Tahiti: Roman aus der Südsee. Dritter Band

Friedrich Gerstäcker · Kapitel 5 von 12

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Tahiti: Roman aus der Südsee. Dritter Band

Capitel 3. Die Tahitische Flagge.

Capitel 3.

 

Die Tahitische Flagge.

 

Sadie hatte indessen gar trübe, angsterfüllte Tage verlebt; Renés Wunde war allerdings nicht gefährlich, ja sogar viel leichter als sie im Anfang gefürchtet, gewesen und heilte so rasch, daß er schon am nächsten Tage wieder sein Lager verlassen und mit dem Arm in der Binde sich ziemlich frei umherbewegen konnte, aber Renés Gegner war an seiner Wunde gestorben, und so sehr sich auch Bertrand jetzt Mühe gab, die Kunde dem Ohr der armen jungen Frau noch vorzuenthalten, brachte doch schwatzhafter Mund die Trauernachricht auch in ihre Hütte und füllte ihr Herz mit unermeßlichem Weh. —

René ein Mörder — ihrethalben, und Alles was ihr der Geistliche erst vor wenigen Tagen von Schmach und Sünde und Gottes Zorn gesagt, traf ihr die Seele jetzt mit hundertfacher Kraft, und schrieb ihr den bitteren furchtbaren Vorwurf mit blutigen Zügen tief in das angstgequälte Herz. — René ein Mörder — Blut an der Hand, die sie in Glück und Liebe tausendmal geküßt — Blut an der Hand, in die sie die ihrige vor Gottes Altar einst gelegt. Heiliger Vater im Himmel, wie ihr das Nerv und Leben traf, und ihr das Blut fast starren machte in den Adern — und René? Als sie zu ihm stürzte, sich an seinen Hals warf und ihn trösten wollte mit einem Herzen, dem jeder Trost gebrach, als sie da vor ihm auf die Knie fiel, und ihn nieder ziehn wollte zu sich, in brünstigem Gebet Linderung zu finden für das Entsetzliche, und nur Thränen hatte in ihrem ersten furchtbaren Schmerz, nur Thränen die ihr Blut schienen wie sie ihr von den Wimpern niederbrannten — da blieb er kalt. Das Blut hatte wohl seine Wangen verlassen bei der Nachricht, aber kein weiteres Zeichen, kein Muskel seines Angesichts verrieth daß er f ü h l e was er gethan, und Sadie blickte in Schreck und Staunen zu ihm auf und suchte umsonst sein Herz zu seinem Gott zu wenden, dort Vergebung, dort Gnade zu erflehn vor dem Thron des Allliebenden den er schwer beleidigt ja mit Brudermord.

»Laß das, laß das Kind,« sagte er finster, sich ihrem Griff entziehend — »das sind Sachen die Du nicht verstehst und deshalb nicht begreifen, nicht beurtheilen kannst.«

»Du hast einen Menschen mit kaltem Blut getödtet« weinte Sadie, ohne sich zu erheben — »hast Abschied an dem Morgen von mir genommen und Deinem Kind — hast uns geküßt und geliebkost, und bist mit ruhiger heiterer Stirn hinausgegangen einen Bruder zu ermorden.«

»Sadie« bat René sie jetzt leise und weicher als vorher, als er sah, welchen furchtbaren Eindruck die That auf sie machte, die nur in ihrem nackten Erfolg starr und gräßlich vor ihr stand, während sie die Triebfedern solcher Handlung in Europäischen Begriffen wurzelnd, in ihrem einfach reinen Sinn ja nicht verstehen k o n n t e — »thörichtes Kind, hab' ich Dir denn nicht oft und oft von solchen Sitten aus meinem Vaterland erzählt, wie Mann gegen Mann empfangene Beleidigung nicht anders rächen kann, als mit Pistole oder Degen? und zwang uns nicht Beide das Gesetz der Ehre zu solchem Kampf, selbst wenn wir Beide das Geschehene schon von ganzem Herzen bereut und gern vergessen hätten?«

»Ein Gesetz der Ehre erkanntest Du an,« klagte Sadie, »und vergaßest das Gesetz Gottes — nein, vergaßest es nicht, sondern stießest es mit Füßen von Dir, Deine blutige, unheilvolle Bahn zu gehn — oh René, René, Du hast meinen Frieden zerstört auf ewige Zeiten.«

»Mach mir den Kopf nicht noch wilder mit solchen Reden« bat sie da, kurz abbrechend, René — »die Priester haben Dir all das tolle Zeug in's Hirn gesetzt, und Du weißt recht gut, ich kann's nicht leiden, nicht ertragen.«

»Oh daß Du die Stimme der Priester, die Stimme Gottes hören wolltest« klagte das arme Weib, die Hände ringend und das Haupt gesenkt, starr und trostlos vor sich niedersehend — »daß Dir Gottes Wort zum Herzen spräche mit allgewaltigem Klang und Donnerton, Dich aufzuscheuchen vor Dir selber und Dir den Pfad zu zeigen, in all seinen Schrecken und seiner Finsterniß, dem Du mit starrem trotzigem Sinn entgegeneilen willst. Oh der ehrwürdige Vater Rowe hatte ja recht als er mich mahnte, mit heißen brünstigen Worten mahnte, Dich zurückzuhalten von dem was Dir Verderben droht — aber konnte ich es denn? — ward mir armen schwachen Weibe denn die Kraft gegeben? ich kann nur beten für Dich, René, und den Heiland bitten, Dich vor Dir selber zu schützen und Geduld mit Dir zu haben in seiner Allbarmherzigkeit.«

»Rowe?« sagte René aufmerksam werdend und sah Sadie rasch und scharf an — »was weißt Du von dem Schleicher? — ich will doch nicht hoffen, daß er meine Schwelle betreten?«

»Er war hier« hauchte Sadie, unfähig eine Lüge zu sagen, aber das Blut schoß ihr in Strömen in Stirn und Schläfe.

»Hier? — und Du hast mir das bis jetzt verschwiegen?« — rief René, seinen erwachenden Aerger, überdies schon gereizt, nur mit Mühe bändigend — »zum Teufel mit dem Burschen! was wollte er, was trieb ihn her?«

»Die Sorge um mich« sagte leise Sadie — »er war mein Lehrer in der Kindheit, und nimmt auch jetzt noch Theil an mir; und hat er nicht ein Recht dazu, seit Vater Osborne gestorben und dessen Sorge um meiner Seele Wohl auf ihn allein ja eigentlich doch überging?«

René biß sich auf die Lippen — es drängte ihn, seinem Zorn über den Mann den er alle Ursache hatte zu hassen, und dessen Charakter er nicht ganz ohne Grund bezweifelte, freien Lauf zu lassen, aber er fühlte auch wie weh er der armen Frau dadurch thun würde, und nur die Stirn heftig mit der rechten Hand reibend, ging er einige Mal rasch im Zimmer auf und ab. Endlich aber blieb er neben Sadie, die noch immer in ihrer knieenden Stellung verharrte und das sorgenschwere Haupt an der Stuhllehne in den vorgehaltenen Arm stützte, stehn, und seine Hand auf ihre Stirn legend flüsterte er mit freundlicher liebender Stimme:

»Beruhige Dich, mein Herz; nicht so schwer lastet das Blut auf meiner Seele, daß ich Deinem Gott nicht noch frei und offen in's Auge schauen könnte. Ich bin mir nichts Böses bewußt, denn diese That fällt nicht mir, sie fällt der Gesellschaft zur Last die sie billigt, ja fordert — Nichts hilft es dabei dem Einzelnen sich dagegen zu sträuben. Komm, schau wieder zu mir auf, mein herziges Lieb und laß die Grillen — geschehene Dinge sind nicht mehr zu ändern, und Du brauchst die Hand nicht zu fürchten, die nur mein eigenes Leben vor dem Gegner schützte.«

Sadie schauderte und ihr Antlitz in den Händen bergend flüsterte sie:

»Bete — René — bete zu Gott daß er Dir die That vergeben möge und ich will mit Dir meine Stimme erheben zu dem Höchsten —«

»Sadie«

»Neige Dein Ohr Allmächtiger« flehte die Frau, inbrünstig seine Hand fassend und die Augen zur Decke erhebend, »verwirf mich nicht von Deinem Angesicht, und nimm Deinen heiligen Geist nicht von mir. — Tröste mich wieder mit Deiner Hülfe und der freudige Geist enthalte mich — denn ich will die Uebertreter Deine Wege lehren, daß sich die Sünder zu Dir bekehren. Errette mich von den Blutschulden Gott, der Du mein Gott und Heiland bist, daß meine Zunge Deine Gerechtigkeit rühme.«

»Komm, komm Sadie« sagte aber René ihr leise doch entschlossen seine Hand entziehend, »das ist genug und ich bin des Lamentirens überdrüssig. Komm wieder zu Dir, daß man ein vernünftig Wort mit Dir reden kann, ich will dann suchen Dich zu überzeugen; bis dahin aber erlaube mir daß ich die frische Luft suche, einmal wieder frei aufzuathmen, denn mir ist schwül und heiß geworden bei Deinen Reden.«

Und den Hut aufgreifend verließ er, ohne selbst weitern Abschied von ihr oder dem Kinde zu nehmen, rasch das Haus und schritt die Straße nach Papetee hinunter.

Sadie verharrte noch eine lange Zeit in ihrer Stellung und betete heiß und brünstig für den geliebten Mann; immer noch hoffte sie dabei daß René zurück — reuig zurückkehren würde, sich mit ihr am Thron des Höchsten niederzuwerfen, und Vergebung zu erflehn für das Ve r b r e c h e n ; aber er kam nicht, und die Angst um ihn trieb sie zuletzt empor und ließ ihr nicht Ruhe und Rast im Haus als sie von Mataoti erfuhr daß er den Weg nach Papetee eingeschlagen und dort ja, wenn man etwas gegen ihn beabsichtige, dem nach ihm ausgestreckten Arm der Gerechtigkeit gerade entgegen eile. Der Leichtsinnige kannte, achtete ja keine Gefahr, aber er hatte auch kein treueres Herz auf der Welt als sein Weib, über ihn zu wachen, und ihr Kind aufgreifend, das ihr lächelnd und den Schmerz nicht ahnend der ihre Brust durchtobte, die Aermchen entgegenstreckte, eilte sie, die heute merkwürdig belebte Straße vermeidend, zum Strand hinunter, machte mit Hülfe Mataotis das Canoe flott und glitt bald darauf, ihr Kind zu ihren Füßen, den schlanken Kahn mit kräftigen Ruderschlägen über die spiegelglatte Fluth treibend, dem nicht so fernen Hafen zu.

Die Menschen aber, die heute die Broomroad entlang der Residenz ihrer Königin zudrängten, thaten das nicht blos aus Neugierde, die vielen fremden eingekommenen Schiffe anzustaunen, obgleich Neugierde sie doch größtentheils auf die Beine gebracht, nein sie wußten auch, daß sich in Papetee irgend eine Katastrophe ihrer Insel vorbereite, und wollten dessen Zeuge — ja wie die Sache auslief, auch vielleicht Theilnehmer und Mitwirkende sein.

Durch Mr. Pritchard nämlich, oder Pomare selber, vielleicht auch durch die Einanas die wohl draußen an der Thür gehorcht, war der Inhalt der zwischen Pomare und Du Petit Thouars stattgehabten Unterredung bald, wenigstens in seinen Hauptbestandtheilen, in Papetee und der Umgegend bekannt geworden; man wußte daß der Ferani verlangt hatte, die Königin solle die Landesflagge niederziehn und die Fahne des Feindes dafür hissen, ja man behauptete jetzt sogar schon, er habe im Weigerungsfalle gedroht die Stadt zu beschießen, was Einzelne der Furchtsamsten sogar bewog nach Dunkelwerden ihr bewegliches Eigenthum in den Wald und die Berge zu schaffen, den französischen Kugeln außer Bereich zu kommen.

Nichtsdestoweniger hatte sich an dem, als zur Entscheidung bestimmten Morgen, schon mit Tagesanbruch eine Unmasse Volk gerade am Strand versammelt, während Neuankommende noch immer von den anderen Theilen der Insel herzuströmten, und mit einer Art von scheuer Freude sahen die Tahitier ihre Landesflagge noch stolz und trotzig auf der alten Stelle wehn, und harrten jetzt erwartungsvoll des Resultats. Auch die Decks der fremden Kriegsschiffe, der Französischen wie der Englischen Catch Basilisk die hier natürlich nur eine vollkommen beobachtende Stellung einnehmen konnte, waren von den Officieren wie der Mannschaft besetzt, die mit und ohne Telescope, von Quarterdeck und Back, von Wanten und Marsen aus die Augen fest auf die hier, als entscheidendes Zeichen bekannte Tahitische Flagge gerichtet hielten. Aber der Morgenschuß war vom Bord des Französischen Admiralschiffs gefeuert worden, ohne daß irgend ein feindlicher Schritt gegen die Autorität des Landes, oder die Flagge geschehen wäre, denn der Admiral Du Petit Thouars hatte während der Nacht noch Gegenbefehl gegeben, und die Frist für Pomare bis zum Nachmittag verlängert. Er wollte der trotzköpfigen Insulanerin jede nur mögliche Zeit lassen ihm einen Schritt zu ersparen, den er außerdem nach allem Vorhergegangenen wohl nicht mehr gut vermeiden konnte, zu dem er sich aber auch im Herzen nicht so ganz gerechtfertigt fühlen mochte; wußte er doch nicht einmal, wie er in Frankreich selber aufgenommen werden würde.

Die Königin hatte den Tag über mehre Berathungen mit dem Englischen Consul sowohl, wie den anderen Missionairen. Mr. Pritchard fuhr ebenfalls an Bord des kleinen Englischen Kriegsschiffes, sehr wahrscheinlich den Capitain desselben zu einer Erklärung für ihre Sache zu bewegen. Die Flaggen blieben aber wehen, die Tahitische sowohl wie die Englische, trotzig der Tricolore entgegen, und Du Petit Thouars durfte zuletzt nicht länger zweifeln, daß es Pomare zum Aeußersten treiben wolle der Französischen Macht zu trotzen, und den früheren Vertrag, als ihr in unwürdiger Weise abgezwungen, zu verleugnen.

Bis um vier Uhr Nachmittags war dieser letzte Termin ausgedehnt worden, und ein Theil des Volks hatte sich sogar schon wieder in der Zwischenzeit zerstreut, seine Mahlzeit einzunehmen oder seine Siesta zu halten, bis die entscheidende Stunde schlage. Kein Boot landete indessen von den Schiffen, kein Canoe verließ das Ufer, zu ihnen mit Früchten oder anderen Handelsartikeln hinauszufahren, wie das die Eingeborenen bis jetzt immer sehr unbefangen, mochte das Schiff stammen woher und beabsichtigen was es wolle, gethan. Die Leute fühlten daß jetzt keine Zeit zum Feilschen sei, wo die Matrosen vielleicht mit brennenden Lunten bei ihren Geschützen ständen.

Die Sonne mochte den Zenith wohl schon zwei Stunden überschritten haben, als René die Stadt erreichte und im Anfang wirklich erstaunt über die Aufregung der Leute war, die sonst wahrlich nicht so leicht veranlaßt werden konnten, sich in der Hitze des Tages am offenen Strand herumzutreiben, wo die Palmen- und Guiavenhaine rings umher so trefflichen Schatten boten; er hatte Du Petit Thouars sowohl wie Pomare schon fast vergessen. Die wehende Flagge der letzteren mahnte ihn aber wieder an das Drama, das sich hier entwickeln sollte, und die geschäftig hin und hergehenden Missionaire, die theils mit den verschiedenen Gruppen verkehrten, theils zwischen den Häusern Pomares wie einzelner Häuptlinge, oder auch den eigenen Wohnungen herüber und hinüberwechselten, charakterisirten das Ganze deutlich genug.

Die schwarzgekleideten bleichen Männer, mit den gezwungen milden und doch heute so eilfertigen Zügen konnten nicht dazu dienen Renés überdies gereizte Stimmung zu bessern, oder freundlicher zu gestalten, und finster und schweigend erwiederte er ihren Gruß, wenn sie an ihm vorüberschritten, oder gar ein Gespräch mit ihm anknüpfen wollten in ihrer Art.

Gedanken- und ziellos schlenderte er so am Strande hin, die Arme auf der Brust ineinandergeschlagen, und den Hut fest und verdrossen in die Stirn gezogen, als er plötzlich von klarer wohlbekannter Stimme seinen Namen rufen hörte, und aufschauend sich gerade vor Mr. Belards Hause fand, dessen Fenster eines breiten Hintergebäudes diesen ganzen Theil des Strandes überschauten, und von der Familie eingenommen waren, Zeugen der erwarteten Vorfälle zu sein.

Madame Belard selber hatte ihn gerufen aber er schrak förmlich zusammen, und fühlte wie ihm das aufschießende Blut die Stirnadern zu sprengen drohte, als er dicht neben dem freundlichen Gesicht der jungen hübschen Frau, die engelschönen lächelnden Züge Susannens erkannte, die ebenfalls zu ihm niedergrüßte.

»Es freut uns herzlich, Monsieur Delavigne wieder so frisch und wohl zu sehen,« rief Madame Belard jetzt, als er in aller Ueberraschung und Verlegenheit nur eben flüchtig grüßte und vorüberstürzen wollte — »aber hat er nicht einmal so viel Zeit einen Augenblick herauf zu kommen, und zu sehn wie es alten Freunden geht? Wenn Sie nicht andere Geschäfte fortrufen, haben wir hier ein prächtiges Plätzchen für Sie das Schauspiel, einer friedlichen Insel Eroberung, mit anzusehn und Sie mögen unser Begleiter sein, wenn sich die Erde hier in Französischen Grund und Boden verwandelt.«

»Und darf ich?« frug René, und die Frage galt diesmal dem jungen Mädchen, das bis dahin nur lächelnd zu ihm niedergeschaut und jetzt fröhlich ausrief:

»Wenn Sie sich nicht vor der Tochter Ihres früheren Capitains fürchten — ich wüßte keinen anderen Grund weshalb nicht« — und wenige Minuten später stand René in dem kleinen Gemach an Susannens Seite, die Frauen zu begrüßen.

»Großer Gott, wie bleich sehn Sie aus« rief aber hier das junge Mädchen, als er ihr die Hand gereicht und das Blut, die erste unnatürliche Aufregung vorüber, wieder in seinen alten Canal zurückdrängte — »Ihre Wunde ist noch nicht geheilt, und Sie haben sich zu sehr angestrengt — guter Gott, Ihr Tollkopf wird Sie noch unter die Erde bringen.«

»Und würden Sie mich betrauern?« frug René, ihr forschend ins Auge schauend.

Susanne erröthete, aber Madame Belard enthob sie einer Antwort, denn den jungen Mann dem Lichte zukehrend stimmte sie Susannen bei und erklärte, Monsieur Delavigne gleiche eher einem herumwandelnden Todten, als einem Lebenden, und je eher er sich setze und ein Glas Madeira trinke, desto besser sei es für ihn — zu früh könne es aber gar nicht mehr geschehen, und ihre Schlüssel aufgreifend, von denen sie den Kellerschlüssel ihrer Indianischen Dienerschaft nicht anvertrauen durfte, verließ sie rasch das Zimmer, die eben verordnete Arznei auch gleich selber zu holen und einzugeben, wie ein guter, sorgsamer Arzt.

Susanne und René waren allein, und der Letztere wollte sich eben mit seiner Wunde für sein, vielleicht unfreundlich scheinendes Betragen von vorhin entschuldigen, als diese für ihn selber sprach; die ungewohnte Anstrengung, da es das erste Mal gewesen war nach seiner Verwundung daß er einen solchen Marsch unternommen, die Aufregung zu Hause — jetzt, und beide ach wie so verschiedener Art, wirkten zu heftig auf ihn — er mußte von dem rasch zuspringenden Mädchen unterstützt, zu einem Stuhl taumeln und mit einer Ohnmacht kämpfend, deren Schleier er aber glücklich bezwang, stützte er das todtenbleiche Antlitz in die Hand, sich wieder zu sammeln, zu erholen.

»Sie böser, böser Mann« flüsterte das schöne Mädchen, ihr weiches Tuch rasch in kalt Wasser tauchend und um seine Stirn legend — »was laufen Sie auch toll und wild in die Welt hinein, wenn Sie krank und elend sind — weshalb hat Sie Ihre Sadie nur hinausgelassen?«

Sadie — René athmete tief und schwer und seine Stirn fassend traf er der Jungfrau Hand, die dort das Tuch hielt und sie nicht wegziehn durfte wenn es nicht fallen sollte. Sie blieben wenige Secunden in dieser Stellung und Susanne fuhr wie bestürzt zurück, als sich die Thür rasch öffnete in der Madame Belard mit Flasche und Glas im Arm wieder erschien, und etwas erstaunt, ja erschreckt, das bleiche Antlitz ihres Gastes bemerkte.

»Hallo, was ist hier vorgefallen,« rief sie halb lachend halb bestürzt, »werden die Herren ohnmächtig und müssen ihnen die Damen beistehn? — schöne verkehrte Welt das, aber meine Medicin ist da um so mehr am Platz. Hier Monsieur« fuhr sie fort, ihm ein volles Glas einschenkend, aber zugleich einen flüchtigen Blick nach Susannen hinüberwerfend setzte sie neckend hinzu: »und die Dame da scheint mir auch ein Glas vertragen zu können, Ihr habt Euch Beide alterirt — Wie steht es mit Ihrer Wunde, Delavigne?«

»Besser — gut« sagte er rasch.

»Sie haben von Ihrem Gegner gehört?« frug Susanne leise.

»Ja« hauchte René.

»Er hat es nicht anders haben wollen« beruhigte ihn aber die Französin — »wäre er mit der ersten Lektion zufrieden gewesen, so war die Sache abgemacht und Niemandem ein Schade geschehn — es soll das siebente Duell gewesen sein, das er gehabt. Aber reden wir von etwas Angenehmerem« setzte sie rasch hinzu, »wissen Sie daß unsere junge Freundin Briefe von zu Haus, und noch zwei bis drei Monat Urlaub bekommen hat, auf Tahiti zu bleiben? — der alte Seewolf muß doch gar kein so übler Mann sein.«

»Und ist der Delaware glücklich zu Hause angekommen?« frug René lächelnd zu Susanne gewandt.

»Oh schon lange« erwiederte Susanne, »und hat eine ausgezeichnete Reise gemacht« setzte sie dann mit komischem Ernst hinzu — »Sie haben sich sehr im Lichte gestanden, Monsieur Delavigne, nicht an Bord geblieben zu sein. Sie könnten jetzt ihren Thran zu höchst annehmbaren Preisen — Papa hat mir einen Preis-Courant mitgeschickt, als ob ich für ihn Geschäfte machen sollte — an die Firma Bornholm Watts & Comp. verkaufen und hätten noch immer Zeit genug übrig behalten sich zu einer neuen so romantischen Fahrt auf den Wallfischfang auszuruhen und zu rüsten. Sie werden mir zugeben daß Einem auf einer solchen Fahrt höchst interessante Sachen begegnen können.«

»Sie werden mir zugeben Mademoiselle, daß Sie grausam sind« sagte René — »Sie wissen nicht wie weh Sie mir gerade jetzt mit solchen Worten thun.«

»Gerade j e t z t ?« frug Susanne erstaunt, aber sie wurden hier durch einen Lärm von der Straße unterbrochen, der sie alle drei rasch an das Fenster rief. Das Rufen und Schreien kam von der, nicht fernen Kirche her, wohin Bruder Dennis einen Theil seiner Gemeinde gezogen und in stürmischer Predigt ihren Patriotismus, ja vielleicht ihren Fanatismus für die heilige Sache der Religion und des Vaterlands erregt haben mochte.

»Gott wie die Menschen schreien« sagte Madame Belard ängstlich — »wenn sie nur Vernunft annehmen und nicht gegen eine Macht gerade zu einer Zeit antrotzen wollten, wo diese den Zügel und die Wehr fest in Händen hält; sie werden noch das größte Unglück über sich hereinrufen.«

»Und von der Fahne da drüben soll es abhängen, ob Krieg ob Frieden« sagte Susanne, nur das Interessante des Augenblicks in dem Bewußtsein fühlend, Zeuge der ganzen Verhandlung zu werden — »was für eine wunderhübsche Flagge das ist, und wie Jammerschade, daß sie soll niedergeholt werden. Seit wann führt denn Pomare die goldene Krone im Wappen, mit dem Cocoszweig?«

»Seit thörichte Priester ihre Eitelkeit anstachelten und ihrem Stolz schmeicheln wollten« sagte René finster.

»Denen stecken die Ehrenstellen und einträglichen Aemter im Kopf« rief Madame Belard, »die auf den Sandwichsinseln in dem jetzt ganz nach Europäischem Maßstab eingerichteten Hof Einzelne der Missionaire für sich gewonnen haben; große Titel und Gehalte mit allen möglichen Auszeichnungen. Wenn Pomare eine bloße Insulanerin blieb, eine Pomare wahine, konnte keiner von ihnen Minister werden und das Consulamt bringt neben dem Bischen Ehre, nur Aerger und Verdruß; Minister des Auswärtigen oder der inneren Angelegenheiten klingt besser.«

»Ach Unsinn« lachte Susanne — »es sind zu vernünftige Männer etwas derartig Närrisches zu erstreben. Minister Ihrer Tahitischen Majestät — hahahaha —«

»Klingt nicht weniger gut als Sr. Hawaiischen«[D] sagte René ernst, »und dort ist es geschehen. Leider Gottes haben Titel und Orden schon manchen ehrlichen Mann — zu Fall gebracht — nicht einen schlimmeren Ausdruck dafür zu gebrauchen, und der Klang irgend eines langen unbehülflichen Worts, das Blitzen eines farbigen Bandes oder Metallstücks im Knopfloch hat Grundsätze umgeworfen, die dem Schicksal bis dahin fest und gewaltig Trotz geboten. Schade daß sie dies schöne Land jetzt zum Schauplatz ihres unsinnigen Treibens gemacht — es können schwere Zeiten kommen für dies Volk.«

[D] Seit einigen Jahren ist z. B. am Hawaiischen Hof zu Honolulu auf Oahu »nach reiflicher Ueberlegung beschlossen worden, das beim Wiener Congreß befolgte Ceremoniell behufs des gegenseitigen Ranges fremder Consuln zum Grund zu legen.«

»Glauben Sie das nicht Delavigne« sagte Madame Belard kopfschüttelnd, »der Tahitier, so weit ich ihn kenne, ist sorglos und leichtsinnig, und selbst gleichgültig gegen das Höchste was wir im Leben anerkennen — er hätte seine Religion nicht sonst so leicht, und auf manchen Inseln wirklich aus reiner Gefälligkeit verändert. Der Französische leichte Sinn sagt ihm auch weit mehr zu, als der starre Presbyterianische Ernst. — Nur diesen einen Tag, den ersten Umsturz überstanden, und der Eingeborene wird sich leicht in das G e s c h e h e n e fügen, ja vielleicht es sogar liebgewinnen, wenn er findet daß es ihm manche Erleichterungen manche Freiheiten bietet, die ihm der starre Methodismus nicht zugestehen wollte.«

René schüttelte den Kopf.

»Wenn sich selber überlassen, ja« sagte er ernst, »aber der Fanatismus wird seine Brandfackel in ihre Herzen schleudern; der heilige Geist wird wieder die Trommel rühren, und die »Lämmer Gottes« zum Kampfe treiben und der Name Gottes wird auf's Neue zum Schlachtschrei gebraucht werden, Ehrgeiz und Habsucht zu verdecken und beleidigte Eitelkeit zu rächen. Ich glaube an keine friedliche Unterwerfung.«

»Sie werden sich natürlich zu den Eingebornen schlagen?« sagte halb neckend halb lauernd Susanne, und ließ ihren Blick fest und forschend auf dem jungen Franzosen ruhn.

»Wir würden dann unter e i n e r Fahne kämpfen« lachte René der Frage ausweichend.

»Wer ich?« rief Susanne schnell — »da haben Sie weit am Ziel vorbeigeschossen, Monsieur; wenn auch in Nordamerika und von einem Protestantischen Vater geboren, bin ich doch in Louisiana im rechten Glauben erzogen, und meine Sympathie ist ganz auf Seiten des Gekreuzigten — ich hasse die Methodisten.«

»Gott weiß es, ich auch« sagte René und der tiefe Seufzer mit dem er es sprach bürgte für die Aufrichtigkeit. »Der beste von ihnen ist gestorben« fuhr er dann, wie mit sich selber redend fort, seine Worte wenigstens an keine der Frauen richtend — »der alte Osborne war ein braver wackerer Mann, und sie haben ihm das Herz gebrochen, mit ihren Intriguen und Anfeindungen. Wenn auch jetzt Einzelne zwischen ihnen sein mögen, die wirklich in wahrem Glaubenseifer der einmal betretenen Bahn folgen — die meisten sind Heuchler, hängen den Namen Gottes vor ihr eigenes Bild, und streuen nur Haß und Unfrieden in Familienkreise, wo sie Liebe und Eintracht säen und die Herzen aneinander festigen sollten statt sie auseinander zu reißen. Gift über sie, mir thäte es in der Seele wohl ihre Macht hier gebrochen, ihr Reich zertrümmert zu sehn — und doch fürchte ich, kann es nicht ohne Blutvergießen geschehn, denn gutwillig geben diese Leute die Waffen nicht aus ihren Händen.«

»Ha der Schuß!« rief Susanna die den Blick gerade auf das Französische Admiralschiff geheftet hielt, und den blendenden Strahl bemerkte, der plötzlich daraus hervorschoß, und mit dem Worte fast schlug der Donner des Geschützes an ihr Ohr und machte das Blut von Tausenden rascher durch die Adern jagen.

»Da kommen auch die Boote!« rief René, »nun wird sich das Schicksal des Tages bald entscheiden.«

»Und glauben Sie daß die Eingebornen jetzt einen Kampf mit uns wagen werden?« frug Madame Belard rasch und ängstlich.

»Fürchten Sie Nichts« lachte aber René — »was können die Unbewaffneten jetzt gegen die Schießgewehre der Soldaten, mit den Kanonen der Fregatten auf sich gerichtet, beginnen, es wäre Wahnsinn, und ein solcher Kampf müßte so rasch enden, wie er begonnen hätte.«

Die Boote stießen wirklich von den verschiedenen Kriegsschiffen ab; Schaluppen vollgedrängt von Bewaffneten, die von den regelmäßigen Riemenschlägen der Matrosen getrieben, rasch wie der Seefalke auf seine Beute, dem Lande zuschossen. Das Ufer stand gedrängt voll Menschen, aber man sah keinen bewaffneten Insulaner; die Lenden und Schultern mit ihren Tüchern umhüllt, die Brust und das Haupt mit Blumen und gelben Bananenblättern geschmückt, lachend und schwatzend standen sie da, die Boote erwartend, als ob deren Kommen eine für sie sehr gleichgültige, vielleicht sogar erwünschte Handlung wäre, und nicht wirklich den Umsturz alles Bestehenden, in Politik, Religion, Regierung und Gesetzen drohte und bedingte.

Kaum Raum gaben sie dabei den landenden Truppen, und wenn diese auch anfänglich mißtrauisch den zahlreichen Schwarm betrachteten, der schon in seiner Masse ihnen hätte eine Art Widerstand bieten können, sahen sie doch bald daß sie hier weder Angriff noch Schwierigkeiten zu erwarten hätten, und der Menschenknäul, fast aus eben so viel Frauen und Mädchen als Männern bestehend, drängte sich langsam auseinander, dem landenden Feinde Raum zu geben, seine Truppen aufzustellen.

Es waren etwa zweihundert Artilleristen und Marinesoldaten und drei bis vierhundert Matrosen, mit Cutlaß, Pistolen und Musketen bewaffnet; die Bayonnette aufgesteckt, und ziemlich gut einexercirt formirten sie sich auf das Commando in einzelne starke Rotten, und zogen mit festem dröhnendem Schritt, von dem Corvetten-Capitain Mons. D'Aubigny angeführt, der sogar zum zeitweiligen Regierungsrath der Insel von dem Admiral Du Petit Thouars ernannt worden, zum Hause Pomares hinauf, von dem noch immer, fest und trotzig die Landesfahne mit der stolzen Krone ihren Feinden furchtlos entgegenwehte.

Im Hause aber lag Alles todtenstill — die Vorhänge waren niedergezogen, die Thüren verschlossen, kein Mensch auf der Verandah oder an irgend einem Fenster zu sehn, denn die Furcht schien doch stärker in den Herzen der Einanas, als die Neugier, und lautlos rückte die Schaar in geschlossenen Colonnen bis dicht vor das Haus, schwenkte, machte Front und die Gewehre rasselten auf das Kommandowort auf den hartgetretenen Boden nieder.

»Und was werden sie jetzt thun, wo sich Niemand ihnen widersetzt?« frug Susanna, und fast unwillkürlich wandte sich ihr Herz dem Schwächeren, Angegriffenen zu, den sie widerstandlos dem mächtigen Feinde übergeben sah. »Sie werden die Flagge herunternehmen« sagte René, »die Tricolore dafür aufpflanzen und das Land in den Besitz des Königs von Frankreich erklären, so wenigstens lautete die Drohung des Admirals.«

»Und was geschieht mit der Tahitischen Flagge?« frug Susanna rasch und blickte dem jungen Mann fest in's Auge.

»Ich weiß nicht« lächelte dieser, »irgend einer der Officiere wird sie wohl mit sich auf's Schiff zurücknehmen.«

»Ob wohl ein specieller Befehl da ist, was mit ihr geschehen soll?«

»Ich glaube kaum« meinte René — »was liegt an dem Tuch?«

»Ich weiß nicht w a s ich darum gäbe, d i e Fahne mein eigen zu nennen« rief Susanna da plötzlich, und Stirn und Wangen bis tief in Nacken und Busen nieder waren wie von Gluth übergossen.

»Die Tahitische Fahne?« frug René erstaunt.

»Sie könnte mich glücklich machen« sagte Susanna, und hielt die leuchtenden Blicke fest auf das, in der Abendsonne hell blitzende Tuch geheftet, das jetzt das Leichentuch der Tahitischen Freiheit werden sollte.

René, von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt, griff seinen Strohhut auf, der neben ihm auf einem Tische lag, und wollte das Zimmer verlassen.

»Wo wollen Sie hin?« rief Madame Belard bestürzt — »sind Sie rein vom Bösen besessen?«

»Ich bin gleich wieder bei Ihnen!« rief René und warf die Thüre hinter sich ins Schloß.

»Monsieur Delavigne« rief auch Susanna und blickte bestürzt ihm nach, aber er hörte schon nicht mehr die Worte, oder achtete ihrer nicht, und eilte flüchtigen Schrittes, seiner Schwäche förmlich trotzend, die Treppe hinab, schritt durch den Garten dessen benachbartes Grundstück eine offne Thür nach dem Strand zu hatte, und befand sich wenige Minuten später mitten in dem Gewirr von Eingebornen und Französischen Soldaten, und dem Flaggenstock gerade gegenüber, an den in diesem Augenblick ein Französischer Officier, Bertrand, hinantrat, die Königliche Flagge niederzuziehn. Dicht gedrängt um ihn standen die unter seinem Befehl stehenden Matrosen der Jeanne d'Arc theils, theils der Danae, und René drängte sich leise aber so entschlossen vor und zwischen sie hinein daß die Seeleute, die ihn bald für einen Landsmann erkannten, glaubten, er habe jedenfalls ein Recht, vielleicht sogar eine Pflicht dazu, zu erscheinen, und ihn ruhig gewähren ließen.

Ein Trommelwirbel erschütterte jetzt die Luft, und Bertrand zog während desselben und unter einem Todtenschweigen der versammelten Tausende, die Flagge an dem Flaggenfall nieder — kein Schrei des Zorns oder der Entrüstung von Seiten der Eingebornen, kein Hurrahruf der Sieger begleitete den Akt — es war wie eine Execution, und Bertrand mochte das fühlen, denn halb abgewendet schob er die gedemüthigte Flagge von sich und absichtlich einem der Leute zu, sie von dem Fall zu lösen, erstaunt aber drehte er sich gegen René um als er einen Fremden erblickte, der, ein kleines blitzendes Messer in der Hand, das Flaggenfall unten mit einem raschen Schnitt trennte und das Messer in die Tasche zurückschiebend, die Fahne ruhig und gleichmüthig zusammenrollte.

»René,« rief der Seemann erstaunt und mit halb unterdrückter Stimme aus, als er ihn erkannte — »Mensch, was thust Du hier?«

René winkte ihm mit den Augen, aber dicht neben sich hörte er die halblauten und nichts weniger als freundlichen Worte:

»Das ist der Bursche der unsern Lieutenant erschossen hat — was beim Teufel will der hier zwischen uns?«

Das Blut schoß ihm im Zorn in die Schläfe, aber er wußte auch daß er sich hier nur eingeschmuggelt und nicht an seinem Platz befinde, und ruhig die Flagge zusammenrollend schob er sie sich unter den Arm, und suchte jetzt den Rückweg anzutreten. An Bord der Französischen Schiffe hatte man auch in der That so fest geglaubt die Tahitier würden ihre Flagge selber streichen, daß gar keine Verfügung, sie selbst betreffend, erlassen war. Das Interesse des Augenblicks band sich auch überdies nicht an solche Nebensache, denn der, noch an demselben Abend zum zeitweiligen Gouverneur von Tahiti ernannte Mr. d'Aubigny brach jetzt in die allerdings merkwürdigen Worte aus:

»Officiere, Soldaten und Matrosen, und Ihr Bewohner dieser Inseln, denen wir G e r e c h t i g k e i t und F r i e d e n bringen, — im Namen des Königs, unseres gnädigen Herrn, nehme ich Besitz von diesem Land — wir Alle werden mit Freuden in der Vertheidigung der glorreichen dreifarbigen Fahne sterben. Hißt

die Flagge!«[E]

[E] Wörtlich.

Bertrand hatte indessen die Tricolore statt der Tahitischen an dem Flaggenfall befestigt, die ihm nächststehenden Seeleute sprangen hinzu sie aufzuhissen, und unter dem fröhlichen Wirbel der Trommeln und dem donnernden Vive le roi der Soldaten und Matrosen, drängte sich René wieder den Gärten zu und gewann das Freie; d'Aubigny aber mit seinem blanken Degen Ruhe winkend rief mit lauter klangvoller Stimme, wie er nur erst einmal hoffen durfte den Lärm zu durchdringen:

» D i e K ö n i g i n P o m a r e h a t a u f g e h ö r t z u r e g i e r e n u n d w i r s t e h e n j e t z t a u f F r a n z ö s i s c h e m G r u n d u n d B o d e n !«

Unmöglich wär' es den Jubel zu beschreiben, der bei diesen Worten die Französischen Kehlen zu zersprengen drohte; es war ein förmlicher Aufschrei von Triumph und toller Freude und wunderbar stach dagegen die Ruhe und der Ernst der umstehenden Tahitier ab, die den Sinn des Satzes gar nicht verstanden hatten, und kopfschüttelnd dem Lärm horchten, den die tollen Wi-Wis hier mitten auf der Straße, dicht vor dem Hause ihrer Königin, vollführten. Das Verschwinden ihrer eigenen Fahne aber, und das Wehen der verhaßten Tricolore ließ die Absicht der Fremden doch ziemlich deutlich herauserkennen. Trotzdem erschien es ihnen immer noch als keine so entscheidende Handlung, wie es von den Europäern angesehen werden mußte, denn die Insulaner kannten die Bedeutsamkeit der Flaggen nicht zu dem Maße. Ob da oben ein weißes oder dreifarbiges Tuch flatterte, blieb sich am Ende gleich und nur das dumpfe Gerücht das sich anfing Bahn zu brechen — die Wi Wis hätten ihre Königin abgesetzt und wollten selber regieren, brachte etwas mehr Leben in die Schaar und trieb Einzelne dem Hause des Englischen Consuls zu.

Dort aber war indessen die Englische Flagge von Mr. Pritchards eigener Hand in dem Augenblick niedergeholt worden, als die Tricolore emporstieg, die Demonstration auch auf den Französischen Schiffen wohl bemerkt, aber nicht beachtet worden, und der frühere Missionair fand sich bald darauf von zahlreichen Trupps Eingeborenen umgeben, die eine Erklärung der stattgehabten Vorfälle haben wollten und hier zu ihrer, eben nicht angenehmen Ueberraschung erfuhren, daß die Franzosen wirklich Besitz von der Insel genommen hätten und diese von nun an behaupten wollten.

»Bah« lachten aber Andere wieder, »ein paar Tage haben sie hier das große Wort, und wenn sie fortsegeln werfen wir ihren bunten Lappen wieder herunter, wie schon früher einmal.«

Eifrig bestritt Pritchard diese Meinung und suchte die Eingebornen von der Gefahr zu überzeugen, in der in diesem Augenblick ihre Unabhängigkeit nicht allein, nein auch die Religion schwebe, die sie als die bessere erkannt und angenommen; theils Gleichgültigkeit gegen äußere Formen die ihnen unbedeutend schienen, theils ihre angeborne Gutmüthigkeit, die selbst nicht dem Feind gleich das Schlechteste zutraun wollte, ließ sie dem Allem nur mit halbem Ohre lauschen. Vergebens ereiferte sich der fromme Mann und bürdete ihnen die Folgen auf, die alle aus dieser fabelhaften Theilnahmlosigkeit ihrer heiligsten Verhältnisse entspringen könnten; sie schüttelten lachend mit dem Kopf und schlenderten dann wieder langsam zu der Königin Haus zurück, vor dem und unter ihrer eigenen jetzt dort wehenden Flagge die fremden Soldaten und Matrosen noch immer aufmarschirt standen, und selber erstaunt darüber schienen, daß die sonst doch gar nicht feigen Insulaner die größte Beleidigung die einem Lande bildlich geschehen kann, so ruhig und selbst heiter und vergnügt hinnahmen. In der That begriffen die Tahitier aber noch wirklich nicht, was mit dem eben Gesehenen gemeint sei, denn das bloße Flaggenwechseln hatten sie ja ebenfalls vor einiger Zeit auch zu ihrem Vergnügen gethan, ohne irgend etwas Böses dabei zu denken; die Franzosen hatten es ihnen nachgemacht und bis sie wieder fort waren mochte die dreifarbige Fahne da oben auf dem Stocke ruhig ausflattern.

René indessen, dem der wirklich unerwartet glückliche Erfolg seiner kecken That, ganz wieder den alten fröhlichen Muth, vielleicht auch Leichtsinn, zurückgegeben, sah schon von weitem wie sich Susanna, ängstlich nach ihm ausschauend, aus dem Fenster bog, und wie er mit der Hand hinüber winkte und den Hut schwenkte zum Zeichen fröhlichen Gelingens, wehte ihr weißes Tuch grüßend ihm entgegen. Er sah weder nach rechts noch links, das eine Ziel im Auge, und vor Eifer fast zitternd mit seiner Beute, die ihm aber Niemand auch nur dachte streitig zu machen, den sicheren Garten wieder zu erreichen, und doch schritt er kaum auf fünf Fuß Entfernung an seinem eigenen Weib, die das schlafende Kind auf dem Arm trug, und zufällig und mit blutendem Herzen ein unfreiwilliger Zeuge des ganzen Vorfalls gewesen, vorüber, und ließ Sadie in sprachlosem Staunen starr und kaum ihren Sinnen trauend, zurück. Dem Gatten war sie gefolgt, theils für seine Sicherheit fürchtend nach einer That die sie für ein Verbrechen hielt, theils auch weil sie sich Vorwürfe machte, ihn wohl zu schroff und hart von sich gestoßen und ihn der Verzweiflung preisgegeben zu haben in der ihr liebendes treues Herz sich schon wilde entsetzliche Bilder heraufbeschwor, und jetzt? — strahlend von Glück und Seligkeit, mit leuchtenden Augen und glühenden Wangen floh er an ihr, ohne sie zu sehen, vorüber und dort am Fenster — ein stechender jäher Schmerz zuckte ihr durch Herz und Nerven als sie die wunderschöne Europäerin erkannte, mit der René schon an jenem furchtbaren Abend so viel gesprochen und getanzt, und deren kaltem fast verächtlichem Blick sie dann mehr als einmal mit einem unbeschreiblichen Gefühl von ahnungsvoller Angst begegnet war.

Noch stand sie still und regungslos auf derselben Stelle auf der ihr René wie eine Erscheinung entschwunden war, und sie wußte im ersten Augenblick nicht einmal ob sie ihm folgen, seinen Namen rufen oder zurückgehn solle, still und allein in ihre Heimath die Rückkunft des jetzt ihrer Sorge wahrlich nicht mehr bedürfenden Gatten geduldig zu erwarten, als eine leichte Hand nur leise ihre Schulter berührte, und eine weiche bekannte Stimme ihren Namen flüsterte:

»Sadie!«

»Aumama!« rief Sadie, sich rasch nach ihr umdrehend, und hatte in diesem Augenblick fast den Gatten vergessen in dem Schreck über das wildverstörte, fahle und doch so trotzige Aussehn der Freundin, deren räthselhaftes Verschwinden ihr schon Sorge und Kummer genug gemacht. »Aumama, wo um Gottes Willen kommst Du her? — wo warst Du die ganze Zeit und wie siehst Du aus?«

»Wie ich aussehe, Herz? hahaha,« lachte das schöne Mädchen in unheimlicher Lustigkeit, »der Thau in den Bergen gräbt Spuren in die Haut und — aber das ist es nicht was ich Dir sagen wollte; ich zeige Dir etwas, komm; glaubst Du an Geister?« —

»An Geister? — wie verstehst Du das? — was soll's?« frug Sadie erschreckt — »was hast Du Aumama, Du machst mich fürchten.« —

»Fürchten? — bah, thörichtes Kind — wovor? vor dem eigenen Mann? — der thut Nichts — sieh nur wie freundlich und lieb er da drüben mit dem ganz fremden Mädchen ist, würde er dem eigenen Weibe da etwas zu Leide thun? — hahaha Schatz, ich glaube wir Beide können uns bald lustige Geschichten erzählen« — und die Widerstandlose über den breiten Weg mit sich hinüberziehend, wo ein Haufen aufgeschichteter und zu Canoes bestimmter Blöcke lag, auf die sie leicht wie die wilde Geis ihrer Berge hinaufsprang, deutete sie mit dem ausgestreckten Arm und jetzt Zornfunkelnden Augen nach den offenen Fenstern des Belardschen Hauses hinüber, die René gerade in diesem Augenblick mit seiner eroberten Flagge betrat und wo er mit Jubel von den Frauen begrüßt wurde.

»Pomarens Flagge, die sie in den Staub gezogen, bringt er dem Feind — bringt er seiner neuen Liebe« flüsterte Aumama mit leiser, vor innerer Bewegung zitternder Stimme — »sieh nur, sieh wie sie sich zu ihm überbeugt — hahaha — ich glaube das war ein Kuß — nein« lachte sie dann höhnisch, »sie werden die Nasen aneinander gerieben haben nach Inselart. Aber komm — komm Sadie ich habe Dir viel viel zu erzählen, und wenn das Pärchen da drin wieder zur Besinnung kömmt, könnten sie uns hier draußen bemerken — den Triumph sollen sie nicht haben — komm.«

Sadie ließ sich willenlos fortführen von der Frau, und nur ihr Kind fester an sich drückend folgte sie der Führerin, gleichgültig welchen Weg sie einschlage, durch einen schmalen Gartenpfad erst dem wilden Gedräng des Strandes außer Bereich, und dann, auf weniger begangenen, jetzt fast menschenleeren Wegen die Broomroad wieder hinauf, ihrer eigenen Heimath zu. Sie sah die hundertmal begangene Strecke, aber sie erkannte sie nicht wieder, und blickte erstaunt endlich umher, als sie vor ihrer eigenen Thüre stand, denn das Bild des Gatten mit dem schönen fremden Weib zuckte ihr vor ihren Blicken herüber und hinüber und wie eine entsetzliche Erklärung dazu lautete Aumamas Bericht von dem eigenen Schmerz, der eigenen Schmach.

Bei dem letzten unglückseligen Europäischen Tanz hatte Lefévre zum ersten Mal ihre eigene Schwester gesehen und sich toll und blind in sie verliebt. Nahuihua — der blitzende Stern im Norden — liebte aber seine Schwester zu sehr, ihr den Gatten abtrünnig zu machen und floh, und Lefévre verließ Weib und Kind und folgte ihrer Spur über die ganze Insel. Nur mit Gewalt konnten sich die Häuptlinge von Taiarabu, wo er sie endlich wieder aufgefunden, seiner tollen Leidenschaft entgegenstellen, und zornig abgewiesen war er erst heute nach Papetee, aber nicht in seine Heimath zurückgekehrt, selbst nach seinen Kindern zu fragen.

— Und René? —

»Hahahaha« lachte Aumama mit wildem Feuer im Blick — »Aia hatte recht — sie sind sich a l l e , a l l e gleich — Alle, Te u f e l mit ihren glatten Zungen und freundlichen Augen, und wenn sie die Blume gepflückt die ihnen im Wege stand, und sich an ihrem Duft einen Augenblick gefreut — werfen sie sie fort — sie geben ihr nicht einmal zum Welken Zeit« setzte sie mit weicherer wehzerschnittener Stimme hinzu, »und im Weg, von den Vorübergehenden getreten muß sie ihr junges hingemordetes Leben lassen. Aber Rache will ich haben, Rache beim ewigen Gott!« rief sie plötzlich sich hoch und stolz emporrichtend — »meine Kinder hab' ich schon in die Berge geschafft, in gute Pflege, daß sie mich nicht an meinem Ziel beirren, und der treulose Mann soll sehen, wie sich ein Tahitisches Mädchen zu rächen weiß.«

Aumama war in furchtbarer Aufregung, und Sadie schrak zurück vor der entsetzlichen Gluth und Wildheit die in ihren Zügen lag, und der sie das sonst so sanfte fröhliche Wesen nie für fähig gehalten hatte; sie wollte sie beruhigen, aber das gereizte Weib stieß sie zornig zurück, und der Schmerz löste sich erst in milden Thränen, als die Erinnerung an vergangenes, nie wiederkehrendes Glück sich Bahn brach durch Leidenschaft und Trotz.

Und Sadie saß noch lange, das frohe spielende sorglose Kind zu ihren Füßen, das Haupt der Freundin an ihre Brust gelehnt, Trost gebend wo sie selber o des Trostes so viel bedurfte, entschuldigend wo ihr selber das Herz brechen wollte in Angst und furchtbarer Qual.

Und René? —

Saß lachend und plaudernd neben Madame Belard, der schönen Susanna gerade gegenüber; sie sprachen von der Welt draußen, von Paris, von seinem Vaterland, sie lachten und scherzten, und als sich Susanna endlich an das Pianoforte setzte und mit fertiger Hand dem schönen Instrument so liebe bekannte Weisen entlockte, als ihm das Herz immer höher und höher schlug und das Blut heiß durch die Adern jagte, da — er mußte sich gewaltsam zurückhalten der schönen Spielenden nicht in zu glühenden Worten zu sagen wie glücklich sie ihn heute Abend gemacht, und mit wie schwerem Herzen er doch heute gerade nach Papetee gekommen — da fühlte er vielleicht zum ersten Mal den Abstand seines jetzigen Lebens mit der früheren Welt, die fest und abgeschlossen hinter ihm lag, die Brücke abgebrochen die hinüberführte — Zum ersten Mal brach sich der Gedanke in ihm Bahn an das was er gethan, und das Bild des alten Osborne, wie er im Lehnstuhl auf Atiu vor ihm saß, so ehrwürdig mit dem weißen Haar, so mild und ernst mit den freundlichen stillen Zügen, tauchte in ängstlicher Wahrheit vor ihm auf und blickte, wehmüthig mit dem Kopfe nickend und mahnend zu ihm herüber.

»Spiel' etwas Heiteres, Susanna« rief da Madame Belard, »unser junger Freund wird schon wieder ganz bleich und melancholisch — die Marseillaise ist heut besser hier am Platz, und nicht all das süße und weiche Gekose.«

Susanna ging rasch in die herausfordernden Töne des begeisternden Liedes über, und René fühlte wie ihn die Melodie hob und sich selber wiedergab — Großer Gott, wohin war er gerathen — was hatte er gethan? und mit dem Bewußtsein faßte ihn die Angst — die Reue. Nur fort von hier jetzt, fort, war der einzige Gedanke der in ihm lebte, und aufspringend griff er nach seinem Hut.

»Wohin?« frug Madame Belard erstaunt.

»Zu Hause —«

»Jetzt? — Sie werden doch erst Thee mit uns trinken — nicht einmal das Lied will der grobe Mensch aushören« rief die junge Frau erstaunt.

»Fehlt Ihnen etwas?« frug Susanna, mitten in der Melodie vom Instrument aufspringend.

»Nein — ja —« stammelte René — »schon zu lange bin ich hier gewesen — die beängstigende Luft — die späte Stunde — ich muß fort — Sadie auch ängstigt sich um mich.«

»Ach was, Sadie mag beten, bis wir Thee getrunken haben,« sagte mit komischem Aerger Madame Belard — »ich hatte nun so fest auf Sie heute Abend gerechnet.«

Der unzarte Scherz that ihm weh, aber bestärkte ihn nur mehr darin aufzubrechen — »Ich m u ß fort« sagte er bestimmt.

»Sie haben recht« unterstützte ihn aber auch jetzt darin Susanna, »Sadie m u ß sich ängstigen, wenn Sie noch länger auf sich warten lassen; aber dürfen wir Ihnen auch erlauben allein zu gehn? — wenn Sie nun wieder einen Anfall jener Schwäche —«

René dankte ihr der Sorge wegen, die sie um ihn trug, wies aber jede Angst um sich, lächelnd ab. Er fühlte sich, seiner Aussage nach, wieder vollkommen wohl, nur nicht länger zögern wollte er, und mit kurzem, fast verstörtem Gruß verließ er die Frauen, das Haus, und schritt hinaus in die dunkle, kühle, sterndurchschimmerte Nacht.

Aber das zurückgedrängte, mächtige Gefühl brach sich hier die Bahn — »Sadie — mein armes, armes Weib« flüsterten seine Lippen, während die Hände fest sich preßten auf das Herz — »armes, verrathenes Kind — Nein, nein,« rief er aber rasch und heftig aus — »noch ist es nicht zu spät, noch bin ich Dein — noch hab' ich die Kraft in mir das fremde Bild aus meiner Brust zu reißen, in die es, Gott nur weiß wie, die Bahn gefunden, und Dein will ich auch bleiben in treuer, wahrer, inniger Liebe. Sie haben Dir weh gethan von allen Seiten, Du hast keine Klage gehabt für mich, nur stille leise Thränen, und jede von den Thränen die ich verschuldet, brennt mir jetzt wie Feuer auf der Seele. Sadie mein trautes liebes Weib — Sadie!« —

Und mit der Sehnsucht im Herzen nach dem treuen Lieb, die seine Schritte beflügelte und ihn heimwärts drängte, wurde ihm auch wieder, mit der freien Luft, frisch und frei um das reugequälte Herz, und als er seine Sinne der Außenwelt wieder zuwandte, und das Rauschen hörte der wehenden Palmen, das Flüstern des dunkeln Laubes und das dumpfe Donnern der Brandung, wie vor alter Zeit, da war es ihm fast als ob ein böser, entsetzlicher Zauber von ihm genommen sei, mit dem Ton, und des trauten Weibes Bild, wie es sorgend und liebend daheim saß mit dem Kind, seiner kleinen, herzigen Sadie, tauchte mit neuer, kräftiger Gewalt in seiner Seele auf.

Mit flüchtigen Schritten, die seiner Ungeduld noch lange nicht folgen konnten, und fast keine Schwäche mehr fühlend, eilte er der stillen Heimath zu, und als ihn dort sein holdes Weib empfing, als sie ihr Köpfchen, selig in dem Bewußtsein daß er zu ihr zurückgekehrt — sie noch liebe und n i c h t verlassen habe, an seine Brust legte, und kein Vorwurf über ihre Lippen kam, der Blick den sie aufhob zu ihm nur voll von reiner heiliger Liebe glühte, da zog er sie an sein Herz, bedeckte ihre Stirn und Lippen mit seinen heißen Küssen und nun erst weinend, aber in einem Uebermaß von Glück, schlang Sadie ihren Arm um ihn, als er sie sein Weib, seine kleine süße Pu-de-ni-a nannte und sie bat guten fröhlichen Muthes zu sein, denn in den nächsten Tagen, in acht, sechs, vier, ja vielleicht morgen schon, wollten sie Tahiti ja wieder verlassen und hinüberziehn nach dem Land ihrer Sehnsucht, nach der Wiege ihrer Liebe, ihres Glücks — zurück nach Atiu.

»Nach Atiu« war Alles was Sadie erwiedern konnte, und in jauchzender Lust lag sie an des Gatten Brust und weinte laut.