Leben und Tod des Königs Johann
König Johann. Höre auf, du mißfällst uns…
König Johann. Höre auf, du mißfällst uns mit solchen Reden, und vergissest dich selbst.
Dritte Scene.
(Pandolph zu den Vorigen.)
König Philipp.
Hier kommt der heilige Legat des Papsts.
Pandolph.
Heil euch, ihr gesalbten Stadthalter des Himmels! An dich, König Johann, geht meine heilige Gesandtschaft. Ich, Pandolph, Cardinal Erz-Bischof von Meiland, und Legat des Papsts Innocentius allhier, frage dich in seinem Namen auf dein Gewissen, warum du gegen die Vorrechte der Kirche, unsrer heiligen Mutter, den erwählten Erz-Bischof von Canterbüry, Stephan Langton, so vorsezlicher und gewaltthätiger Weise von diesem heiligen Stuhl zurükstossest? Dieses ists, was in unsers vorbesagten heiligsten Vaters, Papsts Innocentius, Namen, ich dich fragen soll.
König Johann. Was für ein irdischer Name kan den freyen Athem geheiligter Könige zu Fragstüken anhalten? Du kanst keinen schlechtern, unwürdigern und lächerlichern Namen erdenken, Cardinal, um mich zu einer Antwort zu vermögen, als des Papsts seinen. Sag ihm das, und seze noch dieses aus Englands Mund hinzu, daß wir nicht gestatten werden, daß ein Italiänischer Priester Zehnden oder Zoll in unsern Gebieten einziehe; sondern, so wie wir in unsern Reichen, unter dem Himmel das oberste Haupt sind, so wollen wir auch unter ihm, diesem grossen Oberherrn, allein und ohne Beyhülf einer sterblichen Hand, dieses unser Ansehen behaupten. Sagt das dem Papst, mit Beyseitsezung aller Ehrfurcht gegen ihn und seine anmaßliche Autorität.
König Philipp.
Bruder von England, ihr lästert indem ihr so sprecht.
König Johann. Ob gleich ihr und alle Könige der Christenheit euch von diesem unruhigen Priester auf eine grobe Art hintergehen laßt, daß ihr einen Fluch fürchtet, der sich mit Geld abkauffen läßt, und durch das Verdienst von abschäzigem Gold, Quark, Staub, verfälschten Ablaß von einem Menschen erkauft, der bey diesem Handel den Ablaß sich selber abkauft, ob gleich ihr und alle übrigen, euch so grob betrügen laßt, diesen heiligen Taschenspieler mit Einkünften zu überhäuffen; so hab ich doch Muth, ich allein, mich dem Papst entgegenzusezen, und halte seine Freunde für meine Feinde.
Pandolph. So sey dann du, kraft der rechtmäßigen Gewalt die ich habe, mit dem Fluch und Bann der Kirche belastet; und gesegnet soll der seyn, der sich wider seine Lehenspflicht gegen einen Kezer empört; und verdienstlich soll die Hand genennt werden, canonisirt und als heilig verehrt, die, durch was für ein Mittel es auch sey, dir dein verfluchtes Leben nimmt.
Constantia. O laß es erlaubt seyn, daß mir Rom eine Weile Plaz mache, ihm zu fluchen. Guter Vater Cardinal, sprich du Amen zu meinen Flüchen; denn ohne eine Kränkung, wie die meinige, ist keine Zunge, die Gewalt hat, ihm recht zu fluchen.
Pandolph. Hier, Lady, ist die gesezmäßige Vollmacht, die meinen Fluch rechtmäßig macht.
Constantia. Ist es der meinige minder? Wenn das Gesez kein Recht thun kan, so laßt rechtmäßig seyn, daß das Gesez kein Unrecht hindre; das Gesez kan meinem Kinde hier sein Königreich nicht geben; denn der, der von seinem Königreich Meister ist, ist Meister vom Gesez; da nun das Gesez selbst vollkommnes Unrecht ist, wie kan das Gesez meiner Zunge verbieten zu fluchen?
Pandolph. Philipp von Frankreich, wenn du nicht selbst in den Bann fallen willst, so laß die Hand dieses Erz-Kezers fahren, und biete die ganze Macht von Frankreich wider ihn auf, es wäre dann, daß er sich unter Rom demüthigte.
Elinor.
Wirst du blaß, Frankreich? Laß deine Hand nicht gehen.
Constantia.
Habe Sorge, Teufel, damit Frankreich sich nicht ändre, und durch Zurükziehung seiner Hand die Hölle eine Seele verliehre.
Östreich.
König Philipp, gieb dem Cardinal Gehör.
Faulconbridge.
Und häng' ein Kalbsfell um seine ehrlosen Schultern.
Östreich.
Gut, Galgenschwengel, ich muß diese Beleidigungen einsteken, weil—
Faulconbridge. deine Hosen weit genug dazu sind, sie zu tragen.
König Johann.
König Philipp, was sagst du zu dem Cardinal?
Constantia.
Was kan er anders sagen, als wie der Cardinal.
Ludwig. Bedenket euch, Vater; die Frage ist, ob ihr euch den schweren Fluch von Rom, oder den leichten Verlust von Englands Freundschaft zuziehen wollt; wählet das leichteste Übel.
Blanca.
Das ist Rom's Fluch.
Constantia. Ludwig, halte fest; der Teufel versucht dich hier in Gestalt einer schmuken jungen Braut.
König Johann.
Der König ist unruhig, und giebt keine Antwort.
Constantia (zu Philipp.)
O entfernt euch von ihm, und antwortet recht.
Östreich.
Thut das, König Philipp, hängt nicht länger im Zweifel.
Faulconbridge.
Häng nichts als ein Kalbsfell, du allerangenehmste Laus.
König Philipp.
Ich bin ganz in Verwirrung, und weiß nicht was ich sagen soll.
Pandolph. Die Verwirrung würde noch grösser seyn, wenn du exkomunicirt und verflucht würdest.
König Philipp. Guter ehrwürdiger Vater, sezet euch an meine Stelle, und saget mir, was ihr thun würdet? Diese königliche Hand und die meinige sind nur erst zusammengefügt, und eine innerliche Vereinigung unsrer Seelen durch ein feyrliches Bündniß und die ganze Stärke geheiligter Eydschwüre unauflöslich gemacht worden. Der lezte Athem, den unsre Lippen zu Worten bildeten, war festgeschworne Treue, Friede, Freundschaft und aufrichtige Liebe zwischen uns und unsern Königreichen. Und unmittelbar vor diesem Friedenschluß, nicht länger als daß wir zu Beschwörung desselben die Hände waschen konnten, waren sie, der Himmel weiß es, mit neuvergoßnem Blut beflekt. Und sollen nun diese Hände, die nur erst davon gereiniget, nur erst in Freundschaft zusammengefügt worden, sich wieder trennen, die beschworne Treue brechen, und des Himmels spotten? Sollen wir so unbeständige Kinder aus uns selbst machen, einen Augenblik darauf wieder unsre Hände zurükzuziehen? Soll die beschworne Treue wieder abgeschworen, und das Brautbette des lächelnden Friedens von blutigem Krieg zertreten werden? O heiliger Mann, mein ehrwürdiger Vater, laßt es nicht so seyn! Erfindet, rathet, schlaget einen gelindern Weg vor, und wir wollen uns glüklich schäzen, euch zu willfahren und Freunde zu bleiben.
Pandolph. Alle Form ist unförmlich, und jeder Weg ein Irrweg, der nicht der Freundschaft mit England entgegensteht. Zu den Waffen also; sey der Verfechter unsrer Kirche, oder die Kirche unsre Mutter wird ihren Fluch über dich aussprechen, den Fluch einer Mutter über einen rebellischen Sohn. Frankreich, es wäre dir besser eine Schlange bey ihrer Zunge, einen ergrimmten Löwen bey seiner mördrischen Taze, einen hungernden Tyger bey seinen Zähnen zu halten, als in Freundschaft diese Hand zu halten, die du hältst.
König Philipp.
Ich kan wohl meine Hand aber nicht meinen Eyd zurük ziehen.
Pandolph. Du machst also die Pflicht zu einem Feind der Pflicht und sezest, wie in einem Bürger-Krieg, Eyd gegen Eyd, und Versprechen gegen Versprechen. Hast du nicht dein erstes Gelübde dem Himmel gethan, nemlich ein Beschüzer unsrer Kirche zu seyn, und muß dieses nicht zuerst erfüllt werden? Was du seitdem geschworen hast, ist wieder dich selbst geschworen, und kan nicht von dir vollzogen werden; denn wenn du geschworen hast unrecht zu thun, so besteht das Unrecht darinn, wenn du deinen Schwur hältst; und wenn du ihn nicht hältst, wofern ihn zu halten unrecht ist, so kanst du deine Pflicht nicht besser halten, als wenn du ihn nicht hältst. In diesem Fall ist das Rechtmäßigste, zweymal Unrecht zu thun; es scheint unrecht, aber das Unrecht wird dadurch wieder recht, und Untreue heilt Untreue, wie Feuer in den gerösteten Adern eines Menschen, der verbrennt wird, das Feuer kühlt. Die Religion ist es, was beschworne Gelübde halten macht; allein du hast wider die Religion geschworen; du schwörst bey etwas, wider welches du schwörst, und machst einen Eid zur Sicherheit deiner Treue, gegen einen Eid, dessen Treue du dadurch unsicher machst. Wenn man schwört, so schwört man ja allein, daß man nicht meineidig seyn soll; was für ein Gespötte wär' es sonst zu schwören? Du aber schwörst allein, um falsch zu schwören; und bist meineidig, wenn du hältst was du geschworen hast.* Dein lezter Eid, den du gegen deinen ersten geschworen hast, ist also in dir selbst eine Empörung gegen dich selbst. Und du kanst nimmermehr einen bessern Sieg davon tragen, als wenn du dein beßres Selbst gegen diese eiteln schwindlichten Eingebungen waffnest; wozu unser Gebet, wenn du es annehmen willst, dir beystehen soll. Wo nicht, so wisse, daß unsre Flüche so heftig auf dich blizen sollen, daß du nicht vermögend seyn wirst sie abzuschütteln, sondern unter ihrer schwarzen Last in Verzweiflung sterben wirst.
{ed.-* In dieser langen Rede läßt Shakespeareden Legaten seine Geschiklichkeit in der Casuistik zeigen; und das abentheurliche Gemengsal von Wortspielen und Non-sens, woraus sie besteht, soll, nach seiner Absicht die Scholastische Dialectik lächerlich machen. Wenn der Legat, wie im Verfolg des Stüks geschieht, als ein Staatsmann redet, spricht er aus einem ganz andern Ton; und ich vermuthe, die Absicht war zu zeigen, daß die Römischen Höflinge ungleich bessere Politici als Theologi seyen. Warbürton.}
Östreich.
Rebellion, offenbare Rebellion—
Faulconbridge.
Kan es denn nicht seyn? Ist denn kein Kalbsfell da, das dir dein Maul stopfen kan?
Ludwig.
Vater, zu den Waffen.
Blanca. An deinem Hochzeit-Tage? Wider das Blut, mit dem du dich vermählt hast? Wie? Sollen erschlagne Menschen unserm Fest beywohnen? Sollen brausende Trompeten und lautlermende Trummeln, den Tact zu unserm hochzeitlichen Gepränge geben? O höre mich, mein Gemahl, (o Himmel! wie neu ist dieses Wort in meinem Munde!) um dieses Namens willen, den meine Zunge izt zum erstenmal ausspricht, auf meinen Knien, bitt' ich dich, ergreiffe die Waffen nicht gegen meinen Oheim.
Constantia. O, auf meinen Knien bitte ich dich, und sollt ich so lange knien, bis sie hart würden, du tugendhafter Dauphin, wende die vom Himmel zugedachte Rache nicht ab.
Blanca.
Izt ist die Gelegenheit, da du mir deine Liebe beweisen kanst; was für ein Beweggrund kan mehr bey dir gelten, als der Name einer Gemahlin?
Constantia.
Das was ihn und dich aufrecht erhält, seine Ehre. O deine Ehre, Ludwig, deine Ehre!—
Ludwig.
Ich erstaunen wie Euer Majestät so kalt seyn kan, da so wichtige Betrachtungen auf sie würken.
Pandolph.
Ich will den Fluch über sein Haupt aussprechen.
König Philipp.
Du sollst es nicht nöthig haben. England, ich falle von dir ab.
Constantia.
O edle Wiederkehr der verbannten Majestät!
Elinor.
O schändliche Empörung der Französischen Unbeständigkeit!
König Johann.
Frankreich, du sollst diese Stunde noch in dieser Stunde bereuen.
Blanca. So muß die Sonne in Blut untergehen. Schöner Tag, fahr' wohl! Wo ist die Parthey mit der ich gehen muß? Ich stehe zwischen beyden, jede Armee hat eine Hand, und indem ich beyde halte, reissen sie sich in ihrer Wuth von einander, und zerstüken mich. Gemahl, ich kan nicht beten, daß du gewinnen mögest; Oheim, ich bin gezwungen zu beten, daß du verliehrest; Vater, ich kan das Glük nicht auf deine Seite wünschen; Großmutter, ich will nicht wünschen, daß deine Wünsche erhört werden; keine Parthey kan gewinnen, ohne daß ich auf der andern verliehre.
Ludwig.
Folget mir, Madame, euer Glük hängt nun von dem meinigen ab.
Blanca.
Wo mein Glük lebt, stirbt mein Leben.
König Johann.
Vetter, geh und ziehe unsre Völker zusammen.
(Faulconbridge geht ab.)
Frankreich, ich bin von einem Grimm entflammt, dessen Hize nichts als Blut, das Blut, das kostbarste Blut von Frankreich löschen kan.
König Philipp. Deine Wuth soll dich aufzehren, und du sollt in Asche zusammenfallen, eh unser Blut diß Feuer löschen soll. Sieh zu dir selbst, du wagest viel.
König Johann.
Nicht mehr als der so mir dräuet. Zun Waffen! hinweg!
(Sie gehen ab.)
Vierte Scene.
(Verwandelt sich in das Schlachtfeld.)
(Lerm; Gefecht; Faulconbridge mit Östreichs Kopf, tritt auf.)
Faulconbridge. Nun bey meinem Leben, dieser Tag wird entsezlich heiß; irgend ein feuriger Teufel brütet in der Luft, und schüttet Unheil herab. Hier lig du, Östreichs Kopf,—So hat König Richards Sohn sich seines Gelübds entlediget, und der unsterblichen Seele seines Vaters Östreichs Blut zum Todten-Opfer gebracht. (König Johann, Arthur und Hubert treten auf.)
König Johann. Hier Hubert, bring diesen Knaben in Verwahrung—Richard, ermuntre dich; meine Mutter wird in ihrem Gezelt bestürmt, und ist, wie ich besorge, gefangen.
Faulconbridge. Ich befreyte sie, Gnädigster Herr; ihre Hoheit ist in Sicherheit, besorget nichts. Aber zurük, mein König; noch ein wenig Arbeit wird diesen Tag zu einem glüklichen Ende bringen.
(Sie gehen ab.)
Fünfte Scene.
(Lermen; Gefecht; Flucht; König Johann, Elinor, Arthur, Faulconbridge, Hubert und Lords treten wieder auf.)
König Johann.
So soll es seyn;
(zu seiner Mutter.)
Euer Gnaden soll unter einer starken Bedekung zurükbleiben;
(zu Arthur.)
Vetter, sieh nicht so traurig aus; deine Großmama hat dich lieb, und dein Oheim will deines Vaters Stelle bey dir vertreten.
Arthur.
O diß wird meine Mutter vor Schmerz sterben machen.
König Johann (zu Faulconbridge.) Vetter, auf, nach England; eile voran, und siehe, daß du noch vor unsrer Ankunft unsre reichen Äbte schüttelst; sez du ihre gefangnen Engel in Freyheit; der hungrige Krieg muß an den fetten Ribben des Friedens zehren. Vollziehe unsern Auftrag mit dem äussersten Nachdruk.
Faulconbridge.
Gloke, Buch und Kerze sollen mich nicht zurüktreiben, wo Gold und Silber mich einladen einen Besuch zu machen. Ich verlasse Eu. Majestät; Großmutter, wenn mir anders einmal einfällt fromm zu seyn, will ich für eure Wohlfahrt beten; und hiemit küß' ich euch die Hand.
Elinor.
Lebe wohl, mein lieber Vetter.
König Johann.
Vetter, lebe wohl.
(Faulconbridge geht ab.)
Elinor.
Komm zu mir, kleiner Vettermann—auf ein paar Worte—
(Sie nimmt den Arthur auf die eine Seite des Theaters.)
König Johann (zu Hubert auf der andern Seite.) Komm hieher, Hubert. O mein lieber Hubert, wir sind dir sehr verbunden; in diesen Mauern von Fleisch ist eine Seele die dein Schuldner ist, und deine Liebe mit Wucher zu bezahlen gedenkt. Glaube mir, mein guter Freund, der freywillige Eid, womit du dich zu meinem Dienst verbunden hast, lebt in diesem Busen und wird theuer geachtet. Gieb mir deine Hand, ich wollte dir etwas sagen— aber ich will es auf eine gelegnere Zeit versparen. Beym Himmel, Hubert, ich bin recht beschämt, wenn ich denke, wie grosse Verbindlichkeiten ich dir habe.
Hubert.
Ich bin es, der Euer Majestät unendlich verpflichtet ist.
König Johann. Mein guter Freund, du hast noch keine Ursache das zu sagen— Aber du sollt bekommen—und so langsam die Zeit auch kriechen mag, so soll sie doch kommen, daß ich dir Gutes thun kan. Ich hatte dir was zu sagen—Aber, laß es gehen: Die Sonne ist am Himmel, und der stolze Tag, von den Freuden der Welt umgeben, ist zu üppig, zu voll von Lustbarkeiten, um mir Gehör zu geben. Wenn die mitternächtliche Gloke mit ihrer ehernen Zunge über die schlaftrunkne Geschöpfe der Nacht Eins erschallen liesse; wenn dieser Plaz wo wir stehn, ein Kirchhof wäre, und du vom Gefühl von tausend Beleidigungen besessen wärst; oder wenn der saure Geist der Melancholie dein Blut, das izt küzlend in deinen Adern auf- und ab rollt, so dik wie Leim gemacht hätte; oder wenn du sehen könntest ohne Augen, hören könntest ohne Ohren, und mir antworten ohne Zunge; wenn du, ohne Augen, ohne Ohren, ohne den beleidigenden Schall von Worten, durch blosse Gedanken mit mir reden könntest; denn wollt' ich, troz dem großaugichten wachtsamen Tag meine Gedanken in deinen Busen ausschütten—Aber so, will ich nicht—Und doch liebe ich dich sehr, und bey meiner Treue, ich denke, du liebest mich auch.
Hubert.
So sehr, daß ich, ich schwör es beym Himmel, alles unternehmen will, was Euer Majestät mir befehlen kan, wenn gleich der Tod mit der That verknüpft wäre.
König Johann. Weiß ich nicht, daß du es thun würdest? Guter Hubert, Hubert, Hubert, wirf dein Auge auf jenen Knaben; ich will dir was sagen, Freund; er ist eine rechte Schlange in meinem Wege, und wohin ich den Fuß sezen will, ligt er vor mir. Verstehst du mich? Du bist sein Hüter.
Hubert. Und ich will ihn so hüten, daß er Eu. Majestät nimmer in den Weg kommen soll.
König Johann.
Tod.
(leise.)
Hubert.
Gnädigster Herr.
König Johann.
Ein Grab.
Hubert.
Er soll nicht leben.
König Johann.
Genug, nun könnt' ich aufgeräumt seyn. Hubert, ich habe dich lieb. Gut, ich will nicht sagen, was ich für dich thun will; Vergiß es nicht—
(indem er zu Elinor zurükgeht.)
Madame, lebet wohl, ich will Euer Majestät die bewußten Truppen zusenden.
Elinor.
Mein Segen geht mit euch.
König Johann (zu Arthur.) Izt nach England, Vetter; Hubert soll euer Mann seyn, und euch mit aller schuldigen Ehrerbietung zu Diensten stehen, auf, nach Calais, hinweg!
(Sie gehen ab.)
Sechste Scene.
(Verwandelt sich in den Französischen Hof.)
(König Philipp, Ludwig, Pandolpho, und Gefolge treten auf.)
König Philipp.
So wird durch ein heulendes Ungewitter auf dem Meer eine ganze Armade von vereinbarten Segeln zerstreut und von einander verschlagen.*
{ed.-*Dieses Gleichniß, das an sich selbst an diesem Ort nicht zur Sache paßt, ist, wie viele andere Stellen in diesem Stüke, eine Anspielung auf die spanische Invasion im Jahr 1588, und die damalige Zeit-Umständ; indem dieses Schauspiel längstens einen oder zween Winter darnach zum erstenmal aufgeführt wurde. Warburton.}
Pandolph.
Nur guten Muth gefaßt, alles soll noch gut gehen.
König Philipp. Was kan gut gehen, wenn es uns so übel geht? Sind wir nicht geschlagen? Ist nicht Angiers verlohren? Arthur gefangen? Verschiedne von unsern besten Freunden erschlagen? Und unser blutiger Gegner, mit verächtlichem Troz nach England zurükgegangen?
Ludwig. Was er gewonnen hat, hat er befestiget: So kluge Entwürfe, mit einem solchen Feuer ausgeführt, eine so gute Ordnung, in einem so ungestümen Lauf ist ohne Exempel; wer hat jemals von einer Action wie diese ist, gelesen oder gehört?
König Philipp. Ich könnte es nach wohl ertragen, daß England dieses Lob erhielte, wenn ich nur wenigstens ein Beyspiel, für unsre Schande kennte. (Constantia zu den Vorigen.) Sehet, wer kommt hier? Das Grab einer Seele, das den unsterblichen Geist wider seinen Willen in der verhaßten Gefangenschaft eines gequälten Athems hält. Ich bitte dich, Lady, komm mit mir hinweg.
Constantia.
Seht, seht, das ist nun der Ausgang euers Friedens.
König Philipp.
Geduld, gute Lady; guten Muth, theure Constantia.
Constantia. Nein, ich biete allem Rath, aller Hoffnung Troz, ausser dem was allem Rath und aller Hoffnung ein Ende macht. Tod, Tod; o angenehmer liebenswürdiger Tod! du wohlriechender Gestank, du gesunde Fäulniß, steh auf aus deinem Lager einer ewigen Nacht, du Abscheu und Schreken des Glüks; und ich will deine ekelhaften Knochen küssen, und meine Augen in deine holen Augen-Löcher steken, und diese Finger mit den Würmern, die in dir hausen, umwinden, und diesen Mund mit deinem vermoderten Staub verstopfen, und ein scheusliches Gerippe werden, wie du. Komm, grinse mich an, und ich will denken du lächelst, und dich wie dein Weib umarmen; o du Liebling des Elends, komm, komm zu mir!
König Philipp.
O schöne Bekümmerniß, stille!
Constantia. Nein, nein, ich will nicht, so lang ich noch Athem habe zu schreyen; o, daß meine Zunge im Munde des Donners stäke, damit ich mit meinem Schmerz die ganze Welt erschüttern, und dieses entfleischte faule Gerippe vom Schlaf aufweken könnte, das die Anrufung einer schwachen weiblichen Stimme nicht hören will.
Pandolph.
Lady, ihr stoßt Unsinn aus, nicht Schmerz.
Constantia. Du versündigest dich, das du das glaubst; ich bin nicht unsinnig; dieses Haar das ich ausrauffe, ist mein; mein Nam ist Constantia, ich war Gottfrieds Weib; der junge Arthur ist mein Sohn, und er ist verlohren! Ich bin nicht unsinnig; wollte Gott, ich wär' es! denn alsdann könnt' ich vergessen, wer ich bin. O wenn ich es könnte, was für einen Schmerz würd' ich vergessen! Predige irgend eine Philosophie, die mich unsinnig mache, und du sollt canonisirt werden, Cardinal. Denn, weil ich nicht unsinnig bin, sondern meinen Schmerz fühle, so arbeitet mein vernünftiger Theil, wie ich mich von diesem Jammer befreyen möge, und lehrt mich, daß ich mich erstechen oder erhängen soll. Wenn ich unsinnig wäre, würd' ich meinen Sohn vergessen, oder in meinem Wahnwiz denken, das nächste Wikel-Kind sey mein Sohn; ich bin nicht unsinnig; zu gut, allzugut fühl ich die eigene Quaal jedes besondern Jammers.
König Philipp. Bindet diese fliegenden Loken auf; O was für Liebe seh ich in dieser schönen Menge ihrer Haare; wohin nur von ungefehr ein Silbertropfe gefallen ist, eben zu diesem Tropfen drängen sich zehntausend feurige Freunde in geselligem Schmerz zusammen, gleich wahren unzertrennlichen, getreuen Liebhabern, die mit einander im Unglük ausharren.
Constantia.
Nach England, wenn ihr wollt.—
König Philipp.
Bindet eure Haare auf
Constantia. Ja, das will ich; und warum will ich es thun? Ich riß sie aus ihren Fesseln, und rief. O daß diese Hände meinem Sohne so die Freyheit geben könnten, wie sie diesen Haaren ihre Freyheit gegeben haben! Aber nun beneid' ich ihre Freyheit, und will sie wieder in ihre Fesseln schliessen, weil mein armes Kind ein Gefangner ist. Und Vater Cardinal, ich hab' euch sagen gehört, wir werden unsre Freunde im Himmel wieder kennen. Wenn das ist, so werd ich meinen Jungen nimmer wieder sehen. Denn seit der Geburt Cains, des ersten männlichen Kindes bis zu dem, der erst gestern seufzte, ist keine anmuthigere Creatur gebohren worden. Aber nun wird der Krebs des Kummers meine Rosenknospe fressen, und die angebohrne Schönheit von seinen Wangen jagen; er wird aus holen Augen wie ein Gespenst schauen, so düster und hager wie ein vom Fieber ausgezehrter Kranker, und so wird er sterben und wenn er so wieder aufersteht, und ich ihn in dem himmlischen Hofe wieder antreffe, so werd' ich ihn nicht kennen; und also werd ich meinen holdseligen Arthur nimmer, nimmer wieder sehen.
Pandolph.
Ihr überlaßt euch euerm Schmerz zu sehr.
Constantia.
Das sagt mir einer, der niemals einen Sohn hatte—
König Philipp.
Ihr liebet euern Schmerz, wie ihr euer Kind liebt.
Constantia. Mein Schmerz füllt den Plaz meines abwesenden Kindes aus, ligt in meinem Bette, geht mit mir auf und ab, zeigt mir seine anmuthigen Blike, wiederholt seine Worte, erinnert mich an alle seine liebreizenden Eigenschaften; ich hab' also Ursache meinen Schmerz zu lieben. Gehabt ihr euch wohl; hättet ihr einen solchen Verlust erlidten wie ich, so könnte ich bessern Trost geben als ihr thut. Ich will diesen Prunk nicht auf meinem Kopf leiden,
(Sie reißt ihren Kopfzeug ab.)
da eine solche Unordnung in meinem Verstand ist. O Gott, mein Kind, mein Arthur, mein schöner Sohn! Mein Leben, meine Freude, meine Nahrung, mein Alles in der Welt! Mein Trost, die einzige Lindrung meines Kummers! Mein Sohn! Mein Sohn!
(Sie geht ab.)
König Philipp.
Ich besorge, es entsteht noch ein Unglük; ich will ihr folgen.
Siebende Scene.
Ludwig. Es ist nichts in der Welt, das mir mehr Vergnügen geben kan; das Leben ist mir so ekelhaft als ein zweymal erzähltes Mährchen, das die schlaffen Ohren eines schläfrigen Menschen plagt. Eine bittre Schmach hat den angenehmen Geschmak der Welt verderbt, so daß sie izt nach lauter Schande und Bitterkeit schmekt.
Pandolph. Eh eine heftige Krankheit geheilt wird, unmittelbar vor dem Augenblik der wiederkehrenden Gesundheit, ist der Anstoß am heftigsten; scheidende Übel scheinen am schlimmsten, indem sie verschwinden. Was habt ihr denn durch den Verlust dieses Tages verlohren?
Ludwig.
Alle ruhmvollen, frohen, glüklichen Tage meines Lebens.
Pandolph. Glaubet mir, dann hättet ihr verlohren, wenn ihr diesen Tag gewonnen hättet. Nein, nein; wenn's das Glük am besten mit den Menschen meynt, so sieht es sie mit einem dräuenden Auge an. Es ist unglaublich, wie viel König Johann gerade dadurch verlohren hat, was er für klaren Gewinn rechnet. Schmerzt es euch nicht, daß Arthur sein Gefangner ist?
Ludwig.
So herzlich, als er sich freut daß er ihn hat.
Pandolph. Euer Verstand ist noch so jung als euer Blut. Nun höre mich aus einem prophetischen Geiste reden; der blosse Athem der Worte die ich reden werde, soll jeden Staub, jeden Strohhalm, jedes kleine Hinderniß aus dem Wege wehen, der deinen Fuß gerade zu Englands Thron führen wird; höre also! Johann hat sich Arthurs bemächtiget, und es ist unmöglich, daß, so lange warmes Leben in seinen jungen Adern spielt, Johann, der seinen Thron usurpirt, eine Stunde, ein Minute, ja nur einen Augenblik ruhig athmen könnte. Ein Scepter der mit einer unrechtmäßigen Hand geführt wird, muß so gewaltthätig erhalten werden, als er gewonnen worden; und wer auf einem schlüpfrigen Plaz steht, ist nicht so zärtlich, daß ihm etwas zu garstig seyn sollte, woran er sich halten kan. Damit Johann stehen könne, muß Arthur fallen; und so sey es, da es nicht anders seyn kan.
Ludwig.
Aber was kan ich durch Arthurs Fall gewinnen?
Pandolph.
Vermöge des Rechts eurer Gemalin Blanca, könnt ihr alsdann in alle Ansprüche Arthurs eintreten.
Ludwig.
Und Ansprüche, Leben und alles verliehren, wie Arthur.
Pandolph. Wie grün und jung ihr in dieser alten Welt noch seyd! König Johann thut das wichtigste für euch; die Umstände conspiriren mit euch, und der, so in Vergiessung des rechtmäßigen Bluts seine Sicherheit sucht, wird nichts als eine blutige und unsichre Sicherheit finden. Diese Übelthat wird die Herzen seines ganzen Volks erkälten, und ihren Eifer für ihn so sehr gefrieren machen, daß sie den schlechtesten Anlas, seiner Regierung ein Ende zu machen, mit Freuden ergreiffen werden. Es wird keine natürliche Ausdünstung in der Luft seyn, kein Mißgriff der Natur, kein Wetter-Tag, kein gemeiner Sturmwind, keine gewöhnliche Naturbegebenheit, denen sie nicht eine übernatürliche Ursache geben, die sie nicht Meteore, Wunderzeichen, Mißgeburten und Vorbedeutungen, kurz, Zungen des Himmels nennen werden, die überlaut wider Johann um Rache schreyen.
Ludwig. Es ist aber möglich, daß er dem jungen Arthur das Leben läßt, und sich begnügt, ihn in einer ewigen Gefangenschaft zu halten.
Pandolph. O Prinz, wenn er von eurer Annäherung hören wird, und Arthur nicht schon fort ist, so stirbt er denselben Augenblik: Und dann werden die Herzen aller seiner Unterthanen sich wider ihn empören, sich nach Veränderung sehnen, und von dieser blutigen That Anlas zu Aufruhr und Krieg nehmen. Mich däucht, ich sehe diesen Lermen schon vor meinen Füssen; und o! was kan für euch glüklichers gebrütet werden, als was ich gesagt habe!—Der Bastard Faulconbridge ist nun in England, brandschäzet die Kirche, und übet unchristliche Gewaltthätigkeit aus. Wenn nur zwölf bewehrte Franzosen dort wären, sie würden wie ein Zusammenruf seyn, und in einem Augenblik zehntausend Engländer an ihrer Seite sehen; oder wie ein kleiner Schneeball, der sich herabwälzt und ein Berg wird. Edler Dauphin, folge mir zum Könige; es ist erstaunlich, was für Folgen aus ihrem Mißverständniß gezogen werden können. Izt, da ihre Seelen von Unwillen bis oben an gefüllet sind, izt England zu; ich will an dem Könige treiben.
Ludwig.
Grosse Beweggründe zeugen grosse Thaten; wir wollen gehen; wenn ihr Ja sagt, wird der König gewiß nicht Nein sagen.
(Sie gehen ab.)
Vierter Aufzug.
Erste Scene.
(Verwandelt sich in England.)
(Ein Gefängniß.)
(Hubert und zween Nachrichter treten auf.)
Hubert.
Macht mir diese Eisen glühend, und, du dort, bleibe hinter den Tapeten stehen; und wenn ich mit dem Fuß stampfe, so rausch hervor und binde den Knaben, den du bey mir finden wirst, fest an den Lehnstuhl: Gieb wol Acht; hinweg und wache.
Nachrichter
Ich hoffe, euer Befehl werde die That verantworten.
Hubert.
Unnöthige Bedenklichkeiten! Fürchtet nichts, habt Sorge—Junger Herr, kommt hervor, ich hab' euch was zu sagen. (Arthur tritt auf.)
Arthur.
Guten Morgen, Hubert.
Hubert.
Guten Morgen, kleiner Prinz.
Arthur.
Mit einem grossen Anspruch ein so kleiner Prinz als einer seyn mag. Ihr seyd traurig.
Hubert.
In der That, ich bin schon lustiger gewesen!
Arthur. Der Himmel sey mir gnädig! Mich däucht, niemand sollte traurig seyn als ich; doch erinnre ich mich, wie ich noch in Frankreich war, an junge Leute, die aus lauter Muthwillen so traurig waren, wie die Nacht. So wahr ich ein Christ bin, wär ich nur aus dem Gefängniß und hütete Schaafe, ich wollte so frölich seyn als der Tag lang ist. Und das wollt' ich auch hier seyn, wenn ich nicht von meinem Oheim noch mehr böses besorgte. Ist es mein Fehler, daß ich Gottfrieds Sohn worden bin? In der That, es ist nicht; und wollte Gott ich wäre euer Sohn, so würdet ihr mich lieben, Hubert.
Hubert (vor sich.) Wenn ich mit ihm rede, so wird er durch sein unschuldiges Geschwäze mein erstorbnes Mitleiden aufweken. Ich will also eilen, und meinen Auftrag vollziehen.
Arthur. Seyd ihr krank, Hubert! Ihr seht heute so blaß aus; gewißlich, ich wollt' ihr wäret ein wenig krank, damit ich die ganze Nacht neben euch sizen und mit euch wachen könnte. Ach! ich liebe euch mehr, als ihr mich lieb habt.
Hubert.
Seine Reden dringen mir ins Herz.
(Er zeigt ihm ein Papier.)
Ließ hier, junger Arthur—
(Bey Seite.)
Wie nun, närrisches Wasser, must du mein gefrohrnes Mitleiden aufthauen! Ich muß es kurz machen, oder mein Entschluß vertröpfelt in weibischen Thränen aus meinen Augen—Könnt' ihr's nicht lesen? Ist es nicht schön geschrieben?
Arthur. Nur zu schön Hubert, zu einer so häßlichen Absicht. So müßt ihr meine beyden Augen mit Eisen ausbrennen.
Hubert.
Ich muß, junger Herr.
Arthur.
Und ihr wollt es?
Hubert.
Und ich will.
Arthur. Habt ihr das Herz dazu? wenn euch nur der Kopf weh that, so band ich euch mein Schnupftuch um die Stirne; (mein bestes das ich hatte, eine Princeßin hatt' es mir gestikt;) und ich fordert' es niemals wieder von euch; und des Nachts hielt' ich euch mit meiner Hand den Kopf, und wachte bey euch die ganze Nacht durch, und fragte alle Minuten: was fehlt euch? oder, wo thut's euch weh? oder, was kan ich euch zu liebe thun? Manches armen Manns Sohn würde still gelegen seyn, und nicht ein einziges freundliches Wort zu euch gesagt haben, und ihr hattet einen Prinzen zum Krankenwärter—Doch nein, ihr könnt denken, meine Liebe zu euch sey nur verstellt und eigennüzig gewesen. Thut es, wenn ihr wollt; wenn es dem Himmel so gefällt, daß ihr übel mit mir umgehen sollt, nun dann, so müßt ihr— wollt ihr mir die Augen ausreissen, die euch niemals nur einen sauern Blik gaben, und es auch niemals thun sollen?
Hubert. Ich habe geschworen, daß ich es thun wolle, und ich muß sie mit glühenden Eisen ausbrennen.
Arthur. Ach, niemand, als in dieser eisernen Zeit, würde das thun. Das Eisen selbst, obgleich feuerroth von Hize, würde, wenn es an diese Augen käme, meine Thränen trinken, und in ihrem unschuldigen Wasser seine feurige Wuth löschen. Seyd ihr härter als Eisen? O! wenn ein Engel zu mir gekommen wäre und hätte mir gesagt, Hubert werde mir die Augen ausstossen, ich hätt' es ihm nicht geglaubt; keiner andern Zunge würd' ichs glauben, als deiner eignen.
Hubert (stampft auf den Boden, und die Männer kommen herein.) Hervor, thut wie ich euch befehle.
Arthur (erschroken.) O Hubert, rette mich! Meine Augen sind schon aus, nur von den grimmigen Bliken dieser blutigen Männer.
Hubert.
Gebt mir das Eisen sag ich, und bindet ihn hieher.
Arthur. O Gott, wozu habt ihr nöthig so ungestüm-rauh zu seyn? Ich will mich nicht sträuben, ich will wie ein Stein still halten. Um des Himmels willen, Hubert, laßt mich nicht binden! Nein, höre mich, Hubert, treibe diese Männer weg, und ich will ruhig still sizen wie ein Lamm. Ich will mich nicht regen, nicht wimpern, kein Wort reden, und das Eisen nicht zornig ansehen: Schiket nur diese Männer fort, und ich will euch vergeben, was ihr mir auch für Marter anthun möget.
Hubert.
Geht, bleibt vor aussen, laßt mich allein mit ihm.
Nachrichter.
Es ist mir lieber, weit von einer solchen That zu seyn.
(Sie gehen ab.)
Arthur. Ach, so hab ich meinen Freund weggetrieben; er hat einen erschreklichen Blik, aber ein mitleidiges Herz; laßt ihn wieder herein kommen, damit sein Mitleiden das eurige aufweke.
Hubert.
Komm, Junge, bereite dich.
Arthur.
Ist denn kein Mittel?
Hubert.
Keines, als deine Augen zu verliehren.
Arthur. O Himmel! daß doch nur ein Stäubchen, ein Splitterchen, eine Müke, ein irrendes Haar in den eurigen wäre; wenn ihr fühltet, was für Ungemach die kleinsten Dinge in diesem kostbaren Sinn anrichten, euer grausames Vorhaben müßt' euch entsezlich vorkommen.
Hubert.
Ist diß dein Versprechen; komm her, schweig und rühre dich nicht—
Arthur. Hubert, du willt mir nicht erlauben, daß ich um meine Augen jammere; ach, heisse mich nicht schweigen, Hubert, heisse mich's nicht; oder schneide mir die Zunge aus, wenn du willt, und laß mich nur meine Augen behalten. Sieh, bey meiner Treu, das Eisen ist kalt, und würde mir kein Leid thun.
Hubert.
Ich kan es wieder heiß machen, Junge.
Arthur. Nein, in rechtem Ernst, das Feuer ist vor Schmerz todt, daß es, zum Trost der Menschen erschaffen, zu einer solchen Grausamkeit gebraucht werden soll. Seht nur selbst, diese brennenden Kohlen haben keine Kraft mehr; der Athem des Himmels hat sie ausgelöscht, und mit reuiger Asche überstreut.
Hubert.
Aber ich kan sie mit meinem Athem wieder anblasen.
Arthur. Und wenn ihr's thut, Hubert, so werdet ihr sie nur erröthen, und über euer Verfahren vor Schaam glühen machen; ja, vielleicht werden sie euch in die Augen funkeln, wie ein Hund, der zum Angreiffen genöthigt wird, nach seinem Meister schnappt, der ihn anhezt. Alle Dinge, die ihr gebrauchen könnt mir übels zu thun, versagen ihren Dienst; ihr allein habt nicht einmal so viel Erbarmen mit mir, als Feuer und Eisen, Geschöpfe, die doch zu den unbarmherzigsten Verrichtungen gebraucht werden.
Hubert. Wohlan dann, sieh und lebe; ich will deine Augen nicht anrühren, wenn mir gleich dein Oheim alle seine Schäze geben wollte. Und doch hab' ich geschworen; und ich war entschlossen, mit diesem Eisen hier sie auszubrennen.
Arthur. O! nun seht ihr wieder wie Hubert aus. Alle diese Weile war't ihr verlarvt.
Hubert. Stille, nichts weiter. Adieu; euer Oheim darf nichts anders wissen, als daß ihr todt seyd. Ich will diese hündische Auflaurer mit falschen Nachrichten anfüllen; und du, holdseliges Kind, schlaffe ruhig, und sicher, daß Hubert, um die ganze Welt, dir nichts Leides thun wollte.
Arthur.
O Himmel! ich danke euch, Hubert.
Hubert. Stille, nichts weiter; geh' sachte mit mir hinein; ich seze mich keiner kleinen Gefahr um deinetwillen aus.
(Sie ziehen ab.)
Zweyte Scene.
(Verwandelt sich in den Hof von England.)
(König Johann, Pembroke, Salisbury, und andre Lords treten auf.)
König Johann. So sizen wir dann noch einmal wieder hier, noch einmal gekrönt, und, wie ich hoffe, mit gewognen Augen angesehen.
Pembroke. Dieses noch einmal, war, mit Euer Hoheit Erlaubniß, überflüßig; ihr seyd vorher schon gekrönt worden, und dieser königliche Schmuk ist euch niemals abgerissen, niemals die euch zugeschworne Treue durch Empörung gebrochen worden. Kein Verlangen nach Veränderungen hat das Land beunruhiget, und niemand hat sich, in Hoffnung sein Glük zu verbessern, nach neuen Staats-Auftritten gelüsten lassen.
Salisbury. Dieser doppelte Pomp einen Titel zu befestigen, der vorhin schon sicher war, ist eben soviel als feines Gold übergülden, die Lilie weiß färben, die Viole parfumiren, das Eis glätten, den Regenbogen mit einer neuen Farbe bereichern, und dem schönen Auge des Himmels durch ein Fakel-Licht einen höhern Glanz geben wollen; es ist vergebliche Verschwendung und lächerlicher Überfluß.
Pembroke. Allein, da euer königlicher Wille erfüllt werden mußte, so ist dieser Actus nun ein neu-erzähltes altes Mährchen; jedoch, weil eine ungelegne Zeit dazu genommen worden, bey der lezten Wiederholung, widrig und übel aufgenommen.
Salisbury. Das graue und wohlbekannte Angesicht des alten ächten Herkommens ist dadurch sehr entstellt; es giebt, gleich einem unversehns sich drehenden Winde, dem Lauf der Gedanken einen neuen Schwung, schrekt die stuzende Überlegung auf, und macht gesunde Gesinnungen krank, und Wahrheit verdächtig, da es in einer so neuzugeschnittnen Kleidung aufzieht.
Pembroke. Wenn Handwerksleute sich bemühen noch besser zu machen als gut, so bringt ihr Fleiß Mißgeburten hervor; und die Entschuldigung eines Fehlers macht oft den Fehler desto schlimmer, weil die Entschuldigung ein neuer Fehler ist; wie Lappen, die auf einen kleinen Riß gesezt werden, ein Gewand durch die Verbergung des Risses mehr entstellen, als der Riß that, eh er so geflikt war.
Salisbury. Aus diesen Betrachtungen mißriethen wir diese neue Krönung eh sie vollzogen wurde; allein es gefiel Eu. Hoheit darüber hinaus zu gehen, und wir lassens uns alle wol gefallen; indem alles und jedes, was wir wollen könnten, vor Eu. Hoheit Willen Halte machen muß.
König Johann. Einige Ursachen von dieser doppelten Krönung hab' ich euch schon eröffnet, und ich halte sie für stark. Noch weit stärkere werd' ich euch zu seiner Zeit entdeken, und ich bin also dieses Puncts wegen ohne Furcht. Inzwischen zeiget nur an, was ihr gerne verbessert hättet, und ihr sollt erfahren, wie bereitwillig ich eure Bitten anhören und erfüllen will.
Pembroke. Erlaubet also, Gnädigster Herr, daß ich, als derjenige, der die Zunge von diesen allen ist, und die Gedanken ihres Herzens ausspricht, (für Sie sowol als mich selbst, am meisten aber für eure eigne Sicherheit, für welche wir alle unsre besten Bemühungen anwenden) angelegenst um die Befreyung des jungen Arthur bitten; dessen Einsperrung die murmelnden Lippen des Mißvergnügens in gefährliche Reden auszubrechen reizt. Wenn ihr das, was ihr in Ruhe besizt, auch mit Recht besizt, warum soll die Furcht (die, wie man sagt, sonst nur den Fußtritt des Unrechts begleitet,) euch bewegen, euern jungen Neffen einzusperren, ihn in einer barbarischen Unwissenheit zu lassen, und seiner Jugend alle Vortheile einer guten Erziehung zu versagen? Laßt euch also gefallen, damit die Übelgesinnten keinen Vorwand haben, dessen sie bey Gelegenheit sich bedienen könnten, uns eine Bitte zu gewähren, wozu Ihr selbst uns aufgemuntert habet, und ihm seine Freyheit zu schenken, um die wir nicht anders zu unserm besten bitten, als weil unser bestes von dem Eurigen abhängt. (Hubert zu den Vorigen.)
König Johann.
Ich bin es zufrieden, und vertraue seine Jugend eurer Aufsicht an— Hubert, was bringt ihr Neues?
Pembroke (zu Salisbury.) Das ist der Mann, der die blutige That thun sollte, er zeigte einem von meinen Freunden, den Befehl den er dazu hatte. Das Bild einer gräßlichen Übelthat lebt in seinem Auge; sein betretnes und gezwungnes Aussehen verräth ein sehr beunruhigtes Herz, und mir ist bange, die That möchte schon geschehen seyn, die ihm befohlen worden.
Salisbury. Der König verändert die Farbe alle Augenblike, sie kommt und geht von seinem Vorhaben zu seinem Gewissen, und von diesem zu jenem, wie Herolde zwischen zwey fürchterlichen Schlacht-Ordnungen; seine Gemüthsbewegung schwillt so sehr an, daß sie nothwendig aufbrechen muß.
Pembroke.
Und wenn sie aufbricht, so fürcht ich, es wird nichts anders herauskommen, als der schändliche Eiter von eines holdseligen Kindes Tod.
König Johann. Wir können der mächtigen Hand des Todes keinen Einhalt thun. Er sagt uns, Arthur sey diese Nacht gestorben.
Salisbury.
In der That, wir besorgten, seine Krankheit möchte unheilbar seyn.
Pembroke. In der That, wir hörten, wie nah er dem Tode war, eh das Kind selbst fühlte daß es krank war. Dafür muß Rede und Antwort gegeben werden, hier oder anderswo.
König Johann.
Warum heftet ihr so feyrliche Blike auf mich? Denkt ihr, ich trage die Scheere der Göttin des Schiksals? Hab' ich über den Puls des Lebens zu befehlen?
Salisbury. Es ist augenscheinlich, daß es nicht richtig zugegangen; und es ist schändlich, daß Grösse es auf eine so grobe Art zu erkennen giebt. Wie gut ihr euer Spiel dadurch gemacht habt, wird sich zeigen, und hiemit gehabt euch wohl.
Pembroke. Warte noch, Lord Salisbury, ich will mit dir gehen, und das Erbtheil dieses armen Kindes, sein kleines Königreich von einem gewaltsamen Grabe suchen. Dieses Blut, das ein Recht an alles was auf dieser Insel athmet, hatte, schließt nun ein Raum von drey Schuhen ein. Es ist izt eine schlimme Welt! Aber das muß nicht so gelidten werden; dieses kan, und in kurzem, allen unsern Beschwerden zum Ausbruch helfen.
(Sie gehen ab.)
Dritte Scene.
(Ein Courier zu den Vorigen.)
König Johann (für sich.) Sie brennen vor Unwillen; es reuet mich; es ist kein sichrer Grund der auf Blut gelegt wird, und das Leben wird durch eines andern Tod schlecht gesichert.
(Zum Courier.)
Du siehst erschroken aus! Wo ist das Blut, das ich sonst in deinen Wangen wohnen gesehen habe? Ein trüber Himmel erheitert sich nicht ohne einen Sturm; schütte dein Ungewitter herab; wie geht es in Frankreich?
Courier. Niemals ist in einem Land eine so fürchterliche Kriegszurüstung gemacht worden als in Frankreich, zu einem Einfall in England. Sie haben uns die Eilfertigkeit abgelernt; denn da euch berichtet werden sollte, daß sie sich rüsten, kommt die Zeitung schon, daß sie geländet haben.
König Johann.
In was für einer Trunkenheit haben denn unsre Freunde geschlafen? Wo ist unsrer Mutter Sorgfalt? daß eine solche Armee in Frankreich aufgestellt werden soll, und wir nicht einmal etwas davon hören?
Courier. Gnädigster Herr, ihre Ohren sind mit Staub verstopft; den ersten April starb eure edle Mutter, und wie ich höre, ist drey Tage vorher auch die Lady Constantia in Raserey verstorben. Doch dieses habe ich nur von einem schwärmenden Gerüchte; ob es wahr oder falsch ist, weiß ich nicht.
König Johann. Hemme deine Geschwindigkeit, gefahrvolle Zeit; o! mach einen Waffenstillstand mit mir, bis ich meine mißvergnügten Pairs befriedigst habe. Wie? Meine Mutter todt? Wie übel muß es also in meinen Französischen Staaten gehen!—Unter wessen Anführung haben diese Völker aus Frankreich, die du mir ankündigest, hier geländet?
Courier.
Unter dem Dauphin. (Faulconbridge und Peter von Pomfret zu den Vorigen.)
König Johann.
Du hast mich mit diesen bösen Zeitungen ganz schwindlicht gemacht—
(Zu Faulconbridge.)
Nun, was sagt die Welt zu unserm Verfahren? Stopfe mir nicht noch mehr solche schlimme Neuigkeiten in den Kopf, er ist schon voll.
Faulconbridge. Wenn ihr euch fürchtet das schlimmste zu hören, so müßt ihr das schlimmste ungehört über euern Kopf einstürzen lassen.
König Johann.
Habe Geduld mit mir, Vetter; ich war einen Augenblik betäubt; aber izt athme ich wieder frey, und kan alles hören, was mir irgend eine Zunge sagen kan.
Faulconbridge. Wie ich mit der Geistlichkeit zu Werke gegangen bin, können die Summen die ich zusammen gebracht am besten sagen. Allein indem ich das Land, um hieher zu kommen, durchreiset bin, find' ich das Volk in einem seltsamen Anstoß von Schwärmerey, von Rumoren besessen und voll wunderlicher Träume, voller Furcht und Schreken, ohne zu wissen, was sie fürchten; und hier ist ein Prophet, den ich von den Strassen von Pomfret, wo ihm ein unzähliches Volk nachlief, weggenommen, und mit mir gebracht habe. Er sang ihnen in rauhen hartklingenden Reimen, daß vor nächstem Auffahrts-Tag, mittags, Eu. Hoheit die Crone niederlegen würden.
König Johann.
Du eitler Träumer, warum thatest du das?
Peter.
Weil ich vorher weiß, daß es geschehen wird.
König Johann. Hubert, hinweg mit ihm, ins Gefängniß, und auf den Tag, mittags, wenn ich, wie er sagt, die Crone niederlegen soll, laß ihn aufhängen. Bring ihn in sichre Verwahrung und komm wieder, denn ich habe dich nöthig.
(Hubert geht mit Peter ab.) (Zu Faulconbridge.)
O mein liebster Vetter, hörst du die Zeitung, die sich von einer Landung ausbreitet?
Faulconbridge. Jedermanns Mund ist voll davon; überdas traf ich den Lord Bigot und den Lord Salisbury an, mit Augen so roth wie frisch angeblasenes Feuer, und noch viele andre, welche giengen Arthurs Grab zu suchen, der, wie sie sagen, diese Nacht auf euer Anstiften ermordet worden sey.
König Johann. Mein lieber Vetter, geh, wage dich in ihre Gesellschaft; ich hab' einen Weg ihre Liebe wieder zu gewinnen; bringe sie vor mich.
Faulconbridge.
Ich will sie aufsuchen.
König Johann. Aber eile; du kanst nicht zu sehr eilen. O laßt mich keine einheimische Feinde haben, wenn auswärtige Gegner meine Städte mit dem furchtbaren Pomp eines trozigen Einfalls schreken! Sey mein Mercurius, seze Flügel an deine Füsse, und fliege, wie ein Gedanke, von ihnen zu mir zurük.
Faulconbridge.
Der Geist der Zeit soll mich eilen lehren.
(Er geht ab.)
König Johann.
Das ist gesprochen, wie ein muntrer junger Edelmann sprechen soll. Folg ihm; vielleicht hat er einen Courier zwischen mir und den Pairs nöthig; du taugst am besten dazu.
Courier.
Von Herzen gerne, mein Gebieter.
(Geht ab.)
König Johann.
Meine Mutter todt!
Vierte Scene.
(Hubert tritt auf.)
Hubert. Gnädigster Herr, man sagt, es haben sich diese Nacht fünf Monde sehen lassen; viere seyen stille gestanden, und der fünfte habe sich mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit um die andern vier herumgedreht.
König Johann.
Fünf Monde?
Hubert. Alte Männer und alte Mütterchen, auf den Strassen, machen gefährliche Propheceyungen hierüber; des jungen Arthurs Tod ist immer in ihrem Mund, und wenn sie von ihm reden, so schütteln sie die Köpfe und wispern einander ins Ohr; und der so redt, faßt den Hörer bey der Hand, indem der, so zuhört, Gebehrden des Entsezens macht, die Stirne rümpft, den Kopf schüttelt und die Augen verdreht. Ich sah einen Schmidt mit seinem Hammer, der, indeß daß sein Eisen auf dem Ambos erkaltete, mit ofnem Maul die Zeitungen eines Schneiders einschlang, der mit seinem Ellstab und seiner Scheer in der Hand, in halbangezognen Schuhen, in die er vor Eilfertigkeit den unrechten Fuß gestekt hatte, von viel tausend tapfern Franzosen erzählte, die in Kent in Schlachtordnung stünden; bis ein andrer hagrer, ungewaschner Handwerksmann seiner Erzählung ein Ende machte, und von Arthurs Tod redte.
König Johann.
Warum suchst du mich durch dergleichen Schrekbilder zu beunruhigen? Warum wiederholst du Arthurs Tod so oft? Deine Hand ist sein Mörder gewesen; ich hatte Ursachen seinen Tod zu wünschen, du hattest keine.
Hubert.
Ich hatte keine, Sire? Wie? Reiztet ihr mich nicht dazu an?
König Johann. Es ist ein Fluch der Könige, Sclaven um sich zu haben, die ihre Launen für Befehle nehmen; die einen blossen Wink des Herrn für ein Gesez halten, das sie zu jeder blutigen That berechtigt, und die Gedanken der gefährlichen Majestät zu befolgen glauben, wenn sie vielleicht mehr aus einem Anstoß von schlimmem Humor als aus überlegter Absicht sauer sieht.
Hubert.
Hier ist eure Hand, und euer Sigel, für das was ich that.
König Johann. O, wann die lezte Rechnung zwischen Himmel und Erde gemacht werden wird, dann wird diese Hand und diß Sigel wider uns zeugen! Wie oft wird eine Übelthat nur darum gethan, weil wir die Mittel, sie zu thun, vor uns sehen! Wärest du nicht bey der Hand gewesen, ein Geselle, den die Hand der Natur zu Ausführung einer Schandthat ausgezeichnet hat, dieser Mord wäre mir niemals in den Sinn gekommen. Dein grelles Aussehen, die Geschiklichkeit, die Willigkeit zu gefährlichen Dingen und blutigen Bubenstüken, die ich an dir fand, versuchte mich—Und du, um dich einem König beliebt zu machen, machtest dir kein Gewissen, einen Prinzen zu ermorden.
Hubert.
Gnädigster Herr—
König Johann. Hättest du nur deinen Kopf geschüttelt, nur eine Pause gemacht, da ich dir einen dunkeln Wink von meinem Vorhaben gab, nur einen bedenklichen zweifelhaften Blik auf mich geworffen, oder mich gebeten, daß ich deutlich reden sollte; die Schaam würde mich stumm gemacht und deine Furcht auch in mir Furcht erwekt haben. Aber du verstuhndest mich aus blossen Zeichen, und antwortetest auch durch blosse Zeichen; ja, ohne einen Augenblik zu stoken, liessest du dein Herz einwilligen, und dem zufolge deine rauhe Hand die That vollbringen, die beyder Zungen zu nennen sich scheuten—Hinweg aus meinem Gesicht, laß dich nimmer vor mir sehen. Meine Edeln verlassen mich, mein Reich wird überfallen, und die feindlichen Heere stehen schon vor meinen Thoren gelagert; und ach! in diesem Königreich meiner Seele, in diesen Grenzen von Blut und Athem, herrscht Feindseligkeit und bürgerlicher Aufruhr zwischen meinem Gewissen und meines Neffen Tod.
Hubert. Waffnet euch gegen eure andern Feinde, ich will zwischen euch und euerm Gewissen Friede machen. Der junge Arthur lebt noch; diese meine Hand ist noch eine jungfräuliche, unschuldige Hand, und von Blut unbeflekt. Noch niemals ist in diesen Busen ein meuchelmördrischer Gedanke gekommen, und ihr habt durch euer Urtheil von meinem Aussehen die Natur verleumdet. So rauh es scheinen mag, so bedekt es doch ein Gemüth, das zu edel ist, der Henker eines unschuldigen Kindes zu seyn.
König Johann. Lebt Arthur noch? O so eile zu den Pairs, giesse diese Nachricht auf ihren flammenden Grimm, und zähme sie zu ihrer Schuldigkeit. Vergieb der Auslegung, die meine Leidenschaft über deine Gestalt gemacht hat, denn meine Wuth war blind; und Augen, in denen meine Einbildung eine Blutschuld funkeln sah, stellten dich mir gräßlicher dar als du bist. O, antworte mir nicht, sondern bringe mir die erzürnten Lords mit der äussersten Geschwindigkeit in mein Cabinet. Ich beschwöre dich nur langsam; renne noch eilfertiger.
(Sie gehen ab.)
Fünfte Scene.
(Eine Strasse vor einem Gefängniß.)
(Arthur tritt verkleidet an die Mauer desselben.)
Arthur. Die Mauer ist hoch, und doch will ich herunter springen. Guter Boden, sey mitleidig und thu mir kein Leid. Es kennt mich hier niemand, und wenn man mich auch kennte, so macht mich diese Gestalt eines Schifferjungens völlig unerkenntlich. Ich fürchte mich, und doch will ich es wagen. Wenn ich herunter komme, und unbeschädigt bleibe, will ich tausend Mittel finden, davon zu kommen; es ist eben so gut mein Leben zu wagen, indem ich zu entkommen suche, als mein Leben zu verliehren, wenn ich bleibe.
(Er springt herab.)
Weh mir, meines Oheims Geist ist in diesen Steinen! Himmel, nimm meine Seele auf, und England meine Gebeine.
(Er stirbt.)
(Pembrok, Salisbury und Bigot treten auf.)
Salisbury. Lords, ich will ihm zu St. Edmondsbury entgegen kommen; es ist für uns das sicherste; wir können in den gefährlichen Umständen, worinn wir sind, dieses freundliche Anerbieten nicht ausschlagen.
Pembrok.
Wer überbrachte diesen Brief von dem Cardinal?
Salisbury.
Der Graf von Melun, ein Französischer Edelmann, dessen mündliche Erzählung von des Dauphins guter Gesinnung gegen uns mir noch weit mehr gesagt hat, als dieser Brief
Bigot.
So wollen wir ihm dann morgen früh entgegen gehen.
Salisbury.
Oder vielmehr uns auf den Weg machen, denn wir werden zween lange Tagreisen haben, eh wir bey ihm eintreffen werden. (Faulconbridge zu den Vorigen.)
Faulconbridge. Ich freue mich, euch noch einmal anzutreffen, Milords; der König ersucht durch mich um eure unverzügliche Gegenwart.
Salisbury. Der König hat sich selbst aus unserm Besiz gesezt; wir wollen seinen dünnen besudelten Rok nicht mit unsrer reinen Ehre füttern, noch den Fuß begleiten, der, wohin er tritt, blutige Fußstapfen zurük läßt. Kehrt zurük, und sagt ihm das; wir wissen das ärgste.
Faulconbridge. Was ihr auch denken möget, so wären gute Worte, wie ich glaube, das beste.
Salisbury.
Sir, Sir, Ungeduld hat ein Privilegium.
Faulconbridge.
Es ist wahr, seinem Besizer zu schaden, und sonst niemandem.
Pembroke.
Hier ist das Gefängniß; wer ligt hier?
(Indem er Arthur gewahr wird.)
Salisbury.
O Tod, stolz auf die Zerstörung dieser reinen und fürstlichen Schönheit. Die Erde hat keine Grube, diese That zu verbergen.
Bigot. Der Meuchelmord, als ob er selbst verabscheute, was er gethan hat, legt sie offenbar zur Schau aus, um die Rache aufzureizen.
Salisbury. Sir Richard, was denkt ihr? Habt ihr jemals so etwas gesehen, oder gelesen, oder gehört, oder euch vorstellen können, als ihr hier sehet; ja, könnt ihr es begreiffen, ob ihr's gleich sehet? Könnte die Denkungs-Kraft, ohne einen solchen Gegenstand, eine solche Vorstellung hervorbringen? Es ist der Gipfel, die höchste Spize, das Äusserste von dem Äussersten was der Meuchelmord wagen kan; es ist die blutigste Schandthat, die wildeste Unmenschlichkeit, der niederträchtigste Streich, den jemals die starr-augichte Wuth den Thränen des sanften Mitleidens dargestellt hat.
Pembrok. Alle Mordthaten die jemals geschehen sind, werden durch diese entschuldiget; sie ist so einzig, so mit keiner andern zu vergleichen, daß sie die noch ungebohrnen Sünden der Zukunft rein und heilig, und einen jeden Menschen-Mord zu einem blossen Scherz macht, in Vergleichung mit diesem abscheulichen Spektakel.
Faulconbridge.
Es ist eine verfluchte That, eine gottlose That einer mördrischen Hand, wenn es anders die That irgend einer Hand ist.
Salisbury. Wenn es die That irgend einer Hand ist? Wir hatten eine Art von Licht, was erfolgen würde. Es ist die schändliche That von Huberts Hand, die hierinn das Werkzeug zu dem Willen des Königs gewesen ist. Und hier, schwöre ich meine Seele von allem Gehorsam gegen ihn los, hier vor dem Ruin dieses anmuthigen Lebens kniend, und athme zu dieser athemlosen Vortreflichkeit den Weyhrauch eines Gelübdes, eines heiligen Gelübdes, daß ich eher von keinem Vergnügen des Lebens kosten, eher keiner Freude und keiner Ruhe den Zutritt zu mir lassen will, bis ich diese ermordete Unschuld durch die feyrlichste Rache versöhnt haben werde.
Pembrok. Bigot.
Unsre Seelen bekräftigen dein heiliges Gelübde!
Sechste Scene.
(Hubert zu den Vorigen.)
Hubert. Milords, ich suche euch allenthalben mit feurigster Eile; Arthur lebt, und der König sendet nach euch.
Salisbury.
O, er ist kühn und erröthet nicht zu todt; hinweg, du verabscheuter Lasterbube, aus meinem Gesicht!
Hubert.
Ich bin kein Lasterbube.
Salisbury.
Muß ich dem Gesez zuvorkommen?
(Er zieht seinen Degen.)
Faulconbridge.
Euer Schwerdt ist glänzend, Sir, stekt es wieder ein.
Salisbury.
Nicht eher, bis ich ihm eines Mörders Haut zur Scheide gemacht habe.
Hubert. Zurük, Lord Salisbury; zurük, sag ich; beym Himmel, mein Degen ist so scharf als der eurige; ich möchte nicht, Lord, daß ihr euch selbst vergässet, oder die Gefahr meiner abgenöthigten Gegenwehr reiztet; oder ich möchte, von eurer Wuth aufgefodert, euern Werth, euern Adel und eure Grösse vergessen.
Bigot.
Hinweg, Misthaufe, unterstehst du dich einem Edelmann zu trozen?
Hubert. Nicht für mein Leben; aber meine Unschuld untersteh ich mich gegen einen Kayser zu vertheidigen.
Salisbury.
Du bist ein Mörder.
Hubert.
Zwingt mich nicht es zu werden; izt, bin ich noch keiner; Wessen Zunge falsch redet, redt nicht wahr, und wer nicht wahr redt, lügt.
Pembroke.
Haut ihn in Stüken.
Faulconbridge.
Halte Frieden, sag ich.
Salisbury.
Auf die Seite, Faulconbridge, oder ich will dir die Haut abziehen.
Faulconbridge. Du würdest leichter dem Teufel die Haut abziehen, Salisbury. Wenn du dich erkühnst mich nur sauer anzusehen, nur deinen Fuß vorzusezen, oder ein unanständiges Wort gegen mich auszustossen, so schlag ich dich tod nieder. Steke deinen Degen bey Zeiten ein, oder ich will dich und deinen Bratspieß so zusammenpleuen, daß du denken sollst, der Teufel aus der Hölle sey über dich gekommen.
Bigot. Was willt du thun, ruhmvoller Faulconbridge? Einem Bösewicht beystehen, einem Mörder?
Hubert.
Lord Bigot, ich bin keiner.
Bigot.
Wer ermordete diesen Prinzen?
Hubert. Es ist noch keine Stunde seit ich ihn gesund verlassen habe; ich ehrt' ihn, ich liebt' ihn, und ich will mein lebenlang den Verlust seines süssen Lebens beweinen.
Salisbury. Trauet nicht diesem heuchelnden Wasser in seinen Augen; ein Bösewicht kan auch weinen, und eine lange Übung macht, daß seine erzwungene Zähren Ströme des Mitleidens und der Unschuld scheinen. Folget mir alle, deren Seelen den unreinen Geruch eines Schlachthauses verabscheuen; ich erstike in den Ausdünstungen dieser Schandthat.
Bigot.
Hinweg nach Edmondsbury, zu dem Dauphin.
Pembrok.
Saget dem König, dort könn' er uns erfragen.
(Die Lords gehen ab.)
Siebende Scene.
Faulconbridge.
Das ist eine feine Welt; wißt ihr was um diese saubre Arbeit? Hubert, wann du diese That gethan hast, so reicht eine grenzenlose Güte nicht zu, dir zu vergeben.
Hubert.
Hört mich nur an, Sir.
Faulconbridge. Ha! ich will dir was sagen; du bist verdammt, so schwarz—Nein, nichts ist so schwarz, tiefer verdammt als Lucifer; es ist kein so scheußlicher Teufel in der Hölle wie du seyn wirst, wenn du diß Kind umgebracht hast.
Hubert.
Bey meiner Seele—
Faulconbridge. Wenn du nur deinen Willen zu dieser Unmenschlichkeit gegeben hast, so verzweifle; und wenn du keinen Strik hast, so wird der dünnste Faden, den jemals eine Spinne aus ihrem Leib gezogen hat, stark genug werden, dich zu erdrosseln; ein Rohr wird ein Balken werden, dich daran zu hängen; oder wenn du dich ersäuffen willt, so gieß nur ein wenig Wasser in einen Löffel, und es wird soviel seyn als der ganze Ocean, zureichend, einen solchen Bösewicht zu erstiken. Du bist mir äusserst verdächtig.
Hubert. Wenn ich durch That, Einwilligung oder nur durch die Sünde eines Gedankens an dem Raub dieses anmuthsvollen Lebens schuldig bin, so möge die Hölle selbst neue Qualen nöthig haben mich zu martern. Er war wohl da ich ihn verließ.
Faulconbridge. Geh, trag' ihn in deinen Armen fort. Ich bin ganz betäubt, däucht mich, und verliehre meinen Weg unter den Dornen und Gefahren dieser Zeit— Wie wenig Mühe brauchst du, ganz England aufzuheben! Aus diesem kleinen zerbrochnen Gehäuse der rechtmäßigen Königs-Würde ist das Leben, der Friede, die Treue von diesem ganzen Königreich gen Himmel geflogen; und das verlaßne England als ein Ding, das keinen rechtmäßigen Eigenthümer hat, ist dem überlassen, der es zuerst zu paken kriegt. Der hündische Krieg sträubt nun, um den halbabgenagten Knochen der Majestät, seinen zürnenden Kamm, und bläkt die Zähne gegen die freundlichen Augen des Friedens. Nun stossen auswärtige Kriegsschaaren und einheimische Mißvergnügte in gerader Linie auf einander, und öde Verwüstung laurt, wie ein Rabe auf ein angestektes und gefallenes Stük Vieh, auf den stürzenden Fall des überwältigten Pomps. Nun ist derjenige glüklich, den sein Priester-Rok und sein Gürtel vor diesem Ungewitter zu Hause bewahrt— Tragt das Kind hinweg, und folget mir unverzüglich; ich gehe zu dem König; tausend Geschäfte warten auf uns, und der Himmel selbst schießt einen zürnenden Blik auf dieses Land.
(Sie gehen ab.)
Fünfter Aufzug.
Erste Scene.
(Der Englische Hof.)
(König Johann, Pandolph und Gefolge treten auf.)
König Johann.
Hiemit übergeb ich in eure Hand diesen Cirkel meiner Königs-Würde.
(Er giebt ihm die Crone.)
Pandolph. Empfanget wieder aus dieser meiner Hand, als ein Lehen des Papsts, eure königliche Grösse und Autorität.
König Johann. Und nun haltet euer geheiligtes Wort; gehet den Franzosen entgegen, und bedienet euch aller Gewalt, die ihr von Sr. Heiligkeit habt, ihnen, eh sie unser ganzes Reich in Flammen sezen, die Grenzen zu versperren. Unsre mißvergnügten Grafschaften lehnen sich auf, unser Volk sträubt sich gegen seine Pflicht, und schwört einem fremden Blute Treue und Unterwürfigkeit. Dieser Schwall einer fieberhaften Schwärmerey kan von euch allein besänftiget werden. Säumet also nicht; denn die gegenwärtige Zeit ist so krank, daß sie, ohne die Hülfe schleuniger Arzneymittel, gar bald unheilbare Folgen nach sich zöge.
Pandolph. Mein Athem war es, der wegen euers halsstarrigen Bezeugens gegen den Papst, dieses Ungewitter erregte; nachdem ihr euch aber auf eine so glükliche Art verändert habt, so soll eben dieser Athem, diesen Sturm des Kriegs wieder hinweg hauchen, und schönes Wetter in euerm erschütterten Lande machen. An diesem Auffahrts-Tage, erinnert euch dessen wol, geh ich, auf den Eid hin so ihr zum Dienst des Papsts geschworen habt, die Franzosen zu vermögen, daß sie die Waffen niederlegen.