Mathilde Möhring

Theodor Fontane · Kapitel 1 von 1 · Teil 3/4

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Mathilde Möhring

Mathilde Möhring

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.

»Ja, es is aber doch wie ein hartes Herz und eine Grausamkeit...«

»Ach Unsinn, Mutter. Wenn der ein hartes Herz hat, hat jedes Kaninchen auch eins. Ein zu weiches Herz hat er, das is es, und das muß ich ihm abgewöhnen. Denn die, die ein zu weiches haben, sind immer faul und bequem und können auch nich anders, weil alles, was hier sitzt, keinen rechten Schlag hat.«

»Meinst du, Thilde?«

»Ja, Mutter, wenn man verlobt ist, hört man ja mitunter den Schlag, weil man sich so nahe kommt, und geht auch nicht anders, und wenn man anders wollte, so wär es wie Ziererei. Ja, was denkst du, was er für'n Herzschlag hat? Wie 'ne Taschenuhr.«

»Am Ende war es auch so.«

»Nein, es war sein Herz. Und das einzige Gute ist, und deshalb is das so wichtig mit der Runtschen, wenn er was Häßliches sieht, dann schlägt es besser, und dann hat er ein starkes menschliches Gefühl und beinah männlich, und ein so guter Mensch er ist, das Liebste an ihm is mir doch, daß er immer einen so furchtbaren Schreck kriegt, wenn er den Runtschen[schen] Kiepenhut sieht und all das andre. Es ist mir ja leid. Aber er steht mir doch näher, und du glaubst gar nich, wie wichtig das is. Sieh, Mutter, mit einem schwachen Menschen ist eigentlich nich recht was zu machen. Aber man muß auch nich zuviel verlangen, und wenn einer bloß so viel hat, daß er sagen kann: »Thilde, die Runtschen muß draußen bleiben«, so is das schon ganz gut. Denn wer so furchtbar gegen das Häßliche ist, der kommt auch zu Kräften, wenn er was sehr Hübsches sieht.«

»Ach, Thilde, das is ja das allerschlimmste, das kenn ich auch, damit komme mir nich.«

»Ja, Mutter, gerade damit komm ich. Du denkst immer bloß an Ulriken und an Schultzen unten. Aber das is nich die richtige Hübschigkeit, das is, was man das Untre nennt.

»Ja, ja.«

»Das Untre, das Niedre. Daneben gibt es aber auch was, das ist das Höhere. Und sieh, wer das hat, der kann auch das Schwache stark machen. Lange vor hält es wohl nich, aber es kommt doch, es ist doch da. Und wie er gegen das Häßliche is, so is er auch gegen das Schlechte, und wie er für das Hübsche is, für das richtige Hübsche, so is er auch für das Gute. Und ist sogar für Tugend, ich habe die Beweise davon. Und dies habe ich dir alles sagen müssen, damit du mir nich wieder mit der Alten draußen kommst. Daß er so gegen die Runtschen is, das ist mein Hoffnungsanker. Und nu komm, Mutter, es ist ja schon über eins, und morgen is ein schwerer Tag für mich. Denn morgen is die Ferienwoche vorbei, und morgen muß ich ihn ins Gebet nehmen.«

»Ach Gott, Thilde, was soll nun wieder ins Gebet nehmen. Mitunter is mir doch recht bange. Und so geht es nun ins neue Jahr rein, und unser bißchen Erspartes wird immer weniger. Er is ja nich ein Studierter, er is ja doch bloß ein alter Studente.«

»Ja, das is er. Aber laß nur gut sein. Wenn ich auch nich viel aus ihm mache, soviel doch, daß ich ihn heiraten kann und daß ich dir alle Monate was schicken kann und daß ich einen Titel habe.«

 

Der erste Januar war ein wundervoller Wintertag, alles überreift und übereist, aber nicht sehr kalt und eine helle Sonne am blauen Himmel. Hugo war früh auf, so früh, daß Möhrings noch schliefen; er ging hinüber, klopfte an das Schlafzimmer, und als er Thildens etwas erschreckte Stimme gehört hatte, rief er durch die Türspalte, daß er sein Frühstück in den Zelten nehmen wolle. »Das tu«, sagte Thilde, während die Alte vor sich hin brummelte: »Jott, so fängt er nu an, so is nu Neujahr.« Hugo hörte aber nichts davon, er drückte schon die Entreetür ins Schloß und überließ es Thilden, die Alte ein bißchen zurechtzusetzen. »Mutter, mit dir is auch gar nichts; du denkst immer gleich an Feuermelder und Hinrichtung. Ich bin doch nu verlobt und seine Braut, und ich muß dir sagen, du mußt nu wirklich ein bißchen anders werden.«

»Ja, ja, Thilde, ich will ja.«

»Sieh, du schadest uns. Ich habe dir neulich gesagt, wir seien keine ›kleinen Leute‹, die Runtschen sei kleine Leut, und das ist auch richtig, aber wenn du immer gleich so weimerst, dann sind wir auch ›kleine Leute‹. Wir müssen nu doch ein bißchen forscher sein und so, was man sagt, einen guten Eindruck machen...«

»Ach, Thilde, es kost' ja alles soviel. Wo soll es denn herkommen.«

»Dafür will ich schon sorgen. Und wenn nicht einen forschen Eindruck, so doch einen anständigen und gebildeten. Aber weimern is ungebildet.«

»Un so fängt nu das neue Jahr an«, wiederholte die Alte, »so mit Zank und Streit und mit In-die-Zelten. Und ich glaube, so früh kriegt er noch gar keinen Kaffee. Die Zelten sind ja bloß für Nachmittag.«

»Ach, er wird sich schon durchschlagen; in so was is er findig.«

 

Hugo genoß den schönen Morgen. Er war glücklich, mal wieder einen weiten Spaziergang machen zu können, denn seit dem Tage, daß er krank wurde, war er nicht hinausgekommen. Er freute sich über alles und wußte nur nicht recht, ob es das Bräutigamsgefühl oder bloß das Rekonvaleszentengefühl sei. »Es wird wohl das Rekonvaleszentengefühl sein, aber es ist am Ende gleich.« Er ging bis über Bellevue hinaus, und erst auf dem Rückwege machte er sich's in dem mittleren Zelte, wo der Alte Fritze mit dem Krückstock an der Barre steht, bequem. Dabei hing er seinen Gedanken nach und überlegte: »Heute früh kriegen sie nun meinen Brief, Mutter und Schwester, und dann wird es ein großes Gerede geben. Aurelie ist ein sehr gutes Mädchen und auch nicht eng und nicht kleinlich, aber sie hat doch so 'n sonderbares Honoratiorengefühl, oder eigentlich nicht sonderbar. Und wenn sie nu liest, daß ich mich mit einer Chambre-garnie-Tochter verlobt habe, so wird sie die Nase rümpfen und von Philöse sprechen. Und vielleicht schreibt sie mir auch so was. Na, ich muß es hinnehmen. Möhrings sind sehr gut, auch die Alte so auf ihre Art, aber wenn sich einer mokieren will, dann kann er's. Schließlich schadet es nichts. Man kann sich über alles mokieren. Und wenn Aurelie Thilden sieht, wird sie sich vielleicht auch wundern. Thilde hat nichts Verführerisches, aber das ist doch auch ein Glück; wenn sie so was hätte, wohin sollte das sonst führen, bei so weiten Aussichten und so täglichem Verkehr. Und auch schon jetzt, ich muß mich vor Intimitäten hüten. Sie hat was Herbes, aber das kann angelegte Rüstung sein. Im übrigen weiß ich, was ich mir und andern schuldig bin.«

Es war schon zwölf, als er wieder nach Hause kam. Er hatte noch an der Ecke der Friedrichsstraße eine Litfaßsäule durchstudiert und war zu dem Resultat gekommen, daß sie den Abend über in den Reichshallen verbringen wollten, wo eine Luftkünstlerin merkwürdige Sachen aufführen wollte. Sie war auch abgebildet auf dem Zettel, ein leichtes Kostüm, eigentlich nur eine Andeutung, und flog durch die Luft. »Ich sehe gern so was«, sagte er, als er von der Säule her in die Friedrichsstraße einbog. »Es ist sonderbar, daß mir alles Praktische so sehr widerstreitet. Man kann es eine Schwäche nennen, aber vielleicht ist es auch eine Stärke. Wenn ich solche schöne Person durch die Luft fliegen sehe, bin ich wie benommen und eigentlich beinah glücklich. Ich hätte doch wohl so was werden müssen, ausübender Künstler oder Luftschiffer oder irgendwas recht phantastisches. Oder Tierbändiger, das hat von klein an einen besondren Reiz für mich gehabt. Es soll auch alles nicht so gefährlich sein, wie's aussieht; sie machen sich etwas Moschus oder Zibet ins Haar, dann schnappt er nicht zu. Gott, wenn Thilde wüßte, daß ich so verwegne Gedanken habe. Nun, Gedanken sind zollfrei, und es zieht nur so über mich hin. Wenn ich ernsthaft zusehe, seh ich, daß alles lächerlich ist. Tierbändiger. Und dabei hat mich Thilde in Händen; sie denkt, ich merke es nicht, aber ich merke es recht gut, ich laß es gehn, weil ich es so am besten finde. Schließlich is man, wie man is... Und wenn ich nur so leidlich bequem durchkomme...«

Bei dieser Stelle seiner Betrachtung war er bis vor Schultzes Palazzo angelangt und sah hinauf. Schultze stand in Samtschlafrock und türkischem Fez am Fenster und grüßte gnädig hinunter, wobei er seinen Fez zog. Hugo erwiderte den Gruß, war aber nicht sehr erbaut davon, weil sich in dem Ganzen was von Überhebung aussprach, jedenfalls nicht viel Respekt. Und nun stieg er hinauf. Das Messingschild eine Treppe hoch war glänzend geputzt, und ein Hausmädchen mit kokettem Häubchen und Tändelschürze, das Schultze selbst ausgewählt hatte, stand auf dem Vorflur am Treppengeländer und sah in den Hausflur hinunter. Als Hugo vorüberging, wandte sie sich und grüßte sehr artig, aber mit einem Gefühl von Überlegenheit über ihn oder eigentlich über Thilde. Hugo fühlte es heraus und kam ziemlich kleinlaut oben an. Ein Glück war, daß er solchen Stimmungen ebenso rasch entrissen werden konnte, wie sie ihm kamen. Als er oben war, dachte er wieder an die Reichshallen und das Bild auf dem Zettel, und wieder gehoben in seiner Stimmung, trat er in das Entree, legte den Überzieher ab und ging zu Möhrings hinüber.

Er fand nur Thilde, die merkwürdig gut aussah und sich ihm in einem neuen Kleide präsentierte. Die Alte war nicht da. »Guten Tag, Thilde, und viel Glück zum Neujahr. Aber wo ist denn die Mutter?«

»Die wollte zwei Neujahrsbesuche machen bei Schmädickes und bei Donners. Das sind noch alte Hausbekannte, als wir noch in der Stralauer Straße wohnten.«

»Davon hab ich ja nie gehört.«

»Kann auch nich. Sie machen sich nichts aus uns, und wir machen uns nichts aus ihnen, sehr langweilig und sehr ungebildet, aber Mutter hat so alte Sätze: ›Man soll alte gute Freunde nicht aufgeben‹, als ob es alte Freunde wären. Aber es sind keine, bloß alt sind sie, das is richtig, aber alle Neujahr geht Mutter hin. Ich denke mir, es is ein bißchen Neugier. Und nu sage, wo warst du?«

Hugo berichtete getreulich, und während sich Thilde auf das Sofa und Hugo dicht neben sie setzte, sprach er auch von der Litfaßsäule und daß sie heut abend in die Reichsballen wollten, da wäre die »Tochter der Luft«, eine pompöse Person und doch ganz ätherisch. Die Mutter könne ja gut mitkommen.

Thilde sah ihn an und lächelte. Dann nahm sie seine Hand und sagte: »Reichshallen. Nein, Hugo, das ist nun vorbei. Wir waren nu von Heiligabend bis Silvester jeden Tag aus oder hatten unsern Punsch, und einmal waren wir in einem ganz feinen Lokal, ich möchte beinah sagen über unsren Stand und unsre Verhältnisse; aber nun ist es genug, und nu müssen wir anfangen.«

»Ja womit denn, Thilde?«

»Nimm es mir nicht übel, aber so was kannst nur du fragen. Willst du mir erlauben, dir offen meine Meinung zu sagen, und willst du mir versprechen, mir nichts übelzunehmen und von vornherein davon auszugehn, daß ich's gut meine mit dir und allerdings auch mit mir.«

»Gewiß, Thilde. Sprich nur, ich weiß ja, daß es immer was Vernünftiges ist, was du sagst. Mitunter ein bißchen zu sehr. Aber in dieser Woche habe ich dich auch von der lebelustigen Seite kennengelernt.«

»Und das sollst du auch weiter, Hugo. Ich bin gar nicht so schlimm und so schrecklich vernünftig, wie manche glauben. Ich bin auch für Sichputzen und für Vergnügen. Aber mit Arbeit muß es anfangen. Daß wir arme Leute sind, wußt du, und daß du nicht reich bist, weißt du auch. Zweimal null macht null. Und mit Null kann man nicht in teure Lokale gehn und nicht einmal die Tochter der Luft sehn. Wir sind nun verlobt, und ich bin glücklich, einen so guten und einen so hübschen Mann zu haben, und bin sicher, daß ihn mir viele nicht gönnen, die Rätin unten gewiß nicht und die Frau Leutnant Petermann auch nicht. Das sind neidische alte Weiber. Und das schöne blonde Frauenzimmer unten mit der Spitzhaube sieht mich auch immer so an. Nu, Neid macht glücklich, und ich bin es. Aber Stillstand ist Rückschritt, sagte mein Vater das Jahr vor seinem Tode, als er keine Weihnachtszulage gekriegt hatte.«

»Du hast ganz recht«, unterbrach Hugo.

»Freilich hab ich recht. Aber du sagst das nur, weil du nicht weiter zuhören willst. Ich weiß das. All so was, was doch schließlich wichtiger ist als Kosinsky, womit ich aber nichts gegen unsren Schiller gesagt haben will, all so was hörst du nicht gern, es soll alles bloß hübsch aussehn und glattgehn und bequem sein. Nu gewiß, Bequemlichkeit ist immer das bequemste, versteht sich, und ich kann dir sagen, wenn früher die Herren um sieben ihren Kaffee wollten, und einen hatten wir, der war schon immer um Klock sechse auf, und ich mußte dann raus und Kien spalten und mit einem Tuch übern Kopf zu Bäcker Pfannschmidt, um die Semmeln zu holen, ich kann dir sagen, da hätt ich mich auch lieber noch mal rumgedreht und das Kissen übers Kinn gezogen, denn es war ein bitterkalter Winter, und ich bibberte man so...«

»Na, Thilde, das is nu vorbei.«

»Ja, das sagst du so hin, vorbei. Was heißt vorbei. Verlobt sind wir, das heißt also, wir wollen doch mal heiraten und in eine christliche Ehe eintreten. Darum muß ich bitten. Komme mir nicht so mit so bloß drüberhin. Dafür bin ich nicht. Alles muß sein Vergnügen haben, aber auch seinen Ernst. Und der Ernst kommt erst. Und da wir doch nicht als Herr und Frau Student oder Kandidat, was eigentlich dasselbe ist, durch die Welt gehen können, schon deshalb nicht, weil, wer kein Amt und keinen Dienst hat, auch kein dienstliches Einkommen hat, was wir doch haben müssen, wenn wir leben wollen und eine Familie bilden wollen...«

»Ach,Thilde,das ist ja noch weit hin...«

»... Also leben wollen, so mußt du für das sorgen, was zum Leben nötig ist, das heißt, du mußt nun endlich dein Examen machen und nicht immer die Bücher beiseite schieben und die ›Gespenster‹ lesen, was übrigens, wie es sein Titel schon ausrückt, ein greuliches Stück ist. Dein Examen machen, sag ich, je eher, je lieber. Und von morgen ab wird angefangen...«

»Aber wie denn?«

»Ganz einfach. Statt an die Reichshallen und die Tochter der Luft zu denken, denkst du an dein Repetitorium, was du während deiner Krankheit ganz vergessen hast, und schon vorher war es auch nicht viel, und du bezahltest bloß und gingst spazieren. Aber nun mußt du wirklich hingehn. Und abends, ihr habt da ja solche Fragehefte mit beigeschriebner Antwort, was ich alles auf deinem Stehpult habe liegen sehn, abends kommst du zu Mutter und mir herüber und kannst dich auch auf die Chaiselongue legen, wenn es dir paßt, und dich mit deiner alten Reisedecke, mit dem Löwen drauf, zudecken. Und wenn du so daliegst, werd ich dir die Künste abfragen und nicht eher ruhen, als bis du mir Red und Antwort stehen kannst und alles ganz genau weißt wie am Schnürchen.«

»Aber Thilde.«

»Verlaß dich drauf. Wenn es was werden soll, so kommst du und legst dich hin oder kannst auch sitzen bleiben, und ich frage dich. Und heute abend, wenn dir so sehr daran liegt, kannst du noch mal die ›Tochter der Luft‹ sehn. Aber ich gehe nicht mit, ich habe vorläufig keinen Sinn für dergleichen, und morgen abend fangen wir an.«

 

ELFTES KAPITEL

Hugo wußte nicht recht, ob er froh oder verstimmt sein sollte. So schwach war er nicht, um nicht einzusehn, daß Thilde mit ihm machte, was sie lustig war, und so uneinsichtig war er nicht, daß er das sehr Unheldische seiner Situation nicht herausgefühlt hätte. Ja, das hätte nicht sein sollen. Aber das waren nur kurze Anwandlungen, eigentlich war er froh, daß jemand da war, der ihn nach links oder rechts dirigierte, wie's grade paßte. Daß es gut gemeint war und daß er dabei vorwärtskam, empfand er jeden Augenblick, und was ihm über gelegentliche Mißstimmungen am besten forthalf, war die Beobachtung der Methode, nach der Thilde mit ihm verfuhr. In seinem ästhetischen Sinn, der sich an Finessen erfreuen konnte, sah er mit einem gewissen künstlerischen Behagen auf die Methode, nach der Thilde verfuhr, und freute sich der Erleichterungen, die das pädagogische Verfahren ihm unmittelbar gewährte. Es stand nämlich für Thilde fest, daß sie sich hüten müsse, seiner Tragekraft mehr zuzumuten, als diese doch nur schwache Kraft beim besten Willen leisten konnte, weshalb sie mit Klugheit und Geschick für Unterbrechungen Sorge trug oder, wie sie sich scherzhaft ausdrückte, für »Entrefilets«, ein Wort, das sie sich aus Hugos etwas feuilletonistischem Sprachschatz angeeignet hatte. Wenn das Examinieren, das sie nach Möglichkeit in ein quickes Frage-und-Antwort-Spiel verwandelte, bedrücklich zu werden anfing und sich in Hugo[s] Zügen etwas von Ermüdung zeigte, so brachte sie ein Glas Tee oder Rotwein oder eine Ingwertüte, und während sie ihm daraus präsentierte und auch wohl selber ein Stückchen nahm und von den Molukken sprach, wo der Ingwer am besten eingemacht würde und wo sie von China her (oder vielleicht würden sie auch nachgemacht) auch die großen blaugeblümten Porzellankrüge hätten, glitt sie zu Tagesfragen über und las ihm von Christenverfolgungen in China vor oder von den Franzosen in Annam und Tonkin oder von dem Kriege, den die Holländer mit den Eingebornen führen müßten. Die Japaner seien den Chinesen doch weit voraus, und ein Volk, das solche Naturbeobachtung habe und solche Blumen und solche Vögel machen könne, das repräsentiere doch eine allerhöchste Kultur, was man jedem Teebrett absehen könne. Dabei wolle sie noch nicht einmal von dem Lack sprechen, der doch auch unerreicht dastehe. Dabei war Thilde groß in Übergängen, und wenn sie so mit Hülfe der Ingwertüte bei den Molukken und Japan und China begonnen hatte, war es ihr ein leichtes, sich bis zu Kroll und der Sembrich und sogar bis zu Rybinski zurückzufinden, und wenn sie dann noch was Pikantes, das sie eigens für Hugo sammelte, zum besten gegeben und ihn erfrischt hatte, sagte sie: »Nun aber, bricht Verkauf Miete oder nicht?«

 

Und Hugo ging dann mit wiedergewonnener Kraft ins Feuer und antwortete mitunter so gut, daß Thilde ihre helle Freude hatte.

 

Die alte Möhring war immer dabei, schon weil sie nicht wußte, wo sie hinsollte. So kam Ende Januar heran, und als eines Abends um die zehnte Stunde Hugo das Zimmer verlassen und Thilde die Gläser und Tassen beiseite geräumt hatte, sagte die Alte, während sie sich auf eine Fußbank und mit dem Rücken an den Ofen setzte: »Sage mal, Thilde, lernt er denn gut?«

Thilde: »O ganz gut, Mutter, eigentlich besser, als ich dachte.«

Die Alte: »Ja, ja, es kommt mir auch so vor, und er is auch ein bißchen viviger[Fußnote], als er eigentlich is. Aber du kommst immer mit soviel dazwischen.«

»Wie denn?«

»Mit soviel von Theater und Bella. Mir is, was so zwischenkommt, immer das liebste, und wenn gar nichts zwischenkäme, so ging' ich zu Bett. Aber es is doch woll nich richtig, daß immer soviel zwischenkommt.«

Thilde lachte. »Nein, Mutter, es ist ganz richtig so. Sieh mal, es ist so. Wenn ich heute noch nach Spandau gehen soll, na, dann zieh ich mir meinen Gummimantel über und nehme den Regenschirm und staple los; und in Charlottenburg lehne ich mich mal an und sehe nach 's Schloß rüber und was die Uhr ist, und um zwölf bin ich in Spandau, und um vier bin ich wieder hier und bringe dir deinen Kaffee.«

»Ja, Thilde, das glaub ich schon. Aber was meinst du nu eigentlich?«

»Und nu nimm mal [an], daß du gehen sollst, auch nach Spandau. Na, bis vors Brandenburger Tor kommst du mit einem Zug, und dann setzt du dich auf die erste Bank, gleich da, wo die kleinen Springbrunnen sind. Und wenn du dich ausgeruht hast, dann geht es weiter, [dann] kommst du bis an den Kleinen Stern und dann bis an den Großen Stern und dann bis an die Chausseehäuser. Und überall ist 'ne Bank und kannst dich ausruhn, und so kommst du nach Spandau. Sagen wir gegen Abend. Aber du kommst doch an. Und ohne Ruhebank wärst du liegengeblieben und gar nicht angekommen.«

»Ja so, nu versteh ich. Ohne die Banke kommt er nich an. Na, wenn er bloß ankommt.«

Thilde: »Er wird schon.«

 

Und richtig, er kam. Hugo bestand. Er hatte zwar nur das Notdürftige gewußt, es trotzdem aber erzwungen. Dasitzend wie Hus auf dem Konzil zu Kostnitz, ernst, schwärmerisch und bescheiden, halb tapfer und halb angstvoll, war es diese Haltung gewesen, die schließlich alles zum Guten geführt hatte. Seine Persönlichkeit hatte gesiegt. Einer der Herren Examinatoren nahm ihn beiseite und sagte: »Lieber Großmann, es war alles gut, ich gratuliere Ihnen.«

In einem merkwürdigen Seelenzustande, gehoben und doch auch gedrückt (gedrückt, weil er an die Zukunft dachte), kam er nach Haus und sah sich dieser Stimmung erst entrissen, als er hier Mutter und Tochter begegnete. Thilde, deren Auge leuchtete, blieb verhältnismäßig ruhig, der Gefahr aber, von der Alten geküßt zu werden, entging er nur mit genauer Not im letzten Augenblicke durch Rückzug in sein Zimmer. Mutter Möhring war das nicht recht, und weil sie wie die meisten alten Berlinerinnen das Bedürfnis der Aussprache hatte, mußte nun Thilde alles mit anhören, was der Alten auf der Seele brannte. »Gott sei Dank, Thilde, nu kann man doch wieder ruhig schlafen und weiß auch, was aus einem wird. Denn gut is er doch eigentlich und wird eine alte Frau nich umkommen lassen.«

 

Hugo schrieb Briefe nach Haus und auch ein paar Zeilen an Rybinski, um ihn wissen zu lassen, daß alles gut abgelaufen.

Als er gegen sieben wieder hinüberging, fand er ein kleines Souper vor, das Thilde samt einer Flasche Rüdesheimer, mit einer aufgeklebten Rheingaulandschaft als Beweis ihrer Echtheit, aus einem benachbarten großen Restaurant herbeigeschafft hatte. Das Aufmerksame, das darin lag, und beinah mehr noch der gute Geschmack, mit dem alles arrangiert worden war, blieben nicht ohne Wirkung auf Hugo, der sich plötzlich von dem Gefühl ergriffen sah, doch vielleicht in seinem dunklen Drange das Rechte getroffen zu haben; gewiß, es waren einfache Menschen, etwas unter Stand, doch gut und ordentlich und zuverlässig, und alles andre war ja nur Schein, Plattiertheit, und er reichte über den Tisch hin Thilden die Hand, wie wenn er sagen wollte: »Wir verstehen uns.« Dann ließ er sich's schmecken, und als er den sich wiederholenden Widerstand der alten Möhring, die jedesmal die Hand über das Glas hielt, endlich siegreich aus dem Felde geschlagen und auch ihr von dem goldgelben Wein eingeschenkt hatte, verstieg er sich bis zu einem launigen Toast, darin er die gute Möhring mit dem guten Examinator geschickt verglich und verband und beide leben ließ. Nach Tisch brachte Thilde den Kaffee, der zu Ehren des Tages von einer Extrastärke war. »Höre, Thilde, der geht aber ins Blut, Ich kriege dann immer solch Jucken.«

»Ach, laß nur, Mutter, wenn er nur schmeckt.«

»Ja, schmecken tut er, und stark is er, oder wie Möhring immer sagte: ›Mutter, da is keine Bohne vorbeigesprungen.‹ Jott, wenn ich so an Vatern denke; was würde der woll gesagt haben.« Und nun mußte sich Hugo in einen Großvaterstuhl setzen und genau berichten, wie's eigentlich gewesen wäre, ja, Thilde fragte sogar, ob er auch nicht zu sicher geantwortet hätte, sie habe mal gehört, das könnten die Herren nicht leiden. Hugo beruhigte sie hierüber, und als alles erzählt und im vorbeigehn auch erwähnt war, daß er gleich an seine Mutter und Schwester nach Owinsk hin geschrieben habe, kam er überhaupt auf Owinsk und seine Jugend und sein elterliches Haus zu sprechen und welch forsches Leben sie da geführt hätten. Burgemeister und Apotheker und Rechtsanwälte, die lebten immer am forschesten, weil sie das meiste Geld hätten, und eigentlich sei solch kleinstädtisches Leben viel vergnüglicher als ein Leben in der großen Stadt, denn immer sei was los, und wenn sie nicht Skat spielten, so spielten sie Theater, und wenn nicht Ball wäre, so wäre Schlittenbahn, und dann bimmelte das Schellengeläut den ganzen Nachmittag, und die Schneedecken flögen, und die hübschen Frauen, denn in den kleinen Städten gäbe es immer hübsche Frauen, hätten die Hand im Muff und, wenn es sehr kalt wäre, auch die Hand von ihrem Partner dazu.

»Jott«, sagte die alte Möhring, »was heißt Partner? wo sind denn die richtigen Männer, die dazu gehören?«

»Die sind in einem andern Schlitten.«

Hugo plauderte noch so weiter, und es gelang ihm, auch Thilden ein kleines Lächeln abzugewinnen. Die Moralia von Owinsk waren ihr um so weniger ängstlich, als sie sich überzeugt hielt, daß ihres Bräutigams Hand nie in solchem Muff gesteckt hatte. Hugo malte nur gern so was aus, weil er es hübsch fand, aber es lag nicht in ihm, solche Bilder in Taten umzusetzen. All das wußte Thilde recht gut, die denn auch, statt sich mit Eifersucht zu quälen, aus Hugos Schilderungen des Owinsker Lebens nur das heraushörte, was sie für ihre eignen Pläne brauchen konnte. Was immer in ihr festgestanden hatte, daß Hugo in eine kleine Stadt und nicht in eine große gehöre, das stand ihr jetzt fester denn je.

Hugo selbst zog sich früh zurück, es konnte kaum neun sein, denn wenn auch siegreich, es war doch ein heißer Tag gewesen. Aber er mochte noch nicht schlafen und ging auf und ab in seinem Zimmer. Alles in allem war ihm nicht sehr siegerhaft zumut. Er war nun Referendar, alles ganz gut, aber nun blieb noch der Assessor, und wenn er daran dachte, daß diese zweite Weghälfte notorisch viel, viel steiniger sei, so überkam ihn dasselbe Angstgefühl wieder, das er schon auf dem Heimwege von der Examinationsstätte bis zur Georgenstraße gehabt hatte. Mit Thilde war nicht zu spaßen; und er rechnete mit halber Gewißheit darauf, daß Thilde vielleicht morgen schon das am Neujahrstage mit ihm geführte Gespräch wiederholen und ihm zum zweiten Mal die Epistel lesen würde, vielleicht unter Wiederbewilligung einer Ferienwoche. Dann nahm das Repetieren bei Tag und das Frag-und-Antwort-Spiel bei Abend wieder seinen Anfang, und er erschrak davor und zweifelte, daß er's überwinden werde. Vielleicht wär es besser gewesen, er wäre durchgefallen, dann war die ganze Quälerei vorbei. Verlobt war er freilich, aber doch erst ein Vierteljahr, das wollte nicht viel sagen, und am Ende -mußt es denn grade die Juristerei sein, die so gar nicht zu ihm paßte, weil alles so steif und hölzern war. Rybinski lebte doch auch. Und wenn er auf der Posener Bahn fuhr (dessen entsann er sich jetzt mit Vorliebe) und an den kleinen Stationen vorüberkam, wo das Bahnhofsgebäude halb in wildem Wein lag und der Bahnhofsinspektor in seiner roten Mütze den Zug abschritt, während eine junge Frau mit einem Blondkopf neben sich halb neugierig und halb gelangweilt aus dem Fenster der kleinen Beletage[Fußnote] sah, Gott, da war ihm schon manch liebes Mal der Gedanke gekommen: ja, warum nicht Bahnhofsinspektor? Und dieser Gedanke kam ihm wieder. Und wenn nicht Bahnhofsinspektor, warum nicht Schuppeninspizient oder Telegraphist; das bißchen Tippen muß sich doch am Ende lernen lassen, und mitunter kommt auch mal ein interessantes Telegramm, und man gewinnt Einsicht in allerlei.

Diesen Betrachtungen hingegeben, wurde er ruhiger und schlief ein. Aber am andern Morgen war die alte Sorge wieder da, und er war verlegen, als ihm Thilde seinen Kaffee, den er noch immer allein nahm, in sein Zimmer brachte.

»Guten Morgen, Hugo. Sieh, wie prächtig die Sonne scheint, das ist dir zu Ehren. Und es ist auch warm draußen, du solltest spazierengehn und dich nach all den Strapazen erholen. Denn wenn einer auch noch so tapfer ist« (und sie lächelte dabei), »vor einem Examen hat doch jeder Furcht. Gehen macht wieder frisch, und bring uns ein paar Neuigkeiten mit. Ich glaube, deine ›Tochter der Luft‹ ist nicht mehr da, sonst ließe sich darüber reden, und wir könnten heut abend vielleicht hingehn. Heute vormittag muß ich in die Stadt. Soll ich dir etwas mitbringen? Oder hast du auf was Appetit? Mein lieber alter Mensch, du bist doch recht blaß geworden.« Und dabei gab sie ihm einen Kuß mit ihren schmalen Lippen und ging dann und nickte ihm von der Tür her noch mal freundlich zu.

 

»Merkwürdiges Mädchen«, sagte Hugo, »so gut und so tüchtig; aber Küssen is nicht ihre Force. Nu, man kann nicht alles verlangen, und jedenfalls bin ich froh, daß sie nich gleich wieder davon angefangen hat. Es wird wohl nur eine Galgenfrist sein. Aber wieviel Tage hat denn das Leben? Und ein Tag ist schon immer was.«

 

Hugos Befürchtungen schienen sich nicht erfüllen zu sollen. Das Examen war Ende März gewesen, und schon war Mitte April, ohne daß Thilde von Assessor-Examen und Vorbereitung dazu gesprochen hätte. Sie ließ es gehn, war voll kleiner Aufmerksamkeiten, unter denen Stückevorlesen aus kleingedruckten Reclamschen Zweigroschen-Ausgaben obenan stand, und hatte sich nur darin geändert, daß sie minder häuslich schien als früher und jeden Vormittag ein paar Stunden in der Stadt war. Hugo selbst kümmerte sich nicht darum und auch kaum die Alte, bis diese eines Tages fragte: »Thilde, du bist jetzt immer gerade weg, wenn die Runtschen kommt und reine macht. Ich will nichts sagen, aber sie rennt immer gegen, weil sie nich sehen kann, und schlägt alles entzwei, heute wieder die grüne Lampenglocke.«

»Ja, das is schlimm, Mutter.«

»Wo gehst du denn eigentlich immer hin, Thilde?«

»Lesehalle für Frauen.«

»Und da?«

»Da les ich Zeitungen.«

»Aber Hugo kriegt ja doch jeden Tag eine.«

»Freilich. Aber eine is nicht genug; ich brauche viele.«

»Na, wenn du meinst; für mich wär es nichts.«

Und dabei blieb es. Die Alte kam nicht wieder darauf zurück, bis eine Woche später diese halb geheimnisvolle Zeitungslesei, auch ohne weitre Frage, ihre Erklärung fand.

Es war ein Sonntag, an welchem Tage die Lesehalle nur von elf bis eins auf war, und um eineinhalb war Thilde wieder zu Haus.

»Guten Tag, Mutter. Es riecht ein bißchen nach verbrannt. Du hast wohl nich recht nachgesehn. Na, Hugo merkt es nicht. Und wenn auch, er ißt ja die verbrannten Stellen am liebsten und sagt dann bloß immer: »Da is nu alles Animalische raus.«

»Ja, ja, so was sagt er, und ich hab ihn schon immer danach fragen wollen. Aber dann dacht ich auch wieder, ›lieber nich‹.«

»Und das war auch am besten so. Nicht fragen ist immer besser. Aber bist du denn gar nich in die Küche gekommen?«

»Ja, Thilde, jetzt eben. Und da hab ich es auch gleich gemerkt und hab ein paar Kohlen rausgenommen und hab auch aufgegossen. Und geärgert hab ich mich auch, denn es kost' ja soviel, aber ich konnte nicht eher rausgehn, weil die Schmädicke hier war.«

»Na, die hätt auch wegbleiben können. Die Schmädicke bedeutet nie was Gutes und kommt immer bloß aus Neugier oder aus Boshaftigkeit und um einem armen Menschen einen Floh ins Ohr zu setzen.«

»Ach, Thilde, da tust du ihr aber unrecht, wenigstens heute. Sie kam bloß, um uns zu gratulieren von wegen Hugos Examen, und wann denn nu Hochzeit sei .«

»Und da hast du gesagt, noch lange nich. Nich wahr? Kann ich mir denken. Denn du bist ewig in einer Todesangst und glaubst immer noch, es wird nichts werden und alles ist umsonst gewesen und alles ausgegeben. Das is immer deine Hauptangst. Und wenn du diese Angst kriegst, dann machst du dich klein und jämmerlich und auch vor solcher Person wie diese Schmädicke, diese spitznasige Posamentierswitwe[Fußnote].«

»Nein, Thilde, das hab ich nich gesagt, ich habe nicht gesagt ›noch lange nich‹, ich habe bloß gesagt, ich wüßte es nich, aber du tätst mitunter so, als ob es woll bald losgehen würde.«

»Und da? Was sagte sie da?«

»Nu, da sagte sie: ›Ja, liebe Frau Möhring, manche haben Courage. Referendar is nich viel und eigentlich bloß ein Anfang, aber aller Anfang is schwer, und so kann man sagen, es is immer was, und Minister wird er ja woll nich werden wollen. Oder vielleicht doch. Und Jott, wenn ich mir denn Thilden denke...‹«

»Das sagte sie?«

»Ja, Thilde, so was war es.«

»Unverschämte Person. Und dumm dazu. Diese verflossene Gimpen-Madam. Aber sie wird sich wundern, wenn wir ihr die Hochzeitsanzeige schicken.«

»Ach Thilde, rede doch nich so was. Wenn man so was redt, dann beredt man's, und es wird nie was. Und es hat doch schon soviel gekostet, und ich weiß mitunter gar nich, wo's immer noch herkommt.«

»Ja, Mutter, ich kann hexen.«

»Jott, Kind, nu redst du auch noch so. Wenn man den Deibel ruft, is er da. Und zum Spaß darfst du doch so was nich sagen in einer so ernsthaftigen Sache. Vater sagte auch immer: ›Ja, die Leute glauben, es is ein Vergnügen; aber es is kein Vergnügen, und der Hochzeitstag ist der ernsthafteste Tag, und manche, die sich nich recht trauen, sehen auch schon so aus.‹ Und nu sprichst du von Hexen und tust, als ob alles schon da wäre und als ob es zu Johanni losginge.«

»Geht es auch, Mutter.«

»Jott, Thilde, das fährt mir ja in alle Glieder. Denn du stehst ja so da, wie wenn du's alles schon in der Tasche hättest...«

»Hab ich auch.«

Und dabei holte Thilde einen halben, zweimal zusammengefalteten Konzeptbogen aus der Kleidertasche, schlug ihn auseinander und sagte: »Nu lies mal, Mutter.«

»Ach, wie kann ich denn lesen, und alles mit Bleistift geschrieben, und ohne Brille.«

»Nun, dann höre zu, dann will ich lesen.«

Und Thilde las: Qualifizierte Personen ... verstehst du, Mutter?«

»O ganz gut, lies nur weiter.«

»Qualifizierte Personen, das heißt Personen, die mindestens das erste Staatsexamen bestanden haben und darüber vollgültige Zeugnisse vorlegen können, werden, bei Geneigtheit, hierdurch aufgefordert, sich um die Burgemeisterstelle unsrer Stadt zu bewerben. Gehalt 3000 Mark bei freier Wohnung und einigen andern Emolumenten. Aspiranten werden ersucht, ihre Zeugnisse einzusenden, wenn sie nicht vorziehen, sich den Unterzeichneten gleich persönlich vorzustellen.

Magistrat und Stadtverordnete zu Woldenstein in Westpreußen.«

 

Die Alte war an die Chaiselongue gegangen und ließ sich darauf nieder, was sie sonst immer vermied, namentlich seit das Wertstück durch Hugos fünfwöchentliche Krankheit etwas gelitten hatte. »Jott, Thilde, is es denn möglich? Du bist doch ein und aus. Von Hexen red ich nich, denn fliegt es wieder weg. Aber hat er denn die Stelle schon? Es gibt ja doch woll so viele. Und wenn er auch ein sehr schöner Mann is und den Augenaufschlag hat, daß man gleich denkt, ›nu liest er die Sonntags-Epistel‹ - ja, ich denke mir, es gibt so viele so. Und manche sind flinker wie er und schnappen's ihm weg...«

»Das laß nur gut sein, Mutter. In Flinkigkeit soll ihm diesmal keiner über sein. Er muß noch heute weg mit 'm Nachtzug. Woldenstein liegt eine Stunde von der Bahn, und ein Omnibus wird doch wohl dasein. Um fünf ist er auf der Station und um sechs in Woldenstein in Westpreußen. Ein Gasthof ›Zum braunen Roß‹ oder irgend so was wird doch wohl dasein, ich denke mir, dem Rathaus grade gegenüber, und da kann er bis zehn noch schlafen. Denn ausschlafen muß er erst, sonst is er nich zu brauchen. Und dann frühstückt er und macht sich fein, und um Schlag zwölf tritt er an und macht seine Verbeugung. Und ich will nicht Thilde heißen, wenn sie nich gleich alle sagen: ›Natürlich, der muß es werden‹ Und der Neid von der alten Schmädicke hilft auch noch, und den Tag nach Johanni hat sie die Karte.«

 

ZWÖLFTES KAPITEL

 

Frau Schmädicke kriegte wirklich die Anzeige, denn alles kam genauso, wie Thilde vorausgesagt hatte, und am Johannistage konnte die Hochzeit in einem ganz kleinen Saale des Englischen Hauses gefeiert werden. Pastor Hartleben, der getraut hatte, ließ sich bewegen, auch dem kleinen Festmahle beizuwohnen, und hielt eine gefühlvoll humoristische Rede, die besser war als die Traurede in der Kirche. Er saß der Braut gegenüber, zwischen Hugos Mutter und Schwester, die von Owinsk herübergekommen waren, mit noch zwei Cousinen, von denen jede mal auf Hugo gerechnet hatte. Da sie beide aber halb polnisch und sehr hübsch waren, so verschlug es nicht viel, und als die Feierlichkeit überwunden war, tranken sie Hugo zu, gaben ihm einen Muhmenkuß, der so laut klang, wie wenn man ein Baumblatt auf der hohlen Hand zerkloppt, und sagten unter liebenswürdiger Drohung gegen die Braut, »alte Liebe rostet nicht«, was alles von Thilde mit großer Seelenruhe hingenommen wurde. Hugos Vergangenheit beunruhigte sie wenig, viel konnte es nicht gewesen sein, und noch weniger beunruhigte sie die Zukunft. Außerdem waren es fünfzehn Meilen von Owinsk bis Woldenstein. Beim Kaffee setzten sich beide neben Pastor Hartleben, der sich von dem katholischen Leben in Owinsk erzählen ließ, schmunzelnd zuhörte, als die katholische Geistlichkeit und zum Schluß auch der evangelische Geistliche durch die Hechelmühle der beiden hübschen Mädchen hindurchmußten, und, als er aufbrach, sich in seinem alten Dogma von der Überlegenheit der Weltkinder neu gestärkt fühlte. Es war niemand da, gegen den er sein Herz ausschütten konnte, als er aber die Treppe hinabstieg und den Portier, den er von vielen Hochzeiten her kannte, freundlich lächelnd gegrüßt hatte, sann er seinem alten Lieblingssätze von der Überlegenheit der Weltkinder nach. »Es ist ein eigen Ding mit der Frömmigkeit; es sind doch nur wenige, die sie vertragen können, und in diesem Nichts-sein- und Nichts-bedeuten-Wollen leichtsinnigen Gottvertrauns steckt eigentlich Besseres als in der Sicherheit und dem Anspruch derer, die sicher sind, für ihren Gott was getan zu haben. Diese Mädchen... wie graziös und eigentlich wie bescheiden, und der entzückende Kerl, der Rybinski...«

Ja, Rybinski war auch dagewesen mit einer neuen Braut, von der er behauptete, »diesmal sei es ernsthaft«.

»Wirklich?« hatte Hugo gefragt.

»Ja! Sie ist Tragödin.«

Die Schmädicke saß neben der alten Möhring und sprach viel von dem Hochzeitsgeschenk, das sie zum Polterabend (der aber ausfiel) geschickt hatte. Es war eine rosafarbene Ampel an drei Ketten. Die Schmädicke war sehr geizig. »Ich hab es mir lange überlegt, was wohl das beste wäre. Da mußt ich dran denken, wie duster es war, als Schmädicke kam. Ich kann wohl sagen, es war ein furchtbarer Augenblick und hatt so was, wie wenn ein Verbrecher schleicht. Und Schmädicke war doch so unbescholten, wie einer nur sein kam. Und seit dem, wenn eine Hochzeit is, schenke ich so was. Zuviel Licht is auch nich gut, aber so gedämpft, da geht es.« Die alte Möhring nickte mit dem Kopf, schwieg aber, denn sie hatte sich über die Ampel geärgert.

 

Noch denselben Abend reiste das junge Paar ab, und zwar gleich nach Woldenstein. Weil sie aber vorhatten, die erste Nacht in Küstrin und die zweite Nacht in Bromberg zuzubringen, so nannten sie diese Fahrt doch ihre Hochzeitsreise, ja, Hugo tat sich etwas darauf zugute.

»Ich finde es nicht in der Ordnung, daß es immer Dresden und die Brühlsche Terrasse sein muß oder gar der Zwinger. In Küstrin wollen wir uns am andern Morgen das Gefängnis des Kronprinzen Friedrich ansehn und die Stelle, wo Katte hingerichtet wurde. Das scheint mir passender als der Zwinger.« Thilde war mit allem einverstanden gewesen. Küstrin war Etappe nach Woldenstein, und daß Woldenstein baldmöglichst erreicht wurde, nur darauf kam es an.

Am 26. mittags waren sie da. Sie bezogen die Wohnung, die schon der vorige Burgemeister innegehabt und die Hugos Mutter und Schwester von Owinsk aus eingerichtet hatten, teils mit einigen alten Sachen aus dem Owinsker Haus, teils mit neu gekauften Möbeln und Stoffen, die sämtlich in Woldenstein gekauft waren. »Es wird wohl teurer sein und nicht viel taugen«, hatte Thilde gesagt, »aber es bringt sich wieder ein. Wir müssen uns lieb Kind machen. Woldenstein ist jetzt die Karte, drauf wir setzen müssen.«

Am 1. Juli wurde Hugo eingeführt und eroberte sich gleich die Herzen durch eine Ansprache, die er hielt. »Er sei ein halber Landsmann und habe, von Jugend an, an der Überzeugung festgehalten, daß die Kraft des preußischen Staates in den östlichen Provinzen liege. Von daher habe die Monarchie den Namen, aus Königsberg stamme das preußische Königtum, und wenn Woldenstein auch vielleicht nicht bestimmt sei, derart in die Geschicke des Landes einzugreifen, so sei auch das Kleinste groß genug, durch Pflichterfüllung und durch Festhalten an den alten preußischen Tugenden vorbildlich zu wirken und dem Lande eine Ehre und Seiner Majestät dem Könige eine Freude zu sein.« An dieser Stelle wurde Beifall laut, denn Woldenstein wählte konservativ. Aber Hugo, der gut sah, hatte doch auch das spöttische Lächeln gesehn, mit dem eine kleine Gruppe diese patriotische Wendung begleitete, weshalb er hinzufügte: »Seiner Majestät eine Freude sein, dem Könige, der ein Hort der Verfassung ist, zu der wir alle stehn mit Leib und Leben.«

 

Der Schluß der Rede hatte so gewirkt, daß die Firma Silberstein und Isenthal ein Ständchen anregte, das auch am selben Abende noch gebracht wurde. Die Konservativen schlossen sich aus, aber nicht aus Demonstration gegen Hugo, sondern nur aus Demonstration gegen die fortschrittliche Firma.

Die nächsten Tage waren etwas unruhig, Hugo hatte Besuche in [der] Stadt und auch in der Umgegend zu machen, namentlich beim Landrat, der persona gratissima war und mit dem er gleich entschlossen war sich gut zu stellen. Es war nicht ganz leicht, da das Ständchen doch höhren Orts Anstoß gegeben hatte. Thilde sagte: »Das tut nichts. Rom ist nicht an einem Tage gebaut; gut Ding will Weile.« Sie richtete zunächst ihre Aufmerksamkeit auf die Einrichtungen des Hauses und vervollständigte die Einrichtung durch allerhand kleine Einkäufe. Den dritten Tag nach ihrer Ankunft trafen auch noch einige Sachen aus Berlin ein, darunter die Ampel. Hugo war nicht abgeneigt, ihr den Ehrenplatz zu geben, der der Schmädicke vorgeschwebt hatte, Thilde sagte aber: »Da sieht sie ja keiner«, und hing sie in den Hausflur, wo sie freilich bei den hellen Sommertagen zunächst noch zu keiner Wirkung kommen konnte.

Das Beste der Wohnung war der hübsche, ziemlich große Garten, der, nach Passierung eines schmalen Hofes mit einem Truthahn und Perlhühnern (alles vom vorigen Burgemeister übernommen), unmittelbar hinter dem Hause lag. Durch die Mitte zogen sich Buchsbaumrabatten, halben Wegs war eine Sonnenuhr, und in den Beeten, die links und rechts liefen, blühten Balsaminen und Rittersporn, überall überwachsen von riesigen Sonnenblumen, für die der Vorbesitzer eine Vorliebe gehabt haben mußte.

Hier war Thilde besonders tätig, trug einen großen weißen Schnurrenhut eigner Erfindung und legte, wenn Hugo vom Rathaus kam, ihren Arm in den seinen und ließ sich, während sie mit ihm auf und ab schritt, von den Sitzungen erzählen.

»Ich bin mitunter in Verlegenheit«, sagte er. »Sie haben ein Vertrauen zu meiner Rechtskunde, und ich soll immer am Schnürchen wissen, was da zu tun sei und was rechtens sei. Natürlich sag ich immer: es läge sehr schwer, es sei ein komplizierter Fall, der je nachdem höchstwahrscheinlich so oder so entschieden werden müsse, dabei schlägt mir aber das Herz, denn alles, was ich da sage, kann auch Unsinn sein.«

»Du fängst es nicht richtig an, Hugo. Was heißt Rechtsfragen? Rechtsfragen, das ist für Winkelkonsulenten. Und wenn es was Ordentliches ist, dann mußt du sagen, da wollen wir Justizrat Noack fragen; ich halte den für einen scharfen Kopf...«

»Ja, Thilde...«

»Für einen scharfen Kopf. Und wenn du das sagst, so legt dir das keiner zum Schlimmen aus, und den Justizrat hast du nu schon sicher auf deiner Seite. Der sagt dann: ›Ihr Herren, da habt ihr endlich mal einen richtigen Burgemeister, einen klugen, verständigen Mann. In der Regel wollen sie alles selber wissen. Das ist Pfuscherei, das ist, wie wenn die Apotheker die Kranken kurieren wollen. Dazu gehört noch mehr. Ein Burgemeister ist ein Verwaltungsbeamter, ein kleiner Regente, kein Rechtsprecher, und das kann ich euch sagen, der versteht zu regieren, er ist ein Adininistrationstalent er hält auf Ordnung, und er hat Ideen.‹«

»Ja, Thilde...«

»Und hat Ideen, sag ich.«

»Ja, das sagst du oder läßt es deinen Justizrat sagen. Aber wer hat Ideen? Ideen, das ist nicht so leicht.«

»Ganz leicht.«

»Ach, Thilde, das ist ja Torheit. Ideen...«

»Ideen hat jeder, der sie haben will. Du bist bloß zu ängstlich, du hast kein Zutraun zu dir, du denkst immer, die andern sind wunder wie klug und verstehen alles besser. Wenn man Burgemeister ist, dann muß man so was aufgeben...«

»Ja, das sagst du wohl. Aber ich muß doch mit was kommen...«

»Natürlich.«

»Ich muß doch mit was kommen und Vorschläge machen. Und was soll ich vorschlagen?«

»Alles.«

»Ach, Thilde, das ist doch Torheit. Du sagst ›alles‹, und ich weiß gar nichts.«

»Weil du die Augen nicht aufmachst und die Ohren erst recht nicht. Du bist immer wie im Traum, Hugo.«

Er lächelte.

»Sieh, da is hier der Weg zwischen der Stadt und dem großen Torfmoor. Alkitten hat mir gesagt, im Herbst, wenn es regnet, ist gar nich durchzukommen, und wer seinen Torf bis dahin nicht eingefahren hat, der mag sehn, wo er bleibt...«

»Hab ich auch gehört.«

»Ja. Aber du denkst dir nichts dabei. Du mußt morgen den Stadtverordneten vorschlagen, daß ein Steindamm gebaut wird (es ist ja nur eine halbe Meile) oder eine Klinkerchaussee oder doch mindestens ein Knüppeldamm, daß die Wagen im Modder nicht steckenbleiben. Und dann laß ein Chausseehaus baun, es ist ja alles noch auf städtischem Grund und Boden, und der Landrat hat nicht mit dreinzureden. Und für den einen Groschen haben die Leute dann einen feinen Weg und können noch stolz sein, daß sie so was aus eigner Kraft und eignen Mitteln gebaut haben.«

»Seh ich ein; ist ein guter Vorschlag »

»Und dann mußt du wegen der Garnison anpurren. Alkitten sagt mir, daß schon lange davon die Rede war, daß aber dein Vorgänger nicht wollte, vielleicht weil er sich wegen seiner Frau fürchtete. Die soll nämlich etwas forsch gewesen sein...«

»Ja, das is richtig.«

»Nun, da siehst du's. Und die Knauserei mit dem Stallgebäude, das ist ja der pure Unsinn. Alkitten hat mir erzählt, die Stadtverordneten hätten nicht gewollt. Ja, warum nicht? weil der Anstoß fehlte. Nun, bei mir liegt es anders. Und wenn der schönste Rittmeister herkommt, du kennst doch deine Thilde.«

Hugo versicherte, daß er sich ganz überzeugt halte.

»Von ganzem Regiment kann natürlich keine Rede sein. Dazu ist Woldenstein zu sehr Nest, und Silberstein und Isenthal können es nicht rausreißen und Rebecca Silberstein auch nicht. Übrigens ist es eine hübsche Person. Aber doch nicht zum Heiraten. Und für sonst ist sie zu streng. Also nicht das ganze Regiment, für einen adligen Obersten ist auch eigentlich gar keine Wohnung hier, höchstens in unsrer ersten Etage...«

»Thilde...«

»Aber zwei Eskadrons, das geht. Und nun berechne dir mal, wie das wirkt. Von Brot will ich nich reden, das backen sie selber. Aber dreihundert Pferde und dreihundert Menschen. Und ein Kasino müssen sie doch auch haben. Und dann die jungen Frauen und Ball und Theater. Silberstein ist gegen das Militär, aber das gibt sich. Die ganze Bäckerei und Schlächterei kommt auf einen andern Fuß, und Woldenstein hört auf, ein Nest zu sein, und wird eine Stadt, und vielleicht ziehen sie hier mal eine Division zusammen und machen ein Kavalleriemanöver, und wenn der General bei uns wohnt, so hast du den Kronenorden weg, du weißt nicht wie...«

Hugo bückte sich, um einen Rittersporn zu pflücken und Thilden in den Gürtel zu stecken.

»Und sieh, Hugo, so mußt du's anfangen. All dies kleine Zeug, was ihr da immer durchsprecht, damit zwingst du's nicht; das kann jeder. Aber immer auf dem Auskiek, immer sehen, was so dem Ganzen zugute kommt, damit zwingst du's, und das is, was ich die ›Ideen‹ genannt habe. Die Welt kann nicht jeder auf einen höhren Fleck bringen, aber Woldenstein so weit zu bringen, daß es alle Woche mal in der Zeitung steht und daß die Menschen erfahren, ›es gibt einen Ort, der heißt Woldenstein‹ - ja, Hugo, das ist möglich, und das ist in deine Hand gegeben...«

»Oder in deine«, lächelte Hugo. »Aber du hast recht, wir wollen's versuchen.«

 

DREIZEHNTES KAPITEL

 

In dieser Weise gingen die Unterhaltungen, die Thilde mit Hugo führte, wenn dieser vom Rathaus in seine Wohnung zurückkehrte. Gegen den Herbst hin ward auch die Ampel jeden Abend herabgelassen und ein Unschlitt-Licht hineingesetzt, was so wunderbar leuchtete, daß niemand vorüberging, der nicht einen Blick hinein getan hätte. »Die Berliner haben doch einen Schick für so was.« Rebecca Silberstein drang in den Vater, auch dergleichen anzuschaffen. Er war aber dagegen. »Rebecca, wenn er kommt (ich sage nicht wer), dann sollst du haben die Ampel, und nicht Rosa sollst du haben, du sollst sie haben in Rubin und sollst haben, wenn du schläfst, einen himmlischen Glanz.«

Rebecca war unzufrieden über dies Hinausschieben, aber sie war beinah die einzig Unzufriedne in der Stadt, alle andren freuten sich über ihr neues Stadtoberhaupt, und Silberstein, der viel las und immer sehr gebildet sprach, sagte: »Er hat die Iniative. Das Initative hat jeder, aber die Iniative, das ist es, was den höhren Menschen von dem niedren unterscheidet.«

Isenthal, der immer widersprach, widersprach auch in diesem Fall. Aber Silberstein ereiferte sich heftig und sagte: »Sage nichts, Isenthal, oder du tust ein Unrecht und bringst es auf deinen Kopf. Ist er nicht wie Nathan? Ist er nicht der Mann, der die drei Ringe hat? Ist er nicht gerecht und sieht doch aus wie ein Apostel? Und seine Frau Gemahlin, eine sehr gebildete Frau, hat gesprochen von der Dreieinigkeit, und der Papst in Rom und Luther und Moses, die müßten aufgehn in einem. Und dies sei Preußen. Und sie sei gesegnet wegen der Einheit Das hat sie gesagt, und ich sage dir: Moses bleibt, Moses hat die Priorität«

Alles ging gut. Nur der Landrat verhielt sich kühl, und es war ganz ersichtlich, daß er weder von der »Iniative«, die sein eignes Licht in den Schatten stellte, sonderlich erbaut war noch von Hugos Nathanschaft und seiner Gleichberechtigung der drei Konfessionen. Es kamen Begegnungen vor, in denen Hugo »geschnitten« wurde, besonders auch von der Frau Landrätin, die Tänzerin erst in Agram und dann in Wien gewesen war und sich die Festigung des christlich Germanischen zur Lebensaufgabe gestellt hatte.

Weiter: Teil 4 von 4