Romanzen vom Rosenkranz
Und sie spricht: "Aus schweren Träumen
Und sie spricht: "Aus schweren Träumen
Aufgeschrecket muß ich schon
Dir mit blutgem Purpur säumen
Deiner Trauer trüben Thron.
Wo die Nacht den Flügel breitet
Über Schlaf und über Tod,
War mein Lager heut bereitet
Unter böser Träume Not.
Boten auf und nieder steigen
Zwischen Erde, zwischen Mond,
Sah ich zu des Abgrunds Reichen,
Wo die Brut des Fluches wohnt.
Einen hört ich freuig schreien,
Der etwas verkünden wollt,
Und zur Erde niederstreuen
Blätter, deren Schrift von Gold.
Dann in wunderbaren Weisen
Sang er stammelnd Gottes Lob,
Der zu höhern Lichtes Kreisen,
Sein erbarmend, ihn erhob.
Er verschwand mit Benedeien,
Und zum Grund vom blauen Dom
Zog hinab mit Maledeien
Ein gespenstisches Phantom.
Mit der Taube und dem Weibe
Sah ich unter Fluch und Spott
Sein Kamel zum Abgrund treiben
Den verbuhlten Sarabot.
Und er riß vorüber schleichend
Mir vom Haupt des Schlafes Mohn,
Und ich harrte weinend, schweigend
Dein, mein lichter Freudensohn!"
Also sang Aurora leise,
Während still der Tag aufzog,
Und versank im ewgen Gleise,
Das ihr lichter Sohn durchflog.
Aber auf dem Turm alleine
Harret Apo zornestoll;
Daß ihm Moles nicht erscheine,
Füllet ihn mit bitterm Groll.
Es erkaltet schon die Leiche,
Deren Herz noch blutend quoll,
Und die Wangen schon erbleichen
Und die Lippe rosenvoll.
Und er legt metallne Scheiben
Ihr auf Augen, Brust und Schoß,
Um ihr Blut zurückzutreiben
Durch geheimer Kräfte Stoß.
Nieder reißt er ihre Kleider;
Ach, sie hüllt kein schamhaft Rot!
Doch ihr Leichnam nackt und heiter
Ist geheiligt in dem Tod.
Rosarosens Gurt von Eisen
Schützet Lende ihr und Schoß;
Apo will ihn niederreißen,
Doch er zwinget ihn nicht los.
Und mit allen seinen Feilen
Kann mit Mühe er und Not
Den Bußgürtel nicht zerteilen
Der geheiligt Trotz ihm bot.
Nun zum Keller niedersteiget
Apo, wo am feuchten Ort
Springwurz, die jed Schloß erweichet,
Ruhet, daß sie nicht verdorrt.
Als er wiederkehrt zur Leiche,
Sieht er selbst sich oben schon,
Und er spricht: "Laß deine Streiche,
Moles, was soll dieser Hohn?
Hund, du sollst als Hund erscheinen;
Sieh, du treibst es mir zu toll!
Willst du, daß zu deinen Peinen
Ich die Glocke schlagen soll?
Wo bist du so lang verweilet?" —
"Herr, ich tat, was ich gesollt,
Und bin dann zurückgeeilet.
Drum nicht also schmähen wollt!
Einem Kranken Hilfe reichend,
Dessen Heil uns schwer bedroht,
Gab ich Gift, das zäh und schleichend
Ihn verzweifeln läßt im Tod.
Böse Frucht sah ich uns reifen;
Wo ich war, da war man fromm,
Und da muß man seltsam greifen,
Daß man zu dem Pulse komm.
Zürne nicht, mein teurer Meister,
Kam ich doch ums Gastgebot
Meiner anverwandten Geister;
Mir tut auch Zerstreuung not.
Wunderbare Neuigkeiten
Sind auch zu bedenken noch;
Wenn wir nicht zum Flicken schreiten,
Kriegt der Sack ein böses Loch."
Doch Apone spricht: "Jetzt schweige!
Eins nur mildert meinen Groll:
Rate mir, wie ich die Leiche
Auf die Beine bringen soll?"
Moles spricht: "Des Gürtels Eisen
Hindert deine Wünsche bloß,
Kannst du ihn herniederreißen,
Zeige ich dir Wunder groß!
Ich schmeck was von Heiligkeiten,
Drum laß ich die Hand davon.
Du mußt selbst das Schloß bestreiten,
Daß der Schatz dir wird zum Lohn!"
Und die Springwurz hält der Meister
An des Gürtels heilig Schloß;
Nimmer doch den Gurt zerreißt er,
Und er flucht, und sein Genoß.
Moles spricht: "Hier hilft nur Schneiden!
Zeige dich, mein Anatom,
Und wir schicken Heimlichkeiten
Als Reliquien nach Rom."
Apo spricht: "Hinüberschleiche,
Wo die Jungfrau hat gewohnt,
Und mir schnell den Schlüssel reiche,
Daß ihr Leib mir bleibt verschont!"
"Ei, dies mag dir leicht wohl scheinen!"
Sagt der Hund, "bedenke doch,
Was die Frau dazu wird meinen,
Die da steht am Brunnen noch.
Gehe selbst, mein kluger Meister,
Du vielleicht trägst ihn davon,
Doch wir andern jüdschen Geister
Feiern jetzt den Sabbat schon."
Apo geht. — Zum toten Leibe
Spricht der Hund: "Verdammter Spott,
Nicht zum Manne, nicht zum Weibe,
Hast du mich erschaffen, Gott!
Diese Puppe zu zerreißen,
Scheut sich der gelehrte Tor,
Und sieht das geweihte Eisen
Wie die Kuh das neue Tor.
Mensch, um zweie nur beneidet
Dich der Teufel: um den Tod
Und die Lust, die dir bereitet,
Als sie dir den Apfel bot.
Als du ihn mit ihr geteilet,
Warfst du ab des Lebens Joch;
Mir, der ewig sich langweilet,
Ließ der Zimmermann kein Loch.
Allen Quark muß ich beneiden
Und bin allen Quarkes Gott;
Spott ich Gottes Herrlichkeiten,
Tödlich wird mir nie der Spott.
Stift ich tausend Bubereien,
Gehn sie alle auf ein Lot;
Das unendliche Verzeihen
Hilft dem Herrn aus aller Not.
Als ich in der Wüst allein
Ihm die Erdenschätze bot,
Macht er aus dem dummen Steine
Mir zulieb nicht einmal Brot.
Ohne Freude muß ich teuflen,
Und mein Werk wird all zu Kot,
An dem ewgen Leben zweiflen, # zweifeln?
Und erzweifle nie den Tod!
Was ich mühsam hab geleimet,
Ist und bleibt ein schlechter Klotz,
Und in jedem Kraute keimet
Gegen meine Werke Trotz!
Nichts kann ich zu Ende treiben,
Ach, ein Ende wär ein Lohn!
Das Unendliche vertreiben
Kann nicht all mein Spott und Hohn.
Ewig elendes Arbeiten,
Null ist mir wie Million,
Wer den Knoten könnt zerschneiden:
Sohn ist Vater, Vater Sohn!
Arm, blutarm bin ich ein Teufel,
Mutterlos und vaterlos,
Bös erzeuget von dem Zweifel
In der Lüge dunklem Schoß.
Treibe ewge Affereien,
Ohne Freude, ohne Zorn,
Keine Rose kann mich freuen,
Und mich schmerzen kann kein Dorn.
Elende Quacksalbereien,
Wort zum Fleisch und Fleisch zum Wort,
Hänseleien, sieben Weihen,
Jagen mich bald hier, bald dort.
Hab ich mich wo eingefleischet,
Brauchts vom Kreuz ein Stückchen Holz,
Und der Teufel flieht und kreischet
Wie ein Hund vor Pfeil und Bolz.
Doch den alten Bärenhäuter
Hör ich auf der Treppe schon;
Munter, Moles, treib es weiter,
Bett dich, wie des Menschen Sohn!
Sieh einmal zum Zeitvertreibe,
Wie sichs in der Jungfrau wohnt,
Und dem mürrschen Apo bleibe
Doch der Pudel, der ihm front!"
Und der Geist, der stets entzweite,
Treibet einen Höllensproß,
Und von seinem Stamm befreite
Sich der Zweig und reißt sich los.
Und sie machen Höflichkeiten,
Wer das Weib besitzen soll,
Ja, beginnen schier zu streiten,
Also ist der Teufel toll.
"Vater bin ich," schreit der eine,
"Mir gebührt des Lebens Thron!"
"Nein, das Fleisch, es ist da meine,"
Spricht der andre, "ich bin Sohn!
Weh, es fehlt uns nur am Geiste,
Wäre der uns nicht entflohn,
Daß er uns Entscheidung leiste,
Dann wär uns geholfen schon.
Einig sind Dreieinigkeiten,
Vater wird durch Geist zum Sohn,
Zweie sind Zweideutigkeiten,
Zote nur gebiert der Hohn."
"Wechseln wollen wir zuzeiten,"
Spricht der Hohn nun zu dem Spott,
"Denn das Leiden wie das Streiten
Treiben beide wir gen Gott."
Und der Spott dringt in die Leiche,
Und es hilft ihm frech der Hohn,
Daß er in die Wunde schleiche,
Der Biondettens Geist entflohn.
Apo kehrt und spricht: "Es scheinen
Menschen in dem Hause noch,
Eine Stimme hört ich weinen
Und sah Licht durchs Schlüsselloch."
Doch nun richtet sich die Leiche
Auf und nicket mit dem Kopf;
Als sie ihm die Hand will reichen,
Bebet Apo wie ein Tropf.
Moles spricht: "Empfang, Hochzeiter,
Meine Gratulation,
Sieh, dein Glückstern scheinet heiter,
Führe deine Braut davon!
Eine Unschuld sondergleichen,
Ohne Hemdlein, nackt und bloß,
Even muß ich sie vergleichen,
Wie sie stieg aus Adams Schoß.
Fräulein, ich seh von dem Pfeile
Amors euer Herz durchbohrt!
Daß er euch die Wunde heile,
Ihr den rechten Arzt erkort.
Alles ist nicht Gold, was gleißet;
Wenn der Herzensrose Gold
Eure Wunde gleich zerreißet,
Seid ihr drum nicht minder hold."
Apo spricht: "Laß deine Streiche!
Sage, wie du sie erhobst,
Welchen Geist der schönen Leiche
Du belebend unterschobst?"
Und der frechste aller Geister
Spricht: "Ein Wort sagt ich ins Ohr;
|Fiat| heißts beim großen Meister,
Pfui heißts in unserm Chor.
Willig hat sie sich bezeiget,
Etwas blöde freilich noch;
Was die Lippe jetzt verschweiget,
Pocht im Herzen laut und hoch.
Brechet erst diese züchtge Schweigen;
Durch des Treurings rotes Gold
Läßt sie sich vielleicht erweichen,
Gibt den Schlüssel, den ihr wollt.
Die Kleinode laß erscheinen,
Gut erworben hier und dort;
Durch Kleinode kommt der Kleinen
Bald das lustge Fleisch zu Wort!"
Einen Schrein voll Edelsteinen
Und von goldnen Ringen voll
Bringt der Meister, daraus einen
Sich die Braut erwählen soll.
Gierig nun den Schatz durchschweifet
Wild ihr Aug, das dunkel rollt,
Heftig zuckt die Hand und greifet
Einen Siegelring von Gold.
Und als wollt sie ihn zerbeißen,
Zuckt sie ihn zum Mund empor,
Apo wollt ihn ihr entreißen,
Doch verschlang sie ihn zuvor.
Und nun spricht sie: "Herr, die Deine
Bin ich nun, wie du gewollt:
Vor dem Volke und alleine
Dien ich dir um dieses Gold.
Dieses Ringlein auf der Reise
König Pharao verlor,
In dem Roten Meer zur Speise
Sichs ein geizger Hecht erkor.
König Pharao, dem Weisen,
Setzt der Koch den Fisch einst vor;
Als er wollt den Hecht verspeisen,
Kam das Ringlein blank hervor.
In dem Bette seiner Weiber
Kam es wieder ihm davon,
Ein ägyptscher Eselstreiber
Trug es dann als süßen Lohn.
Dems der freche Papageie
Der Herodias entzog,
Und mit einem Freudenschreie
Fand sie es in seinem Trog.
Bei der blutgen Weihnachtsfeier,
Bei der Kindlein lustgem Mord,
Daß er tanz nach ihrer Leier,
Schenkt sie es dem Vater dort.
Und das Ringlein war ihm teuer,
Es besiegelte sein Wort;
Doch es lief ein ungetreuer
Diener mit dem Ring ihm fort.
Und der Ring kam immer weiter,
Keinem hat er noch gefrommt,
Außer dir, mein Herr Hochzeiter,
Dessen Braut er wohl bekommt.
Meines Leibes bist du Meister
Bis zum Gürtel und dem Schoß;
Leider zwingen alle Geister
Diese Last mir nimmer los!
Könnt ich dir den Schlüssel reichen,
Wär ich deiner Lust Genoß;
Aber er ist mir nicht eigen,
Mir gehöret nur das Schloß.
Alles geb ich, nur verweigern
Muß ich dir den Schlüssel bloß,
Deine Kunst, kannst du sie steigern,
Ringt vielleicht dem Feind ihn los.
Ich will offen dich begleiten,
Nach Belieben, wann und wo;
Alle sollen dich beneiden;
Werde dieses Neides froh!
Mich als Nonne einzukleiden
Sag ich auf dem Markt mich los;
Lügen müssen wir verbreiten,
Wie ich ward dein Hausgenoß.
Wie ich in Melancholeien
Hilf von deiner Kunst gehofft,
Wie, die Kranken zu zerstreuen,
Mein Gesang dir diene oft.
Wie die Kunst der Arzeneien
Ich von dir erlernen soll,
Wie nichts könne uns entzweien,
Weil wir eines Gottes voll.
Dieses, jenes, und so weiter
Lüge nur, man glaubt es schon,
Denn du bist ein Teil gescheiter,
Herr und Meister und Patron!
Deine Magd kann ich erscheinen,
Wie es deinen Lüsten frommt;
Nur nicht lachen und nicht weinen,
Weil dies von der Seele kommt.
Soll dein Lager ich beschreiten,
Oder auf der Erde bloß
Ruhn an deines Bettes Seiten,
Oder sitzen dir im Schoß?
Ob ich auf dem Draht, dem Seile,
Dir soll gaukeln liebestoll,
Ob ich dir zur kurzen Weile
Buhlerliedlein singen soll?
Deinen Blicken, Fingerzeigen
Folget deine Dienrin schon,
Darf ich deinen Bart dir streichen,
Ist es mir ein süßer Lohn.
Vor der Welt nach alter Weise
Nenne mich Biondette noch;
Älia Lälia Crispis heiße
Mich in Traulichkeiten doch.
Denn in mir von diesen Dreien
Brennet der gedrillte Docht,
Um die einst in Buhlereien
Mancher römscher Bürger focht.
Ja, ich bin von diesen Dreien
Das gezwirnte Kunstphantom,
Und wie sie will ich nicht schreien,
Küssest du gleich wie ganz Rom.
Will dir mein Besitz verleiden,
Werd ich zu der Lust zu stolz,
Kann dich wieder von mir scheiden
Klein ein Splitter Kreuzesholz.
Aber an dem Jungfernleibe,
Den ich dir zur Lust bewohn,
Daß er unverdorben bleibe,
Zeig jetzt deine Kunst, Patron!"
Und mit Blut zwei Sprüche schreibet
Apo ihr nun hinters Ohr,
Unter ihre Achseln reibet
Salbe er, die er beschwor.
Lüstern die besessne Leiche
Küsset nun der alte Tor,
Moles spielet auf der Geige
Ein vermaledeites Chor.
Und in buhlerischem Eifer
Tanzet, wie der trunkne Lot,
Mit der Braut er einen Schleifer
In fatalem Teufelstrott.
Älia Lälia Crispis schreiet
Mit verruchtem, giftgem Ton,
Und Biondettens Kehl entweihet
Eines frechen Liedes Hohn.
Dies gefällt nicht gnaz dem Meister,
Und er spricht: "Verschon mein Ohr!"
Mit Biondettens Stimme heißt er
Singen sie den Hochzeitschor.
"Denn du sollst Biondette scheinen,
Die zum Freunde ich erkor,
Und die Stadt soll sie beweinen,
Daß sie sich an mich verlor.
Alle sollen mich verschreien,
Und um Silber und um Gold
Will ich ihren Festen leihen
Meine Freundin süß und hold!"
Und die Jungfrau spricht: "So sei es!
Lieb ich gleich nicht jenen Ton,
Freut sich gleich des frechen Schreies
Mehr ein freier Musensohn,
Lieb ich lügend doch zu gleißen;
Und zweideutig will ich Gott
Dir in schiefen Weisen preisen,
Mir zum Lobe, ihm zum Spott!
Mit gedrehten Schlangenhäuten
Lasse mir von Apfelholz
Eine Harfe bald besaiten,
Ich bin auf dergleichen stolz.
Ich will die Akkorde greifen,
Daß du mich gewißlich lobst,
Daß der Weiber Augen greifen
Rings nach dem verbotnen Obst.
Und die Männer werden eilen,
Den verrufnen Apfel rot
Mit den Even schnell zu teilen,
Und sie essen sich den Tod!"
Moles spricht nun zu dem Meister:
"Eine Harfe ist besorgt,
Der galanteste der Geister
Hat die seine mir geborgt.
Ist sie gleich ein bißchen heischer,
Ist sie doch vom besten Ton,
Wird die Sängerin erst keuscher,
Wird sie besser stimmen schon.
Aber jetzt, ihr Hochzeitsleute,
Machet mich nicht länger rot!
Apo, es tut uns für heute
Zu studieren noch sehr not!
Denk, wie du vor kurzen Zeiten
Sahst in meinem Horoskop,
Wie die Rose gen uns beide
Drohnd ein dreifach Haupt erhob.
Uns entzogen hat die eine
Rosarosens selger Tod,
Diese hier ist jetzt die Deine,
Und sie bringt uns keine Not.
Wenn die dritte nun erscheinet,
Ist das böse Kleeblatt voll,
Dem ich einst mit dir vereinet
Tragisch unterliegen soll.
Schnell mein Meister, ohn Verweilen!
Über Rose, über Dorn
Muß das Buch uns Rat erteilen,
Suche hinten, ich such vorn!"
Im Register steht verzeichnet:
Rose golden, weiß und rot,
Die Marien zugeeignet,
Bringen böse Kunst in Not.
Auf der angeführten Seite
Stehet: Suche Jericho!
Jericho nun suchen beide,
Doch es fehlet J bis O.
Und Apone denkt, wie heute
Er das Buch durchs Fenster schob,
Wie der Wind da, Seit auf Seite
Wälzend, in dem Buch getobt.
"Weh, mir Toren!" flucht der Meister.
"Als mir Samael entfloh,
Dacht ich: Ach, mein Buch zerreißt er!
Denn es tönte wahrlich so."
Moles spricht: "Am Wald hinreisend
Sah ich unterm blanken Mond
Samael in Freuden kreisend,
Weil der Herr ihn hat belohnt.
Und ich sah ihn Blätter streuen
Unter hellem Gottes Lob,
Und ich konnt ihn nicht erschreien,
Weil er sich zum Licht erhob.
Das sind böse Neuigkeiten,
Dumm hast dus gemacht, Patron,
Du mußt jetzt im Dunkel schreiten,
Weil die Blätter dir entflohn."
Und sie fangen an zu streiten,
Wechseln harter Worte Zorn,
Älia Lälia Crispis beiden
Schärfet noch des Grimmes Dorn.
Aber ihren Zank durchschneidet
Der geweihten Glocke Ton;
Jacopone zubereitet
Seine Leichenfeier schon.
Älia spricht jetzt: "Schnell mich kleide
In den buntsten Freudenrock,
Hülle mich in Samt und Seide,
Meine Haare üppig lock!
Schütte alle dein Geschmeide
Über meinen Busen bloß,
Daß ich durch das Volk hinschreite
Dir zur Seite leicht und los!
Und dein Kummer wird zur Freude,
Es versinkt dein grimmer Zorn
In dem allgemeinen Neide,
Wie im Meer ein kleiner Born!"
Lächelnd kräuselt ihr der Meister
Nun das Haar in frei Gelock,
Und der hündischste der Geister
Schürzet ihr den Purpurrock.
Und es schmücken sie die beiden,
Gleich der Hure Babylon,
Und sie singet Schändlichkeiten
Ihnen vor im frechen Ton.
Sodomitsche Blumenzweige
Steckt sie ihrem Busen vor,
Und nun führt die falsche Leiche
Apo aus des Turmes Tor.
Wer sie sieht, steht wie versteinert,
Oder mehret ihr Gefolg;
Aber allen unter keiner
Kennt in ihr den Höllenmolch.
Und mit bangem Finger zeiget
Jeder Vater sie dem Sohn,
Und von Mund zu Munde streichet:
"Sahst du heut Biondetten schon?"
Alle, die sie einst beneidet,
Weil sie kunstreich, schön und fromm,
Glauben, wo sie hin nur schreitet,
Daß die irdsche Venus komm.
Also frech ist ihr Bezeigen,
Jedem Buben scheint sie eigen,
Ich erschrecke und muß schweigen.
** Romanze XX: Rosarosens Leichenzug
Frühe Sonne, frühe Sonne,
Ach wo bist du hingesunken!
All des Tages Jugendwonne
Ist im Morgenrot ertrunken.
Deine wunderselgen Augen,
Inseln aus des Himmels Seen,
Sah ich steigen, untertauchen
In des Morgens erstem Wehn.
Und es steigt ein Nebelschleier
Übers tiefe, stille Blau,
Eine einsam tiefe Feier
Breitet sich durch Wald und Au.
Ruhig unbewegte Bäume,
Kein Gesang, kein Blattgeräusch;
Spinnet ihr die nächtgen Träume
Wieder an, ihr Blumen keusch?
O Bologna, deine Zinnen,
Die gelacht im Sonnenstrahl,
Seh ich bösen Schmuck gewinnen:
Schwarze Flaggen überall!
Alle Buden sind geschlossen,
Trauerteppche hängen aus,
Durch die Straßen weit ergossen
Reget sich ein Volksgebraus.
Aber mitten durchs Gedränge
Gehet eine freie Bahn,
Und es wirft die rege Menge
Blumen auf den offnen Plan.
Vor dem Konsularpalaste,
Auf des Marktes weitem Raum,
Der viel tausend Bürger faßte,
Bildet Wache einen Saum.
Und die acht Konsulen treten
Aus des Palasts hohem Tor,
Und der Ältste tritt zu reden
Auf den Marmorstuhl empor.
Und er winkt mit dem Barette
Und der Herold mit dem Stab,
Das Geschmetter der Trompete
Nun zur Ruh das Zeichen gab.
"Seid gegrüßt, ihr freien Bürger!
Seid gegrüßet, edle Ritter!
Seid gegrüßet, ihr Gelehrten!
Seid gegrüßet, ihr Studenten!
Euch die Ursache zu sagen,
Warum heute alle wir
Also reiche Trauer tragen,
Seht ihr mich erscheinen hier.
Jacopone, der gelehrte —
Wer ists, der ihn hier nicht kennte,
Seine Weisheit nicht verehrte,
Nicht ihn einen Gönner nennte?
Über diesen Mann gesenket
Hat sich jüngst ein bittres Leiden,
Und in Tränen ganz ertränket
Ist er nicht mehr zu beneiden.
In des Schauspielhauses Brande
Ward sein herrlich Weib verletzet,
Und zu einem bessern Lande
Von dem Herrn der Welt versetzet.
Sie, die Lehrerin der Waisen,
Seine Hauses treue Wirtin,
Ward in dieser Stadt geheißen
Nur die fromme, liebe Hirtin.
Und sie ist nicht mehr hienieden;
Wo sich alle Lämmlein sammeln
Hat der Hirt sie hinbeschieden,
Gottes Loblied mitzustammeln.
Da sie ihm nun ist geraubet,
Will er nicht mehr grünend leben,
Will er, wie ein Baum entlaubet,
Nimmer wieder Schatten geben.
Und er ist vor uns erschienen,
Hat uns weinend eingeladen,
Alle seinem Leid zu dienen,
Und wir haben uns beraten.
Denn als eine freie Gabe
Gibt der Stadt er seine Gelder,
Liegende und fahrnde Habe,
Seine Häuser, seine Felder.
Alles, was er hat erworben,
Sei ihm auch mit ihr verloren,
Sei ihm auch mit ihr gestorben,
Armut hat er sich erkoren.
Eine Kirche will er bauen,
Wo das Spielhaus ist verbrennet,
Zum Behuf der Klosterfrauen,
Welche man Clarissen nennet.
Und er hat zu diesem Ende
Alle Sicerheit gegeben,
Siegelbrief und Dokumente,
Wo die Gelder sind zu heben.
Und hiefür ward ihm die Bitte,
Seines Schmerzes Trost, gewähret,
Daß mit ungewohnter Sitte
Seine Trauer sei geehret.
Denn die so den Staat bedachten,
Die verdienen solche Ehren;
Solche Bürger hoch zu achten,
Das muß unsre Größe mehren.
Und ich wollte hie verkünden,
Daß im wogenden Gedränge
Sich kein Streiten mög entzünden,
Wo die Straßen krumm und enge.
Denn wir wissen, uns zum Leide,
Daß in unsern treuen Mauern
Zwei Parein zum bösen Streite
Immer auf den Anstoß lauern.
Laßt uns nicht den Tag entwiehen
Einer tugendhaften Toten!
Eintracht möge Gott verleihen
Unser Gruß sei euch entboten!"
Und er winkt mit dem Barette
Und der Herold mit dem Stab,
Und die schmetternde Trompete
Seiner Rede Schluß angab.
Und nun reiten durch die Masse
Herolde und tuen kund
An der Eckejeder Gasse,
Was er sprach, der weise Mund.
Aber aus des Schlosses Bogen
Zieht der Heerwagen der Stadt,
Von acht weißen Stiern gezogen,
Und ein Jauchzen findet statt.
Denn kein Bürger kann ihn sehen,
Wie aus reicher Bilder Zier
Bologneser Flaggen wehen,
Ohne innre Kampfbegier.
Vor dem Wagen ernsthaft schreiten
Acht Trompeter, rot und weiß,
Die acht weiße Stiere leiten,
Dann acht Führer rot und weiß.
Übers Volk, wie aus dem Meere,
Sieht man nun den weiten Wagen,
Ähnlich einer Prachtgaleere,
Mit der hohen Fahne ragen.
Rings mit goldenen Geländern
Er wohl vierzig Reite rfaßt,
Haltend an den vierzig Bändern,
Die sich niederziehn vom Mast,
Der ein silbern Kreuz erhebet,
Das des Lichtes Blick erhellt;
Nieder mit der Fahne wehet
Weiß ein Kreuz im roten Feld.
Und vor dieesr Fahne sitzet
Ein vor allen prächtger Mann;
Wie sein harnisch strahlt und blitzet,
Kaum daas Aug ertragen kann.
Er gleicht einem Martisbilde;
In dem blanken, großen Schwert,
In dem runden Spiegelschilde
Lacht die ganze Pracht verklärt.
Im die Fahne ist vertrauet,
Er des Wagens Ehr bewacht,
Den die Herrn des Rats erbauet
Als den Mittelpunkt der Schlacht.
Als des Staates Bundeslade,
Als Symbol der Bürgerehre,
Als der Thron des Zorns, der Gnade,
Geht der Wagen mit dem Heere.
Wenn er stehet, wenn er schreitet,
Steht und geht die Kriegerschar,
Ihn des Heeres Kern umstreitet
In der dringenden Gefahr.
Und zersprengte Reuterhaufen
Sammeln sich in seinem Kreis,
Und von neuem auszulaufen # um?
Nach des Kampfes blutgem Preis.
Und den Feldarzt trägt der Wagen
Mit des Leibes Arzenein,
All, die blutig sind geschlagen,
Wollen hier geheilet sein.
Auch die Priester auf ihm stehen,
Mit dem heilgen Sakrament
Jeden Krieger zu versehen
In dem ehrenvollen End.
Kehrt der Wagen mit dem Heere,
Dann ward gut die Schlacht geschlagen,
Denn des Heeres Mut und Ehre
Hänget an dem Fahnenwagen.
Fällt er in des Feindes Hände,
Dann sucht Heil in schnöder Flucht,
Wer nicht in des Lebens Ende
Seiner Schande Ende sucht.
Aber wie er in dem Kriege
Ist des Mutes fester Kern,
Wird er nach errungnem Siege
Des Triumphes schönster Stern.
Und von seiner Bühne glänzen
Feindeshelme in Trophäen,
Zwischen stolzen Lorbeerkränzen
Die errungnen Fahnen wehen.
Und in seine Spuren weinen
Sklaven, paarweis hart gebunden,
Nieder zu den kalten Steinen,
Die den nackten Fuß verwunden.
Auch des Friedens Pracht zu mehren
Zieht er aus mit stolzem Prangen,
Als ein Zeichen reiche rEhren
Hohe Gäste zu empfangen.
Gold und Scharlach muß dann wallen,
Weise Männer ihn betreten,
Und von seiner Höhe schallen
Zierlich ausgesprochne Reden.
Oder, mehr ihn zu verschönen,
Höret man das Wort der Richter,
Lieblich stolz auf ihm umtönen
Vn den Liedern heilger Dichter.
Also dient er in dem Streite,
Triumphiert, und trägt die Beute
So zu festlichem Geleite;
Aber anders dient er heute.
Und die dunkle Trauerbühne
Nun die bunte Menge teilet,
Wie ein schwarzes Schiff die grüne
Flut mit scharfem Kiel durcheilet.
Aber tröstlich auf dem dunkeln
Maste, dessen Segel trauern,
Sieht das weiße Kreuz man funkeln,
Wie ein Stern im nächtgen Schauern.
Schwarze Tücher rings verhüllen
Seine kriegerische Pracht,
Und sein Schnitzwerk Rosen füllen,
Sterne einer tiefen Nacht.
Guido hat ihn zu der Trauer
Rosarosens so verzieret,
Um ihn weht ein leiser Schauer,
Weil der Tod hier triumphieret.
Und wo sonst die Schwerter glänzen,
Stehen trauernde Martronen,
Tragend in Zypressenkränzen
Pomeranzen und Zitronen.
Herbe Bitterkeit der Tränen,
Dunkles Laub zur Erde sinkend
Und den Tau mit irdschem Sehnen
Aus des Grabes Blumen trinkend.
Weiß geschmückt, zu beiden Seiten,
An des Mastes schwarzen Schnüren
Haltend, Kinder traurig schreiten,
Ihrer Hirtin Fest zu zieren.
Seht, vor Jacapones Türe
Steht ein schwarzer Baldachin,
Daß das Volk ihn nicht berühre,
Hüten sechzehn Ritter ihn.
Acht vom Stamm der Gieremeen,
Acht vom Lambertazzer Haus
Rechts und links vermischet stehen;
Keiner hat den Rang voraus.
Und es drängt von allen Seiten,
Was zu den Partein gehört,
Zwar ohn Lieb, doch auch ohn Streiten,
So ist der Moment geehrt.
Mit dem Trauerschmuck der Flöre
Haaren rings sich anzuschließen
Die verschiednen Ehrenchöre,
Wenn der Zug sich wird ergießen.
Wenn die Priester angekommen,
Werden tief die Glocken schallen
Und der Leib der lieben Frommen
Wird zu seiner Ruhe wallen.
Aber in des Hauses Kammer
Sitzt der schmerzdurchbohrte Mann,
Öd in tränenlosem Jammer
Sieht er ihre Leiche an.
Engel, die ihr Haupt umschweben,
Die zu ihren Füßen knien,
Konnten ihm nicht Tränen geben,
Tränen sind ihm nicht verliehn.
Seit die Augen sie geschlossen,
Die ihm Lust und Leid gespiegelt,
Ist in Tränen er zerflossen,
Und nun ist ihr Quell versiegelt.
Irdisch kann sie nicht mehr scheinen,
Die der Erde zu vereinen;
Irdisch kann er nicht mehr weinen,
Und seinherz will ihm versteinen.
Ja, ein Grab von Marmorfelsen
Haut der Schmerz in seinem Herzen,
Was nicht springen will, muß schmelzen
Von der Glut der Trauerkerzen.
Ist die Halle erst geweitet,
Wird sie ruhen in den Felsen,
Wenn er stillzur Türe schreitet,
Einen Stein davor zu wälzen,
Also schwer und ungeheuer,
Daß kein andrer ihn beweget,
Als Luft, Erde, Wasser, Feuer,
Wenn sie Gottes Zorn erreget.
Und wenn so die Gruft verschlossen,
Wird er auf den Felsen steigen,
Klipp vor Klippe unverdrossen,
Um den Gipfel zu erreichen.
Und da wird der Feind ihm zeigen
Alle weiten Herrlichkeiten,
Wie die Flüsse silbern schleichen,
Wie die Ufer sie begleiten.
Sonnenschein auf Bergesgipfeln,
Dämmerung in grünen Talen,
Sang und Lust in Waldeswipfeln,
Hochgetürmter Städte Prahlen,
Schiffe segelnd, Wolken ziehend,
Schlosses Dach im Abend glühend,
Schatten übers Meer hinfliehend,
Und ein ganzer Frühling blühend.
Alles wird der Feind ihm zeigen;
Doch er wird es nicht verlangen,
Und die Welt wird sich ihm neigen,
Er wird nur am HImmel hangen.
Freudig ohne niedern Kummer
Wird er an die Erde sinken,
Betend dann in selgem Schlummer
Eines guten Traums ertrinken.
Überm Haupt die Jakobsleiter,
Wird er mit der Engel Reigen
In den offnen Himmel heiter
Zu geliebten Seelen steigen.
Also wird ihm einst geschehen,
Den jetzt solche Schläge schlagen,
Daß er ganz versteint in Wehen —
Dies wollt ich zum Trost uns sagen.
Unbemerkt im eignen Leide,
Knieet Pietro in der Kammer,
Und sie schweigen alle beide,
Jeder in dem eignen Jammer.
Aber nun spricht Jacopone,
Denn er hört ein fernes Singen:
"Wo ist ihre Blumenkrone?
Ach, man will sie von mir bringen!
Wo sind Blumen ihr zum Kranze,
Fromm und keusch, wie sie gewesen?
Erde, küß mit deinem Glanze
Nochmals, die von dir genesen!"
Und zu Pietro er sich wendet,
Spricht: "Hast Blumen du gebracht?
Rosen, die zutag gesendet
Diese tränenvolle Nacht?
O, mein Pietro, die Verblühte,
Zier sie mit des Lebens Bild;
Daß der Schmerz nicht also wüte,
Deck sie mit dem Blumenschild!"
Pietro mit dem Haupt verneinet,
Aber reden kann er nicht,
Und der Tränenlose weinet,
Als er sieht sein Angesicht.
Jacopone ihn umarmet:
"O, mein Bruder! mich erquicket,
Daß mein Leid dich so erbarmet,
Und aus deinen Augen blicket."
Aber jener ihm entgegnet:
"Ach! es ist das deine nicht!
Dann wär wohl mein Los gesegnet,
Und es das meine nicht.
Blumen konnt ich dir nicht bringen,
Weil sie all wie Rosarose
In dem Feuer untergingen,
Bis auf eine weiße Rose."
Pietro wollte weiter reden,
Doch Melior und Rosablanke,
Welche zum Gemach eintreten,
Werden seiner Rede Schranke.
Und er fühlt sich dumpf ergrimmet,
Wenn er zu Meliore blickt,
Denn in seinem Busen glimmet
Eifersucht, die ihn erstickt.
An der Türe schüchtern weilet
Rosablanka. Zur ihr schreitet
Jacopone: "Jungfrau, eilet,
Daß Ihr mir den Kranz bereitet!" —
"Herr, dies kann gar wohl geschehen,
Ich hab Rosen, rot und wieße,
Und ich kann die Kränze drehen,
Doch fehlt mirs am Myrtenreise!" —
"Keine Myrt in ihre Krone!
Einen jungfräulichen Kranz
Winde ihr!" — sprach Jacopone,
Blickend durch der Tränen Glanz.
Und sie naht der Leiche Füßen,
Aus dem Korbe, den sie trug,
Ihre Rosen auszugießen.
Ach, wie ihr das Herz da schlug!
Sie mit Liebe zu begrüßen,
Fühlt sie einen innern Zug,
Und sie soll doch, um zu büßen,
Folgen ihrem Leichenzug.
Wie sie so die Tote schauet,
Wie sie so die stille fühlet,
Mild ihr Aug von Tränen tauet
Und die heiße Wange kühlet.
Und sie nimmt die rote Rose,
Fügt zu ihr der weißen Glanz,
Weiter eine gelbe Rose,
Und so fort den ganzen Kranz.
Bei den roten spricht sie immer:
"Rosarose, bitt für mich!"
Bei der weißen Rosen Schimmer:
"Rosablank geleitet dich!"
Aber bei der gelben Rose
Muß sie an Biondetten denken,
Und dann traurig zu der Rose
Ihre Blicke niedersenken.
Da sie nun den Kranz vollendet,
Sprach sie scheu zu Jacopone:
"Mich that zu dir hergesendet
Heut der Beichtiger Benone.
Meine Schulden abzubüßen,
Will er, daß ich im Geleite
Deine Weibs mit bloßen Füßen
Hinter ihrem Sarge schreite.
Und ich bitte dich zum Lohne,
Daß du dieses mir gestattest,
Als den Preis der Blumenkrone,
Die du ohne mich nicht hattest.
Trauer ist mein Kleid, ich weine
An der Mutter Sterbetage;
Wenn ich dir zu arm nicht scheine,
Laß mich folgen deiner Klage."
Da sprach zu ihr Jacopone:
"Du sollst bei dem Leichenwagen
Ihr die jungfräuliche Krone,
Die du ihr geflochten, tragen.
Dieses ist des Lanes Sitte;
Zwischen Pietro und Meliore
Sollst du schreiten in der Mitte
Mit dem Kranz im Trauerchore."
Aber plötzlich brach das Schallen
Aller Glocken durch die Luft,
Und der Priester in die Hallen
Tritt mit Kranz und Weihrauchduft.
"Es ist Zeit, müssen wallen,"
Spricht er, "weil die dunkle Gruft
Dieser jetzt, wie einst uns allen,
Mit metallner Zunge ruft."
Acht Matronen tief in Trauer
Tragen nun den Sarg hinab,
Stellten ihn zum Trost der Schauer
Unterm Baldachine ab.
Und die Ritter mußten wehren
Mit dem Schwert die Totenschau,
Doch ein jeder wollte ehren
Noch einmal die fromme Frau.
Und es zieht, sie anzuschauen,
Vor ihr hin der Leichenzug;
Ach, wer sieht, sich zu erbauen,
Solch ein heilig Bild genug!
Mit dem Kreuz vorüberziehen
Erst die Priester, traurig singend,
Und das Volk liegt auf den Knieen,
Chöre durch die Lüfte schwingend.
Und die Schwermut der Posaunen
Windet sich durch Litaneien,
Die vorm Ewigen erstaunen,
In der Zeit um Hilfe schreien.
Ihnen folgen fromme Orden,
Ewige Gebete lallend,
Vor den Kreuzen allerorten
Auf das Antlitzt niederfallend.
Und nun treten schwarze Nonnen
Um den Sarg, in weißen Schleiern,
Wie die Strahlen einer Sonnen,
Dieser Frommen Tod zu feiern.
Aber sie auch müssen gehen,
Denn jetzt nahn die Tiefbetrübten;
Seht der Kindlein Fahne wehen,
Traurig bei der Hochgeliebten!
Agnus castus mit dem Lamme
Führt die Mägdlein und die Knaben,
Die mit einem Blumendamme
Nun der Hirtin Sarg umgaben.
Und mit kindisch süßem Flehen
Drängt die Schar zu ihren Füßen;
Jedes Kindlein will sie sehen
Und die milden Hände küssen.
Ach! sie kennen nicht das Scheiden,
Freuen sich des Rosenkranzes
Und des Rocks von Samt und Seiden
Und des Diamantenglanzes.
Doch Bolognas Heereswagen
Mit gedämpften Hörnerklang,
Ihren Leib zur Gruft zu tragen,
Durch die Kinderschar herdrang.
Und den Sarg hinan zu heben
Zaudern noch die ernsten Ritter,
Sich die Hand dazu zu geben
Ist ihr innrer Groll zu bitter.
Als der Konsul dies ersehen,
Fürchtet Störung er der Ruhe
Und beginnt umher zu spähen,
Wer erheben soll die Truhe.
Sieh, da naht mit Flötenschalle
Ernst der Zug sich der Studenten,
Jeder Nation Marschalle
Sich heran zum Sarge wenden.
Jene, die sie nach dem Brande
Heimgetragen mit Verehren,
Nahn dem Konsul als Gesandte,
Schwarz, mit langen Trauerflören.
Und da sie das Zögern sahen
Und des Konsuls Wink empfingen,
Barhaupt sie dem Sarge nahen,
Fassen an den goldnen Ringen.
Heben ihn mit guter Site
Auf den hohen Trauerwagen,
In der Blumen stille Mitte,
Traurend, aber ohn Verzagen.
Als den Wagen sie verließen,
Kehrend hin zu den Gesellen,
Nun die Kinder ihn umschließen
Rings mit freudgen Blumenwellen.
Zwischen schlanken Lilienstengeln
Und den zarten Rosenzweigen,
Rings umwallt von frommen Engeln,
Zieht er hin mit prächtgem Schweigen.
Und es folget Jacopone;
Zwischen Pietro und Meliore
Wanelt mit der Totenkrone
Rosablanka in dem Chore.
Ihre Locken aufgelöset
Traurend um die Schultern wehen,
Ihre Füße sind entblößet,
Sie muß so zur Buße gehen.
Als sie aus dem Haus geschritten,
Zog sie Schuh und Strümpfe ab,
Die sie, auf sein dringend Bitten,
Pietro zu bewahren gab.
Und im Gurt er sie verstecket,
Wie beliebten, reichen Schmuck;
Seines Herzens Schlag erwecket
Der verehrten Pfänder Druck.
In verschiednem Schmerz befangen
Diese Viere vor uns schreiten,
Manche Trän auf frmden Wangen
Ehrt ihr tränenloses Leiden.
Wie ein Christ scheint Jacopone,
Der getrost zum Tode gehet,
Dem die blutge Martyrkrone
Aus dem Himmel niederwehet.
Hinter ihm kommt Rosablanke,
Mit der Blumen süßem Glanz,
Als ob sie vom Himmel schwanke
Zu ihm mit dem Martyrkranz;
Wie ein Engel ungetrübet,
Doch umhaucht von irdschem Leid,
Weil der Herr die Menschen liebet,
Die um ihn bestehn den Streit.
Ihr zur Rechten Meliore,
Wie ein unbesiegter Held
Unter einem Sklavenheere
Durch der Brüder Leichenfeld.
Er ist nach dem Kranz gesprungen,
Fesseln haben ihn umringt,
Er hat selbst das Lied gesungen,
Das der Feind jetzt um ihn singt.
Aber der ist unbesieget,
Der ein Dichter und ein Held,
Weil er in dem Himmel wieget
Seines Schmerzes giftge Welt.
Und es steigt an seinem Leiden
Heilend Sonn und Mond empor,
Unter Sklaven kann er schreiten,
Wie ein Sänger in dem Chor.
Er ist einsam im Getümmel,
Und er geht in selgem Traum,
Und sein Aug steigt zum Himmel
Ewig von dem irdschen Saum.
Aber Pietro geht zur Linken
Wie ein armer Schäferknabe,
Der den Schatz hinab sah sinken,
Den er mühsam ausgegraben.
Immer sieht er vor sich spielen
Noch die goldne Zaubertruhe,
Wo sein Weg auch hin mag zielen,
Flieht der Schatz ihn ohne Ruhe.
Also muß ein Buhler irren,
Dem die Buhle ging zu Grab,
Die aus zaubrischen Geschirren
Ihm die Liebestränke gab;
Also in dem Venusheere
Zieht die liebestörge Brut,
Daß sie ewig sich verzehre,
Ewig wachs in böser Glut.
Ob sin Blick zur Erde nieder
Oder auf zum Himmel schwebt,
Sieht er stets den Rumpf der Hyder,
Der ein neues Haupt erhebt.
Jede Blume möcht er küssen,
Die die Jungfrau ihm zur Rechten
Tritt mit zarten Rosenfüßen,
Und sich einen Kranz draus flechten,
Und mit solchem Schmerz bekränzet,
Steigen durch die finstern Felsen,
Wo kein Stern mehr fröhlich glänzet
Und sich schwarze Bäche wälzen.
Und an einen bittren Bronnen
Möcht er trinkend niedersinken,
Bis zum Ablauf aller Sonnen
Immer schöpfen, immer trinken,
Und dem Quelle wieder weinen,
Ihn mit seinem Schmerz berauschen,
Und zum Felsen dann versteinen
Und den eignen Schmerz belauschen. —
Diesen folgen nun die Armen,
All in neues Tuch gekleidet;
Sterbend hat sie voll Erbarmen
Ihnen diesen Trost bereitet.
Die Konsulen folgen diesen
In dem festlichen Ornat,
Und die Herrn des Rates schließen
Sich an sie, und der Senat.
Weiter alle Professoren
Der juristschen Fakultät
Und Magister und Doktoren,
In der Hand das Samtbarett.
Und nun treten die Pedelle
Mit den Silberstäben her,
Der Studenten Mareschälle
Und so fort ihr ganzes Heer.
In den schwarzen Mänteln steckten
Pursch ealler Nationen,
Kandidaten der Pandekten,
Helden der Institutionen.
Alle seine Schüler ehrten
Jacopones schweres Leid,
So beschlossen und vermehrten
Sie das prächtige Geleit.
Und so schlingt der Zug der Trauer
Sich durch lange Straßen hin
Und ergießt sich durch die Schauer,
Aber alle ehren ihn.
Doch dort auf des Marktes Mitte
Ist ein heftiges Bewegen,
Alles wendet seine Schritte
Einem neuen Bild entgegen.
Als der Sarg zur Stelle schreitet,
Trat zum Zuge her Apone
Mit Biondetten, frech gekleidet,
Dich zum armen Jacopone.
Und ein wunderbar Entsetzen
Bricht durch alle, die sie sahn
So, mit frechem Zuchtverletzen,
Sich der frommen Leiche nahn.
Und der ganze Zug sich hemmte;
Es entstehet ein Gedränge;
"Weg mit diesem Purpurhemde!"
Schreit empört die rege Menge.
Doch will keiner sie ergreifen,
Weil sie so satanisch gleißet,
Und wo ihre Augen schweifen,
Alle Sinne sie zerreißet.
In den Wogen ihres Busens
Alle Sünder untertauchen,
Und wie Schlangenhaar Medusens
Ihre Locken Schrecken hauchen.
Über Apos greisem Haupte
Die zwei Nachtigallen schweben,
Weil er ihre Herrin raubt,
Ihre Klage laut erheben.
Und als sie sich auf der Stirne
Von Biondetten niedersenken,
Scheuchet sie die freche Dirne
Mit des Hauptes freiem Schwenken.
Und so groß ist das Erschrekcen,
Wie sie so verwandelt sei,
Daß nicht Achtung konnt erwecken
RosablankesnHilfsgeschrei,
Der Meliore an der Seite
Sinnlos sank zur Erde hin,
Als er sah, Biondette schreite
Her wie eine Sünderin.
Und sie legt die Totenkrone
Zu dem Sarge auf den Wagen:
"Helft, o helft, zu Jacopone
Mir den kranken Jüngling tragen!" —
"Dahin ist nicht durchzudringen,
Alles füllt der rege Zug,
Können wir ihn seitwärts bringen
Ist es Hilfe schon genug."
Pietro nun mit Rosablanken
Machen sich im Volke Raum,
Und er trägt den stillen Kranken
Zum Altare an dem Baum.
Doch es mehrt sich die Verwirrung,
Und es steiget auf den Wagen
Nun der Konsul, dieser Irrung
Ersten Anlaß zu erfragen.
So erhöhet aus der Menge
Sieht er Apo und Biondetten,
Rings in wogendem Gedränge,
Vor dem Pöbel kaum zu retten.
Und er rufet: "Stille! Stille!
Um das Heil der Republik!"
Endlich sieget dann sein Wille,
Und er spricht mit strengem Blick:
"Wer hat unsern Zug zerrissen?
Vor uns ruht des Todes Friede,
Fromm geschmückt, auf schwarzen Kissen,
Und die Seele ist geschieden.
Und ich seh am Arm des Weisen
Hier mit unverschämter Stirne
Unser frommes Fest zerreißen
Eine sündlich bunte Dirne.
Welch ein Blick, von dieser Leiche
Zu dem frechen Weib getragen!
Brücke zu des Teufel Reiche
Aus dem Himmels Tor geschlagen!
Was verlangst du hier, Apone?
Bist in Wahnsinn du gefallen?
Trittst du so einher zum Hohne
Dir alleinig, oder allen?"
Und Apone ihm erwidert:
"Spreche, Konsul, nicht so gröblich;
Rede, die mich hier erniedert,
Ist nicht ziemlich dir und löblich.
Ich bin dir nicht untergeben,
Ich bin kein Vasall des Staates,
Wer kann sich gen mich erheben,
Als der Rektor des Senates?
Und vor allem mußt du wissen,
Daß ich, von des Volkes Menge
Wider Willen fortgerissen,
Hier gekommen ins Gedränge.
Könnt man doch nicht prächtger trauern,
Wär die Republik gestorben,
Die sich in Bolognas Mauern
Wechselfiebernd hat verdorben.
Da ich all die Glocken hörte
Rufen, mit der Zunge Erz,
Gen die Einsamkeit empörte
Sich im Busen mir das Herz.
Und ich glaubte, man bereite
Für Biondetten diese Feier,
Weil sie ausgesagt, sie kleide
Heut sich in den Nonnenschleier.
Und so führte ich hier nieder
Meine Freundin von der Zelle,
Daß sie durch die Macht der Lieder
Euch, was sie beschloß, erhelle.
Doch die Zeit scheint nicht gelegen,
Alles fühlt des Todes Schauer,
Und ich seh auf allen Wegen
Eine übermäßge Trauer.
Zieht die Republik zu Grabe
Hier auf unserm Heereswagen,
Tiefer Leid könnt man nicht tragen,
Als ich hier gesehen habe.
Sterbt, ihr Bologneser Frauen,
Tut euch recht zu leben not,
Denn galanter ist zu schauen
Als das Leben euer Tod.
Zu dem Wagen, der vor Jahren
Unsrer Schlachten wunde Helden
In Triumpfh herangefahren,
Kann sich nun ein jeder melden.
Ists erhört, in die Monstranzen,
Wo nur wohnt das Sakrament,
Eines Weibes Bild zu pflanzen,
Die im Schauspielhaus verbrennt?
Lambertazzi, Gieremeen,
Wo ist unsrer Ehre Schutz,
Wenn die Staatesflaggen wehen
Über schnöder Leichen Putz?
Rühret euch, ihr tapfern Schläger!
Von dem Wagen mit dem Weib!
Mag der falsche Achselträger
Selbst begraben ihren Leib!"
Also regt mit falschen Reden
Er des Hasses stille Glut;
Allen, di um ihn getreten,
Wallet zürnend auf das Blut.
Und die feindlichen Parteien,
An den Schwertern mit der Hand,
Mit verbissnem Maledeien
Stehn zum Ausbruch angespannt.
In dem Lärm steht unbeweget
Jacopone; wie ein Felsen
In dem Meere sich nicht reget,
Wenn sich Stürme um ihn wälzen.
Doch es wird ihm aufgetragen
Von dem Konsul nun, zu reden,
Und so ist er auf den Wagen
Zu dem Sarge hingetreten.
Doch der Schmerz ihn so durchdringet,
Daß er sich muß niedersetzen;
Alle rings sein Leid bezwinget,
Keiner wagt ihn zu verletzen.
Noch, eh er begann zu sprechen,
Sah mit wild gehobnen Armen
Er das dichte Volk durchbrechen
Seine Freunde, alle Armen.
Und sie schrien mit lauter Stimme:
"Treibt die Ochsen, fahret zu!
Bringet trotz des Toren Grimme
Unsre Mutter jetzt zur Ruh!"
Um den Wagen mit den Kindern
Klaget Agnus castus laut:
"Wer will frech den Brautzug hindern
Einer himmlisch reinen Braut!"
Und das Volk zu beiden Seiten
Treibt die Stiere mächtig an,
Und indem sie vorwärts schreiten,
Zieht die Leiche ihre Bahn.
Daß sich Apo still entferne,
Läßt der Rektor ihn ermahnen,
Und der Schergen Morgensterne
Müssen ihm den Weg schier bahnen,
Bis ihn seine Schüler finden,
Die ihn nun mit Biondetten
Eng mit ihrem Kreis umwinden
Und aus dem Gedränge retten.
Doch es ist das Volk geteilet,
Viele hinter Apo drängen,
Der hin zu dem Rathaus eilet;
Andre sich dem Zug vermengen.
Beide könnte ich geleiten;
Doch ich gehe zu der Linde,
Wo ich an Meliores Seiten
Rosablanken trauernd finde.
Pietro aber steht am Bronnen,
Und von Eifersucht durchpeint,
Fühlt er nicht den Strahl der Sonne,
Die ihm auf den Scheitel scheint.
End of Project Gutenberg's Romanzen vom Rosenkranz, by Clemens Brentano