
Mathilde Möhring
Möhrings wohnen Georgenstraße 19, dicht an der Friedrichsstraße, drei oder vier Treppen hoch, je nachdem wie man die Wirtswohnung des Rechnungsrats Schultze zählt, der in der Gründerzeit mit dreihundert Talern spekuliert und in zwei Jahren ein Vermögen erworben hat. Der Vater, Buchhalter in einem Kleider-Exportgeschäft, ist seit sieben Jahren tot, gestorben einen Tag vor Mathildens Einsegnung, und sein letztes Wort an die Tochter lebt in der Familie fort: Mathilde, halte dich propper. Die Witwe vermietet Zimmer, und weil die Tochter scharfe Augen und viel Menschenkenntnis hat, kommen nur Leute ins Haus, die einen soliden Eindruck machen. Mathilde ist jetzt dreiundzwanzig, hager, aschblond, fleißig und ganz ohne Reiz. Ein Kegelspieler in Halensee hat einmal gesagt, sie habe ein Gemmengesicht, und von diesem Worte lebt sie seitdem.






