Kaffeekavalier
Kapitel 3
Mit Torben und Diana stirbt der Small Talk nie. Wir verquatschen die Zeit, bis die Pizza kommt, ohne den ersten Film angefangen zu haben. Timm und ich haben den deutlich geringeren Anteil an der Unterhaltung, doch wirklich schweigsam sind wir auch nicht. Auf dem Tisch stehen bereits drei leere Flaschen Bier, eine davon ist meine. Ich denke, nur Timm nuckelt noch an seiner ersten. Vielleicht traut er sich nicht, vor mir über den Durst zu trinken.
Als die Pizza da ist, starten wir mit dem Film. Die Unterhaltung wird weniger, aber ganz abbrechen tut sie nicht. Torben macht immer wieder lustige Kommentare, die uns vom eigentlichen Geschehen auf der Mattscheibe ablenken. Ich entspanne mich zusehends und öffne irgendwann den Wein, von dem Diana zwei Flaschen mitgebracht hat. Ich verteile die erste ungefragt gleich ganz auf die vier Gläser.
»Die Pizza ist echt toll«, lobt Diana. »Woher haben wir die?«
Ich nenne ihr den Namen des Lieferanten. »Ist ganz in der Nähe.«
»Der Boden ist klasse«, stimmt Timm zu. »So dünn und lecker.«
Torben lacht leise. »Genau wie Eike.«
»Was?«, hake ich verdutzt nach.
»Du bist auch dünn und lecker«, stellt er fest und nimmt noch einen Schluck von seinem Wein. Anscheinend hatte er davon schon ein bisschen zu viel. Oder es verträgt sich nicht mit den zwei Bier, die er davor getrunken hat.
Amüsiert lache ich auf und werfe meine Serviette nach ihm. »Ich bin gar nicht so dünn. Und ob ich lecker bin, kannst du überhaupt nicht beurteilen.«
Er zwinkert mir gut gelaunt zu. So ein Idiot. Dennoch schmeichelt mir das holprige Kompliment, beziehungsweise die schlechte Anmache irgendwie.
»Täubchen, trink nicht so viel«, rät Diana Torben und nimmt ihm das Glas ab. »Sonst kannst du uns am Montag nicht mehr in die Augen schauen.«
Torbens Erwiderung darauf bekomme ich nicht mehr mit, weil das Telefon klingelt. Sie scheint lustig gewesen zu sein, denn als ich mir den Hörer angle, kann ich den Anrufer nicht verstehen, weil die drei auf der Couch in heiteres Gelächter ausbrechen. Ich stehe daher rasch auf und verschwinde in die Küche.
»Sorry… Hallo?«
»Hey, ich bin's.« Es ist Holger. »Was ist denn bei dir los?«
Mein Herz setzt einen Takt aus. Holger. Ich habe seine Stimme so vermisst, doch nun klingt sie genervt. Gefällt ihm anscheinend nicht, dass ich mich auch ohne ihn zu amüsieren weiß. Oder dass ich nicht in Skype auf ihn warte und er zum Telefon greifen muss, um mich zu erreichen.
Möglichst gelassen sage ich: »Es ist Samstag. Ich habe Diana und Torben hier. Wir machen einen Filmabend.«
»Ist das die Rache für gestern?« Jetzt klingt er verärgert. »Oh Mann, Eike, ich hab echt keine Lust auf so was. Es tut mir leid, dass ich keine Zeit für dich hatte, aber das ist echt etwas anderes. Ich bin neu hier. Es wäre total unhöflich gewesen, die Einladung abzulehnen. Ich will nicht zum Außenseiter werden.«
»Und woher sollte ich wissen, dass du ausgerechnet heute mit mir telefonieren willst?«, frage ich zurück. »Vielleicht habe ich auch keine Lust, meine Wochenenden allein vor Skype zu verbringen, in der Hoffnung, dass du gnädigerweise mal online kommst.«
»Ich dachte, das wäre klar nach gestern, dass ich heute mit dir telefonieren will.«
»War es das? Keine Ahnung.« Plötzlich bin ich wieder der Buhmann. Das Arschloch, das ihn einfach nicht versteht. Er ist derjenige, der sich in ein neues Leben einfügen muss. Ich bin ja nur der Zurückgelassene. »Tut mir leid, ich bin auch neu in diesem Fernbeziehungsding. Und ich habe es mir auch nicht ausgesucht.«
»Eike.« Er seufzt. »Können wir jetzt bitte sachlich bleiben und nicht wieder darüber streiten?«
»Ich will mich nicht streiten.« Ich schließe die Augen. »Ich will dich hier haben.«
»Hey, ich wäre jetzt auch gerne bei dir«, versichert er mir sanfter. »Ich vermisse dich.«
»Ich dich auch«, bringe ich mit rauer Stimme hervor.
»Tut mir wirklich leid, dass ich gestern keine Zeit hatte«, sagt er nochmals. Diesmal glaube ich es ihm sogar. »Kommst du in Skype online?«
»Ich habe die Bude voll«, entgegne ich widerstrebend.
»Na und? Die können sich doch wohl mal für eine Viertelstunde allein beschäftigen. Fällt ihnen sicher gar nicht auf, dass du weg bist.«
»Doch«, widerspreche ich. »Der Laptop ist im Wohnzimmer. Sie würden es auf jeden Fall mitbekommen, wenn ich ihn jetzt hole.«
»Sag ihnen halt, dass es was Wichtiges ist.«
Ich will ihn sehen, nur die Blöße vor meinen Gästen möchte ich mir nicht geben. Vor allem nicht vor dem Praktikanten. Ich spiele unschlüssig mit dem Basilikum auf dem Fensterbrett und starre in die Dunkelheit des Hinterhofs. »Aber nur sehen… Alles andere muss bis morgen warten.«
»Ich habe morgen wieder Schicht, Schatz.«
»Den ganzen Tag?«, will ich wissen. »Es ist Sonntag. Ich bin flexibel. Wir können auch morgens…«
»Ich muss um fünf raus und arbeite bis nachmittags. Danach bin ich zu erledigt.«
Mit anderen Worten: jetzt oder gar nicht. Meine Frustration kehrt zurück. Während die drei in meinem Wohnzimmer rumgackern, kommt aber dergleichen überhaupt nicht infrage. Rausschmeißen werde ich sie auch nicht. »Es geht jetzt aber auch nicht.«
»Diana und Torben haben uns doch schon bei Schlimmeren erwischt.«
»Es sind aber nicht nur Diana und Torben«, entgegne ich streng. »Unser neuer Praktikant ist auch da.«
»Neuer Praktikant?«
»Ja, wir überlegen, ihm eine Ausbildungsstelle zu geben.« So lange haben wir schon nicht mehr miteinander telefoniert. Er ist überhaupt nicht auf dem Laufenden. »Timm. Ist schon ein bisschen älter, darum erst mal das Praktikum.«
»Wie alt?«
»Zwanzig.«
Holger schnauft leise. »Also erwachsen. Er wird es verkraften.«
Das ist doch nicht sein Ernst. Er will immer noch… »Nein, Holger.«
Auch er seufzt genervt. »Na gut, dann eben nicht.«
Und damit legt er einfach auf. Ich merke es erst, als ich auf meine Frage, ob er nicht doch morgen skypen möchte, keine Antwort mehr bekomme. Manchmal ist er wirklich ein egoistisches Arschloch. Aber ich mag das irgendwie. Ich stehe darauf, wenn ein Mann weiß, was er will. Wenn er kompromisslos seine Ziele verfolgt. Leider weichen Holgers Ziele aktuell verdammt weit von meinen ab. Und das tut weh.
***
»Hey, wo bleibst du denn?« Torben kommt zu mir in die Küche, wo ich immer noch mit dem Telefon in der Hand vor dem Fenster stehe.
Seufzend wende ich mich zu ihm um. »Sorry, das war Holger.«
»Ach nein.« Torben mustert mich. »Und so wenig erfreulich?«
Ich zucke mit den Schultern. »Um ehrlich zu sein, es war durchwachsen. Aber das Ende war eher unangenehm.«
»Ach komm, Eike, lass dich davon nicht runterziehen.« Er nimmt mir das Telefon ab und steckt es kopfschüttelnd in die enge Gesäßtasche seiner Jeans. »Wir wollten heute Abend nicht an deine verkorkste Beziehung denken.«
»Ich hätte damit rechnen sollen, dass er sich ausgerechnet heute Abend meldet.«
»Das haben wir. Es ging ja gerade darum, dass du heute Abend mal nicht abrufbereit bist.«
»Aber jetzt ist er morgen auch nicht abrufbereit und Montag bin ich nicht abrufbereit und ehe wir uns versehen, vergeht wieder eine Woche, ohne dass wir miteinander geredet haben.« Ich fahre mir resigniert durchs Haar. »Scheiße.«
Torben seufzt, nimmt mich beim Arm und zieht mich zurück ins Wohnzimmer. Der Film läuft noch. Ich lasse mich wieder auf meinen Platz lotsen und mir von Torben das nachgefüllte Glas Wein in die Hand drücken.
»Und jetzt entspann dich mal!«, rät er mir noch.
»Okay.« Ich richte meinen Blick auf den Fernseher, jedoch habe ich den Faden verloren und komme nicht mehr in den Film rein. Vielleicht hätte ich doch nachgeben sollen. Mein Blick fällt auf meine Gäste und ich ertappe Timm dabei, wie er mich ebenfalls mustert. Er sieht rasch fort. Doch durch ihn wird alles noch komplizierter. Vor Diana und Torben hätte ich weniger Hemmungen.
Fuck. Vielleicht ist Holger nachher noch online, wenn sie weg sind. Nein, bestimmt nicht, wenn er morgen schon um fünf aufstehen muss. Scheißidee mit dem Filmabend. Ich kann gar nicht mehr nachvollziehen, wieso ich nachgegeben habe. Natürlich ist Holger jetzt sauer. War ich gestern ja auch. Und einer muss nachgeben.
»Eike!«, sagt Torben plötzlich streng. »Vergiss dieses Arschloch jetzt endlich!«
»Klappe, Täubchen.« Ich trinke meinen Wein aus, schnappe mir meinen Laptop und verlasse das Zimmer.
Hinter mir höre ich Torben frustriert aufstöhnen. »Ich verstehe einfach nicht, wieso immer alle auf Arschlöcher stehen müssen.«
Ich bin schwul. Natürlich stehe ich auf Arschlöcher. Doch obwohl mir die Erwiderung gefällt, verbeiße ich sie mir und schließe stattdessen lieber die Schlafzimmertür hinter mir. Diskussion beendet. Leider habe ich keinen Schlüssel, aber zumindest Diana und Timm werden hier wohl kaum unangemeldet reinschneien.
Noch einmal tief durchatmend lasse ich mich auf das Bett nieder und fahre den Computer hoch. Es dauert wie immer viel zu lange. Endlich lädt Skype und ich melde mich an. Als ich sehe, dass Holger immer noch online ist, beginnt mein Herz ein bisschen schneller zu schlagen. Ich rufe ihn direkt an. Es ist wie ein Déjà-vu, als das Anruffenster verschwindet. Genau wie vorgestern, als er zu müde war. Er hat mich abgeblockt.
Hey, es tut mir leid, schreibe ich. Hab es mir anders überlegt. Will dich sehen.
Es tut sich nichts. Ich warte geschlagene fünf Minuten vor meinem Bildschirm, bis mich die Ungeduld packt und ich eine weitere Nachricht schreibe: Bist du da?
Nach weiteren zehn Minuten geht Holger einfach offline. Okay. Das schmerzt. Eigentlich hatten wir abgemacht, nicht zerstritten schlafen zu gehen, wenn es die Möglichkeit gibt, die Sache zu klären. Ich habe mich entschuldigt und nachgegeben. Weiter kann ich ihm doch gar nicht entgegenkommen.
»Eike?« Torben klopft an die Tür. »Machst du Schweinkram?«
Ich antworte nicht. Keine Ahnung, wie lange ich jetzt schon hier liege. Macht sicher einen großartigen Eindruck auf den Praktikanten, wenn der Gastgeber und Chef ins Schlafzimmer verschwindet und Liebeskummer hat. Letztlich ist es dieser Gedanke, der mich dazu bewegt, aufzustehen und die Tür zu öffnen. »Nein.«
Torben seufzt, als er mich sieht, und zieht mich spontan in seine Arme. »Mann, Eike, das ist er doch echt nicht wert.«
»Wie willst du das beurteilen können?« Ich schiebe ihn von mir. »Du kennst ihn doch gar nicht wirklich.«
»Nein, vielleicht nicht so gut wie du, aber ich habe eine Schublade für solche Typen und bisher passt er da auch ganz hervorragend rein.« Torben schiebt seinen Unterkiefer angriffslustig vor. Seine blauen Augen mustern mich hingegen immer noch besorgt.
»Er ist nicht so schlimm, wie du vielleicht denkst«, behaupte ich dennoch. »Es ist nur…« Ich muss tief Luft holen, ehe ich es ausspreche. »… wahrscheinlich ohnehin das Ende unserer Beziehung.«
»Wenn du das denkst, wieso lässt du dich so behandeln?«
»Ich schätze, weil keiner von uns der sein will, der zuerst aufgegeben hat«, erkläre ich leise. »Und weil ich Gefühle für ihn habe und hoffe, dass er zurückkommt.«
»Idiot.« Torben schüttelt den Kopf. »Du hast übrigens den Film verpasst. Willst du dir noch einen zweiten mit uns angucken oder sollen wir gehen?«
»Nein, es ist ja erst…« Ich sehe auf meine Uhr. »Halb elf. Und ich denke, ich brauche jetzt Alkohol. Allein trinken ist blöd.« Leiser füge ich hinzu. »Ungünstig nur, dass Timm da ist.«
»Ach, der ist doch schon groß«, flüstert Torben zurück. »Ich denke nicht, dass er dich weniger respektiert, wenn er kapiert, dass du auch nur ein Mensch bist und ein Herz hast. Im Gegenteil. Das könnte dem Arbeitsklima eher helfen. Wir haben uns doch auch gleich angefreundet. Und Diana und du sind ja schon immer ganz dicke.«
»Aber du bist auch kein Azubi«, entgegne ich eigen. »Und mit Diana bin ich seit der Ausbildung befreundet.«
»Eben. Da willst du ihn doch nicht außen vor lassen.« Torben drückt meine Schulter und gibt mir dann einen Schubs. »Auf jeden Fall darfst du dir ruhig die Kante geben. Das verkraftet er schon.«
Ich gebe nach, weil ich das nicht weiter erörtern will, solange Timm bei mir im Wohnzimmer hockt. »Also, was gucken wir als Nächstes?«
»The Fast and the Furious.«
»Timms Idee?«
»Ja, und eine gute.« Torben zieht mich zurück ins Wohnzimmer.
»Alles okay?«, will Diana wissen, als ich mich auf meinen Sessel hocke.
Ich schüttle nur den Kopf. Es ist nichts okay zwischen Holger und mir. Aber ich will nicht mehr daran denken. »Habt ihr schon mit dem Wodka angefangen?«
»Nein, wir haben auf dich gewartet«, antwortet Torben und greift nach der Flasche.
***
Ich wache mit einem tierischen Brummschädel auf. Mir entweicht ein Stöhnen und ich versuche, mich tiefer unter die Decke zu wühlen, ohne meinen Kopf mehr als nötig zu bewegen. Scheiße. Meinem Magen ging es auch schon mal besser. Ich sollte was trinken. Wasser oder Tee. Irgendwas. Aber dafür müsste ich mich ja bewegen. Aua.
Plötzlich wird mir bewusst, dass ich leise Atemzüge höre. Ich bin nicht allein. Dass es Holger nicht sein kann, ist mir beinahe sofort bewusst. Deshalb habe ich ja diese Schmerzen. Holger hasst es, wenn ich zu viel trinke, das hat mich immer vor dem Schlimmsten bewahrt.
Ganz vorsichtig öffne ich mein linkes Auge einen Spaltbreit. Decke. Hm. Ich richte mich bedächtig auf und versuche, auch das andere Auge zu öffnen. Ein tätowierter Arm, eigentlich ist es eine tätowierte Schulter. Männlich. Ich wusste gar nicht, dass Torben ein so großes Tattoo hat. Moment. Dunkle Haare. Das ist nicht Torben.
Oh mein Gott! Ruckartig setze ich mich auf und starre mit pochenden Kopfschmerzen angestrengt auf den Schlafenden hinab. Der Praktikant liegt in meinem Bett! Er hat nicht mal ein Shirt an!
Ich auch nicht. Und ich kann mich wirklich nicht erinnern, wie wir hier gelandet sind. Ich taste unter die Bettdecke und atme erleichtert auf. Immerhin trage ich noch meine Pants. Natürlich trage ich noch meine Pants. So betrunken kann ich gar nicht gewesen sein.
Nur kann ich mir wirklich nicht erklären, wie er in meinem Bett gelandet ist, und mit ihm halte ich es auch nicht länger darin aus. Es ist albern, aber es ist mir sehr unangenehm. Möglichst leise und vorsichtig schlüpfe ich aus den Laken und schleiche aus dem Zimmer. Mit jedem Schritt dröhnt mein Schädel und die Augen kriege ich immer noch nicht richtig auf. Mein erster Weg führt jedoch zu meinem Trockner. Ich weiß, dass ich da noch eine Wäscheladung mit einer Hose drin haben muss.
Tatsächlich. Dankbar schlüpfe ich in die Jeans und hole mir eine Flasche Wasser aus der Vorratskammer. Damit setze ich mich in die Küche und… warte. Es ist erst acht. Keine Ahnung, ob Timm ein Langschläfer ist. Aus der Wohnung höre ich auch keine Geräusche, demnach haben es Torben und Diana wohl nach Hause geschafft. Nach einer Weile treibt mich meine Neugier dennoch ins Wohnzimmer.
Es ist verlassen. Keine Spur von meinen anderen Mitarbeitern. Also nur Timm. Ausgerechnet. Mein Handy liegt noch im Wohnzimmer. Ich greife danach, lasse mich auf der Couch nieder, auf dem Tisch davor türmen sich die Bier- und Weinflaschen und eine leere Flasche Wodka. Wow, das haben wir alles getrunken. Kein Wunder, dass mein Kopf gleich explodiert und mein Magen selbst gegen das Wasser rebelliert.
Ich schreibe Torben eine SMS: Nur so aus Neugier: Was macht Timm in meinem Bett?
Zu meiner Überraschung erhalte ich bereits kurz darauf eine Antwort: War zu betrunken, um heimzugehen. Keine Sorge, du warst auch zu betrunken, um noch was mit ihm anfangen zu können.
Wieso hast du ihn nicht mitgenommen und bei sich abgeladen?, schreibe ich zurück.
Selbst zu betrunken und Timm wollte nicht. Bin bei Diana.
Diana wohnt nur ein paar Straßen von hier entfernt. Da hätten sie Timm auch echt mitnehmen können. Aha.
Vielleicht dachten sie, es wäre so am ungefährlichsten. Packen wir den Hetero-Mann zum Homo und den anderen Homo zur Frau ins Bett. Eigentlich ganz clever. Und ein bisschen gespannt, wie Timm auf seinen Aufenthalt bei mir reagiert, bin ich auch. Vielleicht könnte ich es sogar mit Humor nehmen, wenn ich nicht diesen verfluchten Kater hätte.
Langsam leere ich die Flasche Wasser. Danach gehe ich aufs Klo und anschließend in die Küche, um etwas gegen die Kopfschmerzen einzunehmen. Da ich gerade da bin, stelle ich auch gleich die Kaffeemaschine an und schmeiße ein paar Aufbackbrötchen in den Ofen. Als ich den Kühlschrank nach etwas Essbarem durchforste, höre ich leises Schlurfen aus Richtung Schlafzimmer.
Kurz darauf erscheint ein verschlafender, leicht zerknautscht wirkender Timm in der Tür. Seine Haare stehen unordentlich ab und er trägt immer noch kein Hemd. Sein Anblick schockiert mich, weil er so überraschend sexy ist. Trotz seines Alters ist seine Muskulatur ausgeprägt. Dazu kommt ein hübscher, schmaler Steg an dunklen Härchen, der von seinem Bauchnabel in seine Hose führt. Oh Mann.
Um nicht zu starren, widme ich mich wieder dem Kühlschrankinhalt. Die Abkühlung ist ebenfalls willkommen. »Morgen. Hast du Hunger?«
»Nicht wirklich«, krächzt er mit heiserer Stimme. »Aber hast du was zu trinken? Leitungswasser ist auch okay.«
»In der Vorratskammer. Die Tür.« Ich deute mit meiner Hand in die entsprechende Richtung. Dann nehme ich den Käse, der noch essbar aussieht, die Marmelade, die wahrscheinlich ewig hält und eine noch geschlossene Packung Salami aus dem Kühlschrank, lege alles auf den Tisch und setze mich wieder vor meine Teetasse.
»Ich habe auch Kaffee gemacht«, biete ich ihm an.
»Wasser ist erst mal okay.«
»Brauchst du ein Aspirin?«
»Das wäre gut.«
»Liegt hier…« Ich schiebe sie in seine Richtung, als er an den Tisch kommt.
Vorsichtig setzt er sich mir gegenüber auf den Stuhl. Nachdem er die Tablette runtergespült hat, runzelt er die Stirn und reibt sich immer noch verschlafen über die Augen. »Was mache ich eigentlich noch hier?«
Das wüsste ich auch gerne. »Du hast den Heimweg anscheinend nicht mehr gefunden und Torben hat dich in mein Bett gepackt.«
»Oh.« Sein Stirnrunzeln wird tiefer. »Hast du mein T-Shirt irgendwo gesehen?«
»Nein.« Es wäre mir allerdings ganz recht, wenn er sich was überzieht. Nicht, dass ich so etwas nicht gerne sehe. Vielleicht ein bisschen zu gerne und das ist das Problem. Er ist mein Praktikant, verdammt noch mal.
Er zuckt mit den Schultern. »Hab es im Schlafzimmer nirgends gefunden.«
»Komisch. Vielleicht im Bad oder Wohnzimmer?«
»Guck gleich mal.« Er hält sich nun auf beiden Händen abgestützt den Kopf. »Ah… Bin so viel Alkohol wirklich nicht mehr gewöhnt.«
»Gab's auf deiner Reise keinen?«, will ich wissen.
»Zu teuer«, behauptet er.
Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Wäre er in Skandinavien unterwegs gewesen schon eher. Aber… »In Osteuropa?«
»Na ja, nein, aber ich…« Er winkt verlegen ab.
Ich belasse es dabei. Auch wenn es mir seltsam vorkommt.
»Die Brötchen sind fertig«, stelle ich nach einer Weile fest. »Also wenn du doch noch Hunger bekommen solltest… Hilft wahrscheinlich auch gegen den Kater.«
Er nickt. »Ich schau erst mal nach meinem Shirt.«
Sollte ich vielleicht auch machen. Aber ich habe keine Lust, mir eins zu suchen. Außerdem bin ich hier zu Hause und habe auch keinen Körper, der irgendwen verführen könnte. Ich kümmere mich daher um die Brötchen, während Timm durch die Wohnung schleicht. Als ich wieder am Tisch sitze und das erste Brötchen aufschneide, kehrt er zurück – immer noch ohne Shirt. »Ich find es nicht.«
»Hm.« Vielleicht hat sich Torben einen Scherz erlaubt. »Wo hast du denn geschaut?«
»Badezimmer, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Flur.« Er zuckt mit den Schultern. »Überall.«
Seufzend greife ich nach meinem Handy und schreibe noch eine SMS: Weißt du, wo Timms T-Shirt abgeblieben ist? Zu Timm meine ich: »Habe jetzt mal Torben gefragt. Willst du erst einmal ein T-Shirt von mir haben?«
»Hm, nicht so wichtig«, meint er und lässt sich wieder auf dem Stuhl nieder. »Will dich nicht beim Frühstück stören.«
Was mich wohl mehr stört… Wobei, nicht direkt stören. Es fällt mir nur schwer, mich auf mein Brötchen zu konzentrieren.
»Greif zu!«, wiederhole ich noch einmal.
»Danke.« Es wirkt ein bisschen genötigt, als er sich ebenfalls ein Brötchen nimmt und es aufschneidet.
Schweigsam belege ich mein eigenes und blicke dabei hin und wieder aus dem Fenster, um nicht Timm anzustarren. Das Handy vibriert. Hoffentlich weiß Torben, wo das Shirt ist.
»Hab's ihm ausgezogen und in die Waschmaschine gesteckt«, lese ich vor. »Diana hat doch Wein drübergekippt. Er hat dein Sofa gerettet.«
»Ah.« Timm runzelt die Stirn. »Stimmt…«
»Mhm.« Ich meine, mich ebenfalls dunkel daran zu erinnern. »Oh mein Gott, wie viel haben wir getrunken?«
»Viel«, antwortet Timm. »Ich schätze, ich nehme dein Angebot mit dem Shirt dann wohl doch an.«
»Wenn Rotwein drauf ist, kannst du deins jetzt vermutlich vergessen«, pflichte ich bei. »Ähm, und danke fürs Sofaretten.«
Ein Lächeln erhellt seine Züge. »Kein Ding.«
Ich stehe auf und verschwinde kurz im Schlafzimmer, um mir ebenfalls ein Shirt anzuziehen und ein weiteres für Timm aus dem Schrank zu kramen. Eins von mir wird ihm kaum passen. Ich habe schmalere Schultern und bin kleiner, es sind aber noch ein paar Sachen da, die Holger nicht mitgenommen hat. Mich befällt ein komisches Gefühl, als ich eins seiner schwarzen Shirts herausziehe. Bis eben haben Kopfschmerzen und Übelkeit die Erinnerung an das letzte Telefonat verdrängt, doch nun…
Ich schlucke und blinzle ein paar Mal, ehe ich es schaffe, das Gefühl zu verdrängen. Kein guter Moment, sich gehen zu lassen, solange Timm noch in meiner Küche hockt. Gestern Abend war schon schlimm genug. Ich will nicht, dass er etwas merkt. Nachdem ich noch einmal tief Luft geholt habe, kehre zu ihm zurück. »Hier, das müsste dir passen.«
»Danke.« Ohne es sich vorher angeschaut zu haben, streift sich Timm das Shirt über. Es steht ihm. Besser sogar als Holger, da es ein wenig enger sitzt und seine Brustmuskulatur betont. Wenn er mir vor fünf Jahren in einem Club begegnet wäre, hätte ich ihn wahrscheinlich angesprochen.
Ich lasse mich wieder am Tisch nieder und beiße von der zweiten Brötchenhälfte ab. »Wie geht es deinem Kopf?«, frage ich dabei.
»Besser, die Tablette wirkt schon«, versichert Timm und nimmt noch einen Schluck von seinem Wasser. »Und… wie geht es dir?«
»Okay. Das Brötchen hilft besser als das Aspirin.« Ich schalte das kleine Radio ein, das auf der Fensterbank steht. Mit der Geräuschkulisse im Hintergrund müssen wir uns immerhin nicht zwangsweise unterhalten.
»Eigentlich… meinte ich nicht den Kater«, sagt Timm zögernd.
Ich werfe ihm einen langen Blick zu und frage mich, wie viel er gestern eigentlich mitbekommen hat und ob Torben und Diana ihm noch mehr erzählt haben. Letztlich kann es mir egal sein, denn: »Geht dich nichts an.«
Timm blinzelt nervös. »Sorry. Ich dachte nur… falls du drüber reden willst.«
»Will ich nicht.« Erst recht nicht mit ihm.
»Okay.« Er konzentriert sich auf sein Brötchen.
Das Schweigen, das damit entsteht, ist trotz musikalischer Untermalung sehr unangenehm. Es wird durch das Radio sogar noch schlimmer. Ich seufze leise. »Nimm es nicht persönlich. Über solche Dinge rede ich generell nicht mit Menschen, die ich erst seit einer Woche kenne.«
»Ja, schon klar«, versichert er rasch. »Ich wollte nicht neugierig sein. War dumm von mir, es zu erwähnen. Nur, ich wusste nicht, ob's vielleicht irgendwie unaufmerksam ist, nicht zu fragen.«
Nicht direkt dumm. Nur etwas taktlos. Gott, er ist noch so jung. So etwas lernt man wohl erst mit etwas mehr Erfahrung in der Erwachsenenwelt. Ich winke ab. »Vergiss es einfach.«
»Okay.« Er blickt nicht von seinem Brötchen auf. Doch Appetit scheint er nicht darauf zu haben, da er es nur mit einer Scheibe Salami belegt hat.
Mühsam versuche ich, mich auf ein angenehmeres Thema zu besinnen. »Ich habe ein ganz gutes Mittel gegen Weinflecken. Soll ich versuchen, dein Shirt zu retten?«
»Musst du nicht.«
»Die Couch wäre schlimmer gewesen. Sieh es als Dankeschön.«
»Okay, wenn du möchtest«, gibt er nach.
»Und… noch Pläne für heute?«, will ich in einem möglichst unverfänglichen Tonfall wissen.
Timms Blick richtet sich ebenfalls aus dem Fenster zum Himmel. »Denke, das Wetter genießen und mich vom Kater erholen.«
»Machst du eigentlich Sport?«
Nun schaut er mich plötzlich wieder an und wirkt ertappt. Für einen Moment sieht es so aus, als käme mehr Farbe in seine Wangen. »Ein bisschen Work-out. Aber ich kann mir momentan kein Studio leisten, darum mache ich es nur zu Hause oder draußen. Außerdem übe ich Parkour.«
»Parkour? Das ist dieses Hindernislaufen in der Stadt, oder?«
»Ja.«
»Bist du gut?«
»Ich fange gerade erst damit an.«
»Wo trainierst du das?«
»Überall, wo es sich anbietet. Am besten wäre eine Sporthalle, aber ein Spielplatz ist auch okay. Abends halt, wenn keine Kinder mehr da sind.«
Ich nicke.
»Und du?«, fragt er zurück. »Was machst du für Sport?«
»Nur langweiliges Joggen.«
»An der Alster?«
»Auch. Oder im Stadtpark.«
Er nickt und schiebt sich das restliche Brötchen in den Mund. Nach ein paar Kaubewegungen, schluckt er und spült mit etwas Wasser nach. »Also… Ich hau mal ab. Danke für alles und bis morgen.«
»Da nicht für.« Ich setze ein müdes Lächeln auf. »Bis morgen.«
Mit Timms Verschwinden kehren meine Gedanken unaufhaltsam zu Holger und unserem verpatzten Gespräch vom Vorabend zurück. Ich greife erneut nach meinem Handy und schicke ihm eine SMS. Meinen Stolz völlig vergessend. Ich vermisse dich schrecklich und es tut mir leid, dass ich mich gestern so aufgeführt habe. Meld dich bitte, wenn du zu Hause bist.