Sechs Jahre in Surinam, oder Bilder aus dem militärischen Leben dieser Colonie und Skizzen zur Kenntniss seiner socialen und naturwissenschaftlichen Verhältnisse
Siebenter Abschnitt Ankunft in Paramaribo. Die Komödie »Thalia« und »Polyhymnia.« Vorstellung in letzterer. Huldigung des Königs. Militärische Ansprache. Dreiwöchentlicher Urlaub. Abreise nach dem obern Surinam. Aufenthalt auf der Judensavanne. Beschäftigungen. Abstecher nach Mauritzburg. Spinnenfan
Siebenter Abschnitt
Ankunft in Paramaribo. Die Komödie »Thalia« und »Polyhymnia.«
Vorstellung in letzterer. Huldigung des Königs. Militärische Ansprache.
Dreiwöchentlicher Urlaub. Abreise nach dem obern Surinam. Aufenthalt
auf der Judensavanne. Beschäftigungen. Abstecher nach Mauritzburg.
Spinnenfang. Plantagen Worsteling Jakobs und Bergendaal. Der blaue
Berg. Fahrt nach Victoria. Die Saramneen. Buschnegerdorf Tja Tja.
Buschnegertanz. Abreise. Pflanzung Moria. Die Buschneger: ihr
Ursprung. Frieden und Contracte mit der Regierung. Eintheilung in drei
Stämme. Das Grossoberhaupt. Ihre Lebensweise und Gottesdienst.
Aberglauben. Krankheiten. Bestrafung der Giftmischer. Handel mit den
Weissen und ihresgleichen. Ende meiner Dienstzeit und Abreise nach
Europa. Ueberfahrt. Ankunft in Holland.
Nach einer Reise von 24 Stunden landeten wir den 1. November in Paramaribo, und es fiel mir wieder aufs Neue schwer, mich ans enge Joch des Dienstes zu gewöhnen. Mein alter, mir wohlwollender Kommandant, welcher Kapitän meiner Compagnie war, hatte mir auch dieses Avancement ausgewirkt. Meine Finanzen und häusliche Einrichtung waren in guter Ordnung, und meine Lage und Aussichten ganz vortheilhaft. Dessenungeachtet fühlte ich stets in der Stadt den Mangel eines Freundes, der meine Freuden und Genüsse mitempfand, und zur Heiterkeit und angenehmen Gesprächen nicht erst durch den Geneverkrug gereizt werden musste. Auf den Posten hatte mich die freie Natur entschädigt, aber jetzt wurde der Wunsch, meine Freunde und Familie in Europa wiederzusehen, immer lebhafter. Es war aber noch ein langes, langes Jahr, und desshalb jeder 9. eines Monats ein kleiner Festtag, der die Zahl meiner Dienstmonate verminderte.
Während der Zeit meines Aufenthaltes an der Marowyne ward in der Stadt eine hübsche Komödie, die Thalia genannt, durch Actien errichtet, welche jeden Monat einmal das kunstliebende Publikum Paramaribo's in sich versammelte. Die Schauspieler sind Dilettanten, angesehene Bürger von Paramaribo oder Blanke. Meistens werden veraltete Kotzebue'sche Lust- oder Schauspiele aufgeführt.
Nicht das Spiel, das mittelmässig ist oder von dem grössten Theil der Zuschauer nicht beurtheilt werden kann, noch Decorationen oder Musik wären hier für einen Fremden das Merkwürdige, sondern die Zuschauer selbst, namentlich der weibliche Theil derselben. Von dem tiefsten Schwarz der wohlbeleibten Negerdamen, bis ins Bleiche der europäischen Schönen sieht man hier alle Nüancen aufgeputzt, nach oder über Vermögen mit Schmuck und Juwelen verschwenderisch behangen. Manche dieser Schönen leidet lieber Mangel, als dass sie diese Gelegenheit, wo sie sich zeigen kann, versäumt.
Die Preise der Plätze sind hoch, und das Parterre kostet als der niederste fl. 2. 50 Cent. Concerte sind selten. Sie werden ebenfalls von Liebhabern gegeben, und in ihnen verschiedene Instrumente meisterhaft gespielt.
Die Komödie Thalia, welche in der ersten Zeit häufig besucht wurde, spornte den Ehrgeiz einiger unternehmenden Mulatten an, eine Gesellschaft unter dem Namen Polyhymnia zu bilden, welche als Concurrent der Thalia bei niederen Preisen die zahlreiche Klasse der Farbigen belustigen und erfreuen sollte. Man eröffnete die Bühne mit einem Ziegler'schen Schauspiel: der Findling. Eine sogenannte Houtloots, ein bretternes, etwa 80' langes, 12' hohes und 25' breites, früher zur Aufbewahrung von Brettern und Balken bestimmtes Gebäude war nun zum Polyhymnias-Sitze provisorisch eingerichtet. Logen und Gallerien konnten natürlich bei der geringen Höhe und Breite des Hauses nicht angebracht werden. Man begnügte sich daher blos mit der Erhöhung des Fussbodens, so dass die auf dem letzten Platze Stehenden ihre Köpfe an die Decke stiessen. Dabei herrschte eine Hitze zum Ersticken.
Ganz Paramaribo strömte dahin; die Farbigen, um das Talent ihrer Gleichsortigen zu bewundern, die Weissen, um jene zu persifliren; und wie sehr man auch die Menschen aufeinanderstapelte, so mussten doch viele abgewiesen werden. Eine zum Ganzen passende Musik wurde glücklicherweise durch das Getöse der Zuschauer unhörbar gemacht.
Nach einem Prologe, der hierin e i n Geschick mit der Musik theilte, begann der erste Akt. Die Rolle der Prima Donna ward bei dem Mangel einer Actrice durch einen schlanken Mulattenjüngling gegeben; und jede neu auftretende Person, der ehrwürdige, mit schneeweisser Halskrause versehene (Neger) Pfarrer mit lautem Hurrah des fröhlichen Publikums begrüsst. Es war des Applaudirens kein Ende, so dass die hinten Stehenden wenig sprechen hörten, und nur an den ausdrucksvollen Pantomimen den Zusammenhang des Stücks erriethen. Beim Schlusse fand das Quasi-Fräulein seine Mutter wieder, die der Pfarrer verschleiert hereinführte. Sie schlug, um die wiedergefundene Tochter zu umarmen, den Schleier zurück, worauf ein Gelächter erschallte, dass man glauben sollte, das Haus stürze davon ein; denn die zärtliche Mutter wurde von einem Neger gespielt, dessen Gesicht mit Locken sich zum weissen Kleide und Blumenhut allerliebst ausnahm. Doch man sah und hörte beim Schlusse vor Getümmel und Beifallrufen nichts mehr, und ging nach Hause, ohne Reue, sein Geld weggegeben zu haben. Eine Restauration in der Nähe des Tempels sorgte ihrerseits für gute Erfrischungen, und Mancher, der auf den Bänken eingeschlafen war, fand sich bei seinem Erwachen unter denselben.
Der Ruf der Polyhymnia war nun begründet, und diese Muse, zu langsilbig und fremd für die Farbigen, wurde desshalb bei Verkürzung Pulehembi genannt, welches Wort verdeutscht: »Zieh das Hemd aus« bedeutet. Der Reiz der Neuheit war aber schon nach wenigen Vorstellungen verschwunden und die Gesellschaft der Pulehembi löste sich auf.
Im Anfang des Jahres 1841 war die Huldigung für unsern König Wilhelm II. Ein schöner, heiterer Tag begünstigte diese Festlichkeit. Würdevoll und wohlklingend war die Rede, welche der General-Gouverneur bei dieser Gelegenheit den versammelten Truppen hielt und sie verfehlte den Eindruck nicht, den sie machen sollte. Den meisten Gefangenen wurde der Rest ihrer Strafzeit geschenkt; auch A l e x a n d e r B a r i t e a u d war in dieser Amnestie mitbegriffen und verliess nach siebenjähriger Gefangenschaft Surinam.
Bei dieser Gelegenheit erinnerte ich mich einer andern militärischen Ansprache, welche kurze Zeit nach meiner Ankunft in Surinam der älteste Kapitän an das versammelte Bataillon und insbesondere an mehrere Soldaten richtete, die wegen langjähriger Dienstzeit kupferne oder silberne Medaillen mit oder ohne Geldgeschenk erhielten, die nun der Kapitän, an welchen sie vom Kriegsministerium gesandt waren, vor der Front des Bataillons auszutheilen hatte. Er trug das Geld und die Medaillen in seinen Hosensäcken und lief damit die Front des Bataillons entlang, indem er an die Betreffenden ihre Auszeichnung mit den Worten überreichte: Ihr bekommt eine kupferne, Ihr eine silberne Medaille, Ihr bekommt dabei 6 fl., Ihr nichts u. s. w. Nachdem er alle ausgetheilt hatte, sprach er die Beschenkten also an: Diess gibt Euch nun Euer König, weil Ihr ihm treu gedient habt und damit Ihr auch ferner treu dienen sollt; aber wenn Ihr sie putzt, d. h. glänzend reibt, so steck ich Euch 14 Tage ins Loch! Eingerückt!
Mein Garnisonsleben war natürlich viel einförmiger, als das auf den mir so lieben Posten, wo ich stets mein eigener Herr war, während hier so mancher an mir meistern konnte. Doch war der Dienst leicht und ich wurde von meinen Vorgesetzten stets wohlwollend behandelt. Die Sonntage, an welchen man weder exerzirte, noch arbeitete, waren von mir meistens zur Insektenjagd in der Umgegend benützt und ich kam so zu einer schönen Sammlung, die ich nach Europa mitnehmen wollte.
Ich hatte nun im Laufe von 5 Jahren die entferntesten Posten der Colonie besucht und schon längst war es mein Wunsch gewesen, das höhere Land am Surinamstrome und die Dörfer der Buschneger zu sehen. Meine militärischen Verhältnisse aber und noch mehr die, mit solchen Reisen verbundenen Kosten, setzten, wenn ich sie auf eigene Rechnung unternommen hätte, grosse Hindernisse in den Weg. Es kam mir daher die Einladung eines deutschen Doctors, Hrn. H. in Paramaribo, der am oberen Surinam Pflanzen und zoologische Gegenstände sammeln und mich zu seinem Begleiter haben wollte, sehr erwünscht. Leicht erhielt ich einen dreiwöchigen Urlaub und wir fuhren Mitte Augusts in einem sechsriemigen Tentboote dahin ab. Die langen, lästigen Regengüsse der nassen Jahreszeit hatten aufgehört. Zwar war das Land noch überschwemmt und der Strom in Folge der Menge Wasser aus dem obern Lande reissend, doch schien uns ein heiterer Himmel zu begünstigen.
Mit anbrechender Nacht landeten wir auf einer Zuckerpflanzung, deren Director ein Freund Hrn. H's. war und Allem aufbot, seinen Gast recht gut zu bewirthen. Die Tafel war wohlbesetzt mit inländischen und europäischen Früchten und Speisen. Wein war in Hülle und Fülle aufgetischt und sie bildete desswegen einen mächtigen Contrast mit der Mittagstafel der Unteroffiziere in Paramaribo, auf welcher als Krone der ausländischen Speisen eine Schüssel graue Erbsen oder Sauerkraut prangte, deren Inhalt mit klarem Brunnenwasser hinuntergespült wurde.
In der Frühe des andern Morgens setzten wir unsere Reise in einem andern unbedeckten Boot fort, das mit Lebensmitteln, Rum für die Indianer und Neger, Kisten zur Aufbewahrung von Naturalien, Gewehren u. s. w. so bepackt wurde, dass uns beinahe kein Plätzchen zu freier Bewegung übrig blieb. Es herrschte eine drückende Hitze; kein Lüftchen regte sich und selbst das Stromwasser, in dem wir von Zeit zu Zeit Gesicht und Hände wuschen, war lau und unangenehm. Nachdem Gesicht und Hände von der Sonnenhitze fürchterlich verbrannt waren, landeten wir auf der Zuckerpflanzung Chatillon, auf welcher auch von der bekannten Gastfreundschaft der Plantagenbewohner keine Ausnahme gemacht wurde.
Des Abends fuhren wir weiter. Als die Sonne sank und die Luft milder wurde, zog ein fürchterliches Gewitter heran. Der Regen floss in Strömen herab und die heftigsten Donnerschläge folgten rasch aufeinander. Dabei herrschte eine egyptische Finsterniss. Wir waren gerade in einer Gegend, wo wenige Pflanzungen liegen und mussten desshalb geduldig das Ende des Gewitters abwarten. Gegen Mitternacht erreichten wir die Judensavanne, wo wir in einem leeren Hause, das man Hrn. H. zur Verfügung gestellt hatte, unsere Hängematten aufhingen und bald in den Armen des Schlafes uns von den Strapazen des Tages erholten.
Kaum war der Tag angebrochen, so erhob eine Negerin in dem angrenzenden Hofe ein gräuliches Klagegeschrei, weil ihr in der Nacht eine Henne gestohlen ward; sie verwünschte den Dieb unter allen nur möglichen Flüchen. Gleichzeitig mit diesen Exclamationen erscholl aus dem nebenanstehenden Hause der Schmerzensruf einer alten Jüdin, die an der Kolik litt, und kaum öffneten wir die Läden unserer Zimmer, als schon einige Kranke Hrn. H., der als ein geschickter Doctor sehr gesucht war, besuchen wollten. Es waren diese Besuche um so lästiger, als Hr. H. sich bloss mit der Natur hier beschäftigen wollte und ihn nach keiner Praxis verlangte. Wir eilten desshalb, um allen Besuchen vorzubeugen, in die Savannen. Die Vegetation derselben war gerade in der schönsten Pracht und die Savannen, welche einige Monate später so trocken und öde erschienen, waren mit den herrlichsten Blumen und Sträuchern bedeckt. Ein Neger trug das zum Einlegen nöthige Fliesspapier, nebst dem Schmetterlingsnetz und einer Flinte. Wir verliessen den gewöhnlichen Pfad und kreuzten rechts und links durch die wilden Ananas, die in dichten Gruppen unter dem niedrigen Gesträuch stehen und besonders den nackten Negern und Indianern keine Rosen in den Weg streuen. Wir erreichten bald ein Indianerdorf, das aus einigen Hütten bestand, die von Caraiben bewohnt wurden. Kleine Kinder, welche spielten, meldeten schreiend unsere Ankunft und die wenigen Indianer, welche zu Hause waren, erkundigten sich hauptsächlich nach unserem Rumvorrath. Wir ruhten hier ein wenig aus und assen Cassavebrod mit Ananas, da wir, durch die freundschaftlichen Besuche der Juden verhindert, nur ein sehr mässiges Frühstück genossen hatten. Mit Pflanzen beladen kehrten wir am Abend nach unserem Hause zurück, begleitet von einem jungen Caraiben, den der Anblick des vielen Rums, von welchem wir sechs grosse Krüge, jeder drei Gallonen enthaltend, im Hause stehen hatten, so für uns einnahm, dass er sich sogleich anbot, bei uns zu bleiben und uns seiner Freundschaft bis auf den letzten Tropfen Rum versicherte.
Den folgenden Tag durchstreiften wir auf gleiche Weise die Umgegend und wurden dabei von unserem Indianer an Plätze geführt, an die wir ohne Führer nicht leicht hätten gelangen können. Ueberdiess schoss er mit stumpfen Pfeilen Kolibris und andere kleine Vögel und ruderte, wenn die Reise zu Wasser vor sich ging. Einer von Hrn. H's. Negern, ein guter Jäger, versah die Küche mit Wildprät, indem er bald Pakire, Ameisenfresser oder Papageyen und hühnerartige Vögel nach Hause brachte, die verspeist, skelettirt oder ausgestopft wurden.
An jedem der folgenden Tage hatten wir Arbeit genug und sassen manchmal noch bis Mitternacht beim Sortiren und Trocknen der Pflanzen.
Eines Morgens gingen wir in Begleitung eines jungen Negers durch die endlosen Savannen, um an einen alten Judenkirchhof zu kommen, welcher oberhalb des Dorfes am Strome lag. Die Savannen waren mit baumartigen Sträuchern bewachsen, welche blauschwarze, süssliche Beeren trugen, die man Schwarzbeeren (Blakabeeri) nennt und von den Eingebornen gerne gegessen werden. Unter diesen Sträuchern stehen wilde Ananase in solcher Menge, dass man sich mit dem Säbel den Weg bahnen muss. Eine Menge Orchideen, mit langen Bulben und wohlriechenden Blumen bedeckt, wachsen zwischen den krummen Aesten und Wurzeln der Sträucher. Wir irrten drei Stunden lang durch den glühenden Sand, abgemattet von der Hitze, welche durch kein Windchen gemildert wurde und konnten den verwünschten Kirchhof nicht finden, obwohl er nur eine gute Viertelstunde vom Dorfe ab lag. Mit Ananasen und den in der Erde wachsenden länglichen Früchten einer Bromeliacee löschten wir unsern Durst; aber der herbe Saft dieser Früchte machte uns das Zahnfleisch bluten und die Zähne so stumpf, dass wir am andern Tag noch Mühe hatten, das Essen zu kauen.
Endlich erreichten wir den Wald, der in Schluchten und auf Hügeln den Strom umsäumt und bemerkten, dass wir uns gänzlich verirrt hatten. Abermals liefen wir eine gute Strecke, um einen Ausweg zu finden und den langweiligen Rückweg durch die Savannen zu ersparen. Es war aber keine Spur von einem Weg zu finden. Ungeheure, in Folge ihres Alters umgesunkene Bäume, die auf ihrer halbverfaulten Rinde eine ganze Flora von Wucherpflanzen trugen und zwischen deren Aesten ein, viele Klafter langes, schneidendes Gras, Babunnefi (Affenmesser) üppig wuchs, lagen überall herum und mussten durchkrochen oder überstiegen werden. Wir warfen den grössten Theil der gesammelten Pflanzen wieder weg, da auch der Negerjunge zu schwach war, um sie zu tragen.
Glücklich erreichten wir den Strom, dessen Ufer von lothrechten Felsen gebildet werden und sahen dicht bei uns den Jagdneger, der mit den Indianern von der Jagd zurückkam. An Lianen, die von den Bäumen herabhingen, kletterten wir in die Corjaal und erreichten nun in wenigen Minuten den Begräbnissplatz. Der Weg, welcher vom Strom dahin führt, ist von hohen Bäumen überwölbt und mit Mimosen (Sinnpflanzen), die beinahe Mannshöhe erreicht hatten und bei unserem Durchgange die Zweige ehrerbietig neigten, dicht bewachsen. Der Ort selbst liegt auf einer kleinen Anhöhe in der Mitte von Cumu-, Maripa- und Awara-Palmen, wird aber seit vielen Jahren nicht mehr benützt, obgleich es hier so freundlich und still ist, dass man nicht leicht ein passenderes Plätzchen finden könnte.
Nach sechstägigem Aufenthalt auf der Judensavanne ging ich mit dem Negerjungen auf meinen alten Posten Mauritzburg, um auf den ihn umgebenden Savannen eine Art Vogelspinne, die in der Erde lebt und sich dort häufig aufhält, zu holen.
Ich besuchte meine alten Freunde, die Arowacken, von welchen ich, da sie gerade ein Bienennest gefunden hatten, mit Honig tractirt wurde. Der Junge trug eine mit Rum gefüllte Flasche, in welche ich die Spinnen werfen wollte. Kaum war diese vom Familienvater Bakrafassi erspäht, so verlangte er ganz natürlicherweise davon zu trinken. Ich erklärte ihm mit Bedauern, dass ich diese zum Tödten der Spinnen nöthig hätte, worüber er sich höchlich entsetzte. Doch solchen köstlichen Trank zu so profanem Zwecke gebrauchen zu lassen, konnte er nicht übers Herz bringen und meinte, ich könne die Spinnen am Leben lassen und doch in die Flasche thun. Als ich ihm aber bemerkte, dass sie sich auf diese Weise auffressen würden, so rieth er mir an, jede einzeln zu bewahren und verfertigte sogleich zu diesem Zweck aus trockenen Parasalla-(Heliconia-)Blättern kleine nette Häuschen, die mit einem Awarastachel geschlossen werden mussten. Ich überliess ihm nun die Flasche mit der Herzensstärkung und wir gingen dann zusammen auf den Spinnenfang. Diese Thiere halten sich in den Savannen und an Wassergräben auf, haben etwa fusstiefe, runde Höhlen, die in schiefer Richtung nach unten laufen und bis an die Oeffnung umsponnen sind, so dass weder Erde noch sonst etwas hineinfallen kann. In dieser Höhle sitzt das Thier nahe am Eingang und lauert auf die vorüberziehenden Passagiere, als Käfer, Grillen und kleine Eidechsen, welche sie im Sprunge fängt und in ihre Höhle schleppt. Unten in derselben befindet sich immer Wasser, worin vielleicht die Beute erst ertränkt wird. Die Spinne selbst hat ausgespannt etwa 14" im Umkreis, der Thorax ist von der Dicke eines Mannesdaumens und der Leib von der Grösse eines Taubeneies; die acht Füsse und zwei Fangspitzen sind schwarz und haben der Länge nach laufende, weissgelbe Streifen; die rothbraunen Fresszangen sind beinahe ½" lang. (Im April 1841 erhielt ich eine solche Spinne, die mit ausgespannten Füssen die Grösse eines grossen Esstellers hatte und deren Hinterleib so gross wie ein Hühnerei war. Sie war sehr wild und sprang auf mich los.)
Bakrafassi gab mir seinen Sohn Walekuleh zur Begleitung nach der Judensavanne mit und wir traten des andern Morgens unsere Rückreise dahin an.
Nach zehntägigem Aufenthalt verliessen wir die Judensavanne und fuhren in Begleitung des Arowacken und Caraiben den Strom weiter aufwärts. Die beiden Indianer, so ziemlich von gleichem Alter, doch verschiedenen Stammes, waren bald die besten Freunde und da keiner des andern Sprache verstand, so hielten sie ihren Diskurs im Negerenglisch, welches beide gleich schlecht sprachen und uns damit sehr belustigten.
Die Pflanzungen oberhalb der Judensavanne sind klein und gering und liefern keine Produkte. Bloss Zimmerholz und Bretter werden von hier aus zum Verkaufe nach der Stadt gebracht.
Wir fuhren bis zu der dem Gouvernement gehörenden Pflanzung Worsteling Jakobs, wo man früher die zu Fundamenten und Brustwehren nöthigen Steine sprengte. Jetzt war sie der Wohnort zweier Herrnhuter Missionäre, die von da aus Reisen nach den umliegenden Pflanzungen machten, um die Sklaven zu bekehren. Die dieser Secte eigene Einfachheit und Reinlichkeit herrschte hier im Hause, das, umgeben von Palmen und andern tropischen Gewächsen, am Strome lag.
Eine mit Hochwald bedeckte Insel und mehrere Felsenblöcke, an denen sich das Wasser schäumend brach, vollendeten das ländliche Bild. Wir wurden freundlich aufgenommen und bewirthet und fuhren des andern Morgens weiter. Die Meeresfluth hatte hier beim hohen Wasserstande gar keinen Einfluss mehr und je höher wir den Fluss aufwärts fuhren, desto mühsamer wurde das Fahren gegen denselben. Die einst zahlreichen und gut bebauten Niederlassungen sind grösstentheils verfallen und mit Wald bedeckt, nur wenige unansehnliche sahen wir im Laufe des Tages.
Durch Pflanzensammeln längs des blühenden Waldsaumes hatten wir uns so verspätet, dass wir bei Anbruch der Nacht noch ziemlich weit von der Pflanzung Bergendaal, wo wir verweilen wollten, entfernt waren. Es war eine herrliche, kühle Nacht. Hr. H. und ich legten uns, so gut es anging, in der Corjaal nieder, bedeckten das Gesicht, um dem Mondschein nicht ausgesetzt zu seyn und schliefen, bis wir durch das höllische Gebell der Hunde auf Bergendaal geweckt wurden. Es war 11 Uhr und Alles schlief schon auf der Pflanzung. Der Director derselben, ein alter Mulatte, kam auf den Lärmen der Hunde unter erzwungener Freundlichkeit herbei. Im Nu waren unsere Hängematten aufgehängt und bald herrschte die vorige Stille wieder. Ich hatte schon Vieles von dieser Pflanzung erzählen hören und stand desswegen mit Tagesanbruch auf; denn ich war neugierig, sie zu sehen. Dieses Vergnügen musste ich aber noch einige Stunden entbehren, bis der Nebel, der Fluss und Berge einhüllte, sich verzogen hatte.
Die Pflanzung liegt am Fusse einer Hügelkette auf dem linken Ufer des Flusses. Diese Hügelkette zieht sich südwestlich und dicht an ihr erhebt sich am Flusse der sogenannte blaue, etwa 200' hohe Berg. An diesen Berg angebaut befindet sich das schöne und geräumige Wohnhaus in einem Garten von wohlriechenden Sträuchern. Mehrere Seitengebäude ziehen sich zwischen dem Berge und Flusse hin. Das Negerdorf besteht aus netten hölzernen Häusern, die mehrere Strassen bilden und überschattet von Kokosbäumen einen freundlichen Anblick gewähren. Die Arbeiten der Sklaven, deren es etwa dreihundert sind, sind sehr gering, und sie benützen ihre übrige freie Zeit zum Anbau von Erdfrüchten, die sie mit den Ponten, welche Bretter nach der Stadt bringen, zum Verkaufe dorthin senden. Schweine und Federvieh ziehen sie in Menge und verschaffen sich desshalb auf diese Weise manche Annehmlichkeiten, welche die Sklaven anderer Pflanzungen entbehren müssen.
Auf einer kleinen Anhöhe neben dem Dorfe steht eine hübsche Kirche. Die Herrnhuter Missionäre haben beinahe alle Neger dieser Pflanzung zum Christenthum bekehrt und es wird täglich Schule und Gottesdienst gehalten. Diesem Geschäft unterzieht sich ein junger Neger, der von den Herrnhutern dazu unterrichtet wurde. Alle 14 Tage kommt ein Missionär von Worsteling Jakobs, dann ist grosser Buss- und Bettag. Dass aber bei diesem vielen Beten viel weniger gearbeitet wird, als auf andern Pflanzungen, ist ebenfalls wahr; denn Beten und Arbeiten ist für die Neger zu viel.
Als sich der Nebel verzogen hatte, bestieg ich den blauen Berg, von dessen Höhe und Steilheit, sowie von der herrlichen Aussicht auf demselben ich schon so viel hatte reden hören. Der Wald auf und an ihm ist gänzlich ausgerodet und nur schlechtes, schneidendes Gras wächst auf der rothen und eisenhaltigen Erde, aus der grosse Quarzblöcke hervorstehen. Seine Abhänge sind sehr steil und von der Seite des Flusses mühsam zu erklimmen. Ein kleines Häuschen steht auf seinem Gipfel, der wirklich eine überraschende Aussicht gewährt. Ungeheure Waldungen bedecken das Land nach allen Richtungen hin und ausser dem unten liegenden Negerdorfe ist auch nicht e i n e Spur menschlicher Cultur zu entdecken. Gegen NNW. und NO. breitet sich der Wald flach wie ein ungeheurer Teppich in den herrlichsten Nüancen von Grün aus, durch den der Surinam wie ein breites, silbernes Band sich schlängelt. Nach SO., S. und SW. sieht man Hügel und Berge, über die im fernen Horizont hohe, blaue Gebirge hervorragen. Einzelne Rauchsäulen, welche man aus dieser grünen Masse aufsteigen sieht, erinnern daran, dass das Land bewohnt ist. Auf dem Berge ist der Begräbnissplatz der Herrnhuter Neger.
Die Waldungen sind hier an guten Holzarten reich, aber der Transport (der des Zimmerholzes geschieht durch Ochsen und die Bretter müssen oft stundenweit getragen werden) ist bei dem bergigen Terrain sehr mühsam. Vor etwa hundert Jahren bildete sich in Holland eine Actiengesellschaft, welche in dem bergigen Theile Surinams nach Mineralien forschen lassen wollte. Man machte mit dem blauen Berge eine Probe und legte einen Stollen an, dessen Oeffnung man noch jetzt sieht. Die Ausbeute war aber sehr gering und die Bergleute wurden entweder von Krankheiten dahingerafft oder von den damals rebellischen Buschnegern überfallen und ermordet, so dass der Sache schnell ein Ende gemacht wurde. Ueberhaupt ist Bergendaal und noch mehr das weiter landeinwärts liegende Victoria nicht gesund und mehrere Directoren, Creolen aus Surinam, litten beständig am Wechselfieber. Hr. H., der sich immer mit Botanisiren beschäftigte und dabei der Nässe zu sehr ausgesetzt hatte, litt ebenfalls daran, wodurch er verhindert wurde, den Strom weiter aufwärts zu fahren. Ich beschloss desshalb, allein nach dem noch vier Stunden weiter aufwärts liegenden Posten Victoria, welcher die Grenze des bewohnten Landes bildete, zu gehen, und trat, nachdem ich einige Tage auf Bergendaal zugebracht hatte, die Reise dahin an. Vom Bastian der Pflanzung lieh ich eine kleine Corjaal, die etwa 12' lang und 2' breit war, packte meine Habseligkeiten in den Pagaal und verliess, von dem Arowacken begleitet, Mittag um 1 Uhr Bergendaal. Der Strom, welcher nach Osten hin eine wohl zwei Stunden lange Bucht bildet, war reissend und wir pagaiten desshalb tüchtig darauf los, um noch vor der Nacht Victoria zu erreichen. Ein starker Regenguss nöthigte uns aber, ein Obdach im Walde zu suchen, wo wir, bedeckt von Heliconienblättern, wohl eine Stunde lang unbeweglich sassen, bis der Regen nachliess. Weder ich noch der Indianer hatten je die Reise gemacht und wir wussten desshalb, als der Abend anbrach und keine menschliche Seele in dieser Wildniss sich zeigte, nicht, wie weit wir noch zu fahren hatten.
Endlich um Sonnenuntergang waren wir am Ende der langen Bucht und der Strom kam wieder aus S. Viele übereinander geschichtete Felsen trugen Bäume, an denen mehrere Dutzende von den sackförmigen Nestern des rothen und gelben Cassicus hingen. Diese Vögel, welche wir aus ihrer Ruhe aufstörten, erhuben ein höllisches Geschrei. Die Breite des ganzen Stroms beträgt hier an dieser Stelle, wo er durch Felsen und ein hohes Ufer eingezwängt ist, kaum 20 Klafter; dabei ist er so reissend, dass es uns beinahe unmöglich war, aufwärts zu pagaien und wir unsere Hände voll Blasen bekamen. Todtmüde und hungrig kamen wir nach 10 Uhr auf dem Posten an. Ich polterte an der Thüre der Kaserne; denn ausser der Wache lag Alles in tiefem Schlaf. Die dadurch Aufgeweckten fingen an zu fluchen und meinten, es seyen die Kühe der Pflanzung, die zuweilen da Kurzweil zu treiben pflegten. Man öffnete und war höchlich verwundert, mich zu sehen; denn einen Besuch von mir hatte man gar nicht erwartet. Schnell wurde ein Feuer angemacht, an dem Kaffee gekocht, Bananen mit Speck geröstet wurden und ich und mein Indianer hatten bald die anstrengende Reise vergessen. Man hing meine Hängematte auf, warnte mich vor den Fledermäusen und bald lagen wir in den Armen des Schlafes.
Des Morgens kam auch der Kommandant des Postens, ein Sergeant, um mich zu bewillkommnen. Hierauf ging ich mit einigen Soldaten nach dem etwa 200 Schritte entfernten Holzgrunde Victoria, wo ich vom Director desselben, einem portugiesischen Israeliten, ebenfalls herzlich empfangen wurde.
Dieser Mann ist wegen der weiten Entfernung anderer Pflanzungen einzig auf die Gesellschaft seiner Nachbarn, der Soldaten beschränkt, und da die ganze Sklavenmacht blos aus ungefähr 40 Köpfen besteht, und in der Trockenzeit wegen des niedrigen Wasserstandes alle Verbindung mit Paramaribo gehemmt ist, so ist seine Stellung weder vortheilhaft noch angenehm. Er war übrigens ein sehr gefälliger Mann, der mir in der Folge uneigennützig manchen Dienst leistete.
Ein alter Soldat, der früher mit mir auf Mauritzburg gelegen hatte, liess es sich besonders angelegen seyn, mich festlich zu bewirthen. Der Director ward ebenfalls zu dem Essen eingeladen, das um zwölf Uhr in der Kaserne aufgetragen werden sollte. Die Zeit bis dahin wurde von mir benützt, mich in den Wäldern umzusehen.
Der Posten und die Pflanzung liegen auf einer grossen Savanne, die gegen Osten von dem Fluss begrenzt, und auf allen Seiten von Hochwald umgeben ist. Der Boden, sowie auch das umliegende Land ist hügelig und bildet Berge und Thäler, die mit Hochwald bedeckt sind. In den Bergschluchten, worin das Regenwasser abläuft, findet man stellenweise eine Menge Bohnerz, und die Felsen sind wie auf Bergendaal sehr eisenhaltig. Die Wälder sind besonders von Tapiren bevölkert, und Poweesen, Marai's und andere hühnerartige Vögel halten sich in Menge hier auf. Häufig trifft man hier den schönen Sonnenvogel (Ardea helios), der sich gern an kleinen, dichtbeschatteten Kreeken aufhält.
An Fischen ist die Gegend arm; desto reichlicheren Stoff aber bietet dem Botaniker die Pflanzenwelt dar. Die Ufer dieses Flusses sind besonders reichlich mit dem Copaivabaum und verschiedenen Ingaarten bewachsen. In den Wäldern findet man viele Palmen, als Murru Murru (Astrocaryon murru murru) u. s. w., die im niedrigen Lande nicht vorkommen, und in den Bergschluchten wuchern die interessantesten Arten von Farnen.
Ebenso reich ist hier die Gegend an Insekten, und ich fing Schmetterlinge, welche ich auf andern Plätzen der Colonie nie sah.
Erst um 1 Uhr kam ich von meiner Wanderung zurück, und ich that den mir vorgesetzten Leckerbissen alle Ehre an. Freilich gebrach es theilweise an Tellern und Gabeln, aber die Hauptsache war das Essen, und man kann zur Noth wohl jene Accessoirs missen.
Auf dem Posten befand sich zugleich der Secretär (Bylegger) der Saramaccaner-Buschneger, ein Weisser, der von der Regierung beauftragt ist, den nach der Stadt gehenden Buschnegern ihre Pässe auszufertigen, ihre Anliegen schriftlich einzusenden, und die Beschlüsse der Regierung ihnen wieder mündlich mitzutheilen. Da überhaupt ohne seine Erlaubniss Niemand über den Posten hinausgehen durfte, so bat ich ihn um Erlaubniss, die vier Stunden von Victoria abliegenden Dörfer der Buschneger an der Sarakreek besuchen zu dürfen, und erhielt dieselbe auch ohne Schwierigkeit.
Am andern Tage, einem Sonntag, war ich mit meinem Indianer früh um 6 Uhr reisefertig, und mit zwei Negern der Pflanzung, welche von mir gut bezahlt wurden, fuhren wir ab. Die Corjaal, die für zwei Menschen nicht zu gross war, musste nun vier Personen fassen, und war desshalb auch zum Sinken geladen. Ich selbst sass bewegungslos da und wagte nicht zu pagaien, da wir kaum zwei Finger breit Bord hatten. Alle Felsen und Sandbänke waren unter Wasser, und nur die darauf wachsenden Gesträuche ragten aus demselben hervor. Der Strom war überdiess reissend, und wegen der vielen verborgenen Klippen höchst gefährlich zu befahren.
Zwei Buschneger, deren einer Kapitän eines Dorfes war, begegneten uns in einer ziemlich grossen Corjaal, und da sie sahen, dass die meinige zu klein war, so bot mir der Kapitän seine grössere an, und versprach, noch diesen Abend, wenn er seine Geschäfte auf Victoria besorgt hätte, nach seinem Dorfe zurückzukehren und die Corjaalen auszuwechseln. Ich machte von diesem freundlichen Anerbieten Gebrauch und fuhr nun in der grösseren Corjaal auf bequemere Weise weiter.
In der Trockenzeit ist der Fluss an vielen Stellen so seicht, dass man kaum mit kleinen Corjaalen fahren kann. Grosse Sandbänke erstrecken sich manchmal über seine ganze Breite, und lassen blos kleine Kanäle offen, durch welche das Wasser mit grosser Schnelligkeit läuft. Auf den Felsen wächst meistens eine Art Guiaba (Psidium aromaticum), deren Blätter ungemein wohlriechend sind, und in den Felsenspalten hält sich den Tag über eine besondere Art Nachtschwalbe auf, die ich ebenfalls häufig auf den Felsen von Armina gesehen habe.
Nach einer sechs Stunden anhaltenden Fahrt kamen wir gegen Mittag in die Nähe des ersten Dorfes Tja Tja, das auf einem Hügel gerade über der Sarakreek liegt.
Meine Neger feuerten viermal zum Zeichen, dass ein Weisser bei ihnen wäre, worauf das Echo an den Bergen und Felsen donnernd wiederhallte. Ich sprang schnell ans Land, und ohne auf meine Neger zu warten den ziemlich steilen Hügel hinauf. Oben am Eingang des Dorfes stand unter dem Bogen einer wunderlich wie ein Korkzieher zusammengewachsenen Liane ein rohgeschnitztes, hölzernes Götzenbild, dessen Augenhöhlen mit zwei rothen Bohnen ausgefüllt waren.
Der Kapitän des Dorfes, durch die Schüsse von der Ankunft eines Weissen unterrichtet, war eben mit dem Anziehen eines Hemdes beschäftigt. Es war diess nun gerade ein neues, eben aus dem Laden gekommenes, dessen Halskragen noch zugeknöpft war. Er hatte diess in der Eile übersehen und konnte den Kopf nicht durchbringen, als ich vor seiner Hütte stand. Gewaltig verstimmt, weil ich ihn so im Negligée sah, und ihm keine Zeit zum Ankleiden gelassen hatte, machte er mir Vorwürfe darüber, und arbeitete sich aus seinen Aermeln heraus. Ich versicherte ihn aber, dass ich ihn auch ohne Hemd für den Kapitän angesehen hätte, was ihn beruhigte. Den Männern theilte ich Schnaps, den Weibern aber Nähnadeln aus, welche ich zum Aufstecken der Schmetterlinge mitgenommen hatte, und wurde von ihnen mit Cassavebrod und Eiern beschenkt. Das ganze Dorf hatte sich um mich versammelt, und drei Corjaalen mit Buschnegerweibern folgten der meinigen, als ich nach der Norakreek überfuhr. Wiewohl man diese Kreek mehrere Tage aufwärts fahren kann, so ist sie doch von geringer Breite, stellenweise von Sandbänken und Felsen, und durch übergefallene Bäume versperrt.
Eine halbe Stunde vom Fluss entfernt liegt das Dorf Kreki, wo das Oberhaupt dieser Aucanerabtheilung wohnt. Alle zu demselben führenden Pfade sind mit Fetischen und hölzernen Puppen versehen, und grosse, mit beiden Enden in die Erde gesteckte Stücke der oben erwähnten, wunderlich gedrehten Liane bilden Bögen, unter denen jene Narrheiten angebracht sind. Das Oberhaupt war ein stattlicher Neger, der ebenfalls seinen Staatsrock, d. h. einen alten Schlafrock angezogen, und den silbernen Halsschild, das Zeichen seines Ranges, umgehängt hatte. Er erwartete mich am Eingang.
Die Hütten stehen, wie auf den Indianerdörfern, kreuz und quer und ohne alle Ordnung. Sie sind meist mit den dauerhaften Blättern der Taspalme hübsch gedeckt, und die Seitenwände zierlich aus Pinablättern geflochten. An Reinlichkeit übertreffen sie die indianischen weit. Nach jedem Essen wird das Haus und der Platz vor demselben mit dem Blüthentross der Pinapalme, der als Besen dient, gefegt; Töpfe und Geschirre werden gewaschen, und die Calabassen mit Sand gescheuert. Auch sind hier, wie auf allen Buschnegerdörfern, Apfelsinen-, Kokos- und Caffeebäume gepflanzt, deren Fruchtbarkeit man durch angehängte Fetische, als getrocknete Eidechsen, kleine hölzerne Puppen, zusammengebundene Vogelfedern und dergleichen zu vermehren sucht. Der Caffee, der ohne sonderliche Pflege bei den Buschnegern wächst, ist von guter Qualität und beweist, dass der Boden im obern Lande ganz für dieses Produkt taugt.
Ein altes Weib mit schneeweissen Haaren, das seine Hütte nicht verlassen konnte, liess mich bitten, sie zu besuchen. Ich traf sie umringt von einer Truppe junger Mädchen und von wenigstens 20 Papageyen, die bei meinem Eintritt unter greulichem Geschrei herumflatterten und im nahen Gebüsch sich versteckten. Sie beschenkte mich mit einem Körbchen spanischem Pfeffer, der Jahrelang zum Verpfeffern meiner Suppen gereicht hätte, und ich vergalt ihre Freigebigkeit mit den letzten Nadeln, welche mir noch übrig geblieben waren.
Nach nur kurzem Aufenthalte – das Sehenswürdige war bald gesehen – fuhren wir nach dem am Surinam liegenden Dorfe Cassaveondro, dessen Oberhaupt mir seine grösste Corjaal geliehen hatte, und von Victoria schon wieder zurückgekommen war. Es fuhren mit mir ausser dem Indianer und den zwei Plantagennegern noch acht Buschneger, jeder mit Gewehr und Hund, nach dem Dorfe. Dadurch war auch diese Corjaal so geladen, dass sie jeden Augenblick unterzusinken drohte. Unter vielem Lärmen und Gelächter wurde von Allen gepagait, und mir war auf der sehr angeschwollenen und reissenden Kreek nicht gut zu Muthe.
Das wilde Volk erblickte eine Wasserschildkröte, und man ruderte aus allen Kräften, um dieses Thier, dem Pirais drei Füsse abgebissen hatten, zu erreichen. Während sie die Schildkröte ins Boot zu ziehen suchten, füllte sich dieses halb mit Wasser, und es wäre gewiss gesunken, wenn die Buschneger nicht augenblicklich herausgesprungen wären. Doch diese waren schnell bei der Hand, schöpften im Schwimmen das Wasser mit einer Calabasse heraus, und stiegen mit grosser Kunstfertigkeit nach einander wieder ins Boot. Dieser Unfall, der auch für mich von sehr üblen Folgen hätte seyn können, machte nicht den mindesten Eindruck auf die Buschneger, die unter gleicher Lustigkeit ihren Weg fortsetzten.
Bei unserer Ankunft auf Cassaveondro empfing uns beinahe das ganze Dorf am Landungsplatz, und man veranstaltete augenblicklich mir zu Ehren einen Tanz, der für die zwei Plantageneger um so grösseres Interesse hatte, als einige aus der Stadt zurückgekommene Corjaalen mit Dram beladen am Landungsplatz lagen. Alles versammelte sich in der Hütte des Kapitäns, wo der Tanz vor sich gehen sollte und Männer, Weiber und Kinder sassen oder lagen, wie es gerade der spärlich zugemessene Raum gestattete. Ein Mann und eine Frau, die durch Gesang, sowie durch Klappern mit einer holzichten Frucht ein schreckliches Getöse machten, drehten sich unter allerlei gar oft unsittlichen Geberden herum. Ein ausgehöhlter, mit einem Fell überspannter Baumstamm diente als Trommel und war das Hauptmusikinstrument. Das Ganze unterschied sich in keiner Hinsicht von den Tänzen, welche man am neuen Jahr oder bei andern Gelegenheiten auf den Pflanzungen sieht und die mir jedesmal Kopfweh und Schwindel verursachten, wenn ich sie nur einige Minuten lang ansah. Die einzige Abwechslung in dieser monotonen Parthie brachte der Rum hervor, der Allen recht schmeckte und bald darauf das ganze Ballpersonal betrunken machte.
So lange es noch Tag war, suchte ich in der Umgegend nach Insekten, mit einbrechender Nacht ging ich ins Dorf zurück, wo ich, umgeben von betrunkenen Negern, zwei höchst langweilige Stunden zubrachte. Mein Indianer war ganz nüchtern geblieben, denn er war mit den Buschnegern nicht bekannt, schien sie zu fürchten und verlangte so sehr wie ich nach dem Posten zurückzukehren.
Jede Negerin, welche ihren Tanz beendigt hatte, sprach mich um Geld an, so dass mich dieser Abend über 3 fl. Geschenke kostete. Endlich wurde in der Tanzraserei eine Pause gemacht und ich äusserte meinen Wunsch, abzufahren. Dazu hatten aber die Plantageneger wenig Lust und alle Buschneger bestürmten mich mit Bitten, erst am nächsten Morgen meine Rückreise anzutreten. Man bot mir Haus, Hängematte, ja sogar eine hübsche Negerin an und stellte mir vor, wie gefährlich es sey, in einer so dunkeln Nacht mit betrunkenen Negern und in einer so kleinen Corjaal über die vielen Klippen des reissenden Stromes zu fahren, wo man ja selbst bei Tage mit der grössten Behutsamkeit zu Werke gehen müsse. Ich beharrte aber auf meinem Vorsatz, weil ich dem Director der Pflanzung Victoria versprochen hatte, nicht über Nacht bleiben zu wollen. Da der Kapitän des Dorfes mich entschlossen sah, abzureisen, so gab er, um Unglück zu verhüten, den Plantagenegern, welche unter Schimpfen und Fluchen auf mich vom Ballpersonal Abschied nahmen, eine kleine Corjaal. Man beschenkte mich mit Apfelsinen, zwei Schildkröten und Cassave und unter immerwährendem Schiessen fuhr ich mit dem Indianer in meiner, die Neger in der andern Corjaal ab. Pfeilschnell flog das leichte Fahrzeug den Fluss hinab und Punkt zehn Uhr hatten wir den Posten erreicht.
Am andern Morgen verliess ich Victoria und war in zwei Stunden auf Bergendaal zurück. Hr. H., der immer noch am Fieber litt, erwartete mich, um nach Paramaribo zurückzukehren. Wir fuhren noch denselben Nachmittag ab, hatten aber noch keine halbe Stunde zurückgelegt, als der Regen, wie mit Eimern geschüttet, vom Himmel herabstürzte und uns augenblicklich bis auf die Haut durchnässte. Gleich stark regnete es zwei volle Stunden und da in dieser menschenleeren Gegend kein Obdach zu finden war, so mussten wir geduldig warten, bis es dem Himmel gefiel, seine Schleussen zu schliessen. Wir waren beide, da wir unter so viel Bagage wie eingemauert sassen, so kalt, als wären wir auf einer Reise nach Spitzbergen begriffen.
In einer solchen Lage ist ein guter Schluck Rum ganz zweckmässig und obwohl ich sonst nie solchen trank, machte ich doch hier eine Ausnahme. Weil auch einer unserer Neger das Fieber bekommen hatte, hielten wir, anstatt nach der Judensavanne zu fahren, auf dem kleinen Kostgrunde Moria an, um hier zu übernachten und unsere Effecten zu trocknen. Wie aus dem Wasser gezogen betraten wir das Haus und baten die zwei Mulatten, welche den Platz beaufsichtigten, um ein Zimmer für die Nacht. Gesellig und gastfrei, wie diese Menschen im Allgemeinen sind, stellten sie uns sogleich das ganze Haus zur Verfügung, entschuldigten sich aber, weil sie uns keinen Genever noch andern Spiritus anbieten konnten, mit dem komischen Schlusse, dass sie ganz auf dem Trockenen sässen. Das käme eben recht, meinte Hr. H., denn wir wären lange genug im Nassen gesessen. Es wurde nun gekocht und gebraten und bald sassen wir ganz behaglich um den dampfenden Topf. Hr. H. hatte Rum und Branntwein im Ueberfluss bei sich; die beiden Herren machten sich dieses zu Nutzen und leerten wohl ein Dutzend Gläschen miteinander, dass man zuletzt recht gut sehen konnte, wie sie aufs Nasse kamen. Durch ihr unerträgliches Geplauder nöthigten sie endlich Hrn. H., die Flaschen einzuschliessen und das Licht auszublasen, so dass bald allgemeine Ruhe im Hause herrschte.
Am Mittag des andern Tages fuhren wir, nachdem Alles getrocknet war, nach der Judensavanne zurück. Hier verliessen uns beide Indianer, welche in der kurzen Zeit, die sie bei uns zubrachten, die besten Freunde geworden waren. Walekuleh, der Arowack, kehrte nach seinem Dorfe auf den Savannen der Casewinika zurück. Nachdem er von uns reichlich beschenkt worden war, wanderte er mit seinen Siebensachen und mit seinem Freunde, dem Caraiben Kwaku, der ihn halbwegs begleiten sollte, wohlgemuth den glühenden Sandweg nach der Casewinika.
Am andern Abende waren beide Indianer wieder vor unserer Thüre; denn Walekuleh, den sein Freund Kwaku nicht nur halbwegs, sondern ganz bis in sein Dorf begleitet hatte, konnte es nicht übers Herz bringen, diesen allein nach der Judensavanne zurückkehren zu lassen und hatte desshalb seinerseits seinem Freunde das Geleite eben so weit zurückgegeben. Nach dreitägigem Aufenthalt verliessen wir die Judensavanne und kamen nach dreiwöchiger Abwesenheit wieder in Paramaribo an.
Ehe ich diese Schrift schliesse, will ich noch einige Bemerkungen und Notizen über die Buschneger beifügen, die, wiewohl kurz und oberflächlich, doch einen richtigen Begriff über ihre Lebensart und ihre Verhältnisse zu den übrigen Bewohnern der Colonie geben können.
Schon in der ersten Zeit der Colonie waren Sklaven von den Pflanzungen weggelaufen und hatten sich an verschiedenen, meist unzugänglichen Plätzen in grösserer oder kleinerer Anzahl eigene Dörfer angelegt und lebten vom Ertrage ihrer Aecker, von Jagd und Fischerei, oder auch vom Raub auf benachbarten Pflanzungen, mit deren Negern sie häufig in geheimem Einverständnisse standen. Diese Weglauferei fand häufig bei den neuangekauften Negern statt und nahm mit der Zeit so zu, dass die Weggelaufenen nicht mehr damit zufrieden waren, versteckt in ihren Wäldern leben zu können, sondern in grosser Anzahl auf den Pflanzungen einbrachen, sie zerstörten, die Sklaven wegführten und die Weissen aufs Grausamste ermordeten. Man war desshalb von Seiten der Regierung genöthigt, kostspielige und meist nutzlose Kriege, Buschpatrouillen genannt, gegen sie zu führen, die keinen andern Erfolg hatten, als dass man das Gesindel weiter in die Wälder jagte, aus welchen sie nach kurzer Zeit wieder aufs Neue zurückkehrten und ihr altes Unwesen trieben. Man war zwar so glücklich, mehrere ihrer Dörfer zwischen der Saramacca und dem Surinam zu entdecken, dieselben zu verbrennen und alle ihre Aecker zu vernichten; aber diese Feldzüge kosteten, so reich auch das Land in jener Zeit war, dennoch Summen, die in keinem Verhältnisse zu dem Errungenen standen und man kam endlich darauf, dass es das Beste wäre, mit diesem Gesindel Frieden zu schliessen, sie für unabhängig zu erklären und auf diese Weise die Ruhe der Colonie zu sichern. Dazu waren sie geneigt und es wurde ein Vertrag abgeschlossen, wobei ihnen das Gouvernement den innern und unbewohnten Theil der Colonie einräumte, auch Erlaubniss gab, in gewisser Anzahl Surinam zu besuchen und sich zu zeitweisen Geschenken, in Pulver, Gewehren, Leinwand, Säbel, Messern u. s. w. bestehend, bereit erklärte.
Das Gouvernement wählte sodann aus ihrer Mitte ein Oberhaupt, sowie auch mehrere Capitäne und es hielt unter ihnen einen Weissen als Posthalter, der Pässe nach Paramaribo ausfertigen und etwaige Befehle des Gouvernements ihnen verständlich machen musste, weil sie natürlich nicht lesen konnten. Dagegen gaben sie einige aus ihrer Mitte als Unterpfänder des Friedens nach Paramaribo, lieferten alle, nach Schluss des Vertrags zu ihnen übergegangenen Sklaven aus und verpflichteten sich, im Falle eines Aufruhrs auf Seiten der Kolonisten zu seyn.
Die Buschneger theilen sich in drei Stämme, welche nicht auf einmal, sondern zu verschiedenen Zeiten, doch alle im Laufe des vergangenen Jahrhunderts Frieden schlossen und den Namen: befriedigte Buschneger (bevreedigde Boschnegers) führen. Alle Bewohner des innern Landes über den Pflanzungen theilen sich in Aukaner, Saramaccaner und Bekou Moesinga- oder Matuari-Neger. Der Stamm der Aukaner ist der bedeutendste von allen. Er bewohnt das Land oberhalb der Zusammenflüsse der Lava und des Tapanahoni am oberen Marowyne, zwischen dem dritten und vierten Grad nördlicher Breite und etwa zwischen dem 54.-55.° östlicher Länge von Greenwich. Ein Theil dieses Stammes hat sich aber in der Sarakreek am Surinamflusse unter dem 5.° festgesetzt, während ein anderer Theil die Ländereien am oberen Cottika und Coermotiba unter 5-40° und 3-30° bewohnt. Der ganze Stamm wird nicht viel über 3000 Köpfe zählen. Sie sind in 14 Dörfer eingetheilt, deren jedes unter einem Oberhaupte oder Capitän steht, dessen Rangzeichen ein blaues, mit silbernen Borten besetztes Wamms, ein Hut mit silberner Tresse und Orangecocarde, ein Stock mit grossem, silbernem Knopfe, eine Kette mit einem silbernen Halsschild, der mit dem holländischen Wappen verziert ist, besteht. Das Oberhaupt über alle nennt man Granmann. Diess ist ein alter, bei feierlichen Gelegenheiten mit einer Generalsuniform behangener Neger, der aber in seinem Dorfe eben so nackt läuft und auf derselben Bildungsstufe steht, wie seine Untergebenen.
Die Saramaccaner sind am obern Surinam verbreitet und an Zahl den Aucanern ungefähr gleich. Sie stehen ebenfalls unter einem Oberhaupte und Capitäns und haben theilweise den christlichen Glauben angenommen, in dem sie von zwei Herrnhuter-Missionären, die bei ihnen wohnen, unterrichtet werden. Die Kirche, welche aus gehauenen Cedernbrettern gebaut ist, steht auf dem ersten Dorfe Jinjeh und wird ziemlich regelmässig von den Bekehrten besucht. Nur darf ihnen diess nicht viele Mühe machen; denn eifrig sind sie in ihrem Christenthum nicht. Es wurde im Jahre 1850 vom Gouvernement der Versuch gemacht, den Herrnhuter-Missionären Eingang bei den Aucaner-Buschnegern zu verschaffen, aber das Oberhaupt derselben widersetzte sich mit allen seinen Capitäns dieser Neuerung und die Missionäre mussten unverrichteter Sache wieder zurückkehren.
Der dritte Stamm sind die Matuari- oder Bekumusinga-Buschneger, deren Zahl zu 600-700 geschätzt wird und die den obern Saramacca-Fluss bewohnen.
Die Buschneger, meistens ganz schwarz von Farbe, unterscheiden sich von den Plantagenegern durch einen kräftigeren Körperbau und brutalere Manieren. In ihren Dörfern gehen sie immer nackt mit einer um den Leib gebundenen Binde (Camis). In der Stadt aber haben sie auch kurze Wämschen von farbigem Cattun an; Hosen tragen sie dagegen selten und Schuhe gar nie. Ihre wolligen Haare binden sie gerne in kleine Zöpfchen, die wie Hörner in die Höhe stehen. Um Fuss und Handknöchel tragen sie meistens Ringe von starkem Eisen oder Messingdrath und an den Fingern eine Menge Gardinenringe. Ueberdiess sind bei den meisten Knie, Knöchel, Arme und Hals mit Fetischen, hier Obias genannt, behangen, die ihre besondere Bedeutung haben und sie vor dem einen oder andern Unfall schützen müssen. Diese Obias werden aus allen möglichen Dingen zusammengestellt, z. B. aus Glasperlen, Käferhörnern, Tigerzähnen, Papageyenfedern, Schnecken oder selbst hölzernen Puppen und je toller die Zusammenstellung ist, desto kräftiger wirkt der Obia.
So roh und ungesittet dieses Volk auch ist, so kann man ihm doch gesunden Verstand und Urtheil nicht absprechen und eifrige Versuche, sie der Civilisation näher zu bringen, würden wohl gelingen. Aber dazu gehörte ein Mann mit eiserner Geduld, grosser Menschenliebe und Selbstaufopferung, der, aufs kräftigste vom Gouvernement unterstützt, mit Feuereifer ihre heidnischen Vorurtheile bekämpfte; ihnen sanftere Sitten einprägte, ohne dabei ihr physisches Wohl aus dem Auge zu verlieren und, unabhängig von einer handeltreibenden Congregation, nicht genöthigt wäre, auf deren materiellen Vortheile bedacht zu seyn, wodurch er in den Augen seiner Anvertrauten für eigennützig gelten könnte. Hiezu wäre wohl ein katholischer Priester die tauglichste Person, ein Mann mit den Grundsätzen des Las Casas. Auch die Ceremonien, Reliquien und Heiligenbilder der katholischen Kirche würden bei den Buschnegern willigeren Eingang finden, als der von allem äusseren Schmuck entblöste Herrnhuter Gottesdienst. Sie wären einigermasen in ihren Augen (man verzeihe mir das Wort) ihren eigenen Gebräuchen analog und würden mehr Vertrauen einflössen, als reiner intellectueller Unterricht. Die Buschneger haben keinen wahren Begriff von der Gottheit, obwohl sie ein höchstes Wesen anerkennen, das sie Gran Gado nennen. Neben dieser Gottheit bestehen zwar noch eine Menge anderer als: Ampoekoa, Buschgott, Toni, Wassergott und Geister oder Dämonen: Cromanti, Wintin, Tigri Wintin, Wauwaen u. s. w. – Sie lassen sich aber über die Natur und das Bestehen ihrer Götter nicht viel ins Philosophiren ein, sondern überlassen diess ihren Lukumans oder Sehern, die in grossem Ansehen bei ihnen stehen und bei jeder Gelegenheit um Rath gefragt werden. Diese sind auch die Verfertiger der Obias oder Fetische, welche gegen Krankheit, Gift, Schlangen und dergl. schützen und Glück im Handel und auf der Jagd verschaffen müssen. Auch Jagdhunde bekommen dergleichen Obias um Hals und Füsse und sind alsdann probat. Ausser diesen Talismanen bereiten diese Loekoemanns auch ein weisses Pulver zu demselben Zweck, das in Einschnitte der Haut eingerieben werden muss. Sie sind natürlicherweise ebenfalls Doctoren und ihre aus Kräutern, Wurzeln und Rinden zusammengesetzten und unter Beschwörungsformeln zubereiteten Medicinen werden vor den Weissen sehr geheim gehalten. Uebrigens setzen die Buschneger grosses Vertrauen in die Heilmittel der Weissen und scheuen bei gefährlichen Krankheiten die Reise nach Paramaribo nicht, wo sie auf Landeskosten verpflegt und geheilt werden. Wird der Buschneger von seinem Loekoemann behandelt, so muss er denselben vorausbezahlen. Ihre Krankheiten bestehen meist in syphilitischen Hautausschlägen, Fiebern u. s. w., auch richtet die Lepra bedeutende Verheerungen unter ihnen an.
So frei und unabhängig sie leben und so gering die Mühe auch ist, sich ihren Lebensunterhalt zu verschaffen, nehmen sie dennoch bedeutend ab, anstatt sich zu vermehren, was wohl eine Folge ihrer vielen Ausschweifungen seyn wird.
Beinahe jede Familie hat eine Pflanze vor ihrer Wohnung, die sie ehrt und anbetet und sorgfältig verpflegt, um ihr Wachsthum zu fördern. Im Allgemeinen ist diess der Seidenwollenbaum. In jedem Dorfe sind auch Hütten zum Aufenthaltsort ihrer Götter bestimmt. Man findet darin Figuren von Schlangen, Schildkröten, Kaimans und dgl., die aus einem weissen Thon (Pimpa) roh verfertigt sind. Grosse Kaimans, wie man sie im Innern findet und Papa- oder Abgottschlangen (Boa canina) werden ebenfalls verehrt und nie getödtet. Niemand unternimmt eine Reise, ohne vorher einen Kandu oder Schildwache vor sein Haus gesetzt zu haben. Dieser Kandu besteht meistens aus dem Blüthentrosse einer Palmenart, dem Horn einer Kuh, dem Stachel eines Rochen, einem Termitennest oder einer Papageyenfeder, kurz, was sie für gut finden, welche Stücke, an einem Stock befestigt, ihr Haus, Felder oder sonstiges Eigenthum, da, wo der Kandu steht, sichern müssen. Die Uebrigen, welche eine solche künstliche Schildwache sehen, werden es nie wagen, den ihnen dadurch verbotenen Platz zu betreten oder an demselben gar zu stehlen. Die am meisten gefürchteten Kandu's sind eine eiserne Schaufel, deren Stiel recht im Boden steckt, Hobelspäne von einem Sarge und ein roth gefärbtes Kuhhorn. Der Eigenthümer des Kandu glaubt, obgleich er denselben aus den unbedeutendsten Sachen selbst zusammenstellte, so fest an den Zauber, als die Uebrigen, und würde, wenn Jemand den Muth hätte, bei seinem Kandu noch eine Kleinigkeit, als todte Käfer, Schildkrötenschaalen u. s. w. als zweiten Kandu aufzuhängen, gewiss keinen Fuss mehr auf seinen eigenen Acker setzen, aus Furcht vor dem mächtigeren.
Von einem Leben nach dem Tode haben sie keinen Begriff; doch glauben sie an Gespenster von Menschen und Thieren, welche man Jorka nennt, und denen Opfer gebracht werden. Im Besitze einer beinahe uneingeschränkten Freiheit und im Genusse aller Erzeugnisse, welche der fruchtbare Boden des obern Landes bei geringer Arbeit hervorbringt, sollte man meinen, dass ihre Lage nichts zu wünschen übrig lasse. Aber Hass, Neid, Eifersucht und Misstrauen herrschen auf jedem Dorfe und Vergiftungen und Todtschläge kommen sehr häufig vor. Jeder etwas ungewöhnliche Todesfall wird dem Gift eines Feindes zugeschrieben und wehe dann der verdächtigen Person!
In einem aus gut gehobelten Pinalatten verfertigten Sarge wird die Leiche in schnellem Trab durchs ganze Dorf getragen und vor dem Hause, wo die Träger in Folge des Einflusses eines Geistes stille halten, wird der Bewohner desselben als der Thäter angesehen und des Mords beschuldigt. Ein solcher wirklicher oder bloss vermeintlicher Giftmischer wird auf furchtbare Weise misshandelt oder verbrannt. Der Verdächtige, dessen Missethat nicht bewiesen werden kann, muss einen fürchterlichen Eid, Leba, schwören, und wird, wenn er sich weigert, von den Aeltesten seines Dorfes auf ein Brett gebunden, in den Wald gebracht und mit den Füssen an ein Feuer gehalten, dessen Hitze ihm schnell das Geständniss auspresst oder ihn auf immer zum Krüppel macht. Ist die Missethat bewiesen, so wird er lebend von unten auf verbrannt oder, wenn man gnädig verfahren will, ihm mit einem Beil oder einer Keule (Apatu) die Hirnschale zerschmettert.
Von dem Augenblick an, dass Jemand der Giftmischerei (Wisi) beschuldigt ist, bis zum Tag der Bestrafung, an welchem es an Dram nicht fehlen darf, bleibt der Beschuldigte in seinem Dorf auf freien Füssen und es würde, im Fall er entflöhe, seine Familie für ihn büssen müssen. Offener Streit wird nie bestraft, auch wenn einer auf dem Platze bleibt.
Ihre Heirathen gehen ohne weitere Ceremonien vor sich. Sind die Aeltern und das Mädchen zufrieden, so ist die Sache abgemacht und die junge Frau zieht zu ihrem Mann. Die Mädchen sind bereits im dreizehnten Jahre heirathslustig und hängen sodann einen Lappen Kattun, den man Kwejo nennt, um, vorher aber laufen sie nackt.
Vielweiberei ist gebräuchlich; die Meisten haben mehrere Weiber, sind aber manchmal nicht damit zufrieden und verführen die Frauen Anderer, was entsetzliche Händel zur Folge hat.
Die Frauen führen allein die Haushaltung, pflanzen die Aecker und säubern dieselben. In ihrem Hauswesen sind sie sehr reinlich, waschen und putzen den ganzen Tag, sind somit in diesem Stück ganz das Gegentheil der Indianerinnen. Unter gewissen Umständen dürfen sie sich der Wohnung des Mannes nicht nähern, sondern müssen ihre Wohnungen verlassen und eigene Hütten beziehen, deren man in jedem Dorfe eine oder einige findet. Ein besonderer Weg führt von diesen Hütten, welche man Kaaihäuser nennt, nach dem Flusse, bloss um die Begegnung mit Männern zu verhüten, wodurch die Obias an Kraft verlieren würden.
Ihre Staatswirthschaft ist sehr einfach; Gesetze und Advokaten sind ihnen ganz fremd. Ueber jede Kleinigkeit, die sie nicht begreifen, über jeden neuen Vorfall in der bewohnten Colonie werden Palavers oder sogenannte Gruttus gehalten, zu welchen die Aeltesten und Kapitäne sich bei dem Oberhaupte versammeln, wo man um die Wette streitet und schreit, so dass man am Ende so weise nach Hause geht, als man gekommen ist.
In ihrem Umgange sind sie gegenseitig sehr höflich und tituliren einander mit Herr und Madame, äffen überhaupt in Allem die Weissen nach. Unter sich sind sie sehr gastfrei und geht einer in ein anderes Dorf, so findet er überall freie Kost und Wohnung; doch bestehlen und betrügen sie einander bei jeder Gelegenheit und sind eben so argwöhnisch gegen sich, als gegen die Blanken.
Obgleich Faulheit ein Hauptzug ihres Charakters ist, in dem sie den Indianern ziemlich gleichen, so haben sie doch bedeutend mehr Bedürfnisse, als jene, und sind daher genöthigt, zu deren Anschaffung Dinge zu pflanzen oder zu suchen, welche sie bei den Weissen austauschen können. Diese Handelsartikel sind bei denen, welche weit im Innern wohnen und auf ihren Reisen viele Wasserfälle zu passiren haben, meistens Tonkabohnen, die Früchte der Dipterix odorata, Reis, Schildkröten oder Jagdhunde, welche letztere sie von den Taruma- oder Barokotto-Indianern eintauschen, die zwischen dem 56.-57. Längengrade in der Nähe des Aequators wohnen. Diese Jagdhunde sind von mittlerer Grösse, kurzhaarig, meist weiss und schwarz oder roth gefleckt. Sie haben einen langen Schwanz und stehende Ohren und sind auf die verschiedenen Wildarten, als Tapire, Pingos, Pakire und Pakas abgerichtet und werden sehr theuer bezahlt. Sie sind bissig und falsch, vielen Krankheiten unterworfen und leben im niedern Lande nicht lang. Der Haupterwerb der Buschneger aber ist der Holzhandel. Sie fällen und behauen Bauholz in den unterhalb der Wasserfälle gelegenen Waldungen und bringen dieses in sogenannten Kokrokos zum Verkaufe nach der Stadt oder den Pflanzungen. Da die meisten Hölzer schwerer als das Wasser sind und in demselben sinken, so werden die Balken mittelst zweier Querhölzer, die über die Corjaal liegen, mit Lianen daran befestigt und auf diese Weise geflösst, wobei die Corjaal also den Gewichtsunterschied des Holzes im Wasser trägt. Da sie im Behauen des Holzes sehr geschickt und behend sind, dasselbe nichts kostet und sie überdiess ans Land keine Abgaben bezahlen, so kann man das Holz bedeutend wohlfeiler von ihnen bekommen, als es die Holzgründe liefern können. Sie sind also für diese gefährliche Concurrenten. Auf die Pflanzungen liefern sie ihr Holz gegen Dram, Melassin, Zucker und Bananen und die Quantität dieser Produkte, welche sie auf diese Weise jährlich ausführen, ist sehr beträchtlich.
Am Cottica beschäftigen sich schon seit vielen Jahren ungefähr 700 Aucaner-Buschneger allein mit diesem Holzhandel. Sie bauen keine Feldfrüchte, weil sie einen Theil ihres Holzes gegen Bananen auf den Pflanzungen austauschen, somit auf Kosten dieser leben, und wenn Misswachs oder Theurung eintritt, eine sehr fühlbare Last für die Colonie sind. Die Buschneger, welche den Landbau als ein erniedrigendes Geschäft ansehen und ihn nur dann treiben, wenn ihnen kein anderes Mittel zur Gewinnung ihres Unterhalts übrig bleibt, können an einem Tage durch Fällen und Bearbeiten des Holzes so viel verdienen, dass sie auf 3-4 Wochen Lebensmittel auf den Pflanzungen dafür erhalten können.
Ein Buschneger fällt und behaut ohne Mühe täglich 30 Cubikfuss, wodurch er à 25 C. 7 fl. 50 kr. verdient. Mehrentheils arbeiten aber verschiedene zusammen und helfen einander beim Umwälzen des Blockes und dessen Herausziehen an das Wasser. Von diesem so leicht Erworbenen leben sie unthätig so lange, bis neuer Mangel sie wieder zur Arbeit zwingt. Bietet sich aber die Gelegenheit dar, einzeln oder im Einverständniss mit den Plantagenegern Bananen oder andere Erdfrüchte oder überhaupt Brauchbares zu stehlen, so ziehen sie diess der Arbeit vor; denn ein Hang zum Stehlen ist dem Neger angeboren, wie den Katzen das Mausen, und weder Dankbarkeit und Strafe, noch die liberalste Behandlung hält sie davon ab.
Haben sie ihre Bedürfnisse in Paramaribo oder auf den Pflanzungen eingetauscht, so ziehen sie auf möglichst langsame Weise nach ihren Dörfern zurück, wo dann die Manieren der Blanken und die unterwegs erlebten Abentheuer reichlichen Stoff zu ihren Abendunterhaltungen geben.
Unter sich auf ihren Dörfern haben sie so wenig wie die Indianer Gewicht, Maase oder Münzen. In der Colonie aber wird ihnen ihr Holz nach dem allgemein üblichen rheinischen Fusse abgekauft. Sie berechnen ihre verkauften Waaren nach dem vor längerer Zeit hier gebräuchlichen surinamischen Kartengeld, von welchem der Gulden 32 Cents galt. Zehn solcher Gulden, also 3 fl. 20 kr., machen eine Biggi Kaarte (grosse Karte); 8 Cents oder der vierte Theil eines solchen Guldens heisst Schilling. Es ist besonders bei grossen Rechnungen äusserst schwierig, ihnen Alles begreiflich zu machen und ihr Misstrauen mag freilich manchmal nicht ungegründet seyn.
Ihre Zeitbestimmungen gehen wie bei den Indianern nach Nächten, d. h. wenn man z. B. fragt, wie weit man etwa von Paramaribo entfernt sey, so erhält man zur Antwort: man schläft 8, 12, 14 Nächte, ehe man dort ankommt. Ebenso geben sie, wenn sie auf Reisen gehen, den Zurückbleibenden eine Schnur mit so viel Knöpfen, als sie abwesend zu seyn gedenken. Man öffnet daran jede Nacht einen Knopf und ist keiner mehr da, so erwartet man den Reisenden zurück. Da sie aber ihre Zeit so gering anschlagen, so dehnen sie manchmal die Reisen über den gegebenen Termin aus und wenn Hunger oder andere Umstände sie nicht zur Heimreise nöthigen, so kommt es ihnen auf Wochen, ja Monate nicht an.
Eine Leiche bleibt gewöhnlich drei bis sechs Tage über der Erde, während welcher Zeit beständig Dram getrunken und geschossen wird. Ja manchmal wird der Körper erst begraben, wenn die Fäulniss bereits so überhand genommen hat, dass die faulende Jauche zum Sarge herausläuft.
So war denn meine Dienstzeit bis auf zwei Monate geschwunden und ich hatte in den verschiedenen Theilen der Colonie und unter verschiedenen Verhältnissen stets einer guten Gesundheit mich erfreut. Das Fieber, welches so häufig und unter so manchen Formen die Bewohner Surinams heimsucht, hatte ich bis jetzt nur dem Namen nach gekannt und hielt es für Weichlichkeit und Uebertreibung, wenn meine Kameraden, manchmal von ihm gerüttelt, sich unter wollene Decken und Mäntel verkrochen. Aber kaum war ich einige Tage von meiner Reise zurückgekommen, so erfasste mich der schlimme Gast mit seiner ganzen Stärke und alle gebrauchten Hülfsmittel konnten ihn nicht gänzlich vertreiben. Als um die Mitte Octobers die Lebensmittel nach dem Posten Nickerie gebracht werden mussten, erbat ich mir den Transport derselben, um auf der kleinen Seereise und dem mir so bekannten Beschermer durch die Seekrankheit mich besser auspurgiren zu lassen, als diess durch die Pillen und Tränke des militärischen Hospitals geschah.
Scheinbar gesund kam ich am 9. November wieder in Paramaribo, gerade an dem Tage, an welchem meine sechsjährige Dienstzeit beendigt war, an, und ich hatte nun wie Herkules am Scheidewege zu wählen, ob ich meine militärische Laufbahn fortwandeln oder in den Civilstand zurückkehren wolle. – Ich war lange unentschlossen, denn Surinam war mir theuer geworden und im Vaterlande hatte ich keine Aussichten mehr. – Im Militär-Stande, der mir nicht missfiel, hatte ich Aussichten auf Beförderung und im Civilleben hätte ich durch Einsammeln von Naturalien reichliches Auskommen finden können. – Ich beschloss endlich vorerst nach Europa zurückzukehren und erhielt, durch die Gunst des General-Gouverneurs, einen Urlaub, nach welchem es mir freistand, in Holland entweder mich aufs Neue zu engagiren oder den Dienst zu verlassen.
Ich hatte eine hübsche Sammlung Schmetterlinge im Laufe verschiedener Jahre zusammengebracht und gab dieselbe einem Kauffartheischiffe nach Amsterdam mit, wo ich dieselben bei meiner Ankunft zu finden hoffte und verliess nun am 25. November 1841 auf dem königlichen Dampfboote Curaçao, das uns an Bord des Transportschiffes, welches in der Coppename Schiffsbauholz einnahm, bringen sollte, Paramaribo. Zwölf Soldaten und ein Bataillonsschneider aus Curaçao, die ihre Dienstzeit ebenfalls beendigt hatten, machten die Reise mit. Der letztere, ein altes kränkliches Männchen, hatte seine Frau und zwei erwachsene Töchter bei sich. Es regnete am Tage unserer Abreise beständig, denn die kleine Regenzeit hatte sich mit Heftigkeit eingestellt. – Ich hatte bis tief in die Nacht geschrieben, gepackt und die Schreibereien der Compagnie meinem Nachfolger übergeben und mich dadurch zu sehr angestrengt; so kam es auch, dass, als ich kaum das Dampfboot betreten hatte, mich ein heftiges Fieber überfiel, das bei der Seekrankheit, die sich ebenfalls einstellte, und der Reue, Surinam zu verlassen, mich in einen mitleidwerthen Zustand versetzte. Man umhüllte mich mit Decken und ich lag die ganze Nacht abwechselnd in Frost und Hitze. Den 26. kamen wir an Bord des Transportschiffes, zufälligerweise derselbe Prinz Willem Frederik Hendrik, der mich vor sechs Jahren nach Surinam gebracht hatte. Den 28. gingen wir unter Segel, und der Doctor, ein für seine Kranken besorgter, menschenfreundlicher Mann, der seinem Stande Ehre machte, nahm mich in seine Behandlung. Die Seekrankheit und das Fieber setzten mir die ersten acht Tage sehr zu, doch erholte ich mich bald so weit, dass ich wenigstens die Universalkost, Erbsen, Speck und Fleisch, wieder schmackhaft fand. Der Schneider hatte mit seiner Familie ein kleines abgesondertes Kajütchen, und ich lebte mit ihm in der besten Freundschaft. Der Tag, den ich mit Lesen durchbrachte, wurde, wenn die See nicht zu unruhig war, mit Lotto oder Domino beschlossen. – Das Leben an Bord eines Kriegsschiffes habe ich schon am Anfange erwähnt, nur war der Unterschied mit meiner früheren Ueberfahrt der, dass Matrosen und Soldaten in der besten Einigkeit lebten und es nie Streitigkeiten gab.
Die Hitze verminderte sich, je nördlicher wir kamen, und die Kälte war um so empfindlicher für uns, da Keiner sich mit den für den Winter passenden Kleidern versehen hatte, denn solche in Surinam zu bekommen, hält schwer, da sie Niemand braucht. So liefen wir, als wir die Höhe Madeiras erreicht hatten, schon frostig und zitternd herum und sahen mit Schaudern dem europäischen Klima entgegen. Um diese Zeit hatte mir der Kommandant des Schiffes verschiedene Schreibereien aufgetragen und ich arbeitete desshalb den ganzen Tag im Longeroom, bis die Kälte das Schreiben im ungeheizten Zimmer nicht mehr zuliess und der Kommandant mich in seine warme Kajüte nahm.
Mein Fieber hatte sich auch wieder eingestellt, und obgleich ich genug Pulver verschluckte, so verliess es mich doch nicht wieder.
Unsere Reise ging ziemlich schnell, denn schon am 2. Januar waren wir vor dem Canal. Das Wetter war eisig kalt und obgleich ich mir ein wollenes Hemd an Bord gekauft hatte und in zwei wollenen Decken eingewickelt des Nachts in meiner Hängematte lag, so konnte ich doch vor Kälte keine Nacht vor 12 Uhr einschlafen und lag wie ein Igel zusammengeballt, nur beschäftigt, meine eiskalten Füsse durch Reiben und Drücken zu erwärmen. – Ebenso ging es den Soldaten, die noch weniger als ich hatten, aber gesund waren. – Man blieb meistens unter dem Verdecke, wo zur Ventilation den ganzen Tag ein Windsack uns mit so kaltem Hauche erfrischte, dass wir trotz des Verbotes ihn verschiedene Male zuknöpften. Das Aergste bei der Kälte war aber, ein gewisses natürliches Bedürfniss zu befriedigen. Der Ort dazu ist neben dem Bugspriet, wo aller Wind sich versammelt und die Bewegung des Schiffes am stärksten ist. – Da hinaufzuklimmen und entblösst der ganzen Gewalt des Windes preisgegeben, vom eiskalten Wasser bespritzt zu werden, war eine Affaire, der sich selbst die Matrosen nicht gerne unterzogen und die wir um so mehr fürchteten, als wir, wenn wir von den Wellen durchnässt waren, keine anderen Kleider zum Wechseln hatten.
Die Frauen, welche sich seit der Kälte in ihrem Kajütchen eingeschlossen hatten, mussten freilich diese Manöver nicht mitmachen, sondern hatten einen dazu bestimmten Topf, den eine von ihnen jeden Abend zur grossen Belustigung der Matrosen, die es dabei nicht an Glossen fehlen liessen, über Bord ausleerten.
Nun war eines Morgens dieser Topf, bei einer starken Bewegung des Schiffes, umgefallen, und hatte solch einen infernalischen Geruch zwischen der Decke verbreitet, dass jedes sich beeilte, ungeachtet die Grütze auf der Tafel stand, aufs Verdeck zu kommen, wo es dann ans Schimpfen und Fluchen ging. Es war eine grosse Verlegenheit für die armen Frauenzimmer, die sich den ganzen Tag nicht sehen liessen und also in der Atmosphäre ihres Topfes beinahe erstickten.
Der Wind, der uns bis an den Canal immer günstig gewesen war, verliess uns plötzlich und eine totale Windstille hielt uns 9 Tage lang wie angefesselt. Eine Menge Schiffe von allen Nationen war hier zusammengekommen und harrte, wie wir, auf günstigen Wind. – Mit gutem Westwinde erblickten wir am 12. Januar die englischen Küsten und pfeilschnell segelten wir durch den Canal. Am 16. Januar ankerten wir im Nieuwe Diep, nach fünfzigtägiger Fahrt. Wie öde und traurig zeigt sich im Winter die holländische Küste den aus dem Süden Kommenden, wie verfroren sehen ihre Einwohner aus und wie kahl seine Bäume.
Kaum war das Schiff im Hafen befestigt, als wir bestürmt wurden von Neugierigen: Fleischer und Bäcker kamen an Bord, um sich in die Gunst des Kommandanten zu empfehlen, Wirthe überreichten ihre Adressen, Waschweiber holten schmutzige Wäsche und Juden handelten um Affen und Papageyen.
Ich ging mit meiner Marschordre nach dem Heldos (einem Flecken, der stark befestigt ist), um die Befehle zur weiteren Reise abzuholen. Wir sollten in kleinen Tagereisen auf Wägen nach dem Orte unserer Bestimmung, dem langweiligen Harderwyk gebracht werden, da die Südersee und der nord-holländische Canal noch dicht befroren waren.
Den 18. Januar verliessen wir auf zwei Wägen, die mit dem Hausrathe der Schneiderfamilie vollgepackt waren, das Nieuwe Diep. – Wir waren auf eine Weise bekleidet, dass alle Leute uns neugierig anschauten. Bei jeder Station, wo man die Pferde wechselte oder Nachtquartier bestellte, wurden unsere Wägen von den Einwohnern umringt und wir wie fremde Thiere staunend begafft. Zu unserer leichten Uniform und weissen Hosen stachen unsere bleichen Gesichter wunderbar ab, und die Frauenzimmer, in grossblumigen Zitz gekleidet und mit leichten Strohhüten auf dem Kopfe, zitterten vor Kälte während dem Gelächter und den lieblosen Kritiken der Umstehenden. Zwei Papageyen und ein indianischer Rabe gehörten ebenfalls zu unserer Gesellschaft und zwei Töpfe mit rauchendem Torfe mussten unsere erstarrten Füsse der Reihe nach erwärmen. Nach sieben sehr kleinen Tagereisen, wo wir in Schagew, Alkmar, Haarlem, Amsterdam, Naarden und Amersford übernachtet hatten, langten wir den 24. Januar wohlbehalten in Harderwyk an. – Die meisten meines Detachements schützten Krankheiten vor, um bis zum Frühjahr im Hospital der Ruhe pflegen zu können; ich aber, wiewohl ich eine ärztliche Behandlung höchst nöthig hatte, that meinen Dienst, der freilich nicht sehr mühsam war. – Ich erwartete immer das Schiff, mit dem ich meine Insekten abgeschickt hatte, um dieselben sodann selbst nach Deutschland mitnehmen zu können, aber statt derselben kam die traurige Nachricht vom Stranden des Schiffes bei Dover an und meine schöne Sammlung war für mich verloren. Ich hatte nach reiflicher Ueberlegung beschlossen, den Militärdienst zu verlassen und mein Glück im Civilstand in Surinam zu suchen, und krank an Körper, und traurig über meinen Verlust, verliess ich am 1. März 1842 Holland, um vorerst meine Familie in Stuttgart zu besuchen.