Kreuz und Quer: Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 4 von 13

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Kreuz und Quer: Zweiter Band

Drittes Capitel. Die Landung.

»Was zum Teufel mag da los sein?« brummte Bob in den Bart, während er aber nichtsdestoweniger den Bug ihres Bootes in der nämlichen Richtung hielt; »ist die Bürgerwehr ausgerückt, oder sind die Indianer losgebrochen? Seh' ein Mensch die Soldaten an.«

»O, hol' sie der Henker,« brummte Bill, »zu trinken wollen wir haben, und wenn wir das Nest mit Sturm nehmen müßten – steht einmal ein Bischen bei den Lanzen vorn, Mates, daß sie uns auf die nicht springen, wenn sie entern wollten – Mitten hinein zwischen die Lumpe, Bob!«

»'S kann nichts helfen,« nickte Bob, »da sind wir einmal! Wenn nur Einer der blutigen Halunken Englisch spricht, daß man ihnen erklären kann, was man will. Hol' mich Dieser und Jener, da hinten kommt noch ein ganzes Bataillon angesetzt. Steht bei den Halyards, Mates, ich glaube wahrhaftig, die Kerls wollen uns zu Leibe,« und von seinem Sitz aufspringend ergriff er selber eine der Lanzen und stellte sich damit keck und unerschrocken vorn in's Boot neben Bill.

 

D r i t t e s C a p i t e l .

Die Landung.

Bill hatte nicht ganz Unrecht gehabt. Das Boot war so nahe gekommen, daß man schon das Weiße im Auge der am Ufer Stehenden erkennen konnte, die sämmtlich in einer nichts weniger als friedlichen Bewegung schienen. Soldaten – ruppiges Volk, es ist wahr, mit bloßen Füßen und zerlumpten, schmutzigen Uniformen, aber doch mit Seitengewehren und Musketen, oder Lanzen und Messern bewaffnet, sprangen am Ufer hin und wieder, und an der Stelle, auf welche das fremde Boot zuhielt, sammelte sich ein Theil von ihnen und schien in der That, ihre Gewehre im Anschlag, eine Landung der Fremden auf das Entschiedenste verhindern zu wollen. Dazu schrie Alles durcheinander, Keiner hatte da, wie es den Matrosen vorkam, zu gehorchen, Alle nur irgend etwas zu befehlen, und dabei hielten sie die Mündungen der jedenfalls geladenen Gewehre den Seeleuten so drohend entgegen, daß diese, unter anderen Umständen, wahrscheinlich von einer Landung abgesehen und sich irgend einen anderen, friedlicheren Platz dazu ausgesucht hätten. Aber der Durst peinigte sie so furchtbar, daß sie sich eben durch nichts zurückschrecken ließen, und wie nur Bob mit dem Steuerruder Grund fühlte, rief er den Kameraden zu, das Segel niederzuwerfen, und ließ dann, unbekümmert um alle weiteren Folgen, den scharfen Bug ihres Wallfischbootes gerade auf den Sand hinauflaufen. Da waren sie, und eine ganze südamerikanische Armee hätte sie nicht wieder weggebracht, wenn man ihnen nicht vorher zu trinken gab.

Ein rasendes Geschrei entstand jetzt am Ufer, und einen Augenblick war es wirklich, als ob sich die dunkelhäutigen Bursche – von denen die Meisten aber viel mehr vom Neger als vom Indianer hatten – über sie herstürzen wollten, so wie toll geberdeten sie sich, und dabei schwenkten sie ihre Lanzen und Säbel und schossen sogar einige Gewehre in die Luft ab. Niemand wußte freilich, ob das nur geschah, um sich selber Muth zu machen, oder um die kecken Fremden einzuschüchtern. An das Boot wagte sich aber Keiner, denn die beiden Matrosen, die scharfgeschliffenen Wallfischlanzen in der Hand, standen noch immer regungslos, aber drohend genug im Bug desselben, während ihr finster dreinblickendes Gesicht der Waffe überdieß noch Nachdruck gab.

Endlich schüttelte Bill den Kopf und sich halb zur Seite wendend sagte er: »Hat nun schon Jemand im Leben einen solchen Haufen verrückter Kerle auf einem Platz beisammen gesehen? Verdammt will ich sein, wenn sie selber wissen, was sie wollen, und ich glaube, sie sind nur hier herunter gekommen, um sich einmal ordentlich schreien zu hören.«

Der Bootssteuerer hatte sich indessen aufgerichtet, um irgendwo zwischen den Versammelten einen Menschen zu entdecken, der so aussehe, als ob er ihre Sprache reden könnte, denn eine Verständigung mußte erst erfolgen, ehe sie das Land betreten durften. Da war aber auch nicht Einer von Allen, der eine anständig weiße Hautfarbe gehabt hätte, und Alle trugen krauses, rabenschwarzes Haar und entweder Panamahüte oder Soldatenmützen.

Das Hin- und Herlaufen der Leute am Ufer schien aber doch einen bestimmten Zweck gehabt zu haben, denn aus der inneren Stadt heraus – oder wenigstens die Straße herab, in die sie hinein sehen konnten, kamen ein paar Officiere in Begleitung eines kleinen, sehr geschäftigen Mannes, der wenigstens volle Mühe hatte, mit seinen kurzen Beinen ebenso rasch über den weichen Boden fortzukommen, als seine weit längeren und dazu besser eingerichteten Begleiter.

Jetzt endlich legte sich der Lärm etwas, und Bill, der wohl merkte, daß die Neuankommenden eine Entscheidung herbeiführen würden, hob seine Lanze, stellte sie neben sich in's Boot und stützte sich mit dem rechten Arm daran, während er die Nahenden erwartete.

Wie sich auch bald herausstellte, war jener kleine Mann gerade der Dolmetsch – ein geborner Neugranadienser zwar, aber auch der Einzige in der ganzen Stadt, der etwas Englisch sprach – sich wenigstens mit den Fremden verständigen konnte.

Bob wurde indessen von den Matrosen, da er schon einmal an dieser Küste gewesen und deßhalb auch vielleicht in etwas deren Sitten kannte, zum Sprecher gewählt, und nach einigem Hin- und Herschreien am Ufer, aus dem sie natürlich nicht klug wurden, schien man doch endlich wenigstens zu einem Resultat zu kommen.

Der Dolmetsch war eine kleine dicke, kugelrunde Gestalt, der schon seines Fettes wegen entsetzlich schwitzte, und auch wohl in der Aufregung ein wenig gelaufen war; er kam wenigstens wie gebadet am Ufer an und frug hier, während er sich fortwährend die Stirn, den Nacken und die Handknöchel abwischte, in etwas mürrischem Ton und einem schauderhaften Englisch die Matrosen, wo sie herkämen und was sie hier wollten.

»Wasser!« sagte da Bill lakonisch, »bless your old soul, mate, wir sind so verdurstet, daß uns die Zunge am Gaumen klebt.«

»Aber wo Sie her kämen?«

Bob nahm hier das Wort und erzählte dem kleinen Mann, während die Soldaten neugierig herbeidrängten, mit kurzen Worten ihre Leidensgeschichte – daß sie nämlich ihr Schiff im Nebel an der Küste verloren hätten und dann an das Ufer angelaufen wären, um nicht in See draußen zu verschmachten. Wo sie sich hier befänden, wüßten sie nicht einmal, eben so wenig wie der Platz hieße. Sie wären friedliche Seeleute und bäten nur um einen Trunk Wasser.

Der Kleine wandte sich jetzt gegen die Uebrigen und theilte ihnen das Gehörte mit, wobei eine lebhafte Unterhaltung entstand, denn augenscheinlich hatte man sie Anfangs für etwas ganz anderes gehalten als verschlagene Matrosen – ja man schien ihnen selbst jetzt noch nicht einmal recht zu glauben, und wieder frug sie der Dolmetscher, wie ihr Schiff hieß und wo es wäre. Jetzt aber riß Bill die Geduld und mit trotziger Stimme rief er aus: »Ei zum Wetter auch, Mate, wenn wir wüßten, wo es wäre, säßen wir nicht hier, und glaubt Ihr, daß Leute, die am Verschmachten sind, sich hier herstellen und eine Stunde lang Eure albernen Fragen beantworten sollen? Hat Keiner von Euch einen Schluck zu trinken bei der Hand?«

»Si, Si, Señor, Si!« sagte der kleine Dolmetscher jetzt geschäftig, »Caramba, daran habe ich gar nicht gedacht – arme Teufel haben Durst,« und er rief dabei etwas auf Spanisch den Umstehenden zu, von denen Einige geschäftig fortgingen, um Wasser und Früchte herbeizuholen. Bob übrigens, der wohl sah, daß sie jetzt nichts mehr für ihre Sicherheit zu fürchten hatten, da die Soldaten sich gar nicht weiter um sie bekümmerten, und nur die Frauen und Kinder herbeidrängten, um sie neugierig zu betrachten, rief Bill zu, seine Lanze in's Boot zu legen. Ein Paar sollten dann als Wache darin zurückbleiben und er selber wollte hinauf in die Stadt gehen, um zu sehen, was sich thun ließe und ob nicht doch irgend ein Landsmann, oder wenigstens ein Engländer aufzutreiben wäre, mit dem sie sich besser verständigen könnten.

»O, Señor,« redete da der Bootssteuerer den kleinen Dolmetscher an; »wie heißt denn der Ort hier eigentlich?«

»Die Stadt!« rief dieser erstaunt; »Caramba, Señor, wissen Sie nicht, daß Sie hier in Buenaventura sind?«

»Buenaventura, hm?« brummte Bill, »jetzt sind wir so gescheidt wie vorher, und wo liegt das?«

»Wo das liegt? – Hier,« sagte der Dicke.

»Holzkopf,« brummte Bill vor sich hin; der Bootssteuerer, der aber etwas mehr geographische Kenntnisse hatte und doch wenigstens die ungefähre Höhe wußte, in welcher sie sich auf der Knote befanden, frug noch einmal: »Und sind wir da auf Ecuadorischem oder Neugranadiensischem Gebiet?«

»Ecuador?« rief aber der Kleine mehr entrüstet als erstaunt. »Caracho, amigo, Ecuador wird bald in Neugranada liegen, aber nicht Neugranada in Ecuador. Sobald wir hier im Lande fertig sind, gehen wir hinüber und nehmen uns so viel von Ecuador, wie wir brauchen – aber da kommt Wasser. Nun trinkt, Ihr Leute, wenn Ihr so durstig seid.«

In der That kamen in dem Augenblick eine Anzahl von Frauen, Negerinnen und Indianerinnen, oder wenigstens Mischlingsrace – braune, nicht unschöne Frauen in sehr leichter Kleidung zum Ufer herunter, und während Einige Calebassen mit Trinkwasser trugen, brachten Andere kleine Körbe mit Früchten, Orangen, besonders Bananen, Papayas und sonstige Erzeugnisse des reichen Landes. Die Seeleute sprangen auch mit Jubelruf aus ihrem Boot hinaus und Bill, der eine der Calebassen erfaßt hatte, hob sie an die Lippen und leerte sie fast auf einen einzigen, mächtigen Zug.

Das schmeckte – wenn auch das Wasser eben nicht besonders war – aber nur der, der sich einmal tagelang auf offener See in einem Boot herumgetrieben, oder in dürrer Sandwüste fast verschmachtet ist, weiß, was so ein Trunk Wasser zu bedeuten hat, und wie das durch alle Adern rieselt und zuckt und ordentlich neues Leben in den Körper gießt. Bill hatte auch – während die Uebrigen just gierig über das gebotene Labsal herfielen – eben nur abgesetzt und sich den Mund mit dem Aermel gewischt, als plötzlich eine der Frauen, ein bildhübsches, junges Weib, lichtbraun von Farbe zwar, aber mit vollen und üppigen Gliederformen und doch dabei so zart gebaut, auf ihn zusprang, seine Schulter mit ihrer Hand erfaßte, ihn etwas zurückschob, und als er sie erstaunt ansah, mit zitternder aber lauter Stimme rief: »Guillelmo! o querido! war es recht, daß Du mich so lange verlassen hast?« – und ehe sich Bill von seinem Erstaunen erholen oder nur ein Wort sagen konnte, um das Mißverständniß aufzuklären, warf sie sich an seinen Hals, umschlang ihn stürmisch und küßte ihn wieder und wieder.

»I'll be damned,« sagte Bill ganz verdutzt, während Tom und die übrigen Matrosen laut herausplatzten vor Lachen. Eine Weile mußte er sich auch die Liebkosungen der noch jungen und ganz hübschen Frau gefallen lassen, weil er sie doch nicht mit Gewalt von sich stoßen wollte; endlich aber, wie er nur einigermaßen Luft bekam und fühlte, daß sie etwas in ihrer fast krampfhaften Umarmung nachließ, nahm er ihren einen Arm herunter und sagte, sich in aller Verzweiflung an den noch neben ihnen stehenden Dolmetsch wendend: »Now you Sir, kommen Sie einmal her und sagen Sie der Frau, daß sie unter einem ganz verkehrten Baume bellt.«

»Daß sie was?« sagte der kleine Neugranadienser erstaunt, da er die Redensart weder begriff noch verstand.

»Ich bin gar nicht ihr Mann,« schrie jetzt Bill, der vielleicht glaubte, er höre nur schwer; »ich kenne sie gar nicht, heiße auch nicht Jelmo oder wie sie sagt, und bin überhaupt in meinem Leben noch nicht in der Nachbarschaft hier gewesen. Nun komm', Schatz, und nimm sie mir einmal vom Halse.«

Die Frau hatte ihn noch immer nicht losgelassen, wie aber der Dolmetsch ihr den Sinn der Worte erklärte, die der Weiße gesprochen, fuhr sie erschreckt zurück, sah ihn mit wild verstörten Blicken an und rief: »Was sagt er? – er will mich nicht mehr kennen – dann verläugnet er wohl auch sein Kind? – O, Guillelmo, habe ich das um Dich verdient?«

Bill verstand die Worte nicht, aber die Bewegung der Frau verrieth nur zu deutlich den Sinn derselben – kaum aber hatte der Dolmetsch das Kind erwähnt, während in diesem Augenblick auch eine Negerfrau mit einem prächtigen, couleurten Jungen von vielleicht acht Monaten auf dem Arm herbeisprang, als die übrigen Matrosen in ein wahrhaft diabolisches Gelächter ausbrachen, und Tom, der gerade eine Apfelsine geschält hatte und in die saftige Frucht hineinbiß, daß ihm der Saft an beiden Seiten in den Bart lief, rief lachend aus: »Avast Bill, old fellow, glücklicher Familienvater, und was für eine hübsche gelbe Puppe. – Wer hätte das in ihm gesucht?«

»Ah picaro!« sagte da der kleine Dolmetsch, indem er Bill mit dem ausgestreckten Zeigefinger an die Schulter stieß, »thut so, als ob er kein Spanisch verstünde und will seine eigene Frau nicht einmal kennen. Schelm – aber ist nicht hübsch,« setzte er kopfschüttelnd hinzu, »gar nicht hübsch.«

»Aber ich bin ja in meinem ganzen Leben noch nicht an dieser Küste gewesen,« rief Bill in Verzweiflung, während die junge Frau das Kind seiner Wärterin abnahm und ihm mit einem bittenden Blick entgegen hielt; »verdammt noch einmal, wenn man doch nun gar nicht verheirathet ist und soll dann auf einen Zug eine braune Frau und ein gelbes Kind kriegen.«

»Picaro, Picaro!« schüttelte aber der kleine Neugranadienser noch einmal, nachdem er ein paar Worte mit der Frau gesprochen: »Wie heißt Ihr?«

»Bill,« sagte der Matrose trocken, »oder William, wenn das deutlicher ist.«

»Gut – gut!« nickte der Kleine, »stimmt! – William ist Guillelmo. – Wo kommt Ihr her?«

»Von einem Wallfischfänger, der noch irgendwo in See herumschwimmt – der Teufel weiß, oder kümmert sich darum, wo.«

»Stimmt auffallend,« wiederholte aber der Neugranadienser, »und ist vollkommen richtig – auch dieser Señora Mann stammt aus einem Wallfischfänger, und wir können natürlich nicht wissen, Señor, was Euch früher bewogen hat, auszukneifen, so viel aber ist sicher: das Meer hat Euch wieder zurück in die Arme Eurer Frau geworfen, und unsere Gesetze sind darin viel zu streng und gewissenhaft, um einen Mann nicht zu verpflichten, auch für Weib und Kind zu sorgen. Nehmt also Euer Weib an den Arm, Freund, und geht ruhig mit ihr nach Hause; es ist das Beste, was ich Euch rathen kann.«

»Verdammt will ich sein, wenn ich's thue,« rief aber auch Bill jetzt, der ebenfalls ärgerlich wurde; »was zum Henker schiert mich denn die Person? Ich habe mit dem braunen Frauenzimmer nichts zu thun und kann überhaupt gelbe Kinder nicht leiden.«

»Aber Bill,« sagte da Bob, dem die Sache ungeheuren Spaß zu machen schien, »das ist nicht hübsch von Dir, daß Du Deine Frau verläugnest – pfui, schäme Dich.«

»O, geh' zu Gras,« brummte Bill, der Neugranadienser aber rief: »Seht Ihr wohl? Eure eigenen Kameraden finden das schlecht, Señor. Wenn Ihr aber auch ein Fremder seid, sobald Ihr Euch in Neugranada verheirathet, steht Ihr unter unseren Gesetzen, und daß diese mit leichtfertigem Volk nicht spaßen, davon, dächte ich, hätten wir gestern ein Beispiel gehabt, wo hier in Buenaventura drei Mosqueraner erschossen wurden. Die Stadt ist in Belagerungszustand erklärt, und viel Umstände werden eben nicht gemacht.«

Noch während er sprach, hatte sich eine Menge Frauen jeder Farbe um das junge Weib gesammelt und mit Theilnahme ihren Bericht angehört, daß sie hier unter den Fremden ihren verloren gegangenen Mann wiedergefunden habe, der sie aber jetzt verleugne und nichts von ihr wissen wolle. Frauen nehmen unter solchen Umständen natürlich augenblicklich Partei, und es gibt Dinge, in welchen das schwache Geschlecht besonders stark ist.

»Was?« schrieen ein paar Negerfrauen, »so ein schlechter Kerl will nichts von seiner Frau wissen – und mit solch' einer Puppe von einem Kind, und thut auch noch, als ob er sie nicht einmal kennte? Ah, so ein Rabenvater! so ein Scheusal!«

Die Aufregung wuchs unter den Bewohnern; außerdem strömten immer mehr Soldaten hinzu, und das Ganze fing schon an den Charakter eines Volksaufstandes zu tragen, der für die Fremden die schlimmsten Folgen nach sich ziehen konnte. Der Bootssteuerer, der einmal in Panama ein paar Monate » [1] becalmed « gelegen und den hitzigen, jähzornigen Charakter des Volkes kannte, hatte bis jetzt kein Wort darein gesprochen. Nun aber schien es ihm doch Zeit, sich in's Mittel zu legen, und Bill's Arm ergreifend sagte er rasch und leise: »Kennt Ihr die Frau wirklich nicht, Mate?«

[1]: Becalmed, wenn ein Schiff wegen Windstille nicht segeln kann.

»Verdammt will ich sein, wenn ich sie je mit Augen gesehen habe!« rief der Matrose – »ich war ja in meinem ganzen Leben nicht in Südamerika, außer einmal acht Tage in Rio de Janeiro.«

»Dann ist es ein Mißverständniß, das sich lösen wird,« fuhr der Seemann fort, »jetzt aber macht keine Umstände – nehmt die Frau am Arm und geht mit ihr nach Hause; es wird sich Alles finden.«

»Na, das nehme mir aber Keiner übel,« rief Bill erstaunt aus. »Ich soll hier Familienvater spielen – und das mit dem gelben Balg –«

»Es hilft Euch nichts, Kamerad,« lachte aber der Bootssteuerer. »Wäret Ihr an Bord der Martha's-vine-yard geblieben, so hättet Ihr jetzt keine Frau.«

Die Bewegungen der Umstehenden wurden indeß immer drohender. Bill warf einen trotzigen Blick nach seinem Boot hinunter und schien nicht übel Lust zu haben, dort hinein zu springen und eine der Lanzen aufzugreifen; aber von denen waren sie schon abgeschnitten, denn eine Masse Volkes hatte sich zwischen sie und das Boot gedrängt, und wohin er auch den Blick warf, starrten ihm wilde, drohende Blicke entgegen. Den übrigen Matrosen wurde selber nicht wohl bei der Sache; was hätten sie auch, unbewaffnet wie sie waren, und außerdem erschöpft und abgemattet, gegen den Menschenschwarm ausrichten wollen! Selbst Bob redete jetzt dem Kameraden zu, sich in das Unvermeidliche zu fügen, und als sich die Frau, in der Angst, daß sie dem Mann etwas zu Leid thun könnten, jetzt noch einmal an seine Brust warf und ihn dringend bat, mit ihr zu kommen, rief er in komischer Verzweiflung aus:

»Well, ob das nicht zu toll ist – aber meinetwegen denn, Jungens, wenn's nicht anders sein kann. So komm', Alte, und vergiß auch den saffranfarbenen Jungen nicht – es ist nur wegen der Couleur, und eigentlich gefiele er mir noch besser, wenn er grün wäre –.« Damit nahm er den Arm der Frau in den seinen, und während ein Theil der Weiber noch über ihn schimpfte, ein anderer aber ihn lobte, daß er seinen Fehler eingesehen, zog Bill, von einer Schaar halb und ganz nackter Jungen gefolgt, seine neue Frau am Arm in die Stadt hinein.