Prokopus

Adalbert Stifter · Kapitel 1 von 1 · Teil 2/3

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Prokopus

Prokopus

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

»Wo gehst du denn hin, Lenore?« fragte er sie.

»Die Mutter schickt mich in das Hintergärtchen um Grünes in die Suppe«, antwortete sie, »und dann läßt sie Euch sagen, die Mittagskost für die Leute, welche etwas bedürfen, sei schon fertig, und sie mögen nur kommen.«

Der Vater nahm seine Tochter freundlich an der Hand; führte sie zu dem Tische, wo die Gäste saßen, mit denen er eben sprach, und fragte sie: »Kennst du diesen Mann da?«

»Ja«, antwortete sie, »es ist der Riemmeister von Perklas.«

»Und wen soll er denn grüßen?« fragte er weiter. Lenore sagte nichts – kein Sterbenswörtchen. Die langen Wimpern senkten sich noch tiefer, bis die Augenlider ihre Äpfel vollkommen deckten. In die feinen Wangen goß sich nach allen Richtungen das Blut – und es wurde die unbeschreibliche Anmut ihrer Jugend und ihres Standes sichtbar.

Der Vater winkte voll innerer ungebändigter Freude dem andern mit den Augen zu. Dieser saß da und lächelte.

»Nun, wen soll er denn grüßen?« fragte Romanus wieder.

»So grüßt ihn recht schön und recht herzlich«, sagte das Mädchen, indem es die Augen ein wenig emporschlug. »Du darfst dich nicht schämen, Narre, es ist schon alles recht, es ist schon recht«, sagte der Vater viel sanfter und freundlicher. »Jetzt geh nur, geh, du Ebenbild deiner Mutter«, setzte er hinzu, »hole das Grüne in die Suppe, und weil alles fertig ist, sage der Mutter, daß die Leute schon kommen werden.«

Er ließ sie los, und sie ging um eine Gebüschecke, wo sich vielleicht das fragliche Hintergärtchen befinden mochte.

Der Wirt behielt sein vergnügliches, leuchtendes Angesicht. Er ging auf dem Platze ein wenig hin und her, daß seine weißen Haare, die unter dem Barette hervorquollen, abwechselnd in der Sonne schimmerten, und rieb sich die Hände. Er dachte wahrscheinlich vor der Gegenwart nicht mehr an die Schauerlichkeiten und Unheimlichkeiten aller Vorfahrer und nicht an die Mühen und Abänderungen aller Nachfolger und nicht an den Stolz und das Wirken der Rothensteiner.

Lenore war mit dem Grünen nicht mehr auf demselben Wege zurückgekommen, auf dem sie hingegangen war. Wahrscheinlich hatte sie den Umweg rückwärts um das ganze Haus herum gemacht.

Romanus ging noch ein wenig auf dem Platze hin und wider, sagte zu diesem und jenem gelegentlich ein Wort und sprach dann zu allen: »Ich glaube, daß es Zeit ist, Leute, hineinzugehen. Wem eine Mittagsuppe in der grünen Fichtau genehm ist, dem ist sie vergönnt, und er begebe sich nur in die Küchenstube. «

Mehrere von den Anwesenden gingen hinein; andere nahmen Abschied, zogen ein Stück Brot hervor und verzehrten es lustig und plaudernd nach heimwärts wandernd, indem sie sich zu stolz dünkten, von der grünen Fichtau ein Almosen anzunehmen; und wieder andere blieben müßig stehen und schauten herum.

Es waren heute, wie natürlich zu erachten ist, viel mehr Menschen in der grünen Fichtau als zu anderen Zeiten. Es war in dem Hause eine sehr große Küche mit lichten Fenstern gegen das Grüne. In dieser Küche stand Mutter Ludmilla und ordnete das Verteilen der Speisen. Neben der Küche gegen die Waldung hinaus war eine große Stube, die mit einem sehr breiten Überdache sogar bis ins Freie gegen die Bäume ging. In dieser Stube und unter dem Überdache saßen viele Menschen und aßen, indem man ihnen Suppe und anderes zum Mittagmahle verteilte. Die Tochter Lenore wurde unter diesen Leuten gesehen, mit denen sie freundlich redete.

Es war indessen schon beinahe Mittag geworden, die Sonne stand schon hoch, und die Hitze mehrte sich, obwohl es noch zeitlich im Frühjahre war. Da die Menschen in der Küchenstube und unter dem Vordache gegessen hatten und sich entfernten, rückte die Stunde heran, wo auch Vater Romanus mit den Seinigen das Mittagmahl einzunehmen gewohnt war. Es war damals diese Stunde viel früher als jetzt und meistens schon, ehe die Sonne den Mittelpunkt ihres Bogens erreicht hatte. Wenn Sommer und schönes Wetter war, geschah es, daß sie meistens im Freien an einem abgesonderten Plätzchen, wo mittags liebliche Schatten hinfielen, beisammensaßen und daß Vater Romanus nach der letzten Speise noch ein wenig blieb und mit den Seinigen plauderte. – So war es auch heute gewesen, weil ein gar so funkelnder, blauer, freundlicher Himmel über der ganzen Fichtau stand. Nach dem Essen ging Romanus in die Herbergstube. Er rechnete dort ein wenig mit der Kreide auf einer Tafel und ging dann wieder auf die Gasse hinaus.

»Was bin ich denn schuldig, Vater Romanus?« fragte ihn hier der Riemmeister. »Vier Batzen, Nikolaus, willst du denn schon gehen?« sagte der Wirt.

»Ja freilich Vater«, antwortete der Mann, »ich muß beizeiten in Prigliz sein.«

»Nun, so grüße mir die Perklaser recht schön, wenn du wieder heimkömmst«, sagte Romanus. »den alten Lederherrn und seine Frau und ihren Sohn Albrecht, meinen künftigen Eidam – und die andern alten Perklaser; ich komme wohl die künftige Woche hinaus.«

»Seid Ihr denn morgen nicht zugegen?« fragte der Riemmeister; »ich spreche wieder ein, wenn ich auf dem Rückwege bin, und da könnt Ihr mir die Grüße nach Perklas aufgeben.«

»Ich gehe wohl in die linke Holzwiese hinauf, um nachzuschauen«, antwortete der Wirt, »aber ich werde schon zurück sein, wenn du kommst. Spreche nur ein, Nikolaus, spreche nur ein. Jetzt Gott befohlen, und grüße die Priglizer, den alten Syndikus, das ist ein närrischer Mann.«

»Gott befohlen«, sagte der Riemmeister, indem er seinen Schnallensack und seinen Stab von der Bank auflas.

Im Vorübergehen, da er sich gegen den Pfad hinab wandte, gab er dem Vater Romanus die vier Batzen in die Hand, welche dieser in eine Ledertasche an seinem Wamse gleiten ließ.

»Die Frucht soll ja vorletzt im Lande sehr abgeschlagen haben«, wandte sich der Wirt nun an den Aubauer Gervas.

»Die Hohenhauser haben vier Mut Korn um fünfunddreißig Taler geladen«, antwortete dieser.

»So – so – das ist gut«, sagte der Wirt, »zeigt auch, daß die Händler wegtrachten, weil die Saat so schön steht.«

Nach diesem Gespräche ging auch der Aubauer fort, und mit ihm ging Eberhard, der Schmied aus Sarau. Auch andere Gäste hoben sich, berichteten ihre Rechnung und gingen fort. Die Leute, welche schon am frühen Morgen dagewesen waren, um das Fest zu sehen, und auch die andern, welche sich später eingefunden hatten, weil sie an irgendeiner Stelle des Tales gestanden waren, um zuzuschauen, entfernten sich einer nachdem andern, um die Heimat zu gewinnen, bis endlich der Platz vor der grünen Fichtau ganz leer war und auch im Hause sich niemand befand, als der zum Hause gehörte.

Die Sonne stand schon schief. Die Tannen, welche vormittags Schatten geworfen hatten, glänzten jetzt in allen ihren Nadeln, die Wände gegenüber, welche morgens geleuchtet hatten, standen jetzt in ruhigem Schatten, und die Wärme milderte sich.

Der Vater Romanus hatte noch allerlei zu tun, um die Vorkommnisse des Tages und die Nachrechnungen desselben in Ordnung zu bringen. Er war deshalb in der Stube. Mutter Ludmilla ließ noch die letzten Reste des Festes, die man etwa im Drange übersehen hatte, einräumen und alles an seinen Platz und in seine Ordnung stellen.

Gegen die spätern Nachmittagsstunden hin kamen zwei Säumer. Sie banden ihre Tiere an die glänzenden Eisenringe, die an einer Reihe von Pflöcken befestigt waren, und hielten ihr Vesperbrot. In jenen Zeiten, wie wir gesagt haben, wurden noch alle Gegenstände, die durch die Fichtau gingen, gleichsam wie auf hohen, schmalen Gebirgspfaden gesäumt, weil man der breiteren, fahrbaren Straßen noch nicht bedurfte. Der Säumer ging oder ritt neben seinem einen oder mehreren Tieren einher, sie mit einer Leine leitend. Er hatte den Lodenrock an, einen breiten Hut auf und oft den Gebirgsstock in der Hand – und in der damals noch einsamen Luft, in welcher nur die Naturlaute des Singens und Schreiens der Vögel und des gelegentlichen Rufes eines Tieres waren, tönte das Glöcklein, das an dem Halse eines Saumtieres hing. In der grünen Fichtau hielten sie gerne an, wie auch die zwei taten, von denen wir oben geredet haben. Nachdem sie alles, was sie begehrten, von einem Diener erlangt hatten, schnürten sie wieder ihre Sachen und zogen mit dem feinen Tone des Glöckleins an der Steinwand hin, auf welcher die Tannen standen, die morgens die langen Schatten geworfen hatten.

Die letzten Gäste der grünen Fichtau waren zwei Holzknechte. Sie kamen erst, da die Sonne nur mehr über den äußersten Rand der westlichen Bergwände auf das allerlei Waldlaub hereinspann. Sie waren damals, wie jetzt, leicht erkennbar: das Angesicht mehr als gewöhnlich gebräunt, darin das Leuchten des Auges – der eigentümliche Anzug, damals noch mehr Leder enthaltend, darüber der Oberwurf von Loden, dann die Steigeisen, der langstielige Gebirgshaken und oft ein oder mehrere Bündel Eisenkeile. Der Vater Romanus war zufällig auf die Gasse gekommen, als sie herzugingen. Er redete sie seiner Weise nach sogleich an und sagte: »Ei, ei, es ist ja nicht Samstag, wo kommt denn ihr her, und wo seid ihr denn gewesen?«

»Wir sind bei dem gebrochenen Stein hinten gestanden«, sagte einer von ihnen, »und sind gestern schon herabgestiegen, um den Brautgang zu sehen. Heute gehen wir noch in die rote Schwaig zurück und steigen morgen früh wieder auf das Eiseck hinauf.«

»Nun, das ist ja recht gut«, antwortete der Wirt, »daß ihr herabgestiegen seid – es ist kein kleiner Weg, und die Klötze können derweil ruhig zwei Tage auf dem Eisecke schlafen.«

»Ei, Vater Romanus, gebt uns einen Wein«, sagte der Sprecher mit lustigem Lächeln. »Ihr habt ja doch durch unser Herabsteigen keinen Schaden gelitten.«

»Du meinst etwa gar Nutzen, Konrad, wegen des bißchen Weines«, sagte der Wirt – »ich habe keinen Schaden gelitten; denn von meinen Leuten ist keiner herabgestiegen, um Bräute zu sehen, außer dieser da.«

Er wies bei diesen Worten auf die Hausbank hin, auf welcher Tiburius, der Ziegenhirt, nachdem er sein Mittagmahl gehalten hatte, wieder saß und ruhig lächelte. Hierauf befahl er, daß man den Gästen jenen sauren, starken Wein gebe, den diese Leute lieben und den sie zu ihrem harten Brote oder zu fetten Klößen trinken. Er blieb bei ihnen, trank selber sein Abendgläschen guten Weines und redete mit ihnen, bis sie fertig waren. Sie standen auf, zahlten das wenige Geld für ihre Zehrung, schulterten ihre Sachen, gingen auf dem entgegengesetzten Wege fort, als wo sie gekommen waren, und verschwanden bald in dem Gesträuche.

Und von nun an blieb das weitgebreitete hölzerne Waldhaus mit allen seinen Nebenschoppen und Gebäuden einsam. Es stand schon in dem Schatten des Abends; denn die Sonne war hinter dem Rande der Wand untergegangen, alle Blätter und Nadeln wurden gleichsam noch grüner und dunkler, während der Grahns, der im Osten stand, anhob, beinahe hellrot auf das Ganze niederzuleuchten. Die Leute in der grünen Fichtau taten ihre Geschäfte des Abends, und der Sohn des Hauses, ein schöner schlanker Jüngling, noch jünger als seine junge Schwester Lenore, tat auch, was er gerne um diese Zeit zu tun pflegte. Er ging mit drei großen schönen Hunden, welche einen Teil der Besatzung des Hauses ausmachten, auf dem Talpfade neben der Perniz hin, immer weiter und weiter, bis er nicht mehr gesehen werden konnte. Er tat dieses gerne, entweder weil er da keine Arbeit hatte oder weil er überhaupt sinnend war und gerne seinen Gedanken und Träumereien nachging oder weil auf sein unentwickeltes Herz diese Tageszeit eine besondere Wirkung ausübte, die im Gebirge mehr als im flachen Lande um alle Dinge ihre unbeschreibliche Ruhe und Würde ausgießt.

Es war in der grünen Fichtau Gewohnheit, früh schlafen zu gehen, um, wie sich Romanus

ausdrückte, die Nacht Nacht und den Tag Tag sein zu lassen. Im Sommer geschah es schon, wenn die letzte Stufe der Dämmerung noch am Himmel leuchtete, so daß man genug sah, seine Schlafstelle zu suchen, und daß, wenn man schon schlief die Sterne oder der Mond zu scheinen anhoben.

Wie alle Tage war es auch heute an diesem so bewegten gewesen. Da die Leute ihre Arbeiten, die in jeder Dämmerung nach einer unwandelbaren Regel sich wiederholen, verrichtet hatten, gingen sie einer nach dem andern schlafen. Auch Tiburius erhob sich sofort von der Gassenbank, da noch ein recht schöner, aber blasser Goldschimmer um a1leGegenstände desTales leuchtete, er nahm seinen breiten Hut, zog sein rauhes graues Ziegenfell, das oben zu der Verwitterung der Felsen besser paßt als unten zu der Umgebung, über die Brust zusammen und ging gemach gegen die vieleckigen und vielwinkeligen Holzgebäude zurück, in denen er seinen gebräuchlichen Ruheplatz schon wußte.

Vater Romanus, nachdem er alles verrichtete und an allen Stellen des Hauses gewesen war und nachgeschaut hatte, stieg die Treppe in das obere Stockwerk hinauf, wo das Schlafgemach war, Ludmilla mußte schon viel früher heraufgegangen sein; denn sie hatte schon ihren Schlüsselbund losgenestelt und auf den Tisch gelegt – sie mußte schon ihr Abendgebet verrichtet haben; denn sie saß bereits mit dem knappen Nachthäubchen auf dem Kopfe und mit den weißen Nachtgewändern angetan auf dem Bette – sie war, obschon sie noch nicht besonders alt war, doch eingebückt wie ein Mütterlein, und auf das milde, einst so schöne Angesicht, das halb gegen das Fenster gewendet war, fiel der letzte Schein, daß es fast mit Gold und Silber belegt war. Romanus, der sonst gerne rasch und frisch war, ging fast fromm in das Zimmer. Er legte seinen großen Schlüssel, mit dem er alle ihm zugehörigen Räume geschlossen hatte, dann die Geldtasche und allerlei andere Dinge, die er aus seinen Säcken genommen hatte, neben den Schlüsseln und abgelegten Taggewändern Ludmillas hin und sagte: »Du bist schon da, Mütterlein, du bist schon fertig – lege dich nur nieder, daß du dich nicht erkältest -gute Nacht, Mutter, gute Nacht.«

»Gute Nacht, Romanus«, antwortete sie, »schlafe recht wohl.«

Und mit diesen Worten legte sie sich vollends in ihr Bett hinein und zog die Decke bis an das Kinn ihres Antlitzes empor.

Romanus ging nun gegen die Tür und schloß sie wohl ab, dann untersuchte er die Fenster und hatte verschiedenes hin und her zu trippeln, wobei er sich seiner Oberkleider entledigte. – Nach einer Weile tat er sein Käppchen ab und kniete auf dem Schemmel zum Abendgebete nieder – und es war, als ob seine schneeweißen Haare jetzt in dem dunklen Gemache leuchteten. – Da er fertig war, kleidete er sich aus und legte sich in sein Bett, das in der entgegengesetzten Ecke des Zimmers von dem Ludmillas war. Er bedeckte seine Haare mit keinem Käppchen, richtete es sich sehr bequem in dem Lager, und es mochte dessen weiche Umfangung ihm, der den ganzen Tag ungemein rührig und tätig zu sein gewohnt war, wohl recht lieblich und anmutig dünken. – In der heimelnden Stube war es nun ganz dunkel; denn die Sterne gaben gerade so viel Licht, daß man kaum die weichsten und unbestimmtesten Umrisse der Gegenstände wahrnehmen konnte.

Die Tochter der beiden Eheleute. Lenore, war auch schon im Bette. Ihr Schlafgemach war neben dem der Eltern, durch das sie gehen mußte. Sie ging gewöhnlich mit der Mutter herauf, was auch heute geschehen war, daher sich Romanus, als er schlafen ging, um die Tochter nicht bekümmerte. Als sie mit der Mutter ein Weilchen geredet hatte und als ihr diese mit der Hand das Kreuzzeichen in das schöne Angesicht gemacht hatte, war sie in ihr Kämmerlein zu dem jungfräulichen Bette getreten. Sie sperrte die Türe nie zu, weil sie zu Mutter und Vater führte; aber das bewegliche eiserne Fensterkreuz hatte sie untersucht, ob es ja fest und geschlossen sei – sie war dann im Stübchen noch ein wenig hierhin und dorthin gegangen, um manches zu ordnen – hatte im Winkel des Fensters kniend gebetet – hatte von den Oberkleidern abgelegt – und war dann in das enge Bettlein gehuscht, das sie immer im schönen weißen Glanze erhielt.

Der letzte, welcher im Hause die Ruhe suchte, war der Sohn Damian. Als die Perniz, welche am ganzen Tage so unermeßliches blitzendes Silber gerollt hatte, auch nicht mehr den geringsten Schein desselben besaß – ja, als die unheimlich blaulichen Wellen, welche sie, wenn das Abendgelb am Himmel lodert, hinter Steine, Gesträuche und Baumwurzeln zurückführt, gar nicht mehr gesehen werden konnten und ihr Wasser nur hörbar war – als der letzte mattrote Sterbeglanz des Grahns von seinem Gipfel gleichsam unsichtbar in die Luft verschwunden war, daß er selber nun grau und kalt dastand und nur ganz schwach in dem dunkeln Himmel gesehen werden konnte – als der Pfad im Grase des Rasens kaum mehr als grauer Streifen erkennbar war: ging er mit seinen Hunden an dem Rauschen des Flusses zurück. Er ging zu dem Hause, tat die Hunde in einen Zwinger, in dem sie in der Nacht herumgehen konnten, sperrte mit einem Schlüssel die kleinere Haustür auf und verschwand hinter ihr, sie wieder verschließend. Er wurde weiter nicht mehr vernommen. Desungeachtet war noch nicht die vollständige Ruhe in der grünen Fichtau. Da es schon ganz finster geworden war, bewegte sich ein schwarzer Knäul über die Gasse gegen die Hintergebäude zurück. Es war der arme Christian, der seinen Heuverschlag suchte, in welchem er zu schlafen pflegte. Man weiß nicht, was er etwa noch so spät vor dem Hause oder in dem Gebüsche zu tun gehabt hatte – er weiß es selber oft nicht –, und von den andern bekümmerte sich auch keiner um ihn, was er tat oder wann er sich zur Ruhe begab.

Von nun an, da die seltsame Gestalt unter der Schwärze des Oberdaches verschwunden war, herrschte ununterbrochene Stille. Alle lagen sie in todesähnlichem Schlummer befangen, und die kalte Sternenglocke stand brennend und einfach über dem ganzen Walde, der dunkel und ohne Regung unter ihr ruhte und in dessen Größe das Haus, in dem wir den ganzen Tag zugebracht hatten, nicht zu sehen und zu erkennen war oder so winzig und klein, als hätte man kaum mit der Spitze einer Nadel in das Waldland getupft. –

Nun müssen wir von der stillen Fichtau, in der wir uns vielleicht aus unentschuldigbarer Vorliebe für so unbedeutendes Wirken und Tun zu lange aufgehalten haben, Abschied nehmen und dem Zuge, der am Morgen in ihr das glänzende Frühmal eingenommen hatte, folgen, um zu berichten, was ihm im Laufe dieses Tages begegnet ist und wie denn die nämliche Nacht, die jetzt über der Fichtau steht, auch über die Häupter jener fröhlichen Menschen heraufzog.

Sie ritten in heiterer Lust, da noch die helle Sonne auf sie schien, ihres Weges dahin, und die Perniz ging rauschend und plaudernd mit ihnen. Beide, der Weg und der Fluß, strebten aus dem engen Tale hinaus gegen die ebneren Länder, wo der Weg in eine breite Straße auseinandergeht, auf der der Zug aus seinem dünnen Faden sich zu einer sprechenden und scherzenden Gruppe hätte aufrollen können, und wo der Fluß, ohne mit seinen Wellen über Steine zu springen, in einer glänzenden Schlange auf weiten Wiesen dahin liegt. Der erste Gruß, den das erweiterte Land dem Wanderer entgegenträgt, ist der freundliche, spitze Kirchturm von Prigliz, und dann folgen Meierhöfe und verschiedene Werke.

Allein, ehe man noch dahin gelangte, schwenkte die ganze Gesellschaft von dem Wege ab, trabte über ein Brücklein der Perniz und verließ dieses lustige, hüpfende Wasser. Sie ritten in ein Seitental hinein, das so spitz abfällt, als wollten sie wieder in die Berge der verlassenen Fichtau zurückkehren.

So war es auch beinahe. Sie ritten bei immer höher steigender Sonne, bei mutwilligem Hundegebell, bei manch schwierigem Gespräche und bei manchem Wirrsale und Streite der Diener, die sich hinten drängten, in dem Seitentale dahin, gleichsam um ein vielgestaltig emporragendes Hügelland eine Kreislinie spannend. Die roten Steine der Fichtau blickten überall nieder, und die Wasser schossen herab. Einmal, da die Höhen auseinanderrissen, zeigte Prokopus seiner Gemahlin den Berg, wohin er sie führte, wie er, im Dufte des wolkenlosen Vormittags schwimmend, gleichsam weit hinter allen Höhen draußen zu schweben schien.

Sie ritten weiter und weiter.

Als die Sonne schon ziemlich bedeutend jenseits ihres Gipfelpunktes am Himmel hinabrollte, als die Blitze des Morgens schon längst von den Berghöhen verschwunden waren und als diese bereits in einem müden trockenen Nachmittagshauche standen: erreichte man den Fuß des Berges. Hier ist ein Dörflein, und außer den einzelnen Menschen, die schon in dem Seitentale gestanden waren und die Gesellschaft angeschaut hatten, waren hier zuerst mehrere derselben versammelt.

Sie standen aus Neugierde da oder riefen Glückwünsche zu. Von dem Schlosse waren Pferde herabgebracht worden, die warteten. Man bestieg sie, während die Diener die alten in Empfang nahmen und herumführten. Mit diesen frischen Kräften zog man die Höhe des Weges hinauf. Aus den Obstbäumen des Dörfleins bog man anfangs durch ansteigende Felder hinauf und kam dann auf die Einsamkeit des Berges. Eine vielfach unterbrochene Rasendecke streckte sich hinan, Steine schauten überall aus ihr heraus. Zwischen diesem hindurch ging der Weg, er war breit, und zu seinen beiden Seiten stand eine Doppelreihe uralter Fichten, welche mit den traurigen, tief niedergehenden Zweigen und mit den langen hängenden Moosbärten eine Gattung düsterer, einödeartiger Allee bildeten. Zwischen den runzligen, harzigen Stämmen stand hie und da ein Mensch, sein Angesicht hervorzeigend und die Vorüberreitenden betrachtend. Weiter gegen oben sah man mehrere den Reitern schleunigst vorauseilen, um bei dem Einzuge gegenwärtig sein zu können.

Den Grafen Prokopus an der Spitze und zu seiner Rechten die junge schöne Gemahlin kam man an dem Tore des Rothensteines an. Zu beiden Seiten von unendlichem Haselgebüsche bewachsen, zeigte die Ringmauer des Berges nur eine einzige offene Stelle, in der der steinerne Torbogen war. Sein düsteres Eisengrau war außer dem Wappen schier nirgends zu sehen, weil er von einer Last von Blumengewinden bedeckt war, die nur an einer Stelle durch ihre Schwere niedergebrochen hingen, den Stein zeigend und gleichsam gebrochenes Glück bedeutend. Die Torflügel waren in weiter Gastlichkeit geöffnet. Auf einem Gerüste hinter dem Blumenberge versteckt, war eine schmetternde Fanfare, die den Zug begrüßte und im Augenblicke von dem Donner des Geschützes abgelöst wurde, das auf dem Berge aufgepflanzt war und erdröhnte, als der Zug durch die Torflügel einritt. Eine fast wogende Menschenmenge war hier versammelt: sie riefen teils Lebehoch, teils winkten sie mit Tüchern und Hüten. Es war schier ein sturmähnliches Brausen, wie wenn sie eher Unheil als Glück verkündeten. Innerhalb des Tores, auf dem weiten, sandigen Platze, wo ein Obeliskus steht und zwei Sphinxe ruhen, waren jene Leute des Grafen aufgestellt, die in den verschiedenen Besitzungen desselben etwas galten: Richter, Schreiber, Schöffen, Verwalter, Geschworne und dergleichen. Sie standen mit sehr ernsten Gesichtern. Aber wie ein holder, versöhnender Gegensatz löste sie eine Schar weißer Mädchen ab, welche Kränze auf Kissen trugen und feine Papiere darreichten, auf denen Sprüche und Wünsche standen. Der junge schöne Graf hörte freundlich an, was der Mann, der an der Spitze der Mädchen stand, sagte – auch sonst war er zuvorkommend und höflich, er hielt den Hut ober dem Haupte gelüftet immer in der Hand und grüßte nach dieser Seite und nach jener. Auch die neue Gebieterin neben ihm, an der eigentlich alle Blicke hingen, hatte mit Neigen und Grüßen und herablassendem Winken vollauf zu tun.

Man ritt von dem Platze des Obeliskus auf dem sanftgewundenen Pfade über den ferneren Teil des Berges gegen die Schloßgebäude hinan. Eine nachdrückende Menschenmenge beschloß den Zug – ja auch seitwärts, wo sich liebliche Weinreben um das Rot der Marmorgesteine schlangen, suchten sich viele durchzufristen und zertraten manch zartes und nützliches Reis.

Nach einer Weile Reitens trat den Ankommenden ein schöner großer Bau entgegen. Er schwamm im zarten Lichte des späten Nachmittages und war rückwärts gehoben von einem schönen Eichenwalde, der sein Glanzgrün dem Auge entgegenhielt und auf dessen Rasen, der tiefgrün durch die Stämme vorblickte, Damhirsche gingen, die trotz der Menschenmenge, oder vielleicht gerade durch sie gelockt, neugierig an den Rand kamen und herausschauten. Der Bau hieß der Altbau und war das Ziel der Reise. Er bekam in folgender Zeit aus Ursachen, die wir später anführen werden, den Namen Julianbau. Man hatte im Heraufreiten zwar verschiedene Bauten und Häuschen in dem Weingelände zerstreut gesehen – sie waren auch zuzeiten bewohnt gewesen –, aber der Graf hatte zu seiner Wohnung den weitläufigen Altbau erwählt, wie auch seine Vorfahren aus den Bauwerken des Berges sich immer dasjenige zum Aufenthalte bestimmt hatten, das ihnen am meisten gefiel. Da man zwischen die Vorgebäude auf den Sandplatz hinvor gekommen war, standen alle Diener des Hauses da. An ihrer Spitze war der Schloßmeister mit dem roten Stabe und neben ihm der Kastellan mit seinem Abzeichen, dem großen Schlüssel. Da sie sich nach der Anweisung des Schloßmeisters verneigt hatten und da der Gruß von den Ankommenden erwidert worden war, eilten die hiezu Aufgestellten herbei, der Gesellschaft von den Pferden zu helfen. Als man abgestiegen war, wies der Schloßmeister mit seinem Stabe auf die große Treppe und ging voran. Prokopus führte seine Gattin die Stufen hinauf, indem er die andern mit freundlicher Gebärde zur Nachfolge einlud. Man gelangte in den großen Eintrittssaal, in welchem schöne Kalkgemälde auf den Wänden prangten. Der Schloßmeister wies, sich sehr tief verbeugend, von hier aus der jungen Gräfin Gertraud und ihren Frauen die Gemächer an, die eigens nur zu dem Zwecke hergerichtet waren, daß sie sich in denselben umkleideten und ein Weilchen ruhten. Desgleichen tat er auch mit dem Grafen und mit den andern.

Es war nämlich im Plane, ehe man irgend etwas Weiteres im Schlosse vornahm, gleichsam zu glücklichem

Eingange das junge Paar von ihrem künftigen Seelsorger noch einmal segnen zu lassen,so wie es von dem zu Stauenfels für das ganze Leben war eingesegnet worden.

Nachdem der Zweck des Umkleidens und Ruhens erreicht worden war, trat Gertraud in einem einfachkirchlichen Gewande aus den Zimmern hervor. Die andern hatten schon auf sie gewartet. Prokopus, der ein fast hochzeitliches Kleid angetan hatte, nahm sie bei der Hand und führte sie, von allen Gästen gefolgt, durch den langen Gang in die finstere Schloßkirche, in der die steinernen Heiligenbilder fast drohend herabsahen. An dem Altare stand der Priester und sprach zum Empfange einen biblischen Gruß. Dann verrichtete er, während alle in den Stühlen saßen, ein Dank- und Bittgebet zu Gott. Hierauf schritten Prokopus und Gertraud zu dem Altare hinvor, knieten auf die daliegenden rotsamtnen Kissen nieder und empfingen den Segen, gleichsam eine zweite Befestigung des Bandes, das für alle Ewigkeit geschlossen worden war.

Nachdem man diese kirchliche Feier vollbracht hatte, geleitete Prokopus seine Gattin in dem Kleide, in dem sie war, und in Gesellschaft ihrer Mutter, ihres Vaters, ihres Bruders und mancher ihrer Freunde zu den Zimmern, welche ihr nun für ihre Zukunft auf dem Rothensteine zur Wohnung dienen sollten und welche durch lange Zeit her mit aller möglichen Umsicht und mit Pracht und Aufwand hergerichtet worden waren. Prokopus und die andere Gesellschaft blieben auf der Schwelle des Einganges zurück, denn es sollte niemand als sie und ihre vertrautesten Frauen zum ersten Male diese Gemächer betreten, damit sie allein alle Dinge überblicken und sich darüber freuen oder auch nach Maßgabe betrüben möge.

Prokopus schritt, da Gertraud in die Zimmer verschwunden war, nach dem Empfangsaale zurück und von da in Begleitung seines Lehrers und Freundes Bernhard von Kluen über die große Treppe auf den Sandplatz des Schlosses hinab, wo noch mehrere Menschen versammelt waren. Er entblößte, auf der letzten Stufe stehend, daß ihn alle sehen konnten, das Haupt und sagte: »Ich danke euch, werte Freunde und Nachbaren, für die Teilnahme an dem glücklichen Ereignisse, das heute hier gefeiert wird. Ich hoffe, daß wir in alle Zukunft in freundlicher und nachbarlicher Weise nebeneinander leben werden. Alle, die heute dieses Schloß besucht haben, sie mögen Untertanen oder Fremde sein, sind höflich zu Gaste geladen. Gegen das große Tor zu, seitwärts des Kastellanhäuschens, sind auf der Wiese und unter angenehmen Baumgruppen Tische gestellt – ich glaube, daß die Reihe groß genug sei; und sind zu wenige, so werden noch neue aufgerichtet werden; – es sind Speisen und Wein dort, und jeder, der will, darf zu dem Mahle niedersitzen, ohne eines Wortes und andern Grundes zu bedürfen, als daß er da ist. Möge die Bewirtung nachsichtig und freundschaftlich aufgenommen werden.«

Nach diesen Worten schwenkte er noch einmal grüßend den Hut und setzte ihn dann auf. Die versammelten Menschen aber riefen laut und erheitert: »Hoch lebe unser Graf – es lebe der Graf!«

Prokopus dankte noch einmal und ging mit Bernhard die Treppe hinauf.

Die letzte Feierlichkeit, welche den Tag beschließen sollte, war das Mahl. Die andern hatten, als Prokopus zu dem Volke hinabging, schon angefangen, ihre Kleider und Schmucksachen, wie es damals gebräuchlich war, zu dem Feste in Ordnung zu setzen. Er kleidete sich nun auch um, damit er fertig wäre, wenn die Glokke ertönte.

Das Mahl wurde nicht in dem Schlosse gehalten, sondern in einem Saale, der einige hundert Schritte davon entfernt war, in einer edlen Umgebung von Eichen und Ahornen stand und vor langer Zeit zu einem ähnlichen Zwecke erbaut worden war. Die Küche des Saales stand hinter demselben und war so sehr in das Gebüsche hinein gebaut, daß, wenn Braten knisterten und Gerichte schmorten, die grünen Baumzweige bei den Fenstern hineinsahen. Die Lichter, welche man in übermäßiger Menge in dem Saale anzündete, spielten in die schiefen, durch Baumstämme, Gebäudesäulen und Glastafeln hereinfallenden Strahlen der bereits tiefstehenden und erlöschenden Sonne. Diener, die vom Putze strotzten, liefen an den Tafeln hin und her und wurden bald von einem fliegenden Sonnenblitze, der von außen hereinkam, begossen, bald von den Lichtern, die im Innern in noch schwacher Gewalt brannten, sanft bestrahlt.

Als die Schloßglocke gellte, fügten sich die Gäste paarweise zusammen, wie man es schon angeordnet hatte, und gingen von dem Schlosse in den Speisesaal hinüber.

Es liegt außer unserem Zwecke, das Mahl, das diesen beschwerlichen Tag beschloß, näher zu beschreiben. Nur soviel genüge, daß es sehr glänzend war; denn die Sitte der damaligen Zeit verlangte, daß man seinen Gästen die Ehre, die man ihnen erweisen wollte, durch großen Aufwand kundtat, namentlich, daß nichts fehlte, was nach den herrschenden Begriffen ein Bestandstück der Tafel war. Eine sanfte Musik tönte von verschiedenen Stellen des Berges herüber, als die reichgekleideten Menschen in der immer heller brennenden Kerzenmenge, wie draußen der Tag sich allmählich verdunkelte, dasaßen, als die Menge der glänzenden Gefäße auf dem Tische stand, als die Messer und Gabeln klirrten und als die Gespräche rauschten. Es saßen nach dem Gebrauche auch die vorzüglicheren Haus- und Amtsleute des Grafen zur Tafel, und auf ihren Standeskleidern schimmerte die Last der Seidenverzierungen und der Goldstickereien.

Als das kostbare Mahl geendet war und man sich mit Ausnahme einiger, die noch beim Weine geblieben waren, wieder in das Schloß hinüber begeben hatte, zog die Mutter Gertrauds den jungen Gatten in ein Nebengemach, wo zufällig auch der Vater, Bruder und einige Verwandte standen, nahm ihn bei beiden Händen und sagte: »Ich habe Euch alles, was ich besitze, übergeben, teurer Eidam, Ihr wisset, daß ich keine Tochter mehr habe und daß Söhne sich um Mütter wenig zu bekümmern pflegen – behandelt sie gütig und freundlich, behandelt sie ja recht gut; denn sie ist es von Jugend auf gewohnt.«

Der junge Graf legte seine rechte Hand, die er sanft von der Schwiegermutter losgemacht hatte, auf die Brust und sagte: »An diesem Herzen will ich sie halten wie mein liebstes Wesen, auf diesen Händen will ich sie tragen wie mein Kleinod; denn es ist unter allen Geschöpfen, die da Raum haben in der Wesenheit der Dinge, kein einziges, das ich so liebe wie sie.«

»Amen«, sagte der alte Graf von der Staue, »es ist schon recht und gut.«

Man gab sich die Hände, schüttelte sich dieselben und verfügte sich wieder zu den andern.

Gertraud war von ihren Frauen schon in ihre Gemächer geleitet worden. Da Prokopus ebenfalls von der Gesellschaft Abschied nahm, um sich in seine Wohnung zu begeben, trat ein großer, finsterer Mann, Flerenz von den Tennen, der bisherige Vormund und Gerhab, herzu und sagte: »Ich wünsche dir Glück, Graf Prokopus, ich wünsche dir Glück.«

»Ich danke Euch, ich danke«, erwiderte dieser.

Auf dem Gange sagte Bernhard von Kluen zu ihm: »Sei recht glücklich, Prokop, sei für alle Tage deines künftigen Lebens zufrieden und heiter.«

»Lebe wohl, guter, treuer Lehrer und Vater«, antwortete Prokopus, »gute Nacht, gute Nacht.«

Und sie schieden unter dem Lichte der herabstrahlenden Lampe, indem der eine in seine Schlafgemächer ging und der andere sich zu den wenigen Gästen zurückverfügte, die noch in dem großen Saale waren.

Prokopus war durch die hohen Türen, die in seine Wohnung führten, hineingegangen, und es war nach dem geräuschvollen Tage, in welchem den Menschen ihr Tun wie eine Rolle im Schauspiele war vorgeschrieben worden, eine Last von ihm genommen, da er allein war. Die Lampe in dem großen Vorgemache hatte, da er eintrat, ihr sanftes, wohnliches Licht auf ihn herabgegossen, die Schritte, welche auf dem Gange gehallt hatten, waren auf den Teppichen seiner Zimmer nicht zu hören. – Der Kammerdiener stand mit dem Nachtgewande vor ihm, als er in dem inneren Gemache stehenblieb und sich an der Ecke eines kalten Marmortisches hielt. Die mehreren einfachen Lampen, wodurch seine Zimmer erhellt wurden, streuten ihr mildes Licht auf die Gegenstände, unter denen er so lange gelebt hatte. Er legte den schönen, federbebuschten Hut auf ein Ruhebett, das die weichen, mit feinem Leder überzogenen Kissen ihm entgegenschwellte. Dies Zeichen war für den Diener der Anfangspunkt seines Geschäftes. Er legte die Nachtkleider über die Lehne eines Sessels, und Prokopus ließ sich Stück nach Stück von seinem schimmernden Gewande von dem Leibe nehmen und sich das einfache, dunkle Kleid und das leichte, dunkle Wams umlegen. Das dargereichte Barett nahm er nicht an, sondern die langen schwarzen Haare sanft mit der eigenen Hand zurückstreichend, ging er in das innere Zimmer hinein, wo sein Bett stand, auf das ein allseitiges freundliches Licht herniederfiel, und betrachtete die Bücher, die auf dem Bettische lagen, und welche nun schon geraume Tage nicht aufgeschlagen worden waren. – Dann ging er wieder zurück und bedeutete dem Diener mit der Hand, daß er entlassen sei, indem er nur noch hinzufügte, daß die andern, welche in den Vorzimmern dienen, schlafen gehen oder sich vergnügen können, nur solle er darauf sehen, daß sie von dem Weine, der für sie bereitsteht, nicht zu viel nehmen und sich schaden.

An der Seite des Schlosses, wo die Fenster seiner Wohuung hinausgingen, war ein sehr großer Balkon, der eine weite Umsicht über die Teile des Berges und über die entfernteren Gegenden gewährte. Zum Schutze gegen die Sonnenstrahlen war der Balkon gewöhnlich mit einem Dache von Leinwand überspannt und hatte an seinen Seiten manchmal auch schmale leinene Wände. Heute war statt den Linnen weiße Seide gezogen, das Innere war mit rotem Samt ausgefüttert und mit demselben Stoffe gleichsam zu einer großen, prachtvollen Nische ausgebaut, in der man sitzen und den ungeheuren Raum vor sich betrachten konnte. Zur Bequemlichkeit waren lange, an den Enden nach vorwärts geschweifte Ruhebänke von Samt gestellt. Der Balkonsaal, dessen Tür hinausführte, war bei der neuen Einrichtung der Wohnungen Gertrauds und Prokops so geordnet worden, daß er einen gemeinschaftlichen Saal abgab, aus dem man rechts in die Zimmer des Grafen, links in die Gertrauds gelangen konnte.

Prokopus war durch seine Gemächer bis in das letzte zurückgegangen, war durch den Saal, der heute auch in seinem Innern lauter Seide zeigte, auf diesen Balkon hinausgetreten und lehnte sein Haupt an eine der eisernen Stangen, an denen der Samtbau befestiget war.

Der Tag hatte von dem Berge des Rothensteines schon Abschied genommen, nur in dem äußersten Abende, wie es im Sommer zu sein pflegt, war noch ein schwaches Rot, das aber sogleich in jenen blassen Schein des Himmels überging, der nur noch durch das matteste Leuchten angibt, wo die Sonne ihren Weg von uns fort genommen hatte. Sonst war tiefe Einheit an dem Himmel, durch kein einziges, noch so kleines Wölkchen unterbrochen. Auf der Erde war die Stille noch nicht eingetreten. Es feierten wohl die Bäume, die in schwarzen Klumpen unten standen, und der Rasen, der sich gleich einem dunklen Tuche hinbreitete, die Nachtruhe: aber zwischen den Bäumen kam noch der verlorene Schimmer von Lampen und Kerzen herüber, die in dem Speisesaale brannten, und über den Rasen schwamm noch mancher vereinzelte Laut daher, der sich von denen verirrte, die etwa noch beim Becher saßen oder sich sonst über die Freude des heutigen Tages vergnügten. Selbst von der untersten Stelle der Ummauerung des Berges, wo das Kastellanhäuschen stand, kamen noch Zeichen des Lebens herauf. An der Wand des Baumdunkels war der Lichterschein zu erkennen, der für das eingeladene Volk war angezündet worden, und zuzeiten war es, als hörte man das Brausen herauf, wie es sich unterredete.

Von den fernen Ländern und Bergen, die man am Tage gleichsam wie in einem sanften Rauche schwimmend von dem Schlosse aus sehen konnte, war in der Nacht nichts zu erblicken, und der Berg mit seinem breitgedehnten Gipfel und mit den Werken, die man auf ihm errichtet hatte, stand ganz allein in der ihn umgebenden, beinahe fürchterlichen Leere.

Und wie der Graf so stand und wie die fernen Stimmen schwächer wurden, war es, als regte sich etwas –- er wendete sich um und sah von der Finsternis des Balkons in den hellen Saal, aus dem er gekommen war, zurück – da sah er von den Lichtern und dem sanften Scheine der Seide übergossen und von dem dunklen Samte, der die Saaltür bekleidete, lieblich eingerahmt eine weiße Gestalt – es war seine Gattin Gertraud. Sie stand inmitten des Zimmers, wie schüchtern vorgeduckt – gleichsam wie eine, die zaudert und ratlos ist. – Ihre Frauen hatten sie entkleidet und ihr die Fülle der schönen, ganz schneeweißen Gewänder angetan. Über dieselben war ein kurzes, rosenrotes seidenes Mäntelchen geworfen. Auf dem Haupte hatte sie nichts als die schönen blonden, reichlichen Locken. Sie war in das letzte ihrer Zimmer, das an den Balkonsaal stieß, gegangen, war in den Saal getreten, und man wußte nicht, wollte sie an und für sich auf den Balkon hinausgehen, weil es ihr einladend erschien, oder war sie nur zufällig in den Saal gekommen und zaudere nun, ob sie zurückkehren oder hinaustreten solle, da sie ihren Gatten dort stehen sah und vielleicht meinte, er trauere.

Prokopus, da er sie erblickt hatte, ging in den Saal hinein und nahm sie, ohne zu sprechen, bei der Hand, die zitterte.

Die zwei Frauen, welche sie herbegleitet hatten, gingen in die Gemächer zurück.

Sie konnten nun, da sieallein waren, noch weniger sprechen. Prokopus zog sie sanft gegen sich und führte sie auf den Balkon hinaus, auf dem sie in der Beklommenheit bis an den Rand hinvor gingen.

»So bist du jetzt hier auf dem Schlosse, Gertraud«, sagte er, »auf dem du immer und immer leben wirst.«

»Es ist schauerlich«, antwortete sie, »wir schweben ja mit dem Berge nur in der Luft, und rings um uns ist nichts.«

»Es ist schon etwas«, erwiderte er, »du siehst es nur nicht, weil es Nacht ist: recht schöne Berge und sanftes Land liegt in einem Ringe herum und grüßt zu jeder Zeit hold entfernt herauf.«

»So meint Ihr, daß ich morgen hier Länder und Berge sehen werde, wie aus den Fenstern des Stauenfels?« fragte sie.

»Ich meine nicht«, antwortete er, »es ist gewiß, du wirst sie sehen und dich daran erfreuen. Auch den Berg, den wunderbaren, mit seinen Kuppen, Zacken, Gebüschen und Werken wirst du lieben. Das Gebäude, in dem wir stehen, ist viel größer, als du ahnst oder heute abends erblicken konntest; es geht in sehr schöne Trümmer aus, hinter denen ein merkwürdiger Garten ist, dort schaut sanft der glatte Sixtusbau herüber – da unten sind die weißen Häuschen und die Mauerwerke – da ist der Eichenwald – dort gesellen sich die Linden. Und an dem Kegelgipfel steigen die Fichten empor.«

»Ihr werdet mir das alles zeigen, verehrter Gemahl«, sagte sie.

»Ja, ich werde es dir zeigen«, antwortete er – »liebe, liebe Gertraud, bist du mir denn auch so gut?«

»Ja, ich liebe Euch sehr«, erwiderte sie.

»Siehst du«, sagte er, »wie gut es nun ist, daß wir hier stehen, wir ganz allein, daß die Menschen abgefallen sind, die uns den ganzen Tag umgeben haben – wie verwandt sie uns auch sind, sie sind uns dennoch fremd – du hast mir heute nicht angehört, – ich habe nur selten dein liebes, süßes, holdes Auge sehen können und durch den grünen Schleier nur manches Mal dein teuer verehrtes Angesicht erblickt. Den Schleier, welchen du heute getragen hast, mußt du mir als Angedenken an diesen Tag geben.«

»Nimm ihn«, sagte sie leise, »er liegt auf dem Ankleidetische.«

»lch werde ihn mir nehmen«, sprach er, »und wenn ich uralt bin, werde ich ihn noch als unerreichbares geliebtes Kleinod auf dem Herzen tragen. – – Du bist müde von dem Reiten des heutigen Tages, Gertraud, auch könnte dir die Kälte der Nacht schädlich sein – komme.«

Mit diesen Worten führte er sie in die Tiefe des Balkons zurück und ließ sie auf eine Ruhebank niedersitzen. Wie sie sich auf die weiche Rücklehne des Samtes zurückließ, war sie in der Dunkelheit des Balkons wie ein kleines weißes Häufchen, das sich duckt. Er setzte sich neben sie.

»Wie seltsam es in der Welt ist«, sagte er, »da stehen die stillen Sterne vor uns – sie haben schöne Namen, siehst du, die sieben, die da an dem Rande des Samtes stehen, sind der Wagen mit der hochgekrümmten Deichsel, dort sind die Petrusstäbe, diese da sind gar das Haar eines schönen Weibes, das einmal in Griechenland gelebt hat – alle haben Namen, ich werde sie dir einmal sagen – da stehen die stillen Sterne; dort unten, wo das trübe rote Licht sich durch die Bäume stiehlt, sind einige Menschen, die sich vergnügen, weil sie Wein trinken, andere liegen schon in dem starren, unempfindlichen Schlafe, und wir zwei sitzen hier oben mit unserem Glücke.«

Weiter: Teil 3 von 3