Prokopus
Prokopus
Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.
Weil er ein leises Beben in ihren Gliedern fühlte, so meinte er, sie fürchte ihn. Er rückte deshalb einen Schemmel zurechte, stand auf und setzte sich auf denselben ihr gegenüber zu ihren Füßen nieder, so daß sein Haupt viel tiefer war als ihres. Das Licht des Saales, welches früher an ihnen vorbei unsichtbar in die Luft hinaus gewandelt war, fing sich nun an seinen Zügen, daß sie beleuchtet zu ihrer Dunkelheit hinaufsahen.
»Lasse mir die Hand«, sagte er – »liebe Gertraud, lasse mir die teure, sanfte Hand.«
»Ich lasse sie dir ja, Prokopus«, antwortetesie, indem sie ein wenig weiter vorrückte und die Hand ihm reichte. »Siehst du«, fuhr er fort, »wir werden jetzt ein schönes Leben beginnen – ich werde dich hierhin und dorthin führen, ich werde dir erzählen, du wirst zuhören – ich werde dir alle Dinge zeigen, welche dieser Berg enthält, ich werde dich in seine Vergangenheit einweihen, ich werde dir auch von andern Dingen sagen, die wunderbar sind auf der Erde, und diese Sterne, die alle Nächte langsam über unsern Berg hinüberwandeln, werden die Zeugen unseres Glückes sein.«
»Sieh die Schnuppe«, rief Gertraud plötzlich.
Ein glänzender Streifen war über den weiten Himmel, den man von der Samthalle aus überblicken konnte, hin gefahren und war unten im Dunste, wo Himmel und Land nicht mehr unterscheidbar waren, erloschen. »Sie soll nicht unser Unglück bedeuten«, sagte er, »sondern nur den schnellen Flug, in welchem die Zeit in unserem Glücke dahingehen wird. Dann werden wir alt sein, Gertraud, aber wir werden in heißer Liebe Herz an Herz drücken – und wenn das eine gestorben ist, so wird das andere weinen, als müsse es mit seinen Tränen sich zu Grabe bringen.«
»O wie bist du schön, Prokopus!« sagte Gertraud.
»Und wie bist du gut«, erwiderte er – »und wie ist es glücklich, daß es so gekommen ist, daß wir uns besitzen, und welche unabsehbaren Tage des Glückes werden kommen!«
Sie antwortete nicht, aber sie folgte dem leisen Zuge seiner Hand, die sie gegen sich zog, gleitete gegen ihn, da er sie umfaßte, schlang beide Arme um seinen Nacken, da er sie an sich drückte, und empfing den Kuß von den Lippen ihres Gatten.
Sie war auf dem Samtkissen des Schemmels, auf dem er saß, gekniet, da sie ihn umfangen und geküßt hatte. Als die Arme sich lösten, hob er sie sanft auf, lenkte sie auf ihren früheren Sitz und setzte sich neben sie.
Sie sprachen nichts.
Die Nacht war weiter vorgerückt – der Lichterschein, der unten an den Bäumen des Kastellanhäuschens gesehen worden war, war erloschen, auch derjenige, welcher von dem Speisesaale dämmerig herübergekommen war, war nicht mehr da, und keine einzige Stimme war auf dem ganzen Berge zu hören.
Die Gatten hoben sich und gingen wie zwei selig schüchtern Liebende in den Saal hinein.
Die dunkle Tür schloß sich hinter ihnen, und dieselben Sterne, welche über den Bergen der ganzen Fichtau schienen, welche auf das kleine graue Haus und darin auf das schlummernde alternde Ehepaar, auf die unschuldige Lenore, auf den Jüngling Damian und auf die andern niederleuchteten, standen nun auch in der kühlen brennenden Glocke über dem Berge des Rothensteines.
Er war fast ganz schwarz und kein einziges Licht auf ihm zu erblicken; denn die wenigen, welche innerhalb der Mauern noch brannten, waren durch feste eichene Fensterbohlen von der äußern Ruhe, Heiligkeit und Stille der Nacht abgeschlossen.
2. Der Mittag
Das versprochene Glück ist nicht gekommen. Nachdem die Hochzeitsgäste noch mehrere Tage mit Freuden und Vergnügungen auf dem Rothensteine zugebracht, nachdem sie alles und jedes auf dem Berge besichtigt, in den Teichen und Flüssen der Ebene gefischt, in den Wäldern der Fichtau gejagt und hinter dem Eichenhaine auf die Scheiben geschossen hatten: gingen sie einer nach dem andern fort. Die letzten waren die Eltern Gertrauds und der fröhliche Schwager Rudolph. Die Pferde, welche man von dem Rothensteine zur Beförderung mitgegeben hatte, kamen nach und nach abgemüdet wieder zurück, und jetzt begann alles in dem Gleise zu gehen, in welchem es alle die künftigen Tage gehen würde.
Aber es war eigentlich noch kein Gleis. Prokopus war erst wenige Wochen vor seiner Vermählung mündig gesprochen worden. Vorher war das Leben auf dem Rothensteine sehr einfach gewesen. Vater und Mutter Prokops waren sehr früh gestorben, da er noch beinahe ein Kind war. Sie hatten, da er ihr einziger Nachkomme war, alles auf seine Erziehung verwenden wollen, was ihnen ihr großer Reichtum nur immer eingab und was die besonders guten Anlagen des Knaben, die sie zu sehen glaubten, erheischten. Es waren Lehrer nach Lehrern auf das Schloß gekommen und immer wieder mit andern vertauscht worden. Kurz vor dem Tode der Eltern war einmal der Ritter Bernhard von Kluen eine Weile auf dem Rothensteine gewesen. Er war ein seltsamer Mensch. Von seinen Vorfahrern mit Gütern und Reichtümern versehen, genoß er dieselben gleichwohl nicht, das heißt, er genoß sie nicht so, wie sie seine Standesgenossen und so ziemlich alle Menschen seiner Zeit genossen haben würden. Er verbrachte einige seiner frühesten Jugendjahre im Kriege. Dann kam er nach Hause und liebte ein armes Mädchen seiner Nachbarschaft so sehr, daß er es zu seinem Stande erheben und zu seiner Gemahlin machen wollte. Das Mädchen hatte eingewilligt und wurde in verschiedenen Dingen unterrichtet. Nach und nach gewann sie aber den Forstmeister viel lieber, und Bernhard gab ihr eine große Summe Geldes und ließ sie den Forstmeister heiraten. Nach drei Jahren heiratete er selber ein Edelfräulein, welches nach fünfjähriger kinderloser Ehe starb. Von nun an blieb er unvermählt. Er hatte schon früher, da er von den Kriegsfeldern zurückkam, ein sehr gleichmäßiges Leben geführt. Er hatte nicht Pferde und Hunde oder Gewehre, Rüstkammern und Dienerschaft gehalten, er gab keine Tafeln und Gelage und wohnte keinen solchen bei. Dieses Leben führte er als Witwer um so mehr fort. Er setzte mehrere gute Amtmänner in seinen Liegenschaften ein und besuchte bald den einen, bald den andern. In seinem Schlosse hatte er viele Bücher und wissenschaftliche Geräte. In den Büchern las er, mit den Geräten machte er Versuche. Er reisete auch manchmal fort und besuchte Städte und Männer, die ähnliche Dinge trieben wie er, und unterredete sich mit ihnen. Wegen dieser unkriegerischen und unjagdlichen Eigenschaften, die sie ihm beilegen zu müssen glaubten, hatten seine Nachbarn und Standesgenossen seltsame und unvorteilhafte Meinungen von ihm. Zu diesem Manne, da er, wie wir sagten, einmal eine Weile auf dem Rothenstein war, faßte der Knabe Prokopus eine feurige Liebe. Bernhard hatte sich mit ihm abgegeben, ihm vieles erzählt und ihn um manches gefragt. Da es nun so war, schlug er den Eltern vor, daß er auf den Berg herüberkommen und den Knaben unterrichten wolle. Die Eltern waren sehr zufrieden, Bernhard reiste ab, kam nach einiger Zeit wieder und lernte von nun an alle Tage mit dem Kinde. In kurzer Zeit starben Vater und Mutter hintereinander. Da kam in Folge des väterlichen Testamentes Flerenz von den Tennen, ein unabhängiger, adeliger Mann, der mit den Scharnast weitläufig verwandt war, als Vormund des Buben und als Gerhab der Besitzungen auf das Schloß. Es begann eine Verwaltung, in der alles zu dem Zwecke ging, daß das Gut sich nicht vermindere, sondern vermehre. Bernhard blieb auf dem Schlosse, er wurde von dem Schloßgesinde für einen Lehrer angesehen, der gezahlt wird, und ging mit seinem Zöglinge auf dem Berge herum. Da derselbe in das Jünglingsalter getreten war, hielt Bernhard dafür, daß er einige Zeit in Kriegsdienste gehe, daß er sich stärke und tüchtig werde: aber als er bald ungebändigte Neigungen und Leidenschaften bei dieser Beschäftigung verraten hatte, zog man ihn von derselben in kurzer Zeit wieder zurück. Er ritt nun in der Gegend nach verschiedenen Stellen herum. So kam er auch auf den Stauenfels und faßte eine heftige Neigung zu dem Kinde Gertraud von der Staue. Er ritt von jetzt an, wenn es seine Stunden erlaubten, zu jeder Zeit nirgends anders hin als aul den Stauenfels. Weder der Vater des Mädchens noch der Vormund wollten wegen der großen Jugend Prokops und Gertrauds in das Einverständnis willigen, aber die bewunderungswürdige Ausdauer Prokops in seiner Bewerbung und die unermeßliche Neigung des heranwachsenden Mädchens zu dem Jünglinge besiegten allen Widerstand. Der Vater selber beredete den Vormund, seine Einwilligung zu geben. Der finstere Flerenz von den Tennen legte eine Vormundschaftsrechnung über die Zeit seiner Amtsführung ab, welche alle Erwartungen bei weitem übertraf, dann ward Prokopus für volljährig erklärt. Wenige Wochen darauf hielt er sein Vermählungsfest auf dem Stauenfels, bei welchem Bernhard Vaterstelle vertrat, und führte dann die Braut voll Freude und Vergnügen auf den von ihr noch mit keinem Auge gesehenen Rothenstein, wie wir es im vorigen Abschnitte schilderten und wo sie sich auf dem Balkone bei dem Scheine der Sterne an die Herzen drückten.
Die Zeit zwischen der Volljährigkeitserklärung und der Vermählung wurde von Prokop zu lauter Vorbereitungen zu dem Feste verwendet, und da, wie wir sagten, alle frühere Vergangenheit sehr einförmig und in Abhängigkeit verflossen ist, so mußten die Gleise für die Zukunft, wie wir es bemerkten, noch nicht fertig sein und erst neue gemacht werden.
Das erste, was Prokopus tat, da die Festtagsgäste entschwunden waren, bestand darin, daß er Gertraud in allen Teilen seiner und nun auch ihrer Besitzungen herumführte und sie ihr zeigte und daß er daranging, diese Besitzungen zu verwalten und zu regeln.
Des Morgens nach der ersten Nacht, als die jugendliche Herrin die sanften grünseidenen Vorhänge von den Fenstern ihres Schlafgemaches zurückgeschoben hatte, bewahrheitete sich die Aussage ihres Gatten, und ein schöner Ring sanfter, wunderbarer Ferne lag um ihren Berg herum, der mit seiner frischen, herrschenden Grüne auf das holde Dämmern und Duften des unendlichen übrigen Landes wie ein König hinaussah. Schwalben kreuzten sich wie in der blauen Luft dahinschießende Funken, und in den entfernteren, hinabziehenden Gebüschen erscholl ein Freudenlärmen von singenden Vögeln, da sie den einen Fensterflügel für hereinströmende Luft geöffnet hatte; denn in dem Rolhensteine war es seit Jahren Gesetz, daß auf dem Berge kein einziger Singvogel getötet oder verfolgt werden dürfe. Da Prokopus hatte nachfragen lassen, ob seine
Gattin schon angekleidet sei, und solches bejaht wurde, holte er sie ab und führte sie zu den Gästen, um ihnen Aufmerksamkeit zu beweisen. Dies geschah an jedem Tage, solange noch einige da waren.
Als endlich Gatte und Gattin ihrem eigenen Ermessen überlassen waren, den Tag einzuteilen, wie sie wollten, ging Prokopus daran, ihr ihr künftiges Eigentum darzustellen. Erzeigte ihr den ganzen Altbau in allen seinen Räumen. Von dem großen Saale mit den Wandgemälden angefangen durch alle Gemächer und Gänge. durch ihre eigenen Wohnungen, durch den Balkonsaal, vor welchem noch die aufgerichtete Samtnische prangte, durch die Kapelle, durch die Pfarrerswohnung, ja durch alle Zimmer, in welchen Dienerschaft oder Gäste untergebracht werden konnten, führte er sie hindurch. Da sie durch die Eisenpforten eines Saales hinaustraten, öffnete sich ein sonderbarer Anblick. Das an den Saal stoßende Getäfel des Fußbodens, das Marmor war, hatte keine Decke über sich als den Himmel, und durch die Fenster des Zimmers schaute ebenfalls der Himmel herein. Das daranstoßende Gemach und die folgenden waren ebenfalls in dem nämlichen Zustande, dann kamen Mauertrümmer, Bogenstücke. Simse und Schutt, über dessen Böschung eine notdürftig vorgerichtete Treppe hinab ins Ebene führte. Es war dies der älteste Bau, an den man, gegen den Eichenhain vorschreitend, den neuen angestoßen hatte und der nun in Trümmern lag. Prokopus leitete seine Gattin die Treppe hinab in den alten Garten, der wieder zur Pfirsichzucht und anderem hergerichtet worden war und seltsam zwischen zwei Bogengängen fortlief, in deren obern Hallen sich bereits die Zweige der wuchernden Bergbäume, des Ahorns und der Ulme, hinein erstreckten. Prokopus führte seine Gattin auf dem wohlausgetretenen Wege, der in der Mitte des Gartens hinlief, bis zu dem Ende, an dem der große tote Stein lag. Er öffnete die äußere Pforte des Felsentores; er öffnete mit den zwei kleinen Stahlschlüsseln, die er im Samtfache mit sich trug, die innere und führte Gertraud in den roten Saal, welcher unterirdisch in Felsen gehauen war, in welchen sie als eine Angehörige des Berges hinein durfte und in welchem nach der Stiftung des alten Hanns von Scharnast die Lebenserzählungen sämtlicher Burgbesitzer lagen, daß sie von jedem neuen gelesen und mit der seinigen vermehrt würden. In Prokops Nische befanden sich erst einige wenige unbedeutende Blätter. –-Ach, es sollten schon noch mehrere und düster schmerzliche hinzukommen. – – Das Licht von oben fiel durch die Kuppel einsam und ruhig an den im Sechseck gestellten Wänden auf den Boden hernieder und bestreifte im Vorbeigleiten die Stahltürchen und Goldbuchstaben zu den Nischen, in denen die Beschreibungen waren. Gertraud hatte in diesem Saale kein einziges – nicht ein Sterbenswörtchen gesagt.
Ihr Gatte führte sie neben dem roten Steine auch in den Kirchhof des Berges, auf dessen Stille die Wipfel der Lindenallee, die zu ihm führte, die grünen Wände des Eichenwaldes und die grauen Schutthügel des Altbaues hereinsahen. Sie gingen über das glatte grüne Feld mit den Gefühlen ganz junger Leute hin, für welche dieser Platz gleichsam gar nicht gemacht ist, und betrachteten das weiße Kreuz, das mitten auf dem gleichartigen Rasen von vier Linden umgeben stand. Prokopus führte Gertraud auch in den Sixtusbau, der glatt und fest von gehauenem Steine aufgeführt, als sei er von Eisen, hinter dem Eichenwalde stand und die Klausur der einstigen Burgfrau Hermenegild, der Gattin des Kreuzfahrers Ubaldus, die nach dem Tode ihres Mannes Nonne geworden war, dann mehrere Prunk- und Wohngemächer früherer Geschlechter und endlich den grünen Saal enthielt, in welchem alle Angehörigen des Berges in Lebensgröße gemalt waren. Gertraud sah alle Männer dieses Schlosses bis auf Prokopus herab, der noch fehlte, in Harnischen dastehen oder sich an Tische lehnen oder in reichen Sesseln sitzen. Sie sah alle Frauen und Jungfrauen in den fortschreitenden Veränderungen ihrer Gewänder, die oft wunderbar und zierlich genug waren. Sie betrachtete die nächsten, leeren Nischen, in welche Prokops und ihr Bild und vielleicht die Bilder derer kommen könnten, die den Kreis von zweien zu einem von vielen zu erweitern bestimmt waren. Jetzt standen sie nur erst zwei da, und in dem ungeheuren Saale, in welchem die Reihen von Männern und Frauen hinabglänzten,in welchem der glatte Serpentin und die Lichter und Hellpunkte der Gemälde durch hereingehende Tagfluten funkelten, erschienen sie klein und beinahe unscheinbar.
Prokopus zeigte seiner jungen Gattin auch andere Bauwerke des Berges, welche für die verschiedenartigste Dienerschaft, für Pferde, Wägen und dergleichen bestimmt waren, er zeigte ihr die lang hinlaufenden Mauerwerke, welche die Stufen des Weingeländes bilden und schwarz bemalt trotz der Höhe und trotz der kühlen Sonne doch die süßen Beeren des Berges reifen – er zeigte ihr die ungeheure Umfangsmauer des Berges. welche während achtzig Jahren in verschiedenen Zeiträumen erbaut worden war – er führte sie durch die verschiedenen Anlagen und deren Lustbauten – er geleitete sie durch den Fichtenberg, einen sonderbar ansteigenden roten Fels, der an seiner unteren, sanften Dachung mit dichten Fichten bewachsen und auf seinem Gipfel so glatt geebnet war, daß ein bedeutendes Gebäude auf ihm hätte stehen können; – er führte sie durch eine sanft geschwungene, grasreiche Wiese zu der Bergzunge empor, die schnell und fürchterlich gegen die Fichtau abfällt, daß unten grüne Waldeswogen hinausgehen, von manchem Wässerlein durchglitzert, und daß draußen rötlich blaulich der Grahns dämmert, der hinter dem Wirtshause der grünen Fichtau steht.
Sooft sie von solchen Besuchen und Gängen zurückkamen, saßen sie gerne in ihren kühlen, schattigen Zimmern – denn auf dem Berge begann es bereits heiß zu werden – und erzählten sich von ihrem Glücke und von der ungeheuern und unermeßlichen Größe desselben, die sie erst in der Zukunft erwartete.
Nächst dem, daß er mit seiner Gattin umging, widmete nun Prokopus auch einen Teil seiner Zeit der Bewirtschaftung seiner Güter und der Ordnung seiner Verhältnisse. Er war aus der Vormundschaft herausgekommen und fing nun an, alles zuerst genau kennenzulernen, um es dann in den Gang zu bringen oder vielmehr in demselben zu erhalten; denn das erkannte er sehr bald, daß der finstere Vormund, den er nie geliebt, ja kaum geachtet hatte, der selber bei den Nachbarn in keinem freundlichen Rufe stand, vorzüglich gut gewirtschaftet haben mußte. Obwohl er noch sehr jung war, so hatte er doch ein adeliges, stolzes und zuversichtliches Wesen, das ihm Achtung verschaffte, und hiebei eine solche mildernde Schönheit des Angesichts, daß ihm überall Liebe entgegenflog. Vorzüglich jung waren die Augen an ihm geblieben, daß sie noch beinahe so unbefangen und unschuldig in ihrer Größe in die Welt hineinsahen wie bei einem Knaben. Gertraud liebte diese Schönheit gar so sehr, und wenn er nach längerer Abwesenheit wieder nach Hause kam, konnte sie sich gar nicht satt sehen an seinen Zügen und an der Gewalt seiner Augen, und sie hing in Seligkeit an dem Empfangskusse seiner Lippen. Er entgegen lebte und webte in ihrem Innern und konnte sich nicht denken, daß es ein lieblicheres, unschuldigeres, holderes und reizenderes Weib auf Erden geben könne als Gertraud.
Ehe das erste Jahr der Ehe herum war, kam der bestellte niederländische Meister, um die beiden Bilder, Prokops und Gertrauds, für den grünen Saal zu malen. Es war ein Fest für beide und war zugleich eine heilige Handlung für ihre Nachwelt. Prokopus, in Verehrung der ernsten vergangenen Zeit, die überall in dem Saale dargestellt war, legte einen Harnisch an damit er in demselben gemalt werde, obwohl er sonst nie einen getragen hatte. Gertraud, in der kindlichen und kindischen Freude über die Sache und in der Scheu über ihren Ernst und ihre Bedeutung, war bald mutwillig in der Wahl ihrer Gewänder und Schleifen, bald waren sie ihr nicht würdig und einfach genug, bis sie sich zuletzt zu Prokops Freude von ihren Frauen in das Gewand kleiden ließ, das sie angehabt hatte, als sie mit ihm zum zweiten Male in der Kapelle des Rothensteines am Tage ihrer Ankunft war eingesegnet worden. Die Anfertigung der Gemälde geschah in dem großen Gemache des Sixtusbaues, das nahe am Eingangstore schon vom Anbeginne eigens zu dem Zwecke hergerichtet und mit allem Nötigen versehen worden war.
Endlich prangten sie in dem dunklen Serpentine und sahen als die letzten der Reihe in die Räume des Saales heraus.
Im zweiten Jahre der Ehe brachte ihm Gertraud das erste Kind, einen Sohn, den der Vater Julianus taufen ließ. Aber sonderbar war es: da er heranwuchs, zeigte sich die blonde Haarfarbe der Mutter auf seinem Haupte verfärbt und war rot. Die Augen hatte er auch von der Mutter, aber blaßblau.
Nach und nach begann es sich auch zu entfalten, wie das Unglück, dessen wir oben erwähnten, in dieses Haus. einzog.
Gertraud war bei ihrer Vermählung ein Kind gewesen. Ihre Innerlichkeit war eine Knospe und mußte sich erst entwickeln. Dies geschah. Wie die Rose eben eine Rose wird, so ward sie auch sie selbst. Keine Hand tat etwas hinweg, daß sie voller und herrlicher wurde oder daß sie schwächer und verkümmerter ausfiel. Prokopus liebte sie zu sehr, wie sie war, als daß er an eine Umbildung und Änderung gedacht hätte. So wuchs auch in ihm der Same auf, der schon in seiner Einzelheit lag und den er von seinen Vätern überkommen hatte. Beide bildeten sich zu dem, zu dem sie konnten.
Gertraud war eine tiefe, stille Natur, der alles klar, unverworren und eben sein mußte, sonst machte es ihr Pein. Sie klärte und ebnete daher alles, daß es blank und rein und übersichtlich dalag – und was sie nicht gewältigen konnte, stellte sie außer ihren Kreis, daß es gar nicht da war – und wer es ihr hereinbrachte, tat ihr feindliche Gewalt an, die sie wie ein Versuch ihrer Vernichtung berührte. Darum war auch in ihrer Wohnung ein Glanz der Reinheit und Ordnung, der mit ebenmäßiger Heiterkeit umfing – ihre Augen waren immer klar und gütig, ihr Haar auf das bestimmteste geordnet und ihr Anzug vollendet und rein. Sie liebte klare, ruhige und abgeschlossene Schönheit sehr und . hatte Widerwillen gegen jedes Gewaltverkündende, Anschreitende, Drohende. Sie konnte sich nicht verstellen, ja selbst um eine wohlgemeinte Überraschung hervorzubringen, konnte sie nicht anders sein, als sie war: So wie sie das Angreifende haßte, griff sie selber auch nie an, sondern setzte der Gewalt nur die stumme Unmöglichkeit entgegen, sie aufzunehmen. Nur in der süßesten, holdesten Stunde der Herzenshingebung und Schmelzung brachte sie es zuwege, daß sie einige leise Töne anschlug von dem, was sie schmerzte, was ihr wehe tat und was sie bei dieser oder jener Gelegenheit dachte – und selbst da war es, als ließe sie nur mit Scham diese wenigen Andeutungen aus ihrem Innern hervorgehen. Ihre Welt war in ihrer Seele gebildet. und so hielt sie dieselbe wie ein Kleinod und hütete sie, daß sie die andern nicht kannten und ahnten – und sie selber kannte sie nicht. Sie wußte nicht, wie ihr Inneres sei, wie sie dasselbe bilden möge und was sie tun solle, um die Umgebung glücklich zu machen – nur das eine wußte sie, daß sie ihren Gatten über alles und mit einer Inbrunst und Überschwenglichkeit liebe, von der sie nicht begreifen konnte, wie sie nur in der Welt möglich sei. Er liebte sie nicht minder. Wie ein Bild der Anbetung – man möchte sagen der Abgötterei – betrachtete er sie und hatte auf der Erde keinen Wunsch, keine Freude, kein Entzücken als sie.
Und dennoch waren es diese Menschen, die sich wehe taten, die sich gleichsam wie mit schneidenden Messern die Gemüter verwundeten.
Prokopus war offener, heiterer Natur. Wie Gertraud alles in ihrer Einbildungskraft klar hatte, so hatte er es in seinem Verstande. Er fand für das Herz das Wort. Wo es zur Klärung von Wirrnissen oder Mißverständnissen nicht entgegenkam, da hielt er es für Verstockung und Trotz. Sein Geist war wie der von manchen seiner Vorfahren weitfliegend, auffordernd, angreifend, enthüllend, ungenügsam mit seinem Besitze und prüfend, ob er der rechte sei, eroberungslustig und freudig in Unbestimmtheit und Unendlichkeit, wo große Gewalten spielen, die hereindämmern und vielleicht einmal enthüllt werden würden.
So geschah es im Anfange ganz leise und unbedeutend, daß er etwas sagte, von dem sie dachte, daß er es eigentlich nicht hätte sagen sollen. Sie stand stille in der Fenstervertiefung oder sonst irgendwo – er kannte jedes kleinste Wölklein auf dem immer klaren Spiegel ihres Angesichtes, kam hiezu, und wußte er gleich nicht, woher das Wölkchen entspringe, so küßte er es doch weg – das will sagen: er meinte, daß alles verschwunden ist, weil sie nicht klagte und gut und duldend war – aber das Wölklein war doch da, sie hatte es sich nicht gegeben, sie konnte es sich nicht nehmen, und das allmählige Verschwinden desselben merkte er nicht.
Dann kam wieder heiterer Himmel und war lange heiter.
Aber die Spaltungen erschienen wieder und wurden tiefer. Wenn sie schwieg, wenn er in sie drang, zu sagen, was ihr fehle, und wenn sie es nicht sagen konnte, wenn er noch stärker drang, es unbegreiflich hieß, warum sie nicht rede, – und wenn er nach geraumer Zeit endlich abließ, sie fragte, ob sie gut sei, und sie durch Tränen antwortete, daß sie gut sei: so suchten beide die Einsamkeit und meinten, das Herz müsse ihnen zerspringen.
Einmal, da sie nebeneinandersaßen, da sie ihm mehreres von ihren Kleinigkeiten gesagt hatte, insbesondere, was ihr in der letzten Zeit an Arbeiten oder sonstigen Bestrebungen mißlungen war, da er so gut und lieb war, gerade gar so gut und lieb, wie sie es sich in früherer Zeit immer vorgestellt hatte, daß er sein müsse, wenn sie in seine Züge und in seine Augen geschaut hatte, sagte sie: »Lieber Prokop, sieh, du hast mir einmal versprochen, daß mir alle diese Dinge auf dem Berge schon gefallen werden – das will nicht kommen: schaue nur, wie das wüste Bauen ist; da haben sie gleich den ganzen Berg mit einer finstern Mauer umgeben und ihn von der andern Erde weggerissen – an unsere Wohnung sind die Trümmer des Baues, in dem die Voreltern gelebt haben, angeheftet, wie ein Toter in einen Lebendigen – dann ist der verzauberte Garten und der sonderbare rote Saal – – und neulich bist du gar im Mondscheine über den Trümmerberg in den Garten hinab und in den Saal gegangen!«
»Liebe, sanfte, teure Gertraud«, antwortete er – »das ist ja schön, wenn man im Niederstrom des Mondlichtes durch die Male der Vergangenheit und neben den Zeugen der Gegenwart, den schwarzen, ruhigen, klumphaften, schweigenden Bäumen vorübergeht. Und was die Voreltern auf dem Berge taten, ist ja auch nicht bedeutungslos. Es ist groß, es ist schwunghaft und tüchtig wenn man versucht, auch im Reiche des Geistes zu wei1en, zu ändern, umzugestalten und fremde Kräfte, bisher unbekannte, in sein Wesen zu ziehen – statt daß man bloß fortlebt in täglichem Ernähren und in ordentlichem häuslichem Wirtschaften. Das leuchtet ja mit klaren, hellen Strahlen!«
Sie nickte und schwieg. Er, der bei ihr gesessen war, war aufgestanden.
Sie dachte, er wird schon recht haben – aber, dachte sie, es wäre ja nicht unmöglich, daß der Berg wie ein anderes Haus wäre, das so in seinem Garten oder auf seiner Wiese steht, und dann liegt die ganze Welt um dasselbe herum – oder daß der Schutt an unserer Wohnung weggeräumt würde und der Garten geordnet, daß das Schloß an seinen frischen Bäumen stünde, wie der Stauenfels – oder es könnte sein, daß die Lebenserzählungen, wenn sie auch geschrieben und gelesen werden müssen, wie das veraltete Testament befiehlt, doch in einem freundlichen Zimmer in schönen, feuerfesten Kästen liegen dürften.
Er ging in einer Weile hinaus und ging in den Eichenhain hinüber, in welchem die Damhirsche waren, die ihn kannten. Er fütterte sie auch heute, wie er sonst gerne tat, mit Brot aus seiner Hand.
Am meisten feindlich schien ihr Bernhard von Kluen, der auf dem Schlosse geblieben war; er ergreife alles, zerstöre alles, aus den Sternen wolle er wilde Erdkugeln machen, wo es ist wie hier – er reiße sie auseinander und verwirre die Welt, daß sie nicht so schön sei, wie sie ist. Es waren bitterliche, lange Stunden; wenn die zwei Männer in das abgelegene Haus hinübergingen, das sie gebaut hatten, wo die Bücher waren und die Geräte und allerlei andere Sachen und wo sie sich vergnügten und ergötzten.
Als sie den ersten Knaben geboren hatte, war gerade der Tag Julianus, und Prokop ließ ihn so taufen. Ihr gefiel der Name nicht, sie hätte lieber Julius gesagt, aber sie schwieg und ließ es geschehen. Als sie den zweiten zur Welt brachte, wurde er, um ihrem Gedanken nachzukommen, den Prokopus mittlerweile doch erfahren hatte, Julius getauft, woher es kam, daß in der Familie die fast gleichen Namen Julianus und Julius waren. Sie war erfreut darüber und dachte nun den Knaben zu ihrem Liebling zu machen. Er war äußerst wohlgebildet; denn zu der Schönheit des Vaters, dem er fast Zug um Zug ähnlich sah, hatte er die außerordentliche Sanftheit der Mutter empfangen. Aber wie es oft seltsame Spiele in der Natur gibt: der Knabe neigte, da er heranzuwachsen begann, sich entschieden zu dem Vater, obwohl ihn dieser nicht eigens an sich zu ziehen suchte. So wie er ihm körperlich ähnlich war, erhielt er auch seine günstigen Anlagen, seine sonstige Art und Wesenheit und hing ihm unbedingt an. Gertraud ließ ihn fahren und ergab sich. Dennoch wandte sie ihm aus mütterlicher Liebe, weil er der Zweitgeborne war und daher von den großen Gütern wenig erben konnte, ihren Anteil zu, den sie nach dem Tode ihres
Vaters, ihrer Mutter und ihres Bruders von dem Allode derselben erhielt; die Lehen fielen zurück.
Als Prokopus durch den sogenannten Fichtenkegel, den kleinen, düstern Fichtenwald auf den Seiten eines Spitzberges, nicht nur einen Weg nach aufwärts bahnen ließ, sondern auf der Abplattung des Gipfelfelsen auch einen zackigen Turm zu erbauen angefangen hatte, von dem er sagte, daß er von ihm aus auf die Sterne schauen werde, und als er oft viele Stunden auf de Steinplatte stand und dem Baue zuschaute, saß der Knabe neben ihm, und die wunderschönen Haare kräuselten sich lieblich in dem Zuge des Windes.
Gertraud hatte dem Gatten auch noch drei Töchterlein nach den zwei Knaben geboren. Sie waren sehr sanfte, holde Wesen, und man beschloß, wenn sie größer geworden wären, alle Kinder malen zu lassen und in dem grünen Saale neben die Eltern zu stellen, so da die Mädchen gleich neben dem Vater stünden und dann die zwei Brüder kämen.
Das einzige Süße in dieser harten Zeit war, daß Prokopus, wenn sie sich längere Zeit nicht gesehen hatten, wenn sie getrotzt hatten, zu Gertraud hinüberzugehen gedrungen war, um das abgeweinte Angesicht zu küssen; denn wenn sie von seinen Augen getrennt war, dann stellte ihm sein Gedächtnis all das Liebe und Holde, das Unschuldige und Hülfsbedürftige dar, das sie hatte. Dann drückten sie die Lippen so heiß zusammen, dann hielten sie sich so fest in den Armen und das Drücken an das Herz war so liebeversichernd, daß sie meinten, sie könne ja doch kommen, die schöne, selige Zeit, – es wäre so leicht und, ach mein Gott, es besitzen sie so viele.
Aber sie kam nicht – sie entfernte sich nur noch mehr. Die außerordentlich schönen Haare Prokops hatten sich endlich schon mit Grau gemischt, und das liebliche, zarte, klare Angesicht Gertrauds hatte die vielen Fältchen überall und allüberall bekommen, die anfangs kaum sichtbar sind und doch der Blüte den Oberhauch des Welken geben, dann aber deutlicher hervortreten und im Glücke ehrwürdig machen, im Unglücke aber noch trauriger sind.
In dieser Zeit geschah ein merkwürdiger Fall auf dem Schlosse Rothenstein. Bernhard von Kluen starb. Gertraud, welche ihn immer mehr und endlich ganz entschieden haßte und diesen Haß vermöge ihrer klaren; unfalschen Natur nicht verbarg, hatte eine unverhohlene Freude darüber; denn jetzt, dachte sie, würde ihr ihr Gatte ganz angehören. Als man den Körper, den man einbalsamiert und mit schönen Kleidern angetan hatte, von dem Rothensteine unter Gepränge und schwarzen Behängen fortführte, sah sie durch das Fensterglas dem Zuge nach. Als eine Weile später Prokopus in ihr Zimmer trat und das unverborgene Vergnügen in ihren Zügen gewahrte, sah er sie zum ersten Male mit einem Blicke an, mit dem er sie noch nie angeschaut hatte. Er legte dann eine Abschrift des Testamentes Bernhards, die ihm gleich nach dessen Tode war zugestellt worden und in welcher ihm von Bernhard eine ungemein namhafte Summe, die er sich von seinen Einkünften erspart hatte, seiner Gattin Gertraud aber die Sammlung von Edelsteinen, die er ungefaßt, aber in den schönsten Stücken, die zu haben waren, zusammengebracht hatte, vermacht worden war, vor Gertraud auf den Tisch hin und ging fort. Er ging in das Bücherhaus hinüber und in demselben in die Kammer Bernhards, in der noch das schwarze Kleid auf einem Stuhle lag, wie er es ausgezogen hatte, als er krank geworden war, und weinte dort aus der bedrängten Brust siedend heiße Tränen um den verlorenen Lehrer, Freund und Vater.
Dann ließ er sich ein Pferd satteln und sagte den Dienern, er werde zwei Tage nicht kommen.
Er ritt über den Berg hinab und schlug den Weg ein, der ihn durch sein gebirgiges Waldrevier in die jenseits gelegenen, ebenen Länder führte. Als er durch die Fichtau ritt, waren schier alle, die damals den Brautzug angeschaut und ihn beneidet hatten, schon alte Männer, und die Kinder, die unbegreifend das Gewühl und den Prunk angestaunt hatten, waren erwachsen, waren in Geschäflen versorgt und hatten wahrscheinlich schon alles vergessen.
In der grünen Fichtau ritt er zu und ließ sich einen Trunk geben. Romanus und Ludmilla waren uralt. Sie saßen beide nebeneinander in der Sonne und lächelten. In dem Lächeln des Romanus war noch der alte Verstand und die gewisse Schlauheit, die er gehabt hatte, nur etwas schwächer und beruhigter: in Ludmillas Angesichte war nichts als die Güte, die Verstandesschwäche und die Unschuld. Ihre ganz silberweißen Haare sahen bei dem schwarzen Häubchen hervor, das man ihr aufgesetzt hatte. Romanus´ Haare waren, wenn es möglich ist, noch weißer und blendender geworden, nur dünner und schlichter waren sie. Damian trat, wie einstens sein Vater, mit dem Trunke in der Hand zu dem Grafen und lüftete das Käppchen. Unter demselben aber waren noch die schönen, braun glänzenden Locken. Er hatte ganz das Antlitz des Vaters; die Träumerei seiner Jugend war eine Art Sanftmut geworden, statt daß der Vater mehr eine gutherzige Schalkheit besessen hatte. Seine jüngsten zwei Buben standen da und glotzten den Grafen an.
Als derselbe wieder weiterritt, war es ihm bestimmt, auch noch den Rest der Familie der grünen Fichtau zu sehen. Die Vorhersage des alten Romanus war rascher in Erfüllung gegangen, als man gedacht hatte; der Weg
durch die Fichtau war ein Fahrweg geworden, schöne kurze Gebirgswägelchen rollten auf ihm, und nur noch selten, gleichsam wie ein übergebliebenes Altertum, hörte man das Saumglöcklein, das an dem Halse eines alten, mit Gepäck einherschreitenden Tieres hing. Auf diesem Wege begegnete dem reitenden Grafen an einer Stelle der Perniz, wo man recht schöne Geländer gemacht hatte, ein Wagen. Auf demselben saß ein vornehm bürgerlich aussehender Mann, der ihn leitete, der Lederermeister Albrecht von Perklas. Hinter ihm war die einst so schöne Lenore. Sie war kaum mehr zu erkennen. Zwar leuchtete von ihrem Antlitze noch immer die Frische, die Gesundheit und Freude, aber sie war fast zu dick geworden, eine wohlhabende, mehr in der Stube als auf dem Felde sich aufhaltende Bürgerin. An ihrer Seite saß ein erwachsenes Mädchen, ganz die einstige schlanke, feine, unsäglich edel gebildete Lenore der grünen Fichtau. Hinten waren noch zwei ziemlich erwachsene Buben und ein kleines Mädchen aufgepackt, die ganze Freude des Bürgerhauses, die zu den Großeltern hinausgeführt wurde.
Prokopus ritt vorüber; er ritt an dem entgegenrauschenden Wasser und an dem hereindunkelnden Grün der Bäume hinaus.
Die ganze Zeit, als er nicht zu Hause gewesen war, war Gertraud in ihrem Zimmer gesessen und hatte kreideweiß immer an Tüchern genäht.
3. Der Abend
Es ist nicht mehr viel zu sagen. Die natürlichen Dinge gehen ihren Lauf, wir mögen noch so großen Schmerz darüber empfinden. Es ist aber in unsere Macht gegeben, die Wesenheit dieser Dinge zu ergründen und sie nach derselben zu gebrauchen. Dann gehorchen uns die Dinge.
Die Kinder Prokops und Gertrauds waren erwachsen. Sie waren gemalt und in dem grünen Saale aufgestellt worden. Die drei Töchter, die schönsten Nachbilder der sanften Mutter, standen gleich nach Prokopus – dann kamen die merkwürdigen Brüder: Julianus im reichen Goldkleide, in einem kleinen, vergoldeten Harnische, widrigen Angesichtes, furchtbaren roten Bartes – Julius im grünen Jagdkleide, ein Bild edler, sanfter Schönheit mit auf das Kleid herabwallenden Locken. Wenn sein Vater, da er in diesem Alter war, das gleiche Gewand angehabt hätte, so wäre er Julius gewesen.
So standen die Bilder in dem grünen Saale: – es änderten sich gemach die Farben derselben, wie es ihre Natur ist, und Staub fiel darauf – und so werden sie stehen, wenn alles an den Urbildern längst in dem Laufe der Zeiten dahin ist. Jetzt werden sie noch immer aus Liebe zu den Personen gereinigt – einstens werden sie aus Liebe zu den Bildern gereinigt werden.
Die Töchter hatten geheiratet, hatten bedeutendes Gut mitbekommen, lebten sehr weit entfernt von den Eltern, schickten anfangs oft Botschaft, kamen selber manchmal – aber alles dieses wurde seltener: sie lebten bei ihren Männern, und die Eltern wurden alt – – sie hatten aber den Anfang der Ehe, die Einigung der Herzen zu demselben Klange noch nicht gefunden. Prokopus hatte schneeweiße Haare, in dem Angesichte Gertrauds waren die vielen, vielen Falten, und die klaren, guten Augen der Jugend schauten daraus heraus.
Mit dem Bildnisse Prokops war ein merkwürdiger Zufall geschehen. Es lösete sich ein Stück des Simses des grünen Saales und fiel herunter. Durch Anschlagen mit Rauhigkeiten und Zacken zerschmetterte und verletzte es das Bild so, daß es fast gänzlich vertilgt war. Prokopus hatte denselben niederländischen Meister, der es gefertigt hatte, kommen lassen, allein da dieser erklärte, daß das Gemälde nie völlig in einstiger Ähnlichkeit hergestellt werden könnte, ließ sich Prokopus in seinem Alter malen, stellte das Bild in den Rahmen und verbrannte das frühere. So kam es, daß man in spätern Jahren mitten unter den jungen Gestalten, wo Töchter und Mutter sich ähnlich sahen, den alten Mann mit weißen Haaren als Vater und Gatten fand.
Gertraud weinte bitterliche Tränen. »Also nicht einmal die Bilder«, dachte sie, »können in Vereinigung bleiben!«
Prokopus hatte den seltsamen Turm auf dem Fichtenkegel ausgebaut. Er hatte ihn mit Büchern, Werkzeugen und sogar mit Hausrat eingerichtet. Hieher ging er nun immer und schaute, mit einem Pelze angetan, nach den Sternen. Auch noch etwas anderes Sonderbares hatte er eingerichtet. Er zog von der Spitze des Turmes, wo eine Abplattung war, auf der er gerne im Winde und bei funkelnden Sternen saß, mehrere sehr dicke. und mit goldenem Drahte übersponnene Saiten bis an die Pflastersteine des Bodens nieder, auf dem der Turm stand, so daß sie schief vom Turme gegen den Boden gespannt waren. Diese Saiten tönten, wenn ein. Lüftchen oder ein Wind zog, über den ganzen Berg in mächtigen, wenn auch oft in leisen und eindringenden Tönen. Ja selbst in der Nacht, wenn alles schlief; tönte oft das tiefe Summen auf dem Berge. Er hatte eine Einrichtung getroffen, daß er den Kloben, auf welchem oben die Saiten befestigt waren, durch den Druck einer Feder niedriger stellen konnte, daß die Saiten schlotterten, wenn er wollte, daß sie keinen Klang geben sollten.
So ging die Zeit dahin.
Gertraud saß in ihren Zimmern und weinte über die Ungeratenheit ihres ältern Sohnes, den sie, da der jüngere sich von ihr wandte, mit Liebe hatte erziehen wollen. Die Söhne waren meist abwesend, weil Julianus herumschwärmte und Julius auf der Jagd war. Letzterer kam wohl öfter und war bei dem Vater, der schwieg.
Endlich legte sie das tränenschwere Haupt zur ewigen Ruhe. Prokopus härmte sich so bitter und furchtbar um sie, daß er ihr bald zur Grube folgte. Julianus schrieb im roten Saale unter die unvollendete Lebensbeschreibung seines Vaters: » † (gestorben) am dritten Tage nach dem Worte: Zirkelodem der Sterne.«
Was das Wort bedeuten mochte, kann man nicht enträtseln. Auch Verse hat man von ihm in dem roten Saale gefunden. Sie handelten über die Wunder der Welt. In dem Sternengemache des Turmes war eine kostbare Büchse, in welcher sich der grüne, vermorschte Schleier befand.
Alle Menschen in der Fichtau und weiter hin in dem Lande dachten, Prokopus sei ein sonderbarer, fast verrückter Mensch gewesen – da er so unverständlich gelebt, so sehr nach den Sternen geschaut und in der Nacht so unheimliche Musik gemacht hatte. Er ist, dachten sie, wie manche seiner Vorfahren. – Und die Sache wäre so einfach gewesen. Andere Eheleute hätten sich gefügt und sich nach ihrer Art glücklich gefühlt. Sie waren höher, liebten sich und machten sich unglücklich. Sie strebten, ach! so heiß nach Einigung – ein haarbreit Hindernis lag nur dazwischen, dieses kleine Haar war zu überschreiten; es ist so leicht – – aber gerade bei Wesen, deren Inneres ganz grundverschieden ist, ist das Haar am feinsten, weil jedes das andere nicht sieht, sondern nur sich und meint, es wäre die Einigung sogleich getan, das zweite dürfte nur sein wie das erste, was so natürlich wäre. So ist das feine Haar mit allem Ringen nicht zu vernichten – und so heißer die Liebe, so heißer der Schmerz.
Prokopus konnte nicht sein wie sein Lehrer Bernhard von Kluen, der groß und sanft war und ertrug.
Der bei allen Nachbarn verrufene Julianus hausete nun auf dem Berge, nachdem er einmal im Wirtshause zur grünen Fichtau mit Julius eine Zusammenkunft gehabt, mit ihm gekämpft und ihn um das Vermögen der Mutter betrogen hatte, worauf dieser in die weite Welt ging.
Lieblich, wunderbar, schön in dem Glanze der Sonne lag die Fichtau draußen und grünte und blühte und keimte immer fort und fort, wie die Jahre flossen, wie Julianus fortlebte und nach ihm Geschlechter um Geschlechter, daß sich die Herzen der Menschen daran erfreuten und daß sie ihren Kindern die Gaben geben konnten, die ihnen die reichen Berge brachten.
Des Wirtes Romanus Aussage, daß die Männer der grünen Fichtau immer sehr alt werden, schien wahr zu sein; denn er selber war im höchsten Alter gestorben, sein Sohn Damian war jetzt auch im höchsten Alter, und dessen Sohn, der nunmehrige Wirt, mit heiterem, fröhlichem Angesichte, verspricht, in die Fußstapfen seiner Ahnen zu treten. Es wohnt die Lust, die Gehäbigkeit und die Freude um dieses Haus.
Tag der Veröffentlichung: 11.09.2012
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Adalbert Stifter