten. Aber das heißt nicht, dass ich mich nicht eigne. Du hast ja gesagt, dass eher Motivation und Geschick zählen. Das hab ich echt.«

Allmählich erhärtet sich mein Verdacht, dass das hier von ihm nicht wirklich als reiner Friseurtermin geplant war. Es ist quasi schon ein Vorstellungsgespräch. Raffiniert insofern, dass er mit der späten Uhrzeit dafür gesorgt hat, dass wir unter uns sind. Wirklich nicht dumm.

»Okay«, meine ich. »Und abgesehen vom Spaß? Der Beruf bringt nicht gerade viel Kohle. Bist du dir wirklich sicher, dass du das dein ganzes Leben machen willst?«

»Ja. Das heißt, ich will meinen Meister machen und vielleicht einen eigenen Salon eröffnen. Später irgendwann. War das schwer für dich?«

»Einfach ist es sicher nicht. Aber wenn man es wirklich will... Was machen denn deine Eltern?«

»Mein Vater ist gelernter Elektriker beim Bund«, erklärt Timm. »Meine Mutter ist gestorben, als ich vier war. Aber sie war auch Friseurin. Vielleicht ist das auch ein Grund.«

»Okay, unterstützt dich dein Vater noch?«, hake ich nach. »Gerade in Hamburg ist es sonst schwer. Im ersten Lehrjahr bekommst du nicht viel.«

»Das kriege ich hin.«

Ich überlege einen Moment, während ich seiner Frisur den letzten Schliff verpasse. Schließlich reiche ich ihm den Föhn und ein Döschen Haarwachs. »Lass mich mal sehen, was du mit deiner neuen Frisur anstellst.«

»Okay.« Eifrig macht er sich daran, die Haare zunächst in Form zu föhnen. Ich muss nicht eingreifen. Er macht das ganz gut. Dann verreibt er sich eine Perle Haarwachs zwischen den Händen. Es ist nicht professionell, aber er bekommt die Haare ganz gut in Griff. Angesichts seiner vorherigen Frisur hatte ich ihm das nicht unbedingt zugetraut.

»Hattest du die Haare davor schon mal so ähnlich?«

»Vor meinem Trip hab ich sie mehr gestylt«, sagt er. »Aber nicht so.«

»Du hast ein gutes Gefühl dafür«, stelle ich fest. »Aber du kannst sie auch mehr nach hinten kämmen und dann...« Ich zeige ihm noch weitere Styling-Methoden. Sie stehen ihm alle. Mit der Frisur wirkt er recht attraktiv. Auch wenn da immer noch das zerrissene Ohrläppchen und die schiefe Nase bleiben. Beides verunsichert mich nach wie vor.

»Mit der Frisur kannst du viel machen«, erkläre ich abschließend und halte einen Spiegel hoch, sodass er sich auch von hinten bewundern kann.

»Cool, danke.« Aufmerksam mit einem leichten Stirnrunzeln begutachtet er das Werk und tastet mit den Fingern über den Haaransatz.

»Also, Timm, wenn mich deine Bewerbungsunterlagen überzeugen, das heißt, sie sorgfältig und fehlerfrei erstellt wurden, sehe ich über die schlechten Noten hinweg und lass dich ein Praktikum machen«, biete ich aus einem inneren Impuls heraus an. Reiner Instinkt. »Mit Chance auf einen Ausbildungsplatz.«

»Zum nächsten Ausbildungsjahr im August?«, hakt er nach.

»Eigentlich ja.«

Die Bewerbungsphase hat eigentlich noch längst nicht begonnen. Ich habe keine Annonce für die Stelle aufgegeben. Allerdings habe ich schon mehrere Initiativbewerbungen und drei Bewerber wirken auch ganz okay. Alles Schüler. Wirklich überzeugen konnte mich nach dem Reinfall mit unserer letzten Auszubildenden jedoch niemand. Auch wenn ich es merkwürdig finde, gefällt mir dieses Ghetto-Kid besser. Er wirkt reifer. Gefestigter. Einen Versuch wäre es wert.

»Es gibt unter Umständen aber auch die Möglichkeit, im Februar zu starten.«

»Okay, ich bringe die Unterlagen morgen vorbei!«, verspricht er. »Voll cool, danke!«

Bei seinem Strahlen fällt mir auf, dass eine kleine Ecke an seinem Schneidezahn fehlt. »Es ist nur eine Chance. Ich verspreche nichts, klar?«

»Ja, klar. Aber ich hab echt viel Motivation.« Seine braunen Augen sehen mich sehr eindringlich durch den Spiegel an. »Und ich würd es gerne von jemandem lernen, der einen hohen Anspruch hat, und nicht bei so 'ner Billig-Kette, wo alles schnell gehen muss. Dein Salon hat krass viele gute Bewertungen im Internet.«

Das bestätigt wieder meinen Verdacht, dass er mehr oder weniger für ein persönliches Gespräch hergekommen ist. Er hat Schneid. »Kundenzufriedenheit ist hier sehr wichtig. Und ja, wir sind nicht billig. Gefällt dir deine neue Frisur?«

»Ja, die ist super.«

»Gut.« Ich gehe zur Kasse. Es ist spät und ich will den Laden endlich schließen und heimgehen. Vielleicht erwische ich Holger noch in Skype.

Er angelt ein abgenutztes Portemonnaie aus seiner Jogginghose. Es ist nicht einmal aus Leder. Synthetik. Ich kassiere dennoch den vollen Preis von ihm und meine zum Abschluss: »Ach ja, falls du morgen wirklich vorbeikommst, bitte nicht in Jogginghose. Zieh dir was Vernünftiges an.«

»Okay.« Mein Rat scheint ihn betroffen zu machen. »Ist Jeans okay?«

»Ja, völlig okay. Alles, nur nicht dieses Hartz-IV-Outfit.«

»Okay.« Sein Unterkiefer spannt sich kurz an, doch er nickt und weicht meinem Blick aus.

Ich hoffe, ich war nicht zu abfällig. Aber ich sage eben, was ich denke. Manchmal recht ungefiltert, vor allem, wenn es meine Angestellten und ihr Erscheinungsbild betrifft. Es geht hier um das Image meines Ladens. Wenn Timm da reinpassen will, muss er sich anstrengen.

»Gut, dann bis morgen?«, hake ich nach.

Er nickt und sieht mir dabei fest in die Augen. »Ja, bis morgen. Und danke.«

»Da nicht für.«

Als er den Laden verlässt, schließe ich hinter ihm ab. Daher sehe ich, wie er nach zehn Schritten die Hand zur Faust ballt und eine Siegergeste macht. Er springt sogar ein bisschen in die Luft. Anscheinend ist sein Plan aufgegangen. Ich muss schmunzeln. Nein, dumm ist er sicher nicht. Das hat bisher noch kein Bewerber gemacht. Aber die Zweifel bleiben. Ich werde mir seine Unterlagen ganz genau ansehen.

***

»Eike?« Diana steckt den Kopf durch die Tür. »Da ist ein junger Mann, der zu dir möchte. Wegen einer Bewerbung?«

Ich schaue von der Farbmischung auf, die ich gerade für eine Kundin anrühre. »Setz ihn bitte in die Küche und gib ihm was zu trinken. Ich kann gerade nicht.«

»Hat er ein Vorstellungsgespräch?«, fragt sie verwundert. »Wusste gar nicht, dass du noch jemand einstellen möchtest.«

»Azubi-Bewerber.«

»Oh? Ist es dafür nicht ein bisschen früh? Außerdem sieht er älter aus als die üblichen Kandidaten.«

»Ich weiß«, antworte ich. »Er war gestern Abend hier und ich habe ihm versprochen, einen Blick auf seine Bewerbung zu werfen. Erklär ich später.«

»Okay.« Sie verschwindet, um meine Anweisung in die Tat umzusetzen. Danach kennt sie Timm wahrscheinlich besser als ich. Sie hat eine charmante Art, mit der sie alles aus ihrem Gegenüber herauskitzeln kann. In gewisser Weise ist es von mir beabsichtigt, dass sie Timm auf den Zahn fühlt, es interessiert mich, welchen Eindruck er auf sie macht.

Zunächst konzentriere ich mich jedoch auf die verunglückten Strähnchen meiner Kundin, das Opfer eines Selbstversuchs. Ich frage mich wirklich, wie man auf die Idee kommt, sich selbst Strähnchen machen zu wollen. Nicht einmal ich würde das bei mir selbst machen. Und das hat nichts damit zu tun, dass ich rötliches Haar habe und alle Strähnchen bei mir hässlich finde.

Nachdem ich die arme Dame verarztet und unter eine Wärmehaube gesetzt habe, gehe ich ebenfalls in die Küche und ertappe Diana dabei, wie sie über etwas, das Timm gesagt hat, herzlich lacht. Timm lehnt am Arbeitstresen und grinst irgendwie zurückhaltend, aber auch amüsiert. Heute trägt er Jeans und ein blaues Hemd mit Knopfleiste. Das Haar hat er anders gestylt als gestern, aber auch nicht so, wie ich es ihm gezeigt habe. Total anders. Nicht schlecht. Er ist kreativ. Gefällt mir.

»Hey, Timm«, grüße ich ihn.

»Hallo!«, grüßt er zurück und sein Grinsen weicht einer ernsteren, aufmerksamen Miene. Mit hastigen Bewegungen kramt er aus einem alten Rucksack eine schwarze Bewerbungsmappe hervor und hält sie mir hin. »Hier, meine Bewerbung.«

»Danke.« Ich nehme sie an und werfe gleich einen flüchtigen Blick hinein. Anschreiben, Lebenslauf, Zeugnis. Mehr ist da wohl noch nicht. Also komplett. Mein Blick bleibt an dem Bild hängen. Der Timm darauf ist mindestens zwei Jahre jünger. Seine Nase ist noch gerade und etwas kleiner, sein Ohrläppchen ganz. Und Gott, war er mal niedlich.

»Das Foto ist alt«, erklärt er verlegen. »Sorry, ich bin noch nicht dazu gekommen, neue machen zu lassen. Ich wollte erst die neue Frisur haben.«

»Kein Problem, ich weiß ja, wie du aussiehst.« Ein bisschen spöttisch sehe ich ihn an. Jeans stehen ihm viel besser als Jogginghosen. Die Mappe kurz hebend meine ich: »Ich schau mir das in Ruhe an, okay? Deine Telefonnummer steht drin?«

»Klar, lass dir Zeit.« Er nickt.

»Wie war denn dein Vorstellungsgespräch heute?«, hake ich nach.

»Weiß noch nicht. Hab ich erst später.«

»Na dann, viel Erfolg.« Ich werfe einen kurzen Blick auf meine Armbanduhr. »Sorry, heute ist so viel los. Ich melde mich aber definitiv, okay?«

»Okay, danke.« Er stößt sich von der Theke ab. »Danke für das Wasser, Diana.«

»Sehr gern.« Sie sieht ihm nach, als er sich mit einem leisen Tschüs verabschiedet und die Küche verlässt. Ich daraufhin auch. Sein Knackarsch sieht in den Jeans auch viel besser aus. Das heißt, in der Jogginghose habe ich ihn gar nicht bemerkt. Mist, wieso starre ich auf seinen Hintern? Ich öffne die Mappe und schaue in seinen Lebenslauf. Nach kurzem Rechnen komme ich auf zwanzig Jahre.

»Er ist nett«, stellt Diana fest.

»Findest du? Als er gestern Abend hier aufgetaucht ist, hatte ich für einen Moment die Befürchtung, dass er mich überfallen will.«

»Was? Wieso?«

»Er sah aus wie so ein Ghetto-Gang-Mitglied.«

»Manchmal hast du echt einen Knall.« Diana muss lachen. »Wieso lässt du ihn dann hier antanzen und sich bewerben?«

Ich zucke mit den Schultern. »Er hat es darauf angelegt und das hat mir imponiert. Es kommt selten vor, dass ein Bewerber so viel Motivation zeigt. Die meisten belassen es bei einer schriftlichen Bewerbung und die klingen alle gleich.«

»Ich finde es gut, dass du ihm eine Chance gibst«, meint sie. »Er scheint ein netter Junge zu sein. Außerdem finde ich es nicht schlecht, dass er etwas älter ist. Man kann sich mit ihm besser unterhalten als mit diesen kleinen Azubis, die gerade erst von der Schule kommen.«

»War auch mein Gedanke, dass es Vorteile haben kann. Allerdings ist er schon etwas alt für jemanden mit einem Hauptschulabschluss und ohne Ausbildung.« Ich seufze. »Da ist bestimmt irgendwo ein Haken.«

»Er hat mir erzählt, dass er viel gereist ist.«

»Ja, und davor?« Ich nehme die Mappe mit und lege sie unter den Tresen bei der Kasse, um sie mir später durchzulesen. Jetzt muss ich mich erst einmal um den nächsten Kunden kümmern. Hier steht nur eine Beratung an. Torben, mein anderer Mitarbeiter, übernimmt den Rest, weil ich mit den Strähnchen weitermachen muss. Der übliche Alltagswahnsinn. Aber darüber beschwere ich mich nicht. Solange der Laden läuft, bin ich zufrieden.

An diesem Abend habe ich keine späten Termine. Ich schließe den Laden pünktlich um acht und steige mit Timms Bewerbungsmappe unterm Arm in meinen Smart, um nach Hause zu fahren.

Nach Hause ist eine kleine Wohnung in Winterhude. Die Parkplatzsuche ist furchtbar, aber noch schrecklicher finde ich es, mit dem Bus zu fahren. Besonders um diese Uhrzeit. Nach ein paar Umrundungen meines Wohnblocks und der umliegenden finde ich schließlich doch noch einen Parkplatz.

Genervt gehe ich die fünfhundert Meter nach Hause und schmeiße mich erschöpft vor den Fernseher. Eigentlich habe ich noch nichts gegessen, aber ich mag nicht aufstehen. Wahrscheinlich ist der Kühlschrank ohnehin leer.

Nachdem das Fernsehprogramm mich eine halbe Stunde verblödet hat, greife ich wieder nach Timms Mappe, die ich vor mir auf dem Couchtisch abgelegt habe, und werfe einen Blick hinein. Das Anschreiben ist fehlerfrei. Es klingt sehr nach Arbeitsamt, also die üblichen Phrasen und nichts wirklich Ausgefallenes. Standard. Aber ich kenne ihn ja auch schon und weiß, dass er sich darauf allein nicht verlassen hat. Er hat mir seine Motivation ausreichend bewiesen.

Ich betrachte seinen Lebenslauf. Geburtsdatum, er ist Schütze. Das heißt, er hat noch dieses Jahr Geburtstag und wird einundzwanzig. Ziemlich alt. Interessiert lese ich weiter. Geburtsort ist Hamburg. Wie bereits von ihm erwähnt, ist seine Mutter früh gestorben, also ist er Halbwaise. Möglich, dass sein Vater noch einmal geheiratet hat, aber hier steht nichts von einer Stiefmutter. Geht vielleicht auch zu weit. Es klingt auf jeden Fall nicht nach Sozialfall. Eher Mittelschicht.

Grundschule, vier Jahre. Danach auf die Hauptschule. Abschluss nach der zehnten Klasse, einmal sitzen geblieben, denn wenn ich richtig zähle, ist das ein Jahr zu viel. Und nur ein erweiterter Hauptschulabschluss. Für den Realschulabschluss hat es nicht ausgereicht.

Ich betrachte sein Zeugnis. Oh krass, das ist echt schlecht. Er hat mich ja vorgewarnt. Auf der Hauptschule eine Fünf in Englisch zu bekommen, ist gruselig. Und eine Vier in Deutsch. In Mathe hat er immerhin eine Drei. Aber Zweien und Einsen sehe ich gar nicht. Doch da: eine Eins in Sport. Na immerhin. Und in Textilem Gestalten zumindest eine Zwei. Das bedeutet wohl, er kann mit einer Schere und seinen Händen umgehen.

Ich kehre zurück zum Lebenslauf. Nach der Hauptschule... Nichts. Da steht etwas von berufsbildendem Jahr, aber kein Abschluss. Und danach Work-&-Travel für die Zeit bis jetzt. Das sind eigentlich mehr als zwei Jahre. Ganz schöne Lücken für so einen kurzen Lebenslauf. Wahrscheinlich ist er erst jetzt aufgewacht und hat gemerkt, dass er nicht ewig so weitermachen kann. Aber reicht das?

Seufzend lege ich die Mappe beiseite. Ich würde ihm gerne eine Chance geben, aber ich führe ein Unternehmen. Zwar nur ein kleines, aber ich trage immerhin die Verantwortung für zwei Angestellte und mich selbst. Wenn ich jemanden ausbilde, muss dieser Jemand es auch wert sein und durchhalten. Und nicht einfach verschwinden, wenn er gerade beginnt, nützlich zu werden. Das ist uns mit der letzten Azubine passiert. Schwanger mit achtzehn. So ein Scheiß.

Schwanger kann Timm nicht werden. Ich wollte deswegen gerne einen männlichen Azubi. Aber keine Ahnung, ob er der Richtige ist. Um die Entscheidung noch etwas aufzuschieben, beschließe ich, eine Nacht drüber zu schlafen.

Ich fahre den Laptop hoch, um zu sehen, ob Holger online ist. Natürlich nicht. Er hat anscheinend wieder Spätschicht. Seufzend klappe ich den Laptop wieder zu. Das leere Gefühl bleibt. Ich vermisse Holger schrecklich. Als Krankenpfleger bekommt er in der Schweiz das doppelte Gehalt. Es ist verständlich, dass er sich entschieden hat, es für eine Weile dort zu versuchen. Ich versuche zumindest, verständnisvoll zu sein.

Aber es war eine Entscheidung gegen uns. Nur bin ich zu feige, es zur Sprache zu bringen, und tue immer noch so, als könnte eine Fernbeziehung funktionieren und als würde er vielleicht bald wieder zurückkommen. Es ist Trennungsschmerz auf Raten. Vielleicht leichter zu ertragen, aber dennoch das langsame Ende unserer Beziehung, wenn er nicht zurückkommt.

Um das Gefühl aus meinem Inneren zu vertreiben, stehe ich auf, schlüpfe in meine Trainingssachen, um eine Runde zu laufen. Nicht weit. Ich bin kein besonders ausdauernder Sportler und eigentlich hasse ich Joggen. Aber ich tue es für meine Linie. Seit ich dreißig bin, muss ich doch mehr tun, um keine Speckpolster anzusetzen. Vor der Kamera sieht man die nämlich erst recht und etwas anderes als Cybersex über Skype hatte ich schon seit einem Monat nicht mehr.