Kreuz und Quer: Zweiter Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 6 von 13

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Kreuz und Quer: Zweiter Band

Fünftes Kapitel. Eine Entdeckung.

»Gut,« nickte Bill vergnügt vor sich hin, denn es war ihm mit der Erledigung dieser Frage jedenfalls ein Stein vom Herzen genommen – »merkwürdig nur, woher Sie wußten, daß ich Bill hieß –«

»Ich hörte Sie von Ihren Kameraden bei Namen nennen,« lächelte die Frau, »und Ihr Gesicht hatte etwas so Offenes und Ehrliches –«

»Dank Ihnen, Madame, sollen sich auch nicht in mir geirrt haben,« nickte der Matrose, »und jetzt, mein schwarzer Schatz, wollen wir unsern Weg antreten, damit ich den Kameraden sagen kann, woher der Wind weht. Der alte Bob ist ein tüchtiger Kerl und kennt auch das Land hier – vielleicht bring' ich ihn mit, daß wir das Weitere noch mit dem besprechen können« – und ohne sich länger aufzuhalten, stieg er wieder auf die Straße hinab, wohin ihm die Negerin folgte, und schritt mit dieser dann gleich darauf durch die Stadt, um jetzt vor allen Dingen seine Bootsmannschaft wieder aufzusuchen.

 

F ü n f t e s K a p i t e l .

Eine Entdeckung.

Unterwegs sprach die Negerin kein Wort mit ihrem Begleiter, schien aber vollkommen gut zu wissen, was sie zu thun hatte, denn sie führte ihn außen an der Stadt herum, wo eine Menge von Negern und Eingebornen beschäftigt waren, theils Bäume zu fällen und damit Verschanzungen oder Verhaue zu bilden, theils Gräben aufzuwerfen, hinter deren Erdwällen sich die Vertheidiger der Stadt decken konnten. Sie frug auch dort, um keinen Verdacht zu erregen, mehrere Leute nach den Fremden – wohin man sie geführt, und schritt dann wieder durch eine enge Straße quer in die Stadt hinein. Erst als sie dort ein breites und düsteres, mit starken Balken aufgeführtes Gebäude passirten, das unähnlich den übrigen nicht auf Pfählen stand, und dessen Fensteröffnungen mit starken eisernen Gittern verwahrt waren, bog sie sich scheu und flüchtig zu ihm über und flüsterte: »das Gefängniß.« Dann schritt sie weiter, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen.

Desto aufmerksamer betrachtete sich aber Bill dafür den unheimlichen, dumpfen Bau, vor welchem vier Soldaten, mit ihren Gewehren im Arm, auf und ab schritten, und es war ihm gerade kein angenehmes Gefühl, wenn er sich dachte, daß er selber durch irgend ein unbedachtes Vorgehen gegen die nun einmal am Ruder befindliche Macht in diese Höhle hineingeworfen werden könnte. Aber was that's: der leichte Sinn des Matrosen half ihm rasch darüber hinweg, und wenn er sich die Soldaten betrachtete, denen er begegnete, mageres, ausgemergeltes, saftloses Volk, mit Knochen, die man zwischen zwei Fingern zerbrechen konnte, so zuckte ihm ein verächtliches Lächeln um die Lippen und er verfolgte um so viel trotziger seinen Weg.

Angenehm ging es freilich nicht, denn ein nichtswürdiger Schlamm lag in den Straßen, den Eingebornen jedoch nicht hinderlich, da sie mit ihren bloßen Füßen bequem hindurchlaufen konnten, während Bill unwillkürlich daran dachte, daß er sein einziges Paar Schuhe hier in sehr kurzer Zeit wohl auftragen würde. Das ließ sich aber nicht ändern; durch mußte er und begriff nur nicht, wo seine Kameraden hingekommen sein konnten, da die Negerin schon an drei, vier Plätzen vergebens nach ihnen gefragt. Da plötzlich, als er eben wieder vor einem großen Gebäude vorüber ging, an dessen Thüre ebenfalls Wachtposten standen, rief eine lachende Stimme von oben herunter: »O, Bill! Du triffst gerade zur rechten Zeit ein, komm' herauf, mein Junge, und lass' Dich mit anwerben; Handgeld haben wir schon gekriegt, und das wird ein fideles Leben.«

»Den Teufel auch,« brummte Bill zwischen den Zähnen durch, als er nach oben sah und auf einer Art von Holzgallerie Tom entdeckte, der ihm äußerst fidel mit der einen Hand zuwinkte und ihm eine Flasche zeigte, die er in der andern trug.

»La casa del gobierno,« sagte die Negerin in spanischer Sprache, indem sie auf das Haus deutete, und als ob sie ihr Amt jetzt erfüllt habe, wandte sie sich ab und schritt die Straße zurück, durch welche sie eben gekommen.

Bill wußte nicht gleich, was er thun sollte, aber allein konnte er doch nicht unten auf der Straße bleiben, und da jetzt auch noch Bob auf die Veranda kam und ihn anrief, und die Schildwachen ihn ebenfalls bedeuteten hinaufzugehen, zog er sich seinen Hosenbund etwas in die Höhe und brummte entschlossen vor sich hin: »Here goes then – fressen können sie Dich auch nicht –« und betrat das Haus, wo er bald eine schmale hölzerne Treppe fand, die in den oberen Stock hinaufführte.

Dort traf er allerdings die Kameraden, aber in einem etwas sehr munteren und aufgeregten Zustand, was vielleicht ein paar auf dem Tisch stehende geleerte Flaschen entschuldigten. Er wurde auch mit Jubel von ihnen empfangen und augenblicklich nach seiner Frau und dem »niedlichen Gelbling,« dem Kleinen, gefragt, zeigte indessen keine besondere Lust, auf den rohen Scherz einzugehen und empfand auch jenes unbehagliche Gefühl, was uns stets ergreift, wenn wir, vollkommen nüchtern, in eine etwas angetrunkene, oder wenigstens von Wein sehr erregte und bunte Gesellschaft kommen. Wir werden dann selber stumm oder müssen uns gewaltsam in die nämliche Aufregung mit hineintrinken.

Unter anderen Umständen würde Bill auch jedenfalls ohne weiteres Zögern das Letztere gethan haben, denn er verschmähte wahrlich kein Glas Grog, wo ihm das auch geboten wurde; aber eine merkwürdige Veränderung war mit ihm vorgegangen; er mußte immer und immer wieder an die junge unglückliche Frau denken, die all' ihre Hoffnung auf ihn gesetzt, und das schien ihm die Lust am Trinken vollständig verleitet zu haben.

Aber so leicht ließen ihn die Kameraden nicht frei, denn selbst der Bootssteuerer, sonst ein ruhiger, gesetzter Mann, der sich bisher noch immer zu den Leuten in einer reservirten Stellung gehalten, schien die Schranken niedergebrochen und sich mit ihrer Flucht vom eigenen Schiff ausgesöhnt zu haben. Ganz ohne zu trinken kam er auch nicht frei; Bob kredenzte ihm die Flasche, und er mußte wenigstens zum Schein einen langen Zug daraus thun, dann aber rückte ihm auch ihr kleiner Dolmetsch zu Leib und erzählte ihm jetzt – ohne die gefundene Frau weiter zu erwähnen, daß seine Kameraden in das tapfere Heer der Godos eingetreten wären, ihrem Präsidenten gehuldigt hätten und jetzt bereit seien, den schurkischen Mosquera mit aus dem Land hinaus zu jagen.

Bill wollte sich nun freilich mit seinen neuen Pflichten als Familienvater – mit der braunen Frau und dem gelben Kind entschuldigen, aber das half ihm nichts. Sie waren Alle Familienväter, wie der Kleine meinte – Manche mit sechs bis acht gelben Kindern, und gerade um ihr Vaterland und ihre Familien zu vertheidigen, zögen sie in den Krieg. Und was für Aussichten hatten die Fremden dabei! Major und General konnten sie werden, oder wenn sie sich zur See auszeichneten, Kapitän und Admiral – und außerdem, wie er hinzusetzte, befanden sie sich hier in einer vom Feind bedrohten, und in Belagerungszustand erklärten Stadt, wo ihnen schon gar nichts Anderes übrig blieb, als mit der Bevölkerung die Waffen zu ergreifen, um ihr eigenes Leben sicher zu stellen.

Bill wollte ihm schon erwiedern, daß ihn die neugranadiensischen Verhältnisse eigentlich gar nichts angingen, und sie mit ihrem Boot eben so gut wieder abfahren könnten, wie sie angekommen wären, als ihm noch zum Glück die gerade erst vorgeschobene »Familie« einfiel. Jetzt war auch nichts zu machen; die eigenen Kameraden mit dem Grog im Kopf redeten ihm zu, und der kleine dicke Werbeoffizier hatte einige Minuten später die Genugthuung, ihm zehn Neu-Granadische Dollars als Handgeld in die breite Faust drücken zu können.

Damit war er zum neugranadiensischen Soldaten geworben, und die nächste Zeit mußte nun entscheiden, ob er zu den Insurgenten oder Regierungstruppen gehörte, denn das hing allein von dem Erfolg der Waffen ab.

An dem heutigen Tag war übrigens mit den frischen Soldaten nichts mehr anzufangen, denn Bob hatte sich auf eine Bank gesetzt und sang eine der endlosen amerikanischen Balladen, die eine Waffenthat aus ihren Seekriegen feierte, während Tom, dessen musikalisches Talent ebenfalls dadurch angeregt sein mochte, neben ihm Platz genommen hatte und ihn durch den Yankee Doodle in anderer Tonart und anderem Takt begleitete. Keiner störte aber dadurch den Anderen, denn sie hörten sich nur selber, und eine Anzahl südamerikanischer Soldaten sammelten sich um sie und horchte dem wunderlichen Duett mit der gespanntesten Aufmerksamkeit.

Bill versuchte jetzt mit dem Bootsteuerer ein Gespräch anzuknüpfen, aber auch das mißlang. Mr. Sikes war in jenes Stadium gelangt, wo die Menschen gerührt werden; er fiel Bill um den Hals, sagte ihm, daß er ihm keinen Groll nachtrage, weil er im Boot Streit mit ihm gehabt, versicherte ihn, daß er ein seelenguter Kerl wäre, und fing dann bitterlich an zu weinen.

Bill setzte ihn auf die Bank neben die beiden Sänger und stieg dann langsam die Treppe wieder hinunter auf die Straße, ohne daß er von irgend Jemanden daran verhindert oder nur gefragt worden wäre, wohin er wolle. Er war jetzt Einer der Ihrigen, und da man die Fremden heute noch nicht brauchte und in ihrem Zustand auch nicht gut brauchen konnte, mochte er eben hingehen, wohin er wollte; fort lief er ihnen doch nicht mehr, so viel war sicher.

Bill dachte jetzt auch in der That an nichts weniger als an Fortlaufen, aber die Trunkenheit der Kameraden widerte ihn an, und außerdem war es auch Zeit geworden, seine jetzige Wohnung wieder aufzusuchen, die er nie im Leben im Dunkeln gefunden hätte – es machte ihm Mühe genug am hellen Tag. Dabei benutzte er aber gleich die Gelegenheit, sich die »Außenwerke« ein wenig näher zu betrachten und überhaupt das Terrain kennen zu lernen; man wußte nie, wie man das einmal gebrauchen konnte.

Merkwürdig, wie das auf den Straßen aussah – der Regen hatte nachgelassen, und der Platz schien ziemlich bewegt, aber von Zehn, die ihm unterwegs begegneten, waren doch Acht sicherlich entweder Soldaten oder katholische Geistliche, und von den Letzteren traf er oft Gruppen von zehn und zwölf zusammen an, die sich auf das Lebendigste in ihrer Sprache unterhielten und nur, wenn er an ihnen vorüber ging, stehen blieben und hinter ihm drein schauten. Er bemerkte auch, daß alle Uebrigen diese frommen Herren ehrfurchtsvoll grüßten, ja selbst die Soldaten zogen, gerade nicht recht militärisch, die Mützen vor ihnen ab, während ihnen sogar die etwa auf der Straße befindlichen Frauen die Hand oder den schwarzen Rock küßten, was sich die Herren auch, als etwas Selbstverständliches, ruhig gefallen ließen. Sonderbar nur, daß sich so viele blutjunge Herren darunter befanden, die gleichwohl alle diese Huldigungen mit dem größten Bewußtsein ihrer Würde hinnahmen. Bill kümmerte sich aber wenig um sie – es fiel ihm nicht einmal ein sie zu grüßen, denn was gingen ihn, als Protestant, die katholischen Geistlichen an; er verfolgte nur ruhig seinen Weg, bis er endlich glaubte, er müsse in der Nähe von Candelaria's Hause sein. Aber die Gegend kam ihm so fremd vor; hatte er sich vielleicht verirrt? Das wäre eine verwünschte Geschichte gewesen, denn er konnte nicht einmal irgend Jemanden nach dem Weg fragen.

Wie er aber noch so dastand und unschlüssig umherblickte, sah er an der anderen Seite der Straße seine Negerin wieder, die ihm zunickte, ihm winkte und dann ohne Weiteres in die nächste enge Gasse einbog. Sie mußte ihn jedenfalls erwartet haben oder ihm vielleicht die ganze Zeit gefolgt sein, wenn er sie auch nicht bemerkt oder auf sie geachtet hatte.

Bill war bisher ein ziemlich derber und eigentlich auch etwas roher Gesell gewesen, wie man denn überhaupt nicht erwarten darf, auf Wallfischfahrern irgendwie feine oder sehr rücksichtsvolle Gesellschaft anzutreffen, und doch überkam ihn ein ganz eigenes, merkwürdiges Gefühl, als er zum zweiten Mal die Leiter an dem kleinen neuen Haus hinanstieg und sich wieder der jungen bildhübschen und doch so unglücklichen Frau gegenüber fand. Schönheit und Unschuld üben aber oft im Leben einen ganz ähnlichen und mächtigen Einfluß aus, und gerade solche derbkräftige Naturen fühlen sich am Leichtesten davon befangen und eingeschüchtert.

Der kleine Bursche war wach, und die Mutter hatte ihn auf dem Schooß und herzte und küßte das Kind, als Bill zum zweiten Mal bei ihr erschien – er war eigentlich gar nicht gelb, wie sich der Matrose jetzt gestehen mußte, sondern hatte nur jenen lichtbronzefarbigen Teint, der den Eingebornen dieser Küstenstriche eigen ist und sie auch in ihrer etwas dunkleren Schattirung vortrefflich kleidet. Und was für ein lieber, herziger Bursche der kleine Kerl war, und wie lieb und madonnenartig die junge Frau aussah, als sie sich über ihn beugte und mit ihm lächelte.

Einem angeschossenen Wallfisch, und wenn er die See im Todeskampf zu Schaum peitschte, wäre Bill mit der größten Ruhe und Entschlossenheit zu Leib gerückt, ja wenn es sein mußte, hätte er den Hai selber mit einem Messer in der Faust in seinem eigenen Element bekämpft. Hier fühlte er sich wie ein Kind, scheu und furchtsam, und als er den oberen Theil des Hauses erreichte und die junge Frau ihm freundlich und unbefangen die Hand entgegenstreckte, wagte er es kaum sie zu fassen, und setzte sich dann in die entfernteste Ecke nieder, um ihr nur ja nicht lästig zu fallen. Und nun erzählte er, was er draußen gesehen, und wie er seine Kameraden getroffen habe, und das arme junge Weib zuckte ängstlich zusammen als sie hörte, daß ihn die Godos in ihre Dienste angeworben hätten.

»Hol' sie der – und jener,« flüsterte aber Bill vor sich hin, als er sah, welchen Eindruck das Geschehene auf die junge Frau machte; »solche Kontrakte gelten nicht, wo die eine Partei die andere erst betrunken machen muß, um sie dahin zu bringen, wohin sie sie haben will. Wenn man gezwungen wird, dient man auch einmal dem Bösen selber – aber nur so lange, als man nothgedrungen muß, und nachher – dreht man den Spieß um.«

»O Du gütiger Gott, wie soll das enden?« seufzte die junge Frau, »wann wirst Du meinem armen Vaterlande den Frieden wieder geben?«

»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen, Madame,« sagte aber der Matrose treuherzig, »wenn wir nur Ihren Mann erst wieder aus dem dumpfen Loch heraus hätten, an dem ich heute vorübergegangen bin. Vor der Hand ist aber gar nichts dabei zu thun, denn erst muß ich mit meinen Kameraden Rücksprache nehmen, was keinesfalls vor morgen geschehen kann. Heute sind sie unzurechnungsfähig und wissen nicht einmal etwas von sich selber, viel weniger von der Welt da draußen. – Und jetzt – es fängt an dunkel zu werden.«

»Dort ist Ihre Hängematte,« sagte die Frau schüchtern, »eine Matte und Decke liegt darin – Sie werden gewiß gut schlafen, denn Mosquitos haben wir hier wenig oder gar keine.«

»Und Sie wollen dann mit dem Kind auf dem harten Boden liegen, nicht wahr?« sagte Bill leise und fast wie vorwurfsvoll; »nein, Madame, daraus kann nichts werden. Bis morgen werde ich schon meine eigene Schlafstelle bequem einrichten, dafür lassen Sie mich sorgen, heute aber leg' ich mich dort in die Ecke – bitte, bekümmern Sie sich gar nicht um mich, und seien Sie versichert, daß ich nicht zu Schaden komme. In die Hängematte legen, ja wohl, und Sie draußen auf den Rindendielen lassen? Weiter fehlte gar nichts. So – nun sorgen Sie nur nicht mehr um mich,« fuhr er fort, indem er sich ohne Weiteres in die Ecke warf, dann seine Jacke auszog, ein Stück Holz herbeischob, auf das er den Kopf legen konnte, und die Jacke dann über sich deckte; »jetzt liege ich vollkommen bequem, und wenn Sie mich nicht wieder wecken, schlaf ich in fünf Minuten wie eine Ratze, denn müde bin ich eigentlich geworden.«

»Aber wie kann ich das zugeben?«

»Zugeben? – Sie können's eben nicht verhindern,« lachte Bill, »und wenn's angegangen wäre, hätte ich Sie nicht einmal heut Abend mehr gestört, aber wie die Sache nun einmal steht, muß ich noch eine Weile unter falscher Flagge segeln – thut mir eben leid, daß es eine falsche ist,« brummte er vor sich in den Bart, legte sich dann auf die Seite, zog sich die Jacke über die Augen und war in wenigen Minuten sanft und fest eingeschlafen.

Wie lange er so gelegen, wußte er nicht, aber mitten in der Nacht – wenigstens noch bei vollkommener Dunkelheit, wachte er durch ein ungewohntes, fremdartiges Geräusch auf, und hörte gleich darauf, als er völlig munter wurde – im Hause etwas flüstern und zischeln.

»Hm,« dachte Bill, »ich will gehangen werden, wenn nicht eben Jemand die Leiter heraufgekrochen ist, und jetzt haben wir Besuch im Haus – so viel ist sicher.«

Er horchte wieder – es war kein Zweifel, daß gerade in der Gegend der Hängematte eine sehr belebte, wenn auch fast lautlose Unterhaltung geführt wurde – nur dann und wann konnte er ein leises Zischeln unterscheiden, und zu gleicher Zeit schlich die Negerin Sarah – er kannte sie an dem vorsichtigen Husten, an den Treppenaufgang, und blieb dort stehen, als ob sie sich gegen irgend eine Ueberraschung verwahren wolle.

»O Weiber! Weiber,« brummte der Matrose vor sich hin und zog sich die Jacke fester über den Kopf – aber es ließ ihn nicht. Wieder mußte er horchen und ein recht häßliches, quälendes Gefühl zuckte ihm dabei durch's Herz. War das Eifersucht? – Aber welches Recht hatte er an die Frau? – Und wenn kein Recht, welche Pflicht dann, sich für sie zu sorgen und zu ängstigen? »Ei zum Teufel,« dachte er weiter, »wenn sie dich so an der Nase herumführt, dann kannst Du die Sache auch nur eben gehen lassen, wie sie geht, und brauchst Deinen Finger wahrlich in keinen heißen Brei hineinzustecken. Hol' sie der Henker.« Und damit legte er sich auf die Seite und wollte wieder einschlafen, aber es ging nicht. War der rauhe Boden zu hart? Du lieber Gott, er hatte schon manchmal viel härter und schlechter gelegen – oder störte ihn das Flüstern? Es war so leise, daß er es kaum unterscheiden konnte und dazu aufhorchen mußte. Am Liebsten wäre er ohne Weiteres aufgestanden und fortgegangen, aber es goß draußen wieder in Strömen, und wohin sollte er in dem fremden Ort, in stockdunkler Nacht und in dem Regen und Schlamm? Unwillkürlich seufzte er tief auf – und dann war plötzlich Alles still und ruhig, und wenn er auch eine Weile lang horchte, konnte er keinen Laut mehr vernehmen.

Darüber mußte er zuletzt wieder eingeschlafen sein, denn tolle, wunderliche Traumbilder kreuzten sein Hirn, und als er die Augen endlich öffnete, schien die Sonne hell und warm durch die halb offenen Seitenwände des kleinen luftigen Hauses.