Romanzen vom Rosenkranz

Clemens Brentano · Kapitel 2 von 5 · Teil 1/3

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Romanzen vom Rosenkranz

"Schöne Jungfrau! Ihr begegnet

Dieses Kapitel ist lang und deshalb in 3 Teile geteilt.

"Schöne Jungfrau! Ihr begegnet
Mir an sehr gefährlchem Orte,
Jetzo ich zu streiten gehe
|De bonorum possessione|.

Und die Schätze aller Welten
Habe ich bei Euch verloren,
Nichts besitz ich auf der Erde,
Da Ihr mich mir selbst genommen.

Was ich künftig nun erwerbe,
Habt Ihr schon von mir gewonnen.
Geht und betet, daß die Ehre
Mir nicht gehe heut verloren!"

Rosarose sah beschämet
An den glatten Marmorboden:
"Ich erfleh Euch, Herr, die Ehre",
Sprach Sie, "und halt Euch beim Worte:

Daß Ihr mir sodann die Ehre
Teilet, die ich Euch erworben,
Und nie nehmet mir die Ehre,
Die um jene Gott ich opfre!"

Ach, zu spät verstand die Rede
Rosarosas Jacopone,
Und es hat ihn sehr beschweret,
Was er damals ihr versprochen.

Und sie schieden; sie zum Tempel,
Er zu dem Juristenhofe;
Sie erfleht ihm Gottes Segen,
Er den Doktorhut erobert.

Als er austritt hochgeehret
Unter der Schalmeien Chore,
Wird bei Pauken und Trompeten
Ihm drei "Vivat hoch!" erhoben.

Doch er blicket allerwegen
Nach der Jungfrau dieses Morgens,
Ihm will auch der Wein nicht schmecken
Bei dem Doktorschmause oben.

Ach, wenn sie den Trank kredenzte,
Säh er in des Bechers Golde
Spiegelnd ihre Augen brennen;
Ach, wie er dann trinken wollte!

Ach, und wo ihr Mund den Becher
Selbst entsauget einen Tropfen,
Durstig hätte er die Stelle
Ausgebissen aus dem Golde.

Und in dem Tumult des Festes
Schleicht er aus dem lauten Chore,
Irret auf verschiednen Wegen,
Denn er wußt nicht, wo sie wohnet.

Wo vor Stunden sie sich trennten,
Geht er, ihren Weg verfolgend,
In den Garten, nah gelegen,
Von Sankt Clarens stillem Kloster.

Längs den still beblumten Feldern
Wiegen sich die vollen Rosen,
Von den Tönen tief beweget
Einer süß gerührten Orgel.

Und im stillen Garten stehet
Tief erschüttert Jacopone;
Lang hat ihn nicht angewehet
Der unschuldge Odem Gottes.

Lange hat er nicht gesehen
In das offne Herz der Rosen,
Und so frommer Töne Wehen
War entfremdet seinen Ohren.

Er war in der Bücher Menge
Ganz verriegelt und verschlossen,
Und hier, wo die Blumen scherzten,
Ist ihm auf das Herz gebrochen.

Brach ihm auf in Liebesschmerzen,
Recht wie eine Blumenknospe
Ihn Geschmeide keusch ausleget
In dem Kuß der jungen Sonne.

Wie verschloßne Felsenquellen
Traurig in dem Dunkel wohnen,
Jauchzend dann zutage brechen
Zu den Sternen, zu der Sonne,

Und mit bunten Steinen scherzend
Und mit Fischen spielend wogen,
Wo die Blumen spiegelnd stehen,
Von Libellen leicht umflogen.

Wie, dem Kinde gleich, die Welle
Gern um Tand die Körner Goldes
Hingibt, die im Schoß der Berge
Sie mit Angst vom Geiz erworben,

Und den süßen Blütenregen
Freudig zu dem Fluß hinwoget,
Freudiger dann Fischersegel
Trägt, und durch die Mühle toset,

Hohe Masten dann bewegend
In den breiten starken Flossen,
Und dann kühne, volle Segel
Führet, recht in hohem Stolze,

Dann dem ganzen Elemente
Sich hingebend, abwärts tosend
In die hohen, vollen Meere,
Stirbt in Wiedersehens Wonne;

So fand er sich tief beweget
Und, dem Bücherstaub entronnen,
Neue Liebe in dem Herzen,
Zwischen Blumen in der Sonne.

Doch da eine Stimme schwellend
Sich ergießt zum Orgelstrome,
Schreitet er zu der Kapelle,
Die in Büschen steht verborgen.

Und er wurzelt auf der Schwelle;
Rosarosa schlägt die Orgel
Singend, ohne ihn zu sehen,
Zwischen Engelbildern golden.

Auf dem kleinen Orgelwerke
Steht das Bild der Mutter Gottes,
Frische Rosen reicht ein Engel
Unserm Herrn in ihrem Schoße.

Und das Bild des andren Engels
Hebt empor in goldnem Korbe,
Singend auf und niederschwebend,
Einen süßen, bunten Vogel.

Und die leichten Bälge tretend,
Sieht er einen goldumlockten,
Schönen Knaben freudig schweben.
Ach! er glich dem Liebesgotte,

Wäre nicht so fromm sein Wesen;
Doch ihm fehlen Pfeil und Bogen,
Und ein Kreuz im Arm ihm lehnet
Aus zwei jungen Weidensprossen.

Einen Rosenstrauß am Herzen,
Schlummert still sein Lamm am Boden;
Niedersinket auch zur Stelle
Auf die Kniee Jacopone.

Ihr Gesang sich so erhebet:
"Heilge Jungfrau! Mutter Gottes,
Denke, wie sandst im Tempel
Jesum, den du glaubst verloren,

Streitend mit den Schriftgelehrten,
Mit den Ärzten, Philosophen,
Wie er als ein Kindlein redet
Wunderbare, hohe Worte.

Als er fragt: `Ihr Männer, wessen
Sohn Messias wird geboren?'
Alle kecklich zu ihm sprachen:
`Davids Sohn wird er geboren!' —

`Warum dann,' dein Kind versetzte,
`Nennt ihn David seinen Obern?
Sprach der Herr zu meinem Herren:
Du sollst mir zur Rechten thronen,

Daß ich dir zu Füßen werfe
Deine Feinde an den Boden!' —
`Hast die Bücher du gelesen?'
Fragte Jesum dann ein Doktor.

Und dein Kind sprach: `Ja, gelesen
Und auch das, was drin verborgen.'
Dann erklärt er dem Propheten
Satzungen und dunkle Worte.

Allen war er ein Entsetzen;
Ärzte und die Philosophen,
Pharisäer, Schriftgelehrte
Mußten Kinderweisheit loben.

Hohe Mutter, o gedenke,
Wie dein Herz in Freuden wogte,
Da du dort in solchen Ehren
Wiederfandest den Verlornen.

Zu ihm sprachst du: `Warum setztest
Mich und Joseph du in Sorgen,
Die dich suchten allerwegen,
Glaubten, du seist uns verloren?'

Und dein Kind sprach, zu dir redend:
`Warum sucht ihr nach dem Sohne,
Dem ihr selbst als Zucht gelehret,
In des Vaters Haus zu wohnen?' —

O Maria! denk der Ehren,
Die die Meister dir da boten,
Preisend deines Leibes Segen,
Der so weis ein Kind geboren!

O, verleihe deinen Segen
Jenem Jüngling, der heut morgen
Mir so huldvoll ist begegnet
An des Rechtshofs hoher Pforte!

Für ihn bring ich meine Ehre
Deinem Gottessohn zum Opfer,
Lasse ihn das Recht vermehren
Zur Vermehrung des Lob Gottes!

Laß geehrt nach Haus ihn kehren,
Recht zu seiner Mutter Wonne,
Denk der Freude, denk der Ehre,
Die du sahst an deinem Sohne!"

Als sie so das Lied geendet,
Gab der Knabe gute Worte:
"Ich will singen, ich will beten;
Schlag auch meinem Lied die Orgel!"

Und die Jungfrau ohn Bedenken
Seiner frommen Bitte folget,
Und er singt, die Bälge tretend,
Wie ein Engel klar aus Wolken:

"O, mein Jesulein, gedenke
Deiner hohen, weisen Worte,
Als Zachäus dich belehren
In dem Aleph Beta wollte!

`Sage Aleph!' sprach der Lehrer;
`Aleph, hast du fromm gesprochen;
Nun sprich Beth!' der Mann begehrte;
Da sprachst du zu ihm die Worte:

`Nein, ich sprech Beth nicht eher,
Bis mir Aleph deutlich worden;
Du sollst erstlich mich belehren,
Warum Aleph so geformet.'

Und da sahst du deinen Lehrer
In Unwissenheit betroffen;
Sprachst: `Ich will dich nun belehren,
Wie das Aleph ist geformet.

Aus drei Strichen es bestehet,
Weil auch steht die Einheit Gottes,
Dieses Aleph alles Lebens,
In drei göttlichen Personen!' —

Als dein Lehrer ob der Rede
Dich, o Jesu, schlagen wollte,
Mußte er zur Stunde sterben,
Der gen Gott die Hand erhoben!

O du Anfang, o du Ende
Aller Weisheit ausgeboren,
Allbarmherziger, o spende
Weisheit zu der Frommen Troste!"

"Amen!" sang die Jungfrau bebend,
"Amen!" sang da Jacopone,
Und da sie ihn sah, sich wendend,
Blühen ihrer Wangen Rosen.

Und sie geht aus der Kapelle;
Auch der Knabe hin ihr folget,
Wo in einem Rosenzelte
Freudig tanzt ein frischer Bronnen.

Und zu Rosarosen redet
Zärtlich dankend Jacopone:
"Gott erhörte gern dein Beten,
Durch dich bin geehrt ich worden.

Was ich heut von dir erflehet,
Ist mit Ruhm an mir erfolget,
Um dich ward mein Haupt bedecket
Mit dem Doktorhut der Rechte.

Und nun möchte ich die Ehre
Mit dir teilen, Fromme, Holde;
Ach, wie auf so selge Wege
Hast du, Jungfrau, mich gelocket!

Aus dem dunklen Bücherkerker
In den Blumensaal der Sonne,
Zu der heimlichen Kapelle,
In den selgen Klang der Orgel!

Sieh, es tanzet meine Seele
Auf dem frohen Strahl des Bronnens,
Und sie faltet ihre Hände,
Dir ihr Herz in Liebe opfernd!"

Rosarosa ihm entgegnet:
"Freund, ich bin dir wohlgewogen,
Doch ich kenne keine Eltern;
Kannst du lieben eine solche?

Mich gefunden und gefleget
Hat des Arztes Weib Dolores;
Sie erbaute die Kapelle,
Stiftete die kleine Orgel.

Dort fand sie des Grabes Stelle,
Und ich lebe von vier Soldi,
Die sie täglich ausgesetzet,
Daß ich sing und spiel die Orgel.

Mir zum Vormund ist gesetzet
Fromm ein Priester, der Benone,
Bis ich in den Ehstand gehe
Oder trete in ein Kloster.

Sonst kann ich auch schreiben, lesen,
Schnüre wirken und auch Borten,
Spinnen und Tapeten weben,
Sticken Silbernes und Goldnes.

Und daß ich nicht müßig gehe,
Habe ich im Klosterhofe
Eine Schule angeleget
In des Kreuzgangs hohen Bogen.

Oft auch hier bei dieser Quelle
Zu mir meine Kinder kommen,
Mannigfaltge Schulgesellen
Sich aus allen Winkeln holend.

Hier der Knabe war der erste,
Der sich selbst mir angeboten,
Und mit seines Lammes Schelle
Andre Kinder angelocket.

Wie sich meine Schüler nennen,
Weiß ich nur durch ihre Worte,
Kenne keines einzgen Eltern,
Meine Schul ist frei und offen.

Und die Mütter stehn oft ferne,
Lauschend an der Gartenpforte;
Täglich mehret sich die Herde,
Und ich lehr um Gottes Lohne.

Und die gute Hirtin nennen
Mich die Kinder, und ich wollte,
Hätt ich nimmer dich gesehen,
Keinen andern Namen borgen." —

"Hättst du nimmer mich gesehen!"
Jacopone wiederholet;
"Hätt ich nimmer dich gesehen!
O, wie sind dies goldne Worte!

Wären nimmer sie geredet
Mit so liebem, süßem Tone,
Möchte ich in diesem Leben
Nimmer sehen diese Sonne!

Unser Los ist gleich gestellet,
Unser Würfel gleich geworfen;
Auch ich kenne keine Eltern,
Ward im Kloster auferzogen.

Willst du deine Hand mir schenken,
So will ich dir angeloben:
Du magst deine Kinder lehren,
Du magst spielen hier die Orgel.

Wenn mein Reichtum sich vermehret
Durch den Ruhm, den ich erworben,
Will ich in das Haus noch nehmen
Meinen Bruder Meliore.

Einen Garten auch erwerben
Pietro, dem Zuletztgebornen
Meiner Mutter, der jetzt lernet
Blumen pflegen in dem Kloster."

Und dann hat er ihr gegeben
Einer Rose Doppelknospe,
Und mit scheuen Fingern trennen,
teilen sie die Zwillingsrose.

Tief sich in die Augen sehend
Waren sie vor Gott verlobet,
Wußten nicht, wie es geschehen,
Waren still und voller Wonne.

Aber Rosarosa redet,
Da sie hört des Lammes Glocke:
"Lebe wohl, auf Wiedersehen!
Meine Schüler hör ich kommen!"

Jacopone spricht: "Ich gehe
Hin zum alten Mönch Benone,
Unsern Bund ihm vorzulegen."
Und dann eilt er von dem Bronnen.

Einsam Rosarosa stehet,
Blicket in den Strahl des Bronnens;
Wie er sinket, wie er schwebet,
Fühlt sie in dem Herzen pochen.

In den Händen die getrennte,
Sonst gepaarte Zwillingsrose,
Und es fließen ihre Tränen
Auf die stille Rosenknospe.

Eilet dann zu der Kapelle,
Findt an der belaubten Pforte
Ihre kleine Schülerherde
Feierlich im Kreis geordnet.

Und der Knabe trägt in Händen
Einen Kranz von weißen Rosen,
Einen Schäferstab, weiß blendend,
Sprach zu ihr die süßen Worte:

"Du hast dich in der Kapelle,
Hirtin, heut dem Herrn verlobet,
Der ein treuer Hirt, die Herde
Weidet an dem Himmelsbogen.

Und darum soll ich dich kränzen
Mit dem Brautkranz weißer Rosen
Und den Schäferstab dir geben,
Daß du denkest deiner Worte!"

Rosarosa kniet zur Erde,
Und er kränzt die dunklen Locken
Mit den weißen Rosen blendend,
Gibt den weißen Stab der Holden.

Und die Kinder sie umgeben,
Freuen sich der Rosenkrone;
Jacopones und des Herren
Denket weinend Rosarose. —

Wenig Sonnen untergehen,
Und herauf ziehn wenig Monde,
Wenig volle Rosen sterben
Aufgekeimt sind wenig Knospen,

Da geschmückt am Altar stehen,
Vor dem alten Mönch Benone,
Rosarosa, weiß bekränzet,
Rotbekränzet Jacopone.

Als sie goldne Ringe wechseln,
Fällt das Ringlein Jacoopones
Springend nieder an die Erde,
In dem Kreise weit hinrollend.

Und dem Knaben, der zugegen,
War es endlich zugerollet,
Der es in dem Lilienkelche,
Den er trug, der Braut geboten.

"Nimm den Ring im Lilienkelche",
Sprach das Kind, "und denk des Opfers,
Da du um des Jünglings Ehre
Deinem Herrn dich hast verlobet!"

Und er schied. Sie nahm erbebend
Nun den Ring, und Jacopone
Wußte nicht, was sie beschwerte,
Da sie schwer das Ja gesprochen.

Und der Priester sprach den Segen;
Traurig weinte Rosarose,
Als sie still von dannen gehen;
Freudig weinet Jacopone.

An des Tempels Marmorschwelle
Sprach die Jungfrau: "Jacopone,
Laß mich gehn zu der Kapelle,
Einsam meinen Herrn zu loben.

Daß ich fromm am Abend kehre,
Bei dir in dem Haus zu wohnen;
Einen Trunk aus unsrer Quelle
Bring ich dir und viele Rosen."

Einsam geht nun der Geselle,
Seine Kammer schön zu ordnen.
Pietro hat zum Schmaus gebeten
Er, und auch den Meliore.

Und es steigt im Abendmeere
Feurig nieder schon die Sonne,
Und es zieht die Sternenherde
Vor dem Monde durch die Wolken.

Rosarosa noch nicht kehret;
Pietro spannt die Blumenbogen,
Und es zündet hundert Kerzen
In der Kammer Meliore.

In der Kammer Mitte stehet
Blank ein Tischlein, wohlgeordnet,
Zierlich ist da aufgedecket
Für vier fröhliche Personen.

Pietro Rosarosens Teller
Ziert mit einer Myrtenkrone,
Und zwei künstliche Sonette
Legt dazu ihr Meliore.

Aber von dem Hochzeitsbette
Springet traurig Jacopone:
"Will mein Weib denn noch nicht kehren,
Gehe ich, sie mir zu holen!

Was des Kaisers ist soll geben
Man dem Kaiser, Gott was Gottes,
Und der Mann, er soll sich nehmen,
Was ihm ward vor beider Throne!"

Seinen Mantel umgeleget
Hat er dann im Liebeszorne,
Und mit raschen Schritten geht er,
Doch der Garten ist verschlossen.

Er vernimmt ein leises Reden,
Doch das Sprudeln jenes Bronnens
Und der Büsche flüsternd Wehen
Überrauschet ihm die Worte.

Eifersucht seine Herz durchbrennet,
An sich hält er seinen Odem,
Aber nur der Büsche Wehen
Hört er, und des Herzens Pochen.

Und er findet eine Stelle
An der Mauer ausgebrochen,
Und behutsam überkletternd
Kommt er an des Gartens Boden.

Durch die Gänge schleicht er, geht er;
Der wollüstge Duft der Rosen
Schüret ihm die Brust noch enger,
Und er greift nach seinem Dolche.

Ach, es spiegeln sich die Sterne
In dem blanken, bösen Dolche.
Ach, wie schrecklich sind die Sterne,
Denkt im Herzen Jacopone.

Unbekümmert um mein Elend
Spielen sie mit meinem Dolche;
Nein, sie sollen ihn nicht sehen!
Und er haucht ihn an mit Odem.

Aber seine Tränen nehmen
Stets den Odem von dem Dolche.
Und die Sterne ruhig sehen
In den Stahl den Himmelsbogen.

Und nun hört er wieder reden,
Und er hört die leisen Worte:
"Du wirst mich nicht wiedersehen
Als bei deinem frühen Tode!

Was du unterm Herzen trägest,
Ist ein Pfand von dem Verlobten;
Wolle nie des Leibes Tempel
Einer andern Liebe opfern!"

Rosarosa dann entgegnet
Sammelnd liebestrunkne Worte:
"Ja, ich bin die Magd des Herren,
Dem ich liebend bleib verlobet!

Was ich trage unterm Herzen,
Bleibt dir treulich aufgehoben,
Durch dich mag es heimlich leben,
Durch mich werde es geboren.

Nimmer habe ichs gesehen,
Nimmer werde ichs sehen wollen,
Unbekannt ie meine Seele,
Die durch Gott den Leib bewohnet.

Stünd geschrieben mir am Herzen
Gar die Stunde meines Todes,
Nimmer würde sie gelesen,
Und ich stürbe unverhoffet.

Keusch bleibt meines Leibes Tempel
Dem Geliebten nur geopfert,
Meine Blicke haben selber
Nimmer Teil an mir genommen.

Wenn der Himmel ist bedecket,
Ohne Sterne, Mond und Sonne,
Hab ich hier in dieser Quelle
Einsam kühl das Bad genommen.

Meines Herren Aug erhellte
Mir das Herz mit Liebeswonnen,
Unter Beten, unter Flehen
Bin ich ihm so lieb geworden.

Und sah ich am Tag die Quelle,
Die mich nächtlich kühl umschlossen,
Schamrot konnte ich wohl wetten
In der Röte mit den Rosen.

Leb dann wohl, auf Wiedersehen,
Du geliebter Blondgelockter!
Werde in des Todes Wehen
Rosarosen einst zum Troste!" —

Und nun höret jemand gehen
Durch den Garten Jacopone,
Und er sucht ihm zu begegnen,
Irret durch die Laubenbogen.

Ach, in seinem Herzen wehen
Höllenflammen tiefen Zornes,
Den Geliebten Rosarosens
Will er mit dem Dolch durchstoßen!

Mondhell fand er eine Stelle,
Und es rauschet Laub am Boden;
Mit gezücktem Dolch verstecket
Er sich im Gebüsch der Rosen.

Schon sieht er den Schatten schweben
Des verhaßten Blondgelockten,
Und er hat in bösem Streben
Seinen Dolch schon hoch erhoben,

Als der Knabe vor ihm stehet
Und ihm ruhig sagt die Worte:
"Jacopone, wiedersehen
Wirst du mich bei deinem Tode!"

Und er fühlte sich gefesselt
Und stieß nieder mit dem Dolche
In die kalte, harte Erde;
Hat sich lange nicht erholet.

Als er wieder sich erhebet,
War sein Sinn ganz wild verworren,
Auch der Himmel war bedecket
Mit dem Mantel schwarzer Wolken.

Und an Rosarosen denkt er:
War der Knabe nur ein Bote?
Sie muß selbst den Herrn mir nennen
Oder sterben von dem Dolche!

Und nun tappt er nach der Quelle
Durch die dunkeln Laubenbogen,
Und er höret Rosarosen
Badend plätschern in dem Bronnen.

Und in seinem Herzen reget
Sich ein Strahl geheimer Wonne.
"O, wie boshaft seid ihr, Sterne,
Daß ihr jetzt euch habt verborgen!

Meine Augen, Feuerspeere,
Möchten gern die Nacht durchbohren,
Daß der helle Tag anbreche
Glänzend mit der vollen Sonne;

Daß ich meine Braut könnt sehen
In dem Schoß kristallner Wogen,
Süß errötend in dem Tempel,
Taufend voller Liebesrosen!

In den Arm wollt ich sie nehmen,
Und mit lustberauschten Worten
Meines Gartens Rosen brechen
Beim Geläut der Blumenglocken!"

Also denkt er, und es hebet
Sich ein lauer Wind von Osten,
Der die Bäume leis beweget
Und im Laube laut ertoset.

Und es wirft zur Badequelle
Viele Rosen Jacopone,
Doch im Bad die Jungfrau denket,
Daß der Sturm sie abgebrochen.

"O Geliebter", spricht sie betend,
"Nicht mit Rosen, nur mit Dornen
Deine arme Dienrin treffe,
Weil sie dir das Wort gebrochen!"

Doch nun schleicht zu der Kapelle,
Zündet an der Ampel Dochte
Jacopone eine Kerze,
Trägt sie unterm Hut verborgen.

Da er kehrt zum Rosenzelte,
Da er nah des Bades Bronnen,
Füllt er plötzlich mit der Kerze
Schein die dunkle Blumengrotte.

Rosarose taucht erschrecket
Schreiend nieder in den Bronnen,
Alle Sinne ihr vergehen,
Als wär sie vom Blitz getroffen.

Und es löschte aus die Kerze
Vom Gespritze. Jacopone,
Ach, er hat sie nackt gesehen,
Nimmer wird der Anblick frommen!

Und sie weinet, und sie flehet,
Daß er fliehe ovn dem Orte;
Aber er war tief verblendet,
Sprach zu ihr die harten Worte:

"Für mich bist du nicht zu sehen,
Aber für den Blondgelockten;
Das, was du trägst unterm Herzen
Soll mir ewig sein verborgen!

Ihm willst du nicht Treue brechen,
Aber mir ist sie gebrochen;
Aber jetzt sollst du ihn nennen,
Und dann will ich dich durchbohren!

In des frechen Blutes Quelle
Soll erröten dieser Bronnen,
Sich und dich der Lüge schelten,
Denn hier hast du mich belogen!"

Stammelnd ihm entgegnet:
"Herr und Gatte, hör mein Flehen!
Ehe du mich willst ermorden,
Laß mich an die Kleider legen,

Daß mich nicht errötend sehe
So entblößt der junge Morgen;
Herr, nur aus der Laube trete,
Ich will rufen dich zum Morde!

Denn ich kann dir nimmer nennen,
Was mir unterm Herzen wohnet,
Da ichs nimmer hab gesehen,
Da es immer bleibt verborgen.

Herr und Gatte, hör mein Flehen!
Laß mich beten vor dem Tode,
Laß mich nicht so elend sterben
Ohne Sakramentes Troste!"

"Das will ich dir zugestehen!"
Sprach voll Unwill Jacopone,
"Doch die Kleider dir verstecke
Ich, daß du nicht kommst vom Orte.

Ich will bald zurücke kehren
Mit dem alten Mönch Benone;
Der den bösen Bund gesehen,
Seh zerhauen auch den Knoten!"

Und mit ihrem Mantel gehet
Schnell von dannen Jacopone.
Hartes Weh ist ihr geschehn,
Die zurückblieb in den Wogen.

Doch den Herrn um Hilf anflehend,
Ist ihr Herz erstärket worden,
Mutig stieg sie aus der Quelle,
Und die Nacht ist dunkler worden.

Da sie nackt in der Kapelle
Bleibe vor dem Licht verborgen,
Breitet sie der Haare Flechten
Um sich her bis auf den Boden.

Und auf ihre Augen senket
Nieder sie den Kranz der Rosen,
Den als Braut sie aus dem Tempel
Traurig trug in ihren Locken.

Da sie tritt zu der Kapelle,
Ist die Lampe schnell erloschen,
Ihre Keuschheit zu verehren;
Und sie suchet an der Orgel,

Wo der goldne Schlüssel hänget
Zu dem Grabe der Dolores;
In verzweifeltem Gebete
Hat sie dann die Gruft erschlossen.

Und die Stufen abwärts tretend
Sprach sie: "Heil euch, heilge Toten!
Wollet meine Blöße decken,
Einer armen züchtgen Tochter!"

Und sie hört die Stimme beben
Der verstorbenen Dolores:
"Liebe Tochter, wir dir geben
Hilfe, kniee an den Boden!"

Und sie fühlt sich um die Lenden
Ein Cilicium geschlossen,
Und von einer schnellen Schere
Ihre Locken abgeschoren,

Dann mit seidenen Gewändern
Ihren züchtgen Leib verborgen,
Hört dann nahe vor sich reden
Die unendlich süßen Worte:

"Den Bußgürtel um die Lenden
Trage, bis bei deinem Tode
Deine arme Schwester erbet;
Büß um meine Schuld, o Tochter!

Trage züchtig, die dich decken,
Diese farbgen Seidenstoffe,
Und die Schuld, die sie beflecket,
Helf mir büßen, liebe Tochter!

Einstens werd ich bei dir stehen;
Zu unendlich süßem Troste
Wirst du deine Mutter sehen;
Jetzo gehe, süße Tochter!"

Und es scheidet Rosarose
Freudig von der gütgen Toten,
Hängt den Schlüssel an die Stelle,
Da sie hat die Gruft verschlossen.

Und die Lampe brennet helle;
Sie setzt freudig sich zur Orgel,
Läßt ein Requiem erschwellen,
Recht in freudig vollem Tone.

Als in des Benone Zelle
Eingetreten Jacopone,
Lag der Alte im Gebete
Und sprach hörbar diese Worte:

"Herr, dein Aug nicht von mir wende,
Wenn ich steh in bösem Zorne!
Herr, o leite meine Seele
Durch des Sündenmeeres Toben!

Herr, laß keinen trostlos sterben,
Ohne heilge Sakramente,
Laß den Sünder nicht verderben,
Ohne Buß vor seinem Ende!"

An der Zelle Türe stehet
Dieses hörend Jacopone,
Und von Schrecken ganz erbebet
Pochet er und ruft: "Benone!"

Und, die Tür geöffnet, redet
Ernst der Mönch: "O Jacopone,
Gott hat mein Gebet gesegnet,
Daß du bist an diesem Orte!

Doch du hast ein wildes Wesen,
Was willst du mit diesem Dolche?
Deine Haare um dich wehen,
Kommst du, mich hier zu ermorden?

Oder hast du Rosarosen,
Deine fromme Braut, erstochen?
Fremde Lieb bei ihr erkennend,
Was der Herr verhüten wolle?

Oder hast du gen dich selber
Diesen bösen Stahl erhoben,
Willst in blinder Wut du sterben?
O, du armer Jacopone!

Weh, ich seh Rosarosens
Mantel deinem Arm entrollet!
Rede, rede, du Entstellter,
Gibt dem stummen Schrecken Worte!"

"Vater, zu dem Garten gehe,"
Spricht nun bebend Jacopone,
"Wo mein Weib in der Kapelle
Täglich singet zu der Orgel.

Trete zu ihr an die Quelle,
Wo sie badet in dem Bronnen,
Laß sie beichten, laß sie beten,
Eh sie stirbt von diesem Dolche.

Daß sie nackt die Flucht nicht nehme,
Hab ich ihr Gewand genommen;
Du magst rücklings hin es werfen,
Wenn du zu dem Bronnen kommest."

Und der Mönch schließt seine Zelle,
Folgt zum Garten Jacopone.
Da sie an der Brücke stehen,
An des Reno blauen Wogen,

Spricht der Mönch zu dem Gesellen:
"Wirst du mich nicht hier durchbohren,
Mich dann in den Reno werfen?
Sieh, ich trau nicht deinem Dolche;

Gib ihn mir doch aufzuheben!"
Und es gibt ihn Jacopone,
Und sie gehn. Doch unbemerket
Wirft der Mönch ihn in die Wogen.

Vor dem Garten nun begehret
Seinen Dolch der Jacopone:
"Er ruht in des Reno Wellen!"
Spricht zu ihm der Mönch Benone.

Und die Arme um ihn legend
Küßt die Stirn er Jacopone,
Spricht: "Zu deiner Kammer kehre,
Deine Seele steht im Zorne!

Dir zum Troste wiederkehren
Will ich bald mit Rosarosen.
Gott verleih dir seinen Segen!"
Und es gehet Jacopone.

Und auf seinem Weg begegnet
Suchend ihn der Meliore,
Fragt ihn bang nach Rosarosen,
Doch es schweiget Jacopone.

Da sie in die Stube treten,
Schlummert Pietro an dem Boden,
Abgebrannt sind tief die Kerzen,
Traurig stehn die Blumenbogen.

Jacopone spricht: "O wehe!"
Und bricht aus im Tränenstrome,
"Weh, ihr dunkeln Hochzeitskerzen,
Weh, ihr armen Blumenbogen!

Nieder brennt ihr in dem Herzen
Und erlöscht im Tränenstrom,
Nieder welkt ihr in den Schmerzen
Unter meiner Klage Odem!

Kehret nicht zum Firmamente,
Sterne, Mond und hohe Sonne1
Ewig an des Himmels Schwelle
Steh blutweinende Aurore!

Also ewig stille stehen
Soll der Puls im Herz gebrochen,
Ewig meine Hochzeitskerze
Niederbrennen unverloschen!

Ewig meine Kränze welken,
Von den Tränen nur begossen,
Stille ewig sterbend leben
Nur die bittren Tränen rollend!

Blumenkränze, Hochzeitskerzen,
Sterne, Mond und hohe Sonne,
Ewgen Schmerzes Tränenquellen
Und blutweinende Aurore:

Welket, brennet, steht in Schmerzen!
Nimmer lachet Jacopone;
Die die Liebste mir gewesen,
Sie ist schlecht mir vorgekommen!"

Aber zu dem Mahl einkehret
Nun der alte Mönch Benone,
Ihm zur Seite traurig stehet
Rosarose ohne Locken.

Pietro, vom Geräusch erwecket,
Springet auf; die Myrtenkrone
Reichet er der neuen Schwester,
Lieb und Treue ihr gelobend.

Dann putzt schnell er rings die Kerzen,
Daß es helle ward. Meliore
Grüßt sie, reicht ihr die Sonette
Und blickt schüchtern an den Boden.

Aber auf dem Hochzeitsbette
Lieget jammernd Jacopone:
"Die die Liebste mir gewesen,
Sie ist schlecht mir vorgekommen!" —

"Nun genug der frevlen Reden!"
Spricht zu ihm der Mönch Benone,
Daß, der du ihr lieb gewesen,
Ihr nicht schlechter vor mögst kommen!

Hier empfange Rosarosen,
Und bei Gott im Himmel droben
Bist gleich ihr du reines Herzens,
Will ich dich vor Engeln loben.

Ich hab all ihr Tun gesehen,
Da ich bin ihr Beichtger worden,
Konnt des Herren Leib ihr geben
Ohne Absolutionen.

Sie hat dir auch schon vergeben,
Daß du sie ermorden wolltest.
Die du hast entblößt im Leben,
Ward gekleidet von den Toten."

Aber Rosarosa redet:
"Denke meiner ersten Worte:
`Ich erflehe eure Ehre,
Gebe meine Gott zum Opfer.

So bin eine Braut des Herren
Ich, und dennoch Euch verlobet,
Teile mit euch eure Ehre,
Meine bleibe unverloren!

Was im Garten hat geredet
Jener Knabe, dunkle Worte
Sind es mir wie dir; erhellen
Müssen sie zukünftge Sonnen!"

Und sie knieet vor dem Bette,
Nimmt die Rechte Jacopones,
Auf ihr nacktes Haupt sie legend
In den vollen Kranz der Rosen.

Und der Jüngling, tief beweget,
Spricht: "O Weib, wo sind die Locken,
Die ich wollte liebend flechten?
Was soll mir der Kranz voll Dornen?"

Liebvoll Rosarosa redet:
"Ich ließ sie den gütgen Toten,
Die dein nacktes Weib bedecket,
Das du hast entblößt im Zorne.

Auch den Hochzeitsmantel schwebend,
Den zurück mir gab Benone,
Hab ich ihnen hingegeben,
Ihre Güte zu belohnen.

Herr, o wolle dich erheben,
Sieh, es kehret schon Aurore,
Wolle mich zu dir aufnehmen,
Züchtig will ich bei dir wohnen!

Eine Magd mich dir bequemen,
Spinnen dir zur Nacht, zum Morgen.
Für dich beten, für dich sterben;
Herr, entsage deinem Zorne!"

Jetzt erhebt er sich, doch sehen
Kann er nicht, ein Regenbogen
Schwebt um sie von seinen Tränen
In dem Schein des Morgenrotes.

Und sie trocknet seine Tränen,
Still mit ihres Kranzes Rosen,
Und Benone gibt den Segen,
Will dann kehren nach dem Kloster.

"Trink des Brautweins einen Becher,
Heilger!" flehte Jacopone.
"Gib ihn mir, ich will zur Messe
Ihn verwandeln!" spricht Benone.

"Dort will eurer ich gedenken
Und als Christi Blut ihn opfern!"
Und nun kehrt zu seiner Zelle
Still der alte Mönch Benone.

Rosarosa spricht nun: "Denke,
Lieber, was ich dir versprochen:
Hier ist Wasser aus der Quelle,
Hier sind unsres Gartens Rosen.

Lasse unsre Augen netzen,
Die getrübt vom Weinen worden."
Und nun auf die Tafel setzet
Sie das Glas bekränzt mit Rosen.

Und sie kühlen mit der Quelle,
Den die Tränen all entquollen,
Ihrer Augen heiße Quellen;
Sieh, da steigt herauf die Sonne.

"Sie will sein bei unserm Feste!"
Spricht der stille Meliore;
Aber Pietro laut erhebet
Seine Stimme ihr zum Lobe:

"Grüß dich, Held des Orientes,
Grüß dich, Gottes Morgensonne,
Grüß dich, Heiland aller Wesen,
Grüß dich, Heiland voller Rosen!

Grüß dich, Trost der dunklen Felder,
Grüß dich, Quell der Tauestropfen,
Grüß dich auf dem Himmelswege,
Grüß dich, goldne Morgensonne!

Singt mir, was sie spricht, ihr Lerchen,
Singt die sieben letzten Worte,
Singt den Held des Orientes,
Der die schwere Nacht gebrochen!"

Also sang er, während betend
Die drei andren zu ihm horchen,
Und die volle Sonne sehen
Sie, und waren voll des Trostes.

Und sie trinken einen Becher
Brautwein, haben angestoßen
Einer zu des andern Segen,
Und dann aßen sie des Brotes.

Da ertönt das Glöcklein helle
An dem wohlbekannten Kloster,
Und sie gehen zu der Messe
Ihres alten Freunds Benone. —

Also liebte er ihr Wesen,
Hat sich so mit ihr versprochen,
Feiert so die Hochzeitsfeste,
Der gelehrte Jacopone.

Und sie war ihm tief ergeben,
Eine Magd ihm unterworfen,
Winke waren ihr Befehle
Und Gesetze seine Worte.

Auf sein Haus strömt voller Segen,
Und man pries ihn allerorten;
Die er führte, die Prozesse,
Waren alle bald gewonnen.

Und sie füllte spinnend, webend,
Seine Schränke an bis oben,
Nähte ihm wohl hundert Hemden,
Die sie alle selbst gewoben.

Sie half ihm die Bücher stellen,
Wußte sie gar wohl zu ordnen,
Schrieb ihm ab viel dicke Hefte
Und gar manchen schweren Codex.

Als sie einst ihm die Pandekten
Heimlich schrieb mit flüssgem Golde
Auf schneeweißem Pergamente
Und ihm gab am Christtagsmorgen,

War er gar in Lieb beweget,
Schenkte ihr, die sie gesponnen
Und gewebet, all die Hemden
Und dazu viel Münzen Goldes.

Und sie ließ auf allen Wegen
Zu sich bald die Armen kommen,
Ihre Linnen sie ausspendet,
Recht zu aller Frommen Troste.

Und so lebten sie in Segen,
Wohl vier Jahre ohne Sorgen,
Und es wußte kaum zu bergen
Seinen Reichtum Jacopone.

Und Bologna war getrennet
In Parteien. Die des Volkes
Sich die Gieremei nennen,
Stritten für das Recht des Volkes.

Lambertazzi, ihre Gegner,
Für des Adels Recht erhoben;
Von zwei feindlichen Geschlechtern
War der Namen angenommen.

Und da diesen eigenen Händeln
Sich noch fremde eingeflochten,
Ghilbellinen und die Guelphen,
Ward die Sache mehr verworren.

Und so ward gar viel gerechtet,
Manches Blut im Streit vergossen,
Daß die Frauen bittre Tränen
Um die Toten weinen konnten.

Oft erteilte den Geschlechtern
Seinen Rat auch Jacopone,
Und in ihrer Mitte stehend
Mußte Freund und Feind ihn loben.

Wenn in diesem stolzen Leben
War sein irdscher Mut erhoben,
Sah er oft sein Weib beschämet
Neben sich so still verborgen.

Die den Schleier nie ableget
Von des schönen Hauptes Locken,
Die mit Edelstein und Perlen
Nimmer vor ihm prangen wollte.

Und sie wollte niemals gehen
Zu dem Tanze, zu der Oper,
Ging vor Tag nur in die Messe
Und zu der Kapelle Orgel.

Endlich hat er sie erbeten,
Ihm zu folgen in die Oper,
Da die Sängrin Biondette
Wollt entsagen zu dem Kloster.

Und er hat ihr angeleget
Schwere Spangen roten Goldes,
Edelsteine, reiche Perlen
Und Rubinen, blutge Rosen.

Als er ihr den Schmuck anlegte,
Stand sie wie ein Lamm des Opfers,
Und er sprach: "Den Schleier lege
Ab, laß flechten mich die Locken!"

Doch sie wollt ihn nicht ablegen,
Bis er zürnend es befohlen;
Ach, was muß erschreckt er sehen:
Schneeweiß sind des Hauptes Locken!

Ruhig sie da zu ihm redet:
"Darum hielt ich sie verborgen.
Seit sie von der Totenschere
Fielen, sind sie bleich geworden!"

Ach, wie recht im tiefsten Herzen
Traf die Rede Jacopone,
Da er sah die Jungfrau stehen
Mit des Alters grauen Locken.

"Könnte ich mit meinen Tränen
Dir das Silberhaar vergolden!
Ach, ich habe dich dem Schrecken
Jener Schere unterworfen!"

Und er hat die Silberflechten
Mit Rubinen ihr durchzogen,
Wie ein Busch im Blütenschnee,
Vom Johanniswurm umflogen.

Wunderbar war sie zu sehen,
Eine Diamantensonne,
Und es freut an Rosarosen
Wie ein Kind sich Jacopone.

Wie die Flitterkränze schweben,
Und die flimmernden Goldrosen
Zitternd auf der Jungfraun Särgen,
Schien sie in der Glorien Krone

Eine selge Braut der Engel,
Eine Königin der Toten,
Eine hochzeitliche Seele,
Ein gestirnter Geist voll Wonne.

Schier geneigt, sie anzubeten,
Ging bei ihr der Jacopone.
Da sie ins Theater treten,
Ging ein Flüstern durch die Logen.

Nie noch hatte man gesehen
Die Gemahlin Jacopones,
Und nun wie ein höhres Wesen
Stand sie blendend vor dem Volke.

Und in der erstaunten Menge
Hat ein Klatschen sich erhoben,
Bis beschämt in tiefstem Herzen,
Sie den Schleier umgenommen.

Als die liebliche Biondette
Sang ihr Leben vor dem Volke,
War die schöne Rosarose
Tief im Herzen scharf getroffen.

"Daß du mich mit dir zu gehen
Hast bewogen, Jacopone,"
Sprach sie, "dank ich dir ohn Ende.
O, wie ist mir wohl geworden!

Diese Jungfrau anzusehen
Ist mir nie genossne Wonne,
Und ich könnte ruhig sterben,
Spräch sie zu mir süße Worte!

Ach, ich fühle ihrem Wesen
Meine Seele tief verwoben,
O, ich werde nie genesen,
Steht sie mir nicht bei im Tode!"

Und sie war so tief beweget,
Da die Jungfrau ihre Rollen
Wiederholt als Judith, Jephthe,
Daß sie nachsprach alle Worte.

Aber als sich um Biondetten
Hat die wilde Glut erhoben,
Hat sie, nicht um sie, um jene
Nur, das Hilfsgeschrei erhoben.

Und es brachte sie zu retten
Mit Gewalt nun Jacopone
Hinzu einem hohen Fenster,
Da ersah sie Meliore.

Keine Leiter ruht am Fenster,
Rings schon alles um sie lodert,
Und sie sprang, sich Gott befehlend,
Nieder in den Arm Meliores.

Glücklich nieder zu der Erde
Folgt ihr springend Jacopone,
Doch er findet sie mit Schrecken
Blaß und schon ihr Aug geschlossen.

Und rings unter ihrem Herzen
Blutge Tropfen niederflossen,
Doch sie sprach: "Mein Herr, ich lebe
Annoch durch die Hilfe Gottes!"

Und vier rheinische Studenten
Sie auf ihren Mantel hoben,
Trugen still sie durchs Gedränge,
Weinend folget Jacopone.

Und sie ward auf ihren Wegen
Angestaunet von dem Volke,
Wie ein Kunstwerk von Juwelen
Und ein Bild von lauterm Golde.

Nimmer ward von solchem Werte
Ein geheimer Schatz gehoben,
Und die tragenden Studenten
Nimmer von ihr blicken konnten,

Wenn sie in dem Schein der Sterne
Oder in dem Glanz des Mondes
Auf dem weißen Mantel blendet,
Wie auf Schätzen Flammen lodern.

Hätte sie nicht von Biondetten
Oft den Namen ausgesprochen,
Für die Leiche eines Engels
Hätte man sie halten sollen.

Über ihres Hauses Schwelle,
Bis zu ihrer Kammer oben,
Auf sein keusches Hochzeitbette
Ließ sie tragen Jacopone.

Dann entließ er die Studenten,
Ihre Treue zärtlich lobend,
Und zu ihm sprach Rosarose:
"Höre mich, mein Jacopone!

Da ich aus dem Leben gehe,
Soll dir bleiben unverborgen,
Was ich mußte dir verhehlen,
Das Geheimnis jenes Bronnens.

Warum du mich wolltest töten,
Als den Knaben du gehorchet.
Wisse, daß ich deine Schwester,
Deinem Vater bin entsprossen!

Und ich danke, daß du ehrend
Meine Unschuld nicht verdorben,
Daß von Blutschuld unbeflecket,
Keusch wir bei einander wohnten.

Aus versündeten Geschlechtern
Sind wir sündenvoll geboren,
Und die Sünde wird erst enden,
Wenn ein schweres Jahr verflossen.

Von der eitlen Welt dich wende,
Geh in einen frommen Orden,
Wo das Schauspielhaus verbrennte,
Laß erbauen mir ein Kloster!

Aber jetzo, eh ich sterbe,
Hole mir den Greis Benone,
Daß ich nehm die Sakramente,
Zu der Seele letztem Troste!"

Jacopone steht entsetzet,
Ohne Regung, ohne Worte,
Nur sein Haar hebt sich zu Berge;
Doch er eilet zu Benone.

Aber auf der Treppe schellet
Schon des kleinen Lammes Glocke,
Und zu Rosarose gehet
Ein der Knabe blondgelocket.

"Grüß dich Gott zum Wiedersehen1
Ei, wie bist du schön geworden,
Meine liebe Rosarose!"
Hat das Kind zu ihr gesprochen.

Und sie sprach: "Mein guter Engel,
Du kamst, wie du mir versprochen,
Doch du bleibest stets derselbe,
Du bist größer nicht geworden!"

"Mir ist", hier das Kind versetzte,
"Dieses Maß gegeben worden.
Ach, es war nicht zu ermessen,
Als dies Maß war voller Wonne!"

Doch nun fühlt die Jungfrau Schmerzen;
Klagend sprach sie: "O, Benone,
Komme bald zum Trost der Seele
Und geselle mich den Toten!"

Und der Knabe sorglich legte
Auf die Stirn ihr eine Rose,
Und von ihrem Duft erwecket,
Hat die Jungfrau sich erholet.

"Du hast dich zum Hochzeitsfeste",
Spricht er, "schön geschmückt mit Golde,
Und mit Perlen und Juwelen
Strahlst du in der Jungfraunkrone!

Wird dein Bräutigam dich auch kennen,
Der dich sonst nur sah mit Rosen?"
"Ja," sprach sie, "er wird mich kennen
An dem Blut, das ich vergossen!"

** Romanze XIII: Tod der Rosarosa

Wie in dunklen Meereswogen
Ein verbranntes Schiff entmastet
Unterm weiten Himmelsbogen
Traurig steht auf ödem Sande,

Wie die Flamme scheu noch lodert,
Von den Fluten rings belagert,
Bis die traurig tote Kohle
Leicht umschaukelt in dem Wasser,

Fern schon ziehn die dunkeln Wolken,
Die geübt die böse Rache,
Und die Sterne vor dem Monde
Ziehn heran, unschuldig fragend:

Wo ist hin das segelvolle
Freudge Schiff, so hoch bemastet,
Das wie eine Braut die Wogen,
Buhlend mit dem Wind, durchtanzte?

Wo sind hin die Schifferchöre,
Die in feuchten Tauen tanzten?
Ist von all dem stolzen Volke
An dem Fels der Ruf verhallet?

Und das Meer spielt mit den Toten,
Mit den Segeln, mit den Masten;
Sterbend zischen noch die Kohlen,
Und dann schweigt und ruhet alles.

Und die Sterne zu dem Monde
Brechen aus in bittre Klagen:
Ach! wo ist die schöne Tochter,
Die uns grüßte mit Gesange?

Die gelöst die goldnen Locken,
Ließ in freudgen Lüften flaggen,
Unsern Spiegel in den Wogen
Betend grüßt mit Harfenklange?

Muß sie auch im Wasserschlosse,
Von Untieren rings bewachet,
Bei Sirenen und Tritonen
Fern von uns nun sein gefangen?

Also klagen sie dem Monde,
Der zu ihrer Klage lachet
Und das blaue Feld der Wogen
Überschüttet weit mit Glanze.

Und was schimmert dort so golden,
Rauschend durch die Wasserbahnen,
Zieht gleich einem Arione
Ruhig durch die Meere, harfend?

Heil! Es ist die schöne Tochter;
Sie steht auf dem Wundermantel
Sicher, wie auf starkem Boote,
Und ihr Schleier ist die Flagge.

Und die Sterne freudig horchen,
Denn es zieht durch ihre Harfe
Äolus mit süßem Tone,
Daß die Ufer rings entschlafen:

Also unterm Himmelsbogen
Stand zerstöret das Theater,
Um die trüben Säulentore
Schauerten der Wachen Fackeln.

Also in dem Glanz des Mondes
Trat Biondette mit der Harfe
Aus den hohen, dunkeln Pforten,
Wie in lichter Geist umwandelt.

Unterm hohen Sternendome
Steht sie auf dem öden Platze,
Unter ihren leichten Sohlen
Knirscht die Kohle auf den Platten.

Und zum Monde auf sich wolket
Noch der Rauch des toten Brandes,
Dumpf schallt fernes Wagenrollen
Und es rinnet rings das Wasser.

Und des blauen Reno Wogen
Lauter durch die Nacht hinwallen,
Lauter rauschen auch die Bronnen
Siegreich ob dem Feuerkampfe.

Und Biondetta wiederholet:
"Lebet wohl, ihr falschen Farben,
Eitler Tränen Regenbogen,
Sterne hell von falschem Glanze,

Ihr dient einem Flittermonde!"
Sprachs, da klang es in der Harfe,
Und zwei hohe, weiße Nonnen
Geistig ihr zur Seite standen.

Von dem Schleier ganz verborgen
Schienen sie zwei selge Schatten,
Winkend, ihnen nachzufolgen,
Sie Biondetten still ermahnten.

Eine schweift in einem Bogen
Um sie, Freudenzeichen machend,
Und die andre sah zu Boden,
Traurig ihr Hände faltend.

"Sprechet, was ihr von mir wollet,
Fromme Schwestern von Sankt Claren?"
Frug die Jungfrau. Nachzufolgen
Winkend jene sie ermahnten.

Und Biondetta folgt den Nonnen,
Die wie Geister vor ihr wallen,
Zu dem Hause Jacopones,
Zu der Rosarosa Lager.

"Sei willkommen mir im Tode!"
Sprach die Kranke, und vom Lager
Hat sie leis ihr Haupt erhoben,
Unterstützet von dem Knaben.

"Daß dem Feuer du entkommen,
O, Biondetta, Gott ich danke;
Wolle nun zu meinem Troste
Mir ein Lied zur Harfe schlagen!"

Als die Jungfrau harfen wollte,
Sah sie an den blonden Knaben:
"Sah ich heut dich nicht am Bronnen
Mit dem Vogel, mit dem Lamme,

Bei der Jungfrau mit den Rosen,
Bei der süßen Rosablanke,
Die heut früh den Kranz geflochten
Für Marien am Altare?"

Und der Knabe hat gesprochen:
"Reicher als heut am Altare
Ward auch hier ein Kranz geflochten,
Und du wirst die Dornen tragen.

Als der Gärtner säte Rosen
In der Buße bittren Garten,
Fiel dein Körnlein in die Dornen,
Und du kennst nicht deinen Namen.

Denn du heißest Rosadore,
Jene heißet Rosablanke,
Rosarosa, rote Rose,
Ihr seid aus demselben Stamme!

Seid geschenkt der Mutter Gottes,
Als sie vor zwölfhundert Jahren
Auf der sündgen Erde wohnte;
Jetzt erst seid ihr aufgegangen.

Doch noch seid ihr kaum entsprossen!
O erscheine, Herr des Gartens,
Hüte deine heilgen Rosen
Und zertritt die falsche Schlange!" —

"O, Benone, mir zum Troste
Eile!" nun die Kranke klaget,
"Denn es wirft die Lebenssonne
Über mich schon lange Schatten!"

Und der Knabe spricht: "Zum Kloster
Gehe ich, ihn zu ermahnen;
Doch zuvor, o fromme Tochter,
Muß ich deiner Treue danken.

Denn ich kann nicht wiederkommmen,
Eh erfüllet sind die Tage,
Daß wir alle durch die Pforte
Der Barmherzigkeit einwandern.

Heil sei dir und ewge Wonne,
Daß in Unschuld du gewandelt,
Und, zu hören Gottesworte,
Kinder gern um dich versammelt!

Viele dich am Himmelsthrone
Palmen schwingend schon erwarten,
Und sie singen dort im Chore,
Die du sie gelehrt, die Psalmen.

Heil sei dir und ewge Wonne,
Daß in Unschuld du gewandelt,
Daß du dich dem Herrn verlobet
Und die Treue ihm gehalten!

Also ist auch Jacopone
In die Blutschuld nicht gefallen,
Und so bricht der Tod dich Rose
Zu der Sühnung ewgem Kranze!

Heil sei dir und ewge Wonne,
Daß in Unschuld du gewandelt,
Und das Kleid der gütgen Toten
Unbeflecket hast erhalten!

Den Bußgürtel scharf gedornet
Trugst du still und ohne Klagen,
Und so halfst du, fromme Tochter,
Deiner Mutter Sünde tragen.

Heil sei dir und ewge Wonne,
Daß in Unschuld du gewandelt.
Was dir unterm Herzen wohnet,
Hast du nimmer mich gefraget!

Aber nun vor diesen Nonnen
Öffne ruhig die Gewande,
Zeige deines Herzen Rose,
Dieses Siegel deines Stammes!

Und es soll auch Rosadore,
Die man sonst Biondetten nannte,
An des eignen Busens Rose
Wahr erkennen ihren Namen.

Heil sei dir und ewge Wonne,
Daß in Unschuld du gewandelt,
Wisse, daß dir stets zu folgen,
Mich mein eigen Heil ermahnte.

Denn ich harre der drei Rosen
Länger als zwölfhundert Jahre.
Eine bist du, bald gebrochen,
Bald auch breche ich die andre!

Als der Heiland ward geboren,
Hab ich auch das Licht empfangen,
Und ich gab ihm meine Rosen,
Da er spielte bei dem Lamme.

Und er gab mir eine Knospe
Aus den Gräsern seines Lagers,
Hat dann liebvoll auch gesprochen:
`Agnus castus sei dein Name!'

Und wo ich bis jetzt gewohnet,
Sät ich dieser Pflanze Samen,
Ehrt sie höher als Kleinode,
Weil der Herr auf ihr geschlafen.

Agnus castus aller Orten
Heißt, wie ich, nun diese Pflanze.
Weißt du noch, wie ich dir Mosse
Sammeln sollte mit den Knaben,

Weil du dir bereiten wolltest
Deiner Hochzeit keusches Lager,
Wie ich dir zu deinem Schoße
Nichts als Agnus castus brachte?

Und du hast sie angenommen,
Dankend für die Hochzeitsgabe,
So schliefst du und Jacopone
Wie der Herr auf dieser Pflanze.

So hat eurem frommen Wollen
Gern der Heiland beigestanden,
Und das Lager deines Todes
Blieb durch ihn der Keuschheit Lager.

Bald steht deines Herzens Rose
Nun im selgen Himmelsgarten
Und schmückt ihm die Dornenkrone,
Die er hat für uns getragen!"

Als der Knabe so gesprochen,
Ging er betend aus der Kammer:
"Jesus Christus sei gelobet!"
Und die Sterbende sprach: "Amen!"

Doch jetzt nahten sich die Nonnen,
Die verschleiert fern gestanden,
Leis hinschwebend an dem Boden,
Rosarosens Sterbelager.

Und es knieet Rosadore
Eingehüllet in den Mantel.
Stille war es, nur der Odem
Wehte und das Licht der Lampe.

Und die eine sprach: "O Tochter,
Ich bin deiner Mutter Schatten.
Weh mir, daß ich es geworden!
Rosatristis ist mein Name.

Und auch du, o Rosadore,
Hast durch mich das Licht empfangen;
Fürchte nichts, erheb vom Boden
Deinen Blick, der mich erlabet.

Ach, so kann ich nach dem Tode
Mutterfreuden erst erlangen!
Wie unendlich ist die Wonne
Unergründlichen Erbarmens!"

Und nun schweift sie wie ein Vogel
Freudig um das Bett der Kranken,
Und umschwebet Rosadoren,
Streifend kühl durch ihre Haare.

Rosarosens Lebenswoge
Hebt sich nochmals Wellen schlagend,
Stumme Freudentränen flossen
Nieder von der bleichen Wange.

Denn sie hört im Ton der Worte
Jene Stimme widerschallen,
Die ihr einst das Haupt geschoren,
Ihrer Blöße sich erbarmend.

Durch die Seele Rosadorens
Bebt ein tiefes, süßes Bangen;
Furchtlos hat emporgehoben
Sie die Arme nach dem Schatten.

Denn sie sieht in dieser Nonne
Jenes Bildlein ihrer Kammer,
Das mit ihr gefunden worden,
Das sie stets so wert gehalten.

Rosatristis nun voll Wonne
Löst der Kranken Brustgewande,
Daß des Busens heilge Wogen
Schimmernd zu dem Lichte drangen.

Eine rote blutge Rose
Rosarosens Brust bestrahlet;
Was ihr unterm Herzen wohnet,
Hat sie so im Tod erfahren.

Während leis zu Rosadoren
Sich die andre Nonne nahte,
Und sie sah, die sie erzogen,
Rosalätens heilgen Schatten.

Rührend sprach sie: "Rosadore
Die ich sonst Biondette nannte,
Teure Jungfrau, zeig die Rose,
Die dir gab den neuen Namen.

Lasse, die dich hat geboren,
Meiner armen Schwester Schatten,
Lasse ihres Heiles Rose
Vor ihr blühn im keuschen Garten!"

Und in Zucht löst Rosadore
Ihres Mieders goldne Spangen,
Und des Herzens banges Pochen
Hört man durch die Stille schlagen.

Eine kleine goldne Rose,
Über ihrem Herz gemalet,
Zeigt im Spiegel ihr die Nonne
Als das Zeichen ihres Stammes.

Rosatristis spricht voll Wonne:
"O, gesegnet ist der Garten,
O, wie herrlich stehn die Rosen,
Und derHerr wird sich erbarmen!

Aber eine weiße Rose
Muß ich traurend noch erwarten, # trauernd?
Sehen darf ich nicht die Tochter,
Die unschuldge Rosablanke!"

Und nun hat sie aufgeschlossen
Den Bußgürtel, der die Kranke
Noch umgürtete — da flossen
Ströme Blutes von der Armen.

Stürzend in den Arm Meliores
Aus dem Fenster bei dem Brande,
Hatte von des Gürtels Dornen
Tiefe Wunden sie empfangen!

Rosatristis spricht zum Troste:
"Du stehst recht im Rosengarten,
Den der Herr bei seinem Tode
Für die Märtyrer gepflanzet.

Deines Blutes jeder Tropfen
Fällt auf meine Seele labend;
Heilig hast du es vergossen,
Das in Sünden du empfangen."

Und sie gürtet Rosadoren
Mit des Gürtels scharfen Stacheln:
"Wolle ihn um mich, du Tochter,
Treu wie deine Schwester tragen!

Gebe ihn bei deinem Tode",
Spricht die Nonne, "Rosablanken!"
Peinumgürtet steht die Fromme,
Klaglos für die Marter dankend.

Und nun sinkt sie mit den Worten
Froh in Rosarosens Arme:
"Laß, o Schwester, deinen Odem
Mich von deinen Lippen fangen!" —

"Sei willkommen, Todessonne!"
Spricht die Kranke liebesstammelnd,
"Mir ins Herz mit Siegeswonne
Fallen deiner Augen Strahlen!

Aber, was du mir versprochen,
Singe mir ein Lied zur Harfe,
Daß die Seele vor dem Tode
Auf dem Klang vorüber wandle!"

Da ergreifet Rosadore
Geistberauschet ihre Harfe,
Also süße Töne lockend,
Daß die Nonnen selig schwanken.

Doch es tritt nun Jacopone
Heftig ein mit einem Arzt:
Der unheilige Apone
Folgt ihm stolz und dreist zur Kammer.

Und vom Zug der Tür erloschen,
Starb das Licht der kleinen Lampe.
"Licht her, Licht!" schreit wild Apone,
"Was tun hier die alten Ammen?"

Denn er sieht die beiden Nonnen
Geistig schimmernd bei dem Lager.
Und es eilet Jacopone,
Anzustecken schnell die Lampe.

Und es folgen ihm die Nonnen,
Geistig rauschend durch die Harfe,
Rufen: "Wehe, weh Apone!
Fluch der Schlang und ihrem Samen!"

Und nun griff der Arzt im Zorn, # Zorne?
Und erfasset bei der Harfe
Die versteckte Rosadore,
Und die Jungfrau schreit: "Erbarmen!"

"Ha!" spricht Apo, "sei willkommen,
Schöne Nachbarin! Zu fangen
Solch ein Vöglein ich nicht hoffte
Bei dem Bette einer Kranken!

Hat der kluge Jacopone
Dich zu seinem Trost belanget?
Die Juristen bei den Toten
Gerne sich an Leben halten!"

Und nun will er Rosadoren
Scherzend um die Hüfte fassen;
Doch sie war erstarkt im Zorne,
Reißt ihm schmerzlich an dem Barte.

"Also halt ich dich, du Toller,"
Spricht die Jungfrau, "bis die Lampe
Wiederbringet Jacopone,
Daß er sehe deine Schande!"

Frech erwidert ihr Apone:
"Wenn du mich nicht fester fassest,
Sind mir eine rechte Wonne
Solche Händlein in dem Barte!"

Und nun kehret Jacopone
Mit der Lampe in die Kammer,
Und es läßt den Bart Apones
Rosadore schamhaft fahren.

"Herr," spricht sie, "wie magst du zum Troste
Deines Weibes du den alten,
Ehrvergessnen Buben holen?
Weh mir, daß ich hier gestanden!"

Aber nun zu Jacopone
Spricht mit schwachem Ton die Kranke:
"Um den tröstenden Benone
Bat ich meinen Herrn und Gatten!"

Und er spricht: "Auch er wird kommen,
Jetzt vertrau dem großen Arzte;
Dieser Aesculap Bolognens
Wird dich, Theure, mir erhalten. # Teure?

Conciliator, dich, Apone,
Man ob hoher Weisheit nennet,
Dich versühnend wolle folgen
Der Bedeutung deines Namens."

Aber nun zu Jacopone
Spricht mit schwachem Ton die Kranke:
"Um den tröstenden Benone
Bat ich meinen Herrn und Gatten!"

Und er spricht: "Auch er wird kommen,
Jetzt vertrau dem großen Arzte.
Wolle, daß die Kunst Apones,
Teure, dich mir noch erhalte!" # Theure?

Und zum Arzt spricht er die Worte:
"Herrlicher, vergiß des Kampfes,
Der uns trennte oft im Zorne,
Nimm die Hand zum Friedenspfande!

Dienen will ich deinem Lobe;
Kannst du mir mein Weib erhalten,
Geb ich dir zweitausend Kronen,
Geb ich mehr noch, geb ich alles!"

Und zum Lager tritt Apone,
Reißt die Decke von der Kranken,
Doch es stürzt sich Rosadore
Über sie mit ihrem Mantel.

Und der Arzt spricht wild im Zorne:
"Was soll hier ich besser machen,
Wo man meiner nur will spotten?
Nackt muß ich die Kranke haben!

Über ihrem Herzen drohend
Einen Flecken von dem Brande
Sah ich schwarz. Sie ist des Todes,
Wenn ich sie nicht heilend salbe!"

Weiter: Teil 2 von 3