Prokopus
Prokopus
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Adalbert Stifter
1. Am Morgen
Durch das Haupttal der Fichtau, in welchem die Perniz fließt, ging einmal ein großer Zug von Männern und Frauen. Der Weg war damals keine Straße, auf welcher schöne Wägen gehen können – eine solche ist er noch heutzutage nicht-, aber damals war der Pfad so schmal und uneben, daß nicht einmal jene Gebirgswägelchen auf ihm hätten fahren können, mit denen er in unsern Zeiten sozusagen bedeckt ist. Deshalb saßen alle jene Männer und Frauen auf ihren Pferden und ritten auf dem Pfade dahin. Die Tiere gingen eines hinter dem andern, außer wo der Weg sich etwa zufällig erweiterte und sie sich zu zweien gesellen konnten, wenn ihre Reiter etwas miteinander zu reden oder sich sonst einen Beistand zu leisten hatten.
Wenn man in jenen Tagen ein Ding durch die Fichtau bringen wollte, mußte es gesäumt werden. Die Bergdachungen zu beiden Seiten gingen mit Wald bedeckt bis an das Wasser nieder, in dem sie sich netzten. Die Perniz rauschte an dem Wege, und es lagen in ihren Gewässern noch manche Marmorblöcke aus dem Reviere der Fichtau, welche man später weggeräumt hatte, um Platz zu gewinnen oder um etwas Nützliches und Notwendiges aus ihnen zu machen.
Es glänzte ein heiterer Morgen auf dem ganzen Walde, da der Zug ging, alles war erfrischt und manches nasse Zweiglein, das an dem Wege stand, streifte die Füße eines Pferdes oder das Gewand eines Reiters.
Sie hatten alle die Tracht, die gegen das Ende des siebzehnten Jahrhunderts gebräuchlich war. Die Männer hatten keine Harnische mehr an, noch hatten sie irgendein anderes Eisenwerk an sich, wohl aber trugen sie an ungeheuren bauschigen Schärpen, die um das Lederkoller hingen, die Schwerter der damaligen Zeit. In den Halflern des Sattels steckten sehr große, ungeschlachte Pistolen, und auf dem Haupte war der breitkrempige Hut mit der niedergehenden, wallenden Feder. Manche hatten gleich mehrere solcher Federn, daß sie wie ein nickender Haufen auf dem großen Rund des Hutes saßen oder von demselben wie ein Schneefall herniedersanken. An den Stiefeln, deren Mündunge oft kahnförmig um den Fuß gingen. waren die großrädrigen Sporen jener Zeit. Die Frauen hatten klappige Häubchen auf dem Kopfe, gesteifte Ärmel, dünne Leiber, dann weiter unten allerlei Böschungen und endlich das glänzende niederfallende Reitkleid. Bei verschiedenen waren goldflinsernde und manchmal eine schönere seidene Blumen darauf gestickt.
So bewegte sich der Zug auf dem Pfade dahin.
Da er um die Biegung eines Hügels kam, erweiterte sie hinter diesem das Tal, und es ging der Weg in einen ebenen, gleichsam geplätteten Raum auseinander, auf dem viele Pferde und Menschen und andere Dinge hätten stehen können. Auf diesem wohlgestampften Platze am Rande der hohen, düsteren Tannen und Fichten, wo der schäumende weiße Gießbach aus der dunkeln Rinne des Grahnsberges hervorstürzt, stand das Wirtshaus des Tales, die grüne Fichtau geheißen, und sah mit seinen beiden übereinander befindlichen Fensterreihen auf die beschriebene Gasse heraus. Es war aus Holz gezimmert, hatte auf dem Erdgeschosse ein Stockwerk und dann ein sehr flaches Gebirgsdachf auf dem graue Steine lagen, darunter auch manch roter aus de Marmor der Fichtau. Das Haus ging mit seinen Schoppen und Scheunen gleich in die Tiefe des Waldes zurück. Sonst war kein Gebäude oder eine Hütte zu sehen. Auf der Wirtshausgasse gegen den Wald hin, wo von großen Tannen, die auf einem Steingewände standen, noch die langen Morgenschatten fielen, war ein Tisch, er war aus mehreren aneinandergestoßenen gefügt, mit frischen Linnen bedeckt und mit Geschirren, Gläsern und Flaschen beladen. Um den Tisch waren Stühle und Bänke, wie sie das Fichtauer Wirtshaus vermochte. An dem Saume des Gehölzes standen mehrere Menschen, die man gleich an ihren Gewändern erkannte, daß sie aus der Fichtau zusammen gekommen waren. Sie hielten sich ruhig, als warteten sie auf etwas. An der andern Seite des großen Platzes, schon gegen die Stallungen zurück, standen Packpferde, die aneinandergebunden waren, und auf der Erde lagen Ledersäcke, aus denen bereits manches gepackt wurde.
Als die Reiter gegen dieses Haus kamen und über die Brücke des Waldbaches hervorgeritten waren, schwenkten sie sämtlich auf die Gasse der grünen Fichtau hinzu und blieben dort stehen. Die Männer sprangen hierauf von den Pferden und halfen auch den Frauen herunter. Die Tiere wurden den Dienern und solchen zur Obhut übergeben, welche unter der Gesellschaft im Trosse geritten waren.
Während sich die andern noch mit ihren Pferden und Kleidern beschäftigten, trat ein junger Mann aus der Gesellschaft gegen den Tisch hinvor. Er war sehr schön gekleidet. Er legte den schwarzen Filzhut mit weißer dichter Feder auf einen Stuhl, und wie diese Kopfbedeckung von seinen Zügen, die sie beschattet hatte, weg war, gewannen diese gleichsam Licht und zeigten, daß er sehr jung war und eine Schönheit besaß, die fast zur Bewunderung hinriß. Es war um die Lippen und das Kinn der Anfang eines dunklen Bartes, von dem Haupte fielen schwarze Locken, und die Augen unter der klaren Sinne waren von einer Größe, wie man sie selten bei Männern findet, und sie ware ebenfalls ganz dunkel wie die Haare.
Er hatte an seiner Hand ein Mädchen gegen den Tisch geführt, welches ebensoschön gekleidet war wie er und mit blauen Augen aus einem schönen, sanken Angesichte sah.
»Siehst du, Gertraud«, sprach er zu ihr, »das ist die grüne Fichtau, wie ich dir gesagt habe, das älteste Haus in den ganzen Bergen, weit älter als der Rothenstein. Lege den Mantel ab, liebe Gertraud. So. – Ich sage dir, da mögen sogar die Avaren und Bojer schon einen Lagerplatz für ihre Saumtiere gehabt haben. Dann hat ein Waffenknecht oder ein anderer eine Hütte gebaut, um die Zugzubehöre unter Dach und Fach zu bringen. Wie oft mußte das Haus erneuert worden sein, da es nur von Holz ist, siehst du, und das Holz keinen so festen Bestandteil abgibt. Als die Männer in das Heilige Land zogen und manchmal ein Zug an der Perniz ging, da lesen wir, wie sie in der grünen Fichtau sich sammelten und ihr Rüstzeug und Eisengeschirr auf die Bänke umher legten. Aus dem Lebensbuche des Ritters Quirinus geht hervor, daß vor zweihundert Jahren das Haus schon die doppelte Fensterreihe gehabt habe, wie jetzt. Es erscheint überhaupt das Haus öfter in de Schriften und Pergamenten des roten Saales. Die Bewohner kamen manchmal zu uns hinauf. und einmal war eine gar Amme auf dem Schlosse, bei dem Sohn des Ritters Ubaldus. Setze dich auf diesen Stuhl, Gertraud, er ist für dich bereitet.«
Das anmutige Wesen ließ sich in dem Stuhle nieder, der ihm angedeutet wurde, und sagte: »Ihr seid sehr gelehrt, mein verehrter Gemahl, und wißt von viele Dingen dieser Erde zu erzählen.«
»O nein, Gertraud. ich bin nicht gelehrt«, antwortete der Jüngling, »und weiß auch nicht viel. Wenn ich aber auch nur etwas Weniges weiß, so ist mein Bernhard schuld, der mir von den Dingen auf der Erde und an dem Himmel erzählte.«
»So wisset Ihr von den Dingen, die in dem Himmel sind, zu erzählen, verehrter Vater?« sagte die junge Frau, indem sie sich auf dem Stuhle umwendete und zu einem Manne aufsah, der eben herzutrat.
Dieser war ein Greis und hatte, ungleich den andern, die meistens in Leder gekleidet waren, einen schwarzsamtnen Oberwurf an, auf den der weiße Bart niederging und über dem der weiße, gegen die Mitte zu kahle Scheitel glänzte.
»Nein, erlauchte Frau«, antwortete er, »von den Dingen, die in dem Himmel sind, weiß ich nichts zu erzählen, sondern nur von den Sternen, die sich außerhalb an demselben befinden und sich bewegen.«
»Nur von den Sternen«, sagte die Frau, »das ist nicht bedeutend.«
»Da wir von dem Innern des Himmels nichts wissen, so ist das von den Sternen doch bedeutend«, antwortete der Greis.
Die übrigen waren indessen auch mit ihren Anordnungen fertig geworden und schickten sich an, zu dem Tische zu kommen. Der Jüngling rief soeben zu der Gesellschaft: »Tretet hieher, Schwiegervater Werner, kommt, verehrte Schwiegermutter, Schwager Rudolph. Freunde, Gäste und Genossen – nehmet das Frühmahl ein, das hier bereitet ist. Mein geehrter Lehrer, Bernhard von Kluen, wird, wie bisher, die Stelle meines Vaters vertreten. Die grüne Fichtau sorgt für alles, was wir und unsere Angehörigen bedürfen.«
Die Männer nahmen die Frauen zierlich bei der Hand und führten sie gegen den Tisch hinvor, wie der Jüngling wenige Augenblicke früher seine junge Gattin hinvor geführt hatte. Die Frauen setzten die Füße leicht
und nur mit den Spitzen der Zehen auf den Boden und machten im Gehen sehr kurze Schritte.
Der Jüngling nahm nun den Hut von dem Stuhle, setzte ihn aber nicht auf, sondern behielt ihn in der Hand und blieb stehen, bis alle Paare an den Tisch gekommen waren und die Frauen sich niedergesetzt hatten Dann tat er den Hut auf das Haupt und setzte sich neben seine Gattin. Desgleichen taten auch alle andern Sie warteten, bis die Frauen saßen, dann rückten sie die Stühle und ließen sich neben ihnen nieder.
Da saß nun links von dem Jünglinge sein Schwiegervater, Graf Werner von der Staue, ein Mann mit bereits beginnendem Grau der Haare und mit gebräuntem Angesichte – rechts saß die junge Gemahlin; wir haben schon gesagt, daß sie so feine Wangen und blaue Augen hatte; man bemerkte jetzt, da sie so saß, da ihr Kopfputz anders war als der aller übrigen: sie ha noch nicht das Frauenhäubchen auf, hatte aber auch nicht mehr den gewöhnlichen verschlungenen Kopfputz der Mädchen, sondern auf dem Scheitel war ein sehr kleines Barett, von dem nach hinten ein Schleier hinabging. – Gleich an ihr saß ihre Mutter, fast noch selber eine junge schöne Frau, das gealterte, gemilderte Ebenbild der Tochter. Dann war der alte Bernhard von Kluen, der Schwager Rudolph und Verwandte und Freunde und Genossen des Jünglings. Zwischen jeden zwei Männern saß eine Frau, entweder solche, die wegen Blutsfreundschaft hieher gehörten, oder Gespielinnen oder selbst höhere Dienerinnen der jungen Gattin. Die andern Diener und Knechte mochten im Haus oder hinter demselben irgendwo ihr Frühmahl halten.
Die ganze Zeit her war auf einem freien Platze nich weit von der gedeckten Tafel ein seltsamer Mann gestanden. Er hatte sehr viele schneeweiße Haare, blitzende Augen und ein freundliches Angesicht. Auf dem Leibe trug er ein lodenes Wams, dann Pumphosen bis in die Knie, graue Strümpfe und große Schnallenschuhe. Es war der Wirt der grünen Fichtau. Da sich alle an dem Tische zurechtgesetzt hatten, nahm er das Barett, das er bisher in beiden Händen gehalten hatte, in die rechte Hand, näherte sich dem Tische, tat mit dieser rechten Hand eine leise, kleine Schwenkung seitwärts und sagte: »Lange lebe unser Herr und Graf, der junge Prokopus von Scharnast! Lange lebe seine neue Braut und Gemahlin, die Gräfin Gertraud von der Staue, welche jetzt die Gräfin Gertraud von Scharnast ist! Lange leben unsre hochgebornen Herren und Gäste und alle, welche mit ihnen in Verbindung und Verwandtschaft stehen!«
Als er diese Worte gesagt hatte, ging er, sein Barett gleichsam wie ein Brieftäschlein in das Wams steckend, zu dem Tische und nahm die Deckel von den Schüsseln, in denen kalte Speisen waren, und legte sie auf die geeigneten Plätze des Tisches umgekehrt nieder. Zu gleicher Zeit, da er mit einem Winke umsah, näherte sich seine Frau und seine Tochter an der Spitze von mehreren Leuten, welche die warmen Speisen trugen. Die Frau war ein schönes, in die ersten Greisenstufen tretendes Weib und die Tochter ein junges, schlankes, herrlich blühendes Mädchen. Sie teilten sich beide in die Arbeit so, daß die Mutter an der einen Seite des Tisches hinaufging und die Aufstellung und Ordnung der Schüsseln besorgte; die Tochter aber an der andern hinab, das nämliche besorgend. Dann gingen sie jedoch wieder beide in das Haus hinein.
Der junge Graf war auf die Anrede des Wirtes ein wenig aufgestanden, hatte mit der Hand gegrüßt und gesprochen: »Wir danken dir, Romanus, für deinen Wunsch, wir hoffen, daß der Rothenstein und die grüne
Fichtau die gute Nachbarschaft bewahren werden, in der sie bisher gestanden sind, kommt manchmal hinauf zu uns, so wie wir hier einsprechen, wenn uns der Weg durch das Tal führt, und lebe gleichfalls noch recht lange, und freue dich deines rechtschaffenen Weibes und deiner schönen Tochter.«
»Meine Frau und meine Tochter sind unbedeutende Wesen und sind auch schon fortgegangen., antwortete Romanus, der Wirt; »für den Gegenwunsch gebe ich den Gegendank, erlauchter Herr, und ich meine, ich werde schon noch eine Weile die grüne Fichtau aufrecht erhalten und sie dann aufrecht vererben. In Hinsicht des armen Mahles, das ich aufstellte, habe ich getan, was ich vermochte. Ich habe meine Leute, die sonst auf der Wiese oder draußen gegen Prigliz auf dem Felde sind, zu Hause behalten, damit sie die Dienste leisten. Dort stehen sogar an dem Rande des Holzes manche, die aus der Fichtau zusammen gekommen sind, um das Mahl der hochgebornen Herren zu sehen.«
»Wir danken«, sagte der Graf, sich noch einmal leicht erhebend, »und laden alle und jede auf den Rothenstein ein, die innerhalb der nächsten vierzehn Tage unsere Gastfreundschaft zu teilen gesonnen sind.«
Nach diesen Worten setzte er sich wieder nieder und sprach leiser zu seinen Umgebungen fort. Der Wirt trat auf seinen früheren Platz zurück, nahm das Barett aus der Brustspalte des Wamses und hielt es wieder in den beiden Händen.
Das Mahl war nun an dem Tische angegangen.
Ein Diener hatte des Grafen goldenen Becher hingestellt, den er aus einem Fache genommen und mit Wein aus einer eigenen Flasche gefüllt hatte. Ein anderer stellte einen kleineren, zierlicheren, aus edlem Glas geschliffenen vor die Gräfin und tat etwas Weniges von feurigem, blinkendem Weine hinein. Überall wurden aus Körben Flaschen genommen und aus denselben Weine in die umstehenden Gläser verteilt. Auch war Backwerk, Käse, eingemachte Früchte und Fische in Behältern mitgenommen und nun unter die von Vater Romanus aufgestellten Gerichte verteilt worden. Diesen ländlichen Gerichten der grünen Fichtau sprach man nun wacker zu, und es wurden auch die Gebirgsweine eingeschenkt, die Romanus von den entfernteren unteren Ländern alljährlich aus eigenem Geschmacke selber holt und in seinem Keller einem hohen Alter entgegenreifen läßt. Sie schmeckten in der Morgenwärme wohl, namentlich wenn man das eiskalte Wasser dazugoß, das die grüne Fichtau in den Spalten des Grahns nahm, aus denen es von dem tiefinneren Vorrate des Berges floß.
Der Morgen rückte indessen weiter, der Himmel wurde klarer und feuriger, die Sonne stieg höher, die Tannenschatten wurden kürzer, und weit drüben auf den Bergen blitzte und glänzte es und warf allerlei Funken.
Von den Gesprächen an dem Tische konnte man wenig verstehen, weil sie zu stille gehalten wurden und von dem Hin- und Hergehen der Diener und von dem Rufen derselben unterbrochen wurden.
Vater Romanus hatte von seinen Leuten die besten aufgestellt, daß sie dastünden, und wenn ein Löffel weggelegt würde, ihn mit einem neuen vertauschten, und wenn eine Flasche leer wäre, eine volle aus dem Eiswasser darreichten. So ging das Mahl vorwärts. Man reichte sich wechselweise Gerichte herum, die Männer legten den Frauen vor und nahmen sich selber. Nach und nach kam man zu den feinen Backwerken, Zuckersachen und Leckerbissen, mit denen gerne die Mahle beschlossen werden. Hier wurden auch wieder aus silber- oder messingbeschlagenen Reisekästchen sehr mannigfaltige Dinge genommen und vorgelegt, es wurden auch noch zierlichere und kleinere Glasbecher herumgestellt und in dieselben noch glänzendere und bessere Weine getan. Als man dieses verzehrt hatte, blieb man noch eine Weile sitzen und sprach. Endlich, da von den Tannen, die zufällig einen Spalt bildeten, ein Lichtstrahl, gleichsam wie eine Mahnung, auf den Tisch, der bisher in dem Schatten gestanden war, hereinfiel, beendete man das Mahl. Der junge Graf stand auf, neigte sich vor seiner Gattin und lüftete den Hut gegen alle Anwesenden. Diese taten das gleiche, verneigten sich gegen die Nachbarinnen und dann gegen alle; die Stühle wurden hierauf gerückt, und man trat zu einem Kreise zusammen. Indessen richteten die Knechte die Pferde und gaben die Meldung, daß alles in Bereitschaft war. Der Graf richtete zum Abschiede noch ein paar Worte an Romanus, und die junge Frau neigte sich freundlich gegen ihn. Die Männer führten nun die Frauen zu den Pferden, halfen ihnen hinauf, schwangen sich selber auf ihre Tiere und setzten sich zum Fortziehen in Bereitschaft. Einige schöne Windhunde, welche jemanden in der Gesellschaft gehören mußten, sprangen freudig voraus, der Zug setzte sich in Bewegung und ritt auf dem Pfade der grünen Fichtau gegen den Waldweg hinunter, der durch die Länge des Tales geht. Nur ein einziges kleines, graues Männlein stand noch bei Vater Romanus auf der Gasse, der Zahlmeister, und brachte die Forderung in Richtigkeit. Aber auch dieser kletterte nun auf sein Rößlein und suchte die andern zu gewinnen. Die Knechte waren indessen auch mit Einpacken und Aufladen fertig und eilten den vordern nach. Man sah an der Steinwand, von welcher die Tannen den schönen Schatten auf den Tisch geworfen hatten, die ganze Länge des Zuges, man bemerkte das Baumeln und Neigen und Wallen der Hutfedern der Fortreitenden, der Faden wurde immer kürzer, wie er sich hinter die Steinwand hineinzog – endlich waren nur mehr zwei, und auch diese wurden sogleich von den grünen Zweigen verschlungen.
Der gestampfte Platz vor der grünen Fichtau, der vor kurzem noch so belebt gewesen war, zeigte nun nichts als seine Leere, er war von den Pferden und Dingen, die darauf gewesen waren, zertreten und durchfurcht. An dem Rande stand der verlassene lange Tisch, auf welchen nun das volle Sonnenlicht hereinfiel und der unter den Resten des Mahles, den halbgeleerten Gläsern und Flaschen, den Geschirren und Messern allerlei Schreiner und Flammen und Blendwerk erzeugte. In Unordnung standen die Stühle und Bänke, und die Schenktischlein waren verschoben.
Vater Romanus rief gegen einen Haufen Leute, die weiter unten standen und dem Zuge nachsahen, folgende Worte hinab: »Damian, komme herauf. Franz, Joseph, Katharina, kommt hieher. – – So. Laßt den Platz sauber abkehren. Macht alles in Ordnung. Du, Damian, stehe der Mutter bei, die aus dem Hause herausgeht und nicht, wie du, dem Fortzuge nachschaute. – Lasse zuerst, Mutter Ludmilla, die Teller und Schüsseln hineintragen, du, Lenore, hilf der Mutter; siehe zu, daß die Gläser, Flaschen, Bestecke und Linnen in die große Stube auf den Tisch kommen, wo ihr sie dann unter dem Tage ordnen könnt. Ihr stellt die Tische auseinander und tut sie wieder auf ihren Platz. Wenn ein Säumer kommt, muß alles sein wie sonst, daß er sich an den Tisch setzen und auf die abgewischte Gassenbank sein Zeug niederlegen kann.«
Während er diese Worte sprach, kamen alle die Leute, die am Waldsaume gestanden waren und dem Mahle zugeschaut hatten, zu Vater Romanus auf den Platz hervor und bildeten eine Gruppe.
»Ja«, sagte er, »das ist ein merkwürdiges Geschlecht. Zuweilen sind sie gut und freundlich: zuweilen seltsam und ungebärdig. Sie haben immer sonderbar auf ihrem Berge gehauset, und es sind verschiedene Taten geschehen. Sie sind sehr schnell emporgekommen; die grüne Fichtau ist schon gestanden, als auf dem Rothensteine noch nichts war als eben nur die roten Felssteine und die Bäume herum. Ihr vermöget gar nicht so weit zurückzudenken, und alle eure Vorfahren können nicht so weit zurückdenken, als die grüne Fichtau schon stand. Und immer sind wir darauf gewesen: der Vater, der Sohn und dessen Sohn und wieder so fort. Ihr könnt es euch nicht erklären, wie das ist. Seht, da macht gerade hier das Tal die Erweiterung und die schöne Ebene. Da hatten die alten Heiden, als sie die Waren durch das enge Tal von den oberen Landen zu den unteren säumten – es war nicht viel, aber doch etwas: Leder, Wolle, Waffenzeug, Eisen und dergleichen –, da hatten sie hier notwendig ihren Lagerplatz, sie kochten sich das Essen, fütterten die Tiere ab und hielten eine Weile Rast. Da hat dann einmal einer ein Haus gebaut, um vor schlechtem Wetter zu schützen: denn die Menschen sind nach und nach empfindlich geworden, wie sich die Fruchtbarkeit dieses Landes hervorgetan hat und ihnen verschiedene Bequemlichkeiten verschaffte. Das war das uralte Haus der grünen Fichtau, wo sie kommen, ihren Schutz haben und alles erlangen, was sie bedürfen. In später Zeit ist dann auf dem roten Felsen gebaut worden: zuerst ein weniges, wo man die Rotbuchen reutete, dann mehr, dann die ganze Mauer um den Berg und dann die Gebäude auf den verschiedenen Stellen der Felsen. Sie haben oben fortgewirtschaftet und wir herunten. Wir sind dazumal, ehe ihr euch eure Hütten und Dinge in den Tälern herum bautet, die einzigen zwei Häuser in der Fichtau gewesen, der Rothenstein und die grüne Fichtau. Von uns kam manchmal einer hinauf, wenn wir etwas abzuführen und zu entrichten hatten; sie kamen herab, wenn einer eine Stärkung oder sonst einen Labetrunk bedurfte. Sie haben nach und nach die Gebühren und die Untertänigkeit des umliegenden Landes erhalten; wir haben unsere Gelegenheit erweitert, haben gebaut und eingerichtet und verschiedene Ertragswerke begonnen. So ist es mit den zwei Häusern. Sie waren fortaus aufrecht und gut. Wenn das Grafenamt nicht wäre, das sie in den Zeitläufen erhalten haben, und wenn das höhere Alter unseres Hauses nicht wäre, so wären wir in den andern Dingen gleich – und es könnte, wenn sonst nichts hinderte, ohne Aufenthalt geschehen, daß einmal ein Scharnast eine Jungfrau aus der grünen Fichtau zum Weibe begehrte und, wenn er sie erhielte, sie auf seinen Berg mitnähme.«
»Nun, der Wirt der grünen Fichtau ist stolz genug«; sagte mit Lachen eine Stimme aus den Umstehenden. »Ja, ja, Sebastian«, antwortete der Vater Romanus, »du hast recht. Wir haben immer unsern Stolz gehabt. Und haben wir denn nicht Ursache dazu? Wir sind eine ehrenhafte Familie, sitzen mitten im Walde und treiben in verschiedenen Dingen unsere vorzügliche und anständige Nahrung. Kein Haus ist dem unsern gleich als etwa die Hasenmühle, welche auch schon seit Christi Geburt bestehen soll. «
Er hatte, während er diese und die obigen Worte sprach, sein Barett wieder aufgesetzt; denn während der ganzen Zeit des Mahles war er unbedeckt dagestanden, und die Sonne hatte auf seine weißen Haare niedergeschienen. Aber diese dichten weißen Haare mochten keinen Sonnenstrahl durchlassen und mochten so manchen Sonnenstich und Regenguß in den langen Jahren gewohnt worden sein. – Die Leute, welche er gerufen hatte, waren indessen an ihre Arbeit gegangen. Die Mutter Ludmilla stand derselben in Ruhe und Freundlichkeit vor, und die wirklich wunderschöne Tochter legte hie und da selber Hand an und versüßte den Leuten die Arbeit durch gutherzige Blicke und durch zutrauliche Worte. Auch kamen zu den Menschen, die ohnehin auf der Gasse der grünen Fichtau standen, noch mehrere, die an verschiedenen Stellen des Tales gewesen waren und den Zug der Fremden angeschaut hatten.
»Gott grüße dich, Schmied Eberhard von Sarau«, sagte Vater Romanus zu einem Ankommenden, »was willst du haben, was können wir dir geben? «
»Den alten, du weißt schon«, antwortete der Ankommende.
»Und dir auch, Gervas, nicht wahr, es wird gut tun?« sagte der Wirt zu einem andern.
»Ja, ja«, antwortete dieser.
»Wie steht das Getreide draußen in der Au?« fragte Romanus weiter, nachdem er die Befehle wegen des Weines in das Haus hineingerufen hatte.
»Es steht im ganzen schon gut«, antwortete Gervas, der Aubauer, »der Weizen bebuscht sich, das Korn nimmt sich empor, und es wird schon recht sein, wenn der Frühling weiterkommt.«
»Ja, wenn das Wetter schön bleibt«, sagte der Schmied. »Wird schon, wird schon«, antwortete Vater Romanus. »Das verstehst du nicht, Eberhard, der du immer in der Hitze deiner Esse stehst; aber ich bin gestern bei meinen Schäfern an der Grahnsseite oben gewesen, da stiegen die Widder unabläßlich höher und härten sich, was jedesmal ein Zeichen der anrückenden Wärme ist. Da kömmt der Riemmeister von Perklas auch, seht nur – seht – seht!«
»Ja, da kömmt er«, erwiderte der Angeredete, indem er näher herzutrat, »da kömmt er, weil er ohnehin etwas in Prigliz zu tun hat und sich deswegen heute eine kleine Weile genommen hat, um zugleich den Brautzug zu sehen. Gebt mir von Eurem Siebensteiner etwas, Vater Romanus.«
»Du sollst ihn haben, Nikolaus, aber da muß ich selber hineingehen«, antwortete der Wirt. »Setzt euch nieder, Männer, hier an dem Gesträuche steht schon ein Tisch; das andere wird alles sogleich auch in Ordung sein.«
Bei diesen Worten wendete er sich um und ging in das Haus hinein.
»Was gibt es denn Neues draußen im Lande?« fragte der Schmied den Riemmeister, indem sich die Männer gemächlich an dem von Vater Romanus bezeichneten Tische niederließen.
»Nicht viel«, antwortete der Gefragte, »die Säumer werden morgen nicht kommen. Im Asang sind dreizehn Packpferde abbestellt worden, weil man sie braucht, um in etlichen Tagen die Brautgüter durch das Tal zu befördern.«
Bei diesen Worten legte er seinen ledernen Schnallensack und seinen langen Stock ab und setzte sich sehr bequem zu den andern Männern an den Tisch. »Brautgüter gehen denn diese auch durch die Fichtau?« fragte ein Mann, der sich mit ungeschlachten Gliedern nicht weit von dem Tische auf die Gassenbank des Hauses niedergelassen hatte.
»Freilich, Tiburius«, antwortete der Riemmeister; »wenn es einen andern Weg auf den Rothenstein gäbe, glaubst du denn, die Herren würden alle einer hinter dem andern durch die Fichtau geritten sein?«
Der Vater Romanus war indessen wieder herausgekommen, und hinter ihm ging ein Bube, welcher auf einem Brettchen die Weine trug, die die Männer bestellt hatten. Er tat vor jedem sein gehöriges Glas hin und ging mit dem Brettchen wieder fort.
»Nun, so hat der Rothenstein wieder sein Weib«, sagte, Romanus, »er hat lange genug um sie gefreit: nun hat er sie. Ich kenne sie seit früher Zeit. Ich bin an dem Tage auf dem Stauenfels gewesen, an welchem sie geboren wurde. Es war das Jahr, wo der große Komet an dem Himmel stand, darauf das Korn so klein und mehlreich wurde und der Wein so ergiebig. Warte – es muß jetzt sechzehn Jahre sein – siebzehn – – achtzehn ist es. Schau – schau – so alt ist sie schon. Man sagt ihr nach, daß sie obenaus sei und sehr begehrlich nach allen Dingen, die ihr angenehm scheinen. Ich weiß es nicht, sie hat mich kaum einmal angeredet. –- Was sitzest denn du hier?« wandte er sich plötzlich an den Mann, der auf der Gassenbank der grünen Fichtau saß und den er jetzt erst erblickte.
»Ich warte ein wenig«, antwortete der Angeredete.
»Du wartest ein wenig? und warum bist du denn überhaupt hier? und wer ist denn bei den Ziegen?« fragte der Wirt.
»Der Denis ganz allein«, sagte der Mann, »ich bin heruntergestiegen, um den herrlichen Brautzug des Grafen zu sehen.«
»Nun, das ist doch ein Ziegenhirte«, sprach Romanus. »da läßt er die Böcke und Ziegen auf den Felsen und steigt herunter, um den Brautzug zu sehen – und nun sitzt er hier mitten in den Sonnenstrahlen, die auf sein Haupt brennen, und läßt den großen, breiten Hut neben sich auf der heißen Bank liegen. – So bleibe nur da, du kannst mit meinen Leuten essen, und morgen mit dem frühesten geht der Franz ohnehin mit dir auf die Hochkogelwand. Dann schaue aber auf deine Tiere, du weißt, ich habe dreiunddreißig Ziegen darunter, und der Käse hat jetzt seinen Wert. Verstehe, Tiburius. – Auf den Durchzug der Brautgüter darfst du nicht denken; ich weiß auch nicht, was du daran sähest, da die Sachen in Ballen eingemacht sind, wie andere Waren, die man säumt.«
»So zürnt nur nicht, ich gehe schon morgen hinauf«, antwortete Tiburius, »der Denis versteht es gut, und es geschieht ja nichts.«
»Nun, es ist schon recht, es ist schon recht«, antwortete der Wirt.
Die Menschen, welche früher in einer Gruppe mitten auf der Gasse gestanden waren, zogen sich zum Teile näher an das Haus und an die Gesträuche, wo die Männer saßen, um etwas von dem Gespräche zu vernehmen. Andere waren auch fortgegangen, und neue waren wieder gekommen.
»Der Graf Prokopus soll ein sehr gelehrter Herr sein«, sagte der Wirt; »er hat einen alten Ritter bei sich, der die Dinge der Welt weiß und ihm zuweilen von ihnen erzählte. Aber es kann nicht sein, daß der junge Graf sich alles gemerkt hat; denn mit zweiundzwanzig Jahren ist der Witz noch nicht so groß und das Urteil noch nicht so stark, daß man den Nutzen der Sachen kennt. Der Syndikus von Prigliz hat mir gesagt, daß der Bernhard von Kluen schier alle Bücher der Erde gelesen hat, sie mögen von den Pflanzen auf der Welt oder von den Sternen am Himmel handeln – er hat auch die Wissenschaft und die Dinge der alten Heiden inne, die vor vielen tausend Jahren gewesen sind. Es mag da manches enthalten sein; aber wir können es nicht erfahren, weil uns die Zeit fehlt und uns der Beruf hindert. Der junge Graf hat auch im Kriege gedient, aber es mag da nicht viel gewesen sein, weil er kaum noch ein Kind war – es sind schon drei Jahre – vier sind es schon gar – – er ist damals schon immer wegen der Gertraud auf den Stauenfels hinübergeritten, die noch die Kinderschuhe anhatte. Wenn ihm Vater und Mutter nicht so bald gestorben wären – die Mutter war eine sehr schöne Frau, viel, viel schöner als die jetzige junge Braut –, wenn diese nicht gestorben wären und der alte Gerhab und Geschäftsleiter sich nicht auf der Burg aufgehalten hätte, könnte alles anders sein. – Nun, es ist vorbei, er ist jetzt zum Herrn erklärt worden, und wir werden sehen, ob er es auch versteht.«
»Es soll ja ein großes Buch in dem Schlosse sein, wo die Grafen immer ihre Sünden aufschreiben müssen«, sagte der Aubauer.
»Das verstehst du nicht, Gervas«, antwortete der Wirt – ihre Taten und ihr Leben müssen sie aufschreiben, weil daran die Burg hängt, sonst bekommen sie dieselbe nicht. Ein alter Vorfahr hat es einmal so gestiftet – man weiß nicht, zur Buße oder wie –, und die Pergamente, wo alles steht, müssen sie in einen großen roten Saal tun, daß sie nicht verbrennen, weil auch alle Schriften der Vergangenen von jedem Gegenwärtigen gelesen werden müssen. Von dem Lesen und Schreiben sind sie alle gelehrt, und daher kommen auch die unklugen Dinge, womit sie manchmal die Untertanen gedrückt haben, und andere Sachen. Wir wollen nicht weiter davon reden. – Lieben Leute, wenn einer etwas will, so darf er sich nur dort zu dem Schenkladen wenden, es ist schon jemand da. Und wer keinen Zehrpfennig hat oder ihn sparen muß, kann auch ohne denselben etwas bekommen, wir werden es aus der Küchenstube schon sagen lassen. Das Haus der grünen Fichtau steht nicht umsonst im Walde, es gibt schon dem ermüdeten Wanderer und dem Armen sein Teil. Heute ist sogar noch etwas Besseres zu haben als sonst.«
Manche von den angeredeten Leuten gingen zu dem Schenkladen, der eigentlich ein Fenster mit einem Brette davor und einem großen Überdache darüber war, bestellten etwas und setzten sich an irgendeinem Platze nieder. Die anderen blieben stehen und horchten, als würde noch etwas geredet werden. Die Arbeiten, welche Vater Romanus angeordnet hatte, waren indessen vollendet worden. Von dem langen Tische war alles Geschirr, Geräte und Linnen weg, die einzelnen Tischlein, aus denen er zusammengesetzt gewesen war, und die Bänke und Stühle waren an ihren Platz entweder in das Haus oder auf der Gasse an den Saum des Gebüsches gestellt worden. – Die vornehmen Leute haben doch manchmal recht bsondere Dinge«, sagte Gervas, der Aubauer.
»Da haben sie auch einen Saal«, sagte Romanus, »in welchem alle gemalt sind, die Männer und die Frauen, bis auf den heutigen Tag. Sie stehen in einer langen Reihe mit lauter Harnischen und Schwertern. Das tun wir in der grünen Fichtau nicht, wir hätten auch gar keinen Platz für die Bilder. – – Knabe Christian; komme einmal her. – So. – Lasse jetzt das Kehren gehen, Knabe; du machst zu viel Staub, und die Gasse ist ohnehin schon schön genug. Lege den Besen an seinen Ort, gehe hinter das Haus, wo die Trinkborne stehen, und wasche sie sauber mit dem Bachwasser aus. Man kann doch nicht wissen, wem die fremden Pferde gehört und was sie könnten gehabt haben. Wasche sie gut aus. – So.« Der Mensch, welchen Vater Romanus mit den letzten Worten angeredet hatte, war zwar so klein wie ein Knabe, aber er hatte ein altes Gesicht und einen struppigen Bart. Es war eines jener unglücklichen blöden Wesen, wie man sie manchmal im Gebirge findet, und hatte in der grünen Fichtau das Gnadenbrot, wofür er selbstgefällig und oft zu vorzüglich verschiedene kleine Geschäfte im Hause verrichtete. Er hatte dem Vater Romanus lächelnd zugehört, und da dieser fertig war, nickte er mit dem Kopfe, ging wieder auf seinen Platz zurück, nahm den Besen, mit dem er gekehrt hatte, stellte ihn in einen Verschlag an dem Hause, wo man derlei Werkzeuge aufzubewahren pflegte, und humpelte dann mit seinem seltsamen Gange hinter das Haus.
»Ja, so machen wir es nicht wie die Rothensteiner«, fuhr der Wirt fort, »wir richten nur unsere Sachen in Ordnung und schauen mit Sorgfalt in die Zukunft. Da kannst du etwas reden, Nikolaus. Habe ich es nicht recht gemacht, da ich sagte, daß mein künftiger Eidam drei Jahre wandern soll, damit er etwas lerne? Das Ledergeschäft in Perklas ist gut, die Feldwirtschaft des Hauses auch, und Lenore mag einmal recht warm darinnen sitzen – aber er mußte die Welt und andere Handelsherren sehen, daß er sein Weib gut behandle und den Perklasern ein Beispiel gebe, die nicht vom Hause weggekommen sind.«
»Ja, der Albrecht ist ein feiner Mann geworden«, sagte der Riemmeister aus Perklas, »ich habe gerne mit ihm zu tun, und andere kommen auch von weitem herzu, um einen Handel mit ihm zu schließen.«
»Er ist ein feiner Mann«, sagte Romanus; »aber Lenore kommt nicht leer zu ihm. Sie kann sich schon sehen lassen und bringt ihm einen Glanz in das Haus. Man muß den jungen Leuten immer einen guten Betrieb zu ihrem Anfange geben, daß sie den rechten Anstand haben und die Welt vor ihnen Achtung trägt. So bin ich schon in der Jugend gewesen. Ich habe meine Augen nur auf anständige, sittsame Jungfrauen gerichtet – und da ich mir Ludmilla zuwege gebracht hatte, hat ihr Vater, der alte Hasenmüller, schon auch das Seinige getan. Sie hat darum immer ihr Gefühl und ihren Stolz in meinem Hause gehabt, weil sie seinen Wohlstand mit aufgebaut hat. Sie ist immer ein verehrungswürdiges Weib gewesen, ich habe sie nie knechtliche Arbeit tun lassen und habe ihr nie, solange wir verheiratet sind, mit einem Finger gedroht. Solche Weiber sind jetzt gar nicht mehr auf der Welt.«
»Ja, solche Weiber sind nicht mehr auf der Welt«, sagte Gervas, der Aubauer, »alles ändert sich jetzt.« »Schaut dorthin«, erwiderte Romanus, »da hat sie all das Gerülle, das nach dem Mahle übriggeblieben ist, wegräumen lassen, daß der Platz schimmernd und rein und blank ist, wie alle Tage – sie hat die Aufsicht gepflogen und dabei nicht ein einziges lautes Wort verloren. Jetzt steht sie in der Küche und kocht die Suppe für die armen Leute und freut sich schon, wenn sie dieselbe essen werden.«
»Ein gutes Weib ist ein Segen in dem Hause«, sagte Gervas.
»Ein Segen in dem Hause?« fuhr Romanus, der Wirt, heraus – »alles ist sie in dem Hause; – wenn mich Ludmilla nicht freut, so freuen mich die Kinder nicht, und so mag ich nicht erwerben und sorgen. – Und schön ist sie gewesen, Ihr seht das jetzt nicht mehr so – sehr schön – ihre Tochter Lenore kann sich mit ihr gar nicht vergleichen. Suche dir nur bald ein Weib, Nikolaus, und schau, daß ihr recht gut miteinander wirtschaftet.«
Nikolaus, der Riemmeister, welcher noch ein junger, unvermählter Mann war, drehte bei diesen Worten sein Weinglas, führte es zum Munde, und als er getrunken hatte, sagte er lächelnd: »Nun, nun, Vater Romanus, es kann noch werden, und es wird sich schon machen. Gebt mir dann Euern guten Rat, wenn die Gelegenheit ist.«
»Sollst ihn haben, Nikolaus, sollst ihn haben – aber du wirst ihn nicht befolgen, wenn es dich auch nachher reut. Es reut dich gewiß, ganz gewiß.«
Da der Wirt diese Worte gesprochen hatte, gingen vier Männer gegen die Gasse der grünen Fichtau zu. Sie gingen auf dem Wege, der sich von dem allgemeinen Talpfade gleich hinter dem Brücklein des Waldbaches trennt und bloß gegen das Wirtshaus hinzu führt, langsam einer hinter dem andern.
Vater Romanus richtete sich mit den Augen gegen sie und rief den vordern an: »Wo kommt denn ihr her und was wollt ihr denn da?«
»Wir haben den Kalk in die Weidenkörbe getan«, ant wortete der Angeredete, indem sie näher kamen. »Nun – und dann?«
»Er kann heute nicht heraus gesäumt werden, weil der Reitmeister des Schlosses dagewesen ist und die Pferde verlangt hat, um die Brautgüter zu fördern.« »So, das hat er getan?« erwiderte Romanus, »und da mußtet ihr gleich alle viere herauskommen, um mir das zu sagen, und so langsam gehen? Begebt euch in die Küchenstube, und eßt, so dürfen wir euch nichts in den Bruch hinausschicken; dann aber geht sogleich und geschwinder wieder zurück, und sagt, ich kann dem Scharnast keine Pferde leihen – der Georg soll den Kalk noch heute nach Prigliz säumen, weil der Fuhrmann schon wartet. Die Brautgüter können aufgeschoben werden, der Kalk nicht.«
»Es ist schon recht«, sagte der Anführer der viere, indem er den sehr großen Hut ein wenig vor Romanus rückte, was auch die übrigen taten, die ihm einer hinter dem andern in das Küchenzimmer folgten, gerade so, wie sie gekommen waren.
»Das sind meine Kalkbrecher und Brenner«, sagte der Wirt, indem er sich wieder zu den andern wendete. »Ich kenne den vordern«, antwortete Gervas, »das ist der Peregrin.«..
»Ja«, sagte der Wirt – »der Marmor meines Wildbruches gibt guten Kalk, und der Kalk hat seinen gesuchten Wert. Ich tue den Mitmenschen gerne einen Gefa1len und etwas Gutes; aber oftmals kann doch das Geschäft nicht unterbrochen werden, weil ein anderer daranhängt und an dem wieder ein anderer. Es geht die Welt ohnehin immer beschwerlichere Wege, und man hat sich zu stemmen, daß man seinen Raum behält. Damian wird weiter sorgen müssen. Er hat zwar noch keine Braut, aber er ist ganz meine und Ludmillas Art, und es wird sich schon geben. – Weil alles so vordrängt, werden unsere Nachfolger viel tiefer eingehen und wirken müssen. Ich sage euch: wer die Fichtau in hundertfünfzig Jahren sehen könnte, würde ganz andere, seltsam neue Dinge sehen als nun; so wie sie jetzt das nicht mehr ist, was sie einstens gewesen war. Ich habe noch meinen Urgroßvater gekannt – denn wir werden immer sehr alt –, und der hat gesagt, daß die ganze Fichtau ein einziger Wald gewesen ist. Unser, Haus ist ganz allein in dem Graben gestanden, und der Saumweg ist seit ewigen Zeiten gewesen. Überall waren Wölfe, er hat sie selber manchmal in der Nacht heulen gehört. Die Perniz ist an lauter Steinblöcken und Bäumen vorbeigegangen, und die Bären und die Hirsche haben daraus getrunken. Wo ist nun ein Wolf, wie wenig sind Bären, und wie selten werden bereits die Hirsche, daß man auf einer Jagd kaum zehn, kaum fünfzehn schießen kann. In manchem Tale ist schon eine Hütte, es sind Kohlenbrennereien da, Holzwerke und alles. Ja es werden bereits Bauernhöfe, wo man in früheren Jahren nichts gewußt hat. So wie sich nun bis jetzt alles verändert hat, so wird es sich weiters noch mehr verändern. Die Fichten dort standen einmal gerade vor den Fenstern, darum heißt die grüne Fichtau die grüne Fichtau; jetzt sind sie schon zurück bis an den Saum und werden noch weiter zurück müssen. Die Tannen dort auf der Steinwand werden wohl zuerst wandern. Die Lage dieses Ortes ist einmal zu allen Dingen zu günstig: der Bach fließt so gut und reich aus dem Grahnstale hervor, da wird ein Werk entstehen, das Bretter schneidet oder das Loh der oberen Grahnseichen stampft – das Tal geht gegen rückwärts weit auseinander, da wird aufgeräumt werden, es werden Häuser entstehen, daß abends die ganze schöne Rinderherde der grünen Fichtau mit Glocken und mit einem eigenen Hirten nach Hause geht und in die Hütten gesammelt wird – der Pfad wird zu einem breiten Wege werden, auf dem man mit Wägen fährt, und wenn in den Seitentälern, wo jetzt die Bächlein rinnen, auch Wege sind und Hütten und Häuser zerstreut im ganzen Steinreviere der Fichtau liegen, dann werden an Sonn- und Feiertagen auf dem Platze vor unserem Hause eine Menge Wägelchen stehen, die da zu einem Frühmahle kommen, und daß wir dann alle miteinander in die Kirche nach Prigliz fahren. Darum muß auch eine Schmiede her, die gewiß einer unserer Nachfolger errichten wird. – Ich habe selber schon hinter dem Hause einen großen Garten wollen anlegen lassen, aber es sind noch die Bäume mit ihren langen Schatten, und im Frühlinge deswegen die häufigen hartnäckigen Reife. –- Wie haben auch in der Zeit her die Rothensteiner auf dem Berge gewirtschaftet – wie haben sie verändert und umgestaltet und gebaut, die bauen eigentlich immer. Sie bauen dies und das und stets mehr und immer mehr – das ist ganz unglaublich, ganz unrechenbar und füllt den Kopf mit schwerer Sorge; was das für Geld gekostet haben mag!« – –
Nach diesen Worten erheiterte sich sein Angesicht sichtbarlich, und er begann mit Vergnügen zu lächeln. Es kam seine Tochter Lenore über den Platz her gegen ihn gegangen, in knapper, sehr netter Kleidung, daß die Schönheit des Mädchens noch bedeutender auffiel. Die langen Wimpern schatteten über die großen Augen und standen zu den frischen Wangen sehr fein.