Pfarre und Schule: Dritter Band
Siebentes Kapitel. Die Sylvesternacht.
Siebentes Kapitel.
Die Sylvesternacht.
Das kleine Dorf Bachstetten lag in einer zwar armen, unfruchtbaren, aber wirklich pittoresken und wild romantischen Gegend. Der Winter war mit seiner rauhen Hand über den zarten Schmuck der Wiesen und Haiden gefahren, und hatte erbarmungslos abgestreift, was er an weichem saftigen Grün gefunden. Nur die dunkelgrünen Kieferstreifen hatten dem tollen Gesellen Trotz geboten, und wie zum gegenseitigen Schutz, schaarten sie sich an den Abhängen einzelner Hügel in dichten festgeschlossenen Gruppen zusammen, und reichten sich treu und brüderlich die stachelbewehrten Arme.
Graue Haideflächen deckten die niederen Hügel und wellenförmigen Thäler, und nur hier und da hob sich plötzlich und schroff ein steiler, hochaufragender, moosbewachsener Fels empor, und stand, wie ein starrer, drohender Riese, aufgerichtet zwischen dem anderen regellos umhergestreuten Gestein, das zu seinen Füßen lag. Schneeweiße Birkenstämme stachen dabei gar eigenthümlich und in dunkler Nacht oft unheimlich gegen den düsteren Hintergrund des dunkelgefrorenen Haidekrautes ab, und hier und da gaben einzeln stehende, noch mit hellgelbem Laub bedeckte junge Eichen und weit hinausscheinende rothe Weidenkuppen dem ganzen wilden Landschaftsbild einen gar eigenthümlichen, wunderbaren Farbenschmelz, der durch zahlreiche, hoch aufgeschichtete Torfpyramiden, die auf dem gelben Rasen zerstreut standen, eher erhöht als gestört wurde. Hier und da blitzten kleine trübe Lachen aus dem monotonen Grau der Haide hervor, und weiter oben, am Rand einer Schwarzholzspitze, deren Marken sich weit aus in das Thal hineindehnten, lag das kleine Dorf Bachstetten, mit den neuen ziegelrothen Dächern – denn die alten strohgedeckten Gebäude waren vor einigen Jahren fast sämmtlich ein Raub der Flammen geworden – fast in die Schatten des, sich darum hindrängenden Nadelholzes hineingeschmiegt.
Das Dorf selbst war aber so arm und dürftig, wie die öde unfruchtbare Gegend und Lage es nur machen konnte, und außer einigen wohlhabenden Bauern, die auch den größten Theil der besseren Felder inne hatten, lebten nur Häusler, Holzschnitzer und Strohflechter darin, die auf gar spärliche Weise durch harte und unausgesetzte Arbeit das karge Leben fristeten. In den letzten Jahren hatten es dabei einige der Bewohner möglich gemacht, Haus, Heerd und Feld zu verkaufen, und nach Amerika auszuwandern, und daher kam es, daß einzelne Wohnungen leer und halb verfallen da standen, und – wenn sich wirklich Abmiether dazu fanden, um einen Spottpreis weggegeben wurden.
In ein solches Haus, dessen moosiges Strohdach dicht und schwer auf den niederen Lehmwänden lag, und das noch dazu vom Dorf fast getrennt, wenigstens durch ein kleines Kieferdickicht davon abgeschnitten, versteckt im dichten Nadelholzwalde stand, mag mir der Leser, um ein paar alte Bekannte dort aufzusuchen, auf wenige Minuten folgen.
Das einzige bewohnbare Zimmer im ganzen Haus befand sich unten zu ebener Erde, und die Dielen bildete der nackte hartgestampfte Boden; auf dem war aber, um die Kälte auszuhalten, die von dort herauf sonst emporschlagen mußte, eine dichte Lage von dickem Laub und Fichtennadeln gebreitet worden, und von den Bäumen abgezogenes Moos hielt die Fensterritzen und Thürspalten verstopft. Es stand übrigens ein Ofen im Zimmer, und ein ziemlicher Haufen trockenes Reisig, das neben diesem aufgeschichtet lag, wie die, wenigstens nicht unangenehme Temperatur des Zimmers verrieth, daß die Bewohner der Hütte, so arm sie auch sonst wohl sein mochten, doch noch keinen Mangel an Feuerung litten.
In der einen Ecke stand ein Bettgestell, und auf diesem lag ein Strohsack, ein mit Moos gefülltes Kopfkissen und eine wollene Decke – und auf dem Bett, – wenn ein solches Lager auch wirklich ein Bett genannt werden konnte – saß, die Hände auf der Decke gefaltet, und in stillem wehmüthigen Schweigen nach dem, im gegenüberliegenden Winkel, auf einer Schütte Stroh kauernden Vater hinüberschauend, Marie, des alten Musikanten krankes Kind, und legte sich, als der alte Mann gar keine Notiz von ihr nahm, und ebenfalls mit seinen eigenen trüben Gedanken beschäftigt schien, seufzend wieder auf das harte Kissen zurück.
»Vater,« sagte da, nach einer langen, langen Pause die Tochter, und man konnte ihr anhören, wie schwer ihr das Reden wurde – »Vater – mir wird recht sonderbar zu Muth – ich fühle mich recht unwohl.«
»Möchte auch wissen, wie's anders kommen könnte,« brummte der Alte, »die Nächte draußen in Kälte und Nebel im Walde 'rum zu rennen, und in d e m Aufzug – wie willst Du nun singen, wenn wir morgen früh nach Delzig hinüber kommen – heiser wirst Du sein, daß Du keinen Ton aus der Kehle bringst, und wer hat's nachher wieder auszubaden? – Der Alte.«
»Vater,« bat das arme Mädchen.
»Ah was,« knurrte der Alte, »was zu toll ist, ist zu toll; erstlich laß ich alter Esel mich betölpeln, Hals über Kopf, und heimlich, wie ein Dieb mit der Mamsell da von Horneck wegzuziehn, wo wir unser gutes Auskommen hatten, und wo Du in der Pfarre so schönes Geld verdientest – nicht einmal die Miethe hab' ich mir Zeit genommen zu bezahlen, und was wird unsere freundliche Wirthin, die so schon immer voller Gift und Galle stak, von uns denken – und jetzt liegen wir nun hier, Gott weiß, wie lange, auf der Bärenhaut, und haben das Wenige, was Du Dir gespart, denn auch glücklich wieder aufgezehrt. Daß D u Dich aber, wo wir jetzt wieder hinausziehen m ü s s e n , schonen solltest, Gott bewahre – den ganzen heiligen Abend rennt die Madam in der Kälte umher, kommt Nachts um zwei Uhr erst wieder halb erfroren zu Hause – fällt nachher um, daß ihr Vater einen Todesschreck davon hat, liegt Stunden lang ohnmächtig, und wundert sich dann auch noch, daß ihr die ganze Woche unwohl und schlecht zu Muthe ist – d i e Natur wollt' ich sehn, die das anders aushielte und noch dazu bei d e r Nahrung.«
»Ich glaube es wird kalt hier« sagte auf all diese Vorwürfe mit leiser Stimme das arme Kind – »mich friert.«
»Na ich liege da auch in keinem Schwitzbad« meinte der Alte brummend, stand aber doch langsam auf, und sah nach dem Ofen – »ein Glück, daß uns der Staat die Feuerung liefert« lachte er dabei still vor sich hin, während er die Kohlen zusammenschürte, die Asche bei Seite schob, und ein paar große Stücken Holz auf die wieder erwachende Flamme legte – »das Holz haben ist hier ziemlich bequem im Wald, denn hier in die Spitze, wo überdieß kein Wild mehr steht, kommt der a l t e Horneckschen Förster wohl gar nicht mehr hinein – und der j u n g e ? ja, Du lieber Gott, wo steckt der –
Es hatte ein Knabe wohl einen Strauß
Den kämpft' er mit seinem Gegner aus.
Am andren Morgen, o große Noth
Wie war die Haide so blutig roth. –
»Hol's der Henker,« brach er plötzlich ab, und sah sich wie scheu im Zimmer um »die Lieder wollen gar nicht mehr aus der Kehle, und es ist mir manchmal, wenn ich anfangen will zu singen als ob –«
Er schwieg, schüttelte sich, als wenn er vor etwas zusammenschaudere, klappte die Ofenthüre zu, und ging brummend wieder zu seinem Platz zurück.
»Als ob? Vater?« sagte Marie leise. –
»Ih laß den Unsinn« lautete die mürrische Antwort, »'s ist mir heut' Abend so unheimlich genug zu Muthe – das ist ein schöner Sylvester heute – hui, wenn das im neuen Jahr so fortgeht, können wir uns gratuliren. Und die Kälte dabei, das friert Stein und Bein draußen, als ob's den Erdboden bis in den Mittelpunkt hinein zu Eis verwandeln wollte. Daß der Teufel ein solches Leben holte – Lieder wollen mir auch gar nicht mehr einfallen. Sonst, wenn ich recht ärgerlich und wild war, sang ich, und machte meinem Grimm dadurch Luft – jetzt geht auch das nicht mehr, und ich muß Alles in mich hineinschlucken.«
»Wie stehts mit dem Gelde, Vater?«
»Wenn ich morgen nicht drüben in Horneck spielen kann, müssen wir Tannenzapfen kauen – sonst gut –« brummte der Alte und suchte sich in eine Art wilden Humors hinein zu bringen. »Ei zum Donnerwetter, was hilft mir das Grillenfangen – wir wollen lustig sein, heut' Abend, kreuzfidel – die Flasche hier ist noch halb voll Korn, da können wir uns einen delikaten Punsch davon brauen – nur heisses Wasser dazu und – ja so, weiter haben wir Nichts – doch was thuts. So – nun koche und nachher wollen wir weiter mit einander sprechen.«
Er war dabei aufgestanden, hatte einen, über seinen Lager hängenden Blechbecher ergriffen, aus dem angebrochenen Krug mit Wasser gefüllt und auf den Ofen gesetzt, dann nahm er die Geige von der Wand, setzte sich auf den Stuhl, der vor dem Bett seiner Tochter stand, und fing an zu stimmen.
»Stört es Dich?« sagte er, als er bald darauf einhielt, und sich nach ihr umschaute – »oder willst Du schlafen?«
Es lag eine Art zärtlicher Besorgniß in dem Ton, mit dem der alte rauhe Mann die Worte sprach, und so ungewohnt kamen sie dem armen Mädchen, daß sie sich, wie sie nur den Klang derselben vernahm, auf eigene Art erregt, gerührt fühlte. – Die Thränen – ein bei ihr gewiß seltener Fall, stürzten ihr mit Blitzesschnelle in die Augen und sie konnte nur leise und lächelnd mit dem Kopfe schütteln.
»Na, dann kann's losgehn« meinte der Vater, präludirte, auf dem jetzt gestimmten Instrumente, einige kurze melodische Sätze und lachte dann – »was Lustiges wollen die Bauern haben, immer 'was Lustiges – wie's auch bei uns im Herzen aussieht, das ist ihnen einerlei – nur ' w a s L u s t i g e s – ei zum Henker, da habt's denn.«
Und rasch in muntere Weise eingehend, spielte er erst einen Vers aus der Melodie und fiel dann mit seiner, durch die Kälte allerdings etwas belegten, aber immer noch klangvollen Stimme ein:
Als ich noch, ein kleiner Knabe,
An dem Hals der Mutter hing,
Noch in toller Kindes-Weise
Schmetterling und Käfer fing;
Kurz als ich, ein wilder Bube,
Mich noch gerne tragen ließ,
Fragten oft die hübschen Mädchen
Wie der kleine Knabe hieß.
Und es küßte dann gar zärtlich
Wohl so mancher Rosenmund
Mir das kleine rothe Mäulchen
Mit den Purpurlippen wund.
Aus der allerfrühsten Jugend
Mich das immer noch verdrießt,
Daß – wenn man so klein und niedlich –
Auch so schrecklich dumm man ist.
Damals schrie ich Mord und Zeter
Wenn mich Jemand küssen wollt,
Wenn Korallenlippen boten
Mir der Minne süßen Sold.
Mit den Füßen trat ich schreiend
Nach der schönen Mädchen Schaar
Und zum Küssen ich allein nur
Durch Bonbons zu bringen war.
Ach wie dumm ich da gewesen
Mir wohl Keiner glauben mag.
Und es reuet mich wahrhaftig,
Denk' ich dran, noch diesen Tag.
Kämen jetzt doch nur die Mädchen
Böten mir nur einen Kuß,
Ach ich wollt von ihren Lippen
Saugen süßen Ueberfluß;
Doch jetzt bin ich groß geworden,
Steige alt genug umher
Und die Mädchen – gehn vorüber,
Aber Keine küßt mich mehr.
Er setzte die Violine auf seine Knie, und pfiff eine Weile in tiefen Gedanken die Melodie fort.
Marie lag wohl eine halbe Stunde lang schweigend auf ihrem Lager – das Wasser war unter der Zeit heiß geworden – der Musikant brummte wenigstens sehr beifällig darüber, als er endlich aufstand und nachsah, und er nahm jetzt die Kornflasche aus der Ecke, in der er sein Lager hatte, goß eine hinlängliche – aber nicht zu große Quantität – hinzu, rührte die Mischung eine Weile mit einem abgebrochnen Reisig um, ließ sie noch ein Weilchen stehn, und hob sie dann sorgfältig, mit seinem dazu aufgenommenen Rockzipfel vom Ofen herunter auf den Tisch.
Ein blecherner, dortliegender Löffel diente ihm dazu, das Getränk zu kosten, ohne sich an dem heißen Blech die Lippen zu verbrennen, und sein wohlzufriedenes –
»Hol mich der Teufel, das schmeckt gut« war von einem vergnügten Seitenblick auf die Tochter begleitet. »Hier, Marie,« fuhr er dann nach einer Weile, in der er einen Theil des Tranks in ein verwaistes Oberschälchen geschüttet und eine kurze Zeit geblasen hatte fort – »da, koste einmal, das wird Dir auch gut thun, das wärmt durch und durch, und innerliche Wärme ist viel mehr werth, wie äußerliche.«
Die Tochter nahm das Schälchen, trank einen Schluck, nickte ihm lächelnd zu und fiel dann wieder auf ihr Kissen zurück.
»Du bist ja heute recht freundlich« sagte der alte Mann, und blieb zögernd bei dem Bette stehn, – »hast Du noch Schmerzen.«
»Nicht viel mehr, Vater – j e t z t gar keine mehr,« lautete die leise Antwort »es wird schon besser – schon ganz gut wieder werden.«
»Ich begreif es nicht, daß Du Dich an d e n Kerl hängen konntest« brummte der Musikant endlich – »daß d e r Dich sitzen ließe, war doch – auch ohne all das andere – an den zehn Fingern abzulesen. Er, der Sohn eines Generalsuperintendenten – nimm nur einmal den Titel an – und Du eine gewöhnliche Wirthschafterin – Unsinn so was ist noch gar nicht dagewesen und fällt auch nicht vor. Die größte Dummheit aber ist's, daß Du Dich jetzt noch darüber sorgst und quälst. D u bist doch, weiß es Gott, sonst gescheut genug, um auch d a s vorhergesehn zu haben.«
»Vater« bat das Mädchen.
»Ach was, es ist wahr – wenn Du funfzehn, sechszehn Jahr gewesen wärst, da glaubt man vielleicht solchen Firlefanz. Du aber mit ein und zwanzig – es ist lächerlich.«
»Lächerlich?« rief die Tochter und richtete sich, von der Erregung des Augenblicks hingerissen und mit durch mehr als Fiebergluth gerötheten Wangen hoch auf im Bett – »lächerlich? Hast Du je gehört, w a s er und w i e er zum Volk gesprochen? Hast Du gehört, wie er für die Proletarier, für die arme unterdrückte Classe mit Wort und Schrift gekämpft, und selbst Kerker und Lebensgefahr nicht scheute, sein schönes herrliches Ziel zu verfolgen? – Wenn Du je seine Reden an das versammelte, in athemlosem Schweigen lauschende Volk gehört, wenn Du je mit uns Allen hingerissen gewesen wärst von den mächtig ergreifenden Worten, dem feurigen in wilder Begeisterung auflodernden Feuer des Redners – dann Vater, dann hättest Du, wie ich, geglaubt, daß die Schwüre, die mir der nämliche Mund in heiliger Stunde flüsterte, auch wahr und heilig wären, wie die That, die sie sonst zu edlem Handeln entflammte. Dann Vater hättest Du Dich auch, wie ich, dem süßen Traum hingegeben, das Wesen allein in der weiten großen Welt zu sein, daß d i e s e n Mann, zu dem Tausende und Tausende mit Bewunderung aufschauten, fesseln könnte. O der Gedanke war so schön – so lieb – ich war so – so stolz darin geworden – – Vater – Du wolltest mir ja immer einmal erzählen,« brach sie plötzlich ab, »wie Du eigentlich Deine frühere, so glückliche Laufbahn in der Stadt verlassen, und dazu gekommen wärst – Dir auf den Dörfern Dein Brod durch Musiciren zu e r a r b e i t e n – jedesmal aber, wenn ich davon angefangen habe, schwiegst Du still, oder sangst wunderliche tolle Lieder und ließest mich nicht mehr zu Worte kommen. Soll ich es heute vielleicht erfahren? – – wer weiß was morgen die Zeit bringt – ich fürchte mich fast vor dem neuen Jahr, und doch freu' ich mich darauf.«
»Hm« sagte der alte Musikant, und legte die Violine still neben sich nieder – »Ihr Frauen bleibt Euch doch Alle gleich – Deine Mutter war eben so – wo Ihr einmal etwas heraus zu bekommen habt, gebt Ihr nicht Ruh noch Rast, und haltet keinen Frieden. Ich weiß aber eigentlich gar nicht, weshalb ich Dir d i e Geschichte nicht hätte erzählen wollen – sie ist einfach und unbedeutend genug – nur das Ende war häßlich – oder ist vielmehr n o c h häßlich.«
»Und der Anfang?«
»Nun Du weißt doch, daß ich Musikdirector in G. – war, und mein gutes Auskommen hatte – vor zwölf oder dreizehn Jahren aber, wo die Leute verrückt wurden und für lauter alt Klassisches schwärmten und Alles was recht deutsch d. h. verständlich war, mit Nasenrümpfen und über die Achsel ansahen, da kam ich zuerst in Miskredit. Ich hatte alle Achtung vor den todten Meistern und schwärmte besonders für Weber und Mozart, wenn aber etwas Neues, Gutes kam, wollte ich's auch haben, und wollte ihm Achtung verschaffen, und da trat ich zuerst in's Fettnäpfchen mitten hinein. Die ›große Welt‹ wurde wie gesagt aesthetisch – wollte nichts wie Gluck und Sebastian Bach hören – ich opponirte, ein anderer trat gegen mich auf, Cabalen wurden geschmiedet und ich – erlag. Sie schickten mich fort – Du warst damals bei Deiner Tante in Wien und erfuhrst nichts von der ganzen Geschichte, die Alte starb aber – hinterließ ihr ganzes Vermögen einer frommen Stiftung – ihrem im Elend sitzenden Bruder nicht einen rothen Pfennig, und d e r wurde M u s i k a n t .«
»Etwas bin ich wohl auch mit schuld an meiner Lage« nahm der alte Mann endlich, nachdem er den Refrain eines kleinen lustigen Liedes halblaut vor sich hingepfiffen, den Faden seiner Erzählung wieder auf – »aus Mismuth und Aerger, eines protegirten Holzkopfs wegen, der nur an den rechten Stellen zu katzenbuckeln wußte, mein Brod verloren zu haben – ergab ich mich in etwas dem Trunk – Deine Mutter bat mich genug, es nicht zu thun – aber der Wahnsinn hatte sich mir nun einmal in's Hirn gesetzt – das verdammte Saufen blieb nicht mehr Leidenschaft, es wurde zur Krankheit, und ich selber – was ich jetzt bin – Brrrrr – es ekelt mich manchmal, wenn ich mich selber anfassen soll.«
»Aber wo starb die Mutter?« frag mit leiser Stimme Marie.
»Du kamst damals aus glücklichen Verhältnissen, aus Reichthum und Ueberfluß heraus, in unser Elend,« sagte der Vater, ohne auf die an ihn gerichtete Frage zu antworten – »es sah hübsch bei uns aus – wie? – Du warst aber ein braves Mädchen, und suchtest und fandest gleich eine Stelle, wo Du arbeiten, und Deinen Vater unterstützen konntest. Ja – wer einmal Nichts haben s o l l , dem fällt auch die Butter vom Brod herunter – das ist ein altes Sprichwort, und so wurde es auch bei uns. Na, ich denke, D u hast's ebenfalls erfahren – aber doch wohl noch nicht so arg, wie Deine Mutter – die hat traurige Zeiten mit durchgemacht.«
»Und wo starb sie?« sagte noch einmal das Mädchen.
»Gottes Zorn trieb mich damals unter das Lumpenpack, mit dem ich zwei volle Jahre herumzog – der Trunk hatte mich zum Thier erniedrigt, und ich – war ein recht schlechter Mensch geworden. – Ich weiß – es gab einmal eine Zeit, wo ich – aber Pest und Donner, ich bin ja heut' Abend förmlich wie ein altes Waschweib, und winsele und lamentire, daß es einen Stein erbarmen möchte. – Ei zum Henker, wollen einmal wieder trinken – da vergehen die Grillen, und die Welt bekommt eine ganz andere Farbe. Das verwünschte Bachstetten hab' ich überdieß auf dem Strich, und ich weiß bei Gott nicht, w a s mich wieder hierher geführt hat, manchmal ist's aber ordentlich, als ob Einen etwas ganz anderes triebe, als der freie Wille, und als ob es eine Art Verhängniß – ah, meinetwegen – 's mag kommen – ich bin fertig.«
»Vater,« sagte die Tochter plötzlich, und berührte seinen Arm – »die Lampe will ausgehen!«
»Die Lampe?« brummte dieser, der den Kopf auf die Brust gesenkt, in eine Art dumpfes Brüten gefallen war – »Unsinn, die brennt hell genug.«
Tiefes Schweigen herrschte in dem kleinen, unheimlichen Raum – draußen schüttelte der Wind die entlaubten Birken, die vor dem Fenster standen, und warf nach einer Weile den Hut in die Stube, den der Alte in die letzte, nicht mit Bretern vernagelte, aber jetzt auch zerbrochene Glasscheibe gesteckt hatte. Meier stand auf, drückte den Hut wieder auf seinen alten Platz, denn der scharfe Luftzug, der durch die Oeffnung hereinpfiff, drohte das Licht zu verlöschen, legte dann einen Stein hinein, und setzte sich wieder auf die Bettkante nieder.
»Vater – mir ist recht wunderlich zu Muthe,« sagte da plötzlich das Mädchen, und versuchte, sich auf ihrem Lager emporzurichten – »ich wollte – ich wollte, e r wäre hier.«
»Er? – wer?« knurrte der Alte – »nenn' mir noch einmal den Kerl, und sieh dann, was ich thue – hol' ihn der Böse mit seinen Redensarten und Versprechungen – hätte er e i n e gehalten, so lägen wir jetzt nicht hier und bliesen Trübsal.«
»Hätt' er nur damals – meinen Brief – gelesen –« flüsterte das Mädchen in abgebrochenen Sätzen, und eine eigenthümliche Unruhe wurde in ihrem ganzen Wesen bemerkbar – ihr Vater achtete nicht darauf, er vertiefte sich mehr und mehr in seinen Gedanken, und horchte nur einmal aufmerksam lauschend auf, als die Thurmuhr draußen langsam und schwerfällig drei Viertel schlug.
»Wie viel Uhr ist das, Vater?«
»Drei Viertel auf zwölf – 's wird gleich Mitternacht sein, und dann – springen wir in's neue Jahr hinein. Beim Himmel, beinahe so ein Sylvester wie vor drei Jahren – und gerade die Stelle wieder – ich muß mir nur noch ein Glas Grog machen – das hilft.«
»Vater!« sagte da das Mädchen mit kaum hörbarer Stimme – »nimm doch – nimm doch den Hut – den Hut wieder aus dem Fenster heraus – es wird – es wird so heiß – so schwül hier.«
Der alte Mann sprang wie von einer Kugel getroffen in die Höhe, sah erst seine Tochter ein paar Secunden mit stieren, fast aus ihren Höhlen drängenden Augen an, sprang dann nach der Lampe, griff diese auf, und hielt sie hoch über seinem Kopf gegen der Tochter Lager, daß der helle Schein des flammenden Dochtes auf die bleichen, geisterhaften Züge des armen Kindes fiel.
»Marie – Mädchen – Kind!« schrie er dabei mit zitternder, von Todesangst fast erstickter Stimme – »was ist Dir – wie siehst Du aus? – großer – großer allmächtiger Gott – und an der nämlichen Stelle, wo vor drei Jahren Deine Mutter starb –«
Marie raffte sich gewaltsam zusammen.
»Was – hier? – hier war es?« lispelte sie, und die großen glanzlosen Augen hafteten in einem unbeschreiblichen Gemisch von Schreck und Freude auf dem bleich und bebend vor ihr stehenden Vater – »hier in dem Haus? – in der Sylvesternacht?«
Der Alte nickte schweigend mit dem Kopf.
»Wie ist Dir denn jetzt eigentlich, Marie?« sagte er endlich etwas ruhiger – »Du hast mir einmal einen Schreck eingejagt – es ist wohl gar nicht so schlimm.«
»In demselben Zimmer, Vater?«
Der alte Musikant nickte noch einmal, und sah sich, fast wie scheu, in dem öden Raume um – »auf demselben Gestell, auf dem D u jetzt liegst,« flüsterte er mit kaum hörbarer Stimme.
Die Kranke sank wieder in ihre frühere Lage zurück, ein schwaches Lächeln stahl sich um ihre bleichen Lippen, und mit gefalteten Händen murmelte sie einige, dem Vater unverständliche Worte. Endlich streckte sie ihre linke Hand gegen ihn aus, und sagte:
»Vater – wolltest Du mir wohl eine Bitte erfüllen – eine Bitte, mit der Du mir eine recht große Liebe erzeigen könntest?«
Der alte Mann war indessen aufgestanden, und mit raschen Schritten im Zimmer hin und hergegangen; augenscheinlich arbeitete er daran, die weiche Stimmung, in der er sich befand, nieder zu kämpfen – er pfiff bald, bald summte er kurze, abgebrochene Sätze komischer Lieder vor sich hin. Bei der Bitte der Tochter wandte er sich rasch nach dieser um – sich plötzlich aber besinnend stampfte er mit dem Fuß, murmelte einen halb abgebrochenen Fluch in den Bart, und sagte:
»Ah was – laß die Possen – wir wollen lieber schlafen gehn.« Er schien die frühere, augenblickliche Rührung vollkommen abgeschüttelt, und sein rauhes unwirrsches Wesen wieder angenommen zu haben. Der Zustand der Tochter war ihm nämlich zu schnell und überraschend gekommen, und hatte dadurch all' die früheren, schon einmal an diesem Ort durchlebten Schreckbilder heraufbeschworen – sollte er das aber jetzt dem Kinde merken lassen? – Gott bewahre – – wenn aber nun doch? – Er heftete den scheuen ungewissen Blick fest und forschend auf das Antlitz der Kranken – und wie mit einer eiskalten Hand griff's ihm an's innerste Herz. – In d e n Zügen stand der Tod – und dem hatte er schon zu oft in das grauenvolle Antlitz geschaut, um sich darin noch irren zu können – mit schneller, beruhigender Stimme setzte er hinzu – »was ist es denn, Marie, kann ich es Dir bringen?«
»Nur noch ein Lied – sing mir – sing mir heute Abend – dann wollen wir uns schlafen legen – morgen werd' ich schon wieder besser sein – willst Du, Vater?«
»Was für ein Lied, Marie?«
»Mein Lieblingslied – die Ballade von – von der todten Sängerin.«
»Es ist gar so ernst,« sagte der alte Mann, und kämpfte, jetzt die Blicke nicht mehr von dem immer blässer und leichenähnlicher werdenden Angesicht der Tochter wendend, gewaltsam gegen den unbezwingbar in ihm aufsteigenden Schmerz an –
»Die Ballade, Vater!«
Der Vater griff nach der Violine, die Tochter winkte aber bittend mit der Hand –
»Nicht das Instrument,« flüsterte sie – »die scharfen Töne thun mir weh – nur Deine Stimme, Vater – und – und Deine Hand dazu – das ist ja Alles, was – mir noch – geblieben.«
»Es ist so ein langweiliges Lied,« warf der Vater noch einmal ein, und suchte nur Zeit zu gewinnen, seine Thränen niederzuwürgen – »wie ist Dir denn, Marie?«
»Gut – gut, Vater – aber die Ballade!«
»Hm – ahem,« räusperte sich der Alte – setzte ein paar Mal an, und mußte immer wieder aufhören – »ahem«
Die Kranke ließ seine Hand nicht mehr los, lag aber still und geduldig des Anfangs harrend. Endlich hatte sich der arme alte Mann so weit gesammelt, daß er wenigstens seine Stimme gewinnen konnte, und mit leisen, klangvollen, aber doch vor niedergehaltenem Schmerz zitternden Tönen sang er:
Es steht am Meeresstrande
Eine stille bleiche Maid,
Barfuß im kalten Sande
Mit flatternd dünnem Kleid.
Und auf die schaumzersprühten
Und krausen Wogen aus
Streut sie zerpflückte Blüthen
Aus einem frischen Strauß. –
Mit solchem Ausdruck hatte der Mann noch nie gesungen! Die hellen Thränen rollten ihm über die faltigen hageren Wangen hinunter, als er Vers nach Vers beendete, und dem ängstlichen Blick nur immer mehr Grund zu wirklich ernster Besorgniß wurde. So wie er aber aufhören wollte, bat ihn ein leiser Druck der Hand fortzufahren, und er konnte d e r Bitte nicht widerstehen.
Zum drittletzten Vers war er so gekommen
Das – das war seine Stimme!
Hier ist – hier kommt die Braut!
Da schlug es draußen auf dem Thurm in langsam gemessenen Schlägen zwölf, und Marie zuckte, wie von Todesschauern ergriffen, zusammen.
»Mein Kind – mein Kind!« sagte der Greis, und wollte sich über sie hinüberbeugen.
»Den Schluß, Vater – den Schluß,« flüsterte die kaum noch hörbare Stimme – »o den Schluß!«
Am stillen öden Strande,
Vom Fluthenstrom umzischt.
sang der alte Mann, aber er war nicht mehr im Stande, den Tönen Worte zu geben – die Laute blieben ihm in der Kehle stecken – er machte ein- oder zweimal den Versuch, doch umsonst – es ging nicht, und während seine Thränen immer unaufhaltsamer quollen, pfiff er mit zitternden Lippen den Schluß der Ballade.
Mit dem letzten Ton dröhnte auch der letzte Schlag der schläfrigen Thurmuhr aus –
»Mutter!« lispelte das Mädchen, und der Greis sprang mit einem lauten Aufschrei von seinem Sitz empor –
» M a r i e ! « rief er, und strich ihr mit vor Angst fieberhaft fliegenden Händen die kalte, feuchte Stirn – »Marie« –
Umsonst, alter kinderloser Mann – Deine Marie hört Dich nicht mehr – – sie ist zur Mutter gegangen.
Laut schluchzend sank er neben dem Bett auf die Knie nieder, und barg sein Gesicht an dem kalten, harten Lager und stöhnte:
»War mir's doch den ganzen langen Tag, als ob eine Leiche im Zimmer läge.«