Leben und Tod des Königs Johann
König Johann. Ist heute Auffahrts-Tag? Sagte nicht…
(Er geht ab.)
König Johann. Ist heute Auffahrts-Tag? Sagte nicht der Prophet: An diesem Tage, zu Mittag, sollt ich meine Crone niederlegen? Was hab ich gethan; ich meynte, es sollte durch Gewalt geschehen, aber dem Himmel sey Dank, es geschah bloß freywillig. (Faulconbridge tritt auf.)
Faulconbridge. Ganz Kent hat sich ergeben; nichts hält sich noch als Dover-Castle; London hat wie ein freundlicher Wirth den Dauphin und sein Kriegsheer aufgenommen; eure Edeln wollen euch nicht hören, sondern sind im Begriff, ihre Dienste euerm Feind anzubieten; und die kleine Zahl eurer wankenden Freunde treibt wilde Betäubung hin und her.
König Johann. War die Nachricht, daß Arthur lebe, nicht vermögend, meine Lords zur Wiederkehr zu mir zu bewegen?
Faulconbridge.
Sie haben ihn todt auf die Strasse geworffen gefunden; ein leeres Kästchen, woraus der Juweel so darinn verschlossen war, das Leben, von irgend einer verdammten Hand weggestohlen worden.
König Johann.
Der nichtswürdige Bube Hubert sagte mir, er lebe.
Faulconbridge. Ich wollte für ihn schwören daß er nichts anders wußte—aber warum seyd ihr so niedergeschlagen? Warum seht ihr so traurig? Seyd groß in Thaten, wie ihr es in Entschliessungen gewesen seyd. Laßt die Welt keine Furcht, kein banges Mißtrauen in einem königlichen Auge lesen; seyd unternehmend, wie die Gelegenheit die euch auffordert. Sezet dem Feuer Feuer entgegen, drohet dem Dräuer und trozet der rümpfenden Stirne der pralenden Gefahr; so werden eure Anhänger, die ihre Aufführung von ihrem Oberhaupt borgen, durch euer Beyspiel groß werden, und einen unerschroknen Muth fassen. Hinweg, und schimmert wie der Kriegs-Gott, wenn er dem Sieg entgegenzieht; zeigt Kühnheit und Vertrauen auf euch selbst und euer Glük! Wie, sollen sie den Löwen in seiner Höle aufsuchen, und sie sollen ihn da erschreken, ihn zittern machen? O! laßt das nicht gesagt werden. Geht dem Feind herzhaft auf den Leib, und ringet mit ihm, eh er in das Herz euers Landes eindringt.
König Johann. Der Legat des Papsts ist bey mir gewesen, und ich habe Frieden mit ihm gemacht, und er hat mir versprochen, den Dauphin wieder heim zu schiken.
Faulconbridge. O unrühmliches Bündniß! Fremde sollen in unser Land einfallen, und wir sollen kein anders Mittel haben, als Unterhandlungen, Compromiß und erbettelten Waffenstillstand, um sie uns vom Halse zu schaffen? Ein unbärtiger Junge, ein verzärtelter seidener Stuzer soll übermüthig über unsre Felder einherziehn, seinen Muthwillen auf einem kriegerischen Boden herumtummeln, der Luft mit dem bunten Gepränge seiner flatternden Fahnen spotten, und keinen Widerstand finden? Zu den Waffen, mein Königlicher Herr; vielleicht erhält der Cardinal seine Absicht nicht; und wenn er sie auch erhält, so laßt doch wenigstens von uns gesagt werden, daß wir in der Verfassung gewesen, uns wehren zu können.
König Johann. Ich übertrage dir die Gewalt, alles anzuordnen und zu thun, was du in unsern gegenwärtigen Umständen nöthig findest.
Faulconbridge. Auf dann, und guten Muth gefaßt; ich bin gewiß, daß unsre Parthey im Stande wäre, einem stärkern Feind entgegen zu gehen.
(Sie gehen ab.)
Zweyte Scene.
(Das Lager des Dauphins.)
(Ludwig, Salisbury, Melun, Pembrok, Bigot und Soldaten, treten in Waffenrüstung auf.)
Ludwig. Mein Herr von Melun, laßt eine Copey hievon genommen, und zu unsrer Erinnerung wol aufgehoben werden; den gegenwärtigen Aufsaz aber gebt diesen Lords zurük, damit sie auch eine schriftliche Erklärung unsers geneigten Willens haben, und wir sowol als sie, wenn wir diese Papiere überlesen, uns erinnern worauf wir geschworen haben, und unser Wort fest und unverbrüchlich halten.
Salisbury. Auf unsrer Seite soll es niemals gebrochen werden. Und ob wir gleich, edler Dauphin, euer Betragen gegen uns durch Zuschwörung einer freywilligen Ergebenheit und unerzwungnen Treue erwiedern; so glaubet mir doch, Prinz, ich bin nicht erfreut, daß ein solches Geschwär der gegenwärtigen Zeit bey der verachteten Rebellion ein Pflaster suchen, und den eingewurzelten Krebs einer Wunde durch viele heilen muß. O, es kränkt meine Seele, daß ich dieses Metall von meiner Seite ziehen muß, um ein Wittwen-Macher zu seyn, und dieses in einem Lande, wo rühmlicher Widerstand und rechtmäßige Gegenwehr über den Namen Salisbury schreyen! Aber so ist die verpestete Krankheit dieser Zeit beschaffen, daß wir unser Recht zu heilen, gezwungen sind die Hand des kühnen Unrechts und der regellosen Gewaltthätigkeit anzuruffen. Und sollt es uns nicht schmerzen, o meine tiefgekränkten Freunde, daß wir, die Söhne und Kinder dieser Insel, gebohren seyn sollen, die Stunde zu sehen, da wir, zu einem ausländischen Kriegsheer gesellt, über ihren schönen Busen einhertreten, und die Linien ihrer Feinde ausfüllen; (ich muß mich wegwenden, und die Schmach dieser traurigen Nothwendigkeit beweinen) die Stunde zu sehen, da wir das Volk eines entfernten Landes wider unser eignes unterstüzen, und unbekannten Fahnen hier folgen müssen? Wie, hier? O mein Volk, möchtest du dich zurükziehen können! Möchte Neptun, der dich ringsumfaßt, dich in seinen Armen aus dem Schooß deines mütterlichen Bodens hinweg an irgend ein Heidnisches Ufer tragen, wo diese Christlichen Heere das Blut des Hasses in eine Ader des Friedens zusammenlegten könnten, anstatt es hier so unnachbarlich zu vergiessen.
Ludwig. Du zeigst hierinn eine edle Sinnesart; und der grosse Trieb, der in deinem Busen kämpft, verursacht ein Erdbeben von edeln Empfindungen in dir. Oh was für einen edeln Kampf zwischen Nothwendigkeit und Liebe zum Vaterland hast du gekämpft! Laß mich diesen ehrwürdigen Thau abwischen, der wie fliessendes Silber über deine Wangen rollt. Mein Herz ist schon von den Thränen eines Frauenzimmers zerschmolzen, die doch eine gewöhnliche Überschwemmung sind; aber dieser Ausbruch von männlichen Thränen, dieser von dem Ungewitter einer grossen Seele zusammengetriebne Regen, macht mein Auge starren, und sezt mich in ein grösseres Erstaunen, als wenn ich das ganze Gewölbe des Himmels auf einmal mit brennenden Meteoren überwälzt sähe. Heitre deine Stirne auf, ruhmvoller Salisbury, und treibe durch ein grosses Herz diesen Sturm hinweg. Überlaß diese Thränen jenen Säuglings-Augen, die niemals die riesengleiche Welt in Wuth gesehen, und das Glük nirgends als bey Lustbarkeiten und üppigen Schmäusen kennen gelernt haben. Komm, komm, du sollt deine Hand so tief in den Beutel des reichen Wohlstands steken als Ludwig selbst; so, Milords, sollt ihr alle, die ihre Sehnen an die Stärke der meinigen anknüpfen.
Dritte Scene.
(Pandolph zu den Vorigen.)
Ludwig. Wie, hier eilet, däucht mich, ein Engel auf uns zu; sehet, der heilige Legat kommt, uns Verhaltungs-Befehle vom Himmel zu bringen, und unsern Unternehmungen durch seinen Beyfall das Sigel des Rechts aufzudrüken.
Pandolph. Heil dir, edler Prinz von Frankreich; das nächste ist dieses: König Johann hat sich mit Rom ausgesöhnt; windet also diese dräuenden Fahnen auf, und zähmet den grimmigen Geist des wilden Kriegs, damit er, gleich einem Löwen der im Hause zahm aufgezogen worden, freundlich zu den Füssen des Friedens lige, und ausser durch sein Ansehen ferner keinen Schaden thue.
Ludwig. Mit Euer Gnaden Erlaubniß, ich werde nicht zurük gehen. Ich bin nicht gebohren, um mir befehlen zu lassen, und irgend eines Souverains in der Welt Diener und Werkzeug zu seyn. Euer Athem blies zuerst die todte Kohle des Kriegs zwischen mir und diesem gezüchtigten Königreich an, und legte Materie zu, dieses Feuer zu nähren; allein nun ist es schon zu heftig, um von eben dem schwachen Winde, der es anfachte, wieder ausgeblasen zu werden. Ihr lehrtet mich meine Befügnisse und Ansprüche an dieses Land kennen, ihr allein legtet diese Unternehmung in mein Herz; und izt kommt ihr, und sagt mir, Johann habe Frieden mit Rom gemacht! Was geht mich sein Friede an? Kraft des Rechts so ich durch meine Vermählung erhalten, spreche ich, da Arthur todt ist, dieses Land als mein Eigenthum an; und nun da es halb erobert ist, soll ich zurük gehen, weil Johann seinen Frieden mit Rom gemacht hat? Bin ich Roms Sclave? Was für Subsidien hat Rom zu dieser Unternehmung hergegeben, was für Volk, oder was für Kriegs-Vorrath? Bin ichs nicht allein, der die Last derselben trägt? Wer anders als ich, und diejenigen die meinen gerechten Anspruch unterstüzen, schwizt in diesem Geschäft und führt diesen Krieg? Hab ich nicht diese Insulaner mir zujauchzen gehört, (vive le Roi!) wie ich gegen ihre Städte angezogen bin? Hab' ich hier nicht die besten Carten, um dieses Spiel zu gewinnen, das um eine Crone gespielt wird? Und nun soll ich es aufgeben, da ich den Saz schon in Händen habe? Nein, bey meiner Seele, das will ich nicht thun.
Pandolph.
Ihr seht nur auf das Äusserliche dieses Geschäfts.
Ludwig. Äusserlich oder innerlich, ich will nicht wieder heimgehen, bis ich mein Vorhaben auf eine so glorreiche Art ausgeführt haben werde, als ich zu hoffen von euch selbst aufgemuntert worden bin—
(Man hört eine Trompete.)
Was für eine muntre Trompete fordert uns hier auf?
Vierte Scene.
(Faulconbridge zu den Vorigen.)
Faulconbridge.
Vergönnet mir, nach dem Gebrauch gesitteter Völker, ein ruhiges Gehör: ich bin von dem König abgeschikt, um von euch, mein heiliger Lord von Meiland, zu vernehmen, wie ihr ihm euer Wort gehalten habet; und nachdem eure Antwort beschaffen seyn wird, wird es die Erklärung seyn, zu der meine Zunge bevollmächtiget ist.
Pandolph. Der Dauphin will sich durch meine Vorstellungen nicht bewegen lassen, und sagt rund heraus, er wolle die Waffen nicht niederlegen.
Faulconbridge. Bey allem dem Blut, das jemals von männlicher Wuth gekocht hat, der Jüngling sagt recht. Höret izt unsern Engländischen König: Denn so spricht seine Majestät durch mich; er ist vorbereitet, und die Ursache davon ist, weil er es seyn soll. Auf diesen poßierlichen Affenzug, auf diese geharnischte Mummerey, und unbesonnenes Spiegelgefecht, auf dieses läppische Kriegsheer von sauersehenden Knaben, lächelt der König herab; und ist in guter Verfassung, diesen Zwergen-Krieg, diese Pygmäen-Waffen aus dem Umfang seines Gebiets hinaus zu peitschen. Sollte diese Hand, welche Stärke genug hatte, euch vor euern Hausthüren zu prügeln, und zu machen, daß ihr, gleich Wasserkübeln, euch in gemaurte Brunnen täuchen, unter die Schindeln eurer Ställe klettern, wie Pfänder in Kästen und Kuffern eingeschlossen ligen, und euch zu euern Schweinen verkriechen mußtet; daß ihr euere Sicherheit in Kellern und Gefängnissen suchtet, und schon schaudertet und vor Angst zittertet, wenn ihr nur einen Englischen Hahn krähen hörtet, in der Einbildung, es sey die Stimme eines bewaffneten Engländers; diese siegreiche Hand sollte hier entkräftet hangen, nachdem sie euch in euern Kammern gezüchtiget hat? Nein; wißt, der dapfre Monarch ist in Waffen, und schwebt gleich einem Adler über seinen Horst, um jeden Unfall, der sich seinem Neste nähert, wegzuscheuchen. Und ihr ausgeartete, ihr undankbare Rebellen, ihr blutigen Neronen, die den Leib ihrer theuren Mutter England aufreissen, erröthet vor Schaam; denn eure eignen Frauen und blaß-wangichte Töchter, kommen, gleich Amazonen, hinter Trummeln hertrippelnd, vertauschen ihre Fingerhüte um eiserne Handschuhe, ihre Nadeln um Lanzen, und ihre sanftmüthigen Herzen um Grimm und Blutdurst—
Ludwig. Hier mache deiner Pralerey ein Ende, und kehr im Frieden heim; wir gestehen dir zu, daß du besser schimpfen kanst als wir; gehab dich wohl; wir schäzen unsre Zeit zu hoch, sie mit einem solchen Plauderer zu verderben.
Pandolph.
Laßt mich izt auch reden—
Faulconbridge.
Nein, ich will reden.
Ludwig. Ich will keinen von beyden anhören, rührt die Trummeln, und laßt die Zunge des Kriegs für unsre Sache reden.
Faulconbridge. In der That, eure Trummeln wenn sie geschlagen werden, werden schreyen, und so werdet ihr thun, wenn ihr geschlagen seyd; weke nur ein Echo mit dem Geschrey deiner Trummel auf, und du wirst sogleich eine andre hören, die bey der Hand ist, so laut zurükzuschallen als die deinige; schlage noch eine, und wieder eine andre, soll, so laut als die deinige, in die Ohren des Firmaments rasseln, und dem holen Gebrüll des Donners Troz bieten. Denn, ohne sich auf diesen hinkenden Legaten zu verlassen, den er mehr zum Scherz als aus Noth gebraucht hat, ist der tapfre König Johann in der Nähe, und ein Tod mit nakten Rippen sizt auf seiner Stirne; dessen Amt an diesem Tage ist, die Franzosen bey tausenden aufzufressen.
Ludwig.
Rührt die Trummeln, um diese Gefahr aufzusuchen.
Faulconbridge.
Du sollt sie finden, Dauphin, zweifle nicht.
(Sie gehen ab.)
Fünfte Scene.
(Verwandelt sich in ein Schlachtfeld.)
(Alarm. König Johann und Hubert treten auf.)
König Johann.
Wie gehts uns an diesem Tag? O sag es mir, Hubert.
Hubert.
Übel, fürchte ich; wie befindet sich Euer Majestät?
König Johann. Dieses Fieber, das mich so lange schon plagt, sezt mir gewaltig zu; o mein Herz ist krank! (Ein Bote tritt auf.)
Bote.
Gnädigster Herr, euer dapfrer Vetter, Faulconbridge, bittet Euer Majestät, das Feld zu verlassen, und ihn wissen zu lassen, welchen Weg ihr nehmet.
König Johann.
Sag ihm in die Abtey bey Swinstead.
Bote. Ich bring gute Zeitungen; der grosse Succurs, den der Dauphin erwartete, hat vor drey Nächten auf den Sandbänken von Godwin gestrandet; Richard hat diese Neuigkeit so eben erfahren; die Franzosen wehren sich nur noch schwach, und fangen schon an sich zurük zu ziehen.
König Johann. Ach! ach! dieses tyrannische Fieber brennt mich aus, und läßt mich dieser guten Zeitung nicht froh werden. Auf, nach Swinstead zu; meinen Tragsessel her; ich kan es nicht länger aushalten; ich bin ganz schwach.
(Gehen ab.)
Sechste Scene.
(Verwandelt sich in das Französische Lager.)
(Salisbury, Pembrok und Bigot, treten auf.)
Salisbury.
Ich glaubte nicht, daß der König noch so viel Freunde hätte.
Pembroke. So auf einmal; sprecht den Franzosen Muth ein; wenn sie unglüklich sind, sind wir verlohren.
Salisbury. Der mißgezeugte Teufel, Faulconbridge, ist, troz allem Widerstand, die einzige Ursach, daß wir diesen Tag verliehren.
Pembroke. Man sagt, König Johann habe sich sehr krank aus der Schlacht wegbegeben.
(Melun wird verwundet herbeygeführt.)
Melun.
Führet mich zu den Englischen Rebellen.
Salisbury.
Wie wir glüklich waren, hatten wir andre Namen.
Pembroke.
Es ist der Graf von Melun.
Salisbury.
Auf den Tod verwundet.
Melun. Flieht, ihr edeln Engländer, ihr seyd gekauft und bezahlt. Ruft die entlassene Treue wieder zurük, suchet euern König auf, und fallet ihm zu Fuß; denn wenn Ludwig von diesem Tage Meister wird, so gedenkt er euch die Mühe, die ihr nehmet, dadurch zu belohnen, daß er euch die Köpfe abschlagen lassen will; das hat er geschworen, und ich mit ihm, und viele andre mit mir, auf eben dem Altar zu St. Edmondsbury, wo wir euch Freundschaft und ewige Liebe schwuren.
Salisbury.
Ist das möglich? Kan das wahr seyn?
Melun. Hab ich nicht den scheuslichen Tod im Antliz? Blutet nicht das wenige Leben, so ich noch habe, von Augenblik zu Augenblik weg, wie ein Bild von Wachs im Feuer dahinschmilzt? Was in der Welt könnte mich bewegen, izt zu betrügen, da aller Nuzen des Betrugs aufhört? Wie könnt ich noch falsch seyn, da es wahr ist, daß ich sterben muß, und nur durch Wahrheit jenseits des Grabes leben kan? Ich sag es noch einmal: wenn Ludwig diesen Tag gewinnt, so ist er meineydig, wenn diese eure Augen noch einen Tag in Osten aufgehen sehen; sondern in eben dieser Nacht, deren schwarzer anstekender Athem albereit den brennenden Kamm der alten, matten, ermüdeten Sonne anhaucht; in dieser Nacht, sollt ihr zum leztenmal athmen, und für die willkommne Verrätherey den gewöhnlichen Lohn der Verräther bekommen. Empfehlet mich einem gewissen Hubert, der bey euerm König ist; meine Liebe zu ihm, und die Erinnerung, daß mein Großvater ein Engländer war, wekte mein Gewissen zu diesem Bekenntniß auf. Bringet mich nun, ich bitte euch, dafür aus dem Getümmel des Feldes an einen Ort, wo ich den Rest meiner Gedanken in Ruhe ausdenken, und unter andächtigen Betrachtungen und Seufzern meine Seele von diesem Leibe trennen kan.
Salisbury. Wir glauben dir, und, auf meine Seele, ich bin erfreut über diese günstige Gelegenheit, zu unsrer Schuldigkeit und zu unserm Könige zurük zu kehren. Mein Arm soll dir beystehen, dich von hier hinweg zu tragen, denn ich seh den ringenden Tod in deinen Augen. Hinweg, meine Freunde, und von neuem auf die Flucht; doch glükliche Flucht, die uns zu unsrer Pflicht zurük bringt!
(Sie gehen ab, und tragen Melun hinweg.)
Siebende Scene.
(Verwandelt sich in einen andern Theil des Französischen Lagers.) (Ludwig und sein Gefolge treten auf.)
Ludwig. Die Sonne däuchte mich, wollte heute nicht untergehen, sondern blieb stehn, und machte die westlichen Wolken erröthen, da die Engländer in muthlosem Weichen ihren eignen Boden zurükmassen; o wir beschlossen den Tag auf eine rühmliche Art, da wir ihnen mit einer vollen Ladung unsers, zwar unnöthigen, Geschüzes, nach einer so blutigen Arbeit, gute Nacht sagten, und unsre zerfezten Fahnen ruhig aufwanden, die lezten im Felde, und allerdings Meister davon—
(Ein Bote zu den Vorigen.)
Bote.
Wo ist mein Prinz, der Dauphin.
Ludwig.
Hier; was bringst du Neues?
Bote. Der Graf von Melun ist erschlagen; die Englischen Lords sind durch seine Vorstellungen zum Abfall bewogen worden; und die Verstärkung, die ihr so lange gewünscht habt, ist auf den Sandbänken zu Godwin zu Grunde gegangen.
Ludwig. O schlimme, verdrießliche Zeitungen! So verdrießlich dacht' ich diese Nacht nicht zu seyn, als ich es izt bin. Wer war der, welcher sagte, König Johann sey geflohen, eine oder zwo Stunden, eh die Nacht beyde Armeen schied?
Bote.
Wer es auch gesagt hat, hat die Wahrheit gesagt, Gnädigster Herr.
Ludwig. Gut; haltet gute Wache diese Nacht über; der Tag soll nicht so schnell seyn als ich, um es morgen noch einmal zu wagen.
(Sie gehen ab.)
Achte Scene.
(Ein freyer Plaz, unweit der Abtey zu Swinstead.) (Faulconbridge und Hubert treten von verschiednen Seiten auf.)
Hubert.
Wer ist hier? Sprich! he! Rede augenbliklich, oder ich gebe Feuer.
Faulconbridge.
Ein Freund. Wer bist du?
Hubert.
Von der Englischen Parthey.
Faulconbridge.
Und wohin gehst du?
Hubert. Was geht das dich an? Frag ich dich denn nach deinen Verrichtungen, daß du nach den meinigen fragst?
Faulconbridge.
Ich denke, du bist Hubert.
Hubert. Du denkst richtig; ich will nun, auf alle Gefahr hin, glauben, du seyest mein Freund, da du meine Stimme so gut kennest. Wer bist du?
Faulconbridge. Was du willt; wenn du magst, so kanst du mir die Ehre anthun, und denken, daß ich gewisser Maassen ein Plantagenet bin.
Hubert. Ha! daß ich dich mißkennen konnte! Du und die augenlose Nacht haben mich beschämt; tapfrer Kriegsheld, vergieb mir, daß der wohlbekannte Ton deiner Stimme meinem Ohr fremde klingen konnte.
Faulconbridge.
Kommt, kommt, (sans compliment;) was giebt es Neues?
Hubert.
Ich war im Begriff, euch aufzusuchen.
Faulconbridge.
So mach' es kurz; was hast du Neues?
Hubert. O mein werther Herr, eine Zeitung, die sich für die Nacht schikt, schwarz, gefahrvoll, trostlos und schreklich.
Faulconbridge. Zeige mir ohne Umstände die Wunde deiner schlimmen Zeitung; ich bin kein Weibsbild, ich will nicht darüber in Unmacht fallen.
Hubert. Der König ist, wie ich besorge, von einem Mönchen vergiftet worden; ich verließ ihn beynahe sprachlos, und eilte sogleich fort, um euch von diesem Unfall zu benachrichtigen; damit ihr euch desto besser auf die Folgen desselben gefaßt machen könnet, als wenn ihr zu spät von ihm überraschet würdet.
Faulconbridge.
Wie bekam er das Gift? Wer credenzte ihm?
Hubert. Ein Mönch, wie ich euch sagte; ein entschlossener Bösewicht, dem die Gedärme sogleich davon geborsten sind. Doch der König kan noch reden, und vielleicht wieder zurecht kommen.
Faulconbridge.
Wen liessest du seiner Majestät zur Aufwartung?
Hubert. Wie? wißt ihr nicht, daß die Lords alle wieder zu ihm zurük gefallen sind, und den Prinzen Heinrich mit sich gebracht haben, auf dessen Fürbitte der König sie begnadiget hat. Sie alle sind gegenwärtig bey seiner Majestät.
Faulconbridge. Halt deinen Zorn zurük, mächtiger Himmel! Und leg' uns nicht mehr auf, als wir tragen können! Ich muß dir sagen, Hubert, daß die Helfte meiner Armee, indem ich diese Nacht über diese Untieffen sezte, von der Fluth ergriffen worden; diese Lincoln-Sümpfe haben sie verschlungen, und ich selbst, obgleich wohl beritten, bin mit Noth davon gekommen. Laß uns eilen; führe mich zum Könige; ich besorge, er möchte schon verschieden seyn, eh ich ihn sehe.
(Sie gehen ab.)
Neunte Scene.
(Verwandelt sich in einen Garten der Abtey zu Swinstead.) (Prinz Heinrich, Salisbury und Bigot treten auf.)
Heinrich.
Es ist zu späte; sein ganzes Blut ist vom Gift angestekt, und sein sonst so gesundes Gehirn, (welches einige für das zerbrechliche Wohnhaus der Seele halten) kündigt uns durch die unordentlichen Phantasien, die es hervordrängt, das Ende der Sterblichkeit an. (Pembroke zu den Vorigen.)
Pembroke. Der König redet noch, und glaubt, wenn er in die freye Luft gebracht würde, so könnte sie die brennende Hize des Giftes lindern, das ihn verzehrt.
Heinrich.
Laßt ihn hieher in den Garten tragen. Phantasirt er noch?
Pembrok.
Er ist ruhiger als ihr ihn verlassen habt; eben izt sang er.
Heinrich. Dieses giebt uns wenig Hoffnung. Übel, die aufs äusserste gekommen sind, fühlen sich selbst nicht mehr. Wenn der Tod einmal die äusserlichen Theile benagt hat, läßt er sie unempfindlich, und greift alsdann das Gemüth an, welches er durch ganze Legionen von seltsamen Einbildungen anfällt und verwundet, die in ihrem Gedränge, bey diesem lezten Sturm, sich selbst untereinander aufreiben; wie wunderbar, daß der Tod singen soll—Doch es ist das traurige Sterbelied dieses bleichen verschmachtenden Schwans, der aus der Orgelpfeiffe der Sterblichkeit seine Seele und seinen Leib in die ewige Ruhe singt.
Salisbury. Seyd guten Muthes, Prinz, denn ihr seyd dazu gebohren, das was er so roh und ungestalt zurückläßt, zu formen und zur Vollkommenheit zu bringen.
(König Johann wird herbeygetragen.)
König Johann. Ah, wohl, nun hat meine Seele freyen Paß; sie wollte nicht zum Fenster oder zur Thüre hinaus. Es ist ein so heisser Sommer in meinem Busen, daß sich alle meine Eingeweide zu Staub zerkrümmeln. Ich bin eine Figur, die mit einer Feder auf Pergament gezogen worden, und schrumpfe an diesem Feuer zusammen.
Heinrich.
Wie befindet sich Eu. Majestät?
König Johann. Vergiftet, todt, vergessen; und keiner von euch will dem Winter befehlen, daß er komme, und seine beeißten Finger in meinen Schlund steke; noch machen, daß die Ströme meines Königreichs ihren Lauf durch meinen brennenden Busen nehmen; noch dem Nord sagen, daß seine kalten Winde meine ausgedörrten Lippen küssen, und mich abkühlen sollen. Ich verlange ja nichts als einen kalten Trost, und ihr seyd so unbarmherzig, so undankbar, und schlagt ihn mir ab.
Heinrich.
O! daß doch in meinen Thränen eine Kraft seyn möchte, euch Lindrung zu verschaffen!
König Johann. Das Salz darinn ist heiß. Ich habe die Hölle in mir, und das Gift ist der Teufel, der darinn eingesperrt ist, mein ohne Hoffnung verdammtes Blut zu peinigen.
Zehnte Scene.
(Faulconbridge zu den Vorigen.)
Faulconbridge.
Oh! ich bin athemlos und ganz abgebrüht, vor äusserster Eilfertigkeit Eu. Majestät zu sehen.
König Johann. Vetter, du kommst eben recht, mir die Augen zuzudrüken; das Takelwerk meines Herzens ist zerrissen und verbrannt, und alle die Thaue, womit mein Leben segeln sollte, sind bis auf einen einzigen Faden, ein armes kleines Haar abgenuzt; mein Herz hängt nur noch an einem einzigen schwachen Zwirn, der nur so lange halten wird, bis du deine Zeitungen gesagt hast; und dann ist alles was du siehst, nur ein Kloz und Model von zerstörter Majestät.
Faulconbridge. Der Dauphin rüstet sich, hieher vorzudringen, und der Himmel weiß, wie wir ihm begegnen sollen; denn ich habe in einer Nacht, da ich mich mit Vortheil zurükziehen wollte, meine besten Truppen in den Morästen von Lincoln verlohren, alle, ohne Rettung, von der unerwarteten Fluth verschlungen.
(Der König stirbt.)
Salisbury.
Ihr athmet diese tödtlichen Zeitungen in ein todtes Ohr—Mein Gebieter, mein König—doch—kaum ein König, izt diß.
Heinrich.
Eben so muß ich nun lauffen, und eben so stille stehn. Was für Sicherheit, was für Hoffnung, kan uns diese Welt geben, wenn das, was eben izt ein König war, so bald ein Erdkloß ist.
Faulconbridge. Bist du dahin? O! ich bleibe nur zurük, das Amt der Rache statt deiner zu vollziehen; und dann soll meine Seele dir im Himmel aufwarten, wie sie dir auf Erden immer gedient hat—
(Zu den Lords.)
Nun, nun, ihr Sterne, die ihr in eure Kreise zurükgetreten seyd, wo sind eure Völker? Beweiset nun eure wiedergekehrte Treue und eilet unverzüglich wider mit mir zurük, um ausländische Verwüstung und ewige Schmach aus der schwachen Thüre unsers unmächtigen Landes auszutreiben. Laßt uns den Feind eilends aufsuchen, oder wir werden von ihm gesucht werden. Der Dauphin wüthet beynahe an unsern Fersen.
Salisbury. So scheint es also, ihr wisset nicht so viel als wir. Der Cardinal Pandolph ist hier, und ruhet drinnen aus, indem er nur vor einer halben Stunde von dem Dauphin mit solchen Friedens-Vorschlägen hieher gekommen, die wir mit Ehre und Vortheil, zu Endigung des gegenwärtigen Kriegs, annehmen können.
Faulconbridge.
Er wird desto geneigter zum Frieden seyn, wenn er uns zur Vertheidigung gefaßt sehen wird.
Salisbury. Die Sache ist gewisser massen schon in Richtigkeit; denn er hat schon den grösten Theil seiner Kriegsgeräthschaft nach der Küste abgeschikt, und dem Cardinal Vollmacht gegeben, den Frieden zu machen; und wenn ihr es gut befindet, so wollen wir, ihr, ich selbst und die übrigen Lords uns diesen Nachmittag mit ihm auf den Weg machen, um dieses Geschäfte glüklich zu Ende zu bringen.
Faulconbridge.
Laßt es so seyn; und ihr, mein edler Prinz, mit den übrigen Fürsten, die am besten geschont werden können, bleibet zurük, euers Vaters Leichenbegängniß zu besorgen.
Heinrich. Zu Worcester soll, vermöge seines lezten Willens, sein Leichnam beerdiget werden.
Faulconbridge. Er soll also dahin gebracht werden, und glüklich möge Euer theurstes Selbst die Erbfolge und den glorreichen Scepter dieses Landes übernehmen, als welchem ich hier, mit aller Unterwürfigkeit, auf meinen Knien, meine getreuen Dienste und immerwährenden Gehorsam angelobe.
Salisbury. Eben dieses Gelübde thut unsre zärtliche Liebe, welche auf ewig ohne einigen Fleken dauern soll.
Heinrich. Meine gerührte Seele wünscht euch danken zu können, und weiß es nicht anders zu thun als durch Thränen.
Faulconbridge. Laßt uns einem Übel, welches wir so lange zum voraus bejammert haben, nur nöthige Trauer bezahlen—So lag England niemals, und soll künftig nie zu eines Erobrers Füssen ligen, als wenn es sich vorher durch seine eigne Hände verwundet hat. Nun, da diese seine Fürsten wieder heimgekehrt sind, nun laßt drey Theile der Welt in Waffen herkommen, und wir sind stark genug, sie abzutreiben. So lange England sich selbst getreu bleibt, ist nichts das uns erschreken kan!
Leben und Tod des Königs Johann, von William Shakespeare (Übersetzt von Christoph Martin Wieland).
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As of February, 2002, contributions are being solicited from people and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
We have filed in all 50 states now, but these are the only ones that have responded.
As the requirements for other states are met, additions to this list will be made and fund raising will begin in the additional states. Please feel free to ask to check the status of your state.
In answer to various questions we have received on this:
We are constantly working on finishing the paperwork to legally request donations in all 50 states. If your state is not listed and you would like to know if we have added it since the list you have, just ask.
While we cannot solicit donations from people in states where we are not yet registered, we know of no prohibition against accepting donations from donors in these states who approach us with an offer to donate.
International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made deductible, and don't have the staff to handle it even if there are ways.
Donations by check or money order may be sent to:
Project Gutenberg Literary Archive Foundation
PMB 113
1739 University Ave.
Oxford, MS 38655-4109
Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment method other than by check or money order.
The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN [Employee Identification Number] 64-622154. Donations are tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising requirements for other states are met, additions to this list will be made and fund-raising will begin in the additional states.
We need your donations more than ever!
You can get up to date donation information online at:
http://www.gutenberg.net/donation.html
***
If you can't reach Project Gutenberg, you can always email directly to:
Michael S. Hart <hart@pobox.com>
Prof. Hart will answer or forward your message.
We would prefer to send you information by email.
**The Legal Small Print**
(Three Pages)
***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START*** Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers. They tell us you might sue us if there is something wrong with your copy of this eBook, even if you got it for free from someone other than us, and even if what's wrong is not our fault. So, among other things, this "Small Print!" statement disclaims most of our liability to you. It also tells you how you may distribute copies of this eBook if you want to.
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