Pfarre und Schule: Dritter Band
Sechstes Kapitel. Der heilige Abend.
Sechstes Kapitel.
Der heilige Abend.
Hui, wie der eisige Nord über die düstere eherne Erde pfiff und brauste; wie er die Gräser und Blüthen knickte, die der milde Herbst noch geschont und gehegt, wie er die letzten gelben Blätter von den Bäumen riß, und sie im tollen Spiel über die Haide trieb, und die spröden staubigen Schneeflocken dann in dünnen durchsichtigen Nebelschleiern an Hängen und Halden vorüberjagte. Hui, wie das tobte und sauste, und die alte knarrende Wetterfahne auf dem grauen Hornecker Kirchthurm fast zur Verzweiflung brachte, hui, wie das durch die Bergschluchten strich, und die Bäche und Quellen faßte, und in stählerne Banden schlug.
Wi n t e r ; die Oefen glühten, und dicht verschlossene Thüren hielten den kalten, unwillkommenen Gast vor der Schwelle draußen – Wi n t e r – in Mäntel und Pelze gehüllt, schritt der Wanderer die öden hartgefrorenen Pfade entlang – Wi n t e r – die dünnen Lumpen fest um sich hergezogen, lag der Arme fröstelnd und zusammengekrümmt auf seinem harten, kalten Lager, und träumte von geheizten Stuben und warmen Kleidern – träumte – bis ihn der Frost wieder weckte, und zu neuem qualvollen Dasein in Leben und Bewußtsein rief.
Der Winter war in aller Kraft und Stärke, und zwar ganz auf einmal und urplötzlich hereingebrochen; und nicht etwa wie ein silberhaariger Greis kam er, mit dem entlaubten Stab in der Hand, und dem gelben Eichenkranz im Haar – sondern toll, wild, wie ein roher, wüster Kriegsgesell, der mit Morgenstern und starrer Pickelhaube, in die friedliche Wohnung der Menschen einbricht, und was er nicht plündern kann, zerstört und in Stücke schlägt, – nicht deckte Felder, Wald und Dorf die stille, reinliche, warme Schneedecke, unter der die Saaten friedlich schlummern, und des kommenden Frühjahrs harren, die dem Wald jene großartige stille Ruhe verleiht, und den Dörfern ein so sauberes, ja selbst hübsches Aussehen giebt; wo die weichflockigen Massen die Fenster von außen halb umschließen, daß der Wind die Ritzen nicht findet, durch die er sonst muthwillig in die Stube dringt – wo die festen Decken auf den Strohdächern liegen, und in Massen, oft wie drapirt davon herunterhängen, und hohe schloßenweiße Haufen, welche die vor den Thüren gekehrte »Bahn« umdämmen – wo die rothbackigen Kinder auf kleinen schmalen Schlitten mit ängstlich fröhlichen Gesichtern den steilen Kirchberg herunter schießen, und mit Freuden zehn und zwanzigmal wieder bergan keuchen, um nur wieder mit Blitzesschnelle auf's Neue niederfahren zu können – wo die Hecken und Obstbäume darein schauen, als ob sie, in schützende wollene Decken gehüllt, mit ruhigem Vertrauen jetzt einer etwa schärfer hereinbrechenden Kälte entgegensehen würden.
Nein, starr und eisern brach er an; die tiefen Wagengleise der Straße bannte er in ihre Form, die Sturzäcker blieben unerbittlich hart und schroff – dem grünen Raps auf den Feldern draußen, wo der Hase Nachts sein Mahl hielt, und das Rebhuhn Schutz gegen den schneidenden Nord fand, brach er das Herz, daß er gelb und abgestorben dahin welkte – den Pflug, den noch der nachlässige Knecht im Acker gelassen, hielt er mit unerschütterlicher Gewalt und felsenfest an seine Stelle gebannt – die Gräser starben, die Bäche standen, und knarrende, ächzende Wagen führten in geschäftiger Eile die so nöthige Feuerung aus dem starr und trübselig dem gestrengen Winter in's Antlitz schauenden Wald herein.
Es war Weihnachten – und dieser auf der Pfarre als Sonntag ein dreifacher Feiertag – Sophie, des Pastors Töchterlein wurde heute, am 24. December, zum dritten und letzten Male von der Kanzel herunter, der freundlich zusammenflüsternden Gemeinde als ehrsame Braut des Franz Hermann Wahlert, Dr. phil. und Sohn Sr. etc. etc. des Herrn Generalsuperintendenten Wahlert etc. etc. – verkündet, und das holde Kind selber saß, tief das Köpfchen gesenkt, daß Niemand das rosig übergossene, frommen Dank athmende Angesicht mit neugierigen Blicken entweihen und zu noch höherer Röthe treiben könne, auf ihrem stillen versteckten Plätzchen, schräg der Kanzel gegenüber.
An dem Tag ging es hoch her in der Pfarre, und Pastor Scheidler hatte, um das schöne Fest so recht mit allem Pomp zu feiern, auch den Schullehrer und das Gemeindeoberhaupt dazu einladen wollen. Sophie bat aber so lange, an d e m Tag g a r keine Gäste sehen und ihn ganz allein und still in der Familie verbringen zu dürfen, bis der Pastor endlich nachgab, und nur kopfschüttelnd meinte, das sei wieder einmal eine der wunderlichen Launen seines lieben Töchterleins, der sich Vater und Mutter, sie möchten nun wollen oder nicht, fügen müßten. Es geschah aber doch so, und nur das ließ sich der Pastor nicht nehmen, daß den beiden Schulmeistern, jedem eine Flasche Wein und eine t ü c h t i g e Portion Kuchen hinübergesandt würde, und Sophie mußte das selber besorgen.
Der Tag verfloß so in der Pfarre in stiller häuslicher Glückseligkeit, und der Plan für den Tag war folgendermaßen bestimmt. Nach der Predigt wollte der Pastor bei den Seinen bleiben, die Betstunde konnte der Schulmeister heute in der Kirche halten, Abends aber, vor der Bescheerung, und mit hereingebrochener Dunkelheit, wenn die Lichter angezündet standen, und die Herzen der Kinder in ängstlicher freudiger Ungeduld an zu pochen und zu schlagen fingen, dann legte Pastor Scheidler am Altar drüben seines ältesten Töchterleins Hand in die des Mannes, der ihr für ihr ganzes künftiges Leben Schutz und Hort sein sollte, und zum Christbaum hinüber führte der glückliche Bräutigam die erwählte liebe, traute G a t t i n .
So glücklich und froh es aber in der Pfarre aussah, so trübe und traurig stand es in der Schule drüben, Kleinholz war heute einmal recht schwach und elend geworden, klagte fortwährend über Kälte, trotzdem daß sie ihn unten in der Schulstube neben dem derb geheizten Ofen sein Bett gemacht, und wollte Luft – Luft – Luft haben. Das aber war nicht gut möglich, denn hätten sie Fenster oder Thüren geöffnet, so wäre der kaum erwärmte Raum augenblicklich wieder durchkältet worden, und jener eigenthümliche feine, durchdringende Dunst, der niedrigen, feuchtgelegenen Schulstuben stets eigen ist, legte sich dem armen Kranken nur immer drückender auf die Brust, und verstattete ihm nicht einmal ordentlich und frei aufathmen zu können.
Lieschen wich nicht von seinem Bett, und reichte ihm mit treuer Sorgfalt und wirklich ängstlicher Genauigkeit die verordnete, und von Hennig selbst gestern aus der Residenz besorgte Medicin. Dabei mußte sie in demselben Raum und an der anderen Seite des Ofens die Kinder reinigen und anziehen, in der Röhre das spärliche Mahl kochen, und das Geschirr am Morgen, wozu ihr bis jetzt noch keine Zeit geworden war, aufwaschen. Dennoch war dem armen Kinde das Herz dabei froh und leicht – heute Morgen am Geburtstage des Herrn, hatte sie Nachricht – die erste Nachricht von dem Geliebten erhalten, um den sie sich die ganze Zeit abgesorgt und gequält – heute kam der Freudenbote, der ihr einen Brief, eine ausführliche und genaue Beschreibung seiner Flucht brachte. Und selbst auf dem Schiff, das ihn hinüber in das Land der Freiheit führen sollte, war er geschrieben, schon in der See draußen erst vollendet und zugesiegelt worden, und der »Lootse« (Lieschen wußte freilich nicht, w a s das für ein Mann war, und was er bedeute, hatte ihn aber doch dafür von ganzer Seele lieb) nahm ihn mit zurück an's Land, wo er versprochen, ihn richtig zu besorgen. Und wie mußte der sein Wort gehalten haben – aus einem ganz fremden Land her, wo sie eine andere, fremde Sprache redeten, wo die See bis dicht an die Stadt kam, wie ihr Fritz schrieb, und die Leute ganz anders gekleidet gingen, und gar wunderlich aussähen, kam der Brief, und brachte ihr Trost und Frieden für das arme so übervolle Herz. Und was versprach er nicht alles für die Zukunft, wie wollte Fritz in Amerika arbeiten und fleißig sein, und viel, viel Geld verdienen, bis er so viel habe, daß er sich ankaufen, und die Lieben dann alle, alle hinüberholen könne – und wie herrlich wollten sie dann in Frieden und Seligkeit zusammen leben, und Leid und Freud' so gern, o so unendlich gern gemeinschaftlich ertragen.
Lieschen las den Brief wohl fünf sechsmal durch, und trug ihn dann auch noch in der Tasche herum, daß sie dann und wann darnach fühlen, und sich immer überzeugen könne, es sei wirklich wahr, ihr Fritz habe ihr den Brief geschickt, und er segle jetzt, frei und glücklich, jeder Gefahr entronnen – nur dem bösen Wasser nicht, an das sie manchmal mit Angst und Grausen dachte – dem schönen, herrlichen Amerika – jetzt dem gelobten Lande ihres Sehnens, ihrer Träume, entgegen.
Die Kirche war aus, und Hennig kam zum Mittagsessen in die Schule. Er hatte heute, als am heiligen Abend, oben in der Schenke, wo sie ein fettes Schwein geschlachtet, einen Braten bestellt, und ein so leckeres Mahl hatte die Tafel der armen Leute lange nicht geziert – ei, wie die Kinder mit der braunen Kruste schon vorher, ehe sie zufahren durften, liebäugelten, und wie Karl, der dritte, ein siebenjähriger blondhaariger, aber etwas bleich aussehender Bursche zweimal in dem jeden Tag gehaltenen Tischgebet so stecken blieb, daß ihn der Vater, vom Bett aus, mit schwacher, aber unwilliger Stimme unterstützen mußte.
Schweinebraten – Du lieber Gott – wann war auf Schulmeister Kleinholzes Tisch Schweinebraten zum letzten Mal gewesen – und zwei Flaschen Wein – nein, da hörte alles auf. – Eine Flasche wurde übrigens gleich in den verschlossenen Eckschrank gelegt, denn so hatte es Hennig angeordnet – und aus der anderen schenkte er jetzt in die wenigen Gläser, und als die nicht ausreichten, in Tassenschälchen, das hellblinkende flüssige Gold ein.
»Und Sie selbst wollen nicht mittrinken?« frug Lieschen erstaunt und bittend – »o guter Herr Hennig, das dürfen Sie uns nicht zu leide thun.«
Hennig hatte Kopfschmerzen – der Wein bekam ihm überhaupt nicht, und heute, wo er am Nachmittag noch obendrein Betstunde zu halten hatte, wollte er es jedenfalls unterlassen – vielleicht morgen. Weiteres Zureden half nichts, und das Mahl – und wie fettig sahen die Kinder danach aus – ging still und ruhig vorüber.
Die Betstunde war gehalten – die rothglühende Sonne, die den ganzen Tag hell, aber nicht erwärmend geschienen, sank hinter die dunkelgrünen Fichtenwände, und der Abend brach mehr und mehr herein.
Weihnachten dämmerte, o Du lieber, lieber heiliger Abend Du, mit Deinen frohen Kindergesichtern, und den eifrig sorgenden und emsig geschäftigen Eltern, mit den flammenden Kerzen, und dem grünen zackigen Baum, mit den goldfunkelnden Aepfeln und Nüssen, dem köstlichen Zuckerwerk, und all' Deiner darunter ausgebreiteten Herrlichkeit. – Mit Deinem geheimnißvollen verschwiegenen Zauber, mit dem Du der Kinder Herzen in heiliger Scheu und Ehrfurcht erfüllst. – Und jetzt – jetzt – endlich tönt das, o wie lang, wie heiß ersehnte Klingeln – die Thür wird aufgerissen – der Glanz der Lichter blendet die erst so ungeduldige, und jetzt doch so scheu und schüchtern zögernde Schaar der Kleinen. Endlich aber ist die erste Ueberraschung besiegt – überwunden – das Jüngste wird auf dem Arm seinem Plätzchen mit dem kleinen winzigen Baum für sich allein, entgegengetragen, und ihm nach drängen, dadurch Muth gewinnend, die älteren Knaben und Mädchen, und jetzt –
O Leser, wie unglücklich müßtest Du sein, wenn Du nicht, auch ohne das Heraufbeschwören des theuren Bildes, die Lust und Wonne selbst empfändest, an der Eltern Hand zu Deinem Christbaum geführt zu sein – h a s t Du das aber – glühte Dir nun einmal der helle funkelnde Kerzenglanz in's Thränen gefüllte Auge, dann giebt es keine Macht auf dieser Erde – den Wahnsinn vielleicht ausgenommen – die Dir so lange Du lebst und athmest, die Erinnerung – die selige Erinnerung an jene Zeit, rauben könnte. Ja, je ärger Noth und Sorge auf Dich einstürmt, je weiter Du von Deinen Lieben entfernt, in fremden Ländern einsam, freundlos irrst, mit desto lebendigeren, desto glühenderen Farben tritt das Andenken an jene selige glückliche Zeit in den trüben Rahmen Deiner Gegenwart, und nur dann zerfließen die Gebilde in ihr ödes trauriges Nichts, wenn Du sehnend, verlangend die Arme ausstreckst, sie zu erreichen.
Weihnachten brach an, Pastors Kinder saßen, in die Hinterstube gebannt, ungeduldig um den runden Tisch und versuchten mit allerlei altem, aus Ecken und Winkeln vorgekramten Spielwerk die schleppende Zeit zu kürzen – doch vergebens. Immer und immer wieder sprang eins oder das andere auf und stürmte der Thüre zu, dort das Auge an das Schlüsselloch zu pressen, und zu sehn, ob denn die Mutter nun endlich mit dem längst erwarteten Rufe käme.
In der Kirche stand indessen der Altar festlich geschmückt und erleuchtet und trotzdem, daß auch bei ihnen daheim die Kinder alle warten und ausdauern mußten, saß fast die ganze Gemeinde im Gotteshaus versammelt – Pastors Sophiechen war aber auch mit ihrer Engels Güte und Sanftmuth der Liebling des ganzen Dorfes und deren Ehrentag hätten sie um's Leben nicht versäumen dürfen.
Oben auf der Orgel befand sich die ältere Schuljugend, der Theil der ersten Classe, den der Lehrer zu den geistlichen Liedern tüchtig eingeübt, daß er die vor und nach der Predigt gesungenen Lieder, wie die manchmal abirrenden Gemeindemitglieder ordentlich in Takt halten könne, und der Schulmeister selbst saß vor seiner Orgel, und schaute in einen, über den Tasten gewöhnlich schräg angebrachten kleinen Spiegel nach dem von hellem Lichterglanz umflossenen Altar hinüber, vor dem, den Rücken dem hoch über ihn hinragenden Krucifix zugekehrt, der Pastor stand und dem jungen Brautpaar mit von eigener Rührung oft unterbrochener Stimme, gar nicht wie er es sonst gewohnt war, in schwülstigen Phrasen und Redensarten, sondern schlicht und einfach vom Herzen weg, und deshalb auch wieder mit solch unwiderstehlicher Gewalt zum Herzen sprechend die Trauungsrede hielt.
Sophie deckte ihre Augen mit dem Tuch und konnte der Thränen nicht wehren, und selbst Wahlert – der sonst über den christlichen Cultus seine ganz besonderen Ansichten mit sich herum trug – stand gerührt und schämte sich fast über die unmännliche Thräne, die ihm, er mochte an sich halten so viel er konnte, die Wimpern füllen w o l l t e .
Nicht weit von dem Paar, aber mehr zur Seite, und von ein paar hölzernen Pfeilern vollkommen gedeckt, lehnte, in ein weites dunkles Tuch geschlagen, eine schlanke, weibliche Gestalt, und lauschte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit den Worten des Predigers. Ihr Antlitz ließ sich aber nicht erkennen, die schwarze Nebelkappe, die sie trug, deckte die Züge, hätte sie den Kopf auch nicht so tief gesenkt und vom Lichte abgewendet, vollkommen.
Die Rede war beendet, die gewöhnliche Trauungsformel wurde gesprochen, und das Ja der beiden jungen Eheleute, so leise und schüchtern es Sophie mit ängstlich pochendem Herzen aussprechen mochte, klang klar und deutlich, während die Versammlung in Todtenstille selbst nicht zu athmen wagte, bis in die entferntesten Theile des gewölbten Raumes. Die Frau hinter dem Pfeiler zuckte zusammen und stützte die Schultern fest und sicher gegen das breite Holz, kaum aber waren die Worte gesprochen, als oben auf der Orgel der Schulmeister Hennig mit den klangvoll schwellenden Tönen das einfache herrliche Lied, in das die Gemeinde jauchzend mit einfiel, anstimmte:
»Nun danket alle Gott,
Mit Herzen, Mund und Händen,
Der große Dinge thut
An uns und allen Enden.«
Das junge Ehepaar verließ mit dem Vater die Kirche, ihnen folgte, noch immer singend, die Gemeinde, und von der Orgel herab tönte in immer weicheren schmelzenderen Accorden, bis er endlich in leisen, leisen Klängen verschwamm, der Schlußchor:
»Lob dem dreiein'gen Gott,
Der ewig ewig war
Und ist und bleiben wird,
Lob jetzt und immerdar.«
Die Kirche war aus – die feierliche Handlung beendet; die Knaben stürmten hastigen Laufs vom Chor herunter der Heimath zu, wo die Bescheerung – die, sie mochte nun so dürftig ausfallen, wie sie wollte, doch immer eine Bescheerung blieb – ihrer harrte.
Auch die fremde Frau verließ, und zwar die Nähe der Uebrigen, so viel das gehn wollte, vermeidend, rasch die Kirche – langsam bewegte sich die Menschenmenge hinaus, und hinter ihr drein – aber eine lange lange Zeit nachdem Alles wieder an seinem gehörigen Platz gestellt, und die Lichter ausgelöscht worden – kam der Schulmeister und schloß die Thüre zu.
Was hatte der Mann so lange in der kalten dunklen Kirche allein gethan? –
Er schritt jetzt – und selbst jetzt noch zögernd – der Schule zu, wo er den Kindern eine kleine Freude aus der Stadt mitgebracht, und Lieschen aufgetragen hatte, die Sachen indessen zu ordnen. Lieschen war aber ebenfalls in der Kirche gewesen und die Kinderschaar deshalb eben erst durch sie in Vaters dunkles Kämmerchen eingesperrt worden, damit ihnen indessen der heilige Christ doch das Wenige ungestört bescheeren könne.
Der alte Vater Kleinholz mußte gerade ein Wenig eingeschlafen sein, und Lieschen, die ihn nicht wecken mochte, rückte so geräuschlos als möglich den Tisch zurecht, breitete ein schneeiges Tuch darauf und legte die Handschuh, die warmen Mützen und Filzschuh wie einige andere Kleinigkeiten zurecht, die anzuschaffen der gute Hennig sich das Geld hatte mühsam am Munde absparen müssen, und selbst da wäre es noch nicht gegangen, hätte er nicht für sich einem warmen Rock, so nothwendig er ihn auch sonst sicherlich brauchte, entsagt. Sollten aber die Kinder des alten Schullehrers, die einzigen vielleicht im ganzen Dorfe sein, die Nichts bekamen und dann traurig aus und betrübt nach den hellerleuchteten Fenstern der Uebrigen hinüberschauen mußten? Nein – nicht, so lange es in s e i n e n Kräften stand, das zu ändern.
Aber wo blieb er nur? – Die Kirche war schon so lange aus und Alles dunkel darin – Lieschen trat vor die Thür, ah – jetzt hörte sie das Zuschlagen der schweren Thüre, das Umdrehen der Schlüssel – die langsamen Schritte des Kommenden. Sie senkte das Köpfchen, und seufzte, während sie mit gefalteten Händen in das Zimmer zurückging.
»O wie mag ihm nur jetzt – in diesem Augenblick zu Muthe sein – wir wollen die Lichter anstecken – das wird ihn etwas aufheitern.«
Die Thüre öffnete sich und Hennig trat herein – er sah todtenbleich aus, und trotz der scharfen Kälte draußen standen ihm die großen schweren Schweißtropfen auf der Stirn.
»Herr Du mein Gott und Vater,« rief Lieschen erschreckt über des Mannes Anblick – »wie sehn Sie aus? Sie sind krank, Herr Hennig.«
»Nein, liebes Kind« sagte ruhig der Schulmeister – »nur etwas angegriffen fühl ich mich, vielleicht vom Schreiben gestern Abend – ich bin noch spät aufgeblieben. – Wollen wir nicht den Baum zurecht putzen?«
Lieschen ging auf ihn zu, ergriff mit ihren beiden Händen seine Rechte, und schaute ihm recht fromm und treuherzig in die trüben glanzlosen Augen. Hennig begegnete mit ihm selbst unerklärlicher Ruhe dem Blick, da flüsterte endlich das gute Kind, dem die Wehmuth das Herz zu brechen drohte, und während ihr die hellen Thränen über die Wangen rollten:
»Sie armer – armer Herr Hennig!«
Hennig blickte überrascht zu ihr nieder – er rang nach Fassung – nur jetzt – nur jetzt nicht schwach – aber es war nicht möglich – die menschliche Natur ließ sich bändigen, nicht ertödten, der lang, o so entsetzlich lang enthaltene Schmerz ließ sich, also geweckt, nicht mehr zurückhalten; mit riesiger Kraft brach er sich in's Freie hinaus die Bahn, und der Lehrer war nur im Stande sich rasch abzuwenden und das Zimmer zu verlassen.
O wie lang, wie entsetzlich lang mußten heute die armen, armen Kleinen oben in dem kalten dunkeln Dachkämmerchen sitzen und friern und warten – aber keins murrte – Du lieber Gott, es galt ja eine Bescheerung für sie – eine Bescheerung, wo sie wußten, daß ihr armer Vater selbst am Nothwendigsten Mangel litt, und doch, doch sollten sie bescheert bekommen – hätten sie da etwa auch noch ungeduldig das gute brave Lieschen, und den lieben Herrn Hennig ärgern und kränken sollen? Keine Klage ließen sie hören, nur dicht zusammengekauert saßen sie in dem Winkelchen, an dem der Schornstein vorbeiführte, und dessen Wand wenigstens nicht so eisig kalt war, als die übrigen. Und dort erzählten sie sich leise flüsternd, was sie sich alles wünschten, auf was sie hofften – dort malten sie sich aus, wie schön, o wie herrlich schön das sein würde, wenn jetzt auf einmal Lieschen von der Treppe aus rief: Kommt Kinder, kommt herunter in die warme Stube – und sie dann jubelnd dem Rufe Folge leisteten, jauchzend vor all den schönen Sachen, die ihnen Herrn Hennigs Güte bescheert, standen, und nachher – o Jemine, Jemine, jedes ein Stückchen kalten Schweinebraten zu seinen Kartoffeln, denn das hatte ihnen Lieschen schon hoch und theuer versprochen, daß sie das bekommen sollten. – Ach wenn es doch alle Tage Weihnachten wäre.
Freilich dauerte es, ehe Lieschen wirklich kam, noch eine recht, recht lange Zeit, aber endlich kam sie d o c h , und ein glücklicheres kleines Völkchen, und ein sich reicher dünkendes, als des armen Schulmeisters Kinder an dem Abende waren, gab es wohl im ganzen weiten Lande nicht mehr. Auch Hennig, der zu dem etwas verzögerten Anzünden wieder hereinkam, suchte sich, so viel das nur möglicher Weise gehen wollte, in den Spielen der Kinder zu zerstreuen, und der alte Kleinholz lag indessen in seinem Bette in der Ecke, weinte fast ununterbrochen, drückte Hennig wohl zwanzig Mal dankend die Hand, und versicherte eben so oft – er sei in seinem Leben nicht so glücklich gewesen, als heute, da er sich schon wochenlang im Gedanken an diesen Abend, wo e r den Kindern doch gar Nichts bieten konnte, abgehärmt habe.
So stillfröhlich die Kinder aber auch in der Schule waren, und mit so genugsamer dankbarer Freude sie die wenigen ihnen bescheerten Gaben empfingen, so toll lärmend, so laut und jubelnd ging's heute in der Pfarre her, wohin der Herr Generalsuperintendent, den ein Unwohlsein an sein Lager fesselte, daß er nicht selbst bei seines Sohnes Ehrentag gegenwärtig sein konnte – eine Masse Spielzeug und Bilderbücher für die Kinder geschickt hatte. Auch Wahlert ließ viel aus der Residenz kommen, und Pastor Scheidler wußte mit den Sachen, die er selbst angeschafft, wirklich gar nicht mehr wohin mit allen Geschenken.
Die Thüren waren, als Wahlert sein etwas bleiches, aber geliebtes, holdes Frauchen aus der Kirche in die Pfarre geleitete, festlich mit Buchsbaum und anderen Immergrünkränzen behangen, und der innere Raum selbst sah wie ein Garten aus, in so herrlicher Farbenpracht glühten hier Camelien, Hyacinthen und Tulpen, die es dem Gärtner nicht wenig Mühe gekostet hatte, in der Kälte unbeschädigt nach Horneck herauszuschaffen.
Und was für andere prachtvolle Geschenke gab es noch da, Schmuck und Seidenkleider, Tücher, Shawls, Handschuhe u. s. w.; und der Baum, es war fast, als ob ein Conditor aus reiner Verzweiflung seinen ganzen Laden darüber ausgeschüttet habe, und Alles nun, zwischen den grünen, mit unzähligen weißen Wachslichtern besteckten Zweigen von blitzendem Zucker und Golde flimmere und funkle.
Und wie lärmten und jubelten die Kinder, und was für einen Spektakel hatten sie schon oben in der besonders für sie geheizten Stube gemacht, als Vater und Schwester so lange, so entsetzlich lange in der Kirche blieben, und sie doch unter jeder Bedingung gleich, und das zwar den Augenblick bescheert haben wollten. Endlich, endlich – »schnell machen, Sophie – schnell machen, oder wir kommen herunter!« riefen sie durch die immer und immer wieder, trotz aller Ermahnungen und Verbote, geöffnete Thür, als sie hörten, wie unten die Hausthüre ging und die so heiß ersehnten Eltern hereintraten.
Jetzt war das Harren und all die Ungeduld vergessen, sie schwammen in einem wahren Freudenmeer, und der prachtvolle Baum – die vielen, vielen herrlichen nie geahnten, nie geträumten Sachen, schienen ihnen eher einem Feentraum, einem Märchen der Tausend und einen Nacht, als der Wirklichkeit anzugehören.
Elf Uhr mochte es etwa sein – Lichterglanz und Jubel, Gläserklirren und Tellergeklapper, Lachen und Singen tönte immer aus den hellerleuchteten, durchwärmten Räumen heraus – und draußen?
Hinter der Pfarre lag der, im Sommer viel von den Hausbewohnern benutzte, jetzt aber natürlich vernachlässigte und einsame Obstgarten. Aus Nordwesten strich der Wind haarscharf über die kahlen Hänge herüber und schüttelte die trockenen laubleeren Zweige. Die Nacht war dunkel wie das Grab, denn leichte Dunstwolken fingen selbst an, die Sterne zu umhüllen, und kein Lichtstrahl fiel in den düsteren Raum, als der, der aus den dicht verhangenen Fenstern, besonders an einer Stelle, wo sich die Gardinen inwendig ein wenig zur Seite geschoben hatten, kam.
Da schritt ein Mann langsam und mit verschränkten Armen durch die kleine offenstehende Pforte, und blieb endlich wenige Schritte entfernt vor dem hellerleuchteten Eckfenster stehen. Drinnen bewegten sich einzelne Schatten an der Gardine vorüber und er forschte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit nach den so rasch auftauchenden aber auch eben so rasch wieder verschwindenden Umrissen. Ein paar Mal war es, als ob er sich zu der Stelle niederbeugen wolle, wo der zurückgebogene Vorhang einen Blick in das Innere verstattet hätte, eben so oft trat er aber auch wieder, ohne es auszuführen, davon zurück, und wandte sich endlich, wie von einem plötzlichen Entschluß dazu bestimmt, um den Ort zu verlassen. Noch einmal, an einem hohen Apfelbaume, blieb er stehen, hob wie segnend die Hand gegen das hellerleuchtete Gebäude empor und flüsterte leise:
»Sei glücklich, Sophie, sei glücklich!«
Ein heiseres, halb unterdrücktes Lachen, dicht an seiner Seite, klang wie eine Unheil verkündende Antwort auf den Segensspruch – er fuhr erschreckt zusammen und schaute sich rasch nach der Stelle um, von der es hertönte. Unter dem Apfelbaume und dicht an den knorrigen Stamm desselben geschmiegt, lehnte eine dunkle, festeingehüllte Frauengestalt, und die jetzt hier und da wieder hervortretenden Sterne ließen ihn ein bleiches, geisterhaftes Angesicht erkennen.
»Hahaha« – lachte die Gestalt – »glücklich? – wenn zwei Wesen, wie wir sind, draußen in Frost und Eis mit halberstarrten Gliedern vor den Fenstern stehen und Blut weinen möchten, heißes, quellendes Herzblut? – Wahnsinn – aber wir Beide – wir passen recht gut zu einander.«
»Wir Beide?« sagte Hennig erstaunt – »wer bist denn Du?«
»Eine Braut, die bald Hochzeit machen wird,« lachte die Gestalt wieder, und war im nächsten Augenblicke im Schatten der dahinter befindlichen Hecken verschwunden. Hennig fühlte, wie ihn ein eisiger Schauer durchrieselte, es war fast, als ob er mit einem Wesen gesprochen habe, das dieser Welt gar nicht mehr angehöre. – Die späte Stunde dazu, die scharfe Kälte, in der sich doch wahrlich nicht leicht eine Frau, und noch dazu hier auf dem vom Nordwest bestrichenen Hügel aufhielt. Er schüttelte schweigend mit dem Kopfe, warf noch einen scheuen Blick der Richtung zu, in welcher die Gestalt verschwunden war, einen anderen dorthin, wo in diesem Augenblicke all sein irdisches Glück in jubelnden Toasten, fröhlich zusammenklingenden Gläsern und Glück und Segenswünschen zu Grabe getragen wurde, und schritt dann rasch der eigenen – o wie traurigen, freudlosen Heimath wieder zu.