Sechs Jahre in Surinam, oder Bilder aus dem militärischen Leben dieser Colonie und Skizzen zur Kenntniss seiner socialen und naturwissenschaftlichen Verhältnisse

Vierter Abschnitt. Beschäftigungen in Garnison. Abreise nach dem Posten Mauritzburg. Reiseabentheuer. Posten Gelderland und Dorf Judensavanne. Die Mauritienpalme. Termitennester. Posten Gouverneurslust. Markette. Mauritzburg. Kurzer Aufenthalt daselbst. Abmarsch nach Nepheusburg. Beschäftigungen. Di

Vierter Abschnitt.

 

Beschäftigungen in Garnison. Abreise nach dem Posten Mauritzburg.

Reiseabentheuer. Posten Gelderland und Dorf Judensavanne. Die

Mauritienpalme. Termitennester. Posten Gouverneurslust. Markette.

Mauritzburg. Kurzer Aufenthalt daselbst. Abmarsch nach Nepheusburg.

Beschäftigungen. Die Cumupalme. Bienen. Ameisen. Thiere der

Umgebung. Der Bananenvogel. Natürliche Abendconzerte.

Brokkodjokko. Fund eines jungen Tigers. Bau des Hauses. Die

Capasischlange. Affen. Urlaub und Abreise nach Armina. Der Posten

Oranjebo. Fang des Haimurafisches. Leuchtkäfer. Kwattas. Posten

Armina. Fruchtbarkeit desselben. Der Cottontree. Fledermäuse.

Zurückkunft auf Nepheusburg. Ueberfluss an Fischen. Vampyre.

Avancement.

So leicht der Garnisonsdienst auch war, und so viel freie Zeit wir auch hatten, um in der Stadt und Umgegend herumzuschwärmen, so sehnte ich mich doch recht herzlich nach noch grösserer Freiheit. Die Erzählungen meiner Kameraden von der Lebensweise auf den Militärposten, von Jagd und Fischerei, hatten meine Phantasie so sehr aufgeregt, dass ich das Ende des Jahres 1836, zu welcher Zeit die Posten abgelöst wurden, und nun auch die Reihe an mich kommen sollte, kaum erwarten konnte.

Das Maschinenmässige des Dienstes, so gliederpuppenartig es auch ist, hatte für mich bei weitem das Langweilige nicht, als für die meisten meiner Kameraden. Nie kam mir, wenn ich Schildwache war, Schlaf in die Augen; denn immer gab es etwas bei Tag oder bei Nacht, das meine Sinne beschäftigte. Bei Tage unterhielten mich die Colibris, die in den Tamarindenbäumen, unter denen ich mit meinem Gewehr hin- und herspazierte, pfeilschnell herumschwirrten, oder die Aasgeyer, welche vor der Küchenthüre lauerten, und, wenn der Koch nicht auf seiner Hut war, sich selbst ein Stück Fleisch vom Tisch nahmen und damit aufs Dach der Kaserne flüchteten; bei Nacht war es das Spiel Tausender von Feuerfliegen, die in allen Richtungen über die Savannen und Gärten flogen, oder die Musik unzähliger Kröten, welche in den Gräben sich aufhielten; oder das Schwirren enormer Fledermäuse, welche auf Insekten Jagd machten.

Die Hälfte unseres Corps waren Deutsche; und man sah viele sehr gebildete Männer, die in bedeutend besseren Verhältnissen in ihrem Vaterland gelebt hatten, hier Schildwache stehen. Aber die meisten waren unerträgliche Trunkenbolde, die aus Verdruss oder Langeweile ihre Grillen im Schnapse ersäuften und jeden Cent, der ihnen beim sparsamen Solde übrig blieb, in die Kneipe trugen. Die Natur zog keinen an, für ihre Genüsse hatte keiner Gefühl. Desshalb war ich auf meinen Wanderungen auch immer allein, und die hier so ergiebige Insektenjagd hielt mich entfernt von Gesellschaften und lustigen Parthien, zu welchen ich nie Neigung fühlte. Da wir immer in weissen Hosen, in Uniform und bewaffnet ausgehen mussten, so führte ich im Tschako ein Kistchen und Hosen mit, auf dem Rücken stak unterm Wamms mein Schmetterlingsnetz, und auf der Brust trug ich eine alte Mütze. Ausserhalb der Stadt legte ich meine guten Kleider ab und gab sie in bekannten Häusern in Verwahrung; dann zog ich mit Netz und Säbel bewaffnet in den Wald. Es war eine glückliche Zeit; denn auf jeder Wanderung entdeckte ich neue, mir unbekannte Specien. Kam ich dann Abends mit meinem Fang nach Hause, so fand ich das delicate, für mich bewahrte Essen, und die kalten Bananen, mit 1/14 Pfund Speckfett übergossen, schmeckten vortrefflich.

Ich genoss stets der besten Gesundheit, wozu freilich mein diätes Leben viel beitrug.

Endlich, obwohl die Zeit mir schnell verging, wurde ich beordert, mich reisefertig zu halten, um nach den so gepriesenen Posten abzugehen.

Eine Pont vom Posten Gelderland, welche die Lebensmittel auf drei Monate abzuholen hatte, sollte mich mit fünf andern Soldaten mitnehmen. Wir kauften uns desshalb beim Sergeant-Major der Compagnie, welcher den Soldaten verkaufen durfte, was sie nöthig hatten, Seife, Speck, Hosenzeug, kurz dasjenige ein, was wir auf dem Posten nöthig zu haben glaubten.

Den Betrag dieser Gegenstände, die nicht sehr wohlfeil geliefert werden, zieht der Sergeant-Major von dem Solde ab, der den Soldaten jeden Monat nach den Posten geschickt wird.

Fast immer ist eine solche Abreise die Veranlassung zu einem Trinkgelage, das der Abreisende seinen Kameraden gibt. Fehlt es ihm, was beinahe immer der Fall ist, an Geld, um Branntwein zu kaufen, so werden die noch nicht bezahlten, theuren Waaren des Sergeant-Majors um Spottpreise verkauft und der Erlös vertrunken.

So treten denn die Meisten mit nacktem Leib, ohne Sold, arm und voll Schulden die Reise nach dem Bestimmungsorte an, um dort so lange Mangel zu leiden, bis sich der Sergeant-Major bezahlt gemacht hat. Diess war auch bei meinen Kameraden der Fall, von welchen zwei in die Pont getragen werden mussten. Sie war mit Kisten und Fässern so vollgepfropft, dass man beinahe keinen Fuss vorsetzen konnte.

Der Kommandant über uns und das Fahrzeug war ein Sergeant, der auf dem Hauptposten detachirt lag. Ausserdem machte die Frau eines Corporals, der auf dem Posten Gelderland eine Herberge hatte, die Reise mit. Sie hatte unter andern Dingen zwei Kisten Genever eingekauft, die ebenfalls im Fahrzeuge waren. Für uns Soldaten blieben blos zwei Plätze übrig, um zwei Hängematten zu hängen; denn der meiste Raum wurde von dem Sergeanten und der Frau eingenommen, welche die Nacht bequem in ihren Hängematten durchbrachten. Ich war seit einigen Wochen mit einem Hautausschlag, dem sogenannten rothen Hunde, so geplagt, dass mein Leib wie Eine Wunde aussah, und meine Kleider mir überall anklebten. Es war desshalb beim Liegen auf den Fässern an keinen Schlaf bei mir zu denken, und das Krähen der Hähne auf den Plantagen, an welchen wir vorbeifuhren, mir eine erwünschte Musik.

Kaum erhellte der anbrechende Tag das Chaos unseres Nachtlagers, als ein Zetergeschrei der Corporalsfrau uns Alle ermunterte.

In der Dunkelheit der Nacht hatte nämlich ein Durstiger einen ihr gehörenden Kelder (Kiste) Genever erbrochen und zwei Flaschen von diesem Lebenswasser gestohlen. Eine grosse Untersuchung ihrerseits und unser fürchterliches Raisonniren zauberten die fehlenden Flaschen nicht herbei. Ihr Verdacht fiel auf einen alten Soldaten, der schon seit ein paar Tagen nicht nüchtern geworden war und eben vom Boden der Pont aufstand, wo er die Nacht zugebracht hatte. Die Frau, welche schon seit 16 Jahren in Ostindien gedient hatte, und ihre Zunge zu gebrauchen wusste, beschuldigte unter argen Scheltworten den armen Kerl des Diebstahls. Da es ihm nun nicht möglich war, mit nüchternem Magen gegen eine solche Fluth von Ehrennamen, mit welchen sie ihn überhäufte, zu protestiren, so wirkten gekränktes Ehrgefühl, Alteration und Katzenjammer dermasen auf seine Sinne ein, dass ein Anfall von Epilepsie erfolgte, und wir kaum im Stande waren, ihn festzuhalten.

Heulend betheuerte er, als er sich ein wenig erholt hatte, seine Unschuld; er zerschlug sich die Brust, welche so haarig, als das Fell eines Bären war, und rief seine verstorbene Mutter zum Zeugen seiner Unschuld auf. Uns standen vor Rührung Thränen in den Augen.

Gegen Mittag, nachdem alle Geister beruhigt waren, hielten wir an einer Zuckerpflanzung, auf welcher der Sergeant und die Frau beim Director assen, während wir in der Mühle unser Essen bereiteten, zu welchem uns der Director einen Busch Bananen und eine Flasche Rum sandte. Da wir der Meinung waren, wir würden des andern Morgens auf Gelderland ankommen, und uns auf die Gastfreundschaft der dortigen Kameraden verliessen, so warfen wir unsere sämmtliche Ration an Fleisch und Speck in den Topf.

Mit anbrechender Nacht fuhren wir weiter, hatten aber am zweiten Mittag den Posten noch nicht erreicht. Die Ebbe trat ein, und an einem armseligen Holzgrunde mussten wir die Fluth erwarten.

Jetzt bereute man es, den Tag zuvor so flott gelebt zu haben. Mit vieler Mühe bekamen wir einen Busch Bananen, wozu die mitleidige Corporalsfrau einen Häring beifügte, an welchem sich keiner den Magen überlud, da wir ihn unter sechs theilen mussten. Endlich in der Frühe landeten wir am ersehnten Posten, wo unsere Kameraden, so wenig sie auch für sich hatten, doch ihr Essen mit uns theilten.

Der Posten Gelderland, oder richtiger die Judensavanne (zehn Stunden von Paramaribo entfernt), ist der erste Platz, wo sich das Land bedeutend erhöht und die Einförmigkeit der Ebenen durch Sandhügel unterbrochen wird. Auf einem, etwa 70-80' über den gewöhnlichen Wasserspiegel des Surinam erhabenen Hügel liegt ein sehr in Verfall gerathenes Dorf: der Portug, Judengemeinde, dessen aus Backsteinen gebaute Synagoge von früherem Wohlstand zeugt. Das Dorf war von mehr als 200 Familien bewohnt, jetzt aber leben nur noch einige in alten, halbverfallenen Häusern von den Wohlthaten ihrer Glaubensgenossen in Paramaribo, und dem Nutzen einiger Kühe, die in den dürren Savannen ein spärliches Futter finden. Das hohe Alter dieser Menschen, deren einige tief in den achtziger Jahren sind, ist eine Folge ihrer einfachen Lebensweise und der gesunden Lage ihres Orts.

Der Posten und die Wohnung des Kommandanten liegen im Thale am Strom. In einer Schlucht des Hügels entspringt eine Wasserquelle dem Felsen, welche einen Sumpf bildet, der mit der üppigsten Vegetation bedeckt ist. Baumfarnen, viele Arten Melastomen und Aroideen, durchschlungen von schönen, blühenden Lianen, wachsen an den Felsen herauf, während am Rande der Savanne zahllose Bromeliaceen undurchdringliche Büsche bilden. Der blendend weisse Sand der Savannen bildet einen mächtigen Contrast mit den dunkeln Wäldern, die sie umsäumen, und schmerzt das Auge ebensosehr, als er durch seine Hitze dem Wanderer beschwerlich ist, der an schwülen Tagen darin marschiren muss.

Oben auf dem Hügel sieht man in südwestlicher Richtung ein hohes, blaues Gebirge sich über den dunkeln Waldungen ausdehnen. Eine Insel im Flusse verbirgt zur Hälfte einen kleinen Wachposten, der an der jenseitigen Seite sich befindet. Einige Caraibendörfer lagen zerstreut in den benachbarten Savannen.

Ich und ein anderer Soldat waren nach dem Hauptposten Mauritzburg bestimmt, und wir mussten, ohne auf Gelderland verweilen zu dürfen, dahin

abgehen [1].

Der rechte Flügel des Cordonwegs, der in einer achtstündigen Entfernung von den Ufern des Surinam nach dem obern Comowyne sich hinzieht, wurde um das Jahr 1770 desswegen angelegt, um die Colonie vor den Einfällen der Buschneger zu bewahren, und dem Weglaufen der Sklaven vorzubeugen. Mehrere grosse Posten und viele kleine Pikete zogen sich längs desselben hin, und waren mit vielen Truppen besetzt. Die meisten sind übrigens eingegangen, und bloss Gelderland am Surinam, Mauritzburg am Casawinika und Imotappie am obern Comowyne bestanden noch und waren unter dem Commando von Officieren.

Zwei kleine dazwischen gelegene Posten dienten zur Beförderung von Briefen.

Der Weg geht grossentheils durch Savannen, in welchen man alles Schattens beraubt ist und eine erstickende Hitze herrscht; nur in Niederungen, wo Bäche und Wasser sich sammeln, ist Hochwald und üppige Vegetation. Die Savannen gewähren einen wunderbaren Anblick. Grosse, stundenlange Flächen sind mit niederem Strauchwerk und falbem Grase bedeckt, und gestatten dem Auge eine ungeheure Uebersicht. Einzeln und gruppenweis stehende Mauritzenpalmen geben durch ihr mattes Grün und ihre welken Blätter einen melancholischen Anblick. Der Saum der Savannen besteht fast ganz aus diesen Bäumen, in denen Schwärme von Raben und Papageyen nisten.

Die Mauritza (Mauritia flexuosa) ist die höchste der surinamischen Palmen und besonders auf Savannen und sandigen, feuchten Plätzen in ungeheurer Anzahl zu finden. Etwa ein Dutzend Blätter, die sich am Ende des Stiels fächerförmig ausbreiten, und gegen 18' lang sind, zieren ihren Gipfel. Ihre Höhe beträgt manchmal über 100'. Sie liefert den Indianern viele Dinge zu ihrem Lebensunterhalt: die Blätter werden gespalten und zu Tauen und Bindfäden verarbeitet; das Mark der Stiele reihenweise mit den aus Blattfasern gedrehten Schnüren zusammengebunden, gibt leichte und sehr zweckmässige Segel.

Ehe die Blüthentrosse sich öffnet, läuft aus einem, zu diesem Zweck unten in den Baum gemachten Einschnitt eine Menge süssen Saftes, welchen die Arowaken wie Wein trinken. Wenn der Stamm umgehauen und ein, etwa 4' langes Loch hinein gemacht ist, wird das Mark desselben von den Larven eines grossen Rüsselkäfers (Curculio palmarum), welche Cabbiswürmer genannt und für eine grosse Leckerei gehalten werden, zernagt gefunden. Sie sind fingerslang, daumendick, nankinfarbig, fühlen sich fett an, und haben einen braunglänzenden harten Kopf. In Butter gebacken und mit Pfeffer bestreut gehören sie gewiss zu den feinsten Delicatessen Surinams.

Die Früchte dieser Palmen sind von der Grösse eines mittelmässigen Apfels, braun von Farbe, zierlich wie ein noch nicht reifer Tannenzapfen geformt, und sitzen zu Hunderten an der Blüthentrosse. Sie wachsen manchmal in solcher Menge am Stamm, dass ich das Gewicht mancher Rispe zu 400 Pfund schätze. Die Indianer essen diese Früchte, obwohl sie nicht besonders gut schmecken.

In den Savannen sind viele Termitennester, die in kleinen, spitzigen Kegeln aus der Erde steigen, jedoch nie über 4' hoch sind. Hier nennt man diese kleinen, den Ameisen ähnlichen Insekten, deren Hinterleib weisslich und weich, der Kopf aber mit scharfen Zangen bewaffnet ist, Holzläuse. Sie leben gesellig wie die Ameisen und in solcher Anzahl, dass sie dieselben an Menge noch zu übertreffen scheinen. In den Wäldern findet man ihre Nester beinahe an jedem Baum und zuweilen so gross, dass alte Bäume unter ihrer Last erliegen. In alten Häusern, wo sie ihre centnerschweren Nester, welche oft zwei bis drei Fuss im Durchmesser haben, ans Gebälke bauen, sind sie eine grosse Plage. Die Nester bestehen aus zernagtem Holz oder Erde; das Material hiezu wird manchmal weit hergeholt. Nichts ist vor ihnen sicher, und man hat Beispiele davon, dass Kleidungsstücke, welche in einem verschlossenen Koffer waren, in einer Nacht total aufgefressen wurden. Man bekommt sie aber nie zu sehen, weil sie bei ihren Raubzügen von zernagtem Holze oder Erde einen Gang bilden, der nach bestimmten Orten hinleitet. Bäume, Balken und dergleichen werden auch nur von innen ausgefressen, so dass man von aussen nichts bemerkt, obwohl diess bis zur Dicke eines Kartenblatts geschieht. Sie sind immer thätig und arbeiten Tag und Nacht an ihren Nestern, in welche, wenn sie verlassen werden, die Sabacarra (eine grosse Eidechse) häufig ihre Eier legen. Hühner werden von ihnen fett.

Tiger, Ameisenfresser und Hirsche sind die Bewohner der Savannen, und in den sie begrenzenden Wäldern sind Armadille und Kaninchen, sowie hühnerartige Vögel, als Powisen und Agamis, sehr häufig.

An manchen Stellen, wiewohl selten, findet man die Agave americana mit ihren manchmal 30' hohen Blüthenstengeln. Man macht von dieser nützlichen Pflanze keinen Gebrauch; nur Buschneger und Sklaven gebrauchen zuweilen ihre dicken Blätter als Seife, wesshalb man sie hier Ingisopo nennt.

Auf dem 2½ Stunden von Gelderland entfernten kleinen Posten Frederiksdorp blieben wir während der grössten Hitze des Tages. Drei Soldaten, zwei weisse und ein schwarzer, sind die ganze Besatzung. Sie müssen wechselweise die von Mauritzburg und Gelderland kommenden Briefe nach beiden Posten besorgen und ihren Lebensunterhalt von ersterem Posten auf dem Rücken herbeitragen; sonst lebt jeder nach seiner Weise. Manchmal passirt in 14 Tagen kein Mensch diesen Posten.

Das Land ist unfruchtbar und bringt nichts hervor; dennoch hielten diese Menschen wohl 100 Hühner auf dem Posten, die sich beinahe allein von Termiten und Heuschrecken nährten.

Zwei kleine Stunden weiter befindet sich der Posten Mauritzburg, an welchem wir Abends 5 Uhr ankamen. Dieser liegt in einer weiten, sumpfigen Savanne, und besteht eigentlich aus drei Plätzen, von welchen der erstere Wohnort des kommandirenden Officiers ist und Gouverneurslust heisst. Durch Citronenhecken ist er von dem andern, einem nahe gelegenen einzelstehenden Haus, »Markette«, abgesondert, in welchem die weissen Verbrecher der Colonie aufgehoben werden. Der dritte, eine Viertelstunde davon abgelegene heisst Mauritzburg, wo sich die Kaserne und Bäckerei, das Hospital und die Magazine befinden. In der Mitte des Weges führt eine Brücke über die Casiwinika, welche aus nahe gelegenen Sümpfen entsteht und in die obere Comowyne sich ergiesst. Unterhalb des Postens liegen an ihr zwei armselige Holzgründe, und auf den Savannen zwei Arowakendörfer. Etliche zwanzig Kühe waiden auf den Savannen und versehen die Haushaltung des Commandanten mit Milch. Ein Pferd ist zu seinem Dienste, und ein, von drei Mauleseln gezogener Wagen zum Transport der Kranken bestimmt, welche von den andern Posten, wo sich keine Aerzte befinden, abgeholt, und bei erlangter Gesundheit wieder zurückgebracht werden. Ein zweckwidrigerer Transport lässt sich nicht leicht auffinden; denn das Gerüttel auf den manchmal abscheulichen Wegen ist selbst für Gesunde unausstehlich, und für Kranke entweder eine Parforcecur, oder wenigstes ein Mittel, um sie noch kränker zu machen. Im Blockhause werden sowohl Civil- als Militärverbrecher verwahrt und zur Unterhaltung der Wege und Posten angehalten. Doch wird ihr Loos durch gutes Betragen sehr erleichtert.

Ich wurde schnell mit der Umgegend bekannt. Der Dienst war leicht und angenehm und alles lebte im Frieden, weil der allgemeine Friedensstörer, der Branntwein, nicht zu bekommen war.

Doch schon nach 14 Tagen wurde ich nach dem zwei kleine Stunden entfernt liegenden Posten Nepheusburg detachirt, um einen der zwei blanken (weissen) Soldaten, der nach der Stadt musste, abzulösen.

Dieser kleine, nur von zwei Weissen und einem Schwarzen besetzte Posten hat denselben Zweck, wie der, an der andern Seite sich befindliche (Frederiksdorp), und liegt in einer morastigen Gegend mitten im Walde. Ein grosses Haus, das einzustürzen drohte, war unsere Wohnung, und in den Regenzeiten schwammen Buschfische beinahe vor die Thüre.

Vor Gras und Strauchwerk sah man den Posten erst, wenn man sich ihm auf 15 Schritte genähert hatte. Früher, als die Besatzung stärker war, wurden bedeutende Gärten und Aecker unterhalten, und davon die andern Posten mit Gemüse versehen; denn der Boden ist sehr fruchtbar und ergiebig.

Apfelsinen-, Orangen-, Citronen- und Sauersackbäume waren hier in Menge. Ich, mein weisser und schwarzer Kamerad hatten gleichviel zu sagen, und es brachte desshalb jeder den Tag nach seiner Weise zu.

So angenehm auch das Nichtsthun Jedem war, waren es doch ein paar Dinge, die zu diesem Schlaraffenleben gerade nicht passen wollten, z. B. das Uebertragen der Briefe, welches von uns wechselweise, oft mitten in der Nacht, oder beim heftigsten Regen besorgt werden musste. Ferner war man genöthigt, die Lebensmittel in Mauritzburg zu holen, was jede Woche zweimal geschah. Hiezu bedienten wir uns eines aus Palmblättern geflochtenen Tragkorbs, Balatta genannt, den ich gar oft, mit zwei Boschen Bananen und zwölf Pfund Brod befrachtet, durch Dick und Dünn trug, oder bei brennender Hitze nach Hause schleppte. Unsere Kleidung war daher auch diesem Geschäfte angemessen. Schuhe wurden beinahe nie gebraucht, da sie leicht im Koth stecken blieben, und die Hosen wurden durch das Schneidgras so zerfetzt, dass sie wie mit Spitzen besetzt aussahen. Das Hemd zog ich blos an, wenn ich mich dem Posten Mauritzburg näherte, oder wenn wir Besuch erhielten, was jedoch wenig der Fall war. Daher sah auch meine Haut so braun aus, wie die eines Mulatten. Doch hatten diese Beschwerden auch ihre guten Seiten.

Auf den Wegen nach beiden Posten fing ich manches schöne Insekt, und beim Nachhausekommen fand ich stets eine Schüssel Bananen, welche von meinen Kameraden gekocht waren, und wobei mir das Herz im Leib lachte. Besonders schlecht war der Weg nach dem Posten Imotappie. An beiden Seiten desselben, der etwa 50' breit ist, sind zwei tiefe Gräben, in denen sich die Waldwasser sammeln, die bei anhaltendem Regen austreten und den Weg überschwemmen. Breites, schneidendes Gras, das bei der üppigen Vegetation wohl 12' hoch wächst, bedeckt den ganzen Weg so dicht, dass man kaum einen Schritt voraussehen kann. Es ist überhaupt nicht möglich, die Mühseligkeiten dieser, obwohl nur zwei Stunden langen Strecke zu beschreiben; oft watet man bis um die Kniee im Morast; beinahe jeden Augenblick wird man ins Gesicht, in die Füsse oder Hände geschnitten; dabei erfrischt kein Windzug in dieser drückenden Schwüle. Der ganze Cordonweg wird alljährlich durch Plantagen-Neger, welche das Gouvernement bezahlt, abgemäht und ausgebessert; aber dennoch kann man die Einflüsse der Witterung nicht unterdrücken.

Einige Tage nach meiner Ankunft bereitete mein Kamerad einen mir noch unbekannten Trank aus einer Palmenart, den ich zwar noch nicht gekostet, aber schon oft hatte rühmen hören; man nennt ihn Cumu.

Eine, etwa 60' hohe Palme (Oenocarpus Comon. Aube), welche der Königspalme ähnlich ist und in sandigen Wäldern wächst, treibt eine über 3' lange Traube in Gestalt eines Pferdschweifes, an deren Stielen oder Schnüren Tausende von Beeren sitzen, welche so gross wie eine Flintenkugel und von dunkelbrauner Farbe sind. Die Frucht ist eigentlich nur ein runder, harter, von einer fleischigen Haut überzogener Stein. Sie wird von Vögeln und Affen sehr gerne gefressen, und ist ein vortreffliches Futter für die Schweine.

Die Beeren werden in warmem Wasser eingeweicht, und dadurch wird in einer Viertelstunde das Fleisch so weich, dass es sich vom Stein durch Drücken abschälen lässt. Durch fortwährendes Drücken der Steine im Wasser wird dasselbe dick, chocoladfarbig, und man lässt es, wenn kein Fleisch mehr an den Steinen sitzt, durch ein indianisches Sieb, Menari, laufen, wodurch Haut und Steine zurückbleiben. Mit etwas Zucker vermischt ist der Trank fertig, gesund, nahrhaft, und mit dem Rahm der Milch zu vergleichen. Die breiartige, von den Steinen abgeriebene Masse wird von den Indianern ausgepresst, worauf sich auf der Oberfläche der erhaltenen Brühe ein klares, gelbes Oel zeigt, das gereinigt gut zum Bereiten der Speisen dienen könnte, von den Indianern aber zum Einschmieren der Haare verwendet wird.

Um die Frucht zu bekommen, wird der Baum umgehauen; die meisten haben bloss eine, manche zwei, aber selten drei Trossen und vom December bis Junius Frucht. Sie wachsen, wie alle Palmen, schnell, haben aussen hartes Holz, innen eine markige Substanz, die schnell voll Cabbiswürmern, essbaren Larven, ist.

Den Werth dieses Trankes lernte ich erst schätzen, als einmal auf Mauritzburg die Bananen unglücklicher Weise fehlten, und die dortige Besatzung von Reis, Mais und Maniok leben musste.

In dieser Zeit des Mangels assen wir bloss all ander Tage, und in der Zwischenzeit wurde von Cumu gelebt; Mais assen wir bloss zweimal, weil viele süsse Bataten (Convolvula batata) auf dem Posten wuchsen, die zwar hart und faserig, aber doch besser als Gänsekost waren.

Mein Aufenthalt in dieser Einöde gab mir manchfache Gelegenheit, Naturmerkwürdigkeiten mancherlei Art zu beobachten.

Im Gemäuer, auf dem unser baufälliges Haus ruhte, befand sich ein Bienennest von inländischen sogenannten Honig-Waschiwaschis. Sie gleichen in der Gestalt ganz den Bienen, sind aber schwarz, nur halb so gross und stechen nicht. Sie leben meistens in hohlen Bäumen oder in den von Termiten verlassenen Nestern, manchmal in so grosser Menge, dass ein Nest zwei europäische Bienenkörbe übertrifft. Ihr Honig, der klar, säuerlich und von vortrefflichem Geschmack ist, befindet sich nicht in Waben, sondern in runden, aus Wachs verfertigten Blasen, welche klumpenweise zusammenhängen, während die Waben, welche aus einer gelben und schmierigen Substanz bestehen, und geschmolzen nicht die geringste Aehnlichkeit mit Wachs haben, zum Aufenthalt der Jungen dienen. In Savannen, wo viele Blumen wachsen, findet man sehr viele Bienen, welche auch vorzugsweise die Blüthe der Palmen lieben.

Das schwarze Wachs wird von den Indianern zum Verpichen ihrer Corjaalen und zu Wachslichtern gebraucht; den meisten Honig findet man um die Zeit des Vollmondes. Man findet dreierlei verschiedene Arten Bienen von gleicher Grösse, nämlich zwei schwarze und eine gelbliche. Ob sie sich in der Lebensart von einander unterscheiden, weiss ich nicht. Sie vertheidigen ihre Wohnungen sehr tapfer, setzen sich in Haare und Kleider und beissen wacker darauf los.

Um die verschiedenen Arten Ameisen, welche ich sah, richtig zu beschreiben, musste ich die Erfahrung vieler Jahre haben, da sowohl ihre Anzahl als ihre Verschiedenheit unbeschreiblich gross ist.

Die merkwürdigsten sind ohne Zweifel die Wander-Ameisen, die zu sehen ich nur einmal Gelegenheit hatte. Sie waren eines Morgens in ungeheurer Menge in der Kaserne in allen Löchern und Ritzen verbreitet; nicht ein Tausendfuss, Kackerlack oder Scorpion, wie flink sie auch sein mochten, entkam diesen mörderischen Insekten. Was sie einmal fassten, hielten sie so fest, dass sie sich lieber den Kopf abreissen liessen, als es loszulassen. Zu Zwanzigen hingen sie an einem Tausendfuss, und bissen ihm seine Füsse ab. Unter dem Dach hatten sie ihr Hauptquartier, wohin sie auf den Seitenbrettern der Treppe liefen und sich in einer Ecke an einen Balken wie ein Bienenschwarm anhingen, welcher Klumpen wohl 2' lang und 1' dick war. Die immer auf- und abmarschirenden Ameisen trugen übrigens nichts in ihr Nest, sondern frassen wahrscheinlich Alles gleich auf. Sie schienen viele Anführer zu haben, die sich durch ungeheuer dicke Köpfe und gewaltige Fresszangen auszeichneten. Der ganze Haufen blieb zwei Tage auf dem Posten und verschwand eben so schnell, als er gekommen war. Eine andere Art von derselben Grösse, doch braunrother Farbe, nennt man Cassave-Ameisen. So nützlich die vorigen sind, da sie die Häuser vom Ungeziefer reinigen, so schädlich sind diese, weil sie oft in einem Tage einen Acker total kahl fressen können. Sie leben gemeinschaftlich in Nestern unter der Erde. Man erkennt diese an kleinen Hügeln, welche manchmal bei einer Höhe von 6' oft 20 Schritte im Umkreise haben. Die einzelnen Nester sind von der Grösse eines Kopfes, und von einer aschfarbenen, leicht zu zerreibenden, blätterartig auf einander liegenden Substanz zusammengestellt. Junge und Eier sind nicht in den Waben, sondern in den unregelmässigen Zellen der Zwischenräume. In der Mitte findet man Blätter, Körner und Knospen, die sie zusammentragen, und in Ruhe zum Nahrungsbrei für die Jungen zernagen. Alle diese einzelnen Nester stehen durch Gänge mit einander in Verbindung, und es befinden sich manchmal 200 an der Zahl in verschiedener Tiefe, 1-6 Fuss unter dem Boden, so dass man tagelang arbeiten muss, um ein solches Nest auszurotten. Dabei vertheidigen sich die mit grossen, scharfen Zangen bewaffneten Ameisen aufs Hartnäckigste, beissen aufs Grimmigste in Hände und Füsse und lassen sich lieber den Kopf abreissen, ehe sie loslassen.

Zu diesen gemeinschaftlichen Nestern führen über der Erde regelmässige, einen halben Fuss breite Wege von wenigstens einer Viertelstunde Länge nach dem Platze, wo sie ihre Verheerungen anrichten. Diese Wege sind von Gras und allen Blättchen gereinigt, damit die mit Raub beladenen Insekten nicht gehindert sind. Ihr Fleiss, sowie ihre bei der Arbeit beobachtete Ordnung und Ueberlegung sind bewundernswürdig.

Ein Baum wird bloss von einer Seite bestiegen, worauf sie sich in die Blätter vertheilen und mit ihren Zangen so grosse Stücke abschneiden, als sie zu tragen vermögen. Ist das Blättchen abgesägt, so wird es mit der Fresszange gehalten und mit den Vorderfüssen so gerückt, dass es aufrecht zu stehen kommt; hierauf wird schwankend unter der Last der Rückweg angetreten. Es kostet viele Mühe, den Baum hinabzukommen; sie lassen aber dessenungeachtet ihr Blättchen nicht fahren, und treten unverdrossen den manchmal eine Viertelstunde langen Rückweg an. Wenn der Weg übers Wasser geht, klettern sie an Bäumen hinauf, um durch die Zweige auf andere, an der Ueberseite sich befindliche Bäume zu kommen und ihren Weg fortsetzen zu können. Im Innern des Landes halten sie sich sehr häufig auf. Sie haben kein bestimmtes Futter, sondern tragen Mais, Cassaven, Orangen, Mangos und Blätter verschiedener wilder Bäume weg.

Im December fliegen die Weibchen in grosser Anzahl umher. Sie sind viel grösser, als die Männchen und haben einen dicken Leib. Ihre Flügel sind ihnen mehr zur Last als zur Hülfe gegeben, weil sie leicht abbrechen, und das nun hilflose Geschöpf von allerlei Vögeln aufgefressen wird. Die Buschneger fangen sie in Masse und essen den dicken Leib gebacken oder geröstet. Sie schmecken ungemein angenehm; doch braucht man viel, um satt zu werden.

Diese Ameisen sind eine furchtbare Plage für den Landbau; man umgibt desswegen im niedern Lande ihre Hügel mit Gräben, in welchen das Wasser sich sammelt und so die Nester durchdringt, im höhern aber ist Ausgraben schlechterdings nöthig.

Indianer und Neger glauben, dass sich die blinde Schlange, eine wurmförmige Eidechse (Coecilia –?) in den untersten Nestern aufhalte und von den Ameisen gefüttert werde.

Andere Ameisen erregen durch ihren Biss ein heftiges Brennen auf der Haut. Sie sind meistens so klein, dass man sie erst dann bemerkt, wenn man sie fühlt. Diese sind in den Häusern die lästigsten, weil sie an alle Esswaaren, sie seyen gesalzen oder süss, gehen, so dass man sie kaum vor diesen Thieren sichern kann.

Ausser Ameisen und Holzläusen hatten einige hundert Fledermäuse den Giebel in verjährtem Besitz, und belästigten uns durch den immerherabfallenden Unrath, noch mehr aber durch ihr unaufhörliches Gezwitscher, und so wenig Gesellschaft wir auch von Menschen hatten, um so mehr war unsere Einöde von Thieren aller Art belebt. Kaum graute der Morgen, als im nahen Busch die Wakagos (Ortalida paragua), hühnerartige, bräunliche Vögel mit langem Schwanze, ihr gellendes Geschrei anhoben. Raben und Papageien, die im Mauritzenwäldchen, das an's Haus stiess, nisteten, schrieen uns den ganzen Tag die Ohren voll.

In einer Citronenhecke hingen einige Dutzende, drei Fuss lange, sackförmige Nester von Bananenvögeln (Cassicus), die gar nicht wild sind und gern in der Nähe der Menschen wohnen. Diese Vögel, wahre Affen unter den Luftbewohnern, ahmen alle möglichen Stimmen nach; bald schreien sie wie Hühner, bald wie Affen, verdrehen dabei ihre Augen und machen tausenderlei Possen. Sie sind immer in Truppen beieinander, und bauen ihre Nester immer an's Ende von meist dornigen Zweigen, wobei sie diejenigen vorziehen, an welchen grosse Wespen sich angesiedelt haben. Es herrscht zwischen beiden so ungleichen Thierarten eine merkwürdige Freundschaft; denn ich habe häufig bemerkt, dass, wenn die Vögel beim Durchfliegen ihre Nester auch berührten, sich diese Insekten nicht darum bekümmern, es aber einen Menschen, der diess zu thun wagen würde, schwer büssen lassen würden.

Der Bananenvogel hat die Grösse einer Amsel; er ist schwarz, hat jedoch einen goldgelben Schwanz und Rücken, einen weissen Schnabel und hellblaue Augen.

Eine andere Art derselben Grösse ist statt gelb brennendroth, lebt aber ebenso. Die Nester sind sehr merkwürdig und bilden einen zwei bis drei Fuss langen Sack, dessen Oeffnung aber wie ein Backofen überwölbt ist; sie sind netzartig, mit einer Art Gras überflochten und elastisch. Pfefferfrasse sind ebenfalls sehr häufig; sie sitzen gegen Abend auf den höchsten Bäumen, wo sie sich bald nach dieser, bald nach jener Seite wenden und ihre gellende Stimme erschallen lassen.

Doch all diess Geschrei ist nichts gegen das Concert, das in der Regenzeit des Nachts ertönt, und keine Feder ist im Stande, davon eine richtige Idee zu geben.

Kaum ist die Sonne untergegangen, so ertönen in den, den Posten umgebenden Orangen- und Sauersackbäumen grässlich schnarrende Töne von grossen Laubfröschen, accompagnirt von dem tiefen Bass einer ungeheuren Kröte, die auch im Sumpfe sich ihres Lebens freut und ihren feierlichen Gesang durch ein schallendes Gelächter oder Pausen endigt. Kleine Kröten, die in den Gräben zu Hunderten sitzen, quacken unaufhörlich im höchsten Diskant, und Legionen Scheerenschleifer (Cicaden), die im Wald herumschwärmen und die man ¼ Stunde weit hören kann, ersetzen den Chor. Von Zeit zu Zeit ertönt aus der Ferne der melancholische Gesang einer Nachtschwalbe (Caprimulgus lud.), der sechs Töne der abwärts gehenden Scala umfasst, oder der kleinen Eule, »Urukuku«, nach ihrem Rufe so genannt. Zählt man noch hiezu die lieblichen Stimmen von einigen Brüllaffen, deren Geschrei selbst das Gebrüll eines Löwen übertönt, so ist ein Orchester besetzt, wie man kein zweites in der Welt finden wird.

Ich bin später noch auf andern Posten gelegen und habe viele Plätze besucht, aber den Lärm von Nepheusburg habe ich nie wieder gefunden; denn seine niedrige, ganz von Gebüsch umgebene Lage begünstigt diese Schreier.

Etwa einen Monat nach meiner Ankunft auf dem Posten wurde unser schwarzer Kamerad abgelöst, und ein anderer kam an seinen Platz. Dieser hiess Liverpool, sein Neger- oder gewöhnlicher Name aber war Brokkodjokko. Er galt für einen grossen Wisiman (Zauberer), guten Jäger und grossen Trunkenbold. Die beiden letzteren Eigenschaften besass er gewiss, von ersterer aber sah ich nie etwas. Er ging häufig auf die Jagd, war nicht so geizig, wie sein Vorgänger, liess es nie an Cumu fehlen, und war um einen Schnaps zu Manchem bereit. Ich verstand sehr wenig, beinahe nichts von der neger-englischen Sprache, und unser Diskours musste häufig pantomimisch geführt werden.

Mein blanker Kamerad wurde ebenfalls abgelöst und nicht ersetzt. So war ich denn nun allein mit meinem Schwarzen und es vergingen desshalb Tage, ohne dass ein Wort über meine Lippen kam. Ich führte, seitdem ich allein war, meine eigene Menage, und mein Frühstück bestand aus Buschthee (Blätter eines Heliotrops) oder Cumu, wozu geröstete Bananen oder Brod mit in heisser Asche gebratenen Buschfischen genossen wurde. Des Mittags kochte ich die Universalkost, Bananen, entweder ganz, mit Speck, oder zerschnitten und im Wasser zu einer Art Brei gekocht, mit Fleisch oder Fischen. Das Abendessen bestand aus den Ueberbleibseln der Mittagskost. Dies war mein Küchenzettel für alle Tage der Woche, die ausgenommen, an welchen ich nach Mauritzburg musste, oder Brokkodjokko etwas schoss. Affen und Faulthiere brachte er häufig nach Hause, und Abomas (Riesenschlangen) wurden gut geräuchert, und mit grossem Appetit verspeist. Obwohl Soldat, war ich doch im Besitz einer uneingeschränkten Freiheit, nie jagte mich die Ladenglocke, die ich so oft verwünscht, von meinem frugalen Mahle auf. Der Insektenfang und die Fischerei beschäftigten mich den ganzen Tag. Die freie Luft und das kalte Wasser des Kreek erhielten mich gesund und munter, und jetzt noch, nach 15 Jahren, denke ich sehr gerne an jenes freie, sorgenlose Leben zurück.

Die Regenzeit hatte Anfangs Juni ihren höchsten Grad erreicht, und der Weg nach Imotappie glich seiner ganzen Länge nach einem grossen Sumpfe. Des Tages zweimal untersuchte ich auf demselben meine Maschoas, deren letzte eine

Viertelstunde vom Posten entfernt war [2]. Häufig sah ich ganze Truppen von Fischottern, hier Wasserhunde genannt, welche in den Kreeken Fische fingen. Sie gleichen an Gestalt und Grösse den europäischen; ihr Fell ist äusserst fein, oben graubraun, unten gelb. Obwohl sehr neugierig, sind sie doch äusserst schlau, und man bekommt sie nur selten, weil sie gleich untertauchen.

Eines Tages sah ich, als ich das Gras auseinanderschob, um durchzukommen, einen grossen Tapir vor mir auf dem Wege stehen, der, nicht weniger erschrocken als ich, in die Kreek sprang und mich über und über bespritzte.

Einige Zeit lang jagte Brokkodjokko sehr unglücklich; er schrieb sein Missgeschick der Schwangerschaft eines seiner Weiber zu. Dieser wunderbare Glaube herrscht unter den Negern und Eingebornen allgemein. Kaum war auch sein Weib, eine Sklavin des Holzgrundes Copie, niedergekommen, so brachte er den ersten Pakir mit nach Hause. Es war ein grosses, gegen 60 Pfund schweres Thier, von dessen Fleische wir mehrere Tage lang gut lebten. Vieles davon räucherte er, und versah mit diesem die Kindbetterin.

Nachdem er wieder die ganze Woche nichts geschossen hatte, ging er Freitags darauf mit der Versicherung in den Busch, abermals einen Pakir zu bringen, den er nur heute, sonst nie schiessen werde. Gegen 11 Uhr schleppte er wirklich einen, der den ersten noch an Grösse übertraf, nach Hause. Es war mir diess unbegreiflich, da ohne Hunde selten Pakire geschossen werden. Sein Versprechen konnte wohl für Prahlerei gehalten werden, das der Zufall in Erfüllung gehen liess. Doch wunderbar ist es, dass er den dritten Freitag nach abermaliger Voraussage den dritten heimbrachte. Aufschlüsse über die Art und Weise seiner Jagdkunst erhielt ich nie; das einzige, was ich sah, war die Unterhaltung mit seinen Obias, deren er am Leibe und in seinem Pakara verschiedene hatte.

Er war ein wunderlicher, von Aberglauben vollgepropfter Kerl, übrigens ein guter Christ; unter Anderem verstand er auch das Schneiden gegen den Schlangenbiss. Sein Treff verpflichtete ihn, kein Schildkrötenfleisch zu essen.

Anfangs Juni an einem Sonntage musste ich Briefe nach Imotappie bringen. Der Weg war schlecht, und überdiess hatte ich noch 36 Pack Patronen bei mir, die für die Besatzung dieses Postens bestimmt waren. Ein Fuss langer, alter Hauer war meine einzige Waffe. Schon hatte ich die Hälfte des Weges zurückgelegt, als ich auf einem etwas trockenen Platze einen ganz jungen Tiger von der Grösse einer Katze liegen sah, der, sobald er mich erblickte, sich auf den Rücken legte, und nach Katzenart mit den Pfoten um sich schlug. Ich steckte ihn in meine Mütze, welche ohne Futter einen grossen Sack bildete. Ausser mir vor Freude, dachte ich gar nicht an die Gefahr, von seiner Mutter, die sicher in der Nähe war, aufgespürt zu werden. An Vertheidigung wäre nicht zu denken gewesen; denn obgleich der Jaguar niemals Menschen angreift, hätte er mich doch in diesem Falle zerrissen. Daran zu denken, hatte ich aber keine Zeit. Ohne Kopfbedeckung und nur mit dem Thierchen beschäftigt, das unaufhörlich schrie und miaute, lief ich aus Leibeskräften, um so schnell als möglich nach Imotappie zu kommen. Ich kam daselbst so erhitzt an, dass ich keinen Laut von mir geben konnte.

Der Lieutenant, dem ich meine Briefe übergab, sowie alle umstehenden Soldaten des Postens, wunderten sich theils über das niedliche Thier, theils über meine Kühnheit, es mitgenommen zu haben. Man rieth mir, es zu tödten und erst den andern Morgen nach meinem Posten zurückzukehren, um nicht der Alten, die das Junge suchen werde, in die Klauen zu fallen; allein ich schämte mich, Furcht zu verrathen und trat Nachmittags gegen 2 Uhr den Rückweg an. Ich setzte den jungen Jaguar, der immer noch schrie, in den Batatta, worin ich die Patronen gebracht hatte, und lief so schnell, als es der schlechte Weg erlaubte. Doch schon beim Anfange des Weges bereute ich es, mich so unnöthig in solche Gefahr begeben zu haben. Das kleinste Geräusch im Busche trieb mir die Haare in die Höhe, und ich bekenne, dass ich nie herzlicher gebetet habe, als wie ich mich der Stelle näherte, wo ich den kleinen Schreier gefunden hatte. Glücklich erreichte ich mein Haus, wo Brokkodjokko, nichts vermuthend, mir den Batatta abnahm, dann aber, als er des Tigers ansichtig wurde, wie ein Narr vor Freude in der Kammer herumsprang und mich mit Lobeserhebungen überhäufte. Er wollte sogleich nach Mauritzburg, um das Wunder zu erzählen und die Briefe zu überbringen.

Ich schlachtete alsbald einen Hahn, von welchem mein kleiner Gast etwa den vierten Theil frass.

Am andern Morgen fand ich rund um das Haus die Fussspuren eines grossen Jaguars, der verschiedene Male um dasselbe gelaufen seyn musste. Doch, obwohl Brokkodjokko mit schwergeladenem Gewehr die Umgegend durchstreifte, konnte er ihn nicht mehr finden.

Denselben Tag waren 10 Zimmerneger unter der Leitung eines gleichfalls schwarzen Meisters angekommen, um aus dem alten Hause ein kleineres neues zu machen, freilich so wohlfeil als möglich. Dieses sollte, 18' im Quadrat, unten und oben eine Kammer enthalten und 27' im Giebel hoch seyn. Unter das Dach der Küche, das ohne alle Seitenwände blos auf vier 12' hohen Pfosten ruhte, wurden Bretter gelegt, um mir indessen zur Wohnung zu dienen, die man vermittelst einer Leiter bestieg. Sie war gerade so lang, dass man eine Hängematte hängen, und so hoch, dass man in der Mitte etwas gebückt stehen konnte; dabei wimmelte es von Fledermäusen, die Jahre lang diess Haus in ungestörter Ruhe besessen hatten, und hundertmal von mir verjagt, immer wieder zurückkamen. (Hier habe ich die zwei grössten Tausendfüsse gefangen, die über 10" lang waren.) Fenster gab es nicht, auch hatte ich sie nicht nöthig, da ich mich meistens unter dem Hause im Freien aufhielt.

Der Guide schlief in dem Schuppen, den die Zimmerneger für sich aufgerichtet hatten. Ich war also mit meinem Tiger, der schon den zweiten Tag viel von seiner Wildheit verloren hatte, und sich ganz wie eine junge Katze betrug, des Nachts allein. Seine Stimme war rauher und sein Gang unbeholfener als bei einer Katze. Alle zwei Tage schlachtete ich ein Huhn für ihn, da er durchaus nichts anderes fressen wollte. Er hielt sich stets in meiner Nähe auf und spielte mit dem kleinen Hund des Guide wie mit seines Gleichen.

Eilf Morgen hintereinander sahen wir die Spuren des Alten, der ums Haus herumschlich und sich sogar in den Kamp der Zimmerneger wagte, wo er einen Neger, der Bananen röstete, so erschreckte, dass dieser ein Zetergeschrei erhob, und Alles mit Aexten und Hauern bewaffnet herbeieilte. Da ich etwa 50 Schritte davon entfernt allein schlief, so hielt ich es für rathsam, jede Nacht die Leiter heraufzuziehen, und mich so auf diese Weise förmlich zu verschanzen. Weder der Wachsamkeit Brokkodjokkos, noch der Zimmerneger gelang es, auf den Tiger schiessen zu können, der endlich von selbst wegblieb. Fünf Wochen lang hatte ich den jungen Tiger beinahe ausschliesslich mit Hühnern gefüttert; als diese zu Ende waren, musste ich ihm abgezogene Fledermäuse vorsetzen. Er frass sie zwar, doch bekamen sie ihm so schlecht, dass er vier Tage nachher starb. Für seinen Kopf bekam ich acht Gulden Schussgeld vom Gouvernement.

Am Zimmermeister, der holländisch sprach, hatte ich nun wieder einen Gesellschafter. Seine Neger besuchten frühe, ehe ich aufstand, meine Maschoas und stahlen die Fische. Dagegen konnte ich nichts thun, als ihnen zuvorzukommen; desswegen lief ich häufig, noch ehe der Tag anbrach, dahin, um nicht bestohlen zu werden.

Der Bau des Hauses wurde wenig gefördert; denn Meister und Gesellen machten es sich so gemächlich als möglich. Vieles Holz zu Balken musste aus dem Walde geholt werden.

Dabei geschah es einmal, dass die Neger eine 14' lange Capassischlange

(Trigonocephalus rhombeatus) tödteten und nach Hause brachten [3]. Es ist diess die giftigste der einheimischen Schlangen, die mit der Klapperschlange in der Zeichnung und Farbe grosse Aehnlichkeit hat, doch bedeutend länger und im Verhältniss nicht so dick ist. Sie ist braun, hat grosse, viereckige, schwarze Flecken und Schuppen, welche oben einen erhöhten Kiel oder Rücken haben. Ihr Unterleib ist gelblich, die Giftzähne sind wohl 1½" lang. Der Tod soll manchmal augenblicklich auf ihren Biss erfolgen, Blut aus allen Poren und Oeffnungen des Körpers fliessen, und der getödtete Körper von keinem Aasvogel gefressen werden. Aus der Haut machte ich eine Mütze, den Kopf aber hatte Brokkodjokko abgeschnitten, um ihn zu dörren. Getrocknet und ganz zu Pulver gestossen, wird er noch mit Asche von gewissen Pflanzen vermengt und alsdann in die Schnitte gerieben, die vor dem Biss der Schlangen sichern sollen; darin war nun Brokkodjokko Meister. Er hing den Kopf über den Rauch, doch so nieder, dass ihn sein kleiner Hund erreichen konnte. Dieser, nicht so gelehrt wie sein Herr, wollte den Kopf fressen und blieb unglücklicherweise in den Zähnen des bereits halbgeräucherten Kopfes hängen. Er hing nun wie ein Fisch in der Angel; auf sein klägliches Geschrei eilten wir sogleich herbei, um ihn loszumachen. Er hatte eine kaum bemerkbare Wunde, aus welcher nicht einmal Blut floss, und doch war er nach einer halben Stunde todt; der todte Kopf hatte ihn getödtet.

Auf meinen Märschen nach Mauritzburg oder Imotappie sah ich stets eine Menge Affen, die sich in grossen Truppen hier aufhalten. Nie ging ich nach einem dieser Posten, ohne Hunderte von sogenannten Mungi-Mungis (Simia sciurea) zu finden, die auf den Bäumen herumgaukeln und sich unter tausend Fratzen entfernen, wenn sie Jemand erblicken. Sie sind die niedlichsten Affen Surinams, nicht viel grösser als ein Eichhörnchen, grünlichgrau, mit weissem Bauche und orangegelben Händen. Ihr rundes Köpfchen hat ein weisses Gesicht, einen schwarzen Mund und grosse, dunkelbraune, freundliche Augen. Der kurzhaarige Schwanz, dessen Ende schwarz ist, ist länger, als der Leib. Sitzt das Thierchen, so hält es ihn über den Rücken geschlagen. Diese zärtlichen Thierchen leben von Früchten und Insekten, und sind schwer nach Europa zu bringen.

Eines Morgens ging ich nach Mauritzburg. Als ich auf einem Platze ankam, wo sehr viele Ananas stehen, hörte ich ein mörderisches Geschrei von Affen, die, wie es schien, Händel mit einander hatten. Ich war neugierig, die Ursache zu wissen, legte desswegen meine Batatta auf die Erde und schlich in den Busch. Hier sah ich, wie sich etwa 20 Affen von der Art, welche man Kesi-Kesi (Cebus niger) nennt, und die von der Grösse einer Katze sind, um eine grosse, reife Ananas, welche sie gefunden und abgerissen hatten, auf dem Boden herum balgten. Sie war zu gross, um auf die Bäume geschleppt werden zu können, und zu stachlicht, um sie so stante pede aufzufressen. Ich trat hervor, und blitzschnell flogen alle auf die Bäume, von wo aus sie mit Verwunderung zusahen, wie ich ihre Ananas mitnahm und aufass.

Etwa hundert Schritte von der Kaserne stand am Rande des Waldes ein sehr hoher Baum, der, von keinen Lianen umgeben, in einer Höhe von etwa 60' seine ersten Aeste ausbreitete. An die äussersten Zweige hatten seit langer Zeit grosse, schwarze Ameisen ihre Nester angehängt, die aus einer gelben, schwammigen Substanz bestehen, welche man als Zunder gebraucht und in Paramaribo in kleinen Ballen verkauft. Die Quantität dieser Nester mochte wohl 6 Simri betragen haben. Viele Neger hatten schon versucht den Baum zu fällen, hatten dieses aber, seiner vielen Ausläufer und seines harten Holzes wegen, gehen lassen. Das Hinaufklettern hatte noch keiner versucht, weil diess eine reine Unmöglichkeit zu seyn schien.

Der Kommandant des Flügels hatte mir nun zur Säuberung des Postens zwei Neger gesendet, die einige Tage hier verweilten, und deren Arbeit ich nachzusehen hatte.

Eines Morgens ging ich mit der Flinte in den Wald und sah über mir auf dem genannten Baum etwas Schwarzes, das halb sichtbar durch die Blätter in den Bäumen herumkletterte. Ich hielt es für einen Kwatta (grosser schwarzer Affe, Ateles coaita) und legte darauf an, als eine klägliche Stimme mich bat, nicht zu schiessen. Ich erkannte nun einen der zwei Neger, welcher den Zunder herunterholen wollte. Mit seinem Hauer hieb er die Aeste, welche Nester trugen, ab, und kam mit denselben auf den Posten. Wie der zwischen 60 und 70 Jahren alte Neger auf den Baum gekommen war, erfuhr ich nie; er ertrank auch kurze Zeit nachher in der Casawinika.

Ein guter Freund, der auf dem Posten Armina lag, hatte mir schon vieles Schöne von diesem Platze geschrieben und den Wunsch in mir erregt, ihn zu besuchen. Es war der äusserste Posten des Landes, welcher einsam an der Buschnegergrenze am Marowyne lag. Eine Patrouille von schwarzen Soldaten ging jeden Monat dahin ab, um den Sold zu bringen und die Militärrapporte zu holen. Man sprach viel von dem mühsamen Weg, der durch grosse Moräste und tiefe Kreeken und über 72 Berge führen sollte, daher besonders in der Regenzeit schwierig sey. Aus diesem Grunde werden nur Guiden zu diesen Patrouillen gebraucht, und nur in besonderen Fällen macht ein Blanker die Reise mit. Mein Kommandant erlaubte mir aber, statt eines Guiden dahin gehen zu dürfen, worauf ich für acht Tage, denn so lang dauerte die Reise, Lebensmittel erhielt. Diese bestanden in 8 Pfund Zwieback, 4 Pfund Speck, 4 Pfund Fleisch und 8 Pfund Reis, wozu ich noch Caffee, eine Flasche Zucker und Cacao beifügte. Ein Ränzel mit Kleidungsstücken, ein blechener Topf zum Kochen, ein Kistchen und Netz zum Schmetterlingsfang, ein Gewehr und ein Hauer mussten ebenfalls mitgenommen werden. Als diese Wirthschaft auf meinem Rücken rangirt war, schien es mir selbst unmöglich, so weit kommen zu können.

Für die Dauer meiner Reise wurde ein anderer Soldat nach meinem Posten gesandt.

Erst gegen 11 Uhr verliess ich Mauritzburg in Begleitung zweier Guiden, und zog abwechselnd durch Savannen und Hochwald nach dem sechs Stunden weiter entfernten Posten Oranjebo. Unterwegs findet man weder einen Posten, noch eine Pflanzung. Etwa noch eine Stunde vom Posten entfernt, kamen wir gegen Abend an zwei Moräste, durch welche man bis an die Hüften nicht bloss im Wasser, sondern in einem Brei von stinkendem Schlamm marschiren musste. Gegen 7 Uhr kamen wir auf dem Posten an, wo mich meine Kameraden durch ihre Gastfreundschaft für die Mühseligkeiten meiner Reise entschädigten.

Oranjebo, am obern Comowyne, liegt gerade über dem Fussweg nach Armina, und dient, da es seiner geringen Besatzung wegen, die nur aus einem Korporal und 5 Mann besteht, doch nicht als Vertheidigungsposten zu betrachten ist, blos dazu, die Patrouillen über den Fluss zu setzen. Es liegt keine Pflanzung in der Nähe, und der nächste Posten Imotappie, wo sie ihre Lebensmittel holen, ist vier Stunden entfernt. Fische und Wild sind im Ueberfluss vorhanden, und der obere Comowyne ist wegen seiner köstlichen Haimuras bekannt, eines 10 und mehr Pfund schweren Schuppenfisches, der sehr theuer bezahlt wird. Man fängt sie in zuckerhutförmigen Körben, durch die ein elastischer Stab läuft, der einen, am untern, breitern Ende befestigten Deckel aufgespannt hält. Ein Frosch oder ein Stück Fleisch ist daran befestigt, und so wie der Fisch hineingeräth, fällt der Deckel zu. Der Korb wird unter Sträucher in's Wasser gesetzt und jeden Morgen nach ihm gesehen. Ein Soldat beschäftigte sich ausschließlich mit diesem Fang, und hatte stets einen Vorrath von Fischen.

Des andern Morgens um 7 Uhr betraten wir das jenseitige Ufer und kamen nach einer Stunde an eine grosse, stets unter Wasser stehende Savanne, welche mit Binsen und einzeln stehenden Mauritzen bedeckt war, in denen Legionen Papageien nisteten. Beinahe eine Stunde zogen wir, bis zur Hüfte im Wasser, über diesen Sumpf, welcher von der in der Regenzeit überströmenden Peninika und dem Tempati gebildet wird, und selbst in langen Trockenzeiten nicht austrocknet.

Durch eine Sandsavanne voll niederen Buschwerks war der Weg beinahe nicht zu finden, und nur an abgebrochenen Zweigen erkannten meine Schwarzen den Pfad. Dieser ging, wiewohl in steten Krümmungen sich hinziehend, doch stets südöstlich und von nun an durch einen Hochwald, der so dicht war, dass wir die Sonne nicht sehen konnten. Allmählich erhöhte sich das Land, und wir kamen über Hügel, an deren Fuss sich immer eine Kreek oder ein Sumpf befand.

Oft nöthigten uns umgefallene, ungeheure Bäume, sie zu umgehen oder über sie zu klettern. Ueber tiefe und reissende Kreeks lagen manchmal blos armsdicke Stangen, über welche man seiltänzerartig balanciren musste. Wir fanden zwei grosse Schildkröten, die wir zur Abendmahlzeit mitnahmen. Abends 5 Uhr kamen wir an einige, aus Palmblättern verfertigte Hütten oder Kampen, die zum Nachtlager von früheren Patrouillen gemacht worden waren. Hier hielten wir an, um zu übernachten. Bald brannte ein lustiges Feuer; die Schildkröten wurden geschlachtet; Bananen, welche die Guiden mitgebracht hatten, gekocht und in Schildkrötenbast, Tum Tum (Pudding von Bananen), gestampft. Es war diess eine herrliche Mahlzeit.

Zur Lagerstätte (die Guiden hatten ihre Hängematten bei sich) schnitt ich eine Menge Blätter ab und machte neben das Feuer mein Lager. Man band die Gewehre zusammen, und jeder legte sich schlafen, so unbesorgt, als zu Hause. An das Feuer kam eine Menge grosser, leuchtender Käfer (Elater noctilucus) brummend geflogen, von denen ich ein Dutzend fing und mit nach Mauritzburg nahm. Sie sind etwa 1¼" lang und olivenbraun; der Brustschild ist oben mit zwei bleichgelben, runden, an jeder Seite wie Augen aussehenden und etwas erhabenen Flecken besetzt, deren Licht so stark ist, dass man es selbst im hellen Sonnenschein bemerken kann. Die feinste Schrift lässt sich lesen, wenn man mit dem Insekte über das Gedruckte fährt, mehrere zusammen in ein Fläschchen gethan, machen ziemlich helle. Im Fluge zeigt sich ausser den Augen noch ein starkes, rothes Licht unter den Flügeln auf dem Rücken, das von den mittelsten Ringen herrührt und im Laufen bedeckt ist. Das Licht der Augenflecken kann der Käfer vermindern oder vermehren.

Die Nacht war ziemlich kalt, so dass mir ein warmer Caffee, der schnell bereitet war, gut bekam. In der Hütte liessen wir einen Theil unserer Provision für die Rückreise, und zogen nach beendigtem Frühstück weiter.

Beim Herabsteigen eines ziemlich hohen Bergs wurden wir auf einem wenig belaubten, hohen Baume zwei Kwattas (Ateles coita) gewahr, die sich in der Morgensonne wärmten. Der eine erblickte uns, ergriff den andern beim Schwanze und machte ihn auf uns aufmerksam. Sie sahen uns bedächtig an und machten sich erst, als ein Guide auf sie anlegte, mit einem verwunderungsvollen O! O! aus dem Staube.

Das Land wurde nun immer höher. Mittags kamen wir an den sogenannten rothen Berg, der auf der einen Seite sehr steil, beinahe lothrecht ist und durch Klettern erstiegen werden muss. Er kann etwa 150' hoch seyn. Auf seinem Gipfel befinden sich mehrere grosse Bäume, in welche man gewöhnlich den Namen einschneidet, um die Heldenthat, diesen Berg erstiegen zu haben, zu verewigen.

Eine klare, eiskalte Kreek fliesst an seinem Fusse. Abends 5 Uhr hörten wir das Brausen der Marowyne, die über zahllose Klippen cascadenweise stürzt.

Unsere Abendmahlzeit bestand wieder in Schildkröten, deren es in dieser Gegend sehr viele gibt. Die Nacht ward ebenfalls im Kampe zugebracht. Gegen 9 Uhr des andern Morgens sahen wir von einer Anhöhe aus den prächtigen Strom mit seinen Inselchen und Klippen, sowie den Posten in einem Walde von Bananenbäumen vor uns liegen. Ungesehen kamen wir in den Bananengrund, wo wir drei Schüsse, das Zeichen der Patrouille, abfeuerten. Alles stürzte uns entgegen; denn Jedermann verlangte nach Neuigkeiten, deren man auf diesem so einsamen und abgelegenen Posten so wenig erfährt. Mein Freund aber, um dessenwillen ich die Reise gemacht hatte, war vor 14 Tagen gestorben.

Der Posten, von einem Lieutenant commandirt, bestand etwa aus 24 Mann, 8 zum Transport der Lebensmittel bestimmte Neger ausgenommen. Auch ein Hospital und ein Doctor befanden sich hier. Alle Gebäude, meistens aus Pinapalmen (Oenocarpus?) errichtete Hütten, unter denen bloss das Kommandantenhaus aus Brettern besteht, waren von Pallisaden umgeben, und umschlossen einen viereckigen Platz, um welchen gut erhaltene Hecken von Lianen sich zogen, und in dessen Mitte ein Flaggenstock und Sonnenweiser standen.

Die Kaserne war höchst baufällig, hatte nicht einmal einen Fussboden, und war auch desshalb, wenn der Strom austrat, nicht bewohnbar.

Das Land ist ausserordentlich fruchtbar, und die Gärten der Soldaten, deren jeder einen hatte, lieferten Gemüse und Feldfrüchte im Ueberfluss.

Nie kann hier unter der Leitung eines verständigen Kommandanten Mangel eintreten, und der jetzige hatte sein Möglichstes gethan, um durch Zwang und gute Worte die Leute seines Detachements zu ihrem eigenen Wohl zur Arbeit anzuhalten. Mit Fischen und Wild wurde man täglich von Buschnegern und Indianern versorgt, welche Salz dafür eintauschten.

Der Posten ist ungeachtet seiner schönen Lage als sehr ungesund bekannt; es starben auch in selbigem Jahre von der Besatzung, die 16 Mann betrug, sieben; doch herrscht diese Sterblichkeit nicht jedes Jahr, auch getraue ich mir nicht, sie allein dem Klima zuzuschreiben.

Gemeiniglich werden nach solchen weit abgelegenen Posten die unbrauchbarsten und schlechtesten der Compagnie gesandt, deren Gesundheit durch langes Saufen zerrüttet ist, und die sich nun an eine Lebensweise gewöhnen müssen, bei welcher man nicht immer Branntwein haben kann. Manchmal kaufen sie heimlich von Buschnegern grosse Krüge Dram, den diese von Paramaribo mitbringen und sich theuer zahlen lassen. Diesen trinken sie dann um so gieriger, je länger sie ihren Lieblingstrank entbehren mussten.

Die Nächte sind kühl, die Tage aber drückend heiss, weil die vielen Felsen eine grosse Hitze zurückwerfen. Ich besuchte den eine Viertelstunde vom Posten entfernten, in der ganzen Colonie seiner Grösse wegen bekannten Mama- oder Cattantreebaum (Bombax ceiba), den grossen Abgott der Aucaner-Buschneger, zu welchem ein durch den Wald gehauener Weg führte. Der etwa 80' hohe Stamm dieses prächtigen Baumes hat gegen 8' Durchmesser, und bildet mit seinen Ausläufern oder Sprossen, die bis zu einer Höhe von 10' gehen, grosse Kammern, worin sich verschiedene Personen verbergen können. Er ist ganz mit stumpfen Stacheln bedeckt. Das Eigenthümliche dieser Bäume ist, dass sie nicht alle Jahre blühen und in der Blüthezeit keine Blätter haben. Die Frucht ist von der Grösse eines Gänseeies und enthält eine Menge der feinsten, hellbraunen Seide, die, in die Hülle dicht gepresst, viele schwarze Samenkörner umgibt. Blätterlos, nur mit seinen Früchten behangen, steht der Baum des Abends da; knallend öffnen sich die Früchte meistens in Einer Nacht, zerstreuen ihren Inhalt in grossen Flocken, und des Morgens steht dieser Riese des Pflanzenreichs in einem seidenen Mantel, der von allen Zweigen niederhängt und einen wundervollen Anblick gewährt. Die Colibris machen hauptsächlich mit dieser Seide ihre Nester. Sind die Früchte abgefallen, so kommen die Blätter zum Vorschein. Das Holz ist weich und schwammig und desshalb nicht brauchbar.

Dieser Baum also wurde von den Aucaner-Buschnegern verehrt. Wenn sie von ihren Dörfern kamen, so opferten sie Fleisch und Fische; kamen sie dagegen von Paramaribo, so wurde er mit Wein oder Dram tractirt. Die Soldaten des Postens halfen gleich nach dem Abgange der Neger dem Gott von seinen Eiern und Getränken; Flaschen, Teller und Brabis (Buschnegerschüsseln von gebranntem Thon) aber lagen haufenweise in den Kammern des Baumes, und drei, ebenfalls enorme Cottontrees standen in einiger Entfernung.

Ausser diesem Abgotte, der seinen bleibenden Tempel hier hatte, zeigte sich zuweilen auf Armina eine Göttin höchsten Ranges, die sogenannte Wassermama. Man hatte sie einigemale auf dem Felsen sitzen sehen, doch konnte ich auch von denen, die sie gesehen haben wollten, nichts über ihre Gestalt und Farbe hören.

Man glaubt, dass der Manati die Veranlassung zur Fabel von Meermenschen gebe; doch hier wenigstens kann diess nicht der Fall seyn, da ein so schwerfälliges Thier nicht bis an die Klippen des obern Marowyne kommen kann.

Merkwürdig ist die Menge von Fledermäusen, die sich in den Häusern des Postens aufhalten. Gegen Sonnenuntergang sieht man Wolken derselben aus ihren Schlupfwinkeln nach der französischen Seite ziehen, und die Soldaten sind genöthigt, die ganze Nacht hindurch Licht zu brennen, um nicht gebissen zu werden. Diess ist die einzige Plage, welcher man hier ausgesetzt ist.

Den dritten Tag nach unserer Ankunft verliessen wir Armina wieder. Mein Jagdgewehr hatte ich verkauft. Statt desselben hingen zwei Käfige (Koerikoeri) aus Varimbo, einer Art indianischen Rohrs, mit einem sehr zahmen Pfefferfrass und einem Papagey nebst einem Affen an meinem Ränzel festgebunden. Letzterer schrie immerwährend und erfasste jeden Zweig, den er bekommen konnte. Der Tucan, dessen langer Schnabel in dem kleinen Käfige nicht Platz genug hatte, starb nach ein paar Stunden.

Abends assen wir ein Fricassee von einem Leguan, den ich von Armina mitgenommen hatte.

Hier hörte ich im Kampe die Stimme eines Vogels, der, wie ich mehrere Jahre nachher sah, von der Grösse einer Taube und braunroth ist, und einen nackten kahlen Kopf hat. Ich kann sie nur mit dem Tone einer verstimmten Posaune vergleichen; sie ist auch so laut, dass sie am jüngsten Gericht leicht die Todten erwecken könnte. Die Indianer nennen ihn Kwau (Gymnocephalus calvus); er gehört in das Geschlecht der Fliegenschnapper.

Den zweiten Tag waren wir so nahe bei Oranjebo, dass wir sehr leicht noch vor Nacht hätten den Posten erreichen können; diess wollten übrigens die Guiden nicht, welche nicht gerne mehr thaten, als ihnen vorgeschrieben war.

Am vierten Tag war ich wieder auf meinem Posten zurück. Die Sümpfe verminderten sich in der Umgegend von Tag zu Tag, und es war nicht möglich, die Fische, welche ich in meinen Maschoas fing, aufzuessen. Täglich bekam ich Besuche von Kameraden anderer Posten, welche hier Fische fangen und essen wollten. Diese hatten sich aus dem Walde, wo Alles eingetrocknet war, in die Gräben, welche längs des Cordons hinliefen, zurückgezogen. Sie verbargen sich hier unter den Blättern von Wasserlilien, oder im Schlamme. Mit scharfen Hauern (Säbeln) wateten wir in die Gräben und schlugen die Stöcke und Blätter ab, um die darunter befindlichen Fische zu treffen. Jeder hatte seinen eigenen Distrikt, damit wir uns nicht gegenseitig verwundeten.

War alles klein gehauen, so durchsuchte man mit den Händen den Graben, und warf die verwundeten Fische ans Ufer. Ein alter Soldat, der mich besuchte, zog auf diese Weise eine etwa 3' lange Schlange hervor, die er für einen Aal hielt, und auch seinen Irrthum nicht bälder bemerkte, bis sie ihn in den Arm gebissen hatte. Glücklicherweise war auch Brokkodjokko hier, der in seiner Jagdtasche stets seine Zaubermittel mit sich führte, und jetzt mit wichtiger Miene sein schwarzes Pulver in die Wunde rieb. Der Biss hatte keine Folgen,

vielleicht weil er unterm Wasser geschah [4].

Im Oktober und November fingen wir eine unglaubliche Menge der köstlichsten Fische. Alle Kreeken waren eingetrocknet, und ihre Bewohner zogen sich nach den Plätzen oder Löchern hin, wo noch etwas Wasser stehen geblieben war. Hier sah man sie manchmal zu Tausenden ihre Köpfe aus dem Wasser strecken, dabei sich so viel wie möglich sortenweise abgesondert halten, so dass man, wie in einem Fischhause, von jeder Art die schönsten und besten aussuchen konnte. Doch war diess ein schlimmes Geschäft, welches man nackt verrichten musste, und nach welchem man ein paar Stunden zur Reinigung brauchte. Der üble Geruch faulender Fische, welche schuhhoch längs der Gräben lagen, war unausstehlich, und Schaaren von Aasvögeln hielten hier immerwährend Mahlzeiten.

Hier sah ich unter den gemeinen Geyern einige Dutzende sogenannter Geyerkönige (Vultur papa), die sich durch ihre Schönheit vor den andern auszeichnen, auch im Fressen den Vorrang haben. Nie sah ich diese Vögel in solcher Anzahl, da sie sonst selten und nur einzeln gesehen werden.

Wir hatten 11 grosse Barbacats (von hölzernen Stäben verfertigte Roste) auf dem Posten errichtet, über welchen über 1000 Fische zum Räuchern lagen, obgleich wir kleine und schlechte nicht genommen hatten.

In dieser Zeit des Ueberflusses thaten auch die Zimmerneger ihr Möglichstes, um Fische zu fangen, und liessen Axt und Säge so lange ruhen. So kam es, dass erst in der Mitte Novembers ein Haus fertig wurde, das vier europäische Zimmerleute in drei Wochen, dazu noch besser und solider, aufgeführt hätten, als diese eilf Schlingel in vier Monaten.

Noch ehe ich meine neue Wohnung bezog, wurde ich, was anderswo noch nie geschehen war, von einer Fledermaus gebissen. Ich wachte Nachts auf und fühlte, dass ich über und über nass war. Um die Ursache zu entdecken, machte ich Licht und fand zu meinem grössten Erstaunen, dass Hemd und Hängematte von Blut trieften. Dieses rann mir, ohne dass ich den mindesten Schmerz fühlte, aus der Nasenspitze, wo ein linsengrosses Stückchen abgebissen war. Man hatte sonst nie Vampyrs auf Nepheusburg bemerkt, und wahrscheinlich wurden sie durch die Ausdünstung der Neger herbeigezogen. Meine Hühner wurden in der Folge jede Nacht gebissen, und wie sorgfältig ich auch ihren Stall schloss, fand ich doch jeden Morgen neues Blut, das aus Hals, Füssen und Kamm tropfte. Sie wurden dadurch so geschwächt, dass sie nicht mehr auf ihren Stöcken sitzen konnten. Aniswiriwiri, Blätter einer nach Anis riechenden Staude, zum Geschlecht des Pipers gehörend, halfen auch nicht, wiewohl die Fledermäuse deren Geruch nicht ertragen können.

Auf vielen Pflanzungen werden Pferde und Vieh so von Fledermäusen gebissen, dass sie mager werden und sterben. Der Geruch eines Bocks, den man im Pferdestall hält, soll sie ebenfalls verscheuchen. Zur kleinsten Oeffnung kriechen diese Thiere hinein, und wo ihnen der Raum nicht zu fliegen gestattet, da kriechen sie.

Das Haus war endlich fertig und stund mitten auf dem Wege, gewährte daher die Aussicht nach beiden Seiten des Cordons, und war desshalb viel zweckmässiger, als das frühere.

Der Zimmermeister mit seinen Gesellen hatte uns verlassen, und an die Stelle lärmender Arbeit traten wieder Einsamkeit und Stille.

Um diese Zeit ging eine Buschpatrouille aus der obern Comewyne-Division in die Sümpfe und Wälder an der Tampati und dem Peninika-Kreek, wo, wie man erfahren hatte, ein Dorf von weggelaufenen Sclaven bestand. Alles ward geheim gehalten, und ausser dem Commandanten der Patrouille wusste Niemand, wohin es gehen sollte.

Einige Tage nach deren Zurückkunft sass ich gegen 8 Uhr Abends in meiner Kammer und las, als ich Brokkodjokko, der Bananen röstete, laut »Wer da?« rufen hörte. Neugierig zu wissen, wer so spät noch ankäme, öffnete ich den Laden und sah etwa 50 Schritte vom Hause entfernt eine in Weiss gekleidete Person. Unbeweglich stand dieselbe, und auf meine Aufforderung, sich erkennen zu geben, folgte keine Antwort.

Brokkodjokko hatte indessen geladen und schoss, worauf diese räthselhafte Erscheinung verschwand.

Zugleich hörten wir von verschiedenen Seiten des Waldes Negersignale, ein lautes Hoh, um sich einander zu erkennen zu geben. Ich dachte sogleich an die Patrouille und schloss, dass es durch sie verjagte Wegläufer wären, die des Weges unkundig den Posten passiren wollten. Wir luden unsere Gewehre, verschlossen das Haus und wachten die ganze Nacht; doch liess sich nichts sehen noch hören. Des Morgens berichtete ich den Vorfall dem Commandanten, worauf der Posten um einen Mann verstärkt wurde. Doch nicht lange mehr durfte ich mich der nun grösseren Sicherheit erfreuen, denn gegen das Ende des Jahrs kündete mir Brokkodjokko, der Lebensmittel von Mauritzburg brachte, mit Freudengeschrei an, dass ich zum Vicecorporal ernannt wäre. So stand ich endlich auf der Leiter zur höchsten Macht!