Kaffeekavalier
Kapitel 4
Holger und ich haben nicht geredet. Aber immerhin hat er mir noch eine SMS zurückgeschrieben, die mich ein wenig beruhigt hat.
Ich bin einfach zu kaputt, Schatz, wir streiten uns eh nur wieder, wenn ich so müde bin. Lass uns morgen reden. Ich bin nicht mehr sauer.
Das lässt mich den Montag besser überstehen. Im Kundenkontakt bin ich ohnehin immer professionell und ausgeglichen. Ich lege Wert darauf, dass meine persönlichen Gefühle meine Arbeit nicht beeinflussen. Nur mit den Kollegen ist das manchmal etwas schwierig, insbesondere, wenn sie so gut über meine persönlichen Gefühle Bescheid wissen wie Torben und Diana.
Natürlich versuchen die beiden herauszufinden, ob es mir wieder besser geht. Ich behaupte, dass Holger und ich uns schon gestern kurz ausgesprochen hätten.
»Also doch kein baldiges Ende eurer Beziehung?«, will Diana wissen.
Ich bin mir sicher, dass ich nur Torben das gestanden habe. Daher sehe ich sie mit hochgezogenen Augenbrauen an und wende mich zum Gehen. »Nein, wohl nicht.«
Als ich bei Torben vorbeikomme, der gerade den Nacken eines Kunden ausrasiert, raune ich ihm leicht bitter zu: »Du bist eine verdammte Tratsche, Täubchen.«
Er sieht ein wenig schuldbewusst aus, scheint es sich aber nicht allzu sehr zu Herzen zu nehmen, da er mir zuzwinkert. Ich unterdrücke ein Seufzen und wende mich an Timm, der etwas nutzlos in einer Ecke herumsteht und Torben beobachtet. Es gibt gerade nichts zu fegen und alle Kunden sind versorgt. »Hey, Timm, komm mal kurz mit, ich zeig dir, wie die Kasse funktioniert.«
»O-okay«, beeilt er sich zu sagen. »Cool.«
Er wirkt etwas nervös, während er neben mir steht und ich ihm den Prozess und das Gerät erkläre. Es ist ganz einfach, daher hoffe ich, dass er es beim ersten Mal begreift. »Alles klar?«
»Denke schon«, bestätigt er. »Was ist mit Trinkgeld?«
Ich zeige ihm die Sparschweinchen unter dem Tresen. »Torben hat das türkisfarbene, Diana das rosafarbene und ich das grüne. In der Regel gibt der Kunde einen größeren Schein und sagt dir, wie viel er zurückhaben möchte. Den Differenzbetrag tust du in die Spardose von demjenigen, der ihn betreut hat. Manchmal geben dir die Kunden auch etwas vom Wechselgeld zurück. Pass nur auf, dass du es in das richtige Schweinchen steckst. Kriegst du das hin?«
»Denke schon«, sagt er wieder und nickt.
Prüfend sehe ich ihn von der Seite an. Irgendwie gefällt mir nicht, wie er die Kasse ansieht. Befangen. So, als würde er sich nicht trauen. Vielleicht ist es doch noch zu früh für ihn.
»Ich setze dich hier nur ein, wenn viel los ist«, erkläre ich. »In der Regel kassiert jeder lieber selbst ab. Schau dir jetzt bitte mal die Preisliste an und lern sie auswendig. Zwischendurch kannst du weiter fegen. Und wenn du fertig bist mit den Preisen, kannst du dir auch gerne den Terminkalender anschauen.«
»Mach ich.«
»Gut. Bei Fragen meld dich.« Ich lächle ihm flüchtig zu und kehre zu meinem Kunden zurück. Als ich noch einmal über die Schulter blicke, beugt sich Timm mit gerunzelter Stirn über die Preisliste und scheint sie sich einzuprägen. Ganz der fleißige Praktikant.
Um zehn nach acht verlässt uns der letzte Kunde. Torben und Diana sind schon gegangen. Ich habe auch nichts Dringenderes zu tun, als endlich nach Hause vor meinen Laptop zu kommen. Doch noch ist Timm damit beschäftigt, die letzten Haare aufzufegen. Ich kümmere mich rasch um die Kasse.
»Eike, kann ich dich noch was zum Terminkalender fragen?«, will Timm zurückhaltend wissen. »Es ist irgendwie ziemlich chaotisch und ich kapier's nicht so richtig.«
»Morgen, okay?«, bitte ich ihn. »Ich muss jetzt heim.«
»Oh, okay.« Er nickt. »Kein Problem, hat Zeit.«
»Gut.«
Er zögert noch einen Moment und spielt dabei mit dem Besen in seiner Hand. Doch schließlich gibt er sich einen Ruck und bringt ihn weg. Mit seiner Jacke kommt er schließlich zurück in den Salon, wo ich schon an der Tür warte, um hinter ihm abzuschließen.
»Danke, dass du mir heute das mit der Kasse und so gezeigt hast«, meint er plötzlich.
»Du wolltest doch mehr lernen.«
»Ja, eben, danke«, wiederholt er und lächelt mich plötzlich an. »Bis morgen.«
Ich runzle leicht die Stirn. Ich werde aus dem Jungen immer noch nicht schlau. Das mit der Kasse war doch nichts Besonderes. »Bis morgen, Timm.«
***
»Du arbeitest einfach zu lang, Schatz«, rügt mich Holger nachsichtig.
Ich liege mit ihm zusammen im Schlafzimmer. Na ja, mit meinem Laptop. Diesmal hat es mit dem Skype endlich geklappt. Er ist schon im Bett, deshalb habe ich ihn mit in meins genommen. Ich kann mich gar nicht an ihm sattsehen.
»Du bist der mit den unmöglichen Schichten«, erinnere ich ihn lächelnd und sehne mich danach, über seine leicht behaarte Brust zu streicheln. »Aber es ist schön, dich zu sehen.«
»Mhm, finde ich auch.« Er neigt den Kopf zur Seite. »Zieh das blöde Hemd aus, Süßer.«
»Du kommst ja gleich zur Sache«, stelle ich fest, tue ihm jedoch den Gefallen. Immerhin weiß ich es auch zu schätzen, dass er seins erst gar nicht anhatte.
Er seufzt leise, als ich mich anschließend wieder vor der Webcam positioniere. »Die Hose als Nächstes.«
»Du deine aber auch.« Eigentlich dachte ich, dass wir vorher noch ein bisschen reden. Aber jetzt mag ich auch nicht mehr warten. Es ist so lange her. Auch wenn es nicht wirklich mit echtem Sex mithalten kann.
»Ich will dich ganz sehen. Kannst du den Laptop ein bisschen weiter wegschieben?«, fragt er und tut selbiges für mich auf seiner Seite.
Ich teste es und lege mich so hin, dass er alles von mir sehen müsste von den Knien angefangen. Ich denke, auf meine Füße kann er verzichten. Tatsächlich scheint er zufrieden und schmunzelt leicht, als er mich auf seinem Bildschirm betrachtet. »Gott, ich vermisse dich so sehr«, gesteht er. »Würde dich so gerne anfassen.«
»Wo möchtest du mich anfassen?«, hake ich nach und lasse meine Hände dabei träge über meinen Bauch streichen.
»Überall«, antwortet er schelmisch. »Aber als Erstes würde ich dich aus diesem nervigen Stück Stoff befreien.«
Ich zupfe an meinen Pants. »Das hier meinst du?«
»Mhm, genau. Mach das weg.« Seine eigene Hand streicht zu seinem Schritt und greift sich ungeniert in die Boxershorts, die er trägt. Ich kann seine Hoden für einen kurzen Moment durch die eine Beinöffnung sehen.
Gemächlich streiche ich mit meinen Händen unter den Bund meiner Pants und spiele damit, ehe ich ihn tiefer schiebe. Stück für Stück. Ganz langsam. Gleichzeitig verfolge ich, wie Holgers Hand ihn verborgen durch den weiten Stoff seiner Boxer streichelt.
»Ich will sehen, wie du hart wirst«, ächze ich leise. »Zieh dich aus.«
Deutlich ungeschminkter als ich zieht er den Bund so weit hinunter, dass er sein Geschlecht befreit. Es liegt schwer und pulsierend auf seinem Bauch. Noch nicht ganz hart, aber schon mehr als normal. Ich mag diesen Zustand besonders gern. Mit einem leisen Stöhnen streife auch ich die Pants ganz von meinen Hüften und recke mich sehnsüchtig zur Kamera, damit er sehen kann, was er mit mir anstellt.
Wir geben uns heisere Anweisungen, was wir tun sollen, was wir gerne machen würden und treiben in unserer Erregung immer weiter. Mit niemandem könnte ich dabei so weit gehen wie mit Holger. Er regt mich zu immer neuen Ideen an. Lässt mich Dinge mit mir selbst anstellen, auf die ich selbst nicht kommen würde. Aber für ihn tue ich alles und als er sich schließlich auf seinen angespannten Bauch ergießt, kann auch ich mich nicht mehr zurückhalten und komme mit einem Keuchen.
Als ich wieder die Augen öffne, wischt er sich mit einem Taschentuch sauber. Ich beobachte ihn träge dabei und genieße das Gefühl von Intimität, trotz der vielen Kilometer, die uns gerade trennen.
»Das war schön«, flüstere ich leise.
»Ja.« Er grinst lasziv in die Kamera und zieht den Laptop dichter an sich, während er sich auf die Seite legt. »Du warst sexy wie immer, Süßer.«
Ich tue es ihm nach und sehe ihm in die Augen. Jetzt vermisse ich ihn noch mehr, doch ich will nicht davon anfangen. »Du auch.«
Seine Augen fallen zu, während er immer noch lächelt. »Oh Mann, du hast mich total geschafft. Jetzt bin ich müde.«
»Lass den Laptop noch an, okay?«, bitte ich ihn. »Ich will dir beim Einschlafen zusehen.«
»Du mal wieder«, murmelt er schläfrig, tut mir jedoch den Gefallen.
Wir haben immer noch nicht geredet. Dennoch bin ich glücklich. Da ist ein feiner Trennungsschmerz, der bleibt, aber gerade fühlt es sich nicht mehr ganz so schrecklich an. Ich beobachte ihn sehnsüchtig. Sein Atem wird gleichmäßiger und er seufzt leise. Das macht er immer, kurz bevor er einschläft.
»Gute Nacht«, flüstere ich leise.
»Nacht«, nuschelt er zurück und schließt mit einer trägen Bewegung seinen Laptop. Mein Bildschirm wird schwarz. Seufzend schließe ich das Programm und mache mich sauber. Es ist erst halb zehn. Zu früh zum Schlafen für mich. Blöder Schichtdienst. Morgen geht es ihm vermutlich schon besser. Das sind die ersten Nächte nach der Umstellung, da schläft er immer wie ein Stein.
***
»Wow, da hat aber jemand gute Laune«, stellt Diana schmunzelnd fest, als sie mich beim Kaffeekochen dabei ertappt, wie ich leise das aktuelle Lied auf ihrer Playlist mitsumme. »Hast du dich mit Holger ausgesöhnt?«
»Auch wenn es dich nichts angeht: ja.« Ich zwinkere ihr zu und stelle die Kaffeemaschine an. »Und es war sehr schön.«
Sie schüttelt amüsiert den Kopf. »Okay, sehr gut. Also hältst du das mit der Fernbeziehung noch eine Weile durch?«
»Sieht so aus.«
»Freut mich.« Sie gibt mir einen sanften Knuff in die Seite. »Aber sollte es wieder Stress geben, kannst du gerne mit mir drüber reden. Ich tratsche auch nicht. Versprochen.«
Anscheinend hat sie gemerkt, dass mir Torbens Verrat vom Wochenende nicht gefallen hat. Er hat sich zwar noch dafür entschuldigt und es auf den Alkohol geschoben, aber dennoch habe ich meine Lektion gelernt. So schnell wird kein Abend mit Mitarbeitern mehr bei mir stattfinden.
»Wird hoffentlich erst mal keinen Stress mehr geben«, erwidere ich. »Aber danke.«
Diana ist wirklich eine gute Freundin. Anders als Torben kenne ich sie schon seit über zehn Jahren. Auch in meinem Salon will ich sie nicht missen. Doch eben drum muss ich irgendwo eine Grenze ziehen. Ich habe auch noch Freunde, die nicht für mich arbeiten.
»Morgen!«, grüßt Torben fröhlich und streckt den Kopf in die Küche. »Na, alle schon da und wach? Wo ist Timm? Etwa noch nicht da?«
»Doch. Er kauft gerade Kaffeesahne.« Spöttisch blicke ich über die Schulter zu ihm. »Im Gegensatz zu dir ist Timm immer überpünktlich. Er wartet meistens schon vor der Tür, wenn ich ankomme.«
»Im Gegensatz zu mir hat er den Job ja auch noch nicht«, entgegnet Torben und lacht. »Aber wenn du mich fragst, sollten wir ihn übernehmen. Er hält das immerhin schon eineinhalb Wochen durch.«
»Er hat noch zweieinhalb Wochen, in denen er sich beweisen muss.« Aber insgeheim denke ich auch, dass ich ihn sicher nehmen werde, wenn er nur halb so strebsam weitermacht. Als Praktikant ist er bisher der beste. Er ist einfach reifer, das merkt man.
Da ist aber auch immer noch etwas, das ich nicht so recht einordnen kann. Er hat manchmal so eine Art Unsicherheit. Er ist so übervorsichtig in seinem Verhalten und will uns unbedingt gefallen. Das, gepaart mit seinem sonst so coolen Auftreten und dem ramponierten Äußeren… Es passt nicht zusammen. Seine Augen wirken oft so unruhig. Irgendetwas daran ist faul. Es ist nichts, dass ich ihm anlasten möchte. Aber ich finde ihn merkwürdig.
Er hat mir heute das T-Shirt zurückgebracht. Es war gewaschen und gebügelt. Seins hängt noch knittrig bei mir auf der Leine. Ich frage mich, ob ich es auch bügeln muss. Aber darauf habe ich keinen Bock. Immerhin ist es sauber geworden.
Mein erster Kunde betritt den Laden. Er ist neu, zumindest kann ich ihn nicht einordnen. Seine blonden Haare sind recht langweilig geschnitten, aber mir gefällt, was er anhat, nachdem er seine Jacke abgelegt hat. Die Jeans sitzen verdammt gut. Er ist hundertprozentig schwul. Olaf heißt er, laut Termineintrag. Da Torben den gemacht hat, hat er keinen Nachnamen. Darüber muss ich mit ihm auch noch einmal ein Wörtchen reden. Später.
»Hallo«, begrüße ich Olaf und begleite ihn zu seinem Stuhl. »Was soll denn gemacht werden?«
»Hi«, grüßt er zurück und lächelt. »Man hat mir geraten, dir keine Vorgaben zu machen, sondern einfach mein Glück in deine Hände zu legen. Ich denke, das war ein guter Tipp.« Er deutet auf seine Frisur. »Es kann nur besser werden, oder?«
Kritisch betrachte ich seinen Schopf. Eigentlich sieht der Haarschnitt ganz ordentlich aus. Er passt nur gar nicht zu ihm. Zu langweilig. Sein Gesicht ist nicht besonders markant. Mit einer auffälligeren Frisur wäre er vermutlich schon eher ein Hingucker.
»Wer hat dir denn den Tipp gegeben?«, hake ich nach. Mundpropaganda ist immer toll und ich wüsste gerne, wem ich den Neuzugang zu verdanken habe. Vielleicht bekomme ich so auch eine bessere Idee, was wirklich zu ihm passt.
»Lennard«, antwortet Olaf. »Braune, wellige Haare. Trägt meist einen Hut.«
»Ach, Lenny?« Ich lächle. »Und er hat dich hergeschickt und gesagt, dass du mir vertrauen sollst?«
»Genau.«
Das geht runter wie Öl. Lennard ist ein sehr stilsicherer Mann, einer meiner Lieblingskunden. Ich darf häufig neue Ideen bei ihm ausprobieren. Er hat tolles Haar. Sehr gepflegt. Umso mehr freut es mich, dass er meinen Salon weiterempfiehlt.
»Hmmm…« Ich überlege und betrachte dabei Olafs Haarstruktur, suche nach Wirbeln und wäge ab, was zu seiner leicht eckigen Gesichtsform am besten passt. »Also am liebsten würde ich…«
Ich beschreibe ihm, was ich mir vorstellen kann, und erkläre ihm auch warum. Er ist sehr nachgiebig und stimmt einfach zu. Während ich an ihm arbeite, erkundige ich mich beiläufig, woher er Lennard kennt und betreibe ein wenig Small Talk mit ihm. Es ist leicht. Ein angenehmer Typ. Mir allerdings ein bisschen zu nett. Ich mag Ecken und Kanten.
Zwischendurch kommt Timm zurück und versorgt ihn mit frischem Kaffee. Als Olaf ihm einen zweiten Blick durch den Spiegel zuwirft, runzelt er leicht die Stirn, als würde er ihn kennen und versuchen, ihn einzuordnen. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit sieht Timm nicht zu, wie ich Olaf frisiere. Er verschwindet in der Küche und räumt den Geschirrspüler aus.
Im ersten Moment denke ich mir nichts dabei, doch als ich Olaf ein paar Strähnchen zum Aufhellen seiner Haare machen will und Timm in der Küche entdecke, als ich sie betrete, merke ich auf. »Ist was, Timm?«
»Nein, wieso?«
»Ich denke, du könntest mal wieder fegen«, stelle ich fest.
»Oh ja, klar…« Er wirkt angespannt, als er aus der Küche verschwindet.
Stirnrunzelnd sehe ich ihm nach und bemerke, wie auch Olafs Blick ihm durch den Spiegel folgt. Timm hingegen vermeidet es, zu Olaf zu sehen. Nicht mal die neue Frisur weckt sein Interesse. Merkwürdig.
Ich rühre die Farbe an und kehre damit zu Olaf zurück. Möglichst beiläufig frage ich: »Woher kennt ihr euch eigentlich?«
»Hm?« Olaf wirkt ertappt.
»Timm, unser Praktikant, und du«, erkläre ich und lächle unbelastet. »Ihr wirkt so, als würdet ihr euch kennen.«
»Nein«, behauptet Olaf rasch. »Er hat mich nur an wen erinnert.«
Ich glaube ihm nicht. Aber es scheint keine angenehme Begegnung gewesen zu sein. Vielleicht hat Olaf ihn angemacht, das könnte ziemlich in die Hose gegangen sein. Ich mag mir nicht vorstellen, wie ein Junge wie Timm auf so etwas reagiert. Erst recht, wenn seine coolen Freunde danebenstehen.
»Was machst du eigentlich beruflich?«, frage ich unverfänglich.
»Ich bin Headhunter bei einer Recruiting-Agentur.«
»Wird immer wichtiger, oder?«
»Ja, vor allem in den hochqualifizierten Bereichen«, stimmt er zu. »Also Ingenieure und dergleichen. Es gibt zu wenige. Sie sind sehr gefragt.«
»Als Friseur hat man das Problem weniger«, erkläre ich erheitert.
Er grinst. »Wer weiß. Wenn du jemanden willst, der in einem anderen Salon arbeitet… Ich könnte ihn vermutlich abwerben.«
Wirklich interessant ist die Möglichkeit für mich nicht, aber ich unterhalte mich weiter darüber. Nach einer Weile begrabe ich meinen Verdacht, dass Olaf Timm vielleicht über die berufliche Schiene kennen könnte. Er ist weder Lehrer noch Sachbearbeiter beim Arbeitsamt. Und hochqualifiziert ist Timm nun auch nicht gerade.
Am Ende bin ich sehr zufrieden mit Olafs neuer Frisur. Wenn sein Haar etwas länger wird, sieht sie vermutlich noch besser aus.
»Grüß Lenny von mir, wenn du ihn siehst«, bitte ich ihn zum Abschied.
Er lächelt gelöst. »Mache ich. Und danke!«
Sein Trinkgeld kann sich sehen lassen. Der nächste Kunde wartet allerdings schon. Ich lasse ihn noch eine Sekunde länger sitzen und wende mich an Timm. »Kann ich dich mal kurz in der Küche sprechen?«
»K-klar.« Wenn mich nicht alles täuscht, wird er ein bisschen blass.
Ich werde echt neugierig. »Was ist los?«, will ich wissen, als ich die Tür hinter uns geschlossen habe. »Woher kennst du Olaf?«
»Ich kenne ihn nicht.« Timms Augen blicken mich unruhig an. »Wirklich nicht.«
»Und wieso warst du dann so nervös?«, hake ich nach. »Ihm schien es auch unangenehm, dich zu treffen.«
Timm schluckt so laut, dass ich es hören kann. »Aber er hat dir nichts gesagt.«
»Nein.«
»In dem Fall geht es dich nichts an.« Seine Stimme ist leise, nicht frech, aber doch bestimmt. »Es ist privat, okay?«
»Es ist nicht privat, wenn der Kunde eventuell wegen dir nicht wiederkommt«, entgegne ich. »Dann wüsste ich schon gerne, woran es liegt.«
»Er wird wiederkommen, wenn er mit seiner neuen Frisur zufrieden ist. Und das war er. Mach dir keine Gedanken.«
»Also ist es nicht Schlimmes?«
»Nein, nicht schlimm. Nur privat.«
Ich will ihn nicht noch weiter drängen. Es sieht auch nicht so aus, als könnte ich es. Im Gegenteil, je weiter ich nachbohre, desto verstockter wirkt er. »Na gut. Aber wehe, wenn du mich anlügst und es doch geschäftsschädigend ist. Ich will das lieber von dir erfahren als von jemand anderem.«
Timm sieht mich an. »Es ist nicht schlimm. Wirklich.«
Sie haben Kaffeekavalier zu Ende gelesen
A. C. Lelis