Norby
Zweiter Aufzug
Im Pfarrhaus von Norby. N a e m i . A r n e .
N a e m i
Von allem unberührt, was uns bewegt,
erstrahlt der Sommerhimmel überm Meer.
Das blaue Wasser, das kein Wind erregt,
schickt seine tausend Lichter zu mir her.
Wie seltsam durch den Gleichmut der Natur
stürmt unser übereifrig Tun und Hasten
und läßt doch von uns allen keine Spur.
Sag, ist es nicht, als ob selbst unsere Lasten
und Lust, die wir als unser Teil
zu tragen glaubten, sich einst Anderen geben?
So still verhallt das ernste, eigene Leben.
A r n e
Du denkst an deines alten Vaters Tod,
lebt er nicht fort in deinem Leid, mein Kind?
Erinnerung ist ein heiliges Gebot,
und die Natur ist treuer als wir sind.
Sieh, selbst die Einfalt weiß von dieser Pflicht.
Oh, wie viel mehr kennt sie der Geist im Licht.
Doch sich zu gründen, aller Welt zum Dank,
bleibt allen Geistes höchster Lebenshang.
N a e m i
Du sendest dein Verlangen in ein Reich,
in das mein Herz nur zögernd folgen kann.
Was, sag mir, unterscheidet Weib und Mann,
was macht sie unter Gottes Augen gleich?
Wie soll mich selbst die höchste Lust beglücken,
weiß ich dein Herz vor meinem auf der Flucht,
wenn meine Seele nicht in allen Stücken,
der deinen ähnlich, ihre Heimat sucht?
A r n e
Wie ahnst du lieblich den gespaltenen Sinn,
um dessen Harmonie ich ruhlos ringe,
doch schon, wenn ich dir meine Zweifel bringe,
geb ich mich wieder neuen Kämpfen hin.
Des Weibes Tugend und des Mannes Wert
verbindet irdisch kein bestehend Recht.
Gelobt sei, wer im Schicksal sich bewährt,
des Weibes Schicksal aber heißt Geschlecht.
N a e m i
So sieh in meinem Schicksal meine Tugend!
Ich habe keinen andern Rat für dich.
Geb ich nicht willig meine ganze Jugend
und will nicht Preis noch Dank von dir für mich?
Nur sag mir, daß ich innig dich erfülle,
gib mir den Trost, daß ich dir alles bin.
Ach, mich beseligt schon dein Wunsch und Wille.
A r n e
Mein Wunsch zu dir ist meiner Sehnsucht feind.
Du lenkst den Sinn zu fröhlichem Genügen.
Den warmen Wohlstand, der die Menschen eint,
sah ich noch nie in eines Kämpfers Zügen.
Was kränkt mein Herz, verbittert meinen Mund,
dir meine Liebe fröhlich zu gestehn?
Von Furcht und Scham in tiefster Seele wund,
bin ich bestimmt, allein den Weg zu gehn,
der mich zu Gott, nach meiner Hoffnung führt.
Und weiß, indem ich deine Liebe quäle,
sucht doch allein nach Liebe meine Seele,
von deinem Leid zu wehem Glück gerührt.
N a e m i
Die Elemente, welche Gott verklären,
sind wohl in allem, was da lebt und schafft,
jedoch die Liebe nicht. Sie ist als Kraft
nicht mehr als Licht und Wind auf toten Meeren.
Erst als Gemeinschaft kann sie sich bewähren.
So sage mir den einen großen Sinn,
das letzte Ziel, nach dem die Guten streben.
Wie soll ich anders werden als ich bin?
Was gibt es mehr für mich als liebend leben?
A r n e
Ich habe keinen andern Sinn gefunden,
als den, in jener Harmonie zu ruhn,
in welcher Unschuld mit Geduld verbunden
die lichten Wunder neuer Hoffnung tun.
Und diese Hoffnung führt zuletzt zu Gott,
und nicht Natur noch Geist umfaßt ihn voll,
du wirst ihn niemals ungewiß umschreiben.
Er ist ein Schöpfer, und er wird es bleiben!
Wahrhaftig wesenhaft und liebevoll.
Im ewigen Wechsel wird kein Herz befreit,
Gott ist als Wesen Sinn der Ewigkeit!
Es ist nicht Einfalt, die sich sinnlos beugt,
die solchen Glauben tief in mir erzeugt,
es ist mein Anspruch, dem die Welt zu klein,
ich will des ewigen Vaters Erbe sein.
N a e m i
Wem sich das Liebste, was er sucht und meint,
in tiefster Seele nicht als Gott vereint,
der schließt Natur als arm und böse aus
und schilt die Heimat in des Vaters Haus.
Vergib, Geliebter, wenn mein hartes Wort
als unverständig dein Gemüt verwundet;
ich treib die Kraft, an der mein Blut gesundet,
nicht von der Schwelle meiner Seele fort.
A r n e
Gesegnet sei, was ich als schön empfinde,
gesegnet die Natur im hellen Bilde.
Ach, daß die Seele, wie bei einem Kinde,
den Durst nach Gott in Spiel und Schlafen stillte!
Doch die Natur erlöst nicht durch ihr Wesen,
wer sie versteht, dem wendet sie den Sinn
auf die Gemeinschaft mit dem Schöpfer hin,
von dessen Herrschaft er in ihr gelesen.
Zum Zeitlichen, zum Irdischen geschickt
mit allen Sinnen und mit Kraft begabt,
hab’ ich in Kampf und Leiden Gott erblickt,
wie ihr ihn nie im Glück gesehen habt!
Und leuchtend lockt dies herrliche Gesicht
den Geist zu Heimkehr, Frieden und Verzicht.
N a e m i
Gib nicht das Gold von Lust und Freude hin!
Des irdischen Lebens lichten Himmelsboten.
Glaubst du, ich fühlte nicht, wie bang dein Sinn
und stolz zugleich, den quälenden Geboten
der zeitlichen Gerechtigkeit gehorcht?
Doch wer die Ruhe vom Gewissen borgt,
der findet sie erst dort, wo keine Schranken
die Seele ziehn vom lieblichen Gedanken.
A r n e
Dort seh ich alles, aber dich nicht mehr.
Komm nah heran, laß mich den blauen Glanz
aus diesen hellen Augen innig trinken.
Oh, einmal bis zur Ohnmacht zu versinken!
Daß sich in reiner Glut der blasse Kranz
unendlicher Gedanken, wie im Meer
ein Samenkorn, zu ewiger Ruh verliert.
N a e m i
Ach, lerne preisen, was dich so verführt!
Ich hörte einst aus ur-uralten Sagen
der Priesterinnen, meiner Schwestern, Pflicht,
die heilige Glut, das Feuer, zu bewahren.
Ich lobte sie, doch ich verstand sie nicht.
Erst heute fühl ich jene Menschheitsrechte,
die ihrer Reinheit, ihrem Maß vertraut.
Ach, daß der Altar, den mein Herz gebaut,
auch deinem Leben Glück und Wärme brächte.
A r n e
Bewundernd lausch’ ich, Mädchen, dem Geschick,
wie dein Geschlecht der Erde Sinn verwaltet.
Solang ihr wirkt, ist keine Welt veraltet,
als gäbe es kein Glück, als euer Glück ...
Die heiligen Pflichten jener Priesterinnen
glühn anderen Werten, als dem Licht des Bluts.
Wahr’ mir die Feuer meiner Seele rein,
so sollst du ewig mir verbunden sein!
N a e m i
So sag mir, welche Macht des Wesens tuts?
Die Priester nenn ich pfäffisch, welche scheiden,
was Blut und Seele, eng verwoben, leiden,
und was sie freut. — Ich ahne, die Natur
wird furchtbar wider deine Weisheit drohn,
und ihre Bahn geht meine Leidensspur.
A r n e
Du sprichst der Not der tiefsten Zweifel Hohn.
N a e m i
Und du vergißt, daß deine hohen Pflichten
nicht meine sind. Zu jung noch zum Verzichten,
zum Kampf durch unverstandenen Wert beschränkt,
seh ich dich, durch dein eigenes Schwert bedrängt,
die guten Kräfte deines Geists vernichten.
Mir war im Traum, als säh ich eine Zeit
erneuter Offenbarung glühend nahn.
Du hast ihr weit die Tore aufgetan,
doch Andere schmeckten ihre Herrlichkeit.
Ich sah dich über deine Fahne sinken
und sah die Erde, die dich treu begehrt,
mit gierigem Mund dein Blut und Leben trinken,
wie wenn dein Wille ihr ein Recht verwehrt.
Es p o c h t . Der Kirchenrat tritt auf.
D e r K i r c h e n r a t
So hab ich, lieber Herr und Amtskollege,
nach mancher Drangsal doch hierhergefunden
und grüß Euch herzlich. Aber welche Wege!
Die armen Pferde wurden arg geschunden.
In meinem Alter ist es nicht mehr leicht.
Ich bin erfreut, da nun das Ziel erreicht.
A r n e
Ihr kommt zu seltsam abgepaßter Zeit
und findet mich, Euch günstig, vorbereitet.
Merkwürdig innig zu mir selbst verleitet
und doch zugleich wie von mir selbst befreit.
N a e m i
zum Kirchenrat
Daß kein Empfang am Tore Euch geehrt,
woll’ uns der Herr in Freundlichkeit verzeihn.
Nach herzlichem Willkomm sei mir gewährt,
für kurz zu gehn um Brot für Euch und Wein.
Ab.
A r n e
So seid begrüßt und fühlt Euch wohl verwahrt.
Wenn Ihr von Eurer mühevollen Fahrt
nicht gar zu sehr ermüdet seid, Herr Rat,
so sagt mir bald, was sie veranlaßt hat.
Ich kenn Euch wohl aus längst verstrichenen Zeiten,
da mir noch Wissen mehr galt als Verstand.
Was konnte Euch zu dieser Fahrt verleiten
in dieses von der Welt vergessene Land?
D e r K i r c h e n r a t
Fragt Ihr, Herr Pfarrer, nach der Reise Ziel?
Ward nicht so manches Schreiben Euch gebracht
und eine Antwort uns, bei der wir viel
und sorgenvoll an Euer Wohl gedacht?
A r n e
Nehmt meine Frage nicht, wie sie erscheint,
nehmt sie als Antwort und als wohlgemeint.
Daß ich sie stellte, mag dem Wunsch entstammen,
es führte uns ein anderer Grund zusammen.
N a e m i tritt auf.
N a e m i
Vergebung, wenn ich störe. Dieser Wein
wird sicherlich den Herren willkommen sein.
Er soll den Ernst der allzu frommen Reden
ein wenig durch den Geist der Welt befehden.
Wenns mir erlaubt ist, einzuschenken?
D e r K i r c h e n r a t
Wie lieb und artig, so an uns zu denken,
mein junges Fräulein, gebt mir Eure Hand.
Seid Ihr aus diesem Ort und Land?
N a e m i
Ich bin es nicht. Das Meer hat mich geboren.
Ihr dürft nicht lächeln, denn ich rede wahr.
Vor Jahren war mein Schiff in Seegefahr,
auf jenen Klippen gings bei Nacht verloren.
Ich weiß nur wenig aus der bösen Nacht,
die mit mir litten, sind zur Ruh gebracht.
Am Morgen schien die Sonne auf den Strand.
Ein bärtig Haupt und eine starke Hand
erkannte ich und fühlte mich getragen.
Der alte Oerlsund, der vor wenig Tagen
gestorben ist, trug mich zurück ins Leben.
D e r K i r c h e n r a t
Wie hold Ihrs sagt! Das hätte sich begeben?!
Ich werde meiner Rührung mühsam Herr.
Und Eure Heimat kennt Ihr wohl nicht mehr?
N a e m i
Ich weiß nur dies: sie liegt im hohen Norden,
zuweilen seh ich Berge, wenn ich träume.
Dies Land ist meine Heimat nun geworden.
Jedoch, Herr Rat, ich bin besorgt, ich säume
zu lange hier und halt die Herren auf.
D e r K i r c h e n r a t
Ich möchte Euch um alles nicht vertreiben.
Da ich genötigt bin, hier Gast zu bleiben,
hab ich die Hoffnung auf ein Wiedersehn.
N a e m i
Ich wünsche herzlich, daß die Diskussion
nicht zu gelehrt wird, um den Gast zu ehren.
Ab.
D e r K i r c h e n r a t
Ich muß gestehn, Herr Pfarrer, diese Rede
scheint mir ein schöner Lichtblick dieser Öde.
Wie kommt es, daß ein Mann in Euren Jahren
für seine Wirksamkeit sich hier versteckt?
Ihr lebt hier ja wahrhaftig mit Barbaren.
Gewiß, gewiß, ein Pfarrer ist auch hier
von Nöten, doch, bei Gott, nicht Ihr!
Für einen Mann von Euren reichen Gaben
kann hier kein Einziger Verständnis haben.
Nun wird mir klar, daß, wie gesagt,
der Ort und die Gemeinde sich beklagt.
A r n e
Zwar habt Ihr es noch nicht gesagt, Herr Rat,
doch weiß ich wohl, was Euch bewogen hat,
die sorgenschwere Fahrt zu übernehmen.
Nehmt doch, ich bitte Euch, dort den bequemen
und alten Sessel, daß des Leibes Ruhe
dem Gang des Geistes gute Dienste tue.
Und was den Ort und mich darin betrifft,
und was Ihr allgemein nicht ganz begrifft,
laßt Euch berichten, daß die Einsamkeit
der ernsten, weiten Küste mich verlockt.
Hier, wo der Puls des lauten Lebens stockt,
lausch ich dem Widerhall der Ewigkeit.
Ich bin gewiß geneigt Euch anzuhören,
doch eins sei in Respekt vorausgeschickt:
Ich lasse mich sehr ungern hierorts stören.
D e r K i r c h e n r a t
Mir scheint, wir nähern uns schon dem Konflikt.
Doch hoffe ich, es geht im Lauf der Zeit
vielleicht mit etwas zartrer Höflichkeit.
A r n e
Die Höflichkeit wird uns nur hindern, Herr,
sie wird in dieser Lage von uns Zwei
doch nur ein Mittel, um den heißen Brei
bis zur Erschöpfung ängstlich zu umkreisen.
Ich hörte sie von guten Köpfen preisen,
hier sind mir diese Köpfe einerlei.
Sagt frei und offen, was Ihr denkt und wollt,
versucht zu fassen, was Ihr hören sollt.
D e r K i r c h e n r a t
Ein sonderbarer Mann seid Ihr, nur Jugend
kennt soviel Gleichmut gegen das Geschick,
doch nur die Jugend hat zugleich das Glück,
und Wagemut ersetzt ihr oft die Tugend
der ernstlichen Besinnung, der Geduld.
Doch eines Mannes Trotz wird rasch zur Schuld,
wenn er die sittliche Gemeinschaft stört.
Ich muß gestehn ...
A r n e
Sagt mir, was Ihr gehört.
Es wird Euch schwer? Ich nehme gerne an,
daß oft nur Zartgefühl Euch hindern kann.
So will ich mich aus Höflichkeit bequemen,
Euch einen Teil der Rede abzunehmen:
Man hat gehört, es kam den Herrn zu Ohren,
in Norby sei der Pfarrer obstinat,
die Seelen gingen unter ihm verloren
wie unter Hagel Kohl und Kopfsalat.
Nun kurz und gut, daß seine Kanzellehre
mit keinem Dogma zu vereinen wäre.
D e r K i r c h e n r a t
Das wäre schließlich dennoch zu vergeben,
wenn Ihr es ändert ...
A r n e
Aber nun sein Leben!
Es stieg aus seines Daseins Finsternis
ein beispiellos verruchtes Ärgernis.
Man sagt, daß er ein Fräulein bei sich hätt’
und ließ sie Tag und Nacht bei sich verweilen.
Er teilte mit ihr Haus und Tisch und Bett,
kurz alles, was sonst Eheleute teilen.
Und trotz der eklatanten Unmoral,
um nicht von Hurerei und Schmutz zu sprechen,
erteilte er den heiligen Pokal
vor der Gemeinde schamlos dieser frechen
und kecken Dirne. War es dies, Herr Rat?
D e r K i r c h e n r a t
Ich bin erschrocken — aber — in der Tat.
Nur hätte ich das niemals so gesagt.
A r n e
Ich glaube wohl. Ihr hättets kaum gewagt.
D e r K i r c h e n r a t
Nicht ohne Dank seh ich den schwersten Teil
der Unterredung glücklich überwunden.
A r n e
Der zweite wäre, daß ich nun mein Heil
zu retten hätte. Aber unumwunden
mach ich mir Eure Wahrheit gern zur Pflicht:
Es ist kein falsches Wort an dem Gerücht.
D e r K i r c h e n r a t
Mein Gott im Himmel! Seht mich sehr erschreckt.
Es ist unmöglich, was Ihr mir entdeckt.
A r n e
Soll ich Euch diese Zweifel jetzt vertreiben?
Ich glaube, dazu bin ich schlecht geschickt.
Ihr müßt nun schon bei der Verpflichtung bleiben,
mit der man Euch zu mir herausgeschickt.
D e r K i r c h e n r a t
So ist es wahr? Wie tief bin ich betrübt.
Mit wieviel Hoffnung hab ich Euch begrüßt,
und was mich ernst und bitterlich verdrießt,
ist dieser kecke Hochmut, den Ihr übt.
Da sinkt dem Mut die letzte Liebeswaffe,
ich zweifle, daß ich jemals Wandel schaffe.
A r n e
So werdet Ihr Euch sicher nicht verhehlen,
das Beste bleibt, sich wieder zu empfehlen.
D e r K i r c h e n r a t
Mich Alten mögt Ihr rasch und leicht vertreiben,
doch nicht die Welt, die gegen Eure prallt.
Seid unbesorgt, ich will am Posten bleiben,
und wenn mir Satan selbst die Fäuste ballt!
Ich weiche nicht von dieser argen Stätte,
bis ich des Übels Wurzel nicht gefällt. —
Wenn ich nur gründlich die Gewißheit hätte,
daß Ihr so gottlos seid, wie Ihr Euch stellt.
A r n e
Da Ihr in mir ein Kind des Satans seht,
bedenkt Euch wohl, bevor Ihr weitergeht.
Galt nicht von je für Euch als Ehrenzeichen,
dem Bösen nach Vermögen auszuweichen?
D e r K i r c h e n r a t
Ihr seht mich zornig. Hört zunächst, ich wähne,
das liebe Fräulein von vorhin ist jene ...
A r n e
Muß denn zur Sache noch gesprochen werden,
laßt die Personen gütigst aus dem Spiel.
D e r K i r c h e n r a t
Ihr braucht Euch nicht verletzend zu gebärden,
der Gegenstand besagt zur Sache viel.
Sagt mir nur eins, aus welchen bösen Gründen
verweigert Ihr, Euch ehelich zu binden?
In der Gewöhnung mütterlichem Segen
wird sich der Geist der Widersprüche legen,
der Euch verwirrt. Still gleicht die Glut sich aus
und wärmt das Dasein, wärmt das ganze Haus.
Ihr könnt Euch doch den großen Menschheitspflichten
nicht auf die Dauer ungestraft entziehn.
Des Herzens Wohlstand kommt mit dem Verzichten,
in Maß und Demut fördert Gott uns ihn.
A r n e
Wärt Ihr mir nicht Repräsentant
der flachen Mächte, die wir hassen,
ich hätte längst mich abgewandt
und Euer Glück in Ruh gelassen.
So will ich Euch denn eine Antwort sagen
und nicht erwägen, wer sie just empfängt.
Nicht nur durch Weise läßt ein Schatz sich tragen,
wenn Not gebietet. Alles Wahre drängt
ganz unerbittlich, trotz Gefahr und Banden
allmählich doch dorthin, wo es verstanden.
D e r K i r c h e n r a t
Ich muß gestehn, das Wort war wenig fein.
A r n e
Nehmts nicht persönlich, nehmt es allgemein,
versucht es meiner Einsicht zu verzeihn.
Wie leicht vergibt nicht, wer verstehn kann,
die Schwierigkeit fängt erst beim Zweifel an.
D e r K i r c h e n r a t
Ihr sprecht so eigenartig in Symbolen.
Wozu das Bild aus weiter Ferne holen?
Auch ist mir oft, ich weiß nicht wie ...
Ihr sprecht nicht ohne Ironie.
Auch in der Ironie bin ich erfahren
und habe manchen heftig eingeschüchtert,
doch glaubt mir, mit ironischem Gebahren
wird keinem eine Weisheit eingetrichtert.
In allem Hohn verrät sich nur der Geist
des eignen Zwiespalts, der das Herz zerreißt.
A r n e
Was Ihr der Ironie an Kraft bestreitet,
das ist’s, Herr Rat, was mich zu ihr verleitet.
Stets hat die Ohnmacht sie heraufbeschworen,
bald die der Rede, bald auch die der Ohren.
Und was uns trennt, Herr Rat, das ändert sich
durch keinen Segen und durch keine Flüche.
Ihr fandet Euch, und ich such mich,
da liegt der Grund für unsre Widersprüche.
D e r K i r c h e n r a t
Für guten Willen ist es nie zu spät.
Neutraler Boden! Objektivität!
A r n e
Um wirksam objektiv zu sein,
muß man sich erst persönlich gleichen,
sonst wird ein Punkt zum Fragezeichen.
Ich seh zu groß und Ihr zu klein.
Nun, wenn Ihr wollt, auch umgekehrt!
Doch für Erkenntnis seid Ihr zu gelehrt.
Euch ist das Herz von Wissenschaft verschüttet,
der Kopf ist Euch von lauter Halt zerrüttet.
Was nützt die Objektivität,
wenn Ihr beharrlich und mit Willen
doch nur den Schein der Dinge seht.
D e r K i r c h e n r a t
Ihr urteilt rasch und ohne guten Willen.
A r n e
Mir dient mein Urteil nicht, um zu verhüllen,
was ich erstritt in Finsternis und Leid.
D e r K i r c h e n r a t
Es ist der böse Geist der neuen Zeit,
nur Widersprüche überall zu finden,
statt ernst in Ruhe und Beharrlichkeit,
in Demut, still das Gute zu ergründen.
A r n e
Allein im Streit der harten Gegensätze
wird uns als gut das Gute offenbart.
Im Kampfe tobt der ewigen Gesetze
erbarmungslose Schöpfereigenart.
Was hat ihr Sturm mit Eurem Halt zu tun!
Ihr dürft bequem in Resultaten ruhn.
D e r K i r c h e n r a t
Das ist ein Irrtum. Wer den Vater kennt,
der weiß, daß er in ewiger Ruhe thront.
A r n e
Wir aber sind von ihm getrennt.
Und nur die Auserwählten sind verschont.
Nicht alle sind zu ihrem Kampf berufen,
und die berufen sind, haßt Eure Welt.
Zeigt Ihr Euch würdig, wo Ihr an den Stufen
des Heiligsten als Wächter aufgestellt.
D e r K i r c h e n r a t
Mir scheint, ein Irrtum jagt bei Euch den zweiten,
und der Verwirrungsgeist nimmt überhand.
Von Gott getrennt? Hat er uns nicht vor Zeiten
den eignen Sohn als Bürgen zugesandt?
A r n e
Und Jesus Christus ist Euch gut genug
als Heiliger für Euren Selbstbetrug.
Er, der in wilden, übergroßen Flammen
der einsam-starken Schöpferleidenschaft
den Himmel und die Erde neu zusammen
gebracht, die er in eigner Dulderkraft
des großen Herzens rein geborgen trug.
Nun soll der Pöbel, der ihm Kreuze schlug,
bei Orgeljammern und bei Pfaffenplärren
in sein erkämpftes Reich des Friedens ziehn?
Sein Kreuz wird steil die goldne Pforte sperren.
Und nur die Auserwählten finden ihn!
D e r K i r c h e n r a t
Mir bleibt sein Blut, das wir am Altar reichen,
für alle Sünder das Erlösungszeichen!
A r n e
Wer nicht den Gott im eignen Blut gefunden,
der wird in keinem Abendmahl gesunden.
Der Liebe ewig selig Element
ist unerringbar, von Beginn gegeben!
Gesegnet, wer die eigne Fülle nennt,
er kennt die Ewigkeit, er kennt das Leben.
Verfehlt Geschlecht, das du um Liebe ringst
und Liebe lehrst, verraten Haus des Herrn,
das Liebe spendet, selbst der Liebe fern.
Betrognes Land, das so den Kelch empfängt,
als Zeichen einer stets bereiten Huld.
Es tilgt kein Gott die Fülle unsrer Schuld,
wenn nicht in uns die Fülle Gottes drängt.
Kein Opfer schließt die goldne Pforte auf!
Ach, nur die Liebe findet keine Schranken,
wie Licht zu Licht in ungehemmtem Lauf
hinüberrinnt, Gedanke zu Gedanken.
Das heißt ihr Wort: sie höret nimmer auf.
D e r K i r c h e n r a t
Mit solchem Hochmut Gottes Knecht zu sein,
dünkt mich Verrat an allem, was wir ehren,
mit Spintisieren und mit Grübeleien
vergiftet Ihr des Heils erprobte Lehren:
Nun fühl ich erst, von Herzen abgeneigt,
wie recht die Klage war, die uns erreicht.
Mich täuscht nicht Eure gut gespielte Kraft,
Euch hetzt der Teufel Eurer Leidenschaft,
der holt seit je für den Entschuld die Gründe
frech aus den Tiefen der gescholtnen Sünde.
Er hat noch stets, was er mit List beschmutzt,
für den Verführten ruhmvoll aufgeputzt.
Die Leidenschaften zeichnen Eure Spur,
Ihr lästert Gott, Ihr lästert die Natur!
A r n e
Ihr hörtet nie im Lenz die Erde kochen,
saht nie den Zorn des Meers an Felsen sprühn,
seht nur das Kleine, das der Kampf zerbrochen,
und nie die Flammen, die zum Himmel blühn. —
Daß selbst im Kleinsten ewige Symbole,
und daß im Größten nur wir selber glühn,
erkennt Ihr niemals. Des Verführers hohle
und arme Weisheit zeichnet Euch den Gott.
D e r K i r c h e n r a t
Ihr übt Verrat, Herr Pfarrer, diesen Spott
wird Euch der Herr der Güte schwer vergeben.
Der Satan, den Ihr nennt, hat Sinn und Leben
von Euch in arg verwirrender Gewalt,
hat Euch der Schrift beglückenden Gehalt
verfälscht zu weltlich überspannten Lehren.
A r n e
Ich will gewiß die alte Weisheit ehren,
es wirkte Satan einzig im Zerstören.
Jedoch was tuts, wenn auch ein Lichtlein lischt!
Nein, daß er tückisch Licht und Nacht vermischt,
daß er die hohe Wacht der Gegensätze
herunterwürdigt auf die Pöbelplätze,
das ist sein Reich. Er haßt den edlen Tod!
Ein Dasein schal und ausgeglichen
hat er mit frechen Höllenstrichen
als seligstes Idol der Zeit gezeichnet.
Der Vorgang hat sich auch bei Euch ereignet.
D e r K i r c h e n r a t
Ich danke Euch. Ich hab genug kapiert.
Und weiß, was mir die bittre Pflicht diktiert.
A r n e
Ich gebe frei und furchtlos alle Chancen
des eignen Vorteils für die Kämpfe hin,
die mich erfüllen. Schwächliche Nüancen,
im flachen Alltag, sind der leere Sinn
der armen Zeit, der Ihr begeistert huldigt,
weil sie Euch selbst und Eure Not entschuldigt.
N a e m i tritt auf.
N a e m i
Ich seh die Herren erregt. Ich scheine sehr zu stören.
A r n e
Was führt dich her zu uns, mein Kind, laß hören?
N a e m i
Herr Holger Oerlsund kam, um dich zu sprechen.
A r n e
Ich lasse mich jetzt ungern unterbrechen.
D e r K i r c h e n r a t
Ich bitte keine Rücksicht gegen mich.
N a e m i
Ich weiß, der junge Herr geduldet sich
nicht gern. — Ich seh dich blaß und deine Hände zittern!
Zum Kirchenrat
Mit welcher Botschaft bracht Ihr bei uns ein?
Was könnt Ihr diesem Leben noch verbittern?
D e r K i r c h e n r a t
Hier scheint die Keckheit überall zu Haus.
Ich bitte mir ein wenig Rücksicht aus.
Ist das der Ton, mit einem Vorgesetzten
des eignen Herrn zu sprechen, liebes Kind?
N a e m i
Wenn meine Worte in der Tat verletzten,
so taten sie’s, weil sie die Wahrheit sind.
D e r K i r c h e n r a t
Mit Frauen bin ich nicht geneigt zu streiten.
N a e m i
Ich habe nicht im Sinn, Euch zu verleiten.
Zu Arne
Sag mir, Geliebter, sag mir, was geschah!
A r n e
Du meldest mir, der Oerlsund wäre da.
Ich bitte ihn, mich draußen zu erwarten.
Was wir hier tun, bekümmere dich nicht.
Es tat hier nur mit ungewöhnlich harten
und ernsten Worten jeder seine Pflicht.
N a e m i
Ich bin besorgt, ich laß dich nicht allein!
Wem würdest du nicht leicht gewachsen sein,
doch wer wie du beschaffen ist, der trägt
am schwersten an den Wunden, die er schlägt.
A r n e
Ich danke dir. Ich bitte dich zu gehn.
Mir kann nur das Notwendige geschehn.
N a e m i ab.
D e r K i r c h e n r a t
Ich kann den harten Spruch, der mir entfahren,
nicht tief genug bedauern, seit dies Wort
aus diesem Kindermund Euch widerfahren.
Ich hörts erstaunt, und seltsam wirkt es fort.
Es sprach die Inbrunst einer reichen Liebe
und viel Verständnis für des Herzens Wert
aus jenem Wort, das mir so schmerzlich trübe,
mehr als ich fragte, liebevoll erklärt.
Im Kopf verwirrt, im Herzen tief gerührt,
fühl ich die Welt der alten Sätze schwanken.
Oh, wieviel mehr als jegliche Gedanken
hat uns das Leid der Wahrheit zugeführt!
A r n e
Es mag, da schon so viel gesprochen ist,
und da mein Herz sich wider Willen löste,
auch noch ein Wort gesagt sein, das Euch tröste.
Denn wie ich Euch und Eure Welt verstehe,
tut es Euch wohl, wenn sich ein Frevel rächt,
daß das erbarmungswürdige Geschlecht
der armen Menschheit Eure Pflicht erflehe.
N a e m i tritt auf. Ungesehn von Beiden verharrt sie zwischen den Vorhängen einer Seitentür.
D e r K i r c h e n r a t
Ich sah dies Mädchen, das Euch Gott geschenkt,
wie soll ich fassen, was Euch so bedrängt?
Laßt Ihr Euch nicht dies holde Wunder blühn?
Verwirrend lieblich schien mir ihr Bemühn
um Euer Wohlsein, Güte und Geduld. —
Warum entweiht Ihr diese Gunst zur Schuld?
A r n e
Mit raschem Wort und ungelenkem Rat
nennt Ihr mein Glück mit diesem Mädchen Sünde,
derweil ich ringe, daß ich Wege finde,
um dem zu fliehen, was ihr Blut mir tat.
Ich hasse sie um ihrer Kräfte willen,
in ihrer Macht, die mir mein Blut bekennt.
Es hat im Weib sich Gott von uns getrennt,
um sich in ihrer Schwachheit zu erfüllen!
In meiner Stärke war ich einst Gott gleich.
In meiner Stärke suchte ich sein Reich.
Von Haß und Liebe jämmerlich entstellt,
seh ich mich arm und klein dem Sinn der Welt
in eines Weibes Wesen unterstellt.
Es lockt uns ihres Wesens Sinn und Licht
die beste Kraft aus ihrer besten Pflicht.
Ach, daß ich Demut hätte, still zu werden
in dem Bewußtsein, die Natur erfüllt
im Gang der Zeit auch meines Daseins Sinn.
Daß Gottes schöpferische Kraftgebärden
mir auch den Wunsch, ihm nah zu sein, gestillt!
So aber weiß ich es, das höchste Heil
des Daseins und sein ungeteilter Frieden
wird nur dem Auserwählten ganz zu Teil,
dem Kraft zu jeglichem Verzicht beschieden.
Zwiespältig scheint der Zukunft lichtes Reich,
die beiden Wege führen nie zusammen.
Der eine heißt: Gehorsam allen gleich,
und auf dem andern leuchten uns die Flammen
des Kampfs mit Gott. Er duldet keine Götter
und keine Leidenschaften neben sich.
Und erst als Sieger wird er zum Erretter.
D e r K i r c h e n r a t
Wenn ich den Satan nicht vernommen hätte
in Euren Worten, rissen sie mich fort.
Daß mir der Herr die heilige Einfalt rette
in diesem Wirrwarr von Begriff und Wort.
Ich höre, daß es Euch erschreckend geht ...
A r n e
Es hört doch jeder nur, was er versteht.
N a e m i
hervortretend
Was er versteht, das hört er nur zu gut!
Und du bist frei von dem gehaßten Gut!
A r n e
zu N a e m i
Hast du gehört, was ich gesprochen habe?
N a e m i
Ich hab’s gehört und weiß es bis zum Grabe!
H o l g e r O e r l s u n d tritt auf.
H o l g e r O e r l s u n d
Ich dulde nicht, daß man mich warten läßt!
Ein Oerlsund braucht auf Norby nicht zu warten!
N a e m i
ihm entgegen
Du brauchst nicht mehr zu fordern noch zu bitten.
Mir ward das Herz in hellen Gluten frei.
Es hat in diesem Haus genug gelitten.
Sie reißt H o l g e r O e r l s u n d mit sich hinaus.
A r n e
Auf daß nun mein Geschick vollkommen sei.
Ende des zweiten Aufzugs