Pfarre und Schule: Dritter Band
Fünftes Kapitel. Die Zeichnenstunde.
Fünftes Kapitel.
Die Zeichnenstunde.
Als Pastor Brauer die Thür hinter sich zugezogen hatte, räumte das Mädchen die noch vom Frühstück dastehenden Teller und Gläser hinaus, und Sophie trug das Papier und die Zeichnenapparate herbei, um die Stunde zu beginnen.
Hennigs Wangen glühten von der gehabten Unterredung in fieberhafter Aufregung und seine Augen leuchteten von einem ganz ungewöhnlichen Feuer. Er sprach aber kein Wort, und bereitete sich ruhig vor, die gewöhnlichen Stunden auf gewöhnliche Art zu beginnen. Nur im Herzen war's ihm leicht und hell geworden – das klare Bewußtsein, der feste Wille, sein schönes Ziel im Auge, sich durch kein Hinderniß, keine Drohung abschrecken zu lassen, verlieh seinem ganzen Wesen eine größere Elasticität, eine edlere Festigkeit, als er sie noch je in sich gefühlt und empfunden.
Sophie legte die Vorzeichnung vor sich hin, spitzte die Kreide, schob sich Gummi und Wischer zurecht und schaute erst, wie zerstreut, ein paar Secunden vor sich nieder. Hennig sah von der Seite zu ihr auf – der ganze schöne Traum seines Lebens flog in lieblichen lockenden Bildern zauberschnell an seiner Seele vorüber und wie von Seraphsklängen durchschauert, hörte er den süßen zitternden Laut, der in heiligen, ahnungbelebten Accorden durch seine Seele schwoll.
»Herr Hennig!« sagte da die leise Stimme der Jungfrau, und Hennig fuhr, wie von einem elektrischen Schlag getroffen, zusammen. Selbst Sophien entging, obgleich sie, während sie sprach, die Augen auf das Papier geheftet gehalten, dieser schnelle Schreck nicht, und sie blickte erstaunt den Lehrer an. Hennig sammelte sich aber rasch wieder.
»Fräulein Scheidler –«
»Ist Ihnen nicht wohl?« frug Sophie, der die plötzliche Blässe des jungen Mannes auffiel – »Sie sehen so bleich aus.«
»Nein – ich danke tausendmal – es ist wahrlich Nichts – nur die Aufregung vorher, vielleicht – ich war in der Vertheidigung meiner Lieblingsidee warm geworden, ich fühle mich jetzt schon wieder ruhiger.«
»Herr Hennig,« wiederholte da, die Blicke aufs Neue gesenkt, Sophie – »sein Sie mir nicht böse, wenn ich vielleicht eine kindische Frage an Sie thue.«
»Mein Fräulein. –«
»Nun gut – sehn Sie – Sie – Sie meinen es mit der Schule und Ihrem Stande gewiß recht gut, und – sollte ich so recht frei vom Herzen weg reden – und wäre ich nicht gerade eines Pastors Tochter, ich glaube, ich könnte Ihnen vollkommen beistimmen, aber weshalb opponiren Sie gerade dem Vater immer so? Ich weiß, Sie haben ihn gern, oft schon, wenn Sie beide zusammen über das leidige Kapitel stritten, habe ich Thränen in Ihren Augen gesehn, und sie nahmen nie ein herzlicheres ›Gute Nacht‹ von ihm – als wenn Sie einander recht die Meinung gesagt. Mein Vater wird aber alt und ein wenig krittlich, und da müssen Sie schon etwas nachsehn – überhaupt – und nicht wahr, Herr Hennig, m i r werden Sie über die Frage nicht so böse, wie dem Pastor Brauer –«
»Fräulein Scheidler –«
»Also will ich's wagen – ist es denn gar so etwas Erschreckliches,« und Sophie lächelte dem armen Hennig recht freundlich bittend dabei von der Seite an – »wenn der Geistliche, von dem man doch vernünftiger Weise erwarten muß, daß er ein g u t e r Mensch sei, die Oberaufsicht über die Schule führe? – und wär es denn gar nicht möglich, daß Sie – nur ein ganz klein wenig von Ihren Ansichten – abweichen – wenigstens die häßliche Zeitung aufgeben könnten, über die sich der Vater, wie ich Ihnen im Vertrauen gestehen will, gestern Abend wirklich recht geärgert hat. Ich kann Sie wahrhaftig versichern, daß es für Sie besonders recht gut sein wird, wenn Sie sich den Vater zum Freund behalten, er hat wirklich – aber das nur unter uns, denn ich soll eigentlich kein Wort davon sagen – die besten Absichten mit Ihnen. – Es steht Ihnen eine ganz gute Stelle von zweihundert und zwanzig Thalern bevor – nur ein klein wenig nachgeben müssen Sie. Es ist ja doch nur um Ihrer selbst willen,« fuhr das holde Kind, als Hennig Nichts darauf erwiederte, sondern nur still und wehmüthig v o r sich niedersah, fort – »es ist wahrlich zu Ihrem künftigen Glücke, wenn es so bleibt, und wir haben Sie Alle so gern, und möchten Ihnen gern wohl.«
»Auch Sie, Fräulein Scheidler?« sagte Hennig leise und ohne die Augen vom Boden zu heben, aber mit einem so eigenthümlichen Ausdruck im Ton, daß Sophie im Anfang nicht gleich recht wußte, ob diese Frage auf ihre letzte Aeußerung sich bezog, oder ob es wieder ein leiser Vorwurf sein sollte.
»Auch ich,« erwiederte sie deshalb nach kurzer Pause, leicht erröthend – »warum ich weniger?«
»Und zu meinem künftigen Glücke, sagen Sie, wäre es?« frug Hennig, jetzt voll und fest zu ihr aufschauend, und den zum Theil verlegenen Ausdruck im Antlitz des Mädchens bemerkend, fort – »mein Glück soll damit gesichert sein, wenn ich, abhängig wie bisher, kaum so gestellt, um allein in der Welt dastehn und leben zu können – viel weniger denn daran denken zu dürfen, auch an m e i n e n Heerd ein trautes Weib einst heimzuführen, wenn ich nicht des alten Kleinholz schaudererregendes Bild Tag und Nacht vor Augen haben will – mein Glück soll gesichert sein, wenn ich willig das neue, um wenige Pfunde leichtere Joch auf den Nacken nehme und dafür Alles – Alles – doch nein,« brach er plötzlich ab, »Sie können nicht wissen, nicht ahnen, wie es in einem solchen vater-, mutter- und freundelosem Herzen aussieht – wie sich dessen ganzes Streben dann, einmal erwärmt, auch nur auf einen Brennpunkt seiner Seele hindrängt und dem Ziel mit allen – allen – mit den letzten Kräften entgegenwirkt. D a r i n getäuscht, und es müßte rettungslos untergehn, denn für ein zweites blieb ihm kein Blutstropfen, nicht die Kraft einer einzigen Sehne mehr.«
»Aber ich verstehe Sie nicht,« sagte Sophie, von den dunklen Worten, sie wußte selbst nicht warum, beängstigt.
»Halten Sie es nicht für möglich, Fräulein Scheidler,« sagte da Hennig, durch Zeit und Aufregung, ja selbst durch des Mädchens wunderbar befangenes, sich aber doch so freundlich zu ihm neigendes Wesen, unwiderstehlich zum letzten entscheidenden Schritt – entscheidend, denn er sollte den Urtheilsspruch über sein ganzes künftiges Leben sprechen – hingezogen, »halten Sie es nicht für möglich, daß ein armer, bis jetzt schon durch seine Verhältnisse unterdrückter Schullehrer auch in seinem Inneren sich ein höheres – das höchste Ziel gesteckt haben könnte? Würden Sie dem armen Mann da zürnen, wenn er Stolz und Selbstgefühl genug in sich trüge, sich selbst des Höchsten für werth zu halten?«
»Ich verstehe Sie wahrlich nicht,« flüsterte Sophie, aber eine unbestimmte Ahnung drang mit schmerzlicher Wehmuth an ihr Herz und gab der Lippe kaum Raum, die wenigen Worte zu flüstern.
»Ich habe neulich,« sagte da Hennig plötzlich, den Kopf dabei in die Hand stützend und stier vor sich nieder auf den Tisch schauend – »ein kleines Märchen gelesen – darf ich es Ihnen erzählen?«
»Ja,« flüsterte Sophie – »aber – aber unsere Zeichnen–« Stirn und Wangen glühten ihr, während Hennigs Gesicht von Todtenblässe überzogen war. Dieser begann – die letzten Worte überhörend – mit ruhiger Stimme:
»Weit entfernt von hier, in einem schönen herrlichen Lande, wo der ewig blaue Himmel reizende palmbeschattete Thäler überspannt, da wohnte ein fleißiges, arbeitsames, aber sonst unterdrücktes und geknechtetes Volk. Ein ungeheurer mächtiger Riese hauste auf dem Gebirgsrücken, durch dessen Schluchten der einzige Weg in das freie niedere Land führte, und brandschatzte die Bewohner des Thales und duldete nicht, daß sie gediehen und glücklich wurden. Selbst der König war nicht im Stande, das zu hindern, wenn er es auch gewollt, und sein Volk schmerzte ihn – er schämte sich aber auch seines Volkes, daß kein einziger Held genug darunter sei, den Kampf wenigstens mit dem Ungeheuer zu wagen, und das Land – die kommenden Generationen – von dieser Geißel zu befrein.«
» D e r König, Fräulein Scheidler,« fuhr Hennig mit etwas leiserer, bewegterer Stimme fort – »hatte ein einziges holdes Töchterlein, und hoch erhaben stand sie über den armen niedergedrückten Unterthanen des Reichs – Einer aber von denen, Einer, dem hatte es lange am Herzen genagt, daß sich ein ganzes Volk von einem einzigen solchen Wesen – und wenn es selbst ein Riese gewesen wäre – sollte knechten lassen, und er gürtete oft sein Schwert um und ging aus, den Kampf zu wagen – immer aber fehlte ihm das Höchste dazu, um glücklichen Erfolg und Sieg sich zu versprechen. – Nicht der Muth etwa – er war voll hohen Muthes und kannte keine Furcht – nicht die Ausdauer – sein in der Schule des Leidens und Entsagens gestähltes Herz verließ ihn nicht in Sturm und Noth – aber noch fehlte ihm die Begeisterung – die Begeisterung für das Herrlichste, die uns auch noch im Tode einen Sieg erblicken läßt.«
»Da sah er des Königs Töchterlein – es war nur e i n Blick in das treue seelenvolle Auge, aber er zündete wie ein Strahl aus himmlischen Höhen. Und s i e des Königs Kind? Schreckte ihn nicht der Glanz und Schimmer, der ihren Thron umgab, und durfte er, aus niederem Stamme geboren, es wagen, die Augen zu ihr zu erheben? – Und weshalb nicht? – was adelte in alten Zeiten den kühnen Mann, als eben die kühne Mannes t h a t ? – was schnallte dem armen Knappen den goldnen Sporn an die Ferse, und hing das Wappenschild an seinen Arm, als der Muth – der treue unerschütterte Muth in Kampf und Gefahr? – Mit Gott – war sein Wahlspruch – mit Gott dem Feinde die frei Stirn geboten – mit Gott den ungleichen Kampf gegen Uebermacht und Gewalt begonnen, und blüht Dir dann der Sieg Du armer treuer Knappe – prangt dann in Deinem Haar der lohnende Lorbeerkranz und legt sich um Deine Brust die Ehrenkette, dann – dann – ach wer darf es dem armen Manne verdenken, daß er, berauscht von solchem Traum, keine Möglichkeit des Mißlingens dachte.«
»Wenn das ein Gleichniß sein soll, das den Kampf der Schule mit der Kirche darstellt,« sagte Sophie, der das Herz in seinem wilden Pochen vor Angst und Unruhe die Brust zu sprengen drohte, und die in all ihrer Noth gar nicht wußte, wie sie die nur zu wohl verstandene Meinung abwenden – eine weitere Erklärung wenigstens verzögern solle – mit erzwungenem Lächeln, »so ist das wahrlich nicht schmeichelhaft für meinen Vater – der wäre ja denn auch wohl mit unter dem ›Riesen‹, dem ›Ungeheuer‹ verstanden – aber Sie – Sie haben das wohl nicht so bös gemeint.«
»Sophie,« sagte da Hennig, nicht mehr im Stande, seiner gewaltigen Bewegung Meister zu bleiben – »Sophie,« flüsterte er, mit kaum hörbarer Stimme und ergriff die zitternde Hand der Jungfrau, die ihm nicht entzogen wurde – » b l e i b t dem Armen die Begeisterung? – lacht ihm in jenes königlichen Kindes Augen der herrliche Lohn für Tapferkeit und Muth, und darf er hoffen, wenn er, nicht mehr als unterdrückter Bewohner des Thals, nein als freier, selbstständiger – als b e f r e i t e r Mann sein Knie vor d e r Jungfrau beugt – wird ihm der Lorbeer- und der Myrtenkranz?«
Sophie entzog ihm ihre Hand – barg einen Augenblick ihr Antlitz darin und sagte dann, vom Tische aufstehend, mit leiser, aber fester Stimme:
»Ich würde unrecht handeln, wollte ich mich stellen, als verstände ich den Sinn Ihrer Rede nicht, lieber Hennig, und ich kann wohl sagen, daß mich ihr Inhalt tief ergriffen hat – ich hatte keine Ahnung von solchen Gefühlen – konnte sie nicht haben – und es bleibt mir nur e i n e Erwiederung. – Wenn nun – wenn nun der kühne Kämpfer auf des Königs Schloß käme – und fände – und fände, daß indessen ein Fremder – ein Gast ihres Vaters – die Liebe – die Hand des Mädchens erhalten?«
Hennig erhob sich still von seinem Platze – er schaute lange und fest auf die Jungfrau, die mit gesenkten Blicken vor ihm stand, hinüber, dann ergriff er langsam ihre Hand – zog sie an seine Lippen – drückte einen leisen, leisen Kuß darauf – und verließ das Zimmer.