Norby

Waldemar Bonsels · Kapitel 5 von 6

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Norby

Dritter Aufzug

 

M o o r . N a c h t . M o n d . B i r k e n g e b ü s c h .

 

D i e M o o r v e t t e l, Kräuter suchend und Sprüche murmelnd.

 

D i e M o o r v e t t e l

 

Steigen im Nebel die Toten im Moor,

bereitet sich Großes im Leben vor.

Keine Ruh ist den Toten geschenkt,

solang noch ein Lebender an sie denkt.

Und brennt gar im Orte die Leidenschaft,

die sie um ihr zeitliches Dasein gebracht,

singen sie oft die ganze Nacht,

locken die Menschen in kühler Kraft

bis an die Ruhstätte, die sie trennt

vom hellen Tag, den die Sonne verbrennt.

Heute, als spät der Nachtkauz schlug,

sang schon die Irme vom Fahrenkrug,

lange und leise, in Nebel gehüllt,

im Moorweiher stand ihr Schattenbild,

der rasch ihr brennendes Herz gestillt.

Konnt’ einst nicht leben vor Lieb und Haß.

Was bedeutet das? Was bedeutet das?

 

Ein M o o r m ä n n c h e n tritt auf, ein Irrlicht in der Hand.

 

D a s M o o r m ä n n c h e n

 

Komm hier, komm hier, dein Weg versinkt.

Auf gute Bahn mein Lichtlein winkt.

 

D i e M o o r v e t t e l

 

wirft ihren Stock nach ihm

Daß die Lichtfunze, die du reckst,

dir deinen eigenen Schädel verbrennt!

Such dir Narren, die du erschreckst,

wo man dein närrisches Plappern nicht kennt.

 

D a s M o o r m ä n n c h e n

 

Kreuz Teufel, Hexe verflucht, halt ein!

Mein Lichtlein tanzt ins Schilf hinein.

 

D i e M o o r v e t t e l

 

Laß dein Geschrei, versumpfter Flegel.

Herbei! Bring mir den Stock zurück,

und merk dir die erteilte Regel,

sonst gilt es morgen dein Genick.

 

D a s M o o r m ä n n c h e n

 

Ich hab dich nicht erkannt, Hexe verehrt.

Nimm deinen Knüppel, aber halt ihn fest.

Ich weiß, daß jeder dich in Ruhe läßt,

und jeder weiß, warum er so verfährt.

 

D i e M o o r v e t t e l

 

Merk auf! Fang dir ein neues Licht,

spring nieder zum Weiher, zur Irme hin.

Frag sie: »Was singst du, was schläfst du nicht?

Welches Menschenkind liegt dir im Sinn?

Was soll geschehn, was will sich erfüllen,

wer sucht den Tod um Liebe willen?«

So fragst du. Leucht ihr ins Gesicht,

sei artig und vergiß die Antwort nicht.

Von Toten hört man zuweilen wohl,

was den Menschen geschehen soll.

 

D a s M o o r m ä n n c h e n

 

Mein Licht ist hin. Ich mag nicht gehn,

mag nicht ihr weißes Gesicht ansehn.

Nichts oben und unten auf der Welt

ist so von Trauer und Schmerz entstellt.

 

D i e M o o r v e t t e l

 

hebt den Stock

 

Fang dir ein Licht! Durchs Schilf huscht genug.

Tote sind gut und ohne Betrug.

Erst lockst du sie selbst ins Moor hinein

und willst hinterher noch unhöflich sein.

 

D a s M o o r m ä n n c h e n

 

Die Irme vom Fahrenkrug kam allein,

ich lockte sie nicht ins Moor hinein.

Die folgte dem Licht nicht, das ich ihr bot,

sah nur das Wasser, schwarz und tot.

Versteckt blieb ich am Weiher stehn,

ich sah sie stürzen und untergehn.

Als früh am Morgen mein Licht verglommen,

ist sie still, still emporgekommen,

langsam, weiß und wunderschön.

Die Augen auf, im kalten Gesicht,

starrten ins blaue Morgenlicht.

In die Seerosen floß ihr gelbes Haar.

Wie schön das war. Wie schön das war.

Ich hab sie sorgsam im Schilf versteckt,

damit kein Mensch sie wieder erschreckt.

 

D i e M o o r v e t t e l

 

Scher dich und tu, was ich gesagt.

 

D a s M o o r m ä n n c h e n ab.

 

D i e M o o r v e t t e l

 

Die Irme vom Fahrenkrug singt und klagt.

Sie mochte nicht leben vor Liebe und Haß.

Was bedeutet das? Was bedeutet das?

Seit die Zeit uns den neuen Pfarrer gebracht,

wird’s schlimmer im Moorland Nacht für Nacht.

So ruhlos sah ich die nächtliche

Welt der fahrenden Geister noch nie.

Der Wandel der Menschen bekümmert sie,

ihre betörte, verächtliche

Weisheit, ihr Hochmut, ihr Glück.

 

Ein z w e i t e s M o o r m ä n n c h e n tritt auf, ein Licht in der Hand.

 

D a s M o o r m ä n n c h e n

 

Komm hier. Komm hier. Dein Weg geht irr.

Die richtige Straße zeig ich dir.

 

D i e M o o r v e t t e l

 

Ist das Gesindel heute taub und blind?

Leucht lieber, daß ich meine Kräuter find’.

 

D a s M o o r m ä n n c h e n

 

Dich ruf ich nicht, reg dich nicht auf;

kommt Einer den Heideweg herauf.

 

D i e M o o r v e t t e l

 

Da ist es besser, erst hinzuschaun.

Man kann heut keinem Menschen mehr traun.

 

Sie verbirgt sich hinter den Birken.

 

D a s M o o r m ä n n c h e n

 

Komm hier. Komm hier. Dein Weg geht irr.

Die richtige Straße zeig ich dir.

 

D i e M o o r v e t t e l

Laß sein, spring fort. Verbirg dein Licht,

den Pfarrer von Norby täuschst du nicht,

der hat sich von seinen frühsten Tagen

mit andern Verführern herumgeschlagen.

 

D e r P f a r r e r v o n N o r b y tritt auf.

 

A r n e

 

In Gottes Licht und Satans Nacht

hab ich gekämpft und nie geruht.

Was hat mir aller Kampf gebracht

für mein vergeudet Lebensgut?

Die Liebste hat im Zorn mein Haus verschworen.

Nun weiß ich erst, wie sehr mein Herz begehrt

nach ihrer Liebe, die mein Stolz verloren.

Ist, was ich finde, einst der Opfer wert?

 

E i n M o o r m ä n n c h e n

 

Bist du dir nicht genug bedankt,

daß dir nach Lohn die Seele krankt?

So schwer trägst du an eignen Sachen,

und willst es Andern leichter machen?

 

E i n z w e i t e s M o o r m ä n n c h e n

 

Wer sich um eigenes Glück betrogen,

kuriert sich bald im kranken Sinn,

stellt, was das Schicksal ihm entzogen,

als selbstgewolltes Opfer hin.

 

A r n e

 

Fern durch den Nebel glühn die letzten Lichter,

die Menschen traun dem liebevollen Dunkel

und traun der Arbeit, die sie müde macht,

derweil in mir das herrische Gefunkel

der blauen Himmelsewigkeiten wacht.

Oh glücklich ihr, in ruhigem Verzichten.

Wer kennt die Fesseln, die das Blut uns schlägt,

um die in Gottes Licht erblühten Pflichten,

die seine Herrlichkeit uns auferlegt?

Und nie und nie wird die Natur vergehn!

Nun erst begreif ich ihren klaren Sinn,

da ich im Leid von ihr gemieden scheine.

Oh, Lenkerin aus stammelndem Beginn,

bis in die helle Freiheit, wo Erkennen

und unser Herz des Vaters Namen nennen,

durch dich befreit von allem falschen Scheine,

daß Gott in dir sich unserm Wesen eine.

Du bist nur Lenkerin, bist Mittel, Weg und Hort,

doch nie die Heimat, nie das eine Wort.

 

D i e M o o r v e t t e l tritt auf.

 

D i e M o o r v e t t e l

 

Ich seh den hochwürdigen Pfarrer allein.

Wird ein Fräulein im Moor zu erwarten sein?

 

A r n e

 

Eine menschliche Stimme hier noch so spät?

 

D i e M o o r v e t t e l

 

Wir sehn uns nie auf den täglichen Wegen.

Ich bitte um einen übrigen Segen,

wenns nah vor Mitternacht noch geht.

 

A r n e

 

Es ist der Tag den Guten lang genug.

Daß du um einen Segen flennst,

scheint mir ein wenig witziger Betrug.

Halb Weltgewissen, halb Gespenst,

schaust du bald hundert Jahre weit

und wardst darüber nicht gescheit.

D i e M o o r v e t t e l

 

Nicht alle Kräuter blühn bei Tag.

Soll sie stehn lassen, wer sie nicht mag!

Und wenn die Guten den Schlaf nicht versäumen,

so müßte der Pfarrer erst recht schon träumen.

Statt dessen spaziert er im Sumpf herum

und nimmt einen frommen Segenswunsch krumm.

 

A r n e

 

Dich heilt kein Segen, stört kein Fluch,

laß mir die Ruh, die ich hier such’.

 

D i e M o o r v e t t e l

 

Das Moor ist lebendig, das Moorland klingt.

Was der Tag den Menschen an Herzleid bringt,

führt oft, statt unter das Kirchentor,

ins Wasser vom Moor.

 

A r n e

 

Laß die Toten ruhn,

bis sie dich in ihre Gesellschaft tun.

Dann können sie dir ihr Sprüchlein sagen.

 

D i e M o o r v e t t e l

 

Sie lassen sich vorher auch befragen,

auch sprechen sie, ohne daß man sie fragt.

 

A r n e

 

Da hast du recht, Gott sei’s geklagt.

Ich gesteh dir, wenn auch in anderem Sinn,

daß ich doch ganz deiner Meinung bin.

 

D i e M o o r v e t t e l

 

Die Menschen sind töricht, taub und blind

und haben vergessen, was sie sind.

Ihr Wohl, ihr Ungemach, ihr Wesen

ist überall auch hier zu lesen.

Ich seh ihr Lächeln, Klagen, Mühn

in Licht und Nacht hier draußen blühn.

Kein Unterschied, wohin man sieht,

immer das Gleiche, was geschieht.

Hier klein und nichtig,

kein Mensch schaut sich um,

dort nennt ihr es wichtig

und wißt nicht warum.

 

A r n e

 

Alte, die Weisheit ist ungewaschen,

läßt mir das Wichtigste durch die Maschen.

 

D i e M o o r v e t t e l

 

Kommt der Herr Pfarrer mit Gott und Gericht,

tut der Herr Pfarrer seine Pflicht.

Oder auch gar mit Moral und Vernunft?

Spricht von der Menschheit und meint seine Zunft.

Stehn Euch die Dogmen kurios zu Gesicht,

aber ich Alte glaub sie Euch nicht.

Sollt mir mit Euren geborgten Waffen

nicht meine Sinne Lügen strafen.

Vier Pfarrer sah ich hier, Jahr nach Jahr.

Der Erste von ihnen mein Liebster war,

der Zweite brachte mir Schmach und Skandal,

der Dritte gab mir das Abendmahl.

Doch statt daß es mich in den Himmel gebracht,

hat es mich wieder gesund gemacht.

Dann hat er den eigenen Tod gehört,

was war ihm da Kelch und Kanzel wert?

Er schickte nach mir und meinem Kraut.

Ich hab’s ihm nach meinem Willen gebraut;

fürs zeitliche Leben hat er’s genommen

und ist ins ewige Leben gekommen.

Da hatte die heilige Seele Ruh

und machte die lüsternen Äuglein zu.

Der Vierte wart Ihr. — Was wollt Ihr hier?

Die Anderen waren nicht »ja« und nicht »nein«,

so muß wohl ein brauchbarer Pfarrer sein.

Nur im »vielleicht« gedeiht seine Pflicht,

aber Ihr taugt zum Pfarrer nicht.

 

A r n e

 

Narrt mich ein Spuk? Was zwingt mich dir zu lauschen

und gar mit dir die Meinung auszutauschen,

als läge mir nicht bess’rer Wert im Sinn.

 

D i e M o o r v e t t e l

 

Immerhin, immerhin ... Wer hat Euch erklärt,

daß Euer Wert von besonderem Wert?

 

A r n e

 

Du bist zu Lob und Urteil nicht geschickt,

im Finstern wird der tiefste Glaube schlecht.

 

D i e M o o r v e t t e l

 

Doch in den Besten wird er zum Konflikt.

Wer nichts als brav ist, findet sich zurecht.

 

A r n e

 

Mir liegt eine singende Stimme im Ohr.

 

D i e M o o r v e t t e l

 

Die Irme vom Fahrenkrug singt im Moor.

Habt Ihr vergessen das Fräulein blond,

das Ihr vor Jahren so liebreich geschont,

das Ihr zurück in ihr Elternhaus sandtet,

als Ihr sie nachts auf der Pfarrtreppe fandet?

Von Liebe wegen, um Euretwillen,

mußte ihr Schicksal sich einst erfüllen.

Glaubt mir, glaubt mir, ich rede wahr,

ihr nächtliches Klagen bringt Euch Gefahr.

 

A r n e

 

Ich hatte nie mit diesem Weib zu schaffen.

 

D i e M o o r v e t t e l

 

Ich weiß, Herr Pfarrer, deshalb ging sie schlafen.

Hättet Ihr sie ans Herz genommen,

wäre sie nicht zu uns gekommen.

Aber nicht alle Verschmähten tun das ...

Manch Einer Lieb’ ward zu tödlichem Haß.

 

A r n e

 

Des Einen Tugend macht des Andern Schuld,

denn die Natur läßt sich nicht korrigieren.

Die Menschen können die arme Geduld

nur selten messen mit der ihren.

 

D i e M o o r v e t t e l

 

Ihr pilgert um Euch selbst spazieren,

bis Euch zum Sterben schwindlig wird.

Seit wann ist Euch der neue Wert

so klar im Herzen eingekehrt?

 

A r n e

 

Die wahrhaft Reichen können nicht verlieren,

solange die Natur nicht irrt.

Drei Jahr lang lacht’ ich über dich,

jetzt steh ich hier und wundre mich,

wo hast du die närrische Weisheit her, sprich?

 

D i e M o o r v e t t e l

Mein toter Liebster war hochgelehrt,

da hab ich nicht närrische Weisheit gehört.

Und was man lernt, ist häufig dem,

was man schon ist, nur unbequem,

und wen die Bestimmung vom Leben entfernt,

der hat auch im Wachsen nicht leben gelernt.

Und wäre das Sterben nicht aller Pflicht,

ich glaube, er könnt auch das Sterben nicht.

 

A r n e

 

Dir Antwort geben, hieße sich zerstreun,

ich möchte meine Worte nicht bereun,

denn auch der beste und schönste Gedank’

bleibt wertlos ohne Zusammenhang.

 

D i e M o o r v e t t e l

 

Schon gut, euch leuchtet der eifrige Schädel

nicht leicht bei einem vertrockneten Mädel,

aber ist sie noch drall und jung,

redet ihr mehr als bei Männern und Trunk.

Habt doch von allem, was ihr erreicht,

höchstens einmal ein Weib überzeugt.

Bleibt doch das Beste, was ihr gesagt,

immer noch, was ihr den Mädchen geklagt.

Und ich kenn das betroffene Greinen,

wenn ihr nach all eurem Geistesverrat

endlich so einen zappelnden Kleinen

still adoptiert als das Endresultat.

 

A r n e

 

Dein Hohn tut meinem Herzen leid.

Der Menschen Schwächen zu erkennen,

ist leichter, als ihr Gutes nennen,

und Spott der Narren täglich Kleid.

 

D i e M o o r v e t t e l

Nennt Ihr mich närrisch immerhin,

weiß schon alleine, wer ich bin.

Ich mochte nicht unter den Menschen sein,

trollte ins Moor und blieb allein,

merkte das Beste vom Wesentlichen,

und hab es in Muße mit allem verglichen.

 

A r n e

 

Was nützt dir Muße und Vergleichen,

kann jeder nur sich selbst erreichen.

Die Besten wurden im Vergleich bescheiden,

das Alter mag nur eigne Weisheit leiden.

 

D i e M o o r v e t t e l

 

Wenn euer Wein nur zehn Jahr’ ruht,

nennt ihr ihn schon besonders gut.

Wieviel mehr als ein Tröpflein Wein

wird nicht ein Fünklein Weisheit sein.

Seht nun, Herr Pfarrer, daraus ergibt sich,

daß man wohl doch nicht immer irrt,

wenn eine Weisheit im Kopf, an die siebzig

Jahre lang, aufgehoben wird.

 

A r n e

 

Zwischen Verachtung und Verdruß

findet sich oft noch ein kleiner Genuß. —

Du machst dir’s leicht, das Wirken der Natur

ins eigne Denken zu verlegen.

Das Wichtigste vergißt du nur,

das Böse wirkt in uns dagegen.

 

D i e M o o r v e t t e l

 

Was ihr im eignen Haushalt kennt,

und rasch entschlossen böse nennt,

hat draußen sich als gut bewährt,

genau so oft wie umgekehrt.

Denn zu des Durchschnitts Zeitbegriffen

und seiner armen Plänkelei,

hat Gott dem Satan oft gepfiffen,

auf Satans Pfiff kam Gott herbei.

Die Menschen aber, die das Gute gut

und die das Böse tief als böse fühlen,

sind die Gesellen, die in blinder Wut

nach Ewigkeit, an ihrem Grabe wühlen!

Sie können lieben und sie können hassen

und haben nichts mit Menschenglück zu tun.

Ihr wolltet Euch nicht warnen lassen,

ich geh und wünsche gut zu ruhn.

Ich kenn die Ruh, um die Ihr trauert,

und wünsche, daß sie nicht zu lange dauert.

 

Ab.

 

A r n e

 

Die hat sich leicht zurechtgefunden

und Gut und Böse überwunden,

das gilt als stark in meiner Zeit.

Darüber bleibt Unschuld mit Ewigkeit

doch unzertrennbar verbunden.

Das Böse in Grimm und Flammen,

glüht sie nur fester zusammen.

 

Ab. Ein M o o r m ä n n c h e n tritt auf, ein Irrlicht in der Hand.

 

D a s M o o r m ä n n c h e n

 

ruft A r n e nach

 

Komm hier, komm hier! Dein Weg geht irr!

Die richtige Straße zeig ich dir.

 

E i n z w e i t e s M o o r m ä n n c h e n tritt auf, ein Irrlicht in der Hand.

 

D a s z w e i t e M o o r m ä n n c h e n

zum ersten

 

Wie hab ich mich bemüht!

Leucht ich nicht hell?

Was ist das für ein Gesell,

der keine Irrlichter sieht?

 

D a s e r s t e M o o r m ä n n c h e n

 

Mich schickte die Vettel zur Irme hinab,

die Irme mir keine Antwort gab.

Auf meine Frage, was sie bewegt,

hat sie die Hand aufs Herz gelegt,

als täte es ihr noch immer weh.

Dann hob sie langsam den Arm in die Höh’

und zeigte, stumm und starr, weit über

das Moorland zum Pfarrhaus von Norby hinüber.

Ich sah sie an und fragte wieder ...

Kreuz Teufel, fuhr mir ein Schreck in die Glieder,

als ich ihr Gesicht im Mondlicht erblickt!

Daß man noch immer so kindisch erschrickt.

Mein Licht im Schilfgrund tanzen ging,

dies ist das dritte, das ich mir fing.

 

D a s z w e i t e M o o r m ä n n c h e n

 

Horch! Horch! Wer kommt? Der Boden klingt.

Verbirg dich rasch! Lösch aus dein Licht.

Über den Moorgrund ein Feuer springt,

siehst du sein Flattern im Wasser nicht?

Das Feuer der Menschen ist böse und rot,

bringt den Moorleuten Angst und Not.

 

B e i d e löschen ihre Lichter und flüchten.

 

Eine S c h a r B u r s c h e n tritt auf, bewaffnet und mit Fackeln.

 

E r s t e r B u r s c h e

 

Die Nacht ist wie von Hexenvolk besessen.

Was wir beginnen, schien am Tag mir leichter.

 

Z w e i t e r B u r s c h e

 

Und was du schwatzt, scheint mir zur Nacht noch seichter,

als es am Tage selbst die Dümmsten fressen.

 

D r i t t e r B u r s c h e

 

Ist dies der Ort, der uns befohlen?

 

E r s t e r B u r s c h e

 

Was Ort und Pfaff! Der Teufel soll sie holen.

Ich weiß nicht mehr, wie mir bei dieser Fehde

zu Mute ist und was mit mir geschehn.

Zu Anfang war es eine schöne Rede,

ein toller Scherz, ein Schwatz, ein Weib wie jede,

jetzt aber kann ich es mit Augen sehn.

Nun ist es Wirklichkeit und Tat geworden,

wir ziehen aus zu brennen und zu morden.

 

Z w e i t e r B u r s c h e

 

Wo Oerlsund kocht, da frißt er auch den Brei.

Seit lange war ich nicht so gern dabei.

Wir sind zu oft gegerbt, und andere nahmen

sich unseres Fells zu ihrem Nutzen an,

als daß ich nicht den Herren und den Damen

vergönnte, was ich selten haben kann:

den Anblick ihrer Schmach und das Vergnügen,

den Pfaffen einmal gründlich aufzuliegen.

 

E r s t e r B u r s c h e

 

Was mich bestimmte, sah ich anders an. —

Es wird auf diese Nacht ein Tag sich heben.

Ob wir ihn noch bei freier Kraft erleben?

Das frag ich mich, da denk ich dran.

Mir war, als büßte oft schon unsereins

den Irrtum dieser Herren, hochgeehrt.

Der Galgen steht zu tief für hohe Leute.

Das große und das kleine Einmaleins

macht nicht die Rechnung, sondern umgekehrt,

denn morgen weht der Wind von andrer Seite.

 

Z w e i t e r B u r s c h e

 

Geehrte Rechnung, hochgeschätzter Wind!

Uns wird er nur den Hut vom Kopfe nehmen.

Wer Angst verspürt, der möge sich bequemen,

ihn selbst zu ziehn. So hilft er sich geschwind.

Und ob die Herrschaft Pfaff, ob Oerlsund heißt,

am besten tut sich, wer auf beide scheißt.

Für heute, dünkt mich, bläst der Wind vom Meer.

Man soll nicht stören, wenn die Herrschaft streitet.

Zu alledem geb ich mich gerne her,

wenn man den Pfaffen ihre Brunst verleidet.

 

V i e r t e r B u r s c h e

 

Was streitet ihr? Mir ist das Herz bewegt.

Ihr kränkt euch. Großes soll an uns geschehn.

Zum Raufen bin ich wenig aufgelegt

und habe nichts als Kummer zu gestehn.

Ich möchte Schuld und Unschuld nicht verteilen,

bin wie ein Nachen zwischen Meer und Küste.

Dort fühl’ ich Grund, hier aber kann ich weilen,

dorthin zieht Gunst mich, hierher mein Gelüste.

Ihr seht mich unter euch und mit euch gehn,

und habt mir doch die rechte Lust verleidet.

Mich lockt die Glut, in der das Gold sich scheidet,

doch nicht der Wunsch, ihr möchtet sie bestehn.

 

Z w e i t e r B u r s c h e

 

In jedem Troß, der sich zur Tat geschickt,

läuft einer mit, der ihm die Hosen flickt,

der heute bebt, wenn Oerlsund nicht befiehlt,

und der sich morgen in die Kirche stiehlt.

Halt doch das Maul. Siehst du Naemi kommen,

tust du ja doch, was sie sich vorgenommen.

 

V i e r t e r B u r s c h e

 

Und mehr vielleicht als du. Am rechten Ort

sind mir die Fäuste lieber als das Wort.

 

E r s t e r B u r s c h e

 

Ihr seid zu früh mit euren Taten dran.

Seid ihr von Sinnen, daß ihr hier mit Streit

beginnt? Seid ihr des Teufels? Kommt heran

und seht euch zeitig die Gestalten an,

die dort sich nahn. Die Stunde ist nicht weit,

da ihr für bessere Dinge einig seid.

 

F ü n f t e r B u r s c h e

 

Oerlsund! Er ist es. Ihm zur Seite,

Naemi.

 

H o l g e r und N a e m i treten auf.

 

E r s t e r B u r s c h e

 

Herr! Nicht einer fehlt.

 

H o l g e r

 

Es soll mir keiner fehlen! Leute,

noch geb’ ich Zeit für jeden umzukehren.

Daß keiner sich den bittern Ernst verhehlt,

in dem wir uns der Pfaffenränke wehren,

die Norbys Freiheit um ihr Licht gebracht.

 

N a e m i

 

Löscht aus die Fackeln! Hell ist die Nacht,

sie haben uns sicher durchs Moor gebracht,

nun laßt ihre rote Feuermacht

ruhn, bis der Pfarrer von Norby erwacht.

Er soll erwachen in ihrer Glut;

wird ahnen und wissen, wer das tut.

Rufen sollt ihr, Gesellen, schrein:

Das ist Naemis Feuerschein!

Er soll mich sehn. Er wird mich sehn.

Mitten im roten Sturm will ich stehn,

daß er im Feuer mich wiederkennt,

wenn ihm sein Herd, sein Haus verbrennt.

Und ihr sollt rufen, jubeln, schrein:

Das ist Naemis Feuerschein!

 

Zu H o l g e r

 

Dich soll er an meiner Seite sehn,

den Arm um mich, herrisch und fest,

eh’ er in Schanden Norby verläßt,

so soll mein Bildnis mit ihm gehn.

 

Zu den B u r s c h e n

 

Was steht ihr da, horcht und starrt mich an?

Euch hat doch niemand ein Leid getan.

Wer von euch wagt es, auch nur zu denken,

er wolle den Pfarrer von Norby kränken?

Gesindel, schert euch in euer Glück,

in eure sichre Behausung zurück!

Was hat euer schmutziges Henkertum

mit meinem brennenden Herzen zu tun?

Nie, nie habt ihr einen Mann gesehn,

wie ihn, so groß, so herrlich, so schön.

Daher kommt euer Pöbelhaß,

den ich verachte. Wißt ihr das?

 

H o l g e r

 

zu N a e m i

 

Still! Ich beschwöre dich zu schweigen.

Wer wird dem Knecht die Fesseln zeigen.

Mag sie dein Zorn in ihr Verderben treiben,

den bittern Grund laß deine Sache bleiben.

 

E r s t e r B u r s c h e

 

Wir wünschen sehr, Euren Schmerz zu stillen,

und sind Herrn Holger Oerlsund zu willen.

Es gilt als Pflicht, den Ort von einem Mann

zu säubern, der Euch Unrecht getan.

 

Z w e i t e r B u r s c h e

 

Seine falsche Lehre vom Teufel war.

Er schändete Kirche und Altar.

 

D r i t t e r B u r s c h e

 

Wer wüßte nicht, daß er überdies

ein Mädchen betrog und elend verstieß.

Geschieht uns Unrecht, und niemand greift ein,

wollen wir selber Richter sein.

 

H o l g e r

 

zu den B u r s c h e n

 

Wer unter uns setzte sein Leben nicht ein,

wenn es die Rettung der Anderen galt?

Nun soll uns das Recht benommen sein,

uns selbst zu retten vor fremder Gewalt?

Der Pfarrer von Norby übte Verrat,

ewige Wahrheiten hat er geschmäht,

in schuldlose Herzen Zwiespalt gesät,

und was er mir und Naemi tat,

das wißt ihr, ihr Männer! Ich ruf euch nicht.

Ich handle für euch und ihr für mich.

Ich schwöre, im ersten Morgenschein

soll der Pfarrhof Trümmer und Asche sein.

Und wenn der Pfarrer den Ort nicht flieht,

so ist es die letzte Nacht, die er sieht.

 

D i e B u r s c h e n

 

Ein Schuft, der sich nicht zu Euch stellt.

 

H o l g e r

 

Verlacht in euch den rätselhaften Streit,

aus dessen Wirrnis nur die Tat errettet.

Es ist das Recht der Kraft verschüchtert Kind,

solang’ wir noch bedrückt, zum Kampf bereit,

nicht anders wie ein Schiff im Meer gebettet,

getragen zwischen Not und Hoffnung sind.

Ein stetig Recht, wer kann es fröhlich nennen?

Doch frohe Tat scheint mir ein sicheres Gut.

Und kommt Erfolg zu unserm festen Mut,

so wird ihn morgen jeder anerkennen.

 

V i e r t e r B u r s c h e

 

schreiend, abgewandt

 

Wer naht sich, ein Geist, ein Höllenbetrug!

Die tote Irme vom Fahrenkrug.

Die tote Irme. Hell, weiß, im Schilf.

Ich kenn sie genau. Herr Jesus, hilf!

 

Er bricht in die Knie. Atemlos und in Hast tritt der G r o ß k n e c h t J ö r g e n auf.

 

J ö r g e n

 

zu H o l g e r

 

Find ich dich endlich, lieber Herr.

 

V i e r t e r B u r s c h e

 

fällt ihm entgegen, außer sich

 

Wer bist du? Wer hat dich hergebracht?

Wer gab dir über die Toten Macht?

 

J ö r g e n

 

Was ist dir, Bursche, ich kam allein.

 

D e r B u r s c h e

 

Du lügst! Du ließt dich mit Geistern ein.

Ich schwöre bei allem, was Jesus litt,

daß neben ihm her die Irme schritt.

Den Arm empor und größer als er,

zog sie ihn angstvoll neben sich her!

 

H o l g e r

 

rüttelt ihn

 

Hast du den Verstand verloren, Gesell?

 

D e r B u r s c h e

 

verstört

 

Den Arm empor... Weiß und hell...

Laßt mich. Ich hab nichts zu schaffen mit euch.

 

Er stürmt fort.

 

N a e m i

 

zu J ö r g e n

 

Laß ihn, und wenn er zum Teufel rennt.

Ist einer hier, der die Irme kennt?

Sie ist gestorben? Er sah ihr Gespenst?

Sag mir, Holger, ob du sie kennst?

 

H o l g e r

 

Laß mich. Der Bursche war schrecklich entstellt.

Zu den B u r s c h e n

 

Wollt ihr, daß er in Norby bestellt,

was hier im Moorland vor sich geht?!

Rasch, holt ihn ein, bringt ihn zurück,

schlagt ihm die Fäuste ins Genick,

daß ihm bis morgen die Angst vergeht.

 

Ein Teil der Burschen ab.

 

J ö r g e n

 

zu H o l g e r

 

Mich hat kein Spuk der Hölle gebracht,

mich führte Gottes barmherzige Macht,

ich such dich schon die halbe Nacht.

Sieh mich ermattet, von Sorgen verzehrt,

von Herzen dankbar, daß Gott mich erhört,

daß ich dich gefunden hab, eh’ es zu spät.

 

N a e m i

 

zu J ö r g e n

 

Für was denn, glaubst du, sei es noch Zeit?

 

J ö r g e n

 

Wie schändlich bist du deines Werks gewiß!

 

N a e m i

 

In dir seh ich kein Hindernis.

Nenn immer schändlich, was du nicht verstehst.

Für dich ist klüger, daß du gehst.

 

J ö r g e n

 

Holger, lieber Herr, schau mich an!

Hab ich dir je ein Unrecht getan?

Und wenn es dem Knechte zu schweigen gebührt,

oh, höre dem Freund deines Vaters zu:

Du bist in Irrtum und Schuld verführt,

ins ewige Verderben taumelst du.

 

N a e m i

 

zu H o l g e r

 

Wend dich nicht ab, was fürchtest du?

Er sucht sein Recht an dich und an dein Leben,

er braucht sein Wort zu seiner Ruh.

Was Knechten zukommt, soll man ihnen geben.

Was kann sein Rat wohl unsrer Sache tun?

Macht eines Greises Plappern sie zu Schanden,

so möge sie in Gottes Namen ruhn.

Mein Schicksal knüpft die blutgeglühten Banden

um andre Werte als um guten Rat.

Wer wollte das Notwendige verführen?

Laß ihn. Er wird die lieben Flammen schüren,

wie guter Wind noch stets dem Feuer tat.

 

J ö r g e n

 

zu H o l g e r

 

Wend dich nicht von mir, oh versteh mich recht.

Naemi sah, daß sie der Mann verschmähte,

dem sie mit Leib und Seele sich vertraut,

sah nicht den bittern Kampf, der ihn erhöhte,

in dem er nur sein fernes Ziel geschaut.

Mit seinem Tod wirst du ihr Klarheit bringen.

Er läßt sein Wesen nur mit seinem Leben.

Du kannst Naemi nie und nie erringen.

Du kannst sie nur dem Toten wiedergeben.

 

H o l g e r

 

Schweig still. Verwirr mir nicht Herz und Sinn.

Vor müden Augen liegt die Erde grau.

Ich habe recht, weil ich in Flammen bin,

und weil ich ihrem heißen Sturm vertrau.

Wollt ich bedenken, was das Meer vermag,

ich ließe meinen Kahn bei Sturm am Strand.

Sahst du mich je in Zaudern abgewandt,

wenn uns ein Fahrzeug auf den Klippen lag?

Und heute glaubst du mich von Furcht erfüllt,

wo es mein Lebensschiff zu retten gilt?

Ich danke deinem Rat und glaube dir,

er war von Herzen gut und wohlgemeint.

Ich ehre den Berater und den Freund,

das Steuer aber läßt du heute mir.

Laß dir genug sein, daß dich mein Befehl

nicht zu den Helfern stellt, die ich mir wähl’!

 

J ö r g e n

 

Herr, Herr, dein Stolz. Oh, Oerlsunds alter Ruhm!

Sieh meine Tränen, der du mich nicht siehst.

Zur Knechtschaft sinkt dein freies Herrentum.

Oh, dunkles Schicksal, dem du nicht entfliehst.

Das Steuer brennt in eines Weibes Hand,

du bist ihr Knecht, in ihren Haß gebannt —

Oh, wer ist wert, daß dies um ihn geschieht?

 

H o l g e r

 

Und wenn die Besten meiner Schwäche lachten,

ich habe nur auf mein Gefühl zu achten.

Mein Herz ist fest und einzig schuld daran,

daß ich mich solcher Knechtschaft rühmen kann.

Will es mein Schicksal, mag ich denn vergehn.

Ich will es fordern, will es ganz bestehn.

Ich möchte wissen, wessen Welt

zu Norbys Ehre recht behält.

 

J ö r g e n

 

Wie leicht verrät ein Herz sein bestes Teil,

wenn junge Hoffnung tief im Irrtum glüht,

und wenn die Seele das erflehte Heil

als fernen Trost für ihre Schmerzen sieht.

Ach, daß den Besten das erreichte Ziel

so wertvoll würde wie die ersten Schmerzen.

 

Zu N a e m i

 

Da stehst du, Siegerin im bittern Spiel

bewußter Allmacht und betörter Herzen,

blind für die Kräfte, die dein Zorn zerstört,

und dennoch schuldlos in das eigne Wesen

und in sein wunderreiches Licht betört,

in dem wir alle stöhnen und genesen.

 

Stimmen und Gelächter aus der Nacht.

 

N a e m i

 

zu H o l g e r

 

Dort kommt die Schar. Laß ihn, der Mond steht tief.

Was ihn zu seinen Taten rief,

das wird ihn richten, nicht, was er erreicht.

Dasselbe Leben, das sein Haupt gebleicht,

verbrennt auch mich und wird sich offenbaren

in unsrer Glut, die, ewig unerfahren,

dennoch unfehlbar die Vollendung zeugt.

 

Ab mit den Burschen.

 

H o l g e r

 

zu J ö r g e n

 

Gehab dich wohl. Denk gern an mich zurück.

Dein Schmerz ist reicher als manch rasches Glück.

 

Ab.

Ende des dritten Aufzugs