Meta

Carl Sternheim · Kapitel 3 von 6

PDF-Seiten

Meta

Unnamed

Kontur, der Erscheinung Strenge, den Worten Kommandoton, aber vor Prall und

Knall der Armeerlasse, dem Alarm der Katastrophen und Verlustlisten konnte sie

nicht bestehen. In Haltung und Ausdruck ließ Franz Respekt nicht im mindesten

missen. Innerlich aber schaltete er mit ihr nach neuen Begriffen und Gutdünken.

Er fand sie, in Waffenglanz nicht denkbar, vor dem schwächsten Manne

schwach. Sah ihren zärteren Aufbau, ihrer Stimme dünne Resonanz ein, und daß

sie oft zu schonen war. Er stellte sie der mit Standarte stürmenden Angriffslust

des männlichen Prinzips, das plötzlich aus allen Kulissen der Welt

wetterleuchtete, richtig als ein anderes gegenüber, das ruhend ergriffen sein

wollte.

Als ihm die Einsicht das erstemal sprang, bäumte mit Lust herrischer Wille

nach ihr auf, und er reckte sich in alle Winde. Den Gestellungsbefehl trug er in

der Tasche — da war das Knabenalter hin, und sein Blick lenkte keck zu des

Mädchens Brust, die unter Kattun doppelt gerundet stand.

Meta aber, als sie Franz’ geänderte Absicht sah, stürzte in harten Kampf, die

gräßlichsten Zweifel. Aus unaussprechlichen Ahnungen spürte sie die

augenblicklichen Verhältnisse nicht beständig und daß alles, was in ihnen sich

ereigne, dem Wechsel und vielleicht späterer Verdammung unterliege. Aus allen

Lüften sah sie Gebraus, Geschmetter der Kraft in des Geliebten eindrucksvolle

Seele geblasen und glaubte dennoch nicht, es fände dort ursprünglicher Gefühle

Begegnung. Sie zitterte, vom süßen Moment hingerissen, möchte sie, fallend,

ihm seine ewige Neigung trüben, und sich selbst ihm gründlich zerstören.

Da sich in Wirklichkeit erfüllte, was einst sie geträumt: Jung, stark und gerade

als Mann gewachsen, hat sie ihn vor sich, er senkt das Haupt an ihre Brust, stößt

in die Falten der Taille die Spitzen des Gesichts und schlürft ihre Wärme, bis

Blut sich entzündet und im Kessel des geschwollenen Leibes Überschwang an

den Ventilen siedet — zwingen sie Rufe der Not und mörderische Furcht, der

ersehnten, vorzeitigen Hingabe mit schleunigem Aufbruch und schmerzlichem

Aufschwung der Seele zu entfliehen.

Es weiß der Mann aus seines Leibes Verlangen immer unsinnigere

Schmeichelei, Natur und alle Kreatur zaubert er vor ihre begeisterten Augen in

taumelnden Aufruhr, und kaum weicht das Weib, von eigenem Verlangen

gefesselt, noch aus. Schon wird über dem blanken Boden in einer Mondnacht

des Mädchens Kehle und Schulter nackt, da ruft am anderen Morgen Befehl

Franz zu seinem Truppenteil, und in der Hast der notwendigen Besorgungen gibt

es kaum einen Abschied.

Erst aus der Garnison, dann vom Lager her, versichert er sie einer

Leidenschaft, die hinter schneller Heirat fröhliche Wollust in völliger Vereinigung will. Zart fängt er zu bitten an, doch zum Schluß des Geschriebenen

blitzt Mannesmut, und trumpft jedesmal die geballte Faust auf. Ihr aber beginnt,

nach häufiger Wendung des Geschicks, aus seinen Worten die Ahndung eines

vollkommen natürlichen Glücks, von Gott und den Menschen gesegnet, zu

dämmern, und mit gefaßtem Wandel bereitet sie einfach und fromm in sich das

Wesen seines Weibes vor.

Nun herrscht der Allmächtige und „Urlaub“ in ihr. Mit häufigem

Kirchengehen, inbrünstigem Gebet bekräftigt sie die innere Sammlung. Aufs

Wiedersehen ist sie ganz gestellt, und nur manch Weibliches leuchtet ihr

daneben ein. Es kam um diese Zeit die hübsche Hausfrau mit einem Knaben

nieder, und Meta ist für alle Vorgänge bei der Geburt Feuer und Flamme. Als

aber das Kind aus zitterndem Schoß entbunden war, und den von Qual erlösten

Leib der Wöchnerin in frischen Kissen Jubel des Mutterglücks rührten, lag Meta

an der Bettkante in den Knien und küßte die hängenden Hände der glückselig

Erschöpften. Sie reicht ihr durch des Zimmers Sonne auch das Bündel Windeln,

aus dem es quäkt und winselt, an die Brust und staunt auf all das Saugende und

Gesaugte, die Spitzen Rot an den getürmten Brüsten und das in Milch

verwandelte Blut. Sie fühlt sich königlich erhöht im Hinblick auf die eigene

mütterliche Zukunft und hegt für das aus ihr noch nicht Geborene schon die

zärtlichsten Gefühle. An Franz schreibt sie: mach schnell, komm bald. Es ist für

dich alles bereit. In ihrer Seele steht das Häuschen, das mit dem kaiserlichen

Briefträger sie bis ans Ende ihrer Tage bewohnen will, fix und fertig: zwei

Räume und die Küche in einem Garten mit tüchtig Gemüse. In den Stuben

rumoren die Kinder; im Stall ein Schwein. Am ersehnten Tag kommt statt seiner

die Nachricht, der Urlaub sei verweigert; er selbst, näher den Ereignissen, ins

Quartier eines hohen Stabes geholt. Ist Metas Enttäuschung schon groß, verbirgt

sie sich nicht, ihr sei auf dem neuen Posten das Leben des Geliebten

sichergestellt, und Ordensschmuck unter den Augen der oberen Gewalten für ihn

wahrscheinlicher als in der trüben Masse an der Front. Was bedeute die

Trennung, könne sie seiner endlichen, ruhmvollen Heimkehr gewiß sein? Wie er

auch schilt, man habe ihm den Auszug ins Feld verwehrt, ihn vor allen

Kameraden benachteiligt, lacht sie bei sich und sitzt den Winter über

geschnittener Leinwand, aus der sie das Notwendige schafft zu baldigem

Gebrauch. Brennt in der Kammer die Lampe, schnurrt eifrig der Ofen mit dem

Kätzchen um die Wette, setzt sie Stich zu Stich mit lustigen Gedanken, und ist

mit der Gewißheit, in ihrer Liebe hat sie manches gelitten, oft geschwankt, doch

schließlich sich bezwungen, und nun steht ihr in einem braven Mann richtiges

Frauenschicksal bevor, das beglückteste Mädchen.

*

Franz, der im Haushalt des Stabsquartiers die gleichen Obliegenheiten erfüllt

wie Meta für ihre Herrschaft — er ist dort das Mädchen für alles, putzt, wäscht

und wichst zu täglichem Gebrauch, was irgend vor seine Griffe kommt — fällt

nach einigen Monaten treuer Pflichterfüllung in ein hastiges Leiden, das ihm die

Därme immer von neuem kehrt und entleert, bis seine gemarterte Seele kläglich

durch diesen Weg aus dem kaum angebrochenen Leben entweicht. Mit

rühmlicher Gefallenen verschwindet ohne Sang und Klang sein Kadaver schnell

in fremde Erde.

Frei durch den Himmel ihrer Zukunft schweifend, erhält Meta die Nachricht

am Abend; fällt in Ohnmacht des Begreifens und bleibt zeitlich lange genug

ohne Bewußtsein, um vor selbstmörderischer Torheit bewahrt zu sein. Doch

scheint Starre des eingebrochenen Winters sie miterfaßt zu haben, und geraume

Weile wandelt sie, vor Besinnung gefeit, in Stummheit und Taubheit

eingeschneit, huscht wie ein wundes Tier vom Bett durch die Stuben zu Bett;

nicht einen Seufzer hört man von ihr. Manchmal steht groß ein Schweißtropfen

an ihrer Stirn, wie aus dem Knochen herausgefroren.

Eines Tages sprach sie der Hausherr freundlich und mit väterlichem Tätscheln

an. Sie solle zu sich selbst erwachen. Jung sei sie, mannigfach liege Leben vor

ihr, und der Männer gäbe es viele. Auch litte mit ihrer Zerrissenheit die Qualität

der Arbeit. Gott sei gnädig, die Sache des Vaterlandes stünde dank siegreicher

Schlachten gut, und im Grund sei mehr gewonnen als verloren.

Oben aber sah Meta plötzlich die genähten Hemden und Herrlichkeiten, daß

es sie an den Elementen packte und über den weiblichen Kram in einen Jammer

warf, der Tage hindurch sie selbst und Zeug und Wäsche näßte. Auf Bett und

Stuhl, wohin sie blickte, saß Franz; an Tor und Tür erschien er wieder, lachend

und vertraut zu ihr aufschauend. Dann hurtig enteilend, Mütze schwingend, aufs

Rad flatternd. Oder es sahen seine Augen vorwurfsvoll aus dem Dunkel; doch

bei ihrem zartesten Laut strahlte sein Glaube. Und er läge ihr gestorben? Wo

wäre da Sinn? War im Plan ihres gemeinsamen Lebens ein Fehler, das geringste

Unreine im Zusammenklang der Seelen, und stimmt Gott der Harmonie nicht bis

in die verborgenen Winkel der Schöpfung zu? Halb entkleidet steht sie zur Nacht

im Loch des Fensters in feuchtem Aufruhr und sucht dem Himmel, des Busens

Hügel aufnehmend, den Weg zum Herzen frei zu machen, daß er es ganz

einfältig mit Franz erfüllt schaue. Wär wirklich das Unfaßbare wahr, wo in der

Verkettung der Umstände sei der gräßliche Irrtum des Geschehens als Schuld

anzurechnen, auf ihrer demütig irdischen oder der allmächtig himmlischen

Seite? Aber die Sterne erblassen nicht vor der geheulten Anklage. Kraß und klar

leuchten sie die täglichen Bilder.

Noch wartet Meta und schiebt den Tag der Abrechnung mit Gott fort, und

während das Ohr auf Nachricht aus dem Feld gespannt bleibt — sie ist gewiß,

auf einmal kommt Alarm seines Lebens, und bebändert und besternt steht er vor

ihr und wirft verhaltenen Lebenssturm wie Gewitter und Blitz in sie — prüft sie

innerlich von neuem ihre bisherige Führung nach den strengen Vorschriften der

Religion, um nicht im geringsten über berechtigte Enttäuschung des Gläubigen

hinaus sich anklagend zu empören. Sie bekommt auch günstige Zeichen. Ein

Sergeant beim gleichen Stab, den der unverhüllte Jammer ihrer Briefe rühren

mochte, antwortet in geschraubten Reden so Unterschiedliches, daß höhere

Hoffnung allerhand in ihnen finden kann. Aus hundert Zeitungen erhält sie

Bestätigung, daß Totgeglaubte, Totgewußte in die Arme der Liebenden

zurückkehrten. Franz aber, von Fibern jugendlichen Willens hingerissen, sei

ganz gewiß aus eintönigem Tagdienst in die Hitze der Gefechte geeilt und werde

sich in den Berichten schließlich als ein Held und lebend wiederfinden.

Bis sie ein Bündel mit der Post erhält, das der gleiche Kamerad, ihrer

Beschwörungen überdrüssig, an sie sandte: Lumpen von seinem entseelten

Körper geschält, in beschämendem, kläglichem Zustand.

Ihr entgeht nicht die hämische Geste des Schicksals, die obendrein das

Andenken des Verblichenen schänden will. Doch ist ihr der endliche Fall je

tiefer umso lieber, da sie schon merkt, wie viel herrlicher sie sich von ihm

erheben wird. Inmitten verwüsteter Hoffnungen, der jämmerlichen Trophäen

seines Erdenwandels bleibt sie trauernd liegen und saugt aus tausend

Erinnerungen Haß, allmählich rasenden Zorn gegen ein sinnloses Geschick und

seinen oberen Lenker. Als sie endlich jeden Ort des Leibes mit gleicher

Überzeugung angefüllt fühlt, erhebt sich ein neuer Mensch zu gewandeltem

Leben. Mit Gott macht sie nicht mehr viel Worte. Sie sieht ihm frei ins Gesicht

und zeigt ihre Meinung: Seine Entscheidung in ihren Sachen hat sie verurteilt

und hängt nicht länger von ihm ab. Zum zweitenmal nimmt sie vom Dasein

Besitz, belebt jetzt von sich selbst her ihre Welt. Aus deren Mitte sie alles bisher

Verehrte hebt, es durch einen Götzen zu ersetzen: Franz, den sie mit jeglichem

Tand der Phantasie schmückt. Je weiter sein irdisches Leben zurücksinkt, um so

frischer macht sie ihn sich lebendig. Alle Kräfte müssen fortan für den einzigen

Zweck sich regen, den toten Freund ihr fortwährend seiend zu erschaffen. Sie hat

unaufhörliche Gesichte, Begegnungen und vertraute Zwiesprache mit ihm und

riecht und schmeckt den ganzen angebeteten Mann. Ist sie aber mit ihm im

innigen Verein der Gemüter, fliegt ihr Blick durch die Scheiben höhnisch zum

Firmament, und Trotz spottet hell auf.

Sie wird wie eine Nonne schlicht und eindeutig. Dem einmal gewählten

Bräutigam treu, geht sie wie mit Zäunen umstellt dahin. In ihre Bestimmung mit sich selbst ist von außen her kein Pfeil, kein anderes Verlangen zu senken. Sie

weiß zu gut, wie der Geliebte sie wollte; nicht kleinmütig und verzagt, aber hoch

über dem Los der Sterblichen. Die selbstherrlichen, keuschen Gebärden muß sie

bewahren, daß beim endlichen Wiederfinden seine Erwartung von ihr sich

vollauf bestätigt. So wandelt sie in Stahl gepanzert. Schicken ihr die Frühlinge

Begierden, blühend erwachte Natur Versuchung, zwingt sie das Fleisch in kühle

Richtlinien und lacht zum Schluß über der Geister Blendwerk. Männer, die ihr

nahen, wollüstig und aufgeschwänzt, erledigt sie mit dem Blick eines für sie zu

gewaltigen Maßes, in das sie wie Erbsen in riesigen Topf fallen. Je mehr das

Leben sie versuchen will, um so freudiger wirft sich Meta ihm furchtlos

entgegen, gewiß, mit ihrem Liebesbegriff jeder Wirklichkeit überlegen zu sein,

und daß der verschmitzten Himmel lockere Absichten an ihrem Willen

schließlich zerbrechen müssen.

 

*

Der Friede, den das Land erlangt, schwemmt die Menge der Männer in die Arme

der Jungfrauen, Bräute und jungen Frauen zurück. Es hebt eine allgemeine,

gewaltige Hochzeit an, und die Demut des Weibes ist an sich schon groß vor

dem heimgekehrten Helden. Als aber sein Arm in der verwahrlosten Heimat

richtend und regelnd überall fühlbar wird, die Jugend den zu Haus gebliebenen

Greisen und irgendwie Verschnittenen die willkürliche Leitung der Ämter und

Geschäfte scheltend entreißt, bricht befreiter Dank aus allen Herzen so stürmisch

hervor, daß Verehrung männlicher Kraft und Vernunft allenthalben oberstes

Gesetz ist. Auch Meta, der es einfällt, wie in letzter Spanne ihres

Beisammenseins Franz sich zu eigenem Willen gereckt, Herrschaft und Gewalt

über sie gefordert hat, formt den Geliebten dem allgemeinen Ideal nicht nur,

sondern eigenem, ursprünglichem Wunsch nun unbedenklich nach. Macht ihn

zum unbeschränkten Gebieter ihres Gewissens und ihrer Glieder; endlich stürzen

die inneren Gewalten in das Bett einer einzigen Leidenschaft: schrankenloser

Hingabe des Leibes und der Seele an den Vergötterten. Alle Organe werden, von

Besessenheit ergriffen, Eingangspforten für den Atem seines Wesens. Der

männliche Geist fährt wie Schwert in das Weib und reitet es mit Windsbraut in

alle Abgründe des Empfindens, peitscht es durch Hohlwege und Schluchten

sinnlicher Wünsche. Man hört sie aufschreien unter seiner würgenden Faust,

sieht sie bäumen, stürzen, wieder stehend, halb sich heben und zum andernmal

mit Wucht in die Furche der Bettstatt schlagen. Sie fühlt sich von ihm in die

Wälder an alle jene Örter entführt, an denen sie einst gemeinsam scheues

Gespräch geflüstert. Dort packt er sie, und während keusches Andenken sie

rührt, bricht und knickt er sie in ein Bündel keuchender Wollust nach seinem Willen.

Tagsüber, mit geschundenen Gliedern, erfüllt sie dennoch die Pflichten

dienender Stellung. Aus der Stärke der sie schüttelnden Empfindungen fühlt sie

sich stolz von eigenen Gnaden Überwinderin des von Gott ursprünglich mit ihr

gewollten Schicksals, Urschöpferin ihrer Lust und nimmt aus diesem

Bewußtsein düstere Kraft. Doch immer ist es ihr Beweises eigener Person nicht

genug. Rings horcht sie die Frauen nach dem Maß des natürlichen Glücks mit

ihren Männern aus und jubelt, hört sie laue Anerkennung, meistens

Enttäuschung. Im Verein mit ihrem süßen Mann hat Sturm und Schwelgerei kein

Ende, sie unterliegt seinen Launen, Bedenken, Schwächen nicht. Jahre hindurch

steigert sich noch das Maß des Entzückens, das von ihm kommt. In alle Blut-

und Nervenbahnen ist sie von ihm schon besessen; aber immer noch findet

Begierde neuen Genuß und blendende Überraschung.

Bald sieht Meta Folgen ihres unbändigen Glücks mit dem Mann. Der Leib,

aus einem Teil einst, regelmäßig praller Formen, brach die Bünde gehügelter

Üppigkeit und hat strengen Rhythmus schon gesprengt. Entzückt sieht sie ihre

Schönheit für ihn, wie bei Weibern mit lebendigen Gatten, zerfließen. Nicht

weniger scheint sie gestülpt, brüchig und gerupft. Mit Triumpf hängt sie in den

gleichen Spiegel, der einst ihrer Jugend Knappheit faßte, die zerfallenen Kuchen

der Brüste, des Bauches schleppende Fettguirlande. Sie meckert sich Beifall,

schlägt die entstellten Lenden, um sie mit Inbrunst neuen Visionen auszuliefern.

Aber zu allen Freuden ekstatischer Liebe leidet sie alsbald Schmerzen und

täglich andere. Erst ist es Freßgier, die sie befällt und unzähmbar quält. Mit

tierischem Hunger schlingt sie alles Erreichbare wahllos in den offenen Schlund,

bis Ekel vor sich selbst sie packt, der aufgetriebene Magen sich brüsk erleichtert.

Dann quillt Speichel in Wellen aus den Häuten des Mundes und der Nase,

schäumt auf den Lippen und wechselt dort in vielen Farben. Oder es preßt eine

Hand den Hals zusammen, daß sie zu ersticken meint; eine gespenstische Kugel

steigt aus der Gurgel in die Eingeweide nieder, wobei kalter Wind den Leib

durchweht. Tiefer, traumloser Schlaf wechselt mit anhaltender Schlaflosigkeit,

die sie völlig erschöpft, und wüster Halluzination. Doch immer gelingt es noch

trotziger Energie, Franz, zur Umarmung bereit, vor sich aufzuzaubern. Als aber

Materie fast vom Knochen geschabt ist, das Fett verlebt, die Säfte, nicht ergänzt,

träg geworden, kann sie die erlangten Ohnmachten und Zerschmetterungen mit

neuem Aufschwung nicht mehr regelmäßig ausgleichen. Nur hier und da erfaßt

sie noch des Mannes feste Gestalt. Meist muß sie sich mit einem Schatten

begnügen. Und wie sie auch die Augen aus den Höhlen dreht, die mageren

Hände sehnend reckt, — bei sich fühlt sie nur mehr etwas unwirklich

Zerschlissenes. Dann stöhnt sie große Seufzer und fällt durstend in die Kissengrube; aber der ausgemergelte Körper stürmt in Schlaf, und die Sehnsucht

der Halbentseelten flieht vom Gift des Sichzerfleischens häufiger zu Bildern

guter Ruh.

Das angetrümmerte Gebein, dicht vor seiner Vernichtung, schreit nach

Befreiung. Mit dem Mut der Verzweiflung wehrt es sich, bereit, alle anderen

Möglichkeiten des Seins gutzuheißen, ihnen zu dienen, nimmt man von ihm die

Zentnerlast der durch Jahre getragenen Qualen.

Alsbald tritt in das erfrischte Gehirn Bild der Umwelt zögernd wieder ein. Sie

nimmt des Stübchens Einrichtung deutlich wahr: den Teppich vorm Bett, dessen

Mitte vertreten ist; bunte Gardinen gegen das Licht. Erstaunt sieht sie ihren

Fenstern das Dach eines Hauses gegenüber, das die frühere Aussicht ins Grüne

und die angrenzenden Gärten sperrt. In der Küche glänzt Kupfer mit Zinn, und

bemerkenswert scheint ihr der Ausdruck in Menschenaugen. Da kommt morgens

ein Mann ins Haus, der Zeitungen trägt. Blond, greller Rede, drängt er sich

kräftig in Metas Wirklichkeit, stellt sich quer vor das blasse Bild ihres

Schattenmännchens. Gaukelt sie das noch manchmal her und bringt seine Züge

nicht bündig zusammen, ist quick der Stellvertreter vollkommen da, zu allem

Möglichen bereit. Sie dreht sich also, nur vager Absicht, in seine Bahn und hat

ihn plötzlich unmittelbar, Aug in Auge vor sich. Gespannt sieht sie sein

vorbereitendes Gebahren, schluckt seine bis zu den Haaren steigende Röte, die

Wasserperlen auf der Stirn, zitternde Hände. Auch leises Knirschen der

Kaumuskeln belustigt sie sehr. Als er aber, männlich perfekt, in die Horizontale

schwenkt, macht sie der Schwitzende lachen, und sie springt von ihm fort. Zu

albern wirkte sein strikter Angriff, es mangelt gewohnter, phantastischer

Hinschwung; sie hat die Fanfare nicht gehört, unwiderstehliches Muß völlig

vermißt.

Aus halber Anschauung und vollendeter Ahnung sah sie der hingegangenen

Liebe unvergleichliche Höhe ein. Und wie vorher Natur, sind Trotz und Eitelkeit

in ihr befriedigt. Reste von Zärtlichkeit und Schwärmerei schwinden schnell aus

dem Herzen, und dreißigjährig stellt sich Meta, immer noch Dienstmagd in des

Färbereibesitzers Familie, mit gänzlich veränderten Begriffen zu weiterem

Dasein kräftig gewillt fest.

 

*

Bedient sie jetzt Gäste bei Tisch, die regelmäßig einmal in der Woche kommen,

reicht ihnen Teller und Schüsseln, sieht sie die Speisenden eindringlich an. Sie

merkt ihre Gespräche und kennt nach kurzer Zeit die Verhältnisse der

Geladenen. Doch, was sie erzählen oder mit Zwinkern und Blinzeln von ihren

Gefühlen ausdrücken, ihr menschlicher Inhalt scheint Meta armselig und flach. Sie, die gemeiner Herkunft wegen vor diesen Bürgern alle Schauer des Respekts

gefühlt, merkt aus der Überlegenheit selbstgewollten und überwundenen großen

Schicksals, Hochmut in sich wachsen. Die da sitzen, scheinen geschlagene

Leute, denen das Menschliche zu karg gemessen ist. Ihre Begierden bleiben weit

hinter Metas Sehnsucht zurück. Um kleine Vorteile treibt ihr Ehrgeiz, aus der

Größe des Vermögens sind sie sich wichtig. Dem Unbemittelten dienen Fabeln

seiner geschäftlichen Verschlagenheit, sich zur Geltung zu bringen. Da ist ein

Herr mittlerer Jahre in kaffeebraunem Rock, der von seinen Spekulationen

Wesens macht. Zum Schluß seiner Vorträge, die er mit trüben Witzworten krönt,

pflanzt er, beifallheischend, der Hausfrau jüngerer Schwester, die seit kurzem zu

Besuch da ist, einen runden Blick mitten ins Gesicht. Meta kennt die Stelle, wo

auf des Mädchens Backe antwortend jedesmal der rote Fleck aufbrennt, sieht

aber geschwind zum Erzähler zurück, um noch wahrzunehmen, wie der mit dem

Mundtuch herausfordernd sich die Schnurrbartspitzen wichst. Sie findet diese

Spießbürger Würmer, die man bodenlos gering zu achten und nach dem Maß der

Verachtung zu behandeln das Recht hat. Mit dieser Feststellung begnügt sie sich

nicht, sondern beginnt, sich in die Schicksale der Lendenlahmen sofort zu

mischen und sie zu treiben. Erst springt sie das Mädchen an, das nach

unabänderlich trägen Gesetzen die Tage verschleißt, indem sie Gedrucktes aus

des Hausherrn Bücherei ihm in den Weg legt, das durch gewagten Inhalt es

erregen soll. Durchs Schlüsselloch sieht sie der sich Entkleidenden zu und wartet

auf den Effekt. Aber die klassisch Nackte, deren ebenmäßige Schönheit Meta

gehässig bewegt, hält lesend das Buch mit der gemarkten Stelle, und kein Hauch

rührt ihr Gesicht. Sie gähnt nur ein wenig, nestelt, kämmt, dreht die Lampe und

schläft.

Und doch steckt sie seit Wochen, glaubt sie sich unbemerkt, dem

kaffeebraunen Herrn die Finger schnell in die seinen. Sieht ihn geschwungener

Braue an, senkt den Kopf und entschwebt. Als eines Abends die Herrschaft ins

Städtchen fort ist, die Jungfrau vorm Spiegel mit gelöstem Haar und blanken

Beinen zur Nacht sich schickt, schiebt Meta den scheuen Verehrer, der

vorbeigehend nach der Anwesenheit der Freunde obenhin gefragt hatte, ohne

weiteres der Überraschten in die Kammer und wartet verhaltenen Atems vor der

Tür. Da es innen still bleibt, bringt sie den Blick an die Öffnung und sieht

Mädchen und Mann beieinander, Hand in Hand und Aug in Auge. Dazu atmen

beide kräftig aus geblähten Nüstern. Ein Weilchen, während das Herz vor

Erwartung steht, sieht Meta ihnen zu; als aber die Haltung der Aufrechten sich

nicht verändert, öffnet sie erbost die Tür und zwingt das monumentale Paar zum

Aufbruch.

Doch gibt sie sich nicht zufrieden. Nach ihren höheren Absichten sollen sich dennoch die Geschicke der Armseligen erfüllen. In stärkerem Feuer will sie die

Seelen glühen sehen, gewiß, noch immer wird sich dort ihr eigener Wert über

dem der anderen erhärten, und sie kann an ihrer salamanderhaften

Unbrennbarkeit von neuem vergleichend sich berauschen. Engeren Anschluß

sucht sie an die Ahnungslose, ist beim Anzug behilflich, streift ihr die Strümpfe

schmeichelnd an die Beine, das Hemd über die zarte Haut. In Kürze vollendet

sie mit sympathischen Strichen jeder Nerve zärtliches Verständnis, und als sie ihr

Opfer zu eigener Regung flügge glaubt, weiß sie es bald wieder einzurichten,

daß der lau Temperierte das junge Weib allein im Aufruhr der Gefühle findet.

Von der völlig Entzündeten fängt der schwer zu Entflammende Feuer. Nun

girren hinter der Tür die Stimmen, es fordert Verlangen und seufzt die

Schwäche. Das Mal des Sieges leuchtet auf Metas Stirn.

Allem, was folgt, widmet sie sich inständig; vermittelt den Liebenden

Bequemlichkeit. Je dringlicher er Halt will, um so stürmischer wird der Mann

geliebt, und das schleunige Ergebnis ist des Mädchens vollendete

Schwangerschaft. Da aber ist die Mittlerin erst vollends selig. Für des Hauses

Ruh, die nur durch banalen Anlaß bislang gestört wurde, hofft sie gründlichen

Sturm und Raserei. Sie reibt sich die Hände und schneidet dem Himmel

Grimassen. Und als sich das Unglück den Verwandten nicht länger

verheimlichen läßt, mit einemmal im grünen Salon Aufschrei und Verwünschung

schallt, als zweier Frauen Ohnmachten zu enden sind, und Nasenbluten des

erschütterten Färbereibesitzers ihre Pflege und Essig fordert, schwebt Meta,

überlegene Zuschauerin der Blamage und Verlegenheit, in sieben Himmeln.

Jede Stunde ist ihr nun höchster Erwartung voll. Sie glaubt an zerschelltes

Geschirr, eingetretene Türfüllungen, den aus dem Fenster in den Hof

zerschmetterten Leib. Auf den Pistolenschuß wartet sie, der plötzlich die

Nachbarschaft alarmieren soll, hört Feuerwehr und Polizei schon die Treppe

stürmen. Doch steigt das allgemeine Elend nicht über ein finsteres Schweigen

und Tränen in Strömen. Eines Morgens aber erscheint der Verführer im

schwarzen Rock mit hohem Hut; Verbeugungen, Komplimente, dann heftige

Umarmungen werden getauscht, und bald kleidet Meta die Braut in Batist,

Schleier und steifen Atlas. Während das erlöste, ausgelassene Mädchen lockende

Kapriolen in den Spiegel stellt, fühlt sich die Bedienende von den himmlischen

Gewalten aufs neue geneckt und um jeden Erfolg gebracht.

Aber sie will, nachdem ihr der Weg zu eigener, bedeutender Fühlung einmal

gesperrt ist, aus von ihr aufgeregtem, fremden Schicksal unbedingt die

fortdauernde Bestätigung nicht gewöhnlicher Natur. In Gestalt eines alternden

Mädchens, durchschnittlicher Dienstmagd zum Kehricht geworfen zu werden,

diesen Ausgang ihres Lebens ertrüge sie nicht. Sie weiß nicht, wie der Dämon in sie kam, aber daß sie vor jedem Atemzug gelten, vor sich selbst bestehen muß,

und daß, diese Voraussetzung ihres Lebens zu schaffen, ihr jedes Mittel gilt.

Als mit dem in gesetzlicher Ehe geborenen Sprößling die jung Verheiratete

alsbald aus ihrer Macht und ihrem Gesichtskreis entschwunden ist, spürt sie der

Hausfrau Launen auf und wo bei ihr der Eingriff ins Leben zu wagen sei. Sie

sieht die noch Begehrenswerte in simplem Haushaltskram befangen, und lange

Zeit weiß sie nicht, wie ihr beizukommen wäre. Da springt ihr Zufall zu Hilfe,

als sie den Erzieher des nun zwölfjährigen Knaben im Unterricht über ein

samtenes Band der Prinzipalin träumend findet. Der Brennpunkt ist entdeckt,

und mit unwiderstehlichem Drang facht sie Feuer unter den Primitiven, kocht sie

durch Monate in ununterbrochener Hitze gar, bis der Boden des Topfes, in dem

sie schmoren, wie Papier mürbe ist, und die Minute sich ankündigt, wo die

Siedenden und Gesottenen ins offene Feuer fliegen.

Dicht vor der Katastrophe aber kommt ihr ein närrischer Einfall und macht sie

vor Freude toll. Nicht halbe Arbeit will sie mehr leisten; diesmal soll das ganze

Haus, der Familie rundes Ensemble, in sie untertauchen, und Herrschaft auf alle

soll Lohn für fünfzehnjährige Sklaverei sein. Als der Herr wie stets in einer Ecke

sie tätschelt, sprengt sie durch den ihm zugeschleuderten Blick seine gedämpfte

Existenz und überläßt am gleichen Tag, da auch der junge Lehrer das ersehnte

Glück findet, sich dem täppischen Alten.

Der hat durch seine Lebensstellung gefällige Umgangsformen mit der Frau.

Meta nahm ohne Eifer mit Befriedigung, was er bieten konnte. Aus immer

lebendiger Phantasie machte sie ihn abhängig; unterjochte ihn ganz. Sie probte

und spannte ihn wie einen Handschuh, so weit er sich streckt; ersah an seinem

Beispiel, wie weit der Mann dem Weibe wirklich folgt und stellt nach ihm das

Bild von Franzens Männlichkeit richtig. Der Rest Bedauern, den sie über dessen

Tod noch immer fühlte, minderte sich füglich. Als sie den Alten am Schnürchen

hatte, er erst wie ein Pudel in ihrem Dunstkreis hüpfte, zwang sie auch die

Hausfrau aus der Mitwisserschaft um ihr Verbrechen in dramatisch geführten

Szenen zur Unterwerfung, allmählich zu striktem Gehorsam. Jetzt gab sie im

Haus die Kommandos, nicht so sehr mit Worten als mit Blick, einer verlorenen

Geste; spielte Richter und oberes Gesetz. Nie wollte sie, was jene wünschten,

verbot, was ihnen erfreuliche Aussicht war und konnte nicht schlafen, gab ihr

der Überblick des hingegangenen Tages nicht Gewißheit ihrer bewiesenen

Macht. Drohten anfangs die Geprügelten, sich zu empören, das noch

ungewohnte Joch abzuwerfen, dämpfte sie durch anonyme Briefe, die das

Infame mit gemeinen Worten an die Wand malten, die Lust zum Aufstand; durch

auferlegte Strafen den Wunsch, Widerstand zu wiederholen.

Sie zog in ein geräumiges Zimmer am Hauptflur, das sie mit hübschen Dingen schmückte, die ihr anderswo entbehrlich schienen. Setzte den Papagei im Bauer

und einen Ledersessel ans Fenster, in dem sie regelmäßig als erste die Zeitung

las und rückte schließlich das Grammophon im Mahagonischränkchen aus dem

Eßzimmer zu sich herüber. Ein buschiger Kater hockte auf ihrem Schoß.

Für die Arbeit hat sie längst eine Magd genommen. Samt den übrigen

Hausinsassen dient ihr die tagtäglich irgendwie zur Befriedigung dunkler

Instinkte. Durch immer neue Nadelstiche, tausend gesiebte Bosheiten und

Intriguen, gegen die sie wehrlos ist, im Mark des Lebens gelähmt, sinkt die

ganze Sippe allmählich in so bodenlose Abhängigkeit, daß jede Reibung

schwindet. Für den Besucher bildet die Gemeinschaft das Bild idealen Friedens;

wie zärtliche Verwandtschaft liebenden Eifers bemüht ist, das Leben der

verehrten Tante zu erhalten, vor Schreck und Trubel zu bewahren. Man buhlt mit

den niedrigsten Mitteln um ihre Gunst; der Gatte verleumdet die Gattin, das

Kind die Eltern, alle aber die Magd, die sich auf gleiche Weise rächt. Wo Meta

auftrumpfen will, liegen die Stiche schon auf dem Tisch. Ihr zum Schlag

gehobener Arm fällt auf Samt, zutretender Fuß taucht in Watte. Um sie ist

schließlich Atmosphäre von Thymian und Lavendel, und wie sie auch immer im

Einzelfall streng entscheidet, sieht sie doch nur verklärte Gesichter. Man ist

unter allen Umständen entschlossen mit ihr, unbedingt für ihren Willen. Ihrer

längst nicht erloschenen, leidenschaftlichen Lust am Aufruhr stellt sich in ihrer

Umgebung einfach kein Gegner.

Sie muß ihren Groll künstlich päppeln, sich aufsagen, wie sie von Gott und

den Menschen tödlich beleidigt ist um etwas, das ihr lange sehr deutlich war.

Während sie im Genuß ertrinkt, betet sie sich vor, sie sei gemartert und grausam

gehöhnt; aber die Sühne des Himmels stehe noch aus. Sie fühlt, verliert sie

Aufstand und Empörung erst völlig aus dem Blut, muß in ihr ein Vakuum

entstehen, das sie in Abgründe schleudert. Aber die vier Menschen um sie, die

den Schlüssel ihrer Natur gefunden, singen ihr Hymnen, überstürzen die

geringste Forderung an sie von sich her und entkräften immer mehr Metas einst

lodernden Haß.

Schon, wenn am Jahresersten die Familie mit dem Frühesten an ihr Bett tritt

— sie aber liegt in schleifenverzierter Haube, kostbarem Hemd mit gefalteten

Händen unbeweglich auf dem Rücken wie ein sehr kostbarer Gegenstand — und

das erdenklich Gute wünscht, oder an ihrem Namenstag das Haus mit

brennenden Lichtern und Kränzen ein Tempel der Freude ist, Likör und edler

Wein in Römern herschwebt, der die Geister verzaubert, schwindet ihr

Erinnerung alles Gewesenen. Aber an ihrem vierzigsten Geburtstag, da

Segenswunsch und Musik, als Enthusiasmus mit frohen Toasten prasselt, und in

allen Blicken die Träne der Rührung hängt, fühlt sie aus sich das Heftige gerissen; sitzt im Kreis der Feiernden betäubt und gestäupt als leere Attrappe.

Alle Arbeit ist ihr aus dem Weg geräumt, den Finger darf sie schließlich nicht

mehr rühren, und die geringste Handreichung wird mit stürmischer Abwehr

nicht geduldet. Aber Überraschung bringt man ihr von draußen, freundliche

Grüße der Bekannten, nur gute Nachrichten. Jeder Eintretende stellt strahlenden

Augs mit lachendem Mund vor ihr ein lebendes Bild. Alle haben die zierlichsten

Bewegungen, holde Sprache, Händedruck und Herzbeteuerung. So ist ihr jeder

Anlaß zu Scheltworten genommen. Wie sie auch Argwohn und zänkische

Erwartung spannt, immer endet jeder Vorgang über Erwarten glücklich in

Sonnenschein. Man schmeichelt dem Vogel im Bauer, bringt ihm Biskuits und

fragt mit schmelzender Besorgnis: „wen liebst du am meisten auf der Welt?“,

und kreischt der bunte Bursche: „Meta! Meta!“, scheint man gerührt, entzückt,

sogar erschüttert. Vom ewigen Sitzen und Gefüttertwerden wird die Verwöhnte

von neuem unförmig fett. Ihre gefräßige Natur widersteht den Leckerbissen

nicht, die man ihr reicht, und aller Welt macht es gehässigen Spaß, die

Anschwellende nach Kräften zu mästen.

Ißt sie reichlich zu Tisch, schlürft viele Tassen Kaffee und mummelt Kuchen,

dösen die Augen träg ins Leere. Nicht Feuer mit Blitz steht in ihnen, kaum mehr

Strahl des Lebens. Bei Zeitungstratsch und Phonographengeplärr läppert sie

Tage. Ihrer Umgebung achtet sie nicht mehr, läßt die beherrschte Welt immer

weiter aus den Zügeln und kümmert sich ängstlich nur um die Gemäßheit der

Verdauung.

Doch die vom Leitseil Entspannten schweifen in ein freies, früheres, durch sie

nur unterbrochenes Sein fort. Mit vorgeschrittenem Alter hat man eine gewisse

Höhe des Lebens erreicht. Vom Hügel herab sieht man Jugend, Torheit und

Tollheit, und sicher vor ihnen, betrachtet man sie kritisch und belächelt sie. Ohne

treibende, innere Flamme sind die Gatten aus der Häuslichkeit nicht mehr

fortgerissen, sondern, der schwachen eigenen Kräfte, der Kämpfe im Dasein

bewußt, aufeinander zu schmalem, letztem Lebensgenuß angewiesen. Und was

man nie vermocht hat: da man das Gleiche will, traut man einander, nähert sich

und lernt sich wirklich kennen. Der silbernen Hochzeit steuert man zu, geht das

Vergangene im Geist durch, macht entschuldigende und begreifende

Anmerkungen und ist mit Hin- und Widerrede eines Tages so weit, daß man

spürt, wäre es nötig, könnte man auch einen Fehltritt, der weit zurückliegt, dem

andern ohne Gefahr getrost gestehen.

Als aber diese Wahrheit erkannt und eingesehen war, begann man, die

Gehätschelte im Lehnstuhl mit neuen Augen zu sehen. Noch ließ man es an der

Anrichtung der Speisen nicht merken, wie sich die Lage schlimm für sie

geändert hatte, doch sparte man mit Besuch und machte für sie keinerlei Anstrengung mehr. Meta nahm die mangelnde Teilnahme entweder garnicht

wahr oder empfand sie als erhöhte Rücksicht, die ihrer Bequemlichkeit erwiesen

wurde. Immer mehr dämmerte sie in den Zustand zufriedener Gleichgültigkeit

hinüber.

Doch wollte sie eines Morgens Dienstleistung und hatte dreimal den

Klingelknopf gedrückt. Als niemand kam und ohne Erregung sie mechanisch

weiterschellte, öffnete endlich die Hausfrau die Tür und fragte schnippisch, was

ihr denn einfiele. Ganz verdutzt, blieb Meta glotzenden Blicks die Antwort

schuldig. Da erhob die Scheltende schreiend die Stimme, sie verbitte sich Art

und Weise. Was denn im Werk sei, und ob sie sich, was sie brauche, nicht gütigst

selbst holen wolle und ob überhaupt . . . und da höre alles auf! Und je weniger

die Gescholtene zu entgegnen vermochte, um so mehr tobte der Frau entfesselte

Wut. Zischend spie sie Wortschlangen auf die Vertatterte, berauschte sich an

deren demütiger Stille so unmäßig, daß sie Stühle vom Platz, Gegenstände

durchs Zimmer schleuderte. Mehr von der Dynamik der Stürmenden als vom

eigenen Trieb bewegt, richtete sich Meta schließlich auf, nach bewährtem Rezept

zum Angriff überzugehen. Sah aber beim ersten Blick dem Gegner ins Auge; der

hatte alle Angst vor ihr verloren, und ihr Spiel sei unwiederbringlich und

gründlich verspielt. Trotzdem machte sie eine fürchterliche Bewegung, zeigte

plötzlich das alte, von tödlichem Haß entstellte Gesicht so drohend, daß die von

neuem Geängstigte gellend den Gatten zu Hilfe rief. Der übersieht, im

Schlafrock herbeieilend, mit einem Blick nach rückwärts und vorwärts die Lage

und nie wiederkehrende Gelegenheit, fuchtelt die Arme wuchtig aufwärts,

dröhnt mit riesiger Stimme Löwentöne, daß alles zusammenläuft, und die

Nachbarn an die offenen Fenster eilen. Da er fühlt, ihn verlassen die Kräfte, es

müsse aber zum Schluß noch die entscheidende Granate einschlagen, kreischt er

mit schneidendem Schrei, sie solle nicht vergessen, daß sie Dienstbote und

gelitten sei. Der Satz tat dämonische Wirkung. In die Brust flog die Familie. Wie

vom Blitz zerschmettert aber knickte Meta in den Wirbeln und fiel wie Plunder

ins Dunkle. Dann flog Bann und Fluch auf sie, und eh’ ihr noch ein Gedanke

keimte, war ihr für vierzehn Tage später gekündigt und zugleich anbefohlen,

noch am gleichen Tag das Haus zu verlassen. Lohn und Kostgeld würde nach

dem Gesetz bezahlt.

So endgültig, spürte sie, war ihre Niederlage, daß sie keinen Versuch machte,

den Gang der Ereignisse aufzuhalten. Aus allen Winkeln räumte sie ihre

Habseligkeiten und Siebensachen. Beim Umkehren der Schübe fiel auch ein

Bündel beschmutzter Lumpen vor ihre Füße. Erst begriff sie deren Sinn und

Herkunft nicht. Dann, während Ekel sie schnürt, erkennt sie Franzens irdische

Hinterlassenschaft. Sie kneift die Mundwinkel und stößt den Packen zum Kehricht.

Wenige Stunden später sitzt sie im Gasthof allein, aus dem sie nach ein paar

Tagen, noch halb im Traum, zu einer Verwandten aufs Land übersiedelt.

 

*

Von dort wollte sie anfangs, das letzte Wort im Streit zu behalten, einen Brief der

ehemaligen Herrschaft schicken, in dem Verachtung und Überlegenheit

maßlosen Ausdruck hätten. Da sie das Schreiben aber trotz Mahnung des

Verstandes von Tag zu Tag aufschob, merkte sie endlich, wie gleichgültig im

Grund die Katastrophe sei, und wie sie eher mit diesen Leuten als die mit ihr

fertig gewesen. Sie findet jetzt, die letzten Monate seien durch innere

Teilnahmslosigkeit als einzige ihrem Leben verloren. Aus eigenem Antrieb hätte

sie eher aus einem Haus aufbrechen müssen, das längst von ihr mit Stumpf und

Stiel gefressen sei. Aus welchen Quellen hätte sie dort ihr Lebensgefühl speisen

sollen? Welche Gewißheit der Gegenwart und Aussicht für die Zukunft konnte

sie da noch beschwingen? Ein grämlich bequemes Alter sei ihr gewiß gewesen.

Halber Tod im Leben. Hier aber war vor allem die Landschaft, zu der sie aus

Vergangenheit keine Beziehung hatte, ihr Phänomen, und sie hoffte, befeuernd

werde die auf sie einwirken. Mit der menschlichen Umgebung, die sie ihrer

Erfahrung gemäß fand, trat sie am neuen Ort nicht mehr in Wettkampf. Wo

Wucht des Fühlens und der Instinkte entschied, wußte sie sich ein für allemal

auserwählt und der Menge gründlich überlegen. Auf dem Gebiet geistiger Kräfte

aber suchte sie keinen Anschluß, der ihr aus Begabung und Erziehung verwehrt

war. Hochmut, Neid, Zorn fielen als überflüssig fort, als sie merkte, das simple

Bauernvolk stand an Geltungswillen noch hinter den besiegten Städtern zurück.

Unter Unbewaffneten aber im Harnisch zu gehen, erschien ihr sinnlos. Hübsche

Ersparnisse gaben ihr zudem in diesen bescheidenen Verhältnissen auch die

äußere Sicherheit, die ihre kurzen Gesten, knappen Anmerkungen von innenher

bezeugten.

Da sie aber spürte, noch immer wende sie zuviel Kraft an den täglichen

Umgang mit belanglosen Menschen, nutzte sie vor allem weiteren ihr Geld dazu,

einen Mann zu fesseln, der Mittler zwischen ihr und den anderen sein, die

Unkosten des von der Welt geforderten Entgegenkommens tragen sollte. Jakob

war Kriegsinvalide, ein rüstiger Fünfziger mit Stelzfuß. Medaillen und Schnallen

auf der Brust bezeugten seinen Sinn für Gemeinschaftsideale, den Willen, sich in

bürgerlichem Verein bemerkbar zu machen und die Fähigkeit dazu. Sie heiratete

ihn und setzte ihn vor ihre eigene Person als Damm gegen die kleinliche

Zudringlichkeit der Nachbarn. Es wirkte nicht störend, ein brillanter Hans in

allen Gassen hatte eine schweigsame, zugeknöpfte Frau. Es ließ sich im Gegenteil versöhnend an. Jede Satzrakete ihres Gatten, seine Schwärmer und

Leuchtkugeln, die verständnisvolle Bewunderer fanden, sicherten ihr Stille und

innere Abgeschiedenheit auch dann, saß sie mitten im aufgeräumten Kreis, der

bei der Erzählung von Jakobs Kriegsanekdoten lärmend vaterländisch begeistert

war. Sie stützte seine einfache, seelische Mechanik, ölte die Maschine, drehte die

Kurbeln und stellte sie auf Jahrestage beliebter Schlachten, auf Kaisers

Geburtstag oder sonst ein Jubiläum, um ihn, rasender Brisanz mit Lampions und

Feuerwerk, auf die Zeitgenossen loszulassen.

Sie selbst aber ging heimliche Wege in die Landschaft. Am überraschenden

Wirken sprühender Natur wollte sie das eigene, kräftige Leben messen.

Morgenröte, Sonne im Zenith und die Sternbilder am Firmament, Wind, Regen,

Hagel und Schnee stellte sie als wechselnde Erscheinungsformen fest, von denen

sie den jedesmal gewollten Effekt zu erkennen suchte. Sie mochte nicht

einsehen, Regelmäßigkeit sei das Prinzip, aus dem Natur sich rege und sträubte

sich, zu glauben, Sonne gehe ohne besonderen, heutigen Zweck auf, um zu

sterben und morgen wieder pünktlich am Platz zu sein. Am Wiederkehrenden

wollte sie durchaus das einmalig Notwendige erkennen, das es erst legitimiere.

Doch je tiefer sie in den Plan der Schöpfung eindrang, sah sie

Gleichförmigkeit und Gegebenheit als letztes Gesetz ein. In noch höherem Maß

als der Mensch waren Pflanze und Tier artmäßig übereinstimmend; es ging im

weiten Umkreis der Natur gattungsgemäß nach ewigen Formeln von der Geburt

zum Tod ohne den Aufschwung, den für sich selbst der niedrigste Mensch

einmal im Dasein beweist. Was aber mit Gewißheit vorauszubestimmen war,

langweilte sie nicht nur am Menschen; und so langweilte sie bald erst recht

Natur. Was man den Reihen des aus gleichem Stoff Gewesenen in gleicher

Absicht nachtat, könne als eigentliches Sein nicht rechnen, dachte Meta. Denn es

entkleide des Selbstgefühls und noch Erhabeneren, das sie nicht zu nennen

wußte, aber mit allen Fasern ihrer Seele immer anstrebte. Sie mochte nicht aus

fremden Zungen reden, nicht aus fremder Gewißheit handeln. Von sich selbst

mußte sie fortwährend zeugen, und im Haus und draußen wollte sie nur mit

Organismen umgehen, die, die Form sprengend, eine andere eigentümliche Form

bildend, sich bewiesen.

In des Hauses entlegene Stube zog sie und saß im Halbdunkel. Da die

Gegenwart ihrem Erlebnisdrang nicht günstig ist, lebt sie von Erinnerung,

während sie wie eine Spinne im Netz auf Anlaß lauert, sich zur Höhe ihres

Gefühls von neuem aufzurichten. Sie zaubert den Abglanz aller Stationen ihres

weiblichen Blühens und Welkens her. Franz tritt mit vollkommener Sensation zu

ihr, und erst jetzt kennt sie ihn in seinem ganzen Verein: Er war absonderlich

jung und so wenig eigene Person, daß sie ihren ganzen Traum vom Mann mit ihm hat austräumen können. Je eindringlicher sie ihn gliedert, eine Zukunft

bildet, die er gelebt hätte, wäre er vom Krieg heimgekehrt, um so deutlicher wird

er das Ebenbild Jakobs. Derselben Begabung, des gleichen seelischen Gewichts,

hätten Sprüche in seinem eitlen Maul den Mangel an Tatkraft stets ersetzen

müssen. Wie Jakob hätten auch ihn Schnallen und Medaillen auf der Brust in

seiner Welt beglaubigt; hinreichende Betätigung seiner selbst hätte auch er in

Prost und Toast gefunden.

Zehn Jahre früher würde sie ihn damit aus dem Herzen verloren haben, und

die Zeit ihres höchsten Aufschwungs mit ihm wäre nie gewesen.

Mild stimmte sie die Erkenntnis mit Gott, und aufmerksam sah sie ins

treibende Gewölk, als läge hinter ihm vielleicht noch Überraschung und neuer

Aufruf zu tätigem Leben. Ihre inneren Bestände von jeher musterte sie und

stellte fest: nie habe gegen den Höchsten sie sich vergangen, hätte sie, ein

menschliches Weib und nach den Worten der Schrift sein Abbild, vom ersten

Lebenstag das Recht auf eigene Person und volle Verantwortung für sich

gefordert. Denn nie, wohin immer die Sucht persönlichen Erlebnisses sie

geführt, sei sie noch so schrecklichen Folgen ausgewichen. Sie hielt es sogar des

Menschen als des göttlichen Gleichnisses für unwürdig, lebte er im Hinblick auf

die Allgegenwart und Allkraft Gottes träge im Bett der Gewohnheiten, ohne mit

seinem Blut die überkommenen Begriffe zu füllen und für sich selbst lebendig

zu machen. Ihr ganzes Leben hindurch hatte sie nur gegen Sattheit, Ruhe und

Stillstand in sich und anderen gemeutert, sich empört gegen den Tod in jederlei

Gestalt, als gegen den grimmigsten Gegner des allebendigen Gottes. In

Menschen, die ein nutzloses Sein nach Schema und Klischee hinbrachten, war

sie wie Flamme gefahren und hatte sie zu eigener Äußerung endlich gebracht.

Wo sie weilte, hatte Gefühl in Marsch und Aufruhr gestanden. Niemand habe

mit ihrer Bewilligung einfach geschlafen, gegessen oder von beiden ausgeruht.

Als mit dieser Einsicht alle Bedenken über Vergangenheit in ihr ausgeglichen

waren, regte sie sich, nach dem Tod des Gatten Jakob, wieder rüstiger und

richtete von sich fort den Sinn unmittelbarer auf die Mitwelt. Es reizte sie

mächtig, nicht mehr aus dunklem Drang, sondern mit vollkommener Erkenntnis

manchen schwächeren Weltkinds Bürde auf ihre Schultern zu nehmen, seine

Bedenklichkeit, sich zu sich selbst zu bekennen, in alle Winde zu zerstreuen.

Eine alte Eva war sie, gebraucht und in den Kesseln des Geschlechts gesotten.

Aber unter weißem Haar stand das Menschliche ihr frisch und unversehrt. Nicht

weniger als die Jungfrau einst, im Fenster auf Ausschau hängend, war sie für

sich und andere keck und zukunftssicher.

Ihre Kraft in abgestecktem Raum aufs beste noch zu nützen, trat sie in das

Altfrauenhaus ihrer ländlichen Gemeinde ein. Zwanzig in durchschnittlichem Leben abgeblaßte Seelen traf sie dort, erloschene Flämmchen, die sich schämten,

noch zu schwelen. In verschlissenen Kleidern, das weibliche Aussehen arg

vernachlässigt, schlichen diese menschlichen Trümmer unsicher im

Dämmerlicht.