Mathilde Möhring

Theodor Fontane · Kapitel 1 von 1 · Teil 4/4

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Mathilde Möhring

Mathilde Möhring

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 4 Teile geteilt.

Hugo war mehr als einmal in bittre Verlegenheit geraten und hatte sich auf seinen Spaziergängen im Garten, die bis in den Spätherbst hinein fortgesetzt wurden, mehr als einmal gegen Thilde darüber ausgesprochen.

»Du verstehst es nicht«, sagte Thilde und nahm eine Beurré grise vom Baum. »Sieh, Hugo, die Beurré grise ist noch hart, und du mußt sie vier Wochen auf Stroh legen, eh sie schmeckt. Aber noch eh die vier Wochen um sind, hab ich dir den Landrat weich gemacht. Er ist ein sehr guter Herr und eigentlich liebenswürdig von Natur, und das müßte nicht mit rechten Dingen zugehn, wenn der nicht zu bekehren wäre. Wer eine Tänzerin heiratet, hat immer ein weiches Herz.«

Hugo seufzte, denn er litt unter der Gegnerschaft und sah kein Ende davon. Aber er hatte Thilden unterschätzt, und die vier Wochen waren noch nicht um und die Birne noch nicht präsentiert, als Hugo, Ende November, von einer Kreistagssitzung heimkam und von der Liebenswürdigkeit des Landrats nicht genug erzählen konnte.

Thilde sagte kein Wort, und Hugo sah erst einigermaßen klar in der Sache, als er am selben Abend Silberstein in der Ressource traf.

»Haben Sie schon gelesen, Herr Großmann?« sagte er zwinkernd, und als Hugo verneinte, gab er ihm die vorletzte Nummer der Königsberger Hartungschen Zeitung[Fußnote], die in Woldenstein am meisten gelesen wurde, und sagte: »Sehr gut geschrieben; ich möchte sagen fein. Aber es ist die Wahrheit. Er ist ein feiner Herr, der Herr Landrat.« Und dabei ließ er Hugo mit dem Zeitungsblatte allein.

Hugo schüttelte den Kopf und setzte sich in einen Stuhl neben dem Schenktisch, auf dem sechs, acht Weingläser mit Apfelsinencréme, Baumtorte und kleine Korianderkuchen standen. Er selbst hatte sich schon vorher einen Curacao geben lassen, und während er daran nippte, las er die blau angestrichne Stelle:

»Woldenstein, 14. September. In unsrem Kreise rührt man sich bereits für die Wahlen, ohne daß eine besonders pressante Benötigung dafür vorläge. Denn die Wahl unsres Landrats v. Schmuckern darf wohl als gesichert angesehn werden, da, soviel wir bisher erfahren konnten, seine politischen Gegner auf Aufstellung eines Gegnkandidaten verzichtet haben. Sowohl die polnisch-katholische wie die fortschrittliche Partei vereinigen sich in Würdigung der hervorragenden Charakter- und Verwaltungseigenschaften des Landrats v. S. [und halten es für ihre Pflicht], selbst auf Kosten ihrer sonstigen politischen Überzeugungen, ihrem Vertrauen gegen ihn Ausdruck zu geben. Es läßt sich hier von einem Siege der Persönlichkeit sprechen, der um so glänzender ausfällt, als das landrätliche Hauswesen eine Anziehung auf das Polentum äußert. Die feine Sitte, die dem Polentum soviel bedeutet, hat in diesem Hauswesen ihre Stätte. Diese Vorzüge sieht sich auch der Fortschritt, trotz gesellschaftlichen Draußenstehns, in der angenehmen Lage vollauf würdigen zu können, weil der vorherrschende Ton nicht nur ein Ton der Vornehmheit, sondern beinah mehr noch schönste Humanität ist. Frau v. Schm. hat einen Krippenverein [ge]gründet, zu dem auch die dritte Konfession beigesteuert hat, und die Tätigkeit dieses Vereins wird am Weihnachtsabend Freude in die Hütten der Armut tragen. Über alle großen Fragen hinaus bedarf unser Kreis vor allen Dingen einer Sekundärbahn, um endlich bequeme Verbindung mit der Weichsel zu haben, eine Sache, darin alle Parteien einig sind. Und diese Bahn uns zu sichern, ist Landrat v. Schm. geeigneter als jeder andre, da seine Beziehungen zum Hofe bekannt sind. Adel, wenn er die Zeit begreift und auf Exklusivität verzichtet, ist immer die beste Lokalvertretung.«

Hugo legte das Blatt aus der Hand und nahm einen Korianderkuchen. »Also daher. Er hält mich für den Verfasser. Natürlich, [da] in Woldenstein nur drei Menschen in Betracht kommen können: Silberstein, der katholische Lehrer und ich, und da's Silberstein und der Lehrer aus innern Gründen nicht gut sein können, so bin ich es...« Er erhob sich und sah in den Saal hinein, um noch an Silberstein eine Frage zu richten. Aber der war fort, und so brach er auch auf, um auf seine Wohnung zuzugehn. Unterwegs fiel ihm ein: Sollte vielleicht...? Aber nein, das war nicht möglich, dazu war es alles zu gewandt, zu routiniert. Und noch damit beschäftigt, trat er in sein Zimmer, wo Thilde gerade den roten Papierschleier über die Lampenglocke warf. Auf demselben Sofatisch lag auch ein Zeitungsblatt.

»Guten Abend, Thilde. Nun, was gibt es?«

»Das mußt du wissen; du warst ja aus.«

»Ja, ich war in der Ressource, nur eine Viertelstunde. Der Landrat wie ein Ohrwurm. Und dann kam Silberstein und gab mir die Hartungsche Zeitung. Ein Artikel drin aus Woldenstein.«

»Ah, das is gut; ich dachte schon, er wär unter den Tisch gefallen.« »Aber Thilde, dann ist es am Ende doch so, dann hast du den Artikel eingeschickt?«

Thilde lachte. »Ja, das mit dem Landrat, das mußte anders werden, das ging nich so weiter.«

»Also wirklich - du hast ihn geschrieben?«

»Nein, geschrieben nicht eigentlich.«

»Aber wer denn?«

»Ein Unbekannter, dem ich nun zu Danke verpflichtet bin. Als wir damals das Gespräch hatten, da sah ich jeden Tag, wenn die Vossische[Fußnote] kam, in die Wahlangelegenheiten hinein, und es sind nu wohl schon acht Tage, da fand ich das alles in einer kl[einen] Korrespondenz aus Myslowitz. Und danach hab ich es zurechtgemacht. Wenn man erst das Gestell hat, ist es ganz leicht, eine Puppe zu machen.«

Er lächelte gutmütig vor sich hin, war aber etwas verlegen.

»Thilde, du solltest doch lieber so was nich tun.«

»Ich dachte, du würdest mir danken, daß ich das beglichen und deine Stellung angenehmer gemacht habe.«

»Ja, du kannst aber mal damit scheitern, es kann auch mal schiefgehn.«

»Gewiß. Alles kann mal schiefgehn, und die sich dadurch einschüchtern lassen, die sitzen still und tun gar nichts. Schiefgehn; ich würde warten, bis es soweit ist. Bis dahin aber würde ich mich freun, wenn einer für mich sorgt. Silberstein, der so schrecklich gebildet ist, spricht immer von deiner Iniative.«

»Ja. Und es ist mir mitunter sehr fatal, wenigstens wenn du dabei bist. Aber ich bitte dich, habe nicht zuviel.«

 

VIERZEHNTES KAPITEL

 

Seit dem Artikel in der Hartungschen hatte sich Hugos Stellung in Woldenstein und Umgegend noch erheblich verbessert. Auch der katholische Lehrer war gewonnen, nachdem auf Thildens Anregung eine Gehaltszulage beantragt und bewilligt war. Thilde freute sich ihrer Errungenschaften und gab ihrer Freude auch dadurch Ausdruck, daß sie sich modisch kleidete, wobei Silberstein, der oft nach Posen und Breslau fuhr, mit Rat und Tat helfen mußte. Die Ressource leitete Beziehungen ein, und ein Erscheinen im landrätlichen Hause war in hohem Maße wahrscheinlich. Es setzte sich mehr und mehr die Meinung fest, daß sie sehr klug sei und immer wisse, was in der Welt los sei. Selbst Isenthal gab zu, »sie höre das Gras wachsen«, und sagte huldigend; »Sie hat was von unsre Leut«.

Im ganzen ließ sie sich all das aber nicht anfechten und blieb nüchtern und überlegend, und nur darin zeigte sich ein kleiner Unterschied, daß sie sich zu einer gewissen Koketterie bequemte und auf Hugo einen gewissen Frauenreiz ausüben wollte. Sie ging darin so weit, daß sie die Ampel vom Flur her in das Schlafzimmer nahm und zu Hugo bemerkte: »Draußen im Flur hat sie nun ihre Schuldigkeit getan. Schade, daß das Rosa wie gar nichts aussieht; es müßte Rubinglas sein. Man kriegt dann so rote Backen. Die gute Schmädicke! Was wohl Mutter sagen würde...«

»Ja«, sagte Hugo, »die würde sich freun über dich. Und ich habe mir's auch überlegt, ob wir sie nicht zum Fest einladen sollen.«

»Nein, Hugo, dazu haben wir's denn doch noch nicht. Und sie müßte doch Zweiter fahren oder wenigstens von Bromberg aus. Und dann, es geht auch überhaupt nicht. Wir müssen für sie sorgen, natürlich müssen wir das, denn sie is doch [eine] gute alte Frau und immer allein und bloß die Runtschen um sich her, was kein Vergnügen ist...«

»Nein«, bestätigte Hugo, dem bei dem bloßen Namen der alte Schrecken wiederkam.

»Die Runtschen und die Schmädicke, die nicht viel besser ist. Aber einladen hierher geht nicht. Wir packen ihr eine Kiste, Schinken, Eier, Butter, und legen ihr vier oder sechs Pakete Thorner Kakaschinchen bei und einen schwarzen Muff, den sie sich schon lange gewünscht hat, und Gummistiefel mit Pelz, und wenn sie das auspackt, dann freut sie sich viel mehr, als wenn wir sie hier mit in die Ressource nehmen. Und überhaupt es geht nicht. Der Landrat kann dasein oder die gnäd'ge Frau. Und nu denke dir einen Bostontisch und Mutter mit der Landrätin zusammen. Ich glaube, Mutter kann gar nicht Boston; sie hat, seit Vaterns Tod, immer nur Patience gelegt. Nein, dazu ist mir Mutter zu schade, daß sie sie hier auslachen. Und dann, Hugo, auch unsretwegen. Wir sind doch nu, was man in Büchern und Zeitungen so die ›obren Zehntausend‹ nennt, obschon Woldenstein bloß dreitausendfünfhundert hat, und was der Adel auf dem Lande ist, das sind die Honoratioren in der Stadt. Und das sind wir. Also es geht nicht. Ich denke, wir warten, bis ein Jahr um ist, und dann nimmst du Urlaub, und dann besuchen wir Muttern und können dann auch sehn, was aus Rybinski geworden ist.«

Hugo war mit allem einverstanden. Er hatte das mit der Alten auch nur so gesagt, weil er Thilden eine Freude machen wollte. Zugleich dachte er an ein Weihnachtsgeschenk; er fand Rubinglas auch hübscher.

 

Die Woche zwischen Weihnacht und Neujahr verging in Saus und Braus. Der Landrat, der während der letzten vier Wochen im Reichstag gewesen war, kam zurück, und eine Festlichkeit drängte die andre. Am Weihnachtsabend war erst Aufbau für die armen Kinder aller Konfessionen, wobei Thilde, die Landrätin und Rebecca Silberstein die Leitung übernahmen, am Silvesterabend war Theateraufführung in der Ressource, wo erst »Monsieur Herkules« und dann »Das Schwert des Damokles« gespielt wurde. Hugo hätte gern mitgespielt, mußte aber verzichten, weil es sich nicht passe. Silberstein gab den Buchbindermeister Kleister und erfuhr, daß sein Spiel an Döring erinnert habe. Hugo dachte den ganzen Abend über an Rybinski und beneidete das Stehen in der freien Kunst. Der Ball, der folgte, ließ aber trübe Gedanken nicht aufkommen, er eröffnete mit der Landrätin die Polonaise, der Landrat folgte mit Thilde, die die Reichstagsberichte jeden Morgen las und einen markanten Satz aus einer kurzen Rede zitierte, die der Landrat über die Simultanschulfrage gehalten hatte. »Sie interessieren sich für Politik, meine gnädigste Frau.« »Ja, Herr Landrat. Je mehr ich die kleinen Verhältnisse fühlte, die mich umgaben, je mehr empfand ich eine Sehnsucht der Auffrischung, die nur, ich will nicht sagen das Ideal, aber doch das Höhere geben kann. Ich darf sagen, daß die Reden des Fürsten erst das aus mir gemacht haben, was ich bin. Es ist so oft von Blut und Eisen gesprochen worden. Aber von seinen Reden möchte ich für mich persönlich sagen dürfen: Eisenquelle, Stahlbad. Ich fühlte mich immer wie erfrischt.« Beim Souper, das den Tanz auf eine Stunde unterbrach, saßen sich Landrat und Burgemeister gegenüber. Als um zwei Uhr der Tanz wieder begann, rückten sie nebeneinander, und der Landrat sagte: »Burgemeister, Freund, sie haben eine famose Frau. Kolossal beschlagen. Weiß ja Bescheid wie 'n Reporter oder eigentlich besser, die Reporter sind Maschinen und folgen bloß mit Ohr und Hand. Aber Ihre Frau, Donnerwetter, da merkt man was, Muck, Rasse, Schick. Sagen Sie, was is es für eine Geborne? vielleicht Kolonie oder Familie, die den Adel hat fallenlassen.« Hugo nannte den Namen, und der schon stark angefisselte Landrat fuhr fort: »Hören Sie, Burgemeister, es stecht da was drin ... Oder ob vielleicht die Mutter...«

Hugo sagte, »soviel er wisse ...«

»Nun, ganz egal«, schloß der Landrat, »ganz egal, wo's herkommt, wenn's nur da ist... Und muß ein Bombengedächtnis haben.«

Hugo, gegen den Schluß hin, tanzte noch eine Radowa mit der Landrätin und geleitete dann beide bis an den draußen wartenden Schlitten. Er war im Frack mit weit ausgeschnittner Weste, und draußen blies ein Südoster von den Karpaten her. Als er mit Thilde eine Stunde später in seiner Wohnung ankam, war er im Fieber und hüstelte.

»Thilde, mir is nicht recht; ich möchte ein Glas Zuckerwasser.«

»Immer dasselbe. Zuckerwasser. Wer trinkt Zuckerwasser, wenn er von einem Ball nach Hause kommt. Ich werde dir eine Tasse Kaffee machen.« Und sie holte die Spirituslampe, setzte das Kesselchen auf und machte ihm eine Tasse Kaffee von drei Lot.

Er fieberte furchtbar.

 

Wäre das Wetter über Nacht anders geworden, so hätte das Fieber vielleicht nicht viel bedeutet. Aber der Wind ging noch mehr nach Osten rum, und an Schonung war nicht zu denken, weil allerhand Visiten zu machen und allerhand Pik- und Stuhlschlitten[Fußnote] für den Nachmittag zu besorgen waren. Sich davon auszuschließen war um so unmöglicher, als Hugo beim Abschied um die Ehre gebeten hatte, die Landrätin auf dem Eise fahren zu dürfen. Eine kleine Eitelkeit kam hinzu, er war ein sehr guter Schlittschuhläufer und wollte sich in den Pausen als solcher zeigen. Thilde schlug ihm zum Frühstück ein Glas Portwein vor, aber sein Zustand war doch schon so, daß er auf Haferschleim drang. Er genoß auch bei Tisch nichts andres und nahm ein Schächtelchen isländische Moospastillen mit sich, als er um drei zu dem Rendezvous auf dem Eise aufbrach. Er sah sehr verändert aus, was auch Thilden nicht entging, und weil sie trotz alles Abhärtungsprinzips, nach dem sie selber lebte, nicht ohne eine gewisse Teilnahme für ihn war, so würde sie ihn vielleicht vom Eise zurückgeschickt und bei der Landrätin, die noch nicht da war, bei ihrem Eintreffen entschuldigt haben, wenn [nicht] ein alter polnischer Graf, dessen Bekanntschaft sie schon am Abend vorher gemacht, sich ihrer bemächtigt und ihr auf seinem kleinen Muschelschlitten, mit zwei Scheckenponies davor, einen Platz angeboten hätte. Sie mußte das annehmen, denn er war der reichste und angesehnste Mann der ganzen Gegend, Original und schon über siebzig. Thildes franke, ganz uneingeschüchterte Manier hatte ihm schon auf dem Silvesterball gefallen, und er war enchantiert, als sie seine Aufforderung, den Platz im Schlitten einzunehmen, ohne weitres annahm. Er fuhr selbst und legte seine mächtige Wolfsschur um den kleinen Schlittensitz herum und forderte Thilden auf, die Schur von rechts her zu halten, so daß sie wie in einer Pelzlaube saß. Und nun flog der Schlitten über das Eis hin, und die Glöckchen läuteten, und die weißen Decken blähten sich im Winde, während der Alte von [der] Pritsche her seine Konversation machte: »Freut mich, meine gnädigste Frau ... Sacrebleu, man sieht doch ... große Stadt ... andre Menschen ... Ah, Berlin... nicht preußisch ich, nicht sehr... Aber Berlin ... O Berlin, eine merkwürdigen Stadt, eine tollen Stadt«

Thilde versicherte lachend, daß sie davon eigentlich wenig gemerkt habe, das Berlin, das sie kenne, sei sehr wenig toll, fast zu wenig, es passiere ja eigentlich gar nichts...«

»Ja, meine Gnädigste, das macht die Stelle, wo man steht, von der aus man sieht, ich habe gestanden immer sehr in Front, immer sehr avancé.«

»Glaub ich, Herr Graf. Ihre gesellschaftliche Stellung ...«

»O nicht das Gesellschaftliche, das vor dem großen Tor. O viele Lichter da, viele Schatten. Da hatten wir Maskenball. Kroll. Kennen Sie Kroll?«

»Gewiß, Herr Graf. Jede Berlinerin wird doch Kroll kennen.«

»Und da hatten wir Maskenball. Ich Fledermaus. Und da hatten wir Orpheum...«

»Auch davon habe ich gehört...«

»Aber ich habe gesehn. Eine merkwürdige Stadt, eine tollen Stadt, aber eine Stadt ohne Grimasse...«

»Ja, das ist wahr.«

»Eine Stadt von sehr freier Bewegung...«

»Ich glaube doch nicht überall.«

»Nein, nicht überall. Das ist wieder, wo man steht, meine gnädigste Frau. Wo ich gestanden, sehr freie Bewegung. Und keine falsche Verschämung...«

»Aber doch vielleicht eine richtige?«

»Verschämung immer falsch, immer Grimasse. Und ich liebe die freie Bewegung.«

Ein Herzählen sämtlicher Berliner Lokale mit freier Bewegung stand in Sicht, und wer will sagen, wo Graf Goschin schließlich gelandet wäre, wenn nicht eine plötzlich quer durch das Flußeis gezogene Rinne das Weiterfahren gehindert und zur Umkehr gezwungen hätte. Wenige Minuten, und der Schwanenteich war wieder erreicht, wo sich die Woldensteiner Honoratioren in engerem Kreise bewegten, die jüngern in Nähe eines Leinwandzeltes mit einem aufgemauerten Herde, drauf eine Punsch- und Waffelbude, draus der angesäuerte Fettqualm ins Freie zog. In Front dieser Bude hielten die Schlitten, und auf einer Bank, der die eine Wand der Bude als Rückenlehne diente, saßen Hugo und die Landrätin, die eben den Pikschlitten verlassen hatte, sich hier zu erholen. [Hier hielt jetzt] der kleine Muschelschlitten des Grafen, und der Graf schlug die Schur zurück, um Thilden aus ihrem Gefängnis zu entlassen.

»Ja, meine gnädigste Frau. Es hat nicht sollen sein ...«

»Was, lieber Graf?«

»Escapade. Wollte wie Gott der Unterwelt oder Pluto...«

»Warum nicht höher hinauf, warum nicht Jupiter?«

«Ach, ich verstehe. Wegen der Attrappe. Gnädigste Frau haben eine spitze Zunge.«

Er winkte von den Leuten, die umherstanden, einen heran und gab ihm die Zügel und hieß ihn den Schlitten seitwärts führen, an eine Stelle, wo rotes Weidengesträuch vom Ufer her auf das Eis hinabhing. Dann nahm er Hugo unterm Arm und ging, um ein Glas Punsch zu trinken, auf die Bude zu, wo wenige Schritt neben dem Herd ein zerschlißnes Sofa stand.

»Sehr erfreut, Burgemeister. Eine charmante Frau, kluge Frau, gar nicht ängstlich. Haben alles gesehn und denken immer, alles geht vorüber, und den Kopf wird es ja wohl nicht kosten.«

Hugo, halb geschmeichelt, bestätigte. Das sei so die Schule der großen Stadt.

»Ja, merkwürdige Stadt, tolle Stadt.«

Diese Worte hatten etwas Beunruhigendes selbst für Hugo, der seiner Thilde sicher zu sein glaubte. Er kam aber nicht dazu, dem lange nachzuhängen, denn ein heftiger Hustenanfall zwang ihn, sich an der Sofalehne festzuhalten. Als der Anfall vorüber war, kam der Graf mit einem Glase Punsch, »das löse«.

Hugo kam in die Verlegenheit, ablehnen zu müssen, es würde seinen Zustand verschlimmern.

»Kann nicht verschlimmern. Punsch nie.«

Als er Hugo mit seinen listigen, etwas blutunterlaufnen Augen aber ansah, kam ihm doch ein Zweifel, ob Punsch hier Allheilmittel sei, und er ging sogar hinaus und rief die noch im Gespräch mit der Landrätin auf der Bank sitzende Thilde. »Gnädigste Frau, der Herr Gemahl. Packen wir ihn in die Schur, und der Knecht kann ihn nach Hause fahren.«

»Es ist besser, wir gehn, Herr Graf«, sagte Thilde, und Hugo führend, der traumhaft hin und her schwankte, gingen sie auf die Stadt zu.

Als sie fort waren, setzte sich der Graf neben die Landrätin und sagte: »Woldenstein kann sich nach einem neuen Burgemeister umsehn.«

Die Landrätin lachte; »Bei Ihnen draußen gedeiht das Zweite Gesicht.«

»Nein. Aber ich sehe gut.«

 

FÜNFZEHNTES KAPITEL

 

Der Arzt war über Land; erst gegen Morgen kam [er] und hatte gegen Thildes Behandlung des Kranken: Brotrinde mit Essigwasseraufguß, ein Mittel, das noch von der alten Möhring herrührte, nichts Erhebliches einzuwenden. »Es hat nichts geschadet«, sagte er, »und das ist immer schon viel.« Er verordnete dann eine Althee-Abkochung[Fußnote], und als Thilde fragte, »ob es was zu bedeuten habe«, lächelte er und sagte: »Einigermaßen; es ist eine Lungenentzündung. Vor allem Ruhe.«

Thilde war eine gute Krankenpflegerin und gab ihm die Medizin mit einer Genauigkeit, als ob das Leben an der Minute hinge. Sie glaubte nicht daran, aber sie wollte nichts versäumt haben. Die Vormittagsstunden vergingen unter Umwandlung des Schlafzimmers in ein Krankenzimmer; die nach dem Hof hinausgehnden Fenster wurden verhangen, während die Tür nach der Vorderstube offenblieb, nur durch eine halbe Portière geschützt. Thilde sah oft hinein, ohne daß der Kranke irgendwas verlangt hätte, dann ging sie wieder an das Vorderfenster, das, von der vorigen Frau Burgemeister her, noch einen altmodischen Tritt und einen Fensterspiegel hatte. Dieser war eigentlich überflüssig, denn es gab so wenig zu sehn, daß es auch nichts zu spiegeln gab. Mitten auf dem Marktplatze stand das Rathaus mit einer schräglaufenden hölzernen Stiege, die bis zum ersten Stock aufstieg und sich hier in einem schmalen Laubengang fortsetzte, aber alles von Holz. Dicht neben dem Rathaus standen ein paar alte Scharren, verschlossen und verschneit. An der andern Marktplatzseite war die Löwenapotheke, deren Provisor gähnte, denn seit der Mixtur für den Herrn Burgemeister war seine Tätigkeit noch nicht in Anspruch genommen worden. Daneben ein Bäckerladen mit einem schräggestellten Blechkuchen im Schaufenster und einigen bewundernd davorstehenden Kindern; die Sonne fiel so grell darauf, daß Thilde die großen Zuckerstellen erkennen konnte. Zwischen dem allem glitt ihr Auge hin und her und nahm erst eine andre Richtung, als sie, diesmal allerdings mit Hülfe des Spiegels, den Briefträger die Herzog-Kasimir-Straße heraufkommen sah. Er trat auch gleich danach ins Haus, und Thilde ging ihm entgegen, um ein paar Briefe in Empfang zu nehmen. Einer war aus Breslau, also wahrscheinlich eine Rechnung oder ein Verzeichnis, der andre eine Vermählungsanzeige Rybinski[s] (aber mit einer andern Dame) und der dritte von der alten Frau Möhring. »Frau Burgemeister Großmann, geb. Möhring. Woldenstein in Westpreußen.« Die Buchstaben waren so steif gekritzelt wie auf einem Waschzettel. »Gott«, sagte Thilde, »wenn Mutter bloß nicht immer geborne Möhring schreiben wollte. Möhring ist doch zu wenig.« Dann ging sie bis an die Portière und horchte hinein, und als sich nichts in der Schlafstube regte, ging sie wieder bis ans Fenster und setzte sich in den kleinen schwarzen Stuhl mit drei Goldstäbchen, der hier stand. Und nun las sie.

»Meine liebe Thilde. Die Kiste kam gerade Heiligabend an, aber schon früh, und da gerade die Runtschen da war, sagte ich, nu, Runtschen, nu wollen wir sie aber auch gleich aufmachen. Und da hättest Du sehn sollen, wie geschickt sie war und wie sie jeden einzelnen Nagel rausholte, ohne Kneifzange, bloß alles mit's Küchenmesser. Und als wir alles raus hatten, gab ich ihr eins von die Pakete, weil ich dran denken mußte, daß ihr die Petermann zu vorigen Weihnachten auch ein großes Stück Steinpflaster gegeben hatte. Sie war aber noch nich ganz zufrieden, bis ich ihr sagte: ›Na, Runtschen, wenn es soweit is, den Schinkenknochen, den kriegen Sie auch.‹ Da bedankte sie sich; ich weiß das schon von Ulrike, sie sind immer so sehr nach Fleisch. Natürlich, wer soll es denn bezahlen. Und muß ich Dir doch sagen, daß ich mich sehr über alles gefreut habe, weil man doch die Liebe sieht, und darin auch, weil ich sehe, daß Du's kannst und Ihr's haben müßt. Und sieh, Thilde, das is doch die Hauptsache. Denn mit der Sparkasse, das is ja nu vorbei, weil es alles soviel gekostet hat, und wenn ich mir denke, daß es auch knapp ginge, was sollte da werden. In 'n Spittel mag ich nich. Und nu sage mir, Thilde, wie steht es eigentlich mit Dir? Ach, es macht ja bloß Angst und Sorge, und wie sie nachher einschlagen, weiß man auch nich. Besser ist besser. Und Du hast mir noch immer nicht geschrieben von wegen der Witwenkasse. Die Schmädicke meinte zwar neulich: ›sie müßten einkaufen, ob sie wollen oder nich‹, aber es wäre mir doch lieb, zu hören, daß Du ganz sicher bist. Ich bin immer so sehr fürs Sichre. Denn der Mensch denkt; und Gott lenkt, und heute rot und morgen tot. Und er war mitunter so rot, was mir nich gefallen hat, und auch die Runtschen sagte: ›Glauben Sie mir, Frau Möhring, es sitzt ihm hier.‹ Und nu grüße Deinen lieben Mann und sag ihm, ich ließ' ihm ein glückliches neues Jahr wünschen. Er verdient es, und es wird sich schon belohnen. Es is ja viel draufgegangen, aber es schadet nicht, und ich hab es alles gerne gegeben, und die Schmädicke sagte neulich: ›Aufs Kapital kommt es nich an, wenn man bloß gute Zinsen hat.‹

Deine Dich liebende Mutter

Adele Möhring, geb. Printz«

»Gott, nun auch noch ›Printz‹«, sagte Thilde. »Was sich Mutter nur eigentlich denkt. Und was sie da schreibt! Als ob sie sich geopfert und mir mit ihrem Sparkassenbuch, was doch mein war, mein Glück bereitet hatte. Nun, sie war immer so, und nach ihrer Art meint sie's gut, erst mit sich und dann mit mir. Und darin war das Gute, daß sie mir immer freie Hand gelassen hat. Eine weimrige alte Frau, aber ich habe doch mit ihr leben können. Und vielleicht muß ich wieder mit ihr leben. ›Heute rot und morgen tot.‹ Daß sie auch grade so was scheiben mußte... Hugo gefällt mir nicht, und der Doktor mit seinem ›Einigermaßen‹ hat mir auch nicht gefallen. Ich möchte ihn nicht gern verlieren. Er ist so gut und hat mir eine Stellung gegeben. Denn wenn ich es auch gemacht habe, wenn er nicht da war, so ging' es nicht. Ich möcht ihn nicht gern verlieren. Aber sonderbar, alles hat doch so seine zwei Seiten, und wenn ich so den Platz und die drei Scharren sehe, jetzt kuckt sich der Provisor im Spiegel [an] und findt sich hübsch, da weiß ich doch nich, ob es nicht hübscher war, wenn ich nach der Stadtbahn rübersah und wenn Bolle[Fußnote] durch die Straßen klingelte... Nun, Mutter hat ja auch geschrieben: ›Der Mensch denkt, und Gott lenkt‹, sie hat immer solche neuen Sätze. Aber richtig is es, und ich muß es abwarten, wie Gott lenkt.«

 

Hugo genas, und Ende Februar saß er im Garten in Front von einem Weinspalier, auf das eine warme Februarsonne fiel. Thilde saß neben ihm und las ihm die Zeitung vor, denn es waren die Tage, wo Bismarck ins Schwanken kam[Fußnote]. Hugo sog jedes Wort ein und zeigte großes Interesse, ergriff aber nicht Partei, »sie werden wohl beide recht haben«. Thilde lächelte: »Ja, Hugo, das bist ganz du. Beide recht. Ich bin für einen.« Über den Zaun fort grüßten die Nachbarn, die sich schon in ihren Gärten zu schaffen machten, und stellten auch Fragen nach seinem Befinden, denn so kurze Zeit er in der Stadt war, so war er doch sehr beliebt, und jeder freute sich seiner Wiedergenesung. Die Landrätin kam persönlich und klagte sich an: »eigentlich sei sie schuld, er habe sich's bei Ostwind auf dem Eise geholt«, und der alte Graf schickte eine große Melone aus seinen Treibhäusern mit einem Billet voll phantastischer Verbindlichkeiten und Ratschläge. Nach Berlin hin war all die Wochen über kein Wort über die Krankheit vermeldet worden, weil Thilde dem Gejammer der Alten entgehen wollte, und auch jetzt, wo die Genesung da war, schrieb sie nichts von der zurückliegenden schweren Sorge. Vielleicht unterließ sie's auch, weil sie der Genesung mißtraute, wozu, wie sich bald zeigen sollte, nur zuviel Veranlassung da war.

Eines Tages, als Hugo wieder in der Sonnenstelle saß, schlug das Wetter plötzlich ab, ein Schüttelfrost stellte sich ein, und ehe noch der Arzt es feststellen konnte, war es klar, daß ein Rückfall da war. Er nahm in rapidem Verlauf die Form einer rapide fortschreitenden Schwindsucht an, und am zweiten Ostertag abends starb er, nachdem er Thilden ans Bett gerufen und ihr für ihre Tüchtigkeit, ihre Liebe und Pflege gedankt hatte. Diese Worte waren ehrlich gemeint, denn die Bedenken einer frühen Zeit waren ganz geschwunden, und er sah in Thilde nichts als die rührige, kräftige Natur, die sein Leben bestimmt und das bißchen, was er war, durch ihre Kraft und Umsicht aus ihm gemacht hatte.

Den dritten Osterfeiertag bei niedergehnder Sonne wurd er auf dem Woldensteiner Kirchhof begraben; alles war da, der alte Graf, der alles auf den Arzt schob und dann wieder versicherte, er hab es schon am Neujahrstage gewußt, der Landrat, der, weil Osterferien waren, gerade in seinem Kreise sein konnte, viel Adel aus der Nähe und die ganze Bürgerschaft einschließlich der dritten Konfession. Auch der Provisor, der sich zufällig einen neuen Frühjahrsüberzieher hatte machen lassen, wollte nicht fehlen. Alle Bläser bliesen, der alte Graf unterhielt sich ziemlich laut, und was Woldenstein an Blumen hatte, wurde auf das Grab gelegt. Der Geistliche geleitete Thilden in ihre Wohnung, und während der alte Graf im »Herzog Kasimir« eine Flasche herben Ungar ausstach, saß Thilde auf dem Trittbrett und sah auf den immer dunkler werdenden Marktplatz, über den ein Westwind einige braune Winterblätter trieb. Dann wurden ein paar an Ketten hängende Laternen angesteckt, und im Schatten des Rathauses, da, wo die Stiege hinaufführte, stand ein Liebespaar. Sie ließen sich durch den immer heftiger werdenden Wind nicht stören, aber die Laternen bewegten [sich] und quietschten an den Ketten hin und her. Als Thilde wohl eine halbe Stunde lang auf das alles hinausgestarrt hatte, zündete sie die Lampe an und setzte sich an ihren Schreibtisch, um ein paar Zeilen an die Mutter zu schreiben.

 

»Liebe Mutter. Heute gegen Abend haben wir Hugo begraben. Es war sehr schön und feierlich, alle Welt erschienen, auch der Adel aus der Umgegend. Prediger Lämmel hielt die Rede. Sie wird gedruckt und wird uns dann (denn bis dahin denke ich wieder in Berlin zu sein) von hier aus zugestellt werden. Wie ich Dir gleich bemerken will, kostenfrei, auch der Druck. Denn Du wirst wohl sehr in Angst sein. Ich muß Dich aber ernstlich bitten, mich mit dieser Angst nicht quälen zu wollen. Ich habe von hier aus für Dich gesorgt, und ich werde weiter für Dich sorgen. Du denkst immer an jämmerlich zugrunde gehn, aber solange Deine Thilde lebt, so lange wirst Du zu leben haben. Dessen sei versichert. Ich empfange noch das Gehalt bis Jahresschluß und die Witwenpension vom 1. April an. Dies wird Dir einen Stein von der Brust nehmen, und wenn Du erst weißt (und deshalb habe ich dies alles vorausgeschickt), daß Du nicht ins Spital kommen und nicht wie die alte Runtschen rein machen und einholen wirst, wirst Du vielleicht auch zuhören, wenn ich Dir sage, daß Hugo gut gestorben ist, ganz wie ein feiner Mensch, der er immer war. Denn er war aus einem sehr guten Hause, was immer die Hauptsache bleibt. Er hat mir auch noch gedankt, als ob ich wunder was wäre. Das macht, er hatte so was Edles. Und Dich hat er grüßen lassen. Daß er bloß schwächlich war, dafür konnte er nich. Wenn es nach ihm gegangen wäre, wär er stärker gewesen. Alle Leute hier haben ihn sehr geachtet, weil alle sahen, daß er sehr gut war, und selbst Silberstein, von dem ich Dir schon geschrieben, hat an seinem Grabe gesprochen. So daß selbst Pastor Lämmel zufrieden war und ihm die Hand gab. Silberstein, Firma Silberstein und Isenthal, wird auch alles besorgen, es sind sehr reelle Leute, fortschrittlich, aber sehr reell. Und was aus dem Mobiliar herauskommt, das werden wir kriegen auf Heller und Pfennig. Ich habe noch ein paar Tage hier zu tun und Briefe zu schreiben, auch an den alten Grafen, der mir eine Stellung als Hausdame in seinem Hause angeboten hat (natürlich mit Gehalt), aber all das wird in drei oder vier Tagen beendet sein, und spätestens Sonnabend früh gedenke ich in Berlin einzutreffen. Ich schreibe aber noch eine Karte vorher, damit Du ganz sicher bist und die Runtschen zu rechter Zeit bestellen kannst. Ich bringe Dir auch ein Andenken von ihm mit, ein kleines Kreuz, vorn mit einer Perle. Die Perle hat einigen Wert. Ich freue mich, Dich wiederzusehn, so schmerzlich auch die Veranlassung ist, denn die Pension reicht nicht an das Gehalt Ich muß Dir das sagen. Mir ist es gleichgültig. Ich bringe mich schon durch und Dich mit.

Deine treue Tochter Thilde«

 

SECHZEHNTES KAPITEL

 

Sonnabend früh mit dem Acht-Uhr-Zuge kam Thilde auf dem Friedrichsstraßenbahnhof an. Den kleinen Handkoffer, den sie mit sich führte, gab sie einem Gepäckträger zugleich mit ihrem Gepäckschein und wies ihn an, ihr alles in ihre Wohnung zu schaffen, drüben zu Schultzes, drei Treppen. »Ja, Fräulein.« Er verbesserte sich aber rasch, denn er kannte sie von alter Nachbarschaft her ganz gut, und versprach, in einer halben Stunde dazusein. Als sie ging, sah er ihr einen Augenblick nach. »Was doch nich das liebe Geld alles tut; hat sich schmählich rausgemausert. Or'ntlich ein bißchen forsch und einen Krimstecher.« Während ihr diese Betrachtungen folgten, schritt sie über den Damm hin und sah auf das Haus und nach der dritten Etage hinauf. Es hatte sich nichts verändert, und doch kam ihr alles ganz anders vor. Ein eigentümliches Gefühl beschlich sie, bis sie sich sagte: »Sei froh, daß es ist, wie es ist; es könnte viel schlimmer sein. Wie war es vor zwei Jahren. Da mußt ich noch alles selber tun.« Sie ging auf der rechten Seite der Straße und sah nach der dritten Etage hinauf, ob sie die Alte vielleicht am Fenster sähe. Aber sie sah nichts, auch nicht in den andern Etagen, überall waren noch die Rouleaux herunter. Es war ihr lieb, ganz unbeobachtet zu sein, aber sie war es nicht, und während sie über den Damm ging, sagte die Rätin, die vom Frühstückstisch aufgestanden war und sich ein Kuckloch zurechtgemacht hatte: »Was sitzt du wieder über der Zeitung. So was sieht man nicht alle Tage; sie hat bloß schwarze Handschuh an und sieht aus, als reiste sie nach Dresden und Sächsische Schweiz. Regenmantel und Opernglas; fehlt bloß noch der Alpenstock.« -»Ach, du hast immer was zu reden, Luise. Wenn sie mit einer langen Trauerfahne ankäme, dann wär es auch nicht recht«

Thilde stieg langsam die Treppen hinauf, je höher sie kam, desto langsamer, weil sie vor der Begegnung mit der Alten erschrak. Auf dem letzten Treppenabsatz stand die Runtschen und nahm ihr, weil sie nichts andres mit sich führte, wenigstens den Regenschirm ab. »Tag, Runtschen, wie geht es?« - »Gott, Frau Burgemeistern, wie soll es einem gehn«, und ehe das Gespräch sich fortsetzen konnte, war man oben, und Thilde lief auf die Mutter zu, die, halb sonntäglich zurechtgemacht, in der offnen Tür stand und gleich zu weinen anfing.

»Mutter, weine nur nich gleich. Jeder kommt ran.«

»Ja, bloß der eine zu früh und der andre zu spät. Wenn ich doch rangekommen wäre.«

Und dabei traten sie vom Flur her in das Entree und vom Entree in die Wohnstube, wo vor dem Sofa schon der Kaffee stand und Semmeln und Butter.

»Und nu komm, Thilde, nu wollen wir eine warme Tasse trinken, und erzähle mir alles, wie es war.«

»Ja, Mutter, gleich; ich möchte mir aber erst die Hände waschen, und das Haar is auch in Unordnung, ich hatte den Wind ins Gesicht und wollte nicht zumachen.« Und dabei erhob sich Thilde wieder, legte den Hut und den Krimstecher beiseit und hing den Mantel an einen Ständer im Entree. Dann kam sie wieder und sagte: »So, Mutter, nu schenk uns ein. Kalt war es. Und der Mantel hat auch nicht viel geholfen.«

»Ich dachte, du würdest ein Umschlagetuch drübernehmen. Und überhaupt. Hast du denn gar keine Trauer gehabt? Ich weiß ja, daß es hier sitzt, aber wegen der Leute. Und sie haben sich doch sehr anständig gegen dich benommen.«

»Ja, Mutter, natürlich habe ich Trauer gehabt. Silberstein hat mir alles besorgt und hatte selbst alles auf Lager. Ich war ganz schwarz und Schleier und Schnebbe, alles, wie sich's gehört, aber als ich mich für die Reise zurechtmachte, hab ich alles eingepackt, und du kannst es sehn, wenn es kommt.«

»Und unterwegs wolltest du nicht.«

»Nein, Mutter. Unterwegs nich, und ich wollte auch nich hier so ankommen. Das sieht so gefährlich aus.«

»Aber willst du's denn so liegenlassen. Es kriegt ja Flecke. Silberstein hat es doch auch nich umsonst.«

»Auftragen will ich es nicht. Die meisten glauben nich dran, und ich habe welche gesehn, die zudringlich wurden bloß wegen der Trauer. Manche machen es auch zu toll. Aber wenn ich es auch nicht auftragen will, so werde ich es doch tragen, wo sich's hingehört, wenn ich ernste Besuche mache. Denn wenn ich auch die Pension habe, so muß doch was geschehn.«

»Ach, Thilde, daß du nu davon sprichst. Ich hab es ja nicht gewollt und habe mir diese ganze Nacht gesagt: ›Sprich nich davon, Thilde mag es nich, Thilde war immer großartig, und nu is sie's erst recht.‹ Aber da du nu selber davon anfängst, sage, Kind, was soll nu werden. Denn es war ja doch eine furchtbare Krankheit.«

»Ja, Mutter, das war es. Immer die Beklemmung und die Atemnot.« »Ach ja, Thilde, die Beklemmung. Aber ich mein nich die Beklemmung, ich mein, daß es so lange gedauert hat.«

»Ja, grad ein Vierteljahr...«

»Und wenn in einer kleinen Stadt der Doktor auch um die Ecke wohnt, die Länge hat die Last, und zuletzt macht es doch was. Und dann die Medizin. Und grade weil es mal besser war, da müssen sie dann immer gestärkt werden. Aber es hilft meistens nich, und alles is bloß hin.«

Thilde nahm ein Stück Zucker und brach es zweimal durch und sah nun auf die vier Krümel, die da vor ihr lagen. In den vier Krümeln hatte sie nun wieder ihr Leben, und die Mutter, die noch kein Wort von dem armen guten Mann gesprochen hatte, rechnete schon wieder, was es gekostet habe. So nüchtern sie selber war, das war ihr doch zuviel. Sie nahm der Alten Hand und sagte: »Mutter, bringe der Runtschen den Kaffee raus, sie wird wohl noch nichts Warmes genossen haben. Die Runtschen is wirklich arm. Ich will in die andre Stube gehn und mich einen Augenblick hinlegen; vielleicht schlafe ich ein, mir is doch so übernächtig.«

Sie dachte nicht an Einschlafen, sie wollte nur allein sein und einen Augenblick andre Gedanken haben. Sie schritt auf und ab. Da war das Stehpult, drauf die juristischen Bücher immer so verstaubt umherlagen, und da war der Sofatisch, auf dem hochaufgeschichtet die kleinen Bücher lagen und ein paar Bleistifte daneben, um immer gleich Notizen an den Rand schreiben zu können. Und da war das Fensterbrett, an das gelehnt sie so sonderbar sentimental ihre Verlobung gefeiert hatten, er noch halb krank und verlegen und sentimental, sie nüchtern und berechnend. »Ich habe mich ihm immer überlegen geglaubt. Es war nicht so. Wenn das ewige Nachrechnen klug ist, dann ist Mutter die klügste Frau. Von den andren, zu denen Hugo gehörte, hat man doch mehr, und ich will versuchen, daß ich ein bißchen davon wegkriege. Aber es wird mir wohl nicht viel helfen; von Natur bin ich gradeso wie Mutter, sie berechnet immer, was es kostet, und ich rechne mir den Vorteil aus. Die vier Krümel Zucker will ich mir in eine Schachtel legen und hier in das offne Sekretärfach stellen. Da hab ich es immer vor Augen und will dran lernen, daß das ganz Kleine nu wieder anfängt; und wenn Mutter weimert, will ich nicht ungeduldig werden. Ich dachte wunder was ich aus ihm gemacht hätte, und nu finde ich, daß er mehr Einfluß auf mich gehabt hat als ich auf ihn. Rechnen werd ich wohl immer, das steckt mal drin, aber nicht zu scharf, und will hülfreich sein und für die Runtschen sorgen. Schon deshalb, weil die Runtschen seine einzige Renonce[Fußnote] war. Und wenn er das sieht, wird er mir's danken. Aber er wird es wohl nicht sehn.«

Und dann ging sie wieder auf und ab und trat ans Fenster, und da, wo damals der Mond gestanden hatte, lang ein grau Gewölk.

Aber als ihr Auge noch drauf ruhte, rötete sich's, und die Sonne gab einen goldnen Saum. »Vielleicht ist das meine Zukunft.«

Und sie holte sich den Regenmantel aus dem Entree, deckte sich zu, verfolgte das Schattenspiel an Wand und Decke und schlief ein.

 

SIEBZEHNTES KAPITEL

 

Zu Thildens besondren Eigenschaften gehörte von Jugend auf die Gabe des Sichanpassens, des Sichhineinfindens in die jedesmal gegebene Lage. Wäre Hugo am Leben und im Amt geblieben und nach Ablauf (was nicht anzunehmen, aber doch auch nicht unmöglich) seiner Woldensteiner Amtszeit wegen bewiesener Tüchtigkeit zum Oberburgemeister einer Provinzialhauptstadt gewählt worden, so würde seine Frau, bei Besuchen des Oberpräsidenten, ja selbst bei Kaiserparaden, die Honneurs des Hauses mit ausreichender Geschicklichkeit und jedenfalls mit vollkommener Unbefangenheit gemacht haben; jetzt, wo sie sich nach einem kurzen Erfolg auf die Stufe zurückversetzt sah, von der sie ausgegangen war, fand sie sich auch darin zurecht und nahm ihr altes Leben ohne jede längre Betrachtung und jedenfalls ohne Klage darüber wieder auf. Die Sache lag so und so, folglich mußte so und so gehandelt werden. Nur nicht nutzlose Betrachtungen. Es handelte sich für sie keinen Augenblick darum, ihre Situation in irgendein Gegenteil zu verkehren, sondern nur darum, aus der Situation, wie sie nun mal war, das Beste zu machen, und dies tat sie voll Überlegung und auf ihre Weise, rücksichtsvoll und doch auch wieder entschieden. Soweit es möglich, war sie unerschöpflich in kleinen Guttaten und Aufmerksamkeiten und der Alten insoweit zu Willen, daß sie wie vordem das bloß alkovenhafte Schlafzimmer mit ihr teilte; den ganzen Tag aber [die] sich beständig über Spittel und ähnliche Dinge verbreitende Unterhaltung mit anzuhören oder Fragen zu beantworten, die sich fast immer auf ihr intimes Woldensteiner Leben bezogen, dazu war sie nicht mehr gewillt und hatte dementsprechend kategorisch erklärt, daß sie den Tag über allein sein müsse. »Das mit dem Vermieten müsse ein Ende haben.« Und so hatte sie sich »drüben« eingerichtet, und als die Alte sah, daß Thilde viel schrieb und sich unter Büchern und Karten vergrub und, wenn sie zu Tisch kam (die Runtschen mußte das Essen holen), oft rote Backen vom Lernen hatte, konnte sie sich [denken], was Thilde vorhatte.

Sie konnte sich's denken und war auch nicht eigentlich dagegen. Aber wenn die Alte auch nicht eigentlich dagegen war und sich recht gut entsann, daß der Seminardirektor schon damals, eh Möhring starb, immer von ihren schönen Gaben gesprochen hatte, so ging sie doch davon aus, daß »Lehrerin« nicht recht was sei, ja daß jedes andre Unterkommen, auch wenn von etwas fraglicher Beschaffenheit, immer noch vorzuziehen sei. Bei Tage wagte sie mit solchen Betrachtungen nicht recht hervorzutreten, aber wenn sie zu Bett gegangen waren und schon eine Weile ganz ruhig gelegen hatten erhob sich die Alte von ihrem Kissen und sagte, während an der Straße her durch die nach vorn hin offenstehende Tür ein schwacher Lichtschimmer sie traf: »Thilde, schläfst du schon?«

»Nein, Mutter. Aber beinah. Willst du noch was?«

»Nein, Thilde, wollen will ich nichts. Mir is bloß so furchtbar angst wegen deiner Lernerei. Du siehst so spack aus und hast solchen Glanz. Er hat ja doch die Schwindsucht gehabt. Und am Ende...«

»Nu?«

»Am Ende wär es doch möglich. Und wenn es so is, is doch frische Luft immer das beste...«

»Gewiß, frische Luft is immer gut. Aber wo soll ich sie hernehmen? Hier is sie nich gut, und wenn es nich wegen deines Rheumatismus wäre...«

»Nein, Thilde, so das Fenster offen, das geht nicht. Aber du könntest doch die frische Luft haben.«

»Ich? woher denn?«

»Ja, Thilde, du hast mir doch gleich in deinem ersten Brief geschrieben, ich meine in deinem ersten, als er tot war, da hast du mir geschrieben von wegen ›Hausdame‹ mit Gehalt. Und wenig kann es doch nich gewesen sein, weil er ja so reich is, wie du mir geschrieben hast. Und alt is er auch. Ja, da hättest du die schöne frische Luft gehabt und die gute Verpflegung, ich will nichts sagen, aber was wir heute hatten, hatte doch keine Kraft nich, und alt is er, und wenn du ihn ordentlich gepflegt hättest, und das hättest du gewiß, denn du hast ja Mitleid mit jedem und mit mir auch, denn du bist gut, Thilde, ja, Thilde, dann hätten wir vielleicht was. Einer, der so reich is, kann doch nich so mir nichts, dir nichts sterben, ohne was zu hinterlassen. Und vielleicht daß er noch ganz zuletzt ... War er denn katholsch?«

»Natürlich war er katholsch.«

»Na, denn ging es nicht.«

»Ach, deshalb wär es schon gegangen. Katholsch is nich schlimm. Aber was denkst du denn eigentlich? Ich will von Woldenstein nicht reden. Aber hier? Was würden hier die Leute gesagt haben. ›Die hat es eilig.‹ Und die Petermann der alte Giftzahn, die hätte gesagt: ›Es wird wohl eine schöne Geschichte gewesen sein.‹«

»Ach, Thilde, dessentwegen muß man sein Glück nich fortstoßen. Die Leute sagen immer so was. Aber wenn man was hat, dann is es gleich. Und bloß wenn man nichts hat...«

»Ja, Mutter. Nu wollen wir aber schlafen.«

 

Der Wunsch der Alten ging ganz entschieden dahin, daß sich Thilde wieder verheiraten sollte. Hugo war ein sehr hübscher Mann gewesen und aus einem sehr guten Hause. Und wenn sie damals, wo sie bloß ein armes Mädchen war, den Hugo gekriegt hatte, so konnte sie jetzt jeden heiraten, denn sie hatte ja nun einen Titel, und wenn sie mitunter ausging und war eine junge Witwe, und die Trauer stand ihr gut, und wenn sie zum Schulrat ging mit dem geteilten langen Schleier, sahen ihr die Leute nach. Und die Alte war nur unglücklich, daß sie gesagt hatte, »die Haubenschnebbe, das is zuviel. So furchtbar trauern darf ich nicht, das is anstößig.«

Ja, wieder heiraten sollte Thilde. Als die Alte aber merkte, daß Thilde dies ganz entschieden ablehnte und wirklich nur Lehrerin werden wollte, kam sie auf einen andren Plan, der geraume Zeit nach jener Unterhaltung über den alten Grafen und das mutmaßlich verscherzte Glück, auch wieder nächtlicherweise, geführt wurde. Diesmal nicht in dem sauerstoffarmen Alkoven, sondern noch in der Vorderstube, die Alte steif aufrecht auf dem Sofa, Thilde zurückgelehnt auf der Chaiselongue.

»Na, Thilde, du warst ja heute wieder da. Wann glaubst du denn, daß es soweit is?«

»Du meinst mit dem Examen und mit der Stelle. Und meinst, wann ich das erste Gehalt kriege?«

»Ja, Kind, das mein ich. Du willst immer davon nich hören. Aber es is doch was Sichres.«

»Ach, sicher is das andre auch.«

»Meinst du? Na, ich will es dir wünschen. Aber wenn es auch noch so sicher ist, das mit der Schule, das is doch nu die Hauptsache. Das hast du selber immer gesagt. Und da hab ich dich nu schon lange fragen wollen, ob du nich das mit der Witwe fallenlassen und deinen Mädchennamen wieder aufnehmen willst. Es werden ja so viele mit andre Namen getauft, und bei dir is es nich mal so, da kommt das Alte bloß wieder obenauf.«

Thilde schüttelte den Kopf, ersichtlich in einiger Verstimmung. Aber die Alte, die sich, solange sie den Wiederverheiratungsplan hatte, von »Witwe« viel versprochen hatte, wollte bei veränderter Sachlage mit ihrem neuen Plane nicht nachlassen und fuhr fort: »Ich denke mir, Thilde, du mußt es nu lieber so nehmen, als ob es ... ja, wie heißt es doch, wenn was ganz kurze Zeit dauert und dann wieder vorbei ist...«

»Ich weiß schon, was du meinst...«

»Also so nehmen, Thilde, wie wenn es gar nicht gewesen wäre. Daß dir als Witwe was zugute getan wird, kann ich mir nich denken, und Fräulein is doch das Gewöhnliche...«

Thilde richtete sich auf, nahm ein noch von Woldenstein mitgebrachtes Luftkissen in den Rücken und sagte: »Ja, Mutter, was denkst du dir eigentlich dabei. Das is doch wie eine Defraudation, wie eine Unterschlagung, wie Lug und Trug.«

»Gott, Kind, rede doch nicht so was.«

»Ja, Mutter, das ist Ableugnung des Tatsächlichen und straffällig.« »Gott, Gott.«

»Ich habe dir wohl öfters gesagt, wenn du so beständig anpurrtest und alles wissen wolltest, was auch nicht richtig war und immer nur davon kam, daß du gegen den armen Hugo was hattest - nun, da hab ich dir wohl mal gesagt, daß es nicht so was Besondres gewesen sei, was ich vielleicht nicht hätte sagen [sollen], denn alles, was man so sagt, wird doch bloß mißverstanden. Und nun bist du geradeso wie die andern Menschen. Aber es is alles falsch, was du da denkst, und ich muß dir sagen, ich glaube beinah, daß er lieber nicht hätte heiraten sollen. Er sah so stark aus mit seinem Vollbart, aber er war nur schwach auf der Brust, und ich bin ganz sicher, es hat ihm geschadet. Und nun soll es gar nichts gewesen sein. I, das wäre ja doch schändlich und undankbar, wenn ich ihm so was in seinem Grabe nachsagen wollte. Fräulein Möhring! Was denkst du dir nur? Ich bin kein Fräulein und habe meinen Stolz als Frau und Witwe, wenn ich auch kein Pfand seiner Liebe unterm Herzen trage.«

»Gott, Thilde, sage doch nich so was.«

»Ja, so sagt man, Mutter; das ist gerade das richtige Wort. Und es ist bloß ein Zufall, daß es so ist, wie es ist...«

»Meinst du?«

»Freilich meine ich. Und mitunter denke ich, es wäre doch hübsch und auch besonders für dich, wenn du ihn einbuschen könntest. Freilich, Rechnungsrats schlafen grade unter uns, und die würden wohl raufschicken und sagen, wir sollten nicht so viel hin und her wiegen, denn die denken, drei Treppen hoch ist so gut wie gar nichts.«

»So is es, Thilde. Arme Leute...«

»... müssen sich alles versagen.«

»... Un sollen nich mal buschen. Ach, die Menschheit is zu schlecht, und ich erleb es auch nich mehr.«

 

Das war kurz vor dem Examen, das Thilde glänzend bestand, viel glänzender als Hugo damals das seine. Noch an demselben Tage sagte man ihr, daß eine Stelle für sie frei sei; man freue sich, ihr dieselbe geben zu können. Am 1. Oktober trat sie ein, Berlin N, zwischen Moabit und Tegel. Sie ging mutig ans Werk, hatte frischere Farben als früher und war gekleidet wie an dem Tage, wo sie von Woldenstein wieder in Berlin eintraf. Nur ohne Krimstecher. Das seitens der Schuldeputation in sie gesetzte Vertraun hat sie gerechtfertigt.

Hinaus fährt sie jeden Morgen mit der Pferdebahn, den Weg zurück macht sie zu Fuß und kauft immer was ein für die Mutter, einen Kranzkuchen oder einen Geraniumtopf oder eine Tüte mit Prünellen. Oft auch am Oranienburger Tor eine Hasenleber, weil sie weiß, daß Hasenleber das Lieblingsgericht der Alten [ist]. Und die Alte sagt dann: »Gott, Thilde wenn ich dich nicht hätte.«

»Laß doch, Mutter, wir haben es ja.«

»Ja, Thilde, es is schon wahr. Aber wenn es man bleibt.«

»Es wird schon.«

Von Hugo Großmann wird selten gesprochen, seine Photographie hängt aber mit einer schwarzen Schleife über der Chaiselongue, und zweimal im Jahre kriegt er nach Woldenstein hin einen Kranz. Silberstein legt ihn nieder und schreibt jedesmal ein paar freundliche Zeilen zurück. Rebecca hat sich verheiratet.

Tag der Veröffentlichung: 08.04.2011

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Sie haben Mathilde Möhring zu Ende gelesen

Theodor Fontane

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